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Dass Walter Ulbricht in der DDR Kirchen sprengen ließ, galt als Willkürakt proletarischer SED-Diktatur. Wie muss man es nennen, wenn ein SPD-Politiker das Berliner Maifeld „abtragen“ will?

Meine neue Tumult-Kolumne widmet sich dem Problem, der Vergangenheitsabschaffung als Indiz für totalitäre Zukunftskontrolle.

Was am 21. Mai 1990 in einer New Yorker Kathedrale als Trauergottesdient gemittelt war, entpuppte sich als großes Happening: keiner der mehreren hundert Trauergäste trug Schwarz, der Organist improvisierte fröhliche Melodien, ein als riesiger gelber Vogel verkleideter Mann sang vor dem Altar und die Anwesenden schwenkten Schaumstoff-Schmetterlinge. Am Ende traten sechs Muppet-Puppenspieler auf die Bühne und sangen mit den Stimmen ihrer Figuren ein Medley mit den Lieblingsliedern des Verstorbenen, ehe zum Abschluss alle Puppenspieler dazukamen und singend mit ihren Muppets auf der Bühne standen.

Dann trat der Sohn des Toten nach vorne und verlas die letzten Worte seines Vaters an die Hinterbliebenen: „Das alles kommt euch vermutlich total albern vor. Aber was zur Hölle soll’s, ich bin schließlich tot. Wer will sich da noch mit mir streiten?“ Und: „Seid nicht traurig, weil ich gestorben bin.“ Der Name des Toten: Jim Henson. Der fünf Tage zuvor verstorbene Erfinder der Muppets hatte genaue Regieanweisungen hinterlassen, die seine Beerdigung in ein kunterbunt-absurdes Singspiel verwandelten. Eine Beerdigung wie eine Fernsehshow – es hätte kein stimmigeres Ende für Hensons Leben geben können.

Henson mit den „Fraggle Five“ (Gobo, Red, Mokey, Wembley, Boober). Quelle: https://www.biography.com/.image/c_limit%2Ccs_srgb%2Cq_auto:good%2Cw_700/MTU4NjEwMzE5NjQyNDY5OTYy/jim-henson-boober-mokey-gobo-red-and-wembley-photo-by-hulton-archivegetty-images.webp

Dabei steht er nicht nur für Kermit, Miss Piggy und Fossi Bär, sondern auch für die Fraggles und war maßgeblich an den Filmen „Der dunkle Kristall“, „Die Reise ins Labyrinth“ und „Der kleine Horrorladen“ beteiligt. Aber auch Yoda, Jabba the Hutt, die Ewoks und viele andere Figuren und Puppen aus der Star Wars-Saga entstanden in Zusammenarbeit von Hensons Firma mit George Lucas. „Zwanghaft kreativ und rastlos“ nannte ihn die New Yorker Museumskuratorin Babara Miller im DLF. Noch nach seinem Tod wurden mit „Die Dinos“ und „Der Bär im großen blauen Haus“ zwei weitere Serien verwirklicht, die auf seinen Ideen basierten.

 Marionette + Puppet = Muppet

Geboren am 24. September 1936 in Greenville, Mississippi, machte ihn seine Großmutter, die Malerin und Schneiderin war, mit der Arbeit mit Textilien und Nadeln vertraut und unterstützte Hensons künstlerische Ambitionen. Nach dem einschneidendsten Erlebnis seiner Jugend befragt, antwortete er: „Der Tag, an dem ein Fernseher in mein Elternhaus kam“. Er gehörte zur ersten Fernsehkinder-Generation Amerikas und war von Puppenspielern wie Burr Tillstrom begeistert, dessen Figuren Kukla, Fran und Ollie ab 1947 im US-Fernsehen zu sehen waren. Eigentlich für Kinder gedacht, wurde die Sendung wegen ihres Slapstick-Humors jedoch bald vor allem von Erwachsenen gesehen. Dieses Erlebnis entzündete Hensons lebenslange Liebe für das Puppenspiel.

Bereits während seiner Highschool-Zeit begann Jim 1954 für den lokalen Fernsehsender WTOP-TV Puppen für eine Kindersendung zu kreieren. Dabei ging es ihm nicht darum, bestehende Puppenformate für das Fernsehen anzupassen, sondern Formate zu entwickeln, die ausschließlich für das Fernsehen gedacht waren und nur darin funktionierten. So nutzte er Bildausschnitt und Blickwinkel aus, um die Puppenspieler vor dem Zuschauer zu verbergen, und verwendete viele nahe und große Einstellungen. Während seines Studiums der Fächer Kunst und Bühnenbild an der University of Maryland trat Henson 1955 in verschiedenen lokalen Fernsehsendungen auf. Schon nach seinem ersten Studienjahr bot ihm eine lokale NBC-Tochter eine fünfminütige Sendung im späten Abendprogramm an. Dafür erfand Henson zusammen mit seiner Kommilitonin Jane Nebel, die er vier Jahre später heiratet, die Sendung „Sam and Friends“. Die Puppen hatten bereits Ähnlichkeit mit den späteren Figuren, eine ähnelte Kermit dem Frosch.

Hensons erste Geschöpfe. Quelle: https://shorts.tv/en/uploads/2019/06/JimHenson_TheEarlyWorks_STILL.png

Er wollte den Figuren „Leben und Feingefühl“ geben, um die Ausdrucksmöglichkeiten des Puppentheaters zu erweitern. Deswegen baute er seine Handpuppen schon bald nicht mehr aus Holz, sondern aus Schaumstoff – so ließen sie sich viel nuancierter steuern. Er lernte sogar, die Lippen seiner Puppen so zum Text zu bewegen, wie es Menschen beim Sprechen tun. Nachdem er während einer Europareise die Techniken klassischer Marionettenspieler studiert hatte, beschloss er, die Eigenschaften von Handpuppen und Marionetten zu verbinden – zu Handpuppen, deren Arme mit Stäben bewegt wurden. Er taufte seine Erfindung „Muppets“, zusammengesetzt aus „marionettes“ und „puppets“. Die Idee sollte bahnbrechend werden.

„Sam and Friends“ lief insgesamt acht Jahre und brachte Henson einen lokalen Emmy ein. Seit 1957 drehte Henson auch Werbung mit seinen Figuren, die in ihrem Humor bereits der späteren Muppet-Show nahe kamen, so für die Kaffeefirma Wilkins: Eine Handpuppe sitzt hinter einer Kanone und fragt eine zweite: „Was hältst du eigentlich von Wilkins-Kaffee?“ „Nie probiert“, grummelt die und wird prompt aus dem Bild geschossen. Die Puppe dreht ihre Kanone zum Zuschauer. „Und? Was halten Sie von Wilkins?“ Dieser Spot brachte Hensons Vision auf den Punkt: Er wollte Puppenspiel für Erwachsene machen und zugleich ausloteten, welche Dinge man mit den unschuldig wirkenden Handpuppen anstellen konnte, die man echten Menschen nie durchgehen lassen würde. So wurde der Kaffeeverächter in weiteren Spots mit Baseballschlägern verprügelt, von Wagen überrollt, mit einem Kopfschuss niedergestreckt oder in die Luft gejagt. Die Kampagne war so erfolgreich, dass Henson über 300 weitere Werbeaufträge für Kaffee erhielt.

„Trommelfeuer der Absurditäten“

1961 gründete Henson zusammen mit seiner Frau „Muppets Inc.“ und begann seine lebenslange Zusammenarbeit mit dem Puppenspieler Frank Oz, mit dem er Figuren wie Ernie und Bert, Miss Piggy, Kermit oder Fossi Bär kreierte. Inzwischen absolvierte er zahlreiche Gastauftritte in Unterhaltungs- und Talkshows, die seine Figuren immer bekannter machten, darunter wöchentlich in der Today Show und der Jimmy Dean Show, später auch der Ed Sullivan Show. Nachdem er 1963 mit seiner Frau nach New York umgezogen war, begann er sich bis 1968 mit dem Filmemachen auseinanderzusetzen. Er produzierte eine Reihe von Experimentalfilmen wie „Time Piece“, der sogar für einen Oscar nominiert war. Daneben drehte er Sondersendungen mit Märchenmotiven für das Fernsehen wie dem Froschkönig, Cinderella oder den Bremer Stadtmusikanten.

Ernie und Bert. Quelle: https://external-preview.redd.it/h5EmjTeqV3GAwDyV7T1ixk8a7RZ8DtTP6BvoAv7iOaE.jpg?auto=webp&s=01ba120da08a1082749af738616028787614a766

Als 1968 eine Studie ergeben hatte, dass fast alle US-Kindersendungen erzieherisch wertlos seien, begann er mit dem Team des Children’s Television Workshop mit der Arbeit an der Sesamstraße, einer damals visionären Fernsehsendung für Kinder. Teil dieser Sendung waren einige lustige, farbenfrohe Puppen, die in der „Straße“ leben, darunter Oscar, Ernie und Bert, das Krümelmonster und natürlich Kermit der Frosch. Ihr Stil – langsam, vorsichtig und von zahlreichen Wiederholungen geprägt – sorgte für zahlreiche Parodien, hat sich aber bei vielen Kinderprogrammen im Fernsehen durchgesetzt. 1974 wurde Henson ein Emmy für die Sesamstraße verliehen. Heute gibt es sie immer noch, und sie ist politischer geworden. So gibt es seit 2011 die pinke Kleinmädchenpuppe Lily, deren Familie ihr Zuhause verloren hat und deshalb bei Freunden unterkommen muss – damit soll auf das Problem der Obdachlosigkeit hingewiesen werden. Ende 2019 wurde bekannt, dass mit Unterstützung die internationalen Hilfsorganisationen für Flüchtlinge und Kriegsopfer (IRC) vor allem für syrische Flüchtlingskinder eine „Sesamstraße“ auf Arabisch entstehen und ab Februar 2020 im Mittleren Osten ausgestrahlt werden soll.

Die Serie war für ihn gleichzeitig Segen und Fluch: Hensons Puppen waren nun weltberühmt, er aber seinem Ziel, Puppenspiel für Erwachsene zu machen, so fern wie nie zuvor. Er entschied, eine eigene Comedy-Sendung zu drehen, und produzierte 1975 eine Pilotfolge. Schon die ersten Sekunden ihres Vorspanns machten deutlich, befand Danny Kringiel im Spiegel, „dass der Puppen-Anarcho sich damit seinen Weg aus der Pädagogennische freiboxen wollte“. „The Muppet Show“ war ein Trommelfeuer der Absurditäten: Wo sonst gab es im Fernsehen einen dänischen Koch, der fröhlich ein Salatsandwich mit Stapeln aus Wurst, Käse, Topflappen, Tellern und anderen Salat-Sandwiches belegt, während er, mit asiatischen Schriftzeichen untertitelt, Dinge in Phantasie-Dänisch vor sich hinplappert? Oder eine Figur wie Laborassistent Beaker, der bei den Experimenten seines Chefs Dr. Honigtau Bunsenbrenner sein Leben riskiert, wenn er mit angespitzten Bananen beschossen, von Menschen fressenden Müllschluckern verfolgt oder von einem Stahlhasen angegriffen wird, während er magnetische Karotten in der Hand hält?

Einige der Charaktere hatten eine gewisse Ähnlichkeit mit bekannten Persönlichkeiten aus dem US-Fernsehen, die Jim Henson aber in einigen Fällen abstritt. US-amerikanische Sender zeigten kein Interesse, doch der britische Produzent Lew Grade glaubte an das Konzept, so dass die Muppet Show in Großbritannien gedreht wurde. Kermit der Frosch, Jim Hensons alter Ego, führte in ihr als Gastgeber durch ein buntes, ja chaotisches Varieté-Programm mit Miss Piggy, Gonzo oder Statler und Waldorf. Die Show wurde ein riesiger Erfolg: Rund 235 Millionen Zuschauer verfolgten in den besten Zeiten jede Woche die Sendung – in mehr als hundert Ländern der Welt.

Der legendäre Koch. Quelle: https://www.uiuiuiuiuiuiui.de/wp-content/uploads/2010/07/chef-macht-popcorn-shrimp.jpg

In Deutschland wurde die Synchronfassung zwischen 1978 und 1981 vom ZDF ausgestrahlt. Die Serie gewann vier Emmys. „Muppets“-Kinofilme wurden gedreht, Kinder wollten Kermit-Bettwäsche und Miss-Piggy-Puppen. Stars wie Harry Belafonte, Liza Minelli und Roger Moore waren zu Gast in der Show. Das Buch „Miss Piggy’s Guide to Life“ war 29 Wochen lang auf der Bestsellerliste der New York Times. „Henson hatte es tatsächlich geschafft, mit einem vollkommen exzentrischen Showkonzept den Fernseh-Mainstream für Handpuppen einzunehmen“, bilanziert Kringiel.

Kopf einer Truppe hoch motivierter Fantasten

Nach fünf Staffeln stellte Henson die Serie 1981 ein, da er sie für auserzählt hielt. Doch auch danach hatten die Figuren noch Auftritte in verschiedenen Filmen. Von all seinen Figuren war ihm der Frosch wohl am nächsten: Kermits nachgiebige Führung der Chaotentruppe wurde oft mit eben jener Art verglichen, mit der Henson die Geschicke seiner Firma „Muppets Inc.“ lenkte. So berichtete etwa im Dezember 1978 das Time-Magazin, der große, aber sanftmütige Visionär, der stets mit leiser Stimme sprach und aus dessen Althippie-Bart ständig ein strahlendes Lächeln hervorblitzte, habe seine Mitarbeiter in etwa so fest im Griff wie man „eine Explosion in einer Matratzenfabrik im Griff haben kann“. Dabei war Henson privat alles andere als ein Anarchist oder Exzentriker: Carroll Spinney, Darsteller der „Sesamstraßen“-Puppe Bibo, sagte 1990 im Interview mit dem Magazin People, Henson habe es nicht einmal über sich gebracht, Mitarbeitern zu sagen, wenn er eine Idee schlecht fand. Seine höchste Ablehnungsbekundung sei ein zögerndes „Hmmm“ gewesen.

Bereits 1979 rief er den „Jim Henson’s Creature Shop“ ins Leben, der vor allem für die Erschaffung von Figuren in Fremd-Produktionen wie etwa für das Star Wars Universum gedacht war. Henson persönlich war beteiligt an den Kostümen und Effekten für das britische Filmdrama „Dreamchild“ von 1985 und „Hexen hexen“ von 1990. Bis zur Übernahme durch Walt Disney erfanden seine Mitarbeiter immer neue, unglaubliche Geschöpfe: die Turtles oder Figuren für die auf dem Babelsberger Studiogelände entstandene „Unendliche Geschichte III“.

In der erstmals 1987 von NBC ausgestrahlten Fernsehserie „Jim Henson’s The Storyteller“ stellte er in neun Episoden internationale Märchen in einer Mischung aus Animations- und Realfilm dar. Diese Serie geht auf eine Idee von Hensons Tochter Lisa zurück, die an der Harvard Universität einen Kurs Volkskunde besuchte, wurde von Publikum und Kritik gleichermaßen bejubelt und mit vielen Auszeichnungen geehrt. Daraus entwickelte Henson eine Nachfolgeserie als zweite Staffel mit vier Episoden zur Griechischen Mythologie. Um 1989/1990 befand sich Henson in Verhandlungen mit Walt Disney, der seine Unternehmen und Rechte für 150 Millionen US-Dollar aufkaufen wollte. Bevor diese Verhandlungen zu einem Ergebnis kamen, starb Henson jedoch überraschend mit gerade 53 Jahren an einer verschleppten Lungenentzündung.

Teil des Muppet-Universums. Quelle: https://secure.i.telegraph.co.uk/multimedia/archive/02682/Henson2_2682388b.jpg

Unternehmen und Rechte gingen dann dennoch an die Disney Company, die ihn 2011 postum als Disney-Legende ehrte. 2017 fand er gar postum Aufnahme in der Science Fiction Hall of Fame. Während Kermit der Frosch schon länger im National Museum of American History ausgestellt ist, kamen 20 weitere von Hensons Puppen im Jahr 2013 hinzu. Seit Juli 2017 gibt es im American Museum of the Moving Image eine neue Dauerausstellung über Hensons Lebensleistung. Die USA legten 2005 ihm zu Ehren eine elfteilige Briefmarkenserie auf. Georg Seeßlen nannte ihn treffend den Kopf einer Truppe hoch motivierter Fantasten, die angetreten war gegen die „Vertreibung des Menschen aus seinen eigenen Fantasien“.

Unter diesem Titel habe ich dem „Pforzheimer Kurier“ gestern einen Leserbrief geschrieben, den ich hier dokumentiere:

Der „Pforzheimer Kurier“ gibt am 13. Mai unter der Überschrift „Hofsäß fordert Reaktion der AfD“ den Inhalt einer Pressemitteilung vom 7. Mai wieder, in der der designierte SPD-Landtagskandidat für den Enzkreis, Michael Hofsäß, die lokalen AfD-Abgeordneten Bernd Gögel, Fraktionschef, und Bernd Grimmer im „braunen Sumpf“ wähnt. Abgesehen davon, dass der Student von „International Business“ Gögels und Grimmers Enkel sein könnte – von dem zur Rede stehenden Ereignis, dem 8. Mai 1945, weiß er lediglich durch den Geschichtsunterricht sowie diverse mediale Publikationen. Allein wegen der Anmaßung seiner juvenilen Deutungshoheit im Namen eines undefinierten „gesellschaftlichen Konsens‘“, dem die Zeitung breiten Raum gibt, während sie denselben den AfD-Abgeordneten nicht ansatzweise zubilligt oder sie gar direkt nach ihrer Meinung zu dem verschwurbelten Unsinn fragt, könnte man die Pressemitteilung als lächerlichen Gesinnungstext im Vorwahlkampf abtun, auf den ein Gesinnungsjournalist fast eine Woche zu spät fast ebenso reflexartig ansprang. Aber da hier so viel Unwissenheit, gepaart mit ideologischer Überheblichkeit und sozialer Respektlosigkeit aufscheint, lasse ich mich mal als Ex-Landesvize Sachsen sowie inzwischen Pressesprecher der Stuttgarter Landtagsfraktion herab, dem Bübchen, das mein Schüler bzw. Student sein könnte, ein paar Widerworte um die Ohren zu hauen.

Ich habe selbst in der DDR von 1983 – 1988 Germanistik und Geschichte im Lehramt studiert und vor meiner Promotion das Fach ein Jahr lang unterrichtet; der 2. Weltkrieg war Stoff der 9. Klasse. Bei aller ideologischen Prägung des Tages: selbst im DDR-Studium wurden Inhalte wie etwa der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt, der Zusammenhang zwischen „Coventrierung“ und angloamerikanischen Bombardements sowie das Besatzerverhalten nach dem 8. Mai ebenso differenziert vermittelt wie die Themen NSDAP-Geschichte, Nürnberger Gesetze oder KZ-Wesen. Die Direktorin meines Gymnasiums war übrigens die Frau des Buchenwalder Gedenkstättendirektors – das KZ war gerade mal 20 km von Erfurt entfernt; wie oft ich es besucht habe, kann ich kaum noch zählen. Zu den KZ-Besuchen des Bübchens lese ich übrigens nichts… Inhalte also, die der gewillte Lehrer adäquat vermitteln konnte. Durch entsprechende Quellen waren (und sind) auch Zitate frei zugänglich wie „Deutschland wird zu stark, wir müssen es vernichten!” (Churchill 1936 zu General Wood), „Dieser Krieg ist Englands Krieg. Sein Ziel ist die Vernichtung Deutschlands!“ (Churchill 3.9.1939) oder „Deutschland wird nicht besetzt zum Zwecke der Befreiung, sondern als besiegte Feindnation!” (US-Präsident Roosevelt 23.3.1945).

Hinzu kam die breite künstlerische Flankierung der Zeit durch Filme und vor allem Literatur; das begann bei Bruno Apitz „Nackt unter Wölfen“ (Pflichtlektüre in DDR-Schulen) und endete noch nicht bei Robert Merles „Der Tod ist mein Beruf“ über den „industriellen Völkermord“, wie ihn Hofsäß nennt. Und hinzu kommt vor allem, dass für Millionen Deutsche mit dem 8. Mai Terror und Rache erst begannen – für die Sudetendeutschen oder die aus den Ostgebieten Vertriebenen, zu denen auch Bernd Gögels Familie gehörte. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass wir fast ein Drittel unseres Staatsgebiets verloren: Die Deutschen dürfen halt nicht über ihr eigenes Leid trauern. Der „Eiserne Vorhang“ ging zudem in Europa nieder und brachte der Sowjetischen Besatzungszone ein diktatorisches System, und selbst für die überlebende jüdische Bevölkerung in Polen war der Pogrom von Kielce (1946) Signal, aus Polen auszuwandern – alles historische Sachverhalte, deren Dimension erst nach 1990 vollständig bekannt und fassbar wurde. Selbst für die Atombomben auf Japan haben sich die USA nie entschuldigt.

Wer all das ausblendet, Ursachen und Wirkungen nicht analysiert, ja nicht zu seinen historischen Tragödien und Irrtümern steht, sondern diese verleugnet, verdrängt und stattdessen ebenso ahistorisch vereinseitigt wie ideologisch funktionalisiert, muss bei der völlig richtigen Einschätzung Gaulands, dass es sich um einen „ambivalenten“ Tag handelt, der sich als Gedenk-, aber nicht als Feiertag eignet, natürlich Schnappatmung bekommen (die Unterstellung, dass er sich „die Niederlage Nazideutschlands quasi wegwünsche“, ist an Dämlichkeit nicht zu überbieten). Der 30.04.1975, der Tag des Endes des Vietnamkriegs ist ebenso kein Feiertag in den USA wie der 15.02.1989, der Tag des Endes des Afghanistankriegs, kein Feiertag in der Sowjetunion/Russland ist. Da will ein vorgeblich „Linker“ mir als linkssozialisiertem AfD-Mitgründer Faschismus unterstellen? In wie vielen falschen Filmen bin ich denn hier? Mein Ratschlag: Bübchen, lies mal wieder ein Buch. Oder besser: mehrere. Und dann duelliere ich mich gern mit dir in deutscher Geschichte.

Weiter. „Grimmer und Gögel seien als Unterzeichner der ‚Erfurter Resolution’ bekanntermaßen Anhänger von Björn Höckes Gedankengut, das der Verfassungsschutz zu Recht im Visier habe“, lese ich. Tja, Bübchen, dann bekenne ich gern: ich ebenso. Höcke hatte damals, völlig zu Recht, die finanzökonomische Verengung der Parteiprogrammatik durch Bernd Lucke zu erweitern gesucht. Vorgeblich, wie ich heute behaupte, denn danach hat er die programmatische Weiterung zu einer ideologischen Verengung genutzt und die Mailliste der Unterzeichner zu seiner Machtbasis gemacht. Aus seiner Sicht und der mancher Mitglieder genial, aus Sicht vieler Bürgerlich-Konservativer verheerend – übrigens auch aus meiner, ich bin nicht umsonst Landessprecher der „Alternativen Mitte“ Sachsen, die Höcke gern als „Halbe“ diffamiert. Diese Resolution aber heute – der Flügel existiert übrigens nicht mehr – pars pro toto für die AfD zu nehmen ist eine völlige Verwechslung von mediatisiertem Wunsch- und Warnbild einerseits sowie politischer Realität andererseits. Mein Ratschlag: Bübchen, lies mal wieder unsere Bundes- bzw. Landesprogramme, und natürlich unsere Gesetzesentwürfe und Anträge im Landtag. Oder besser: warte auf unser Landtagswahlprogramm, an dem ich gerade mitschreibe. Und dann duelliere ich mich gern mit dir zum Verfassungsschutz.

Schlussendlich, und vor allem: „Stecken Gögel und Grimmer auch so tief im braunen Sumpf?“ fragt Hofsäß mit Blick auf Gaulands Aussagen, die er als „perfides Spiel mit der Erinnerungskultur zum Kriegsende“ beschreibt. Brauner Sumpf, soso. Dann muss ich mal ein wenig in SPD-Aussagen wühlen. Juso-Chef Kevin Kühnert hatte in einem Interview mit der „Zeit“ auf die Frage gesagt, wie er sich Sozialismus vorstelle: „Ohne Kollektivierung ist eine Überwindung des Kapitalismus nicht denkbar.“ Wo war Hofsäß’ Reaktion? Seine Parteichefin Esken und Linken-Fraktionschef Bartsch hatten beide eine einmalige Vermögensabgabe zur Bewältigung der finanziellen Belastungen durch die Corona-Pandemie vorgeschlagen. Einem Bundestagsgutachten zufolge ist das aber womöglich nicht zulässig. Es gebe Zweifel daran, ob die Pandemie als Grund für einen solchen Zugriff auf das Vermögen der Bürger ausreiche, schreibt der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags. Wo war Hofsäß’ Reaktion? Bundesfinanzminister Olaf Scholz plädiert auf höhere Steuern für besonders vermögende Bürger und  verwies auf das Wahlprogramm 2017, in dem die SPD einen Spitzensteuersatz von 45 Prozent und die Einführung einer Reichensteuer gefordert hatte. Wo war Hofsäß’ Reaktion? Oder, noch extremer, Johann Dulig, Meißner SPD-Kreisrat und Sohn des sächsischen SPD-Chefs, der eine Fotomontage auf Facebook gepostet hatte, auf der ein bombenabwerfendes Alliierten-Flugzeug zu sehen war, garniert mit dem Text „Pyrotechnik ist kein Verbrechen“. Darunter war das zerbombte Dresden abgebildet. Wo war Hofsäß’ Reaktion? „Schweigen heißt Zustimmung“? Da freuen wir uns doch auf einen Kommunisten im nächsten Landtag – oder wen, liebe Baden-Württemberger, wollt ihr wählen?

Im Ernst: wie groß muss die Personalnot der Spezialdemokraten inzwischen sein, dass sie frei nach der Devise „Kreißsaal – Hörsaal – Plenarsaal“ ein 23jähriges ebenso kenntnisbefreites wie naives Persönchen nominieren, das außer plattem Konkurrentenbashing noch nichts geleistet hat und ansonsten tief im roten Sumpf verwurzelt ist. Mein Ratschlag: Bübchen, lies mal bestimmte Forderungen deiner Partei und erkläre, wie du soziale Marktwirtschaft in Pforzheim und Umgebung fördern willst. Oder besser: was du anstelle von sozialer Marktwirtschaft willst. Und dann duelliere ich mich gern mit dir zu Wahlkampfinhalten. Aber erst dann.

Mit verhältnismäßig freundlichen Grüßen

Dr. Thomas Hartung

Pressesprecher der AfD-Fraktion im Landtag von Baden-Württemberg

Als das ZDF für seine Serie „Die Deutschen“ daran ging, sein Leben zu verfilmen, wählte der Sender nicht nur „die Liebe“ als titelgebenden roten Faden, sondern gleich noch „Der sächsische Casanova“ als Untertitel: gemeint war Sachsens Kurfürst Friedrich August „der Starke“. Die boulevardeske Überspitzung war nicht ganz falsch. „Er unterhielt eine Art Harem der schönsten Frauen seines Landes. Als er starb, berechnete man, dass er von seinen Mätressen 354 Kinder gehabt habe“: dieses Notat der spitzzüngig-boshaften Bayreuther Markgräfin Wilhelmine, Lieblingsschwester Friedrichs des Großen, gilt heute zwar als übertrieben. Aber elf Mätressen und acht anerkannte uneheliche Kinder des Lebemanns sind belegt.

Am bekanntesten wurde die 1704 begonnene Liaison mit der schönen und geistreichen Anna Constantia, die mit seinem Minister Hoym unglücklich verheiratet war. Sie stellt nicht nur ihre eigenen Medikamente und Kosmetika her, sondern kann auch Branntwein brennen und Bier brauen, ist bewandert in Mathematik, Sprachen sowie antiker Geschichte, dazu bibel-, trink- und sattelfest: „schießend und reitend wie ein Kerl“, heißt es. August wirft seine Maxime „Schönheit lockt mich, Charakter widert mich an“ über den Haufen, lässt sich gar auf einen heimlichen Ehevertrag ein, um sie zu bekommen, und schenkt der Angebeteten nach ihrer erfolgreichen Scheidung von Hoym, inzwischen Reichsgräfin von Cosel, das Taschenbergpalais, heute ein Fünfsternehotel, sowie Schloss Pillnitz.

Die Cosel und August. Quelle: https://www.welt.de/img/geschichte/mobile138953476/5471627047-ci23x11-w960/ONLINE.jpg

Doch als er 1712 aus politischen Erwägungen heraus wieder eine polnische Mätresse braucht und sich die Cosel, die ihm mittlerweile drei Kinder geboren hat, vehement wehrt, lässt er sie fallen. Den Kindern ließ er eine ausgezeichnete Bildung zukommen, verheiratete sie gut und sicherte sie finanziell ab – die Gräfin dagegen kam als politische Gefangene ohne Urteil auf die Festung Stolpen, wo sie 49 Jahre lang gefangen blieb. Sie überlebte August 32 Jahre, niemand fühlte sich für ihr Schicksal zuständig, sie wurde bis zu ihrem Tod „verwaltet“. Der rücksichtslose Umgang mit seiner Umgebung trübt sein Bild bis heute: Er zögerte nicht, in Ungnade gefallene Vertraute, Frauen wie Männer, in Festungshaft setzen zu lassen.

Unglückliche Ehe

Der zweitälteste Sohn Johann Georgs III. von Sachsen kam am 12. Mai 1670 in Dresden zur Welt, erfuhr eine umfangreiche standesgemäße Ausbildung und wurde sowohl von der luxusliebenden Hofhaltung seines Großvaters Johann Georg II., bei dem er seine Kinderjahre verbrachte, als auch den prunkvollen Festen am Dresdner Hof geprägt. Sein Verhältnis zu seinem älteren Bruder Johann Georg, dem Thronerben, war nicht gut. 1687 ging er zwei Jahre lang auf „Kavalierstour“ zu seiner Einführung an den ausländischen Höfen, darunter nach Frankreich, wo ihn Versailles tief beeindruckte, Spanien, Portugal, England, Holland, Schweden, Italien und Österreich. 1690 überlebte er aufgrund seiner starken Konstitution die Blattern.

1693 heiratete er in Bayreuth Christiane Eberhardine, Prinzessin von Brandenburg-Bayreuth, um die sein Vater längere Zeit hatte werben müssen. Die Ehe verlief nicht nur aufgrund von Augusts vielen Affären höchst unglücklich, nach der Geburt des Thronfolgers nahm Christiane einen Brand im Residenzschloss zum Vorwand, nach Schloss Hartenfels in Torgau sowie ihrer Sommerresidenz in Pretzsch zu ziehen; nach Dresden kam sie nur noch selten. Zeitlebens fromm und tugendhaft, ging sie in die Geschichte als „Betsäule Sachsens“ ein, zu deren Begräbnis 1727 weder ihr Mann noch ihr Sohn kamen.

Eberhardine. Quelle: Von Louis de Silvestre – www.kunstkopie.de, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=24394061

Am 27. April 1694 starb völlig überraschend Augusts älterer Bruder Johann Georg IV. kinderlos an den Pocken, nachdem er sich am Totenbett seiner Mätresse angesteckt hatte, so dass August plötzlich Kurfürst wurde. Vor sechs Jahren jedoch trat der Dresdner Historiker Mike Vogler mit der These an die Öffentlichkeit, dass August seinen Bruder ermordet habe: „Die bei der Obduktion festgestellten grünen und gelben Flecken werden auch durch das damals nicht nachweisbare italienische Gift ‚Aqua Tofana‘ hervorgerufen“, sagte er BILD.

August, der sich eher auf dem Karneval in Venedig und den Festen des hohen Adels zuhause fühlte, hatte zwar noch keinerlei Erfahrung in der Führung einer Landesverwaltung, glich aber, was ihm an Wissen fehlte, durch Tatkraft und Raffinesse aus und übernahm ohne Zögern mit 24 Jahren die Regierungsgeschäfte. Innenpolitisch hat der neue Kurfürst die damals üblichen Probleme: Der alteingesessene Adel beansprucht Mitspracherecht, was Steuern und Abgaben betrifft. Friedrich August drängt den Einfluss des Adels zurück und versucht, im Geist des Absolutismus zu regieren. Er förderte die sächsische Wirtschaft nach den Grundsätzen des Merkantilismus mit Staatsmitteln und orientierte sie nicht zuletzt mit der Leipziger Messe auf Export.

Als wirtschaftlich bedeutsam erwiesen sich die Gründung der ersten Staatsbank im deutschen Raum 1698 mit Sitz in Leipzig, die Errichtung einer Landeslotterie und die Reform der sächsischen Post, die damals die schnellste im Deutschen Reich wurde. Insgesamt wurden in Augusts Regierungszeit in Sachsen 26 Manufakturen geschaffen, allen voran die Meißner Porzellanmanufaktur. Aber er betätigte sich auch selbst als Unternehmer, etwa mit der Olbernhauer Waffenschmiede sowie einer Fayence-Manufaktur.

Königsabenteuer Polen

Denn der Dresdner Hof braucht jede Menge Geld, steht nach dem Tod Johann Sobieskis 1697 doch der polnische Königsthron zum Verkauf: Polen ist ein Wahlkönigtum, Wähler sind die Mitglieder des Sejm, des polnischen Adelsparlaments. Mit dem Erwerb der polnischen Königswürde wollte August eine Rangerhöhung erreichen, ein zeittypisches Phänomen, das ihm größere politische Souveränität sichern sollte. Vor allem bei den Friedensverträgen nahm ein gekröntes Haupt einen Vorrang gegenüber Fürsten ein. August nimmt Kredite auf, erhöht Steuern und veräußert ganze Landstriche Kursachsens, allen voran seine Ansprüche auf das Herzogtum Sachsen-Lauenburg. Den Sejm, berichten Augenzeugen, habe er unter Ströme von Geld und Alkohol gesetzt.

Der Goldene Reiter – Statue Augusts des Starken. Quelle: https://erlebe-dresden.de/wissenswertes/historische-persoenlichkeiten/august-der-starke

Begierig auf den Titel, konvertiert er gar heimlich zum Katholizismus, da ein König von Polen eben nur katholisch sein kann – obwohl Sachsen als Mutterland der Reformation gilt! Außenpolitisch verlor Sachsen mit dem Glaubenswechsel die Führungsrolle unter den evangelischen Reichsständen an Brandenburg-Preußen. August soll während des polnischen Abenteuers rund 39 Millionen Reichstaler allein an Bestechungsgeldern ausgegeben haben. Eine entscheidende Rolle spielt sein gutbezahlter jüdischer Hofbankier Issachar Berend Lehmann, der in Halberstadt eine Synagoge und eine Bildungsstätte baut, heute Sitz der „Moses-Mendelssohn-Akademie“. Auch in Dresden erstarkte die jüdische Gemeinde dank Lehmanns Reputation.

Nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen ihm und einem ungeliebten Vetter des Sonnenkönigs Ludwig XIV. wurde Kurfürst Friedrich August am 15. September 1697 in Krakau als August II. Mocny zum polnischen König gekrönt. Doch er ist mit seinem Erfolg nicht glücklich geworden, da er sich in eine Auseinandersetzung mit dem expandierenden Schwedenreich einließ. Im Nordischen Krieg von 1700 bis 1721 verlor er eine Schlacht nach der anderen gegen den militärisch überlegenen Karl XII., der August 1704 schließlich als polnischen König ab- und 1706 gar Sachsen besetzte. Ein Jahr lang dauerte die schwedische Besatzung und kostete den sächsischen Staat über 30 Millionen Taler. Der Altranstädter Friede 1706 war für August demütigend.

Thorner Blutgericht. Quelle: Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2479867

Erst der Sieg des russischen Zaren über die Schweden ermöglichte August 1709 die Rückkehr nach Polen und die Wiedereinsetzung als König. Die Verhältnisse blieben kompliziert: für Reformen im Sinne des Absolutismus bestand keine Aussicht, eine zentrale Wirtschafts- und Finanzpolitik war in Polen nicht durchsetzbar. In Augusts Regentschaft fiel auch das aufsehenerregende Blutgericht zu Thorn von 1724, wo zehn Protestanten nach Ausschreitungen gegen das dortige Jesuitenkloster hingerichtet wurden. Preußens König Friedrich Wilhelm I. war sehr aufgebracht, England entsandte gar einen Sondergesandten an den Warschauer Hof. Die Ereignisse beeinträchtigten das Bild Polens in Europa erheblich und wurden literarisch u.a. von Gustav Freytag („Die Ahnen“) und Ernst Wichert („Die Thorner Tragödie“) aufgearbeitet.

„Der König allen voraus“

Trotz der polnischen Wirren und kostspieligen militärischen Konflikte mit Schweden lässt August sein Dresden in neuem Glanz erstrahlen: Die Prachtentfaltung, die er an den Höfen des westlichen und südlichen Europa kennen gelernt hatte, versuchte er auch am Dresdner Hof zu erreichen. Die Förderung von Architektur und Kunst, die großen Gemäldesammlungen wie die Dresdner Gemäldegalerie und das „Grüne Gewölbe“, die prächtigen barocken Bauwerke wie das Schloss Moritzburg, der Barockgarten Großsedlitz oder der Dresdner Zwinger und Erfindungen auf technischem und künstlerischem Gebiet brachten Dresden den bewundernden Beinamen „Elbflorenz“ ein. Als eine der ersten deutschen Städte besaß Dresden damals öffentlich zugängliche Museen, die zum Vorbild vieler anderer (zum Beispiel in Wien und München) wurden. 1705 wurde eine Malerschule gegründet, aus der die Dresdner Kunstakademie hervorging.

Moritzburg. Quelle: http://www.mietstation-dresden.de/wp-content/uploads/2013/09/moritzburg-header.jpg

Renommieren, vor allem mit Kunstkabinetten und Schlössern wie dem Jagdschloss Hubertusburg, gehört zum Handwerk barocker Monarchen. Insgesamt habe Augusts Politik laut diverser Historiker Sachsen eher geschwächt als gestärkt. Die Einschätzung ist allerdings relativ und sollte vor dem Hintergrund der Epoche gesehen werden: Im Barock, wo Prachtentfaltung und Kraft ein und dasselbe waren, war August tatsächlich „der Starke“. Seine Niederlage im Nordischen Krieg und die Tatsache, dass er unterm Strich Russlands Einfluss in Polen fördern half, trat dahinter zurück. Sein Beiname bezieht sich auf seine mitunter zur Schau gestellte körperliche Kraft. So soll er am 15. Februar 1711 ein Hufeisen mit den bloßen Händen zerbrochen haben. Darüber ließ er ein Zertifikat anfertigen und Hufeisen wie Zertifikat in der Kunstkammer aufbewahren.

Weil ihm militärisch wenig glückte, „legte er umso mehr Wert auf die Zurschaustellung einer Majestät, die ihn aus dem Kreis der sieben deutschen Kurfürsten, denen er angehörte, herausheben und auf eine repräsentative Stelle mit den Weltherrschern seiner Zeit stellen sollte: mit dem Deutschen Kaiser, dem russischen Zaren und dem französischen König“ erklärte Andreas Platthaus in der FAZ nach dem ungeheuerlichen und unerklärlichen Raub dreier unermesslich wertvoller Diamant-Geschmeide aus dem Grünen Gewölbe im November 2019, der den Freistaat geschockt hinterließ.

Grünes Gewölbe. Quelle: https://gruenes-gewoelbe.skd.museum/fileadmin/_processed_/1/6/csm_HistGruenesGewoelbe-6317_2baea85213.jpg

Rauschende Feste, oft tagelang und mit Zehntausenden Komparsen, galten schon eher als „hohe Politik“. Der Focus zitiert einen preußischen Gesandten, der über eine Geburtstagsfeier des Regenten schrieb: „Der ganze Garten war beleuchtet und hatte in den beiden Ecken zwei Kabinette zu stillen Vergnügungen. Am Ende großes Besäufnis. Der König, wacker in diesem Punkte, allen voraus.“ Bei großen Festen soll er bis zu sieben Flaschen Tokajer-Wein an einem Abend getrunken haben, weiß Heimatkundlerin Ursula Breckle. Unumstrittener Höhepunkt des höfischen Lebens war die 4 Mio. Taler teure Jahrhunderthochzeit des Kurprinzen mit Kaisertochter Maria Josepha von Österreich 1719: vom 2. bis 28. September wechselten Jagden, Opernaufführungen, Konzerte, Tanzabende und Paraden ab. Dresden würdigte das 300. Jubiläum der sogenannten Planetenfeierlichkeiten, die Stadtgeschichte schrieben, im vergangenen Jahr ausgiebig.

„Sachsen ist wie ein Mehlsack“

Typisch für August war das „Zeithainer Lustlager“ im Sommer 1730, bei dem 30.000 Paradesoldaten die Kulisse gaben: Kombiniert mit Theater und Feuerwerk stellte die Festivität noch einmal Sachsens Lebenskraft zur Schau – und die Lebenskraft seines Monarchen. Unter den geladenen Gästen jedoch taucht neben seinem asketischen, sparsamen Vater auch der preußische Kronprinz Friedrich auf, der dort zunächst mehrfache Demütigungen wegzustecken hat, an denen Sachsens Premierminister Graf Brühl beteiligt war. Eine Gräfin Formora soll den Kronprinzen aber auch in die Liebe eingeführt haben. Ob der Prinz sich dabei „inficierte“, ist umstritten – er hatte sich eine Geschlechtskrankheit zugezogen, die seine Kinderlosigkeit erklären könnte. Sein Groll gegen die Sachsen währte lebenslang und beeinflusste sein Verhalten im Siebenjährigen Krieg. Sprichwörtlich ist heute sein Ausspruch: „Sachsen ist wie ein Mehlsack. Man kann immer wieder drauf schlagen und es kommt immer noch was heraus…“

Zeithainer Lustlager. Quelle: Von Johann Alexander Thiele, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9430831

August dagegen litt aufgrund seines Lebenswandels unter Diabetes mellitus – ihm wurde eine Zehe amputiert – Bluthochdruck sowie Fettstoffwechselstörungen und war zuletzt stark übergewichtig. Die Zuckerkrankheit ließ ihn jedoch nicht enthaltsamer leben, die Vorschriften der Ärzte beachtete er nicht. Er starb am 1. Februar 1733 um 4 Uhr nach einem Schwächeanfall im Alter von 62 Jahren in Warschau und wurde am 25. Januar 1734 im Beisein seines Sohnes in der Königskrypta der Wawelkathedrale des Schlosses zu Krakau feierlich beigesetzt. Sein Herz dagegen kam auf eigenen Wunsch in einer silbernen, innen vergoldeten Kapsel nach Dresden.

Sein Sohn Friedrich August II. wird sich als schwächerer Regent erweisen, der während des Siebenjährigen Kriegs Sachsens Glanz vor Preußens Gloria verblassen, den sächsischen Barock sowie das „augusteische Zeitalter“ enden lässt. Mit seinem Tod 1763 geht den Kurfürsten auch die teuer erkaufte polnische Krone verloren. Sachsens Rolle auf der europäischen Bühne ist ausgespielt – bis Pegida und AfD dem laut Hamburger Morgenpost „Schandfleck“ Deutschlands wieder politische Aufmerksamkeit sichern.

Von der Philosophie über die Mathematik und die Psychologie bis hin zum Bergsport: so kann man die Karriere allein einer seiner vielen Flunkergeschichten zusammenfassen: die des wundersamen am Schopf aus dem Sumpf Ziehens, samt Pferd. In ersterer wurde daraus in Anlehnung an Nietzsches „Münchhausenscher Verwegenheit, sich selbst aus dem Sumpf des Nichts an den Haaren ins Dasein zu ziehn“, das Münchhausen-Trilemma des wissenschaftlichen Beweises eines „Urgrunds“. Von einer Münchhausenzahl spricht man, wenn die Summe ihrer einzelnen mit sich selbst potenzierten Ziffern wieder diese Zahl ergeben, sich also im übertragenen Sinne jede Ziffer selbst „hochzieht“, etwa 3435: 33 + 44 +33 + 55 = 27 + 256 + 27 + 3125.

Das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom ist das Erfinden, Übersteigern oder tatsächliche Verursachen von Krankheiten oder deren Symptomen bei Dritten, mehrheitlich Kindern, meist um anschließend eine medizinische Behandlung zu verlangen und/oder um selbst die Rolle eines scheinbar liebe- und aufopferungsvoll Pflegenden zu übernehmen. Und als Münchhausen-Methode bezeichnet man im Bergsport eine Rettungstechnik, sich selbst mittels diverser Seiltechniken aus einer Gletscherspalte zu befreien, das engl. Bootstrapping ist eng damit verwandt. Immer jedoch geht es darum, sich ohne die im Grunde erforderliche Hilfe von außen durch eigene Kraft aus einer Notlage zu befreien.

Münchhausen zieht sich am Schopf aus dem Sumpf. Postkartenserie der Firma UVACHROM (Verlag Farbenphotographische Gesellschaft m.b.H., Stuttgart) von Oscar Herrfurth in zwei Folgen von je sechs Postkarten (vor 1934). Quelle: http://www.goethezeitportal.de/wissen/illustrationen/gottfried-august-buerger/die-abenteuer-des-freiherrn-von-muenchhausen/muenchhausens-abenteuer-in-bildern-von-oskar-herrfurth-folge-2.html

Wie bei einem Großteil der Geschichten liegt der eigentliche Witz auch hier darin, dass physikalische oder biologische Bedingtheiten wie selbstverständlich ad absurdum geführt werden: der achtbeinige Hase, der sich einfach umdreht, wenn der eine Satz seiner Läufe müde geworden ist; der kranke Überrock, der durch den Biss eines tollwütigen Hundes infiziert wurde; und natürlich der Ritt auf der Kanonenkugel. Der Urheber all dieser prahlerischen Lügengeschichten, die als Münchhaus(en)iade mit einer eigenen literarischen Gattungsbezeichnung belegt sind, Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen, feierte am 11. Mai seinen 300. Geburtstag.

Vom russischen Soldaten zum Landadligen

Der Spross eines 1183 erstmals erwähnten niedersächsischen Adelsgeschlechts wächst mit sechs, nach anderen Quellen sieben Geschwistern im Herrenhaus eines Gutshofs in Bodenwerder bei Holzminden auf. Sein Vater, ein Kavallerie-Oberstleutnant, starb, als er vier Jahre alt war, die Mutter erzieht die Kinderschar. Im Alter von 12 Jahren wurde Hieronymus Page im Schloss Bevern, mit 15 Jahren am Braunschweiger Hof in Wolfenbüttel. 1737 wurde er Page von Herzog Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel, dem künftigen Gemahl der designierten russischen Zarin Anna Leopoldowna. Der Herzog lebte bereits in Sankt Petersburg und sollte sich in der russischen Aristokratie bewähren, was natürlich den Militärdienst einschließt.

Nach dreimonatiger Reise kommt Münchhausen im Februar 1738 in Russland an und folgte offenbar noch im selben Monat seinem Herrn in den Russisch-Österreichischen Türkenkrieg, der ihm als Folie für die ersten der ihm zugeschriebenen Lügengeschichten diente. Der „Ritt auf der Kanonenkugel“ könnte die Belagerung der osmanischen Krim-Festung Otschakow durch den russischen Oberbefehlshaber zum Hintergrund haben – auch wenn heute die Festung Bender in Transnistrien für sich in Anspruch nimmt, Ausgangs- und Rückkehrort des Kanonenkugelritts gewesen zu sein. Nach Kriegsende 1739 wurde Münchhausen zum Fähnrich, ein Jahr später zum Leutnant der von Anton Ulrich befehligten russischen „Braunschweig-Kürassiere“ ernannt, die in Riga in Garnison lagen und wohl auch am Russisch-Schwedischen Krieg teilnahmen.

Baron Münchhausen. Quelle: Von G. Bruckner – http://www.kinder.niedersachsen.de/index.php?id=676, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7581227

Doch seine Karriere geriet ins Stocken, als sich Elisabeth, Tochter Peters des Großen, 1741 auf den Zarenthron putschte und Anton Ulrichs Familie für lange Jahre in Gefangenschaft nahm. Zwar überstand Münchhausen den Umsturz heil, weil er zu dieser Zeit in Finnland kämpfte, aber seine weitere Beförderung zum Rittmeister ließ ein ganzes Jahrzehnt auf sich warten. Die Garnisonsstadt Riga wurde in diesen Jahren sein hauptsächlicher Aufenthaltsort, die baltischen Jahre ein Quell seiner Erzählungen.

Denn der befreundete Landadlige Georg Gustav von Dunten lud ihn wiederholt auf sein Landgut nahe dem einst livländischen, jetzt lettischen Ort Ruthern (Dunte) ein, wo beide der Entenjagd nachgingen und er sich in Duntens junge Tochter Jacobine verliebte. Beide heirateten 1744 in der Kirche zu Pernigel (heute: Liepupe) unweit von Dunte. Die Einheimischen behaupten heute noch, dass es eben die Kirche zu Pernigel war, an deren Turmspitze das Pferd Münchhausens im Winter angebunden gewesen sein soll. In einer Rutherner Schenke soll er sich erstmals als Geschichtenerzähler betätigt haben. Sowohl die Schenke als auch das Landgut sind heute Museum – wie ihn Lettland überhaupt bis heute hoch schätzt.

Münchhausens Pferd am Kirchturm. Postkartenserie der Firma UVACHROM (Verlag Farbenphotographische Gesellschaft m.b.H., Stuttgart) von Oscar Herrfurth in zwei Folgen von je sechs Postkarten (vor 1934). Quelle: http://www.goethezeitportal.de/wissen/illustrationen/gottfried-august-buerger/die-abenteuer-des-freiherrn-von-muenchhausen/muenchhausens-abenteuer-in-bildern-von-oskar-herrfurth-folge-2.html

1750 nahm Münchhausen seinen Abschied, kehrte mit seiner Frau nach Bodenwerder zurück und lebte 47 Jahre das Leben eines Landedelmanns, der sein Gut bestellt, geselligen Verkehr mit seinen Gutsnachbarn pflegt und dessen liebster Zeitvertrieb die Jagd ist. 1763 ließ er die berühmte „Münchhausen-Grotte“ in seinen Berggarten bauen, in der er im Kreise seiner Freunde und Jagdgäste seine abenteuerlichen Erzählungen zum Besten gab. Sein Erzähltalent begann auch über seinen Freundeskreis hinaus allmählich berühmt zu werden. Gäste kamen nach Bodenwerder, auch von weit her, um die fabelhaften und humorvollen Geschichten zu hören.

Verwitwet und verbittert

Die ersten drei dieser Erzählungen publizierte schon 1761 Graf Rochus Friedrich zu Lynar, ein gemeinsamer Bekannter aus Petersburg, unter dem Titel „Der Sonderling“ zur moralischen Erziehung seiner Bediensteten. Zwanzig Jahre später erschienen in einem anonym veröffentlichten „Vademecum für lustige Leute“ sechzehn Anekdoten, die einem Herrn „M-h-s-n“ in den Mund gelegt wurden. Der für seine öffentlichkeitsscheue Zurückgezogenheit bekannte Münchhausen selbst war von der Veröffentlichung keineswegs begeistert, denn dieses Büchlein, erst recht die nachfolgenden, machte ihn zwar berühmt, ruinierte aber seinen Ruf: nun galt er als der „Lügenbaron“ und war – in seinen Augen – der Lächerlichkeit preisgegeben.

Erster Nachfolger war „Baron Munchhausens Narrative of His Marvellous Travels und Campaigns in Russia” des verschuldeten Universalgelehrten und Kustos Rudolf Erich Raspe, gelegentlicher Gast in Bodenwerder. Er war nach einem entdeckten Diebstahl nach England geflohen und veröffentlichte, um an Geld zu kommen, 1785 in London eine Reihe von Anekdoten und Reiseabenteuern unter Münchhausens Namen. Raspes Buch wurde ein ungeheurer Erfolg und zog vier stets erweiterte Neuauflagen nach sich, darunter mit Seeabenteuern, Geschichten von Lukian, dem antiken Erfinder der Lügengeschichte, und englischen Kriegsberichten.

Zweiter Nachfolger war „Wunderbare Reisen zu Wasser und zu Lande – Feldzüge und lustige Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen, wie er dieselben bei der Flasche im Zirkel seiner Freunde selbst zu erzählen pflegt“, die im September 1786 Gottfried August Bürger in Göttingen veröffentlichte. Sie gelten heute als bekannteste Fassung der Abenteuer des Lügenbarons und stellen teilweise eine Übersetzung von Raspes Vorlage, teilweise Bürgers eigene Schöpfung dar. Seither wurden auch Vorwürfe der Blasphemie laut, die mit der Lüge offensichtlich zusammengehört – nach der Offenbarung des Johannes sind ja Prahlen, Lästern, Lügen und Gott verleugnen dasselbe: Sünde und Teufelswerk. 1788 veröffentlicht Bürger einen zweiten Band.

Münchhausens Ritt auf der Kanonenkugel. Postkartenserie der Firma UVACHROM (Verlag Farbenphotographische Gesellschaft m.b.H., Stuttgart) von Oscar Herrfurth in zwei Folgen von je sechs Postkarten (vor 1934). Quelle: http://www.goethezeitportal.de/wissen/illustrationen/gottfried-august-buerger/die-abenteuer-des-freiherrn-von-muenchhausen/muenchhausens-abenteuer-in-bildern-von-oskar-herrfurth-folge-2.html

Hart traf Münchhausen 1790 der Tod seiner Ehefrau, mit der er eine glückliche, aber kinderlose Ehe hatte. Er warb dann um sein Patenkind Bernhardine, die erst 17-jährige Tochter des Majors von Brunn aus Polle. Die Ehe scheiterte schon nach kurzer Zeit wegen erwiesener Untreue seiner jungen Frau. Ein von Münchhausen angestrengter Scheidungsprozess wurde von Advokaten in die Länge gezogen – nicht zuletzt mit einem Münchhausenbuch, das auf dem Richtertisch landete und ihn als unglaubwürdigen Lügenbaron erscheinen lassen sollte. Der Freiherr verlor im Prozess fast sein ganzes Vermögen und musste 1794 das Gut Bodenwerder formell an seinen Neffen Wilhelm abtreten, blieb jedoch dort wohnen. Sein Ruf, sein Ruin und seine Scheidung ließen ihn zunehmend verbittern.

„Verbeugung vor der Fantasie“

Der Scheidungsprozess war noch nicht beendet, als Münchhausen am 22. Februar 1797 verstarb und in der nahen Klosterkirche Kemnade beigesetzt wurde. Seine Heimatstadt trägt seit 2013 offiziell den Titel Münchhausenstadt, das Herrenhaus dient heute als Rathaus. Beim jährlichen Münchhausen-Musical können Besucher die fantasievollen Geschichten des Barons als Freilichtspiel verfolgen. Die große Bedeutung des Adligen für Bodenwerder zeigt sich auch in der jährlichen Verleihung des Münchhausen-Preises, mit dem die Stadt seit 1997 Menschen mit „besonderer Begabung in Darstellungs- und Redekunst, Fantasie und Satire“ ehrt. Zu den Preisträgern gehörten etwa Ephraim Kishon, Rudi Carell und Dieter Nuhr. Einige deutsche und lettische Münzen und Briefmarken sind ihm gewidmet, ein Asteroid ist nach ihm benannt.

Insgesamt sind allein für die deutschen Ausgaben über 100 Lügengeschichten überliefert und von verschiedenen Autoren –zigfach adaptiert worden, so 1839 von Karl Leberecht Immermann, 1906 von Paul Scheerbart und 1934, als Schauspiel, von Walter Hasenclever. Seit Georges Méliès Stummfilm 1911 wurden Münchhausen-Geschichten auch mehrfach sowohl als Real- wie auch Zeichentrickfilm verfilmt. Zu den bekanntesten gehört der UFA-Film „Münchhausen“ von 1943 mit Hans Albers in der Titelrolle, für den Erich Kästner unter Pseudonym das Drehbuch schrieb und der mit rund 6,5 Millionen Reichsmark Produktionskosten nach „Kolberg“ die zweitteuerste Filmproduktion der NS-Zeit war. In einem französischen Trickfilm 1979 lieh Harald Juhnke Münchhausen seine Stimme. 1988 drehte Ex-Monty-Python Terry Gilliam eine aufwändige Produktion unter anderem mit Oliver Reed, Robin Williams und Sting.

Für ein paar Bier erzählt der heruntergekommene Münchhausen (Jan Josef Liefers) seine Abenteuer. Quelle: https://cdn.prod.www.spiegel.de/images/c16162dc-0001-0004-0000-000000440752_w1528_r1.4900234741784038_fpx49.63_fpy50.jpg

Die letzte große Verfilmung lieferte unter dem Titel „Baron Münchhausen“ die ARD zu den Weihnachtsfeiertagen 2012: einen zweiteiligen 180-minütigen Streifen mit Jan Josef Liefers in der Titelrolle. Münchhausen wird gezeigt als mittelloser Baron, wortgewandter Tausendsassa und weltreisender Charmeur mit einem Händchen für glaubhafte Ausreden und spektakuläre Heldentaten – und das weibliche Geschlecht – der sich dank seines Talents ein ums andere Mal aus brenzligen Situationen rettet. „Unser Münchhausen ist eine Verbeugung vor der unbändigen Fantasie, vor dem Kind in uns allen“, sagte Liefers über die Rolle. „Und er ist ein Dankeschön an alle Spinner und weltfremden Außenseiter, die vielleicht nicht mit der Realität klar kommen, aber trotzdem nicht an ihr scheitern, weil sie Träume für bare Münze nehmen und uns an das erinnern, was wir irgendwann in unserem Leben auch mal gerne sein wollten.“

Die Adelsspezialisten rätseln bis heute über einen genealogischen Fauxpas, der wohl kaum jemals aufgeklärt werden dürfte: die potentielle Verwandtschaft zwischen Camilla Parker Bowles, der heutigen Kronprinzessin und Herzogin von Cornwall, und ihrem Mann, dem britischen Kronprinzen Charles. Die Erklärung: Alice Keppel, die letzte und innigste Mätresse von Kronprinz Albert Edward, schenkte 1900 einer Tochter das Leben, Camillas Großmutter Sonia, von der bis heute unklar ist, ob dem Kronprinz oder Keppels Mann die Vaterschaft gebührt. Wie durch eine merkwürdige Fügung des Schicksals wurden beide Frauen, blutsverwandt und im Abstand von vier Generationen, zu Mätressen eines Prince of Wales.

Die Freimaurer dagegen feiern ihn noch heute als Protektor der britischen Freimaurerei und, bis zu seiner Krönung, Großmeister der Vereinigten Großloge von England. Die Zahl der aktiven Logen stieg in der Zeit seiner Großmeisterschaft von 1200 auf über 3000. Zwei seiner Brüder und seinen ältesten Sohn, den Herzog von Clarence, nahm er persönlich in den Bund auf. Bis heute kündet ein Denkmal in Marienbad (Mariánské Lázně), einem der drei berühmten Bäder in Westböhmen, in dem er jährlich kurte, vom ungleichen Treffen zweier Monarchen: Am 16. August 1904 begegneten sich hier Franz Joseph I., Kaiser von Österreich, in dem die Freimaurerei schon mehr als hundert Jahre verboten war, und Edward. Eine Heilquelle vor dem Marienbader Hotel Cristal Palace heißt nach ihm, sie soll Magen- und Darmbeschwerden lindern.

Treffen in Marienbad. Quelle: https://www.lokalkompass.de/oberhausen/c-kultur/urlaub-in-marienbad-tschechien_a573682#gallery=default&pid=7328772

Edward, der erste britische Herrscher aus dem Haus Sachsen-Coburg-Gotha, das in Großbritannien seit 1917 Haus Windsor genannt wird, starb am 6. Mai 1910. Die neun Majestäten, die wenige Tage darauf hoch zu Roß seinem Sarge folgten, sollen ein so überwältigendes Bild geboten haben, dass die schwarzgekleidete Menge ehrfurchtsvoll schwieg. Scharlachfarben, blau, grün und purpurrot ritten die Herrscher jeweils zu dreien nebeneinander, mit nickenden Helmbüschen, goldenen Tressen, karmesinroten Schärpen und juwelenbesetzten Orden, die in der Sonne aufblitzten. Ihnen folgten fünf Thronerben, dann weitere vierzig kaiserliche oder königliche Hoheiten, sieben Königinnen – davon drei Regierende und vier Königinwitwen – und eine Schar von Sondergesandten aus Ländern, deren Herren keine Krone trugen.

Man hatte Eduard oft den „Onkel Europas“ genannt, und diesen Titel konnte man, soweit es sich um die regierenden Häuser Europas handelte, ganz wörtlich nehmen. Er war der Onkel nicht nur Kaiser Wilhelms, sondern durch die Schwester seiner Frau, die Kaiserinwitwe Marie von Rußland, auch des Zaren Nikolaus II. Seine Nichte Alix war die Zarin, seine Tochter Maud Königin von Norwegen; eine andere Nichte, Ena, war Königin von Spanien, eine dritte, Marie, sollte bald Königin von Rumänien werden. Insgesamt waren siebzig Nationen vertreten in dieser größten Versammlung von Königen und Würdenträgern, die sich je an einer Stelle zusammengefunden hat und die in ihrer Art die letzte sein sollte.

„Sein Intellekt ist schwach“

Prinz Albert Edward wurde am 9. November 1841 als ältester Sohn und zweites von neun Kindern von Königin Victoria und ihres Prinzgemahls Albert von Sachsen-Coburg-Gotha im Londoner Buckingham Palace geboren. Bereits vier Wochen nach seiner Geburt wurde ihm der Titel eines Prince of Wales verliehen. Das Königspaar war entschlossen, „Bertie“, wie er im engeren Familienkreis genannt wurde, eine Ausbildung zukommen zu lassen, die ihn zu einem vorbildlichen konstitutionellen Monarchen machen sollte. „Ich hoffe und bete, dass er wie sein liebster Papa werden möchte“, schrieb die Königin in einem Brief an ihren Onkel Leopold I. von Belgien. Sein überaus strenger Vater bestellte Privatlehrer und Erzieher und übergab ihnen den siebenjährigen Prinzen, der jedoch von unstetem Wesen war und sich nicht als Musterschüler erwies.

Edward bei seiner Krönung. Quelle: Von W. & D. Downey – Weltrundschau zu Reclams Universum 1902, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=71143459

Bald macht die Mutter keinen Hehl daraus, dass sie ihren ältesten Sohn für einen vollkommen ungeeigneten Thronfolger, die ältere Schwester dagegen für begabt und intelligent hält. „Sein Intellekt – ach! – ist schwach“, schreibt sie über ihren Sohn. Zweisprachig erzogen, meisterte er die deutsche Sprache zuerst, während er sich mit dem Englischen zunächst schwer tat. Der Privatunterricht des Jungen an sechs Tagen die Woche gerät zum Desaster. Die Lehrer schaffen es kaum, seine Aufmerksamkeit zu fixieren. „Sie ließen seinen Kopf vermessen, um zu sehen, was mit ihm nicht stimmte“, sagt Historikerin Jane Ridley im WDR. Dabei hat der Junge durchaus Eigenschaften der königlichen Mutter geerbt. „Er war jähzornig, scharfsinnig, aber kein Akademiker“, so Ridley. Dennoch hätten die Eltern gerne einen Intellektuellen mit hohen moralischen Prinzipien aus ihrem ältesten Sohn gemacht.

Tatsächlich entwickelt sich Prinz Edward genau ins Gegenteil: Bücher sind ihm ein Leben lang ein Graus. Auch die Studienreisen durch Europa und Ägypten, die seine Eltern ihm als Teenager verordnen, wecken nicht das erhoffte Interesse an Kunst, Kultur und Geschichte. Mit einer Ausnahme 1855: Während eines Besuchs in Paris mit seinen Eltern entwickelt Eduard eine lebenslange Liebe zu Frankreich. Zu Napoleon III. sagte er: „Sie haben ein schönes Land. Ich wäre gern Ihr Sohn.“ Diese Vorliebe für alles Französische, die im Gegensatz oder vielleicht auch im Widerspruch zu den deutschen Neigungen seiner Mutter stand, hielt sein Leben lang an; er machte sie nach ihrem Tode nutzbar. Dennoch erhielt er ab 1859 die standesgemäße Ausbildung in Oxford und Cambridge. Seine erste diplomatische Erfahrung sammelte er 1860: Erstmals besuchte ein britischer Thronfolger Kanada und die Vereinigten Staaten. Eduard zeigte dabei großes diplomatisches Geschick, und der Besuch wurde als außenpolitischer Erfolg gefeiert.

Doch vorerst widmet er sich den leichten Dingen des Lebens: Jagd, Mode, Glücksspiel, Zigarren – und Damen. Im irischen Armeelager Curragh wollten Offizierskollegen dem Prinzen ein besonderes Geschenk bereiten und „schmuggelten“ die junge irische Schauspielerin Nellie Clifden in sein Bett. Als das Stelldichein der Königin zu Ohren kam, war die Panik groß, denn „Berties“ Hochzeit mit der jungen Prinzessin Alexandra von Dänemark war bereits ausgemachte Sache. Es galt, die Affäre möglichst unter Verschluss zu halten und einen Skandal für den zukünftigen König zu vermeiden – mit ungeahnt schweren Folgen.

Hochzeit mit Alexandra. Quelle: https://i.pinimg.com/originals/ff/b1/b3/ffb1b3b5ad1cf3ad59363800cbd1adc9.png

Der gesundheitlich schwer angeschlagene Albert ließ es sich wegen des Ernsts der Lage nicht nehmen, seinen Sohn selbst aufzusuchen und ihm eine persönliche Standpauke zu halten. Ein langer Spaziergang im Regen hatte fatale Folgen. Sein Gesundheitszustand verschlimmerte sich und er starb kurz nach seiner Rückkehr am 14. Dezember 1861. Es war ein prägendes Ereignis, das Victorias Beziehung zu ihrem Sohn für den Rest ihres Lebens belasten sollte. Für sie war „Bertie“ allein schuld am Tod seines Vaters. Ihrer Tochter Vicky schrieb sie in einem Brief: „Ich kann und werde ihn nie wieder ohne Schaudern anschauen.“

„übergewichtiger Ehebrecher“

Victoria wird jahrzehntelang zögern, ihn mit offiziellen Aufgaben zu betrauen, und trieb ihn damit indirekt in ein müßiges Leben zwischen Jagd, Banketts und Bettgeschichten. Daran ändert auch die Heirat mit Alexandra am 10. März 1863 nichts, die ihm in sieben Jahren sechs Kinder schenkt. „Alexandra ist meine Zuchtstute, die anderen sind meine Reitpferde“, pflegt er zu sagen. Äußerlich ist der britische Prinz alles andere als gut aussehend, aber er kann Menschen in seinen Bann ziehen. „Jeder, mit dem er sprach, fühlte sich wertgeschätzt“, so Biographin Ridley. Diesem Charme – und wohl auch dem königlichen Titel – erliegen zahlreiche Damen der feinen und weniger feinen Gesellschaft. Beachtliche 55 Affären sagt man ihm nach, darunter auch mit der Mutter von Winston Churchill. Eduard war insgesamt 59 Jahre lang Prince of Wales und galt als „ewiger Thronfolger.“

1875 wird er zum Feldmarschall ernannt, im selben Jahr stärkt seine Reise nach Indien die Verbindung zwischen beiden Ländern. 1878 setzt er sich als Präsident der britischen Sektion der Pariser Ausstellung für ein gutes Verhältnis zwischen Großbritannien und Frankreich ein. Als „Bertie“ 1901 schließlich den Thron besteigt er und er sich wohl kaum zufällig gegen den Namen Albert entschied, sind die Erwartungen an den fast 60-jährigen niedrig. „Viele sahen Edward VII. als übergewichtigen Ehebrecher“, so Ridley. Zur allgemeinen Überraschung arbeitet der Lebemann hart und wird ein beim Volk beliebter Monarch, der vor allem die bis dato miserablen Beziehungen zwischen Frankreich und Großbritannien verbessert. In den neun kurzen Jahren seiner Regierung hatte England notgedrungen seine splendid isolation aufgegeben. An ihrer Stelle war, da die englische Politik seit je weniger zu regelrechten Bündnissen neigte, eine Reihe von „Abkommen“ und Vereinbarungen mit zwei alten Feinden getreten, nämlich Frankreich und Russland, und mit einer vielversprechenden neuen Macht: Japan.

Auf dem Höhepunkt des Ruhms. Quelle: Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1612595

1903 wird er zum Kaiser von Indien proklamiert. Während eines Besuchs in Paris bereitet Eduard VII. den Boden für ein britisch-französisches Bündnis vor, die „Entente cordiale“. Am 8. April 1904 wird sie offiziell besiegelt; durch die Einbeziehung Russlands entwickelt sich daraus 1907 die Tripelentente. Die daraus resultierende Veränderung des Gleichgewichts war in der ganzen Welt zu spüren und wirkte sich in den wechselseitigen Beziehungen aller Staaten aus. Obwohl Eduard den politischen Kurs seines Landes weder bestimmte noch beeinflusste, gab sein persönliches diplomatisches Geschick bei dieser Umstellung doch den Ausschlag. Nur das Verhältnis zu Deutschland, mit dem England seit geraumer Zeit im Marine-Wettrüsten verstrickt ist, verschlechtert sich zusehends. „Ich habe nicht mehr lang zu leben. Und dann wird mein Neffe in den Krieg ziehen“, prognostiziert er im März 1910. Für Wilhelm II. ist der Bruder seiner Mutter, dem er weder befehlen noch imponieren konnte, ein böser Geist, Anstifter der Einkreisung Deutschlands: „Er ist ein Satan! Man glaubt gar nicht, was für ein Satan er ist.“ Dieser Ausspruch des Kaisers fiel 1907 in Berlin bei einem Essen vor dreihundert Gästen.

In gesellschaftlichen Kreisen gefiel er durch sein ungezwungenes und einnehmendes Wesen. Aufsehen erregte sein Empfang einer indianischen Delegation aus dem Westen Kanadas im Jahr 1906. Innenpolitisch macht er die strikte Zurückhaltung des Monarchen gegenüber Regierungshandlungen zum Bestandteil des Verfassungslebens. Gleichzeitig nimmt er die unter Königin Viktoria in Verfall geratene Tradition glanzvoller Selbstdarstellung der Monarchie wieder auf. Er betätigte sich seit langem als Patron der Künste und Wissenschaften und war bei der Gründung des Royal College of Music beteiligt. Der exzessive Kettenraucher, der mit zunehmendem Alter an Bronchitis litt, brach im März 1910 während eines Aufenthalts in Biarritz zusammen, erlitt mehrere Herzinfarkte und verstarb schließlich, in Anwesenheit von Alice Keppel, am 6. Mai. Robert Scott benannte eine antarktische Halbinsel nach ihm, auch zwei Stadtparks im australischen Perth und in Lissabon tragen seinen Namen.

Bertie und Alice. Quelle: http://dianalegacy.com/wp-content/uploads/2019/08/King-Edward-VII-and-Alice-Keppel-Image-GETTY.jpg

Alice war 78, als sie 1947 in Florenz starb. Ihre Urenkelin Camilla hat sie nicht mehr kennen gelernt. Vermutlich hätte sie sich über deren Liaison mit Charles amüsiert. Ob sie allerdings die Ehe mit dem Prinzen gutgeheißen hätte, ist fraglich. Als Edward VIII. 1936 wegen der geschiedenen Wallis Simpson auf den Thron verzichtete, schüttelte sie sich und sagte: „Zu meiner Zeit wurden diese Dinge besser geregelt.“ Sie wusste eben noch, wo sie als Geliebte hingehörte, meint Stefanie Rosenkranz im Stern: „ins Bett und nicht auf den Thron.“

Sein größtes ästhetisches Geheimnis ist eigentlich winzig: „Mach den Zuschauer zum Vorwisser aller bedrohlichen Geschehnisse“. So schickte der Schurke des Streifens „Sabotage“ (1936) einen kleinen Jungen mit einem Paket los, in dem eine Zeitbombe tickt. Der Zuschauer weiß, wieviel Zeit dem Jungen bleibt, sich des gefährlichen Päckchens zu entledigen. Der Junge jedoch trödelt, er ist eben ein Kind. Und da er sich verspätet, fliegt er mitsamt einem Omnibus in die Luft. Diese Szene zerrte so an den Nerven der Zuschauer, dass nach der Premiere eine Kritikerin auf den Regisseur zustürzte, um ihn tätlich anzugreifen. Ihr Name ist vergessen, der des Regisseurs nicht: Alfred Hitchcock.

Seine Filme führen in die aberwitzigen Abgründe menschlicher Ängste hinein wie im Meisterwerk „Vertigo“, frönen schamlos voyeuristischen Gelüsten wie in „Das Fenster zum Hof“ oder lassen eine Hoteldusche zu Dantes Inferno geraten wie in „Psycho“. Er gilt als bislang unübertroffener Meister der „suggestiven Verführung“ und schuf „Dramen des intakten Gehorsams gegenüber einer verqueren Erziehung“, ja „eine Welt, in der Angst und Luxus die beiden Waagschalen auf der Waage der Verdrängungen sind und die Sexualität die heimliche Kraft“, befand Hellmuth Karasek einst im Spiegel.

Alfred Hitchcock. Quelle: https://time.com/3977310/alfred-hitchcock-quotations/

Zwischen 1925 und 1976 drehte er insgesamt 53 Filme, in denen vor allem Blondinen nirgendwo sicher waren. Mal stürzten sie von einem Kirchturm in die Tiefe, mal wurden sie unter der Dusche von einem Psychopathen oder unter freiem Himmel von Vögeln attackiert. Die Schauspielerin Tippi Hedren, die mit „Die Vögel“ und „Marnie“ zum Star wurde, behauptete, auch die Darstellerinnen der Blondinen hätten sich ihrer Haut erwehren müssen – gegenüber Hitchcock selbst. Der erst dickliche, im Alter dann kugelrunde Regisseur mit der unvermeidlichen Zigarre zwischen den fleischigen Fingern starb vor 40 Jahren, am Morgen des 29. April 1980 in seinem Haus in Los Angeles an Nierenversagen. Seine Leiche wurde eingeäschert, die Asche an einem unbekannten Ort verstreut.

Vom Zeichner zum Produktionsleiter

Der am 13. August 1899 geborene Sohn eines Londoner Gemüsehändlers erzählte immer wieder gerne ein Angst-Erlebnis aus seiner Kindheit. Als er eines Abends zu spät nach Hause kam, schickte ihn sein Vater mit einem Brief zu einem befreundeten Wachmann auf die Polizeistation. Der Wachmann las den Brief, warf den Jungen ins Gefängnis und brüllte ihn an, dass es so allen Kindern ergehe, die zu spät nach Hause kämen. Aufgrund des großen Altersunterschieds zu seinen älteren Geschwistern, seiner katholischen Erziehung zumal an einer strengen Jesuitenschule und nicht zuletzt aufgrund seines Äußeren – er war klein und schon als Kind korpulent – schreiben Biographen von einer einsamen Kindheit – ein Aspekt, der gerne banal-psychologisch zurechtgelegt wird: Weil der große Hitchcock Kindheitsängste verarbeiten musste, drehte er Filme, die Angst machen.

Hitchcock ging kurzzeitig auf eine Ingenieursschule, belegte Kurse an der Londoner Kunstakademie und flüchtete sich in die Kunst: er las, besuchte Theatervorstellungen und ging oft ins Kino, verfolgte aber auch Mordprozesse im Gerichtshof Old Bailey. Ab 1915 arbeitete bei einer Telegraphen-Gesellschaft, wo er wegen seines zeichnerischen Talents bald in die Werbeabteilung versetzt wurde. Unter seinem Spitznamen „Hitch“ veröffentlichte er in der Betriebszeitschrift erste gruselige Kurzgeschichten. 1920 wurde er als Zeichner von Zwischentiteln bei der Londoner Paramount angestellt, entwarf nebenbei Kostüme, Dekorationen und Szenenbilder und machte auch durch Überarbeitungen von Drehbüchern auf sich aufmerksam. Hitchcock wurde Regieassistent, Drehbuchautor, Szenenbildner – bei manchen Filmen nahm er als verkappter Produktionsleiter all diese Positionen ein. 1922 drehte er seinen ersten eigenen Film, der nie fertiggestellt wurde – unter tätiger Mithilfe von Alma Reville, einer Editorin, die er später heiratete und seine wichtigste Mitarbeiterin wurde. Beide sollen sich zeitlebens treu gewesen sein. 1928 wurde ihre gemeinsame Tochter Patricia geboren.

Die Drehbuchautorin Joan Harrison (2.v.l.) mit der Familie Hitchcock (1937). Quelle: Von New York World-Telegram and the Sun Newspaper Photograph Collection (Library of Congress); Acme Photographs – Dieses Bild ist unter der digitalen ID cph.3c38313 in der Abteilung für Drucke und Fotografien der US-amerikanischen Library of Congress abrufbar. Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=44147163

1924/25 kam Hitchcock als Assistent von Regisseur Graham Cutts nach Deutschland, lernte rasch die fremde Sprache und schaute Friedrich Wilhelm Murnau über die Schulter. Das Melodram „Irrgarten der Leidenschaft“, in Berlin und München gedreht, war schließlich der erste echte „Hitchcock“. Mit dem 1926 gedrehten Stummfilm „Der Mieter“ um einen einzelgängerischen Pensionsgast, der verdächtigt wird, ein Serienmörder zu sein, hatte Hitchcock sein Thema gefunden. Der Film brachte ihm den Durchbruch, wurde zum Kassenschlager und war sicher ein wichtiger Grund, danach immer wieder noch perfektere Thriller zu liefern, etwa „Der Mann, der zu viel wusste“ (1934) und „Die 39 Stufen“ (1935). Daneben drehte Hitchcock aber auch einen Operettenfilm über Johann Strauß (1933) – ziemlich lustlos, wie er später zugab: „Ich hasse dieses Zeug. Melodrama ist das einzige, was ich wirklich kann.“ Mit „Jung und unschuldig“ (1937), einer weiteren, unbeschwerten Variation der Geschichte vom unschuldig Verfolgten, und dem in einem fahrenden Zug spielenden Thriller „Eine Dame verschwindet“ (1938) festigte Hitchcock seine Ausnahmestellung innerhalb des britischen Kinos – und erlag 1939 prompt den Verlockungen von Hollywood-Tycoon David O. Selznick. 15 Jahre später nahm er die US-amerikanische Staatsbürgerschaft an.

„Spannung ist Kaugummi fürs Gehirn“

Sein Einstand war überaus erfolgreich: Das düstere, psychologisch dichte Melodram „Rebecca“ mit mehr Schauerromantik als Thrill war 1940 elfmal für den Oscar nominiert und gewann schließlich zwei Trophäen für Kamera und Produktion. In den nächsten sieben Jahren dreht er nicht nur propagandistische Kurzfilme zur Unterstützung der französischen Résistance, sondern verfeinerte auch seine Vorliebe für Kriminalstoffe im Verbund mit seinem eigenen, makabren und skurrilen Humor: „Spannung ist Kaugummi fürs Gehirn“, wird er sich später gern zitieren lassen. Es entstanden unter anderem „Verdacht“ (1941, mit Cary Grant), „Im Schatten des Zweifels“, „Das Rettungsboot“ (beide 1943) und „Ich kämpfe um dich“ (1945). Die damit begründete erfolgreiche Zusammenarbeit mit Ingrid Bergman in der Hauptrolle ging gleich in der folgenden Produktion „Berüchtigt“ (1946) weiter. Inzwischen kennt der Meister auch die Erwartungen seines Publikums: „Es heißt, dass, würde ich ‚Cinderella‘ verfilmen, das Publikum nur darauf warten würde, dass eine Leiche aus der Kürbiskutsche fällt. Das stimmt. Wenn ich die Leute mit einem meiner Filme nicht zum Erschauern bringe, sind sie enttäuscht“.

Mit seiner 1946 gegründeten Produktionsfirma „Transatlantic Pictures“ verfügte er dann über die nötige Unabhängigkeit, seine Filme künstlerisch so zu gestalten, wie er das für richtig hielt – wenn die Auftraggeber, vor allem Warner und Paramount, mitspielten. Ob Cary Grant in „Der unsichtbare Dritte“ (1959) als Werbefachmann, der durch eine Verwechslung zum Verfolgten wird, oder James Stewart als Tourist, der in „Der Mann, der zu viel wusste“ (1956) durch eine Zufallsbekanntschaft in eine internationale Verschwörung hineingezogen wurde: Unschuldig Verfolgte und der Kampf des Einzelnen gegen Kräfte, die er nicht zu fassen bekommt, gehörten zu Hitchcocks Lieblingsthemen. Doch seine Filme waren nicht nur spannend und manchmal schockierend, sondern vor allem auch so minutiös durchgeplant und choreographiert, dass sich der Meister manches Nickerchen am Set leistete (manche Biographen mutmaßten, er leide an Schlafsucht) – die Einstellungen standen ja fest.

Cary Grant in „Der unsichtbare Dritte“. Quelle: https://www.lichtspiele-kalk.de/filme/der-unsichtbare-dritte/

Denn Hitchcock verachtete Filme, in denen alle Informationen über den Dialog vermittelt werden. Er führte das Auge seines Zuschauers, erzählte seine Geschichten mit Bildern, mit Kameraperspektiven, die erklären oder falsche Fährten legen konnten. Dafür experimentierte er mit den Möglichkeiten des Films und schuf Innovationen, die heute noch ebenso Bewunderung hervorrufen wie sie inzwischen zum festen ästhetischen Inventar gehörten. So wagte er einen Film, der ohne sichtbare Schnitte einen Echtzeiteffekt zur Folge hatte („Cocktail für eine Leiche“, 1948), filmte durch Glasböden („Der Mieter“, 1926), versenkte eine Lampe in einem Glas Milch, um den Zuschauer das Gift ahnen zu lassen („Verdacht“, 1941) oder kreierte den legendären „Vertigo“-Shot (1948), bei dem er eine echte Kamerafahrt mit einer gegenläufigen Anpassung der Brennweite kombinierte. Da das Motiv während der Fahrt in unveränderter Größe im Bild bleibt, wird der Bildausschnitt des Hintergrunds entweder größer oder kleiner, wodurch ein unnatürlicher, sogartiger Effekt entsteht.

Das brachte Hitchcock die Bewunderung junger europäischer Regisseure wie Francois Truffaut ein, dem er 1962 ein fünfzigstündiges (!) Interview gab. Es erschien 1966 als „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ in Buchform und gilt als Standardwerk der Filmliteratur. Hitchcock wurde sechsmal für den Oscar nominiert: fünfmal für die Beste Regie, einmal für den Besten Film (als Produzent). Alle sechs Mal ging er leer aus, was ihn zu dem Kommentar veranlasste: „Immer nur Brautjungfer, nie die Braut“. Seine kurzen „Cameo“-Auftritte in seinen eigenen Filmen und die von ihm ab 1955 moderierte Fernsehsendung „Alfred Hitchcock präsentiert“ prägten das öffentliche Bild Hitchcocks als selbstironischer, überlegener Manipulator, der sich gern als Snob, Entertainer und Gourmet inszenierte. Sein oft mit Schadenfreude gepaarter Witz trieb manchmal bizarre Blüten: So ließ er bei einem Empfang in New York erlesene Delikatessen als (laut Karte) „gebrochene Rippen und blutiges Gulasch“ von Kellnern in Chirurgen-Montur servieren.

Schokoladensoße statt Filmblut

Zwar dreht Hitchcock mit „Immer Ärger mit Harry“ (1955) auch eine klassische Komödie, doch in nahezu allen seiner amerikanischen Filme geht es psychologisch zu. Hitchcock hatte sogar den Ehrgeiz, mit „Ich kämpfe um dich“ den ersten Film über Psychoanalyse zu drehen: Es geht um das Kindheitstrauma eines Arztes, der ein Mörder zu sein glaubt. Viel später drehte Hitchock „Marnie“ (1964), einen Film über eine Kleptomanin und ihr Trauma: Sie hatte in ihrer Kindheit wirklich einen Menschen getötet. In die Reihe von Hitchcocks psychologischen Filmen passt sein wohl berühmtestes Werk „Psycho“ eigentlich nicht, obwohl es um einen Psychopathen mit gestörter Mutterbeziehung geht. Denn das ist nur ein Auslöser, Thema des Films hingegen ist die brutale Gewalt eines Mörders, eine heftige Mischung aus Horror und Thrill. Die in einer Woche Dreharbeit entstandene zweiminütige „Duschszene“, bei der Janet Leigh gedoubelt wurde, zählt heute mit ihren 78 Kameraeinstellungen und 52 Schnitten zu seinen meistanalysierten Filmszenen. Disney war durch diese Szene, in der übrigens Schokoladensoße statt Filmblut fließt, so vor den Kopf gestoßen, dass er Hitchcock untersagte, in seinen Disneyland-Studios zu drehen. Dieser und der nächste Film „Die Vögel“ (1962) haben getreu seiner Devise „Das Drama ist ein Leben, aus dem man die langweiligen Momente herausgeschnitten hat“ das Kino nachhaltig verändert. Hitchcock ließ dabei Vögel mit Nylonfäden an Tippi Hedren festbinden, sie hätte durch einen Schnabelhieb fast ein Auge verloren.

Szenenbild mit T. Hedren. Quelle: https://www.welt.de/vermischtes/article159190122/Es-war-sexuell-es-war-pervers-und-es-war-haesslich.html

Obwohl er anfangs meinte „Je erfolgreicher der Schurke, desto erfolgreicher der Film“, gewinnen über die Jahre ambivalente oder gar negativ gezeichnete Hauptfiguren immer stärker an Gewicht. Diese Antihelden weisen physische oder psychische Probleme auf, sind Verlierertypen oder unsympathisch. Da in den USA zwischen 1934 und 1967 der „Hays Code“ (auch Production Code) galt, eine Sammlung von Richtlinien über die Einhaltung der gängigen Moralvorstellungen im Film, musste Hitchcock einen Teil seiner Kreativität auch darauf verwenden, die Beschränkungen der Zensur kreativ zu umgehen. Da die Länge von Küssen im Film damals auf drei Sekunden begrenzt war, inszenierte Hitchcock den Kuss zwischen Ingrid Bergman und Cary Grant in „Berüchtigt“ als Folge einzelner, durch kurze Dialogsätze unterbrochener Küsse. Hitchcocks größter Sieg gegen die Zensur war die Schlussszene von „Der unsichtbare Dritte“: Cary Grant zieht Eva Marie Saint im Schlafwagen zu sich nach oben ins Bett, küsst sie – und im folgenden Umschnitt donnert ein Zug in einen Tunnel. Expliziter wurde der Sexualakt nie mehr angedeutet.

1965 erhielt Hitchcock für seinen „historischen Beitrag zum amerikanischen Kino“ den Milestone Award der Producers Guild Of America – die erste von vielen Ehrungen für sein Lebenswerk, darunter auch den Ehrendoktortitel für Literaturwissenschaft von der kalifornischen Universität Santa Clara. In dieser Zeit begann er körperlich abzubauen, litt unter schwerer Arthritis, hatte mit mehreren Schlaganfällen seiner Frau umzugehen und wurde alkoholabhängig – zwischen Bad und Schreibtisch habe er in seinem Büro listenreich Verstecke für Brandy- und Wodkaflaschen angelegt, berichtet Biograph Donald Spoto. Für seine letzten Filme „Frenzy“ (1972) und „Familiengrab“ (1976) kehrte er nach England zurück. In „Frenzy“ realisierte er eine der detailverliebtesten Vergewaltigungs- und Mordszenen der Filmgeschichte: ein impotenter Mörder kommt zum Orgasmus nur dadurch, dass er sein Opfer erwürgt. Hitchcock wollte die beim Strangulieren herausquellende Zunge des Opfers mit tropfendem Speichel in einem Zwischenschnitt zeigen, was ihm erst mühsam ausgeredet werden musste. Seine Tochter hat ihren Kindern nicht gestattet, sich diesen Film anzusehen. 1979 schloss er sein Büro auf dem Gelände der Universal-Studios und wurde kurz vor seinem Tod noch im Januar 1980 in den britischen Adelsstand erhoben.

Szene aus Frenzy. Quelle: https://www.imdb.com/title/tt0068611/mediaviewer/rm3655944448

Im Scherz soll er sich einmal als Grabinschrift gewünscht haben: „Da siehst du, was einem passieren kann, wenn man als Kind nicht artig war.“ Bis heute fasziniert, wie er seine Zuschauer in einen Strudel von Lust und schlechtem Gewissen, von Begierde und Schuld, Vertrauen und Misstrauen reißt: Die Welt als schön tapezierte Mördergrube, ja Alptraumfabrik – das bleibt haften. Hitchcock ist wohl heute noch der einzige Regisseur, dessen Name sich quer durch alle Bevölkerungsschichten mit dem Kino verbindet. Man geht nicht in diesen oder jenen Film, man geht in einen „Hitchcock“. „Der Regisseur als Superstar“, befindet Robert A. Harris im BR. „Die Amerikaner haben den Thriller, den Krimi, den Suspense-Film, die schwarze Komödie immer für ein bisschen vulgär gehalten. Hitchcock hat diesen Genres Würde und den Rang einer Kunstform verliehen“.

Gäbe es den Stil „Expressiorealismus“, wäre sie seine bedeutendste Vertreterin: Käthe Kollwitz. Ihre teilweise erschreckend realistischen Lithografien, Radierungen, Kupferstiche, Holzschnitte und Plastiken beruhen häufig auf persönlichen Lebensumständen und Erfahrungen. Allein das 1985 von der Kreissparkasse Köln als erstes Kollwitz-Museum überhaupt gegründete Haus vereint mit mehr als 300 Zeichnungen, über 550 Druckgraphiken, sämtlichen Plakaten und dem gesamten plastischen Werk die weltweit größte Sammlung. Aber auch das Kupferstichkabinett Dresden beherbergt über 200 Werke der Künstlerin, die am 22. April 1945 vor den Toren der Sachsen-Metropole starb.

„Noch heute dient die Figur der Käthe Kollwitz als Projektionsfläche für -ismen aller Art: Pazifismus, Kommunismus, Feminismus“, befindet Berit Hempel im DLF. „Ihre Kunst ist völlig eigenwüchsig und trägt alle Merkmale des Genialen“, pries sie Hans Pels-Leusden vom Berliner Kollwitz-Museum, das er auf Privatinitiative einrichtete. Bis auf wenige zeitgebundene Aufträge sei ihr Werk von zeitlosem Rang, eben „für die Zeiten“, wie Nolde sagen würde. Selbst das Werk der für den Frühexpressionismus so bedeutungsvollen Paula Modersohn-Becker reiche – auch in der internationalen Ausstrahlung – nicht an die Bedeutung der Kollwitz heran.

Käthe Kollwitz, um 1940. Quelle: https://www.kollwitz.de/biografie

Am 8. Juli 1867 wird Käthe in Königsberg als Tochter des Maurermeisters und Predigers Carl Schmidt und dessen Frau Katharina geboren. Sie galt als sensibles, leicht zu deprimierendes Mädchen, das ab 1881 Zeichenunterricht bei einem Kupferstecher in Königsberg erhielt. Früh lernt sie ihren künftigen Gatten Karl Kollwitz kennen, einen jungen Mann, der mit ihrem Bruder Konrad in eine Klasse ging und den seine verwitwete Mutter mit neun Jahren ins Waisenhaus gebracht hatte.

„sei das, was du gewählt hast, ganz“

1885 bis 1889 studierte sie Malerei bei Karl Stauffer-Bern in Berlin und bei Ludwig Herterich in München. Fernab des Elternhauses blüht das Mädchen aus Ostpreußen in Bayern auf, unternimmt mit ihren Kommilitoninnen Reisen nach Italien und geht gerne auf Maskenbälle: „Wie sie als bayrisches Mädel mit dem Bierseidel in der Hand ihre Rolle, die ganze Nacht hindurch spielte, ohne auch nur einen Moment aus ihrer Rolle zu fallen. Auf einem solchen Ball trat sie zum Erstaunen und zur Begeisterung aller Anwesenden als Bacchantin auf, wo sie mit einem Kranz im Haar mit unglaublicher Leidenschaft sang und tanzte“, erinnert sich ihre Freundin Helene Bloch.

Zurück in Königsberg liest Käthe Schmidt den Roman „Germinal“ von Emile Zola über die Bergarbeiter Frankreichs und ihre unmenschlichen Arbeitsbedingungen. Die Künstlerin will die Motive von „Germinal“ auf die Leinwand bringen und besucht zu Studienzwecken Matrosenkneipen. Ein weiteres Schlüsselerlebnis war die Uraufführung der Hauptmannschen „Weber“, der sie eine Folge von Radierungen beginnen ließ. Daneben bereitete sie ihre Hochzeit vor: „Die lange Verlobungszeit hat sie auch manchmal durchaus als Last empfunden, doch je älter sie wurde, wirklich auch als Rückenstärkung. Weil, Karl hat ihr eben nicht reingeredet, Karl hat sie nicht bedrängt, Karl hat die finanzielle Sicherheit erwirtschaftet und durch Karl hat sie Einblicke in soziale Verhältnisse gewonnen“, so Iris Berndt im DLF.

K. Kollwitz mit Mann zur Kur in Bad Reichenhall. Fotografie von Walter Plew, 1935 Privatbesitz. Quelle: http://postkarten.lukasverlag.com/produkt/kaethe-und-karl-kollwitz-in-karlstein-bei-bad-reichenhall/

1891 heiratet sie Kollwitz, der sich als Kassenarzt in Berlins Stadtteil Prenzlauer Berg (am heutigen Kollwitzplatz) niederlässt, und bekommt zwei Söhne. Ihr Vater, der viel rascher den Studienabschluss, Ausstellungen und Erfolge erwartet hatte, war „sehr skeptisch gegen die Tatsache eingestellt, dass ich zwei Berufe vereinigen wollte, den künstlerischen und das bürgerliche Leben in der Ehe. Mein Vater sagte mir kurz vor der Eheschließung: ‚Du hast nun gewählt. Beides wirst du schwerlich vereinigen können. So sei das, was du gewählt hast, ganz!‘“

Nachdem sie 1895 erstmals an der „Freien Kunstausstellung“ in Berlin mit drei Werken teilnahm, folgt 1898 dann der Zyklus „Ein Weberaufstand“, der zu ihrem künstlerischen Durchbruch führte. Max Liebermann war davon so beeindruckt, dass er die junge Künstlerin noch im selben Jahr zur kleinen goldenen Medaille vorschlug. Kaiser Wilhelm II., der die moderne Kunst als „Rinnsteinkunst“ bezeichnete, lehnte ab; im Folgejahr dagegen bekam sie die Medaille. Von 1898 bis 1903 war Kollwitz Lehrerin an der Damenakademie des Vereins der Berliner Künstlerinnen und wurde neben Liebermann, Slevogt, Corinth oder Zille Mitglied der „Berliner Secession“, die gegen das historisierende Kunstverständnis Wilhelms II. opponierte.

1902 begann Kollwitz ihre zweite Radierfolge „Bauernkrieg“, für die sie sechs Jahre brauchen sollte und die ihr den Villa-Romana-Preis einbrachte. Dazwischen liegen mit Paris (1904), wo sie August Rodin traf, und Florenz (1907) zwei Auslandsjahre: „Mutter zweier Kinder, lässt die Kinder zurück, bei Mann und Betreuung, ein Kindermädchen, um sich diesen Aufbruch zu gönnen. Da steckt viel Kraft, viel Lebensfreude, aber auch viel künstlerisches Wollen dahinter“, meint Berndt. Ihr Plakat für die Deutsche Heimarbeit-Ausstellung 1906 wird auf Wunsch der Kaiserin von allen Anschlagsäulen entfernt, da Auguste Viktoria die Darstellung einer abgearbeiteten Frau missfällt. 1908 bis 1910 gestaltete sie die satirische Zeitschrift „Simplicissimus“ mit. In diese Zeit fällt eine erotische Romanze mit Hugo Heller, einem verheirateten Autor, Buchhändler und Verleger mit engem Kontakt zu Sigmund Freund. Jahre später wird sich Karl in seine Sprechstundenhilfe Else verlieben. Die Ehe übersteht beide Affären.

indirektes Ausstellungsverbot

Ein Trauma dagegen wird der Weltkriegstod ihres jüngsten Sohns Peter hinterlassen. In ihrem Tagebuch notierte sie zunächst am Montag, dem 10. August 1914, dass Peter ihren Mann bittet, ihn vor Aufgebot des Landsturms mitgehen zu lassen: „Karl spricht mit allem dagegen was er kann. Ich habe das Gefühl des Dankes, dass er so um ihn kämpft, aber ich weiß es ändert nichts mehr. Karl: Das Vaterland braucht dich noch nicht, sonst hätte es dich schon gerufen. Peter leiser, aber fest: Das Vaterland braucht meinen Jahrgang noch nicht, aber mich braucht es.“ Peter Kollwitz stirbt am 22. Oktober 1914 bei Dixmuiden in Flandern.

Alt Sankt Alban mit der Kollwitz-Skulptur. Quelle: https://www.kuladig.de/Objektansicht/O-16622-20110924-3

Der Tod des Sohnes macht Käthe Kollwitz zur Pazifistin, ließ sie mit Sozialisten zusammentreffen und brachte ihre künstlerische Arbeit nahezu zum Erliegen. Ein Denkmal will sie schaffen zu Ehren der vielen toten Freiwilligen. Erst rund zwei Jahrzehnte später wird daraus das Denkmal „Trauernde Eltern“, das dem gefallenen Sohn gewidmet ist und heute auf der Kriegsgräberstätte Vladslo steht, wohin Peter 1956 umgebettet wurde. Eine um 10 Prozent vergrößerte Kopie steht seit 1959 in der Erinnerungsruine der St.-Alban-Kirche in Köln.

Nach Karl Liebknechts Tod widmete sie ihm 1919 einen Holzschnitt. Ihrer Meinung nach hat Kunst die Aufgabe, die sozialen Bedingungen darzustellen. Einer Partei gehörte sie nie an, empfand sich aber als Sozialistin und unterstützte einen Aufruf des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK) zu einer Zusammenarbeit von KPD und SPD. Im selben Jahr wurde sie, inzwischen auch Mitglied im Deutschen Künstlerbund, zur Professorin der Preußischen Akademie der Künste ernannt.

In den folgenden Jahren wird sie vierfache Großmutter und erfreut sich an der Entwicklung ihrer Enkel. Sie arbeitete für die Internationale Arbeiter-Hilfe (IAH), der viele linke Intellektuelle angehören, und gestaltet sozialpolitische Plakate wie „Nie wieder Krieg“ für den Mitteldeutschen Jugendtag in Leipzig , das sie 1922/1923 zur von Ernst Barlach inspirierten Holzschnittfolge „Krieg“ erweitert, und „Nieder mit den Abtreibungs-Paragraphen!“. 1927 reist sie mit Karl nach Moskau, sieht auch die Kehrseite der russischen Revolution und unterschreibt eine Petition für Inhaftierte und Proteste gegen die Verbannung russischer Wissenschaftler. Ab 1928 leitet sie das Meisteratelier für Grafik an der Akademie der Künste.

1927, bei der Auswahl der Werke für ihre Ausstellung in der Preußischen Akademie der Künste. Quelle: https://www.kollwitz.de/biografie

1933 wird Kollwitz zum Austritt aus der Preußischen Akademie der Künste gezwungen und des Amtes als Leiterin der Meisterklasse für Grafik enthoben: sie hatte den Dringenden Appell zum Aufbau einer einheitlichen Arbeiterfront gegen den Nationalsozialismus mit 32 Persönlichkeiten unterzeichnet, darunter auch Albert Einstein, Heinrich Mann und Arnold Zweig. Ab 1934 bezog sie den Atelierraum Nr. 210 in der Klosterstraße 75, wo in den nächsten sechs Jahren ihr Alterswerk entstand, etwa die Lithografie-Folge „Tod“, die Zementplastik „Mutter mit Zwillingen“ oder die Bronze „Die Klage“. 1936 ließ der Preußische Kulturminister Bernhard Rust die Exponate der Künstlerin aus der Akademieausstellung und dem Kronprinzenpalais entfernen, was einem indirekten Ausstellungsverbot gleichkam.

„sie hat nie etwas kalt gemacht“

Im Sommer 1940 stirbt ihr Mann. Sie zieht sich aus dem Atelier zurück und wird nur noch für düstere Werke Kraft finden. Die Trauer um ihren Mann, ja den Tod allgemein verarbeitet sie in der Kleinplastik „Abschied“ sowie weiteren grafischen Werken, so ihrer letzten Lithographie „Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden“, das Vermächtnis der Künstlerin gegen Soldatentod und Krieg. Denn im September 1942 fällt ihr ältester Enkel, der wie ihr gefallener Sohn auch Peter heißt, in Russland. 1943 verlässt sie Berlin wegen zunehmender Luftangriffe und kommt zunächst in Nordhausen bei der Bildhauerin Margret Böning unter. Am 25. November wird ihre Berliner Wohnung, in der sie 52 Jahre lang lebte, durch Bomben zerstört, viele Drucke und Platten werden vernichtet. „Da stehe ich und grabe mir mein eigenes Grab“ heißt eine ihrer letzten Zeichnungen.

Im Juli 1944 zog Käthe Kollwitz auf Einladung von Ernst Heinrich von Sachsen in den Moritzburger Rüdenhof wenige Kilometer vor Dresden um und bewohnte im ersten Stock zwei Zimmer mit Blick auf das Schloss. Von der Wohnungseinrichtung sind der Nachttisch, ihr Tagebuch und eine Büste von Johann Wolfgang von Goethe erhalten geblieben. Ihre Enkelin Jutta Bohnke-Kollwitz erinnert sich im DLF: „Am meisten genoss sie wohl die Abende, wenn wir in dem kleinen Kamin ein Feuer angezündet hatten und ich ihr aus ‚Dichtung und Wahrheit‘ vorlas. Denn Goethe war ihr unendlich lieb. Seine Maske hing über ihrem Bett; manchmal musste ich sie ihr herunterreichen, dann tastete sie mit geschlossenen Augen ab, ‚Zur Orientierung‘, wie sie sagte. Und sie erinnerte mich an die Aufforderung Goethes an Ottilie: ‚Komm, lass uns vom Sterben sprechen!‘“

Käthe Kollwitz Haus Moritzburg. Quelle: https://www.sachsens-museen-entdecken.de/museum/294-kaethe-kollwitz-haus-moritzburg/

Und in diesen Zimmern starb sie 77jährig wenige Tage vor Ende des Krieges; der Rüdenhof ist seit 1995 eine Gedenkstätte. Begraben ist sie, mit einigen Angehörigen, in der Künstlerabteilung auf dem Berliner Zentralfriedhof Friedrichsfelde, heute als Ehrengrab der Stadt Berlin gewidmet. Ihr „Denkmal der trauernden Eltern“ steht als Kopie inzwischen auch auf einer Kriegsgräberstätte für die deutschen Gefallenen des Zweiten Weltkrieges 200 Kilometer westlich von Moskau. Kollwitz lebt weiter nicht nur in der Pieta für die Neue Wache in Berlin als zentrale Gedenkstätte der Bundesrepublik für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft, sondern auch in Straßen, Plätzen und Schulen.

Ihre Person, die Ralf Kirsten 1987 für die DEFA mit Jutta Wachowiak verfilmte, vereint mehrere Superlative. Sie war die erste Frau, die je zur Mitgliedschaft der Preußischen Akademie der Künste aufgefordert wurde. Ebenfalls als erste Frau erhielt sie den preußischen Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste. Sowohl die Bundes- als auch die DDR-Post ehrte sie mit gleich zwei Briefmarken. Anlässlich ihres 150. Geburtstags taufte die Bahn einen ICE 4 nach ihr, selbst ein Asteroid trägt ihren Namen. Und als 13. Frau sowie erste Künstlerin wurde ihre Büste vor einem Jahr feierlich in der Walhalla enthüllt. „Am Ende bleibt die Intensität ihrer Kunst“, meint Iris Berndt. „Und wenn sie sagt, sie hat nie etwas kalt gemacht in ihrer Kunst, dann kann man das, wenn man sich nur ein bisschen Ruhe nimmt, sie zu betrachten, wenn man sich anschaut, wie sie Striche führt, wie sie Kompositionen baut, doch ja, nachempfinden.“

Vor 60 Jahren, am 21. März 1960, kam es bei einem Protestzug von 20.000 Menschen im südafrikanischen Sharpeville in der damaligen Provinz Transvaal nahe Johannesburg zu einem Massaker: Die Polizei erschoss 69 schwarze Demonstranten, mindestens 180 wurden verletzt. Der Protestgrund reichte lange zurück: Bereits 1923, lange vor der Apartheidperiode, war in Südafrika der Native Urban Areas Act (deutsch etwa: „Eingeborenenwohngebietsgesetz“) in Kraft getreten, der das Aufenthaltsrecht der schwarzen Landbevölkerung in städtischen Gebieten regelte. Die Anzahl derer, die sich in der Stadt aufhalten durften, wurde festgelegt und die Rechte der schwarzen Südafrikaner in den Städten dadurch stark eingeschränkt.

Für einen legalen Aufenthalt in den Städten musste jeder männliche schwarze Südafrikaner bei Ankunft in der Gemeinde sich in deren Verwaltung melden, seinen Arbeitsvertrag (contract of service) vorlegen und eine Gebühr für seinen Aufenthalt zahlen. Damit und den sog. „Passgesetzen“ sollte die Urbanisierung der schwarzen Bevölkerung begrenzt und auf diese Weise verhindert werden, dass die schwarze Bevölkerung die durch den Burenkrieg verarmten Buren auf dem Arbeitsmarkt verdrängte. Seit 1958 hatten schwarze Männer die Pflicht, ein reference book (Referenzbuch) als allgemeines Personaldokument ständigen mit zu führen – hatten sie dieses Dokument nicht dabei, konnten sie mit 50 Rand Geldstrafe oder bis zu drei Monaten Haft zur Verantwortung gezogen werden. Das führte seither zu ständigen Protesten – mit dem Massaker von Sharpeville als Höhepunkt.

50 Jahre Sharpeville: Mitglieder des »Pan African National Congress« demonstrierten am 21. März 2010 in Johannesburg. Quelle: https://www.jungewelt.de/img/950/135534.jpg

Sechs Jahre später rief die Generalversammlung der Vereinten Nationen in einer Resolution den 21. März zum Internationalen Tag für die Beseitigung der Rassendiskriminierung aus. 1979 wurde dieser Gedenktag durch die Einladung der Vereinten Nationen an ihre Mitgliedsstaaten ergänzt, eine alljährliche Aktionswoche der Solidarität mit den Gegnern und Opfern von Rassismus zu organisieren: Die sog. Antirassismuswochen waren geboren, die hierzulande seit 1994 vom Interkulturellen Rat in Deutschland e.V. und seit 2016 von Stiftung für die Internationalen Wochen gegen Rassismus geplant und koordiniert werden. Da die Jubiläumswochen in diesem Jahr aufgrund der Coronakrise real stark eingeschränkt waren, wichen die Organisatoren auf digitale Formate aus, mit medialer Begleitung, versteht sich.

„widerspricht dem Gleichheitsprinzip“

So boten die Badischen Neueste Nachrichten BNN dem politischen Soziologen Matthias Quent, der an den abgesagten Rassismuswochen in Karlsruhe teilnehmen sollte, ein Podium. Quent ist Gründungsdirektor des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ), einer in Trägerschaft der sattsam bekannten Amadeu Antonio Stiftung 2014 eingerichteten außeruniversitären Forschungseinrichtung, die nach einer Vereinbarung des Thüringer rot-rot-grünen Koalitionsvertrags 2016 ihre Arbeit aufnahm. Quents Berufung wurde damals von AfD und CDU kritisiert, weil er zuvor Mitarbeiter der LINKEN-Abgeordneten Katharina König-Preuss war und diese laut Medienberichten schon vor Gründung des Instituts verlautbaren ließ, dass Quent zum Direktor berufen werde.

Die Stelle wurde zudem nicht öffentlich ausgeschrieben. Der damalige CDU-Fraktionschef Mike Mohring kritisierte weiter, das IDZ sei darauf ausgelegt, Aufgaben des Verfassungsschutzes zu übernehmen; anders als dieser unterstehe es jedoch keiner parlamentarischen Kontrolle. Und genau dies bestätigte Quent, der in dem langen Interview wie schon oft zuvor seine Geldgeber nicht enttäuschte und nicht nur erschreckende Aussagen lieferte, wonach die AfD völlig selbstverständlich „rechtsextrem“ sei, sondern als ebenso selbstverständlich auch das linke Gleichheitsnarrativ normalisierte.

Matthias Quent. Quelle: CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=83825740

So entstünde Rassismus, wenn „Gruppen ihre Privilegien und ihren Anspruch auf kulturelle oder wirtschaftliche Überlegenheit“ verteidigten, was dem „Gleichheitsprinzip“ widerspreche. Dass Quent hier das naturrechtliche Gleichheitsprinzip, den allgemeinen verfassungsrechtlichen Gleichheitssatz neben diversen speziellen Gleichheitssätzen sowie „Gleichheit vor dem Gesetz“ mit der „Gleichheit vor dem Gesetzgeber“ in einen Topf wirft, war entweder abstrakt-naives Kalkül aus Nivellierungssehnsucht in der Tradition der französischen Revolution oder schlicht Unkenntnis. Unkenntnis des Redakteurs Alexei Makartsev, übrigens stellv. Ressortchef Politik des Blatts, war es in jedem Fall, denn sonst hätte der nachhaken müssen. Und dass die gesamte Menschheitsgeschichte auf der Verteidigung erlangter Errungenschaften beruht, wissen offenbar beide nicht oder wollen es nicht wissen.

„Unterscheidung zwischen wir und die Fremden aufgelöst“

Prompt fordert Quent nicht nur „Anti-Rassismus-Klauseln in den Landesverfassungen“, sondern „ein Selbstverständnis als Einwanderungsgesellschaft, in der die Unterscheidung zwischen ‚wir‘ und ‚die Fremden‘ aufgelöst wird“. Das ist kein Witz. Dass damit jede Differenzierung der Einwanderungsgründe unterbleibt und zugleich einer weiteren Begriffsmelange das Wort geredet wird, nämlich einer aus „Gewaltunterworfenen“, „Staatsbürgervolk“ (Demos), „Bevölkerung“ und „Volkszugehörigen“, bekommen beide wiederum nicht mit oder wollen es nicht. In dem Satz „Die Zivilgesellschaft kann zeigen, wie ein friedliches und solidarisches Zusammenleben durch die alltägliche Praxis von Gleichwertigkeit gelingen kann“, findet dieser Themenbereich einen vorläufigen Höhepunkt – ohne dass auch nur ansatzweise thematisiert wird, wie der gesellschaftliche Friede und erst recht der Sozialstaat mit solch einer aufgelösten Unterscheidung überhaupt noch haltbar ist.

Der zweite Themenbereich rankt sich um die Gleichsetzung „rechter“ und „rechtsextremer“ Anhänger und der Unterstellung, beide seien per se „rassistisch“. Das befördert diesmal aktiv der fragende Journalist: „Stehen wir der wachsenden rechten Gewalt ohnmächtig gegenüber?“ Darauf antwortet Quent prompt „Nein. Wir können ein soziales Klima schaffen, in dem die rassistische Gewalt unwahrscheinlicher wird.“ Damit hat Quent auf eine Frage geantwortet, die Makartsev gar nicht gestellt hatte – ohne dass der darauf einging. Auch hier wird weder auf saubere Begrifflichkeiten geachtet noch die Unterstellung, was denn rechte Gewalt sei, erklärt geschweige faktisch untersetzt – und von linker Gewalt natürlich geschwiegen.

Bernd Gögel. Quelle: https://www.stuttgarter-nachrichten.de/media.media.bf2b599b-c66c-48ed-88da-02dad6c49bc9.original1024.jpg

Aber es kommt noch besser: Die Beobachtung der AfD sei „überfällig“, befindet Quent. Und er begründet das so: „Solange der Verfassungsschutz eine Deutungsinstanz ist, die sagt, was demokratisch ist und was nicht, muss man zur Kenntnis nehmen, dass die AfD programmatisch und ideologisch nicht auf dem Boden des Grundgesetzes steht. In der Gesamtheit ist es eine rechtsextreme Partei…“. Wer jetzt meint, dass dieser Unsinn nicht mehr steigerbar ist, wird beim Weiterlesen eines Besseren belehrt, denn Quent bemüht nun auch die Kemmerich-Wahl von Erfurt, die die Demokratie destabilisiere: „Wir sehen die Erosion und Verletzlichkeit der parlamentarischen Demokratie durch rechte Aggressoren [sic!], die sich nicht an demokratische Gepflogenheiten halten und die Parlamente als Bühne nutzen, um die Demokratie vorzuführen.“

„Holzhammer-Propaganda“

„Mit solcher Holzhammer-Propaganda, dargeboten im Stil und mit dem Vokabular des Kalten Krieges, wird die faktenbefreite Spaltung der Bürger in Gut- und Schlechtmenschen weiter befördert“, erregt sich Baden-Württembergs AfD-Fraktionschef Bernd Gögel MdL. Er kritisiert neben dem moralisch verzerrten Demokratiebegriff des Interviews vor allem die Rassismus-Vorwürfe gegen seine Partei in einem Begriffsverständnis, das jüngst auch das ZDF etablierte: „Rassismus = Konstruktion von Gruppen + Zuschreibung von Attributen. Bei dieser Kindergarten-Definition aus der ‚poststrukturalistischen Quatsch-Soziologie‘, wie der Publizist Dimitrios Kisoudis erkennt, ist ein Konsens unmöglich. Denn erstens ist es demnach schon rassistisch, Aussagen über Gruppen zu treffen, weil Gruppen natürlich durch Attribute voneinander abgegrenzt werden. Zweitens darf man Unterschiede im Verhalten nicht benennen, die Gruppen regelmäßig kennzeichnen. Nach dieser irrsinnigen, linksradikalen Definition sind mehr Leute Rassisten, als es etwa potentielle AfD-Wähler gibt. Sich von Leuten zu distanzieren, die viel zahlreicher sind als man selbst, ist gleich doppelt sinnlos.“

Daneben ärgert Gögel, dass mit den BNN ausgerechnet ein Medium aus dem eigenen Bundesland diese Propaganda liefert. „Die Zeitung, die seit 1998 ein Auflagenminus von 32,5 Prozent zu verzeichnen hatte, gehört einer Stiftung, was eigentlich ihre Unabhängigkeit garantieren soll. Das Interview zeugt aber nicht von Unabhängigkeit, sondern von linker Einseitigkeit im Vorwahljahr. Wenn das ein Vorgeschmack auf die Publizistik des Wahlkampfs sein soll, dann wissen wir und die Bürger, welch bittere, ja ungenießbare Berichterstattung uns erwartet. Ich fordere die BNN auf, sowohl lexikalisch und stilistisch abzurüsten als auch sich ihrer Verantwortung bewusst zu sein, die sie in Bezug auf argumentative und faktenbasierte Berichterstattung haben. Journalisten sollen Texte produzieren, keine Ideologie.“

Georg Restle. Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/morddrohung-gegen-georg-restle-ich-bin-einer-von-vielen.2907.de.html?dram:article_id=455019

Allerdings stehen die BNN damit längst nicht mehr allein, häufen sich in den letzten Wochen und Monaten doch vereinseitigende, tendenziöse Berichte. „Im wichtigsten deutschen Nachrichtenformat verhält sich die mediale Präsenz der beiden linken Oppositionsparteien DIE LINKE und Bündnis90/Die Grünen umgekehrt proportional zur Fraktionsstärke im Bundestag“, erkannte allein der Publizist Jerzy Röder nach einer gerade 4-Wochen-Inhaltsanalyse der Tagesschau auf achgut: „DIE LINKE 18 Statements, Bündnis90/Die Grünen 9 Statements, FDP 7 Statement, AfD 5 Statements“.

„Plädoyer für einen werteorientierten Journalismus“

Die Tendenzberichterstattung begann nicht erst bei den Hetzjagd-Fakenews von Chemnitz und endete noch nicht bei den WDR-Sendungen Monitor und Westpol, die im Januar nach Focus-Recherchen migrationsfreundliche und zugleich polizeikritische Berichterstattung gekauft hätten. Wir erinnern uns: Monitor-Chef Georg Restle hatte in einem „Plädoyer für einen werteorientierten Journalismus“ eine offengelegte Parteinahme nicht nur wahrhaftiger, sondern auch ehrlicher befunden – im Gegensatz zu einem von ihm konstatierten journalistischen „Neutralitätswahn“ (!). Allerdings ist auch der umgekehrte Fall beobachtbar: Als die MDR-Journalistin Wiebke Binder am Abend der sächsischen Landtagswahl von der AfD als „bürgerliche Partei“ sprach, erntete sie einen Shitstorm.

Und seit Februar diesen Jahres hat sich gar ein dritter, mittelbarer Kampfplatz eröffnet. Die Zeit und das NDR-Magazin Panorama hatten zehn Tage vor der Bürgerschaftswahl berichtet, dass Hamburgs Finanzbehörde 2016 eine Steuerschuld in Höhe von 47 Millionen Euro aus dem Jahr 2009 verjähren ließ. Außerdem wurde bekannt, dass es – entgegen Senatsangaben – ein Treffen zwischen Ex-Bürgermeister Olaf Scholz und Warburg-Chef Christian Olearius gegeben hatte. Dabei entstand der Eindruck, dass es eine verdächtige Nähe zwischen der Bank und der SPD geben würde – die prompt Stimmenverluste einfuhr. Fast ebenso prompt deuteten Abendblatt-Vize Matthias Iken sowie der langjährige Hamburg-1-Politikchef Herbert Schalthoff eine Art Wahlmanipulation an – die am Ende der AfD geholfen habe könnte.

Spiegel-Berichterstattung. Screenshot: https://sven-giegold.de/wp-content/uploads/2020/02/warburg-zeit.png

Den Vogel jedoch schossen nach der bayrischen Kommunalwahl jüngst die Erlanger Nachrichten ab. Der Leiter ihrer Lokalredaktion, Markus Hörath, bewertete in einem Kommentar den Einzug der AfD in den Stadtrat – und damit das demokratisch erzielte Wahlergebnis! – als „nicht nur abstoßend, sondern auch ekelhaft“. Es verböte sich die Zusammenarbeit mit einer politischen Kraft, „die ihre ganze Energie aus der Hetze gegen Ausländer schöpft und völkisches, nationales Gedankengut wieder salonfähig machen will“. Gefragt sei „jetzt von den demokratischen Kräften im Stadtrat Souveränität und die Fähigkeit, die Saat der spalterischen AfD nicht noch weiter aufgehen zu lassen.“ Dass er damit selbst spaltet, weil er Menschen von vornherein von der Demokratie ausschließt, bekommt offenbar auch er nicht mehr mit.

Seine Wirkungsgeschichte war wie die kaum eines anderen Amerikaners himmlischen Höhen und höllischen Tiefen unterworfen. In einer Begräbnisrede hob William Smith, erster Kanzler der Universität von Pennsylvania, die philanthropischen und wissenschaftlichen Leistungen Benjamin Franklins hervor. Der Literaturkritiker Lord Jeffrey lobte Franklin für seinen „einfachen Witz“ und pries ihn als einen der großen Vertreter des Rationalismus. Der Romantiker John Keats schrieb in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts dagegen, Franklin sei „voller erbärmlicher und auf Sparsamkeit ausgerichteter Lebensregeln“ und „kein großartiger Mann“ gewesen.

Mit dem Anbruch des Gilded Age Ende des 19. Jahrhunderts, einer Blütezeit der Wirtschaft in den Vereinigten Staaten, wurde Franklin als Musterbeispiel eines sozialen Aufsteigers wieder in weitaus positiverem Licht gesehen. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts schlug die Stimmung erneut um: so zog der Soziologe Max Weber Franklin in seinem Werk „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ ein ums andere Mal als Negativbeispiel für eine Gesinnung heran, die allein auf die Steigerung des eigenen finanziellen Wohlstandes gerichtet ist. In der Wirtschaftskrise nach 1929 stieg Franklins Ansehen erneut stark an – Werte wie Sparsamkeit und Gemeinsinn standen hoch im Kurs.

Franklin-Porträt von Joseph-Siffred Duplessis (Ölgemälde, um 1785). Das Bild diente 1995 als Vorlage zur Darstellung Franklins auf der neugestalteten 100-US-Dollar-Banknote. Quelle: http://www.npg.si.edu/exh/brush/ben.htm, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=52076

Heute füllt eine lange Reihe von Werken mit Benjamin Franklins Namen im Titel die amerikanischen Buchregale. Zu schreiben über ihn und sein langes Leben gab es genug: Er war Drucker, Verleger, Publizist, Naturwissenschaftler, Politiker, Diplomat – und Erfinder. Am Ende hat er neben dem Blitzableiter auch die Glasharmonika, den flexiblen Harnkatheter, eine frühe Form der Schwimmflossen, einen Holzofen mit verbesserter Brennleistung und die Bifokalbrille erfunden: es war ihm lästig, ständig seine Fernbrille gegen die Lesebrille auszutauschen. Sie blieb bis zur Erfindung der Gleitsichtbrille internationaler Standard. Seine große Liebe in der Freizeit galt dem Schach: „Die Sittlichkeit des Schachspiels“ („The morals of chess“) gilt als erster amerikanischer Beitrag zur Schachliteratur; seit 20 Jahren ist Franklin in der US Chess Hall of Fame aufgenommen. Der Selfmademan starb am 17. April 1790 in Philadelphia.

Ich, Drucker

Geboren am 17. Januar 1706 als 15. von 17 Kindern eines ausgewanderten englischen Seifen- und Kerzenmachers in Boston, lernte er ab dem achten Lebensjahr auf der Lateinschule, um sich für ein Studium in Harvard und eine spätere Laufbahn als Pastor vorzubereiten. Er war hochbegabt, übersprang eine Klasse und musste dennoch die Schule wechseln, um Schreiben und Arithmetik zu lernen. Während Franklin in seiner Autobiographie behauptete, dies sei allein dem geringen Einkommen seines Vaters geschuldet gewesen, gehen Biographen davon aus, dass dieser schon früh die rebellische Natur seines Sohnes erkannte und ihn deshalb als ungeeignet für eine geistliche Laufbahn hielt.

Nachdem er als 10-jähriger für zwei Jahre bei seinem Vater arbeitete, ging er anschließend zu seinem Halbbruder James und arbeitete in dessen Druckerei. In der Zeit bildete er sich autodidaktisch durch Lesen weiter. Franklin war ab 1721 bei der von seinem Bruder gegründeten Zeitung „New England Courant“ tätig und verfasste anonym als „Mrs. Silence Dogood“ liberale Beiträge, in denen er die Nähe zwischen Kirche und Staat attackierte. Schon in jungen Jahren wandte er sich vom Christentum ab und wurde Deist. Die Gedanken der Aufklärung und christliche Orthodoxie ließen sich für ihn nicht vereinbaren. Als er sich 1723 dem Bruder als Autor offenbarte, kam es zum Bruch. Nach einem Intermezzo in der Druckerei von Samuel Keimer in Philadelphia zog er nach London, um sich dort als Drucker ausbilden zu lassen. Noch sein Testament beginnt mit den Worten „Ich, Benjamin Franklin aus Philadelphia, Drucker“.

1726 kehrte Franklin als Geschäftsführer zu Keimer zurück und entwickelte einen Schriftschnitt, der als der erste auf dem nordamerikanischen Kontinent gilt. Zur Erinnerung daran erarbeitete der Typograph Morris Fuller Benton die Schriftfamilie „Franklin Gothic“. Zusammen mit einem von Keimers Angestellten machte er sich selbstständig und gründete 1728 eine eigene Druckerei. Ein Jahr später übernahm er von Keimer die bis 1777 erscheinende erfolgreiche Pennsylvania Gazette und wurde damit zum ebenso stolzen wie selbst schreibenden, finanziell unabhängigen Zeitungsverleger.

Schriftbeispiel für Franklin Gothic. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/3/35/FranklinGothicSP.svg/800px-FranklinGothicSP.svg.png

Mit der freimaurerischen Idee in London bekannt geworden, vertrat er schon in dem 1727 von ihm gegründeten Selbsterziehungsklub „Junto“, der aber allgemein der „Lederschurzklub“ hieß, maurerische Grundsätze. 1734 brachte er als erstes freimaurerisches Buch jenseits des Ozeans eine Ausgabe der „Alten Pflichten“ heraus. Von den ersten Junto-Zusammenkünften an diskutierte Franklin praktische Vorschläge zur Verbesserung des alltäglichen Lebens. Als der Club eigene Räume bezog, wurden diese mit Büchern aus dem Besitz der Mitglieder eingerichtet und so die erste Leihbibliothek in Amerika etabliert. Sie gehört heute zu den ältesten kulturellen Institutionen in den USA und verfügt über einen Bestand von mehr als 500.000 Büchern und über 160.000 Handschriften.

Zugleich wird Franklin unter ungewöhnlichen Umständen sesshaft: in einer „Common-Law“-Ehe mit seiner ersten Liebe Deborah, die inzwischen geheiratet hatte, aber von ihrem Gatten mit Schulden zurückgelassen wurde. Franklin wiederum hatte einen Sohn aus einer seiner vielen „Liebschaften mit sozial niederen Frauen, die mir über den Weg liefen“. Das Paar bekam gemeinsam noch einen Sohn, der als Kind an den Pocken starb – seitdem gilt er als Vertreter einer Impfpflicht –, und eine Tochter. 1733 startete er sein erfolgreichstes literarisches Unternehmen: das Jahrbuch „Poor Richard´s Almanach“, das bis 1758 erschien. Es war in seiner Mischung aus häuslicher Philosophie und Ratschlägen für den Alltag nach der Bibel das bekannteste Werk in den Kolonien, eine daraus entstandene Spruchsammlung wurde in 145 Editionen nachgedruckt und ist bis heute in mehr als dreizehnhundert Auflagen verkauft worden. Darin finden sich Weisheiten wie „Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren“.

„Funken aus dem Schlüssel ziehen“

1736 gründete er sowohl die erste Feuerversicherungsgesellschaft als auch mit der Union Fire Company die erste Freiwillige Feuerwehr. 1737 wird er Oberpostmeister, später als stellvertretender Postminister auch Angehöriger der Kolonialverwaltung und zieht sich aus dem Geschäftsleben weitgehend zurück. Den Betrieb seiner Druckerei überließ der Privatier und „gentleman philosopher“ seinem Vorarbeiter, der ihm die Hälfte der Einnahmen überlassen musste. Anfang der 1740er Jahre gehörte er zu den Mitgründern der sich an der britischen „Royal Society“ orientierenden Gelehrtengesellschaft „American Philosophical Society“ und begann sich mit Leidenschaft mit Fragen der Naturwissenschaft, vor allem der Elektrizität, zu beschäftigen. Die von den Gelehrten zu diskutierenden Themen waren – wie vieles, was Franklin vorschlug – mehr an der Nützlichkeit als an der Theorie ausgerichtet. So sollten etwa Entdeckungen auf dem Gebiet der Nutzpflanzen, des Handels, der Geländevermessung, der Herstellung von Gütern, der Tierzucht und anderer praktischen Themen untereinander bekannt gemacht werden. Die Gesellschaft existiert bis heute.

zeitgenössische Darstellung vom Franklin-Experiment am 15. Juni 1752 mit seinem Sohn. Quelle: http://www.brieselang.net/benjamin-franklin.php

Besonders auf dem Gebiet der Luft- und Reibeelektrizität machte sich Franklin einen Namen, der ihn über die USA auch in Europa und in Deutschland bekannt machte. Er erkannte das Gewitter als Elektrizität und wies diese Annahme mit seinem berühmten „Drachenversuch“ nach: Er baute einen Drachen aus Zedernholzleisten, klemmte einen Eisendraht an die Spitze und an den Schweif seinen Hausschlüssel, in dem sich die Elektrizität sammeln sollte. Am 15. Juni 1752 zog das erhoffte Gewitter auf, und Franklin ließ seine fliegende Versuchsanordnung in den Himmel von Neuengland aufsteigen. Die Rechnung ging auf für den Tüftler: Er habe mit den Fingern Funken aus dem Schlüssel ziehen können, schwärmte er in der „Pennsylvania Gazette“.

Daraus entstand der Blitzableiter, der zuerst von Pfarrern genutzt wurde, die sich beim Schutz ihrer Kirchtürme nicht mehr allein auf ihr Gottvertrauen verlassen wollten. Der erste deutsche Blitzableiter wurde 1769 auf dem Hamburger Jacobikirchturm errichtet. Georg Christoph Lichtenberg war nicht nur ein Bewunderer Franklins, sondern machte seine wissenschaftlichen Errungenschaften über die Elektrizität in Deutschland populär und weitete sie aus. Zusammen mit Lichtenberg führte Franklin die nach der unitarischen Lehre gültige Bezeichnung von positiv und negativ zur Erklärung der Elektrizität ein. Für den deutschen Professor Lichtenberg war Franklin das Paradebeispiel des genialen Kopfes und Wissenschaftlers auch ohne akademische Laufbahn. Zweifacher Ehrendoktor in England, erhielt er von der Royal Society 1753 die Copley-Medaille, den „Nobelpreis des 19. Jahrhunderts“.

Seit dieser Zeit engagierte er sich auch explizit politisch. Bereits 1747 rief er zur Bildung einer Bürgermiliz auf: Allein ein Bund der Mittelschicht, der Händler, Ladenbesitzer und Farmer, könne die Kolonie retten. Bald schrieben sich einige zehntausend Freiwillige in die Register der von Franklin sorgsam geplanten Freiwilligenkompanien ein. Thomas, Sohn des Pennsylvania-Gründers William Penn, bezeichnete Franklin in einem Brief als „Volkstribun“ und klagte: „Er ist ein gefährlicher Mann und ich wäre froh, wenn er in einem anderen Land lebte, denn ich glaube, dass er von überaus ruhelosem Geiste ist.“

Sprecher für die Rechte der Amerikaner

1754 repräsentierte er Pennsylvania im Albany Congress, lebte zwischen 1757-62 und 1764-75 wieder in England: Erst als Repräsentant für Pennsylvania, später für Georgia, New Jersey und Massachusetts. Während seiner letzten Repräsentanten-Periode, die zeitgleich mit den Unruhen in den Kolonien war, durchlief er eine politische Metamorphose und wurde zum Zeitpunkt der Stamp Act Krise vom Anführer einer zerbrochenen ländlichen Partei zum gefeierten Sprecher für die Rechte der Amerikaner in London. Dieses sog. Stempelgesetz bestimmte, dass alle offiziellen Schriftstücke und Dokumente, aber auch Zeitungen, Karten- und Würfelspiele in den nordamerikanischen Kolonien mit Stempelmarken versehen werden oder auf eigens in London hergestelltem Papier mit einer Stempelprägung ausgefertigt sein mussten. So sollten die Kolonien finanziell an der Stationierung britischer Truppen in Nordamerika beteiligt werden, da die Kolonisten als Nutznießer dieses militärischen Schutzes für einen Teil der entstehenden Kosten aufkommen sollten. 1766 wird das Gesetz zurückgezogen.

Seite aus seiner Autobiographie. Quelle:  http://www.librarycompany.org/BFWriter/images/large/8.1.jpg

Franklin wechselte endgültig aus dem Lager der Loyalisten in das Lager der Unabhängigkeitsbefürworter. Dieser Schritt brachte ihn in heftigen Gegensatz zu seinem im New Jersey als britischer Gouverneur residierenden Sohn William. In den Jahren des Unabhängigkeitskampfes gehörte Benjamin Franklin fortan zu den führenden Persönlichkeiten: Auslöser war die Affäre um die Hutchinson-Briefe, die Franklins Biograph Gordon S. Wood als das „außergewöhnlichste und aufschlussreichste Ereignis in Franklins politischem Leben“ bezeichnet. Thomas Hutchinson, Vizegouverneur von Massachusetts, hatte eine Reihe von Briefen an den britischen Außenminister geschrieben, sich darin für eine harte Haltung gegenüber den Kolonien ausgesprochen und insbesondere empfohlen, deren Freiheiten zu beschneiden, und sei es durch spezielle Steuern. Franklin sandte sie nach Massachusetts, um auf diese Weise zu belegen, dass das Verschulden für die Krise zwischen den Kolonien und dem Mutterland nicht etwa bei der britischen Regierung, sondern vielmehr bei Kolonialbeamten wie Hutchinson liege. Die Boston Tea Party 1773 ging unter anderem auf diese Indiskretion zurück.

1776 wurde er vom Kontinental-Kongress in den Ausschuss gewählt, der die Unabhängigkeitserklärung konzipierte. Außerdem wurde er zum Vorsitzenden des die entsprechende Pennsylvania-Verfassung ausarbeitenden Gremiums eingesetzt. Gesundheitlich angegriffen, beschränkte sich seine Rolle anfangs darauf, die Entwürfe Thomas Jeffersons durchzugehen und Verbesserungsvorschläge zu erarbeiten. Seine Änderungen sind in dem Dokument überliefert, das Jefferson als „Rohentwurf“ bezeichnete. Nach der Loslösung von Großbritannien machten sich die einzelnen Staaten an die Ausarbeitung von Verfassungen. In einer Zeit, als die englische Mischverfassung mit ihrer Balance zwischen Krone, Oberhaus und Unterhaus als das Ideal galt, sah die Pennsylvania Constitution lediglich ein Einkammersystem vor. Damit gilt sie heute als der demokratischste aller Verfassungsentwürfe jener Zeit. Insbesondere in Frankreich wurde die Idee mit großem Beifall aufgenommen und Jahre später in der Französischen Revolution umgesetzt.

einziges amerikanisches Universalgenie

Als Gesandter in Paris schmiedete er ab 1777 das Bündnis der USA mit Frankreich, erreichte die Gewährung eines Kredits von König Ludwig XVI und schloss mit Frankreich einen Handels- und Bündniskontrakt. Vor allem wünschten sich die bedrängten Amerikaner militärische Hilfe von Frankreich. Franklins Mission in Paris und Versailles zog sich bis 1785 hin. In Frankreich wurde er überaus wohlwollend aufgenommen und verband persönliches Wohlleben in der dekadenten Atmosphäre des Bourbonen-Hofes mit erfolgreicher diplomatischer Kleinarbeit für die Sache der Unabhängigkeit. Die Verpflichtung Steubens als amerikanischer Generalinspekteur ist ihm zu verdanken.

Nach der für die Amerikaner siegreichen Schlacht von Saratoga im Oktober 1777 gingen die Franzosen auf Franklins Vorschläge ein und schlossen im Februar 1778 einen Freundschaftsvertrag mit den Nordamerikanern. Das Eingreifen der Franzosen in den Unabhängigkeitskrieg trug wesentlich zum Zusammenbruch der britischen Position bei. Am 30. November 1782 unterschrieben britische Delegierte und die von Franklin angeführte amerikanische Delegation in Paris den Friedensvertrag, in dem Großbritannien die Unabhängigkeit seiner nordamerikanischen Kolonien anerkannte.

Unabhängigkeitserklärung mit Franklins Änderungen. Quelle: Von US_Declaration_of_Independence_draft_1.jpg: Thomas Jeffersonderivative work: Frank Schulenburg (talk) – US_Declaration_of_Independence_draft_1.jpg, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12862942

In den nächsten drei Jahren wirkte Franklin weiter als Gesandter in Frankreich, wo er sehr gefragt war, notierte ein Tagebuchschreiber, „und dies nicht nur bei seinen gelehrten Kollegen, sondern bei jedermann, der Zugang zu ihm erlangen kann“. Wohin auch immer er in seiner Kutsche reiste, bildeten sich Menschengruppen, die ihn hochleben ließen und einen Blick auf ihn werfen wollten. 1785 kehrte er, mittlerweile 79-jährig, nach Philadelphia zurück und wurde mit großem Pomp gefeiert. Er bekleidete bis 1787 das Amt eines Präsidenten von Pennsylvania und beteiligte sich, schon schwerkrank durch Blasensteine und Gicht, an der „Philadelphia Convention“, die endlich den lediglich losen verbundenen 13 ehemaligen Kolonien eine gemeinsame Verfassung geben sollte. Am 17. September 1787 unterzeichneten 39 von 42 anwesenden Delegierten, darunter auch Franklin, die neue Bundes-Verfassung der USA. Auf seinen Vorschlag geht die Unterteilung der Legislative in Senat und Repräsentantenhaus zurück. Im selben Jahr wurde er, inzwischen Witwer, 1787 Präsident der Gesellschaft gegen Sklaverei.

Bis zuletzt veröffentlichte Franklin Schriften zu diversen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Themen, korrespondierte mit vielen bekannten Zeitgenossen und schrieb seit 1771 an seiner letztlich unvollendeten Autobiographie. Er stirbt 84jährig in Philadelphia – als einziger Gründervater der USA, der neben der Verfassung auch die Unabhängigkeitserklärung und den Friedensvertrag mit dem Königreich Großbritannien unterzeichnete. Schon von der jungen Madame Tussaud wurde er als Wachsfigur portraitiert. Bis heute würdigen Ärzte seine Verbundenheit zur Medizin: Franklin gründete unter anderem das Pennsylvania Hospital und konstituierte aus Sorge um die Ausbildung nachfolgender Generationen ein College, aus dem die University of Pennsylvania hervorging. Er gilt vor Thomas Alva Edison als erstes amerikanisches Universalgenie.

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