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Kann man einen Menschen mit einem Affen kreuzen? Allein die Frage jagt den meisten einen kalten Schauer über den Rücken. Wenige wissenschaftliche Themen wecken ähnlich schwere ethische Bedenken und entfachen hitzigere Diskussionen zwischen Darwinisten und Kreationisten. Doch auch dieses heikle Thema ist dem ehernen Gesetz der Wissenschaft unterworfen: Was erforscht werden kann, wird früher oder später erforscht. Stets taucht zu dem Thema derselbe Name als Erstes auf: Ilja Iwanowitsch Iwanow, Professor an der Universität Charkiw (Ukraine) und hochrangiger Wissenschaftler am Zoologischen Institut in Moskau. Am 20. Juli vor 150 Jahren wurde er in Schtschigry bei Kursk geboren.

Seine Familie sowie seine Kindheit und Jugend liegen, nicht zuletzt seinem Lebens- und Karriereende geschuldet, im Dunkeln. Verbürgt ist, dass er in Charkow studierte und bereits 1910 einen Vortrag auf dem Internationalen Zoologenkongress in Graz zur Kreuzung von Menschen und Affen hielt. Von 1917 bis 1921 und von 1924 bis 1930 war er am Staatlichen Institut für experimentelles Veterinärwesen tätig und arbeitete in den Jahren dazwischen in einer Forschungsstation, die sich mit der Züchtung und Fortpflanzung von Haustieren befasste. Seine ersten praktischen Erfolge erzielte er bei Pferden. Iwanow befruchtete edle Stuten mit dem Sperma von ebenso sorgfältig ausgewählten Hengsten, um ein Superpferd zu kreieren. Ein bedeutsames Unterfangen in einer Zeit, da die Streitkraft der Kavallerie noch nicht von Panzerdivisionen abgelöst worden war, und zugleich wegbereitend für die künstliche Befruchtung, die damals noch in den Kinderschuhen steckte. Die von ihm dazu entwickelten Methoden bei landwirtschaftlichen Nutztieren waren in der Sowjetunion weit verbreitet.

Ilja Iwanowitsch Iwanow. Quelle: https://cdn.prod.www.spiegel.de/images/166c64f4-0001-0004-0000-000001342790_w909_r0.7575_fpx39_fpy35.jpg

Iwanow ging aber über die ursprüngliche Forschungsfrage hinaus und kreuzte unterschiedliche Tierarten miteinander. Die Ergebnisse blieben zwar hinter den Erwartungen zurück, allerdings erwiesen sich Iwanows Methoden der Befruchtung durchaus als erfolgreich und breit einsetzbar. Es gelang ihm, ein Zebra und einen Esel zu etwas zu kreuzen, das er „Zebroid“ nannte. Und einen Wisent und eine Kuh vermählte er zu einem „Zubron“. Nach und nach setzte Iwanow seine Arbeit mit anderen Tieren fort, die zoologisch gesehen etwas weiter auseinanderlagen. Er kreuzte Antilope und Kuh, Maus und Ratte, Maus und Meerschweinchen. Das Tor zum ultimativen Experiment stand nun weit offen.

„sehr unerfreuliche Folgen“

Das war gedacht als Test auf Darwins Hypothese, dass die Schimpansen die nächsten Verwandten des Menschen seien. Pläne, zum Experiment bereite Frauen mit Schimpansensperma zu befruchten, scheiterten mangels männlicher Schimpansen. Um diese zu beschaffen, nahm er 1926 Kontakt zu Rosalía Abreu auf, die seit mehr als 20 Jahren auf Kuba eine Gruppe von Schimpansen hielt. Sie war die Tochter eines wohlhabenden kubanischen Plantagenbesitzers und weltweit die erste Tierhalterin, der es gelang, Schimpansen über deren gesamte Lebenszeit in Gefangenschaft zu halten und zu züchten. Ihre Erkenntnisse bildeten die Grundlage für die erfolgreiche Haltung von Großen Menschenaffen in den Zoologischen Gärten weltweit. Doch sie zog sich aus dem Vorhaben zurück nach einem an sie gerichteten Drohbrief des Ku-Klux-Klans, der die „Verunreinigung reinrassiger weißer Frauen“ fürchtete.

Dann lud das renommierte französische Institut Pasteur Iwanow nach Westafrika ein und stellte ihm frisch gefangene Affen zur Verfügung: Das Institut unterhielt im damaligen Französisch-Guinea eine Forschungseinrichtung, die sich auf Menschenaffen spezialisiert hatte. Iwanow erhielt die Erlaubnis, seine Forschung dort durchzuführen, und warb die finanziellen Mittel für die Reise im eigenen Land ein. Auch das menschliche Sperma organisierte Iwanow selbst. „Es wurde von einem Mann gewonnen, dessen Alter nicht genau bekannt ist. Auf jeden Fall nicht älter als 30“, schrieb er in sein Notizbuch, aus dem sich der Ablauf des Experiments rekonstruieren lässt. Spermien in die Vagina eines Schimpansenweibchens zu bekommen, erwies sich als schwierig: Schimpansen sind kräftiger als Menschen und schlagen um sich, wenn sie sich bedroht fühlen. Am 28. Februar 1927 im botanischen Garten von Conakry, einer Stadt im westafrikanischen Guinea, wollte er es mit der Unterstützung der russischen Akademie der Wissenschaften, des US-amerikanischen Vereins für den Fortschritt des Atheismus und des Instituts Pasteur dennoch wissen.

Kreuzungsskizze 1927. Quelle: https://cdn.prod.www.spiegel.de/images/8f65354e-0001-0004-0000-000001342793_w920_r1.6597510373443984_fpx39.67_fpy49.94.jpg

Wenn die örtliche Bevölkerung vom Experiment erfahre, könne das „sehr unerfreuliche Folgen“ haben, notierte er. Nur sein 22-jähriger Sohn stand ihm zur Seite, er hieß ebenfalls Ilja. Einmal sollte ihn ein Schimpanse so heftig prügeln, dass er ins Krankenhaus musste. Irgendwie schafften die Iwanows es offenbar, die Katheter mit den Spermien einzuführen. Nun mussten sie warten. Vermutlich war ihnen die politische Sprengkraft ihres Experiments bewusst. Ein Affenmenschenbaby würde die Lehre der Bibel widerlegen, dass dem Menschen eine Sonderstellung in der göttlichen Schöpfung zustehe. So hoffte ein Sowjetfunktionär, das Experiment könne Argumente im Kampf gegen die christliche Schöpfungslehre liefern, ja die Arbeiterklasse von der „Macht der Kirche befreien“ – knapp zehn Jahre nach der Oktoberrevolution waren in der Sowjetunion viele Arbeiter und Bauern religiös. Außerdem wäre das Affenmenschenbaby nicht nur der letzte Beweis für Charles Darwins Evolutionstheorie, sondern zugleich ein Prestigeerfolg für die Wissenschaft der Sowjetunion in Konkurrenz zu den Kollegen im Westen.

Das Experiment schlug fehl: Nach wenigen Wochen musste Iwanow einsehen, dass die Schimpansenweibchen nicht trächtig waren – er weiß noch nicht, dass diese Kreuzung durch die unterschiedliche Chromosomenanzahl von Menschen und Affen genetisch unmöglich ist. Er gab jedoch nicht auf und versuchte, das Experiment erneut zu spiegeln: mit menschlichen Frauen und Affensperma. Er fragte den Gouverneur von Guinea – damals Teil einer französischen Kolonie -, ob er in den örtlichen Krankenhäusern heimlich Versuche an Einwohnerinnen durchführen dürfe. Der Franzose lehnte ab. Iwanow nahm einige Affen mit zurück in die Sowjetunion, vielleicht mit dem Plan, seine Experimente mit fortschrittsbejahenden Sowjetbürgerinnen fortzusetzen. Die meisten Primaten starben jedoch bei der Überfahrt. So scheiterte ein renommierter Biologe mit einem ethisch fragwürdigen Experiment.

Wissenschaftler ohne Gewissen?

An dieser Stelle könnte die Geschichte von Iwanow und seinen Affenmenschen schon enden. Denn 1930 fiel Iwanow einer Säuberungswelle zum Opfer und wurde wegen „konterrevolutionärer Aktivitäten“ nach Kasachstan verbannt. Mit seinen Experimenten hatte das wohl nichts zu tun: Unter Stalins Herrschaft verhaftete die Geheimpolizei den Großteil der Eliten – oft völlig grundlos. Zwei Jahre später, am 20. März 1932, starb er in Alma-Ata. Er galt als Wissenschaftler ohne Gewissen, seine Arbeit als Verirrung – zwar zu Unrecht, wie Spezialisten auf dem Gebiet der Fruchtbarkeitsforschung wissen. Doch interpretiert wird er als Monster.

Forschungszentrum Sochumi 1959. Quelle: https://cdn.prod.www.spiegel.de/images/25913db5-0001-0004-0000-000001342806_w920_r0.66650390625_fpx49.97_fpy33.31.jpg

Denn das Experiment sollte der Ausgangspunkt für eine wilde Verschwörungstheorie werden: Im Auftrag von Sowjetdiktator Stalin habe er Affenmenschen als Arbeiter oder Krieger gezüchtet und dazu ein geheimes Labor an der Schwarzmeerküste betrieben: Iwanow, der „Rote Frankenstein“. Stalin hatte viel davon gesprochen, die Gesellschaft und jeden einzelnen Einwohner umzubauen, umzugraben, umzukrempeln. Waren Iwanows Kreuzungen Teil von Stalins Plan zur Schaffung des „neuen Menschen“? Tatsache ist, dass Iwanow den Segen von Nikolai Petrowitsch Gorbunow hatte, damals Ranghöchster an der Russischen Akademie der Wissenschaften. Tatsache ist auch, dass er am grundsätzlichen Gelingen des Experiments festhielt. Ob er aber seine Forschung in die sowjetische Stadt Sochumi am Schwarzen Meer verlagerte, wird bis heute bestritten.

Als gesichert gilt, dass Iwanow eine Gruppe Affen nach Sochumi brachte, Weibchen und Männchen. Danach verschwimmt sein Treiben wieder im Nebel der Geschichte. Ließ er tatsächlich menschliche Eierstöcke in ein Weibchen transplantieren? Und stimmt es, dass er vergeblich versuchte, es künstlich zu befruchten? Bis heute sind die Antworten unklar. Dies gilt auch für den nächsten Schritt: die künstliche Befruchtung von Frauen mit Affensperma. Historische Dokumente belegen anscheinend, dass Iwanow öffentlich nach Freiwilligen suchte. Laut historischen Aufzeichnungen meldeten sich daraufhin tatsächlich fünf Frauen, und von diesen „Heldinnen des Vaterlandes“ wurden sogar Fotos verbreitet.

In Sochumi lernten die Wissenschaftler bald, die Affen im Schwarzmeerklima und in Gefangenschaft am Leben zu halten. Sie testeten an den Primaten Antibiotika sowie Impfstoffe gegen Tetanus und Diphtherie. Gemeinsam mit ihren Kollegen vom Raumfahrtprogramm erforschten sie, wie Primaten Schwerelosigkeit verkraften. Iwanow arbeitete dort allerdings nie. Bei seinem einzigen Besuch im Sommer 1928 waren nicht einmal Primaten vor Ort. Ein weiteres Fragezeichen. Doch noch immer tuschelten die Einwohner der Sowjetunion über Stalins Geheimlabor.

J. Parnov. Quelle: https://cdn.prod.www.spiegel.de/images/25913db5-0001-0004-0000-000001342806_w920_r0.66650390625_fpx49.97_fpy33.31.jpg

Als 1989 die Sowjetunion zusammenbrach und sich ehemals geheime Archive öffneten, wühlte sich der Science-Fiction-Autor Jeremei Parnow durch die Akten und fand angeblich belastendes Material. „Ein Blick in die geheimen Dokumente würde selbst die Herzen der härtesten Kerle in Angst versetzen“, schrieb er in einem Text, der in einer russischen Zeitschrift namens Medizinische Mysterien erschien. Er galt rasch als Experte für das Sochumi-Institut und raunte in Fernsehsendungen über das geheime Forschungsprogramm, dessen Ziel darin bestehe, „dumme, gehorsame Sklaven hervorzubringen, die schwere Arbeit verrichten.“ Die angeblich erstrebte Kreatur nannte er „Yahoo Sovieticus“, in Anspielung auf Jonathan Swifts Romanklassiker „Gullivers Reisen“, in dem „Yahoos“, menschenähnliche Wesen, die Sklaven von pferdeähnlichen Wesen sind.

Vermutlich setzte Parnow auch das Gerücht in die Welt, dass Stalin höchstpersönlich in einem Brief ans Politbüro Affenmenschenkrieger bestellt habe. Das russische Staatsfernsehen drehte die Dokumentation „Roter Frankenstein“, die auf einem gleichnamigen Buch des Journalisten Oleg Schischkin basiert. Die Doku kam zu dem Schluss, dass Iwanow keine Affenmenschen gezüchtet hatte. Und doch machte sie die Verschwörungstheorie eher bekannt, als sie einzudämmen. Die meisten Biologen bezweifelten zwar, dass Affen und Menschen überhaupt überlebensfähige Nachkommen zeugen können – über Versuche nach Iwanows Experiment in Afrika ist nichts bekannt. Aber den Boulevardblättern aus den USA, Großbritannien, Italien und Deutschland war das egal. Aus Iwanows Notizen, den Briefen der freiwilligen Probandinnen und Parnows Science-Fiction schufen sie steile Schlagzeilen. Bild etwa titelte: „Irrer Geheimplan enthüllt: Stalin züchtete Affen-Menschen für den Krieg“. So wurde Ilja Iwanow Jahrzehnte nach seinem Tod noch einmal weltberühmt. Nicht wegen seiner zweifellos vorhandenen Verdienste für die Biologie, sondern als Stalins „roter Frankenstein“.

Doch inzwischen ist klar, dass sich derartige Experimente meist nicht nur einem dubiosen Wissenschaftler, einem zweifelhaften Regime zuschreiben und in der fernen Vergangenheit verorten lassen. Bereits 1717 riet Jean Zimmermann in Paris zur Produktion einer Arbeiterschaft ein „leichtes Mädchen“ von einem Orang-Utan bzw. ein Menschenaffenweibchen von Männern schwängern zu lassen. 1889 schlug der Rassismustheoretiker Georges Vacher de Lapouge in Montpellier vor, durch solche Kreuzungen „gelehrige Arbeiter – Halbmenschen – herzustellen“. Er hielt dies für möglich, denn „der Unterschied zwischen Menschenaffen und Menschen ist geringer als z. B. der zwischen Makaken und Langschwanzaffen. Und diese Affen aus unterschiedlichen Familien haben schon mehrfach erfolgreiche Kreuzungen hervorgebracht.“

Lapouge. Quelle: https://atlantisforschung.de/images/Vacher-de-lapouge.jpg

Der niederländische Autor und Historiker Piet de Rooy schildert 2015 in seinem Buch „De Nederlandse Darwin“ die Geschichte von Herman Marie Bernelot Moens (1875 – 1938). Der Anthropologe und Biologielehrer hatte in Deutschland studiert und war den Theorien von Ernst Haeckel zugetan, einem renommierten deutschen Zoologen, der zu Zeiten Bismarcks für den Darwinismus und gegen den Kreationismus der Kirche kämpfte. Laut dem „Biografisch Woordenboek van Nederland“ wollte Moens Anfang des 20. Jahrhunderts einen gemeinsamen Nachkommen von Mensch und Affe schaffen, und Haeckel hielt einen Erfolg angeblich für möglich. Moens wollte damit der Evolutionstheorie handfeste Argumente liefern und warb öffentlich für sein Anliegen, erntete aber viel Empörung. In dieser Phase blieb sein Vorhaben 1908 anscheinend stecken.

„halb Mensch, halb Schimpanse“

Einen anderen Weg in dieselbe Richtung nahm ab 1930 Wladimir Petrowitsch Demichow. Der geniale russische Chirurg und Pionier der Transplantationschirurgie führte unter anderem die erste Herztransplantation bei einem Warmblüter, die erste Lungentransplantation und die erste Herz-Lungen-Transplantation in der Geschichte der Chirurgie durch. In der Öffentlichkeit wurde er vor allem durch Operationen bekannt, bei denen er Köpfe und Vorderkörper von und an Hunden verpflanzte. Seine Versuche wurden in der Sowjetunion als „Sputnik der Chirurgie“ bezeichnet. Der südafrikanische Herzchirurg Christiaan Barnard, der 1967 die erste erfolgreiche Herztransplantation bei einem Menschen durchführte, hat 1960 und 1963 Demichows Labor besucht und betrachtete ihn als seinen Lehrer.

Demichow mit einer seiner Kreaturen. http://www.rebirths.de/439403133

Der Science-Fiction-Autor Gert Prokop kreierte in der DDR der 70er Jahre den Begriff „Demichont“: einem todgeweihten Senior, der damit den Erbschleichereien verhasster Angehöriger ein Schnippchen schlagen will, wird der Oberkörper eines gesunden jungen Mannes transplantiert. Überhaupt erfreuten sich Gedankenspiele zur menschlichen Optimierung in der Science Fiction des Ostblocks großer Beliebtheit. Als namhaftester Ahne in dieser literarischen Tradition muss Alexander Beljajew gelten, der zu Lebzeiten Iwanows „Der Kopf des Prof. Dowell“ (1925) und „Der Amphibienmensch“ (1928) schrieb. In letzterem implantiert ein Chirurg seinem Sohn Kiemen, da der an einer unheilbaren Lungenkrankheit litt. So kann er nun an Land und im Ozean leben.

Unklar ist bis heute die Rolle von Erich Traub (1906 – 1985), einem deutschen Veterinärmediziner, der ab 1942 Laborchef in einem NS-Geheimlabor auf der Ostseeinsel Riems war und dessen Forschungen für die biologische Kriegsführung von Bedeutung waren. Er arbeitete von 1949 bis 1955 in Fort Detrick, wo die US-Army ihr Hauptquartier für biologische Kriegsführung hatte, sowie auf Plum Island, wo er mit mehr als 40 tödlichen Keimen arbeitete. Unter anderem wird seinen Aktivitäten auf Plum Island die Verbreitung der Lyme-Borreliose angelastet, er soll aber auch an der Züchtung von Mensch-Schwein-Hybriden im geheimen Labor der Insel beteiligt gewesen sein.

Filmcover „Amphibienmensch“. Quelle: https://www.videobuster.de/dvd-bluray-verleih/131341/der-amphibienmensch#bilder-offen&bilder

2018 offenbarte der Evolutionspsychologe Gordon Gallup von der New York State University, er wisse von einem „Affenmenschen“, der in den 1920er Jahren im Primatenforschungszentrum Orange Park in Florida geboren wurde: „Sie befruchteten ein Schimpansenweibchen mit menschlichem Sperma und behaupteten, die vollendete Schwangerschaft habe zu einer Geburt geführt“, wird der Forscher zitiert. Nach ein paar Tagen oder Wochen, so heißt es weiter, hätten sie das Neugeborene wegen moralischer und ethischer Bedenken getötet. Auch für den Evolutionsbiologen David P. Barash, Professor für Psychologie an der University of Washington, soll der Mensch der Zukunft halb Mensch, halb Schimpanse sein: „Die Schaffung eines Affenmenschen mittels Genmanipulation ist nicht nur denkbar, sondern könnte eine hervorragende Idee sein. Der Mensch wäre so gezwungen zu erkennen, dass er sich im Grunde nicht von Tieren unterscheidet. Das könnte helfen, dem grotesken Missbrauch von anderen Lebewesen auf der Erde ein Ende zu setzen.“ Mit anderen Worten: Zu einem der umstrittensten wissenschaftlichen Szenarien ist das letzte Wort noch lange nicht gesprochen.

Die Skulptur, die Gottfried Schadow von ihr und ihrer Schwester Friederike anlässlich ihrer preußischen Doppelhochzeit am Weihnachtsabend 1793 schuf, habe so viel Erotik ausgestrahlt, dass sie ihr Mann lange vor der Öffentlichkeit versteckte. In Filmen wurde sie von Hansi Arnstädt, Henny Porten oder Ruth Leuwerik gespielt. Wie viele Straßen, Plätze, Parks, Schiffe und Institutionen wie Schulen, Krankenhäuser, Apotheken oder Bäder ihren Namen tragen, ist fast unüberschaubar und daher strittig. Allein bis zum 1. Weltkrieg erschienen 391 Texte der Trivialliteratur, die ihr Leben würdigten, selbst heute noch existieren Webseiten zu ihrem Gedenken – Königin Luise von Preußen, die am 19. Juli vor 210 Jahren starb.

„Sie wär’ in Hütten Königin der Herzen / Sie ist der Anmut Göttin auf dem Thron“ dichtet August Wilhelm Schlegel und beweist damit, dass lange vor Lady Diana das geflügelte Wort verbreitet war – für die nach Friedrich dem Großen meistpopuläre Persönlichkeit Preußens. Ihr früher Tod sorgte dafür, dass sie in der Vorstellung auch nachfolgender Generationen als jung und schön in Erinnerung blieb, doch schon zu Lebzeiten erfuhr sie eine fast kultische Verehrung: als bürgerliche Frau, liebevolle Mutter und preußische Patriotin, die sich dem Vaterland geopfert hat, als sie dem legendären Treffen mit Napoleon zustimmte.

Geboren am 10. März 1776 in Hannover als vorletztes Kind von Herzog Karl zu Mecklenburg und Prinzessin Friederike von Hessen-Darmstadt, verlor sie bereits als Sechsjährige ihre Mutter und wurde mit zwei Schwestern 1786 ihrer Großmutter in Darmstadt zur weiteren Erziehung anvertraut. Mit Kosenamen wie „Jungfer Husch“ bedacht, war sie lange kindlich unbefangen, verspielt und bestach durch eine unbekümmerte Frische: Sie sagte, was sie dachte, war unpünktlich und naschte gern und viel – heute würde man sie sicher eine „wilde Hummel“ nennen. Im Unterricht galt sie als lebhaft, vorlaut und aufsässig, zeigte wenig Motivation und, bis auf den Religionsunterricht, eher mangelhafte Leistungen.

Königin Luise. Quelle: Von Josef Mathias Grassi – Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=64422861

Zeit ihres Lebens konnte sie weder auf Deutsch noch Französisch fehlerfrei schreiben. Ihr Interesse an geistiger Bildung erwachte erst später, sie beeindruckte durch natürliche Intelligenz. In einem Brief an Heinrich von Kleists Cousine Marie schrieb sie: „Möge Gott mich davor bewahren, meinen Geist zu pflegen und mein Herz zu vernachlässigen“; sie würde eher „alle Bücher in die Havel werfen“, als den Verstand über das Gefühl zu stellen. Sie reiste viel und nächtigte 1792, anlässlich der Krönungsfeierlichkeiten für Franz II., den letzten Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, bei Goethes Mutter. Den Festball in der Botschaft Österreichs eröffnete Luise gemeinsam mit dem jungen Klemens von Metternich – zugleich ihre Einführung in die Gesellschaft.

„Ikone einer neuen Bürgerlichkeit“

Monate später wurde sie mit ihrer jüngeren Schwester dem preußischen König Friedrich Wilhelm II. vorgestellt, der prompt schrieb: „Ich wünschte sehr, dass meine Söhne sie sehen möchten und sich in sie verlieben“. Der Wunsch wurde wahr. Zum ersten Mal traf Luise den 22-jährigen Kronprinzen Friedrich Wilhelm am 14. März 1793, schon am 19. März machte er seinen persönlichen Heiratsantrag. Es war Liebe auf den ersten Blick. Luises Schwester Friederike verlobte sich unterdessen mit Prinz Louis, der nach unglücklicher Ehe bereits drei Jahre später an Diphterie starb.

Ganz anders Luise: noch in der Hochzeitsnacht bot sie ihrem Gemahl das „Du“ an, beide galten als immer verliebtes Traumpaar. Das war für den Hof in Preußen derart ungewöhnlich, dass es als Zeichen einer neuen Zeit gedeutet wird. Und nicht nur das: Luise mischt das nüchterne Berlin auf. „Sie bringt aus Darmstadt süddeutsches Temperament mit; setzt durch, dass zu ihrer Hochzeit der bei Hofe verpönte Walzer getanzt wird, umarmt als Braut ein Bürgermädchen am Wegesrand und treibt die Oberhofmeisterin Sophie Marie Gräfin von Voß, die ihr beibringen soll, wie man sich als preußische Prinzessin zu verhalten hat, zuverlässig an den Rand der Verzweiflung“, ergötzt sich Judith Scholter in der Zeit.

Das Königspaar im Berliner Schloßgarten. Quelle: https://img.zeit.de/reisen/2010-03/wilhelm-luise/wilhelm-luise-540×304.jpg/imagegroup/wide__820x461__desktop

1797, da Kronprinz Friedrich Wilhelm nach dem Tod seines Vaters zu König Friedrich Wilhelm III. wurde, begleitet sie ihren Gatten auf seiner Antrittsreise zu den preußischen Ständen, „um ohne Zwang die Liebe der Untertanen durch […] zuvorkommendes Wesen […] zu gewinnen und zu verdienen, und so, glaube ich, werde ich mit Nutzen reisen“. Ein Sekretär der britischen Gesandtschaft schrieb seinen Schwestern: „In der Berliner Gesellschaft, besonders unter den jüngeren Leuten, herrscht ein Gefühl ritterlicher Ergebenheit gegen die Königin […] Wenige Frauen sind mit so viel Lieblichkeit begabt als sie.“ Spaziergänge ohne Gefolge Unter den Linden oder Besuche von Volksbelustigungen wie dem Berliner Weihnachtsmarkt und dem Stralauer Fischzug wurden von der Bevölkerung beifällig zur Kenntnis genommen.

Dabei hatten es die Eheleute schwer, übernahmen sie doch einen heruntergewirtschafteten Staat. Friedrich Wilhelm III. möchte im Stile Friedrichs des Großen regieren und setzte sich zum Ziel, den Schuldenberg abzutragen. Aus lauter Sparsamkeit blieb er mit seiner Familie im Kronprinzenpalais Unter den Linden in Berlin wohnen. Luise erhielt nicht den sonst üblichen eigenen Wohnsitz und musste mit einem Etat von 1000 Talern monatlich auskommen. Modisch ehrgeizig, machte sie bald Schulden. Im kleinen Dorf Paretz wurde ein ländliches Schlösschen gebaut, das von Freunden „Schloss Still-im-Land“ genannt wurde, eine ländliche Einsiedelei, in der sich die königliche Familie gern aufhielt, ein bürgerliches Leben führte und sich erholte. Dabei galt der Thronfolger als schüchtern in der Öffentlichkeit, sprachlich wenig ausdrucksfähig und nicht als Freund schneller Entscheidungen. Er soll äußerst unschlüssig gewesen sein und galt zudem als kaum vorbereitet, ein problembeladenes Königreich in schwierigen Zeiten zu regieren. Luise ist 21 Jahre alt, als sie Königin wird.

Luise mit Gemahl auf einem Berliner Weihnachtsmarkt. Quelle: https://img.welt.de/img/kultur/mobile100098329/7041624497-ci23x11-w1136/luise-markt-DW-Wissenschaft-Berlin-jpg.jpg

„Luise war die Ikone einer neuen Bürgerlichkeit. Damals war es etwas Revolutionäres, heute ist es der Versuch, in einem Haufen Asche noch einen Krümel Glut zu finden“, befand Eckard Fuhr in der Welt. Der König, der die mündliche Konversation gern auf militärische Formeln verknappte, schrieb seiner Frau poetisch-zärtliche Briefe; beide waren sich treu. Aus dem Hof verschwanden die Schwärme der Mätressen, neue Empfindsamkeit hielt Einzug. Das befriedigende Eheleben führte zu fast ständigen Schwangerschaften und insgesamt zehn Kindern, von denen sieben erwachsen wurden. Prinz Friedrich Wilhelm IV., der älteste, folgte seinem Vater als preußischer König nach. Prinz Wilhelm I., der Zweitgeborene, wurde 1861 preußischer König und ab 1871 der erste Kaiser des Deutschen Kaiserreiches. Die älteste Tochter, Prinzessin Charlotte von Preußen, bestieg als Alexandra Fjodorowna den russischen Zarenthron.

„über unsere Mittel getäuscht“

Für die Dichter, Maler und Bildhauer ist die Familie ein Fest: „Alle Herzen flogen ihr entgegen, und ihre Anmut und Herzensgüte ließen keinen unbeglückt“, schrieb Friedrich de la Motte Fouquè über Königin Luise. Besonders tat sich Novalis hervor mit seinem programmatischen Aufsatz „Glaube und Liebe oder Der König und die Königin“ vom Sommer 1798, dem er eine Reihe überschwänglicher Gedichte an das Königspaar vorangestellt hatte. Friedrich Wilhelm III. lehnte den Text ab, eine Monarchie auf parlamentarischer Grundlage entsprach nicht seinen Vorstellungen. Dennoch blieben Luise und er Hoffnungsträger für die Wunschvorstellungen der Bürger Preußens nach einem Volkskönigtum, in dem die Ideale der Französischen Revolution nach der Überwindung von Standesschranken ohne Terror und Blut Wirklichkeit würden. Zwischen 1798 und 1805 unternahm das Paar mehrere sogenannte Huldigungsreisen zwischen Pommern und Franken und bestieg 1800 die Schneekoppe in Schlesien.

Luise bei Napoleon. Quelle: https://img.welt.de/img/kultur/mobile100098447/7731626587-ci23x11-w1136/luise-1807-napoleon-1-DW-Wissenschaft-Berlin-jpg.jpg

1795 hatte der alte König noch den Friedensschluss von Basel ausgehandelt, der für ein Ende der Allianz Preußens mit den anderen Staaten im Ersten Koalitionskrieg gegen Frankreich bedeutete. Die linksrheinischen Landesteile gingen verloren, das nördliche Deutschland wurde für neutral erklärt. Preußen kann sich so einige Jahre aus dem Krieg heraushalten. 1802 und 1805 kommt es zu Treffen zwischen Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise mit Zar Alexander I. von Russland, den Luise sehr sympathisch findet. Nach der Dreikaiserschlacht 1805 bei Austerlitz, da Napoleon gegen die Russen und Österreicher gewinnt, sind Preußens stille Jahre Geschichte. Die Neutralität endete spätestens, als im Juli 1806 in Paris der Vertrag über den Rheinbund geschlossen wird und Napoleon seinen Einflussbereich im deutschen Gebiet erhöht. Da Friedrich Wilhelm III. wieder zögert, dauert es, bis Preußen Frankreich am 9. Oktober den Krieg erklärt – wohl auch auf Druck von Königin Luise hin: „Ich habe Könige geboren, ich muss königlich denken: die Ehre der Nation fordert Krieg.“

Nur fünf Tage später erlitten die schlecht geführten, getrennt kämpfenden preußischen Truppen bei Jena und Auerstedt vernichtende Niederlagen, die Reservearmee wurde bei Halle geschlagen, fast alle befestigten Städte ergaben sich kampflos. Keine 20 Tage später zog Napoleon als Sieger in Berlin ein und schmähte Luise noch in seinen Bulletins. Die traurige, tiefverletzte Königin muss mit ihren Kindern in mehreren Wochen unter abenteuerlichen Umständen bei widrigem Winterwetter über Küstrin und Königsberg bis ins abgelegene Memel fliehen und übersteht dabei einen Typhus. Die nächste Demütigung bereitet ihr der geschätzte Zar, der nach der verlorenen Schlacht bei Friedland einen Separatfrieden mit Napoleon aushandelte. Da Preußen drohte, völlig untergebuttert zu werden, schlug Graf Kalckreuth dem König vor, „dass es von guter Wirkung sein würde, wenn Ihre Majestät die Königin hier sein könnten, und zwar je eher, je lieber“. Der König übermittelte den Wunsch, sie sagt zu, „wie eine Bittstellerin vor den Gebieter der Welt [zu] treten, ohne von ihm eingeladen worden zu sein“, meint Gertrude Aretz.

Das denkwürdige, rund einstündige Treffen fand am 6. Juli 1807 in Tilsit statt. Karl August von Hardenberg hatte ihr geraten, liebenswürdig zu sein, vor allem als Ehefrau und Mutter zu sprechen und keinesfalls ein betont politisches Gespräch zu führen. Der Zar sprach ihr beruhigend zu und sagte: „Nehmen Sie es auf sich und retten Sie den Staat!“ Als Napoleon eintraf, schien er „zum ersten Mal vielleicht in seinem Leben die Situation nicht zu beherrschen“, schreibt Aretz. Er selbst teilt seiner Josephine nach Paris brieflich mit: „Die Königin von Preußen ist wirklich bezaubernd, sie ist voller Koketterie zu mir. … Ich musste mich tüchtig wehren, da sie mich zwingen wollte, ihrem Mann noch einige Zugeständnisse zu machen. Aber ich war nur höflich und habe mich an meine Politik gehalten. Sie ist sehr reizvoll… Der König von Preussen ist zur rechten Zeit dazugekommen, denn eine Viertelstunde später hätte ich der Königin alles versprochen.“ Während der Unterredung gab sie auf Napoleons Frage, wie die Preußen so unvorsichtig sein konnten, ihn anzugreifen, die oft zitierte Antwort: „Der Ruhm Friedrichs des Großen hat uns über unsere Mittel getäuscht.“

Luises Tod. Quelle: https://img.welt.de/img/kultur/mobile100098515/6381626587-ci23x11-w1136/luise-sterbelager-DW-Wissenschaft-Berlin-jpg.jpg

In einem ebenso bedrückenden wie politisch wachen Brief an ihren Vater vertiefte sie 1808 diesen Gedanken: „Wir sind eingeschlafen auf den Lorbeeren Friedrichs des Großen, welcher, der Herr seines Jahrhunderts, eine neue Zeit schuf. Wir sind mit derselben nicht fortgeschritten, deshalb überflügelt sie uns.“ Konkret erreicht sie nur, dass Napoleon seine Sticheleien gegen sie beendet, politisch erfolgreich war sie nicht. Zwar blieb Preußen als Staat erhalten, da sich wohl auch Zar Alexander dafür eingesetzt hatte, um eine Art Puffer zwischen sich und den Franzosen zu haben. Aber im Frieden von Tilsit vom 9. Juli 1807 verlor Preußen rund die Hälfte seines Territoriums und seiner Bevölkerung – alle Gebiete westlich der Elbe und die polnischen Besitzungen. Hinzu kamen die Versorgung des französischen Besatzungsheeres und Zahlungsverpflichtungen von 400 Millionen Talern. „So arm war der König, dass er und Luise sich von manchem wertvollen Familienstück, von manchem Schmuckgegenstand trennen mussten. Das goldene Tafelservice Friedrichs des Grossen fiel in jenen Tagen der Entbehrung der Münze zum Opfer“, weiß Aretz.

„Meine Gesundheit ist völlig zerstört“

Die nächsten Jahre verbringt das Paar in Königsberg. Luise bildet sich, liest viel, versammelte Künstler und Gelehrte und hat immer wieder mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen: „Das Klima Preußens ist … abscheulicher, als es sich ausdrücken lässt. … Meine Gesundheit ist völlig zerstört“, klagt sie in einem Brief an den Bruder. Einziger Lichtblick war eine Reise von acht Wochen im Winter 1808/09 an den Zarenhof nach Sankt Petersburg. Über ihre Einflussnahme auf die von Hardenberg und von Stein angestoßenen preußischen Reformen (Oktoberedikt 1807, Städteordnung 1808) sind die Historiker uneins: sie waltete wohl als wichtigste Beraterin ihres Mannes, obwohl der ihren Einfluss nicht wahrhaben wollte und ihn ständig herunterspielte, und setzte sich für den von ihr geschätzten Hardenberg ein, doch galt sie als politisch eher unbeteiligt.

Erst zum 23. Dezember 1809 erlaubt Napoleon ihre Rückkunft nach Berlin. Sie wird in der festlich illuminierten Stadt triumphal empfangen. Im Sommer war ein Treffen mit ihrem Vater und ihrer Großmutter geplant, das dann ab 25. Juni auf Schloss Hohenzieritz bei Neustrelitz stattfand. Bei der fiebrigen Luise wird eine Lungenentzündung diagnostiziert, von der sie sich nicht mehr erholte. Ihr Mann und die beiden ältesten Söhne waren im Tod bei ihr. Bei der Obduktion fand sich neben einem völlig zerstörten Lungenflügel auch eine Geschwulst im Herzen, „eine Folge zu großen und anhaltenden Kummers“ notiert Gräfin Voß die Aussage der Ärzte in ihrem Tagebuch. Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung wurde der Leichnam nach Berlin überführt, drei Tage im Berliner Stadtschloss aufgebahrt, am 30. Juli im Berliner Dom beigesetzt und am 23. Dezember 1810 – genau 17 Jahre, nachdem die damals 17-jährige nach Berlin gekommen war – zu ihrer letzten Ruhestätte überführt: einem Mausoleum, das inzwischen von Heinrich Gentz unter Mitarbeit von Karl Friedrich Schinkel im Park des Schlosses Charlottenburg gebaut worden war und bald zu einem Wallfahrtsort werden sollte, der erst 1947 mit der Auflösung Preußens durch die Alliierten an Anziehungskraft verlor.

Luises Mausoleum. Quelle: https://img.welt.de/img/kultur/mobile100098546/9561628677-ci23x11-w1136/luise-mausoleum-DW-Wissenschaft-Berlin-jpg.jpg

Nach ihrem frühen Tod wurde sie als Verkörperung weiblicher Tugenden und Vaterlandsliebe geradezu mystifiziert. „Luise sei der Schutzgeist deutscher Sache / Luise sei das Losungswort zur Rache!“ dichtet Theodor Körner schon 1813. Der König, seit ihrem Tod ein untröstlicher, gebrochener Mann, stiftet im selben Jahr das Eiserne Kreuz als Tapferkeits-Auszeichnung und datiert diesen Akt auf den 10. März zurück, den Geburtstag seiner Frau. Wer immer nun für Preußen kämpft, tut dies im Namen Luises. „Luise, du bist gerächt“, soll Marschall Blücher auf dem Montmartre gesagt haben, als er 1814 in Paris einzieht. Preußens Kriegserklärung gegen Frankreich erfolgt am 19. Juli 1870, also genau am 60. Jahrestag ihres Todes. Als König kniete Wilhelm I., bevor er in den Krieg zog, am Sarkophag seiner Mutter nieder; als Kaiser suchte er bei seiner Rückkehr am 17. März 1871 wiederum ihr Grab auf. Nach diesen symbolbeladenen historischen Vorgängen gehörten Luises Leben und Wirken als „Preußische Madonna“ zu den unverzichtbaren und systematisch verbreiteten Gründungsmythen des Kaiserreichs, in der öffentlichen Darstellung führte eine direkte Linie von ihrem sogenannten Opfertod zum Sieg über Napoleon und zur Reichsgründung.

Auf Anordnung der Schulbehörde fiel an ihrem 100. Geburtstag an allen Mädchenschulen der Unterricht aus. Als Leitbild wurde sie in der Weimarer Republik von politischen Gruppierungen wie der Deutschnationalen Volkspartei in Anspruch genommen, später aber nochmal nicht mehr bei der Werbung für den staatlich angestrebten Kinderreichtum: Das tradierte Bild der passiv leidenden Frau passte nicht in das ideologische Konzept von männlicher Kraft und Härte. Nach 1945 verloren links und rechts der Elbe sowohl der „Erbfeind“-Bezug als auch das Frauenideal – die Personalunion von treusorgender Ehefrau, vielfacher Mutter und unerschütterlich dem Vaterland dienender Dulderin – an Aktualität und Anziehungskraft. Auf einer Königin-Luise-Route kann man seit 2010 zehn Stationen ihres Lebens zwischen Hohenzieritz im Norden und Paretz im Süden besichtigen. Eine vor allem emotional interessante Figur der deutschen Geschichte bleibt sie allemal.

Manchen Menschen spielt das Schicksal unterschiedlich mit – einerlei, ob mit oder ohne eigenes Zutun. Mal wirft es sie hin und her, lässt sie in einer regelrechten Achterbahnfahrt in schwindelnde Höhen aufsteigen und mit atemberaubender Geschwindigkeit wieder abstürzen. Einen der merkwürdigsten solcher Lebensläufe hatte Johann August Sutter, der als Gründer von „Nueva Helvetia“ den amerikanischen Pioniergeist wie kaum ein anderer lebte. Das von ihm urbar gemachte Land bildete die Grundlage für den landwirtschaftlichen Aufstieg Kaliforniens und gleicht heute noch einem paradiesischen Garten. Doch was er erarbeitet hatte, verlor er im Zuge des kalifornischen Goldrauschs fast vollständig und erlitt verarmt und verbittert am 18. Juli 1880 einen Herzinfarkt – auf der Treppe des Kongreßhauses in Washington, wo er immer noch hoffte, seine Ansprüche durchzusetzen: Als Mann, den sein Reichtum arm machte.

Geboren am 23. Februar 1803 in Kandern bei Lörrach als Sohn eines Papierfabrikanten, absolvierte er eine kaufmännische Lehre in Basel und kam 1824 nach Burgdorf im Kanton Bern, wo er seine künftige Frau Annette kennen lernte. Bei der Überreichung des Verlobungsgeschenks, einem Seidentuchs, kam ihm seine erste Geschäftsidee: Seidentüchlein bedrucken. Am 24. Oktober 1826 heiratete er Annette, am Tag darauf wird ihr erster Sohn geboren. Vier weitere Kinder, drei Jungen und ein Mädchen, folgten in kurzem Abstand. 1828 eröffnete er mit Mitteln der Schwiegermutter seine „Tuch- und Kurzwarenhandlung“, Anfang der 1830er Jahre wurde Sutter auch Unterlieutenant der Infanterie in der Berner Reserve.

Sutter. Quelle: https://www.verlagshaus-jaumann.de/media.media.db2dfc5a-ab0f-402b-b2ab-9125e88ff6a7.original1024.jpg

Er wird als jovial, aber auch schlitzohrig beschrieben, der als Angeber und Tagträumer an der Seite seiner manchmal als griesgrämig charakterisierten Ehefrau ein biederes Familienleben geführt hat und die Abende oft im „Kaltwasserleist“ verbrachte – einem Lese-und Diskussionszirkel, in dem nach 20 Uhr kein Alkohol mehr konsumiert werden durfte und der ihm die große weite Welt näher bringt. Mangelnde kaufmännische Begabung, Betrug durch Geschäftspartner und die Tatsache, dass er über seine Verhältnisse lebte, führten im Frühjahr 1834 zum Konkurs. Steckbrieflich gesucht, floh er im Mai 1834 über Le Havre in die USA und ließ seine Familie sowie Schulden von über 50.000 Franken zurück. „Mit Einverständnis seiner tapferen Frau verliess er Burgdorf bei Nacht und Nebel“, weiß Roland Hübner, einer seiner Biographen; für andere ließ er sie im Stich.

Aufbruch nach Kalifornien

Im Juli 1834 angekommen, führte der umtriebige Sutter erst das unstete Leben eines mittellosen Einwanderers, machte geschäftlich erfolgreiche und kontaktbringende Abstecher über Hawaii und das russische Nowo-Archangelsk (heute Sitka) und etablierte sich als Pelzhändler in Kansas City. Doch es zog ihn in den „goldenen Westen“, das noch weitgehend unerschlossene Land „Kalifornien“. Er holte beim Gouverneur die Erlaubnis ein, für zehn Jahre im Sacramento-Tal zu siedeln, auf einem Gebiet von der Größe des Kantons Baselland. Zugleich schreitet sein Angebertum voran: Er kleidet sich in Phantasie-Uniformen, ist etwa „Captain John A. Sutter“, erlogener Hauptmann a.D. einer königlich-französischen Schweizergarde.

1838 macht er ernst, verkauft, was er hat, begleicht seine Schulden in der Schweiz und rüstet mit dem Rest seines Vermögens einen Schiffstreck aus, der, nach der Landung, in der weiten kalifornischen Ebene zunächst von den Mokelumne-Indianern bedroht wird, die wegen ihrer Giftpfeile gefürchtet sind. Sutter verbietet zu schießen und geht allein den Indianern entgegen, verhandelt mit ihrem Häuptling und sichert einen „vorläufigen Frieden“, so dass die Expedition ungeschoren kalifornischen Boden betreten kann. 1839 hat sich Sutters Karawane auf über 400 Büffelwagen mit Zelten, Werkzeugen, Kleidern, Lebensmitteln, Waffen und Munition sowie Geschenken für die Wilden vergrößert. Hinzu kommen Hunderte von Pferden, Kühen, Büffeln und als Deckung ein langer Zug von Allround-Gesellen, die es ins kalifornische Abenteuer lockte.

Die „Gold-Mühle“. Quelle: https://blog.buchplanet.ch/wp-content/uploads/2012/08/220px-Sutters_Mill-300×216.jpg

Ohne Verzug ging es seit Juni 1839 ans Bauen: Sutter erweist sich als Planer ersten Ranges, tatkräftig unterstützt von einigen vortrefflichen Handwerkern und Bauern aus aller Welt, die er wie ein Magnet angezogen und um sich versammelt hatte. Er berechnet und vermisst sogleich die erste Siedlung, die er „Fort Sutter“ nennt, die Ortschaft ringsherum soll „Suttersville“ heißen. Lehm ist genügend vorhanden, so dass man außer Holz auch solide von der Sonne getrocknete Ziegel verwenden kann: Wirtschaftsgebäude, Stallungen, Kornkammern, Schulen, Kasernen, Werkstätten, Schmieden, Tischlereien, eine Gerberei und vieles andere mehr entstehen.

Die Tiere bevölkern Weideflächen, die für die 30-fache Viehmenge reichen würden. Wild gibt es ebenfalls reichlich. Auch monetär bewährt sich das Geschick Sutters: Den anfänglichen Bargeldmangel behebt er durch Prägung von „Suttergeld“, einfache Blechtaler, die er in seinen Schmieden anfertigen lässt, und wofür man in den Läden von Sutterland alles kaufen kann. Der Handel entfaltet sich in unglaublichem Tempo, Wege, Kanäle, neue Umschlagplätze werden geschaffen, denn Sutter versorgt jetzt auch Hafenstädte von Sitka bis Lima mit seinen Waren.

Er gründet den „San Francisco Reporter“ und ruft die „San Francisco Bankers Union“ ins Leben, bestellt Obst- und Weinreben aus Europa, die er neben ausgedehnten Orangen-, Zitronen-, Weizen-, Korn-, Spargel- und Tabakplantagen auf den Hügeln von Sacramento anzupflanzen beginnt. Sein „Reich“ wächst und wächst, die ersten ausgesetzten Sorten tragen bis zu fünfmal mehr als in Europa. Er hat Mühe, genügend Viehhalter für die inzwischen auf mehrere zehntausend Stück angewachsenen Rinder- und Pferdeherden zu finden. Zugleich vertrieb er die ortsansässigen Indianer und gründete die Stadt Sacramento als Verwaltungssitz.

Sutters Fort. Quelle: https://www.swissinfo.ch/blob/7412712/a77075e47bc575dd6a928a84f167751e/sriimg20090522_10727647_2-data.jpg

Der Traum von einem „eigenen Reich“, von einer kleinen Schweiz im kalifornischen Paradies, scheint Wirklichkeit zu werden: „Neu-Helvetien-Sutterland“ ist in voller Blüte, ein gut ausgebildetes Militärkorps sichert den Frieden. Man nannte ihn „Captain“, und er durfte sich als der „Kaiser von Kalifornien“ fühlen: „Ich war alles: Patriarch, Priester, Vater, Richter. Im Fort herrschte militärische Zucht“, erinnert er sich später. Nicht emigrierende Indianer rekrutiert er für seine Mannschaft und schafft ihre „Vielweiberei“ ab: „Ich stellte Männer und Mädchen in je einer Reihe einander gegenüber. Dann befahl ich den Mädchen, eines nach den andern vorzutreten und aus der Reihe der Männer einen Gatten auszuwählen. Den Häuptlingen erlaubte ich ebenfalls nur eine oder höchstens zwei Frauen.“

„Gold ist das einzige Gesetz“

1841 erhält Sutter vom mexikanischen Gouverneur Don Juan Alvarado „das Land am Sacramento“ mit über 12 Leguas, etwa 6.000 Quadratkilometer, als „erbliches Eigentum legal verschrieben“, mit dem „souveränen Recht, selbst Besitzrechte zu verleihen, das oberste Richteramt auszuüben, Pässe auszustellen und oberster Kriegsherr zu sein.“ Das Land rings um den Zusammenfluss von Sacramento und American River wurde „Nueva Helvetia“ benannt und umfasste die gesamte fruchtbare Landschaft zwischen dem Küstengebirge und der Sierra Nevada. Einige Jahre später ziehen die Russen ab, die hier Pelzhandel betrieben, und verkaufen ihm vorher Bodega und Fort Ross mit allen ihren reichen Besitzungen und Ländereien. Sutter verfügt damit über den größten Privatbesitz im Süden Nordamerikas.

Er baut die „Hockfarm“, einen vornehmen Landsitz, der für seine ihm nun nachziehende Familie aus der Schweiz und später als Alterssitz gedacht ist. Doch im Vertrag von Guadalupe Hidalgo, der den Mexikanisch-Amerikanischen Krieg beendete, fiel das Gebiet des heutigen Bundesstaats Kalifornien (damals Oberkalifornien) und damit auch Neu-Helvetien 1848 an die USA. Sutter wird Amerikaner und ist ein Mitunterzeichner der Verfassung Kaliforniens, das dann 1850 als 31. Bundesstaat in die Union aufgenommen wird.

Plakat zu Trenkers Verfilmung. Quelle: https://image.tmdb.org/t/p/w1280/ltt4UW0UCkfUH0wwLxM9xIRWxAu.jpg

Bei Coloma am Südarm des American River lässt Sutter ein Sägewerk durch seinen Zimmermeister James W. Marshall errichten. Der steht am 28. Januar 1848 atemlos vor seinem Chef: Er sei beim Graben des Abflusskanals für die Sägemühle auf golden schimmerndes Gestein gestoßen. Er vermute, das sei Gold. Es war welches. Sutter war sich der Brisanz dieser Entdeckung bewusst und versuchte, sie geheim zu halten – vergeblich. Der berühmte Kalifornische Goldrausch begann und löste eine unvergleichliche Zunahme der Bevölkerung aus, denn Hunderttausende strömten nach dem „neuen El Dorado“. Zwischen 1848 und 1849 wuchs allein San Francisco von 1.000 auf 25.000 Einwohner.

Die ohnehin fragile staatliche Ordnung im fernen Westen brach unter dem Ansturm zusammen, die Glücksritter ruinierten Sutters Imperium. Goldgräbersyndikate schießen aus dem Boden und betreiben ihre unsauberen Geschäfte, indem sie Parzellen im Goldgräbergebiet, ohne einen Rechtstitel zu besitzen, an die goldsüchtigen Digger verpachten. „Was wissen diese Horden schon von Sutters verbrieften Rechten? Was schert sie sein altmodisches Bauernparadies? Sie schlagen ihre Zelt- und Hüttensiedlungen auf seinen Feldern, in seinen Hainen auf. Rücksichtslos hacken sie die Fruchtbäume um, nehmen die Bretter der Sägewerke, schlachten sein Vieh und nisten sich in den verlassenen Farmen ein. Gold ist das einzige Gesetz, das die Menschen anerkennen“ entsetzt sich sein Biograph Siegfried Hagl.

Goldrausch. Quelle: https://www.theeuropean.de/guido-walter/2519-test

Sutter liefen die Arbeiter davon; auch die Soldaten, die er anforderte. Bevor sich der verzweifelte Patriarch umsieht, haben sich über 17000 kleine Siedler (sog. „Squatter“) auf seinen Ländereien eingenistet, ganz zu schweigen von den Leuten, die „seine Wassermühlen, Sägewerke, seine Schiffe, Hammerwerke und Bauernhöfe fortgenommen haben. An allen Wasserläufen entstehen wilde Ansammlungen von Goldgräberdörfern: künstliche Bretterkanäle, Waschbecken, Schüttelwerke, Gruben und das dazugehörige Gewucher von ‚Saloons‘, Spielhöllen, Hütten und Tanzlokalen“, beschreibt Otto Zierer die Situation. Doch Sutter strengt eine Monsterklage an und fordert vom Bundesstaat Kalifornien Schadenersatz.

„Tod dem Sutter“

1855 dann die Urteilsverkündung im Operntheater von San Francisco. Kurz zuvor wurde Sutter von General Riley in Würdigung seiner Verdienste um Kalifornien zum General befördert und ihm der goldene Säbel der kalifornischen Miliz verliehen: „Bürger von San Francisco, Kalifornier, stimmt mit mir ein in den Ruf: Es lebe General Sutter!“ Und die Menge brach in ein Freudengeschrei aus, immer wieder tönt es: „General Sutter, General Sutter!“ Doch nach der Urteilsverkündung schrie die gleiche Menge: „Tod dem Sutter“. Denn das Gericht hat die Rechtmäßigkeit aller Ansprüche und Forderungen Sutters sowie die Unversehrbarkeit aller seiner Ländereien bestätigt, was ihn als Eigentümer des Bodens von San Francisco und des goldreichen Gebiets abermals zum reichsten Mann der Erde machte. Doch jeder fühlte sich betroffen und an seiner Goldader angezapft, es kam zum Aufruhr: Die Bevölkerung akzeptierte den Urteilsspruch nicht und brannte den Justizpalast nieder. Seine Söhne wurden gelyncht, Sutter konnte sich mit seiner Frau knapp retten.

Er beginnt, sich ins Elend zu trinken. Zwischendurch versucht er sich als Hotelier. Während die Zuwanderer früher bei ihm im Fort gratis übernachten durften, verlangt er nun 100 Dollar pro Nacht und Person. Als ein Landstreicher, dem Sutter aus Mitleid Unterkunft angeboten hat, ihn bestiehlt, lässt Sutter ihn auspeitschen. Der Landstreicher revanchiert sich, indem er die Hock-Farm anzündet. Mit dem Herrenhaus werden alle persönlichen Gegenstände Sutters zu Asche. Er sieht ein, dass er Kalifornien verlassen muss, zieht mit seiner Frau nach Pennsylvania, wo er auch begraben liegt, und reist oft ins nahe Washington, um sich mit seinen Anwälten zu besprechen, die vor dem amerikanischen Kongress Sutters Recht auf Entschädigung einfordern sollen.

Der Prozess zieht sich in die Länge, vor allem die Juristen verdienen jetzt. De iure hat er Recht, de facto wird er arm trotz seiner Rente als General. Er nahm zwar weiter Anteil an vielen Geschehnissen Kaliforniens und gilt auch als Mitinitiator des Bahnbaus zwischen dem Atlantik und dem Pazifischen Ozean. Doch bald war er nur noch von dem  einen Gedanken besessen, sein Recht durchzusetzen. Als Relikt aus der inzwischen vergangenen Pionierzeit, das keiner mehr ernst nahm, schlägt er sich zwei Jahrzehnte um den Justizpalast herum und stirbt kurz vor der endgültigen Kongressentscheidung. Seine Frau folgt ihm nur Monate später ins Grab.

Familiengrab auf dem Friedhof der Herrnhuter Brüdergemeine in Lititz. Quelle Von Bohemianroots – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2629783

Sutters Persönlichkeit wird unterschiedlich beurteilt. Nicht alle Autoren sehen in ihm das unschuldige Opfer des „Gold Rush“, das zwangsläufig scheitern musste. Sein Verhalten war zwiespältig. Er hörte nicht auf den Rat ehrlicher Freunde, ließ sich von Gaunern betrügen, vergraulte kompetente Mitarbeiter und verstand nicht, seine Geschäfte ehrlich und anständig zu führen. „In entscheidenden Situationen fehlten ihm menschliche Größe, Bescheidenheit und Zuverlässigkeit, was aufgrund seines Lebenslaufes fast zu erwarten war“, befindet Bernard R. Bachmann in der NZZ. So verstand er auch nicht, sich wenigstens als Händler an dem Goldrausch zu beteiligen, wozu er eigentlich beste Voraussetzungen hatte.

„Fort Sutter“ wurde an gleicher Stelle eins zu eins wieder aufgebaut und ist heute Gedenkstätte für den „Gründer Kaliforniens“. Stefan Zweig hat ihm mit der Skizze „Die Entdeckung Eldorados“ in seinem Essayband „Sternstunden der Menschheit“ (1927) ein bleibendes literarisches Denkmal gesetzt. Ein filmisches Denkmal setzte ihm Luis Trenker 1936 mit seinem Film „Der Kaiser von Kalifornien“. „Sutter`s Gold“ nannte ein Züchter namens Swim seine Mitte des 20. Jahrhunderts in den USA gezüchtete gelb-orange Rose: überreich blühend, stark duftend und, da anspruchslos, für Anfänger geeignet.

Der Ex-Notenbankchef der USA, Alan Greenspan, fand es verblüffend, dass unsere heutigen Vorstellungen von der Wirksamkeit des Marktes und des freien Wettbewerbs im Wesentlichen schon in seinen Gedanken enthalten seien. Der indische Philosoph Amartya Sen bezeichnete seinen Beitrag für unser Verständnis dessen, was später Kapitalismus genannt wurde, als monumental und nannte seine Erkenntnisse bis zum heutigen Tag bedeutend. Ganz anders der US-Ökonom Murray Rothbard, für den er den theoretischen Unterbau für den Marxismus gebildet, die Fortschritte seiner Vorgänger negiert und die Wirtschaftswissenschaften auf den falschen Weg gebracht habe. Der so polarisiert, heißt Adam Smith und gilt als Begründer der klassischen Nationalökonomie. Am 17. Juli vor 230 Jahren starb er in Edinburgh.

Zuvor hatte er im Beisein einiger Freunde alle Notizen und Manuskripte verbrannt, um zu verhindern, dass er der Welt etwas Unfertiges überlässt. Sein Freund, der Philosoph David Hume, beschrieb ihn in einem Brief: „Sie werden in ihm einen wahrhaft verdienstvollen Mann finden, wenngleich seine sesshafte, zurückgezogene Lebensweise sein Auftreten und Erscheinungsbild als Mann von Welt getrübt hat.“ Er lebt nicht nur auf der 20-Pfund-Sterling-Note der Bank of England sowie gleich zwei Adam-Smith-Preisen zweier Ökonomie-Institutionen weiter, sondern vor allem in seinen Texten, die bis heute in vielen Wirtschafts-Studiengängen Pflichtlektüre sind.

Geboren am 5. Juni 1723 in Kirkcaldy in der schottischen Grafschaft Fife, hatte er eine enge Bindung zu seiner Mutter Margaret, mit der er bis zu ihrem Tod 1784 lebte: Vater Adam sen., ein Rechtsanwalt und Zollkontrolleur, war vor der Geburt seines Sohnes gestorben. Im Alter von vier Jahren soll das schwächliche Einzelkind entführt, doch schon nach kurzer Zeit wieder nach Hause gebracht worden sein: Die Entführer hätten ihn bei der Verfolgungsjagd verloren. Er besucht die Burgh School in Kirkcaldy und studierte ab seinem 14. Lebensjahr Philosophie und Ökonomie – damals ein Teilgebiet der Moralphilosophie, das sich „Lehre vom richtigen Haushalten“ nannte. Zunächst blieb er drei Jahre an der Universität Glasgow, mit einem Stipendium weitere drei am Balliol College in Oxford. Die Atmosphäre im beschaulichen Oxford empfand er im Vergleich zu Glasgow als rückständig; unter seinen Kommilitonen hatte er kaum Freunde.

Adam Smith. Quelle: Von Autor unbekannt – author: مايكل هارتdate: 2012-06-11, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19857903

Nachdem er 1746 nach Kirkcaldy zurückgekehrt war, aber keine Anstellung fand, konnte er 1748/49 in Edinburgh eine Serie thematisch breit gefächerter öffentlicher Vorlesungen halten – damals eine Voraussetzung für eine Tätigkeit als Universitätsdozent. Zeitgenossen berichten über riesigen Andrang. Spätestens 1751 wurde er im Alter von nur 27 Jahren Professor für Logik an der Universität Glasgow und folgte 1752 als Professor für Moralphilosophie seinem Lehrer Francis Hutcheson nach. Das Fach deckte ein weites Spektrum von Theologie über politische Ökonomie bis hin zu Ethik ab. Smith‘s Unterrichtsniveau galt als hoch, er war einer der ersten, die statt Latein als Unterrichtssprache Englisch nutzen. In dieser Zeit freundete er sich mit Hume an: Als er in Oxford beim Lesen eines Buches von Hume erwischt wurde, hatte er dafür einen Tadel erhalten.

Professor und Privatlehrer

1759 erschien sein erstes großes Werk, die „Theorie der ethischen Gefühle“ („The Theory of Moral Sentiments“), das sich mit der menschlichen Natur und ihrem Verhältnis zur Gesellschaft befasste und ihn rasch bekannt machte. Im Mittelpunkt steht die „Sympathie“ des Menschen – sie sei die moralische Begründung des Kapitalismus. Als Gefühl ermögliche sie erst die Bildung von Gemeinschaften und sichere so das Überleben. „Wie selbstsüchtig der Mensch auch immer eingeschätzt werden mag, so liegen doch offensichtlich bestimmte Grundveranlagungen in seiner Natur, die ihn am Schicksal anderer Anteil nehmen lassen“, schrieb er.

Damit entpuppte er sich als Aufklärer und stellte sich gegen das etwas rohe Weltbild, das sich z. B. in Thomas Hobbes’ „Leviathan“ manifestiert. Die Fähigkeit der Selbstkritik, glaubte Smith, hält die egoistischen Züge im Zaum. Da diese Fähigkeit als Kontrollinstanz nicht ausreiche, forderte er Gesetze, die ein Ausufern der Eigenliebe in hemmungslose Selbstsucht verhindern sollen. Die Gesellschaft sollte aber auf keinen Fall das Streben nach persönlichem Wohlstand unterdrücken. Die Eigenliebe, die uns von der Geburt bis zum Grab begleite und ohne die freie Marktwirtschaft undenkbar wäre, sei ein positiver Charakterzug, eine Eigenschaft, die Achtung verdiene. Diese Theorie machte Smith schlagartig bekannt.

Seit 2007 auf der britischen 20-Pfund-Note. Quelle: https://www.wiwo.de/images/mittig_adam-smith_banknote_16_12_11_pr/5969438/2-format1001.jpg

Vier Jahre später legte er seine Professur nieder und begleitete den Sohn des Duke of Buccleuch, Henry Scott, als Privatlehrer auf eine fast dreijährige Bildungsreise durch Frankreich und die Schweiz – der Job war finanziell lukrativer und brachte Smith eine lebenslange Rente von 300 Pfund Sterling jährlich ein. Die Reise lieferte ihm viele neue Erkenntnisse und vor allem Bekanntschaften, darunter mit Voltaire, Diderot und d’Alembert. Zugleich hatte er Muße zum Lesen und Schreiben – die ersten Entwürfe seines Hauptwerks fallen in diese Zeit. Die Reise musste 1766 abrupt abgebrochen werden, da der jüngere Bruder des Herzogs, der an dieser Reise teilnahm, plötzlich erkrankte und kurz darauf starb. Nach seiner Rückkehr nach Kircaldy schreibt er „Der Wohlstand der Nationen“ („An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations“) fertig, das Buch erscheint 1776.

Zwei Jahre später beruft ihn Premierminister Lord Frederick North zum Zollkommissar von Schottland, das Amt übte er bis seinem Lebensende aus. Im Kampf gegen militante Tee- und Branntweinschmuggler soll er rigoros agiert haben: In Briefen ist überliefert, wie er das Militär zu Hilfe rief und zusammen mit seinen Kollegen an der Küste alte Schiffsrümpfe als Truppenstützpunkte einrichten ließ. Innerhalb von zwei Jahren gelang ihm die Sanierung des schwer maroden schottischen Geldwesens. Smith machte mehreren Frauen Heiratsanträge, die jedoch alle abgelehnt wurden, und so steckte er sein Geld in karitative Projekte und baute eine ansehnliche Privatbibliothek auf. Anekdoten berichten von einer vorwiegend geistigen Existenz: Er soll zeitlebens Selbstgespräche geführt haben und auch einmal im Schlafanzug durch Edinburgh gegangen sein. Drei Jahre vor seinem Tod wird er noch zum Lord Rector der Universität Glasgow ernannt. Er liegt auf dem Canongate Kirkyard in Edinburgh begraben, wo seit 2008 vor der St.-Giles-Kathedrale ein Denkmal an ihn erinnert.

„durch eine unsichtbare Hand geleitet“

Sein 900seitiges Hauptwerk „Wohlstand der Nationen“, das Greenspan als eine der größten Errungenschaften der Geistesgeschichte pries, ist zunächst eine Art eklektische Enzyklopädie des ökonomischen Wissens der Zeit. Darin verhandelte Smith fünf Hauptthemen: neben den Rollen von Arbeitsteilung und freiem Markt auch Fragen der Verteilung, des Außenhandels und der Rolle des Staates. Mit seinen Ansichten vollzog er zunächst einen Paradigmenwechsel vom Merkantilismus, der typischen Wirtschaftsform zu Zeiten des Absolutismus, hin zum Liberalismus. War bis dahin vorrangiges Ziel, den Reichtum der herrschenden Fürsten vor allem durch den Export von Fertigwaren zu maximieren, um die stehenden Heere, aber auch den wachsenden Beamtenapparat und nicht zuletzt die Prunkbauten der Herrscher zu finanzieren, setzt Smith auf die Bedeutung freier Produzenten sowie die Rolle von Käufer und Preis.

Smith‘ Hauptwerk. Quelle: http://www.impulsderzeiten.de/wp-content/uploads/2013/05/Adam-Smith-und-die-Ehre-Titelseite-Wohlstand2-300×248.jpg

Zunächst erklärt und rechtfertigt er den internationalen Handel. Mit der Theorie des absoluten Kostenvorteils beweist er, dass es sich für jedes Land lohnt, mit seinen Nachbarn Handel zu treiben, und wendet sich damit gegen die protektionistischen Wirtschaftsauffassungen seiner Zeit, die besagten, möglichst wenige Waren zu importieren, um die Produktion im eigenen Land nicht durch Konkurrenz aus dem Ausland zu gefährden. Für Smith bestimmt sich der Wert einer Ware durch die Arbeitsstunden, die zu seiner Produktion nötig waren. „Sie enthalten den Wert einer bestimmten Menge Arbeit, von der wir zum Zeitpunkt des Erwerbs annehmen, dass sie die gleiche Menge Arbeit enthält, wie das Gut, das wir erwerben.“ Durch den Wettbewerb des freien Marktes stimmt der Preis am Ende mit dem Wert der Ware überein – niemand kann mehr verlangen, als die Produktion der Ware ihn wirklich an Arbeit gekostet hat. Unterschiede im Preis einer Ware hängen also mit einer unterschiedlichen Produktivität der Länder zusammen.

Grundlegend war seine positive Beurteilung des menschlichen Erwerbsstrebens. Smith forderte, die Regulierung der Produktion dem Markt selbst zu überlassen. Aufgrund des Preises, das heißt durch die Verbraucher, solle entschieden werden, was produziert wird. Um die Bedürfnisse der Käufer optimal zu befriedigen, müsse ein Wettbewerb freier und rechtlich gleicher Produzenten herrschen. Nicht dem Wohl der Produzenten, sondern dem der Käufer sollte die neue Wirtschaftsordnung dienen, in die der Staat möglichst wenig eingreifen dürfe. Smith forderte die Abschaffung von Preis- und Lohnordnungen, von Zünften, Privilegien und Monopolen – also die Freiheit für alle Produzenten, Art und Umfang der Produktion selbst zu bestimmen (Freie Marktwirtschaft). Allerdings reicht die Liste der von Smith für gerechtfertigt erachteten Staatseingriffe von der Regulierung des Bankgeschäfts und der Kontrolle der Zinsen über Steuern zur Eindämmung des Alkoholkonsums bis hin zur Förderung der Kunst.

Das Ziel war eine dynamische Wirtschaftsordnung, angetrieben durch das „natürliche“ Erwerbs- und Besitzstreben des Menschen und die Konkurrenz der Produzenten. Der Wettbewerb würde für reelle Preise sorgen und eine stete Innovation erzwingen, das heißt eine Verbesserung der Produkte und Produktionsmittel, die Fortentwicklung der Arbeitsteilung – und damit des „Wohlstands der Nationen“: Der einzelne habe „weder die Absicht, das öffentliche Interesse zu fordern noch weiß er, wie sehr er es fördert … Er beabsichtigt nur seinen eigenen Gewinn, und er wird dabei, wie in vielen anderen Fällen, durch eine unsichtbare Hand geleitet, die ein Ziel befördert, das nicht Teil seiner Absichten war.“ Diese berühmt-berüchtigte Metapher, die die vielen Einzelinteressen zum Gemeinnutzen zusammenfügt, ist nun in Tatsachen erfahrbar, „auch wenn ihr Wirken in der Realität durch Interventionen so sehr abgelenkt wird, dass es kaum noch auffindbar ist“, meinte Ralf Dahrendorf schon 1984 in der Zeit.

Statue in Edinburgh. Quelle: https://media-cdn.tripadvisor.com/media/photo-s/14/fd/81/34/adam-smith-tribute-statue.jpg

Das Buch erlebte bis zur Jahrhundertwende neun Auflagen und wurde auch rasch ins Deutsche übersetzt, doch blieb seine Wirkung hier begrenzt. Hardenberg berief sich zwar gerne auf Smith, doch sah die deutsche Schule der Nationalökonomie in ihm den britischen Individualisten, der die Aufgaben des Staates verkannte, dessen Interessen deutsche Ökonomen näherstanden als der unsichtbaren Hand. Für Marx und Engels war der „ökonomische Luther“ ein „Inbegriff kapitalistischer Ideologie; sie priesen ihn, um ihn in der Kritik umso tiefer zu stürzen“, so Dahrendorf. Der Knackpunkt: Smith verteufelt nicht den Unternehmergewinn, sondern verteidigt ihn als lebensnotwendig. Denn weil ein Unternehmer auch künftig Gewinne erwirtschaften will, investiert er in Arbeit nicht aus Nächstenliebe dem Arbeitsuchenden gegenüber, sondern wegen seiner Gewinnziele. Er schafft keine Arbeitsplätze aus Mitgefühl, sondern im Hinblick auf seinen Gewinn, er denkt bei der Investition nicht ans Gemeinwohl, sondern nur an sein eigenes Interesse (self-interest). Diese Kopplung von Eigennutz und Wohlfahrt ist der entscheidende Gedanke der liberalistischen Wirtschaftstheorie.

Dennoch betrachtete Smith Fabrikanten und Kaufleute mit großer Skepsis, sah in ihnen zuweilen „Verschwörer“, die die Preise hochtreiben und die Löhne niedrig halten. So forderte er Gewerkschaften, denn der einzelne Arbeiter hat gegen diese „Kaste“ keine Chance. Sein Traum war ein sittlich reifer, moralischer Kapitalismus. „Die altruistische Forderung der utilitaristischen Ethik, nach der eine Handlungsweise gut genannt wird, deren Folgen geeignet sind, das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl zu erreichen, wird bei Smith nicht um den Preis des Egoismus erreicht, sondern vermittels des Egoismus“, bilanziert Josef Bordat 2007 auf dem Webportal philosophieren. Der Grazer Volkswirtschaftsprofessor Heinz D. Kurz verweist vor allem auf Smith‘ Erkenntnis, dass eine Gesellschaft „zwar ohne Wohlwollen auskommen kann, die Vorherrschaft von Ungerechtigkeit sie jedoch letztlich zerstören muss“. Das klingt hochaktuell.

Ein oft bemühter Vergleich im letzten Jahrhundert lautete: Was den Deutschen ihr Maybach, ist den Briten ihr Rolls-Royce. Das mag auf die Marke zutreffen, keinesfalls aber auf alle genannten Personen, denn wirklich vergleichen konnte man nur die Techniker und Tüftler Carl Maybach und Henry Royce. Charles Rolls dagegen war als Verkäufer und Kapitalgeber dafür zuständig, die Ideen seines Kompagnons an den Mann zu bringen – „eindeutig der schillerndste der beiden“, befindet Harald Huppertz auf dem Portal autogazette. Der Co-Gründer einer der luxuriösesten Automarken der Welt starb am 12. Juli vor 110 Jahren als erster Brite, der bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam.

Geboren wurde er am 27. August 1877 bei London nach zwei Brüdern und einer Schwester als Nesthäkchen von John Allan Rolls und seiner Frau Georgiana. Seine ältere Schwester Eleanor soll sich als eine der Gründerinnen der Women‘s Engineering Society und als begeisterte Heißluftballonfahrerin einen Namen machen. Sein Vater, ein konservativer Landwirt und örtlicher Mäzen, wurde 1892 als Baron Llangattock in den Adelsstand erhoben und stieg 1894 zum Provinzgroßmeister der Freimaurer auf. Seine Loge stand unter dem Motto: Celerias et Veritas (Geschwindigkeit und Wahrheit) – das sollte auch seinem Sohn wegweisend werden.

Über Charles Kindheit und Jugend ist wenig bekannt außer, dass er sich für Motoren begeisterte. Laut Huppertz war er so geizig, dass er sich von Freunden bei Reisen mit dem Zug den Zuschlag erster Klasse bezahlen lässt. Als 19jähriger kauft er sich 1894 einen Peugeot Phaeton – in Wales gab es damals nur noch zwei weitere Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor. Rolls wird zum Mitbegründer des Automobile Club of Great Britain, der versucht, die enormen Beschränkungen des unseligen Red Flag Act loszuwerden. Das Gesetz schrieb vor, dass ein Gefährt ohne Pferde oder ein Automobil mit einer Geschwindigkeit von maximal 4 Meilen (ca. 6,4 km/h) in der Stunde fahren durfte. Innerhalb der Ortschaften betrug das Limit gar nur 2 Meilen pro Stunde. Bei jedem Automobil mussten zwei Personen zum Führen des Fahrzeugs anwesend sein, und ein Fußgänger hatte voraus zu laufen, der zur Warnung der Bevölkerung eine rote Flagge (red flag) tragen musste. 1896 wurde das Gesetz gekippt.

Charles Rolls. Quelle: Von Unbekannter Fotograf – National Motor Museum via Heritage Image, PD-alt-100, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=3232373

Charles, der als charmanter Typ mit nicht geringer Wirkung bei den Frauen gilt, aber unverheiratet bleiben wird, schließt ein Studium am Trinity College in Cambridge als Ingenieur ab und gründet nach einem Intermezzo auf einem Dampfschiff im Januar 1903 eine Werkstatt und einen Laden in London. Sein Vater borgte ihm das Startkapital von 6.600 Pfund. Schon abseits der Universität trug er am liebsten einen ölverschmierten Blaumann: Unter seinen Kommilitonen und Professoren handelt er sich deshalb den Spitznahmen „Dirty Rolls“ – „Schmutziger Rolls“ ein. Die Firma heißt „C. S. Rolls“ und erhält bald einen „Co“, weil dem Firmengründer der Handel mit französischen („Panhard“) und belgischen („Minerva“) Automobilen und deren Reparatur über den Kopf wächst. Denn er ist als einer der ersten Rennfahrer Englands auch auf dem Kontinent erfolgreich. 1903 stellt er einen Geschwindigkeitsrekord auf: 152 Stundenkilometer. Zugleich war er der zweite Brite, der vom 1901 gegründeten Royal Aero Club eine Fluglizenz bekam.

„mach es noch besser“

Seit der Unternehmensgründung auf der Suche nach einer britischen Automarke, die er in sein Programm aufnehmen wollte, genügten die Fahrzeuge der damaligen Zeit Charles‘ hohen Qualitätsansprüchen nicht. Da kommt ein Zufall zu Hilfe. Geschäftspartner Claude Johnson, sein „Co“, kennt den Konstrukteur Henry Royce, der bislang mit Elektromotoren experimentierte und jetzt sein erstes Auto entwickelte. Drei Prototypen „Royce 10 hp“ sind bereits gebaut, als Johnson am 4. Mai 1904 ein Treffen von Royce und Rolls im Midland Hotel in Manchester arrangiert. Bei diesem Treffen machte Rolls auch eine Probefahrt mit dem brandneuen Wagen und war von der Qualität des Fahrzeugs überzeugt. Die Gentlemen besiegelten ihre Kooperation sofort per Handschlag.

Ohne feste Verträge begann die Serienproduktion des Royce 10 hp, der nun mit wenigen Modifizierungen als Rolls-Royce 10 hp vermarktet wurde: Der Kühler erhielt die typische „Tempel-Form“, die seit 1974 offiziell als Warenzeichen eingetragen ist und ausschließlich durch Rolls-Royce verwendet werden darf; auch die Namensplakette wurde geändert. 1904/1905 wurden 17 Fahrzeuge dieses Modells gebaut. Auch der 20 hp wurde in dieser vertragslosen Zeit entwickelt und als Rolls-Royce in Serie gebaut und verkauft (1904–1906: 37 Stück). Erst am 23. Dezember 1904 wurde vertraglich fixiert, was schon monatelang praktiziert wurde: C.S. Rolls & Co. bekam die Alleinverkaufsrechte für alle Fahrzeuge, die Royce Ltd. baute. Verkauft werden sollten die Fahrzeuge unter dem Namen Rolls-Royce, obwohl C.S. Rolls & Co. und Royce Ltd. zur Firma Rolls-Royce Ltd. mit Sitz in Manchester erst am 15. März 1906 fusionierten. Das inoffizielle Motto der Firmengründer lautete: „Nimm das Beste, was es gibt, und mach es noch besser.“

RR 20 HP. Quelle: https://steenbuck-automobiles.de/oldtimer-lexikon/rolls-royce-oldtimer/

Auf der Autoshow in Paris, die zur Zeit der Vertragsunterzeichnung stattfand, wurden erstmals die neuen Autos präsentiert – angetrieben von Zwei-, Drei- und Vierzylinder-Motoren. Die schwachbrüstigen Antriebe blieben freilich Episode, schnell wurde ein – allerdings wenig erfolgreicher – V8 konstruiert, danach erschien bereits 1906 der 40/50 HP, ein Sechszylinder mit deutlich verlängertem Chassis. Schon bei diesem Modell war klar zu erkennen, was die Kernwerte der Marke Rolls-Royce werden sollten: Gediegenheit, Laufruhe und, vor allem, Zuverlässigkeit. Aus einem dieser 40/50-Modelle entstand ein Jahr darauf der berühmte Silver Ghost, ein Auto, das dem weit verbreiteten traurigen Schwarz im zeitgenössischen Automobilbau leuchtendes Silber entgegenhielt. Nicht von ungefähr hießen spätere Modelle Silver Cloud, Silver Shadow oder Silver Spur.

Zwischen 1906 bis 1928 wurden vom Ghost 6.173 Stück zum Preis von 305 englischen Pfund verkauft. Das luxuriöse Fahrzeug verschaffte dem Unternehmen den Ruf, das schnellste, leiseste und teuerste Automobil der Welt zu bauen: „Mochten manche Marken aus Deutschland, Frankreich und USA … mehr Zylinder und ausladender designte Karosserien mit Art-Deco-Elementen bieten, stilvolleres und zuverlässigeres Fahren als mit einem Rolls-Royce fand sich nirgendwo“, befand die Welt. Der als „Lawrence von Arabien“ berühmt gewordene Lt. Col. T.E. Lawrence schrieb in seinem Buch „Die sieben Säulen der Weisheit“: „Ein Rolls-Royce in der Wüste ist mehr wert als Rubine“. Derweil geht Charles mit den Fahrzeugen der eigenen Firma auf die Rennstrecke. Seine hierbei gewonnenen Erkenntnisse fließen in die Produkte seiner Mechaniker ein. 1906 gewinnt er mit einem der ersten Ghosts die „Tourist Trophy“ auf der Isle of Man. Er hat 27 Minuten Vorsprung vor seinem nächsten Verfolger. Nachdem Claude Johnson es 50.000 Meilen gefahren ist, nennt er es „das beste Auto der Welt“.

Erster über dem Ärmelkanal

Aber Rolls will noch höher hinaus und widmet sich verstärkt der Fliegerei. Am 26. Dezember 1908 demonstrierte Charles die Möglichkeiten der Ballonfahrt: Er startete mit dem Ballon „Mercury“ mit weiteren vier Personen, darunter auch seine Mutter, in Monmouth, landete auf dem Rasen vor seinem Elternhaus und stieg nach dem Essen wieder auf. Nach dem Überqueren eines Gebirgszugs landete er in Blaenavon. Bei der Landung waren sämtliche Taue am Ballon gefroren. Er regt seinen Partner an, auch Flugzeugmotoren zu konstruieren, doch erst 1914 stieg Rolls-Royce mit dem Hawk in den Flugmotorenbau ein, der später mit Typen wie dem Rolls-Royce-Merlin bald den größten Teil der Geschäftstätigkeit ausmachte. Während des Zweiten Weltkriegs waren ca. 50 Prozent der alliierten Flugzeuge mit Motoren von Rolls-Royce und seinen Lizenznehmern ausgestattet.

Rolls erwartet den Start. Quelle: https://doverhistorian.files.wordpress.com/2014/02/th-charles-rolls-awaiting-to-take-off-on-his-memorable-flight-dover-library.jpg

Parallel zu seiner Ballonfahrt entwickelt Rolls für die Gebrüder Wright einen Flugzeug-Stabilisator. Am 2. Juni 1910 überquert er mit einem Wright-Doppeldecker den Ärmelkanal und fliegt nonstop auch wieder zurück – als erster Mensch der Welt. Nur Tage später nimmt Rolls, wieder mit seiner Wright-Maschine, die inzwischen ein neues Heck hat, an einem Präzisionsflugwettbewerb im englischen Bournemouth teil. Er war bereits am Morgen seines Todestags mit seinem Doppeldecker eine Wettbewerbsrunde geflogen, landete dabei aber mit 24 Meter Abstand deutlich weiter vom Ziel als ein Konkurrent mit 13 Metern. Obwohl die Gebrüder Wright das neue Heck des Flugzeugs noch nicht geprüft und abgenommen haben, startet er mittags bei schlechtem Wetter erneut. Das Heck bricht, Rolls stürzt aus ca. 30 Fuß Höhe ab, und beim Aufprall explodiert der Motor. Charles stirbt noch am Unfallort an inneren Quetschungen.

Den Einstand der legendären Kühlergrillfigur „Spirit of Ecstasy“ nur Monate später erlebte er nicht mehr. 1931 übernahm Rolls-Royce den Konkurrenten Bentley und meldete 40 Jahre später selbst Insolvenz an, die durch die britische Regierung abgewendet wurde. In einem Bieterstreit setzte sich zunächst VW durch und kaufte das Unternehmen für 1,44 Milliarden Mark, ehe kurze Zeit später BMW den Luxus-Hersteller übernahm, in dessen Besitz sich Rolls-Royce noch heute befindet. 2019 wurden weltweit 5.152 Fahrzeuge ausgeliefert, 25 Prozent mehr als im Vorjahr. Wichtigster Einzelmarkt für Rolls-Royce sind heute die USA, die für rund ein Drittel des weltweiten Absatzes stehen. Erst dahinter folgen China und Europa. Insgesamt verkauft Rolls-Royce seine Fahrzeuge mit 135 Händlern in über 50 Ländern. Darüber hätte sich Charles Rolls heute sicher gefreut.

„unbaubar“

Er galt als einer der wichtigsten Vorkämpfer der modernen Architektur in Deutschland, als „Baumeister der deutschen Demokratie“, Verfechter eines Bauens ohne jede Status- und Machtsymbolik, allen Herrschaftsstrukturen gegenüber skeptisch. „Die erstrebenswerte Ordnung unserer Gesellschaft möchte ich nicht in geometrische Klein- und Großraster, sondern eher in ihrer möglichen Vielfalt gespiegelt sehen“, sagte er einmal. Als er vor 10 Jahren, am 12. Juli 2010, in Stuttgart starb, erschien eine Fülle bewegender Würdigungen zu seinem Schaffen. Der Spiegel titelte „Der Mann, der Deutschland ein junges Gesicht gab“. Wie kein anderer habe er „Demokratie und Freiheit in eindrucksvolle Bauten übersetzt“. Seine Arbeit prägt bis heute den Stil jüngerer Generationen: Günter Behnisch.

Seine Skepsis gegen autoritäre Systeme und hierarchische Mächte wurzelte für viele in seiner Biografie. Geboren am 12. Juni 1922 als zweites von drei Kindern eines SPD-nahen Volksschullehrers in Lockwitz bei Dresden, zog er 1934 mit seiner Familie nach Chemnitz um: sein aus politischen Gründen kurzzeitig verhafteter Vater wurde dorthin strafversetzt. Nach der Reifeprüfung meldete er sich mit 17 Jahren, drei Monate nach Kriegsbeginn, am 1. Dezember 1939 freiwillig zur Marine als Offiziersanwärter und wurde nach dem Ausbildungslager auf der Ostseeinsel Dänholm und dem Besuch der Marineschule in Flensburg zum Leutnant zur See ernannt. Zuerst als Wachoffizier auf einem U-Boot eingesetzt, wurde er 1944, mittlerweile zum Oberleutnant zur See befördert, mit 22 Jahren einer der jüngsten U-Boot-Kommandeure der deutschen Kriegsmarine.

Günter Behnisch. Quelle: https://cdn.dosb.de/alter_Datenbestand/Bilder_allgemein/Personen/Sonstige/Sonstige_A-E/Behnisch-Guenter-2463906.jpg

Nach Übergabe und Überführung seines U-Bootes U 2237 an die Engländer ging er bis November 1946 in Kriegsgefangenschaft. Sein Entschluss, eine Architekturausbildung aufzunehmen, entsprang einem Zufall. Während des Krieges habe er in einem Hotel im italienischen La Spezia ein Buch gefunden; es „handelte davon, wie man Häuser konstruiert. Der Krieg war zu Ende, und irgendetwas musste ich ja machen.“ Ende 1946 kehrte Behnisch nach Deutschland zurück und kam zunächst bei einem ehemaligen Kriegskameraden in Osnabrück unter, wo er ein viermonatiges Praktikum als Maurer bei der Baufirma Hagedorn absolvierte. Sein Versuch, ein Architekturstudium an der Universität in Hannover aufzunehmen, scheiterte jedoch. An der TH Stuttgart dann konnte er 1947 endlich „irgendetwas machen“ und Architektur studieren. 1952 eröffnete er sein Büro in der baden-württembergischen Landeshauptstadt, daneben heiratet er und wird mit seiner Frau drei Kinder bekommen. Er bleibt ihr und der Stadt bis zu seinem Tod treu.

„Durchsichtigkeit ihrer geistigen Ordnung“

Renommee erwarb er schnell mit einer Vielzahl von (Hoch-)Schulbauten und Sporthallen in dem Bundesland, darunter dem Schulensemble in Lorch, dem inzwischen denkmalgeschützten Hohenstaufengymnasium in Göppingen und der Fachhochschule in Aalen. Die am Hang über Terrassen gestaffelten Bauten der 1959 fertig gestellten Vogelsang-Schule mit ihrem sorgsam gefügten Sichtmauerwerk sind noch Ausdruck der Stuttgarter Tradition – und weisen doch schon weit darüber hinaus. Denn zu dieser Zeit experimentierte er bereits mit Rasterfassaden und Fertigteilen. Die Fachhochschule Ulm wurde 1963 als erstes größeres Bauprojekt aus vorgefertigten Elementen gebaut. Lastende Schwere und übertrieben lange Achsen waren für Behnisch ebenso tabu wie extreme Symmetrie – und deshalb war zum Beispiel der Berliner Reichstag für ihn lange ein „Monster“, ein Ausbund „wilhelminischer Machtarchitektur“. Er wollte es anders machen.

Seine Architektur charakterisiert sich durch die Verwendung neuer Materialien wie Stahlbeton, Stahl, Glas oder Acryl. Gegenüber älteren Bauweisen mit natürlichen Materialien wie Holz und Stein zeichnen sich diese neuen Baustoffe durch hohe Leistungsfähigkeit, Präzision und kurze Bauzeiten aus. Seine U-Boot-Zeit verleitete später viele Architektur-Kritiker dazu, seinen Baustil – offene Gebäude, meist mit viel Glas – als Kontrapunkt zur klaustrophobischen Kriegserfahrung unter Wasser zu deuten. Unsinn, beschied der Meister und sagte der Zeit: „Meine Liebe fürs Licht kommt von ‚Brüder, zur Sonne, zur Freiheit’“, dem berühmten Arbeiterlied. Während lange Zeit die tragende Struktur identisch war mit der Begrenzung des Raumes, führte Behnischs neue Bauart zur Einführung der Skelettkonstruktion.

Der sorgsame Umgang mit der Landschaft, mit den Baustoffen und den Ressourcen der Natur war Behnisch Pflicht und selbstverständlich, schon Jahrzehnte bevor man vom „ökologischen Bauen“ sprach. In einem Text von 1965 beschwor er „den faszinierenden Ausblick und die Hoffnung auf eine Architektur, die im Gegensatz zur kalten Pracht der Architekturmonumente und im Gegensatz zur Geistlosigkeit der Architekturstile immer lebendig sein wird, die nie fertig sein wird, die anbaut, abreißt, ändert, erneuert, und die ihre Schönheit nicht von einem übergestülpten System sogenannter harmonischer Maße bezieht, sondern von der Durchsichtigkeit ihrer geistigen Ordnung“.  In seinen Worten zeichnete sich schon jene Spaltung ab, die auf der einen Seite in die technische Perfektion industriell gefertigter Großprojekte führte, von denen sich Behnisch bald nachdrücklich distanzierte. Und sie waren bereits ein Hinweis auf seine späteren Experimente mit der Eigensinnigkeit, auch Gegenläufigkeit von Strukturen. Die Architektur sollte dem Menschen dienen, der Mensch in der Architektur leben, nicht von ihr beherrscht werden. Kompromisse lehnte Behnisch immer ab: „Ich will nicht mehr ins Mittelmäßige hineingezogen werden“, zitiert ihn der Spiegel.

Hohenstaufen-Gymnasium in Göppingen. Quelle: https://cdn1.stuttgarter-zeitung.de/media.media.1533e82b-ee88-4d09-a932-257deadd0669.original1024.jpg

1966 wurde die Architektengruppe Behnisch & Partner gegründet, die Behnisch unter wechselnden Namen jeweils mit einem oder mehreren Partnern führte und erst 2005 auflöste. 1967 übernahm er bis zu seiner Emeritierung die Nachfolge Ernst Neuferts auf dem Lehrstuhl für Entwerfen, Baugestaltung und Industriebaukunde an der TH Darmstadt. Gleichzeitig wurde er Direktor des dortigen Instituts für Normgebung. Im Wettbewerb um die Bauten für die Olympischen Spiele in München entschied er sich für das Abenteuer eines Entwurfs, der im Preisgericht zunächst als „unbaubar“ galt: ein weiträumig modelliertes Gelände wird mit einer scheinbar schwebenden Zeltlandschaft überdacht, dabei höchst funktional allen Anforderungen der Wettkämpfe tauglich und zudem für die Gäste aus aller Welt ein unvergesslicher Erlebnisraum der  intendierten „Heiteren Spiele“, die dann ob des PLO-Anschlags so heiter doch nicht wurden. Die virtuose Inszenierung der Heterogenität von Materialien, Elementen und Strukturen machte die Qualität dieses Projekts auf dem Münchner Oberwiesenfeld aus, das Behnisch schlagartig weltbekannt machte.

„Werkhalle der Demokratie“

In rascher Folge realisierte er jetzt bis zur Wiedervereinigung weitere namhafte Projekte: das Studien- und Ausbildungszentrum sowie die Landesgeschäftsstelle der Evangelischen Landeskirche Württemberg in Stuttgart, die Zentralbibliothek der Katholischen Universität in Eichstätt, das Bundespostmuseum/ Museum für Kommunikation in Frankfurt, das Hysolar Forschungs- und Institutsgebäude der Universität in Stuttgart, den Marco-Polo-Tower sowie die Unilever-Zentrale in Hamburg und das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen in Heidelberg. 1982 wurde Behnisch Mitglied der Akademie der Künste in Berlin in der Sektion Baukunst. 1984 wurde ihm von der Universität Stuttgart die Ehrendoktorwürde verliehen.

Teilansicht des Olympia-Geländes. Quelle: https://www.gea.de/cms_media/module_img/2915/1457616_1_detail_kompromisse-lehnte-guenter-behnisch-immer-ab-ich-will-nicht-mehr-ins-mittelmaessige-hineingezogen-werden-benisch-entwarf-das-muenchner-olympiastadion-.jpg

Sein zweites prestigeträchtiges Großprojekt nach München – den Wettbewerb dazu hatte er bereits 1973 gewonnen – war der Umbau des Zentralbereichs und des Plenarsaals des Deutschen Bundestages in Bonn – auch wenn der erst fertig wurde, als der Umzug nach Berlin bereits beschlossen und im Gang war. Die transparent gestaltete „Werkhalle der Demokratie“ (Behnisch) war damals das modernste Parlamentsgebäude der Welt. 1989 gründete sein Sohn Stefan Behnisch ein Zweigbüro in Stuttgart, das 1991 eigenständig wurde und inzwischen unter dem Namen Behnisch Architekten weltweit agiert.

1991 wurde er zum Ehrenprofessor an die Internationale Akademie der Architektur in Sofia berufen, ein Jahr darauf zum Ehrenmitglied der Königlichen Vereinigung der Architekten in Schottland. Im gleichen Jahr wurde er auch Ehrenmitglied des Bundes Deutscher Architekten (BDA). 1996, inzwischen mehrmals nach Dresden zu Besuchen und Architekturwettbewerben zurückgekehrt, wurde er Gründungsmitglied der Sächsischen Akademie der Künste, deren Klasse Baukunst er bis 2000 leitete. Zu seinen Dresdner Arbeiten gehörten der Bau des futuristisch anmutenden Katholischen St.Benno-Gymnasiums sowie das „Blumenhaus“, ein Wohn- und Geschäftskomplex im Rahmen des Wiederaufbaus des Neumarkts rings um die Frauenkirche. Seinen Dialekt legte er übrigens zeitlebens nicht ab.

Nach dem Entwurf zur Umgestaltung des Bayerischen Landtags von Günter Behnisch sollte das Maximilianeum in München eine gläserne Krone erhalten: ein Plenarsaal aus Glas. Der Entwurf wurde 2000 im Wettbewerb um die Neugestaltung des Sitzungssaales mit einem Sonderpreis bedacht. 2001 eröffnete das von ihm entworfene Museum der Phantasie – auch Buchheim-Museum genannt – am Starnberger See. Zwei Jahre zuvor ging sein Kontrollturm am Nürnberger Flughafen in Betrieb – seinerzeit der modernste Deutschlands. Sein drittes und zugleich letztes, und umstrittenstes, Großprojekt war der Neubau für die Akademie der Künste in Berlin, den er zusammen mit Werner Durth von 1999 bis 2005 für 56 Millionen Euro errichtete.

Dresdner Benno-Gymnasium. Quelle: https://img.welt.de/img/kultur/mobile101365972/8501626557-ci23x11-w780/bs-behnisch-strecke10-DW-Kultur-Dresden-jpg.jpg

Er folgte auch hier seinem Prinzip des „transparenten Bauens“ – mit einer Glasfassade zum Pariser Platz und offenen Etagenübergängen im Inneren, was zu akustischen Problemen im Alltag führte und Kritik auslöste. Schon in der Entwurfsplanung gab es Konflikte mit den Berliner Stadtplanern, weil die Bausatzung an der historischen Stelle der Hauptstadt eigentlich keine durchgehende Hightech-Glasfassade erlaubte. Aber „ich bin gar nicht erst auf die Idee gekommen, da eine Steinfassade zu machen“, sagte Behnisch seinerzeit. „Wir wollten schon gar keine Assoziationen an die Großkotzigkeit der Hitler-Architektur und der wilhelminischen Architektur wecken.“ Die gigantomanischen Macht-Klötze der NS- und Kaiserzeit, so fürchtete er, feierten ein schleichendes Comeback in der neuen Hauptstadt. Er sei „traumatisiert von den ideologischen Architekturinszenierungen der Nazis“ und empfinde einen „heftigen Widerwillen gegen das Zurschaustellen steinerner, lastender Baumassen“, zitiert ihn das Portal baunetz.

Für Behnisch waren historisierende Bauten wie das Stadtschloss reine Sicherheitsarchitektur, die eine spießig-konservative Sehnsucht nach Gemütlichkeit bediente, wo doch eigentlich Wagnisse gefragt waren. Ein Sentiment, das er nur mit lakonischer Bissigkeit kommentieren konnte: „Wenn es jemand nach Gemütlichkeit verlangt, soll er sich eine Katze anschaffen.“ Berlins Senatsbauverwaltung stellte fest, dass „Undichtigkeiten an der vertikalen Fassade“ das Bauwerk schädigten. In den Archivräumen machte sich beizeiten Schimmel breit, so dass die umfangreichen Bestände der Akademie seit Jahren in einem Lager am Westhafen untergebracht sind. Eine andere Erklärung, bekannte Behnisch freimütig, sei seine landsmannschaftlicher Tradition, die ihn mit Berlin nie so recht warm werden lasse: „Ich bin ein Sachse, und wir haben immer zusammen gegen die Preußen gekämpft – und haben immer verloren. Friedrich der Große, das war ja ein Räuber. Die Österreicher waren mir immer sympathischer. Die kennen das auch, das Laufenlassen und das Schauen-wir-mal-wie’s-Geht.“

„Heiter und ernst“

1999 war Behnisch Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in München und 2006 Ehrenmitglied der Architektenkammer Keyseri in der Türkei geworden. Er starb zu Hause, wo ihn seine Frau in den letzten Jahren gepflegt hat. Nach mehreren Schlaganfällen war er halbseitig gelähmt und auf Hilfe angewiesen, jedoch bis zum Schluss ansprechbar gewesen, sagte sein Sohn der FAZ: „Er hatte ein langes, erfülltes Leben.“ Eines ist den Gebäuden Günter Behnischs immer gemeinsam: Er entwickelte seine Grundrisse nie von außen, immer von innen mit einem offenen, der Kommunikation dienenden Mittelpunkt, um den die funktionalen Bereiche gruppiert wurden und so einen vielgliedrigen, von optischer Transparenz und Öffnung nach außen geprägten Baukörper bilden. Große Kubaturen werden aufgelöst in Linien und Flächen, geschlossene Mauern weichen filigran gegliederten Glasfassaden, das „große Ganze“ wird fragmentiert zugunsten der Vielfalt. Seine Entwürfe orientierten sich in erster Linie nicht an Formen und Fassaden (deshalb war für ihn die neuere Berliner Architektur überwiegend „Angeberei“), vielmehr strebte er Räume und Raumfolgen an, welche die Nutzer mit ihren Aktivitäten „besetzen“ können.

AdK in Berlin. Quelle: https://img.welt.de/img/kultur/mobile101366054/5271622377-ci23x11-w780/bs-behnisch-strecke8-DW-Kultur-Bernried-jpg.jpg

In bester moderner Tradition suchte er für lebendig interpretierte Bedürfnisse das richtige Maß zu finden, wie er es besonders für Schulen forderte: „Heiter und ernst, geordnet und neu geordnet, individuell und eingefügt ins Ganze.“ Behnisch kannte nach eigener Aussage weder die Zahl seiner Auszeichnungen noch die Zahl errungener Architekturpreise, darunter wiederholt der Deutsche Architekturpreis. „Die Preise sind wichtig für meine Mitarbeiter, die sich jahrelang mit einem Projekt beschäftigen, und für die Eigentümer“, sagte er einmal, „nicht für mich“. Schön sei es, als Architekt einiges mitbestimmen zu können. Und das hat er getan.

Allein bis 1996 griffen 38 Filme auf seine Musik zurück. Rechnet man Dokumentarfilme hinzu, waren es gar 46. Gleich zweimal bediente sich Woody Allen; die japanische Kultkomödie „Tampopo“, der vielleicht „witzigste Film aller Zeiten über die Verbindung von Essen und Sex“, so Hal Hinson in der Washington Post, nutzte genüsslich seine Motive. Luigi Visconti hat das Adagio seiner fünften Sinfonie in der Mann-Verfilmung „Tod in Venedig“ zum „Leidmotiv“ erhoben, selbst Hannibal Lecter mordete mit ihm: Gustav Mahler. Der österreichische Wirtssohn war nicht nur einer der bedeutendsten Komponisten der Spätromantik, sondern auch einer der berühmtesten Dirigenten seiner Zeit und als Operndirektor ein bedeutender Reformer des Musiktheaters. Am 7. Juli vor 160 Jahren wurde er im böhmischen Kalischt geboren.

In seinem Geburtsjahr verkauften seine Eltern ihren Gasthof und zogen in die mährische Stadt Iglau, wo Mahler den überwiegenden Teil seiner Jugend verbrachte. Sie sollte traumatisch werden. Er musste mit ansehen, wie der Vater die Mutter schlug, und erleben, wie sechs seiner vierzehn Geschwister früh starben. Sein älterer Bruder Isidor war bei seiner Geburt schon gestorben, so dass er mit dieser Fehlstelle zum ältesten Kind wurde. Als 15jähriger machte ihm besonders der Tod seines 13jährigen Bruders Ernst sehr zu schaffen. Zudem starben beide Eltern, als Mahler noch keine dreißig war, so dass er sich danach verpflichtet fühlte, für seine jüngeren Geschwister zu sorgen, bis sie selbstständig waren. Mahler nahm seine Schwester Justine zu sich, die ihm bis zu ihrer Heirat viele Jahre den Haushalt führte.

Schon als Vierjähriger hatte er seinen ersten musikalischen Unterricht auf dem Akkordeon, kurz danach auch auf dem Klavier. Seine Begabung war so herausragend, dass er mit sechs Jahren, als er zur Schule kam, bereits selbst in der Lage war zu unterrichten. Mahler war von  schneller Auffassungsgabe und von großer Wissbegierde. Er komponierte, befasste sich mit Literatur und interessierte sich für alle Musikrichtungen, die ihm in Iglau zu Ohren kamen. Elemente der jüdischen Musik, der Militärmusik oder der Volks- und Tanzmusik flossen mehrfach in seine späteren Werke ein. 1870 bekam er Gelegenheit, im Iglauer Theater erstmals als Pianist öffentlich aufzutreten. Auch im Gymnasium, an das er zwischenzeitlich gewechselt war, konnte er sein großartiges Können am Klavier zeigen.

Gustav Mahler. Quelle: https://www.muk.ac.at/fileadmin/_processed_/7/f/csm_Gustav_Mahler__c__Gustav_Mahler.com_3ae678b5b6.jpg

1875 ging Mahler nach Wien, um am Konservatorium Klavier und Komposition zu studieren. Für den Abschluss am Gymnasium in Iglau lernte er nebenbei weiter und schaffte ihn schließlich 1877 im zweiten Anlauf: er war trotz seiner Intelligenz ein recht mittelmäßiger Schüler. Während seiner Studienzeit entstanden mehrere Kompositionen, außerdem begann Mahler mit der Arbeit an seiner Märchen-Kantate „Das klagende Lied“, die er nachträglich als Op.1 bezifferte. Zusätzlich besuchte er Vorlesungen in Germanistik, Philosophie und Bildender Kunst an der Universität. Auch bei Anton Bruckner saß er im Hörsaal, wenn dieser über Musikgeschichte referierte.

In seinen Konservatoriumsjahren arbeitete er an zwei Opern, die unvollendet blieben: „Die Argonauten“ nach einem Drama von Franz Grillparzer und „Rübezahl“. Mit einer öffentlichen Aufführung seines heute verschollenen Klavierquintetts, für das er zuvor wiederholt einen Konservatoriums-Preis bekommen hatte, beendete er erfolgreich sein Studium. Er hatte inzwischen Freundschaften mit Musikerkollegen, Literaten und Philosophen geschlossen und war allen neuen Einflüssen zugänglich. Das ging soweit, dass er sich sogar mehrere Jahre als absoluter Vegetarier ernährte.

„Es ist nun alle Not vorüber“

Bis 1891 sammelte er dann quer durch Europa Erfahrungen als Kapellmeister in Bad Hall, Laibach, Olmütz, Kassel, Prag und Leipzig sowie die letzten drei Jahre als Königlicher Operndirektor in Budapest. Sein Anfangsverdienst am Kurtheater Bad Hall betrug 30 Gulden, das wären für gegenwärtige Verhältnisse etwa 240 Euro. Mahler konnte dieser Anstellung nichts abgewinnen, er konnte nur seinen Lebensunterhalt damit verdienen. Wie fatal ihm diese drei Monate waren, zeigte sich darin, dass er sie in Bewerbungen einfach unterschlug. Während der elf Jahre kristallisierte sich ein Muster heraus, dem er bis zu seiner Hochzeit folgen sollte: in jeder Stadt fand er eine „große Liebe“, die ihn musikalisch inspirierte und die doch mit jedem Wegzug endete. In Kassel etwa war es die Sopranistin Johanna Richter; in Leipzig schrieb er, berauscht durch seine Liebe zu Marion von Weber, der Frau eines Enkels von Carl Maria von Weber, und durch den Roman „Titan“ von Jean Paul in sechs Wochen die 1. Sinfonie, die er dann in Budapest uraufführte, und erste Lieder zu „Des Knaben Wunderhorn“, einer Textsammlung mit Volksdichtungen, die er sehr schätzte.

Alma mit den gemeinsamen Töchtern. Quelle: https://img.welt.de/img/kultur/mobile101321830/6081624157-ci23x11-w780/mahler-06-alma-mit-kindern-DW-Kultur-Steinach-am-Attersee-jpg.jpg

Während seiner Jahre als Kapellmeister dirigierte er zahlreiche Opern und hatte Gelegenheit, zwischendurch immer wieder Konzertaufführungen anderer Musiker zu erleben. Er wurde mit Richard Strauss bekannt und lernte bei einem Besuch in Bayreuth Cosima Wagner und ihren Sohn Siegfried kennen. Der Ruf als hervorragender Dirigent eilte ihm voraus, als er 1891 an das Stadt-Theater Hamburg ging. Seine Arbeit reformierte den Musiktheater-Stil nachhaltig und hatte weitreichende Auswirkungen auch auf andere Bühnen. Das Opernhaus erlangte dank seines Chefdirigenten den Status, eine der besten deutschen Operbühnen zu sein. Eine Hommage an die Stadt und an den Hamburger Michel findet sich in Mahlers „Auferstehungs-Symphonie“ wider. Spektakulär waren Mahlers Erst-Aufführung des „Te Deum“ in C-Dur von Anton Bruckner, das als dessen bedeutendstes Chorwerk in der Zeit des Deutschen Kaiserreiches galt, sowie, in Anwesenheit des hochzufriedenen Komponisten, die deutsche Erstaufführung von Tschaikowskis Oper „Eugen Onegin“. Mit der auch im Alltag hochdramatischen Anna von Mildenburg ging er die leidenschaftlichste Liebesbeziehung vor seiner Ehe ein, die er jedoch mit seinem nächsten Wechsel wiederum ad acta legte.

Nach sechs Jahren beendete Mahler seine Hamburger Tätigkeit und konvertierte vom jüdischen Glauben zum Katholizismus. Er hat seinem Glauben nie besonders nahe gestanden, seine Weltanschauung war, wie an seinen Angaben und Texten zur 3. Sinfonie, zur 8. Sinfonie und zum Lied zu erkennen ist, eher eine naturreligiöse und philosophische. Allerdings befasste er sich auch intensiv mit dem Auferstehungs- und Erlösungsgedanken des Christentums, was unter anderem in der 2. und 3. Sinfonie deutlich wird. Dennoch befürchtete Mahler nicht zu Unrecht, dass seine jüdische Herkunft der Grund sein könnte, ihm weitere Aufstiegsmöglichkeiten zu versperren. „Mein Judentum verwehrt mir, wie die Sachen jetzt in der Welt stehen, den Eintritt in jedes Hoftheater. – Nicht Wien, nicht Berlin, nicht Dresden, nicht München steht mir offen.“

Dennoch wurde sein Anschreiben aus München abschlägig beantwortet. Das freute die Wiener Hofoper, die ihn kurz darauf zum Kapellmeister mit einem Jahreshonorar von 5000 Gulden machte. Mahlers erste Wiener Aufführung – er dirigierte den „Lohengrin“ von Richard Wagner – wurde ein sensationeller Erfolg. An Anna von Mildenburg schrieb er euphorisch: „Es ist nun alle Not vorüber! Ganz Wien hat mich geradezu mit Enthusiasmus begrüßt…“ In den nächsten zehn Jahren wird er seine an Richard Wagners Begriff des Gesamtkunstwerks orientierte Vorstellung von Oper als Einheit von Musik und Darstellung verfeinern und eine Rollendarstellung durchsetzen, die situativ und psychologisch genau war und mit der sängerisch-musikalischen Gestaltung im Einklang stand. Während der Wiener Jahre reiste er durch ganz Europa, um zu dirigieren und seine eigenen Kompositionen – mit unterschiedlichem Erfolg – aufzuführen.

Komponierhäuschen in Maiernigg am Wörthersee. Quelle: https://www.aerzteblatt.de/archiv/89543/Gustav-Mahler-(1860-1911)-Musik-und-Medizin-an-der-Schwelle-zur-Moderne#group-2

1899 engagierte er Selma Kurz, die erst 17-jährige, österreichische Sängerin an seine Wiener Bühne. Es dauerte nicht lange, und die beiden Künstler wurden, ungeachtet des Altersunterschiedes, ein Liebespaar. Da die Bestimmungen der Hofoper den Künstlern verboten, untereinander eine Ehe einzugehen, zog die Sängerin nach der kurzen Affäre ihre Karriere vor und blieb, von Mahler gefördert, als erfolgreiche Diva am Haus. Im Frühjahr 1901 erkrankte Mahler so schwer, dass eine Operation unumgänglich war. Danach widmete er sich wieder mehr seinen Kompositionen und ließ sich dazu an seinen Urlaubsorten kleine „Komponierhäuschen“ errichten, in denen er ungestört arbeiten konnte: Bereits seit 1893 in Steinbach am Attersee, seit 1901 in Maiernigg am Wörthersee und seit 1908 in Toblach in Südtirol. Deshalb wird er oft auch als „Sommerkomponist“ bezeichnet. Die Natur diente ihm als stärkste Inspirationsquelle.

Schicksalsjahr 1907

1901 lernte Mahler die 20 Jahre jüngere Alma Schindler kennen. Er verliebte sich in die schöne Frau, deren Elan als musikalisch aktive Künstlerin abgeklungen war und die es stattdessen vorzog, ihre Schönheit zu Markte zu tragen, um namhaften Künstlern eine Muse sein zu können. Nach kaum zwei Monaten verlobten sich beide. Die Verbindung erregte nicht nur wegen des Altersunterschiedes großes Aufsehen: Mahler war nur ein Meter sechzig klein, fiel eher durch seine hohe Stirn als durch ebenmäßige Züge auf, litt unter Hämorrhoiden und galt dennoch als dominant. Prompt legte er seiner Zukünftigen in einem zwanzig Seiten umfassenden Brief dar, was er von ihr erwartete, und stellte sie vor die Wahl, ihre eigenen Kompositionen einzustellen oder von der Heirat Abstand zu nehmen.

Gustav und Alma bei einem Spaziergang nahe ihrem Sommerdomizil in Toblach (heute: Dobbiaco, Italien) 1909. Quelle: https://cdn.prod.www.spiegel.de/images/a9a1eec4-0001-0004-0000-000001055774_w1528_r1.3965313362238865_fpx66.59_fpy54.99.jpg

Alma willigt ein und lebt acht Jahre nur für ihren Mann und sein Werk: Als Muse, Managerin, Haushälterin und Mutter. Am 9. März 1902 fand die Trauung in der Wiener Karlskirche statt. Die Hochzeitsreise, die gleichsam eine Konzertreise war, führte das Paar nach Sankt Petersburg. Anschließend ging Mahler nach Maiernigg und stellte dort die im Jahr zuvor begonnen „Kindertotenlieder“ fertig. Seine schwangere Frau war sichtlich befremdet über diese Arbeit. 1902 wurde Mahlers Tochter Maria Anna geboren, 1904 seine zweite Tochter Anna Justine. Im Sommer desselben Jahres vollendete Mahler seine 6. Sinfonie.

Mahlers Ungeduld mit Personal, das seinen Ansprüchen nicht genügte, seine Tourneen als Dirigent eigener Werke, eine Pressekampagne gegen ihn mit antisemitischen Tendenzen und Streitigkeiten mit seinen Vorgesetzten bei Hof über häufige Abwesenheiten und die Programmgestaltung, deren Gipfel das Verbot der Uraufführung von Richard Strauss’ „Salome“ war, brachten schließlich beide Seiten 1907 dazu, Mahlers Wiener Amtszeit zu beenden. Die tiefgreifenden Konflikte zeigten sich nicht zuletzt in der Tatsache, dass Mahler nicht offiziell verabschiedet wurde. Dennoch bekam er eine hohe Abfindung, die Kaiser Franz Joseph persönlich bewilligte.

Das Jahr sollte zu Mahlers Schicksalsjahr werden: neben dem Ende seines Wiener Engagements musste er im Sommer 1907 den Tod seiner älteren Tochter Maria verkraften, die an Scharlachdiphterie qualvoll starb, und unmittelbar darauf die Diagnose einer schweren Herzerkrankung, die eine rigorose Änderung der Lebens- und Arbeitsgewohnheiten des bislang robusten, sportlichen Mannes erzwang. Heute nimmt man an, dass immer wiederkehrende, nie wirklich auskurierte Mandelentzündungen die Ursache für seine Herzinnenhautentzündung war, der er letztlich erliegen sollte. Mahler nahm daraufhin zum 1. Januar 1908 eine Stelle an der Metropolitan Opera an. Hier ergänzte er seine Operntätigkeit durch ein breites Wirken als Konzert- und Tourneedirigent, zumal mit dem New Yorker Philharmonischen Orchester. Er kehrte im Sommer stets nach Europa zurück und schrieb noch zwei Meisterwerke: „Das Lied von der Erde“, eine Symphonie für Alt, Tenor und Orchester nach Dichtungen von Hans Bethges „Die chinesische Flöte“, die später seine 9. genannt wurde, und die 10. Symphonie.

„melancholisch-morbide Grundtönung“

Die entstand in der Auseinandersetzung mit seiner Ehekrise: Alma war eine Affäre mit dem Architekten Walter Gropius eingegangen. In einem Anfall rasender Leidenschaft bittet Gropius inständig Alma, alles zu verlassen und zu ihm zu kommen. Allerdings adressiert er den Brief nicht an die „Heißersehnte“, sondern an Gustav Mahler. Der öffnet nichts ahnend den Brief, seine Welt bricht zusammen. „Wahnsinn, fass mich an, Verfluchten! Vernichte mich, dass ich vergesse, dass ich bin! dass ich aufhöre zu sein, dass ich ver…“, schreibt er auf das Notenblatt der Partitur. Seine Gefühle leben in der Musik weiter, die Sinfonie pendelt zwischen Himmel und Hölle. Mahler konsultierte im holländischen Leyden sogar Sigmund Freud.

Letztes Foto 1911 vor dem Tod. Quelle: https://cdn.prod.www.spiegel.de/images/b90c93ae-0001-0004-0000-000001055768_w1528_r0.7016742770167428_fpx50_fpy64.54.jpg

Im Januar 1911 gab Mahler seine letzten Konzerte in Europa, bevor ihn seine Krankheit immer mehr am Arbeiten hinderte. Er raffte sich noch einmal auf, am 21. Februar 1910 in New York ein Konzert zu dirigieren, und reist im April nach Paris, hoffend, dass ihm die Spezialisten des Pasteur-Instituts helfen können. Ein befreundeter Arzt empfahl Alma Mahler, mit ihrem Mann umgehend nach Wien weiterzureisen, da es keine Heilungsaussichten gäbe und Mahler jetzt gerade noch transportfähig sei. Die Reise wurde zu einem öffentlichen Ereignis. Unterwegs wurden Journalisten über den Zustand des im Sterben liegenden Künstlers informiert. Sechs Tage vor seinem Tod war der Künstler endlich in Wien angekommen. Am 18. Mai 1911 starb er und wurde auf dem Grinzinger Friedhof neben seiner geliebten Tochter begraben.

Nach Mahlers Tod heiratete Alma den Architekten Walter Gropius (1915) und später (1929), nach ihrer Scheidung von Gropius, den Dichter Franz Werfel und war Geliebte von Oskar Kokoschka. In ihren Memoiren schrieb sie, sie habe sich ihr Leben lang als „Mahlers Witwe“ gefühlt. Sie nannte ihn einmal ihren „Amokläufer”, weil er mit seinem musikalischen Temperament die ganze Welt auseinander nehmen wollte. Ein anderes Mal zeichnet sie das Bild des „vergessenen“ Kindes im Walde – des kleinen Gustavs, der furchtlos inmitten der Düsternis, versunken in sich selbst, auf seine Erlebnisse wartet. „Die melancholisch-morbide Grundtönung seiner Musik, zu der vielfache Einbeziehungen von Naturpoesie und volkstümlichen Zügen unvermittelt kontrastieren, wirken heute noch ergreifend. Mahlers Musik spiegelt das Lebensgefühl vieler Menschen seiner Zeit wider, geprägt ist sie durch Zerrissenheit, Unrast und Unruhe“, heißt es auf dem Portal judentum-projekt.

„Verhasst und verehrt“ – Karikatur von 1900. Quelle: https://cdn.prod.www.spiegel.de/images/30a8bf7e-0001-0004-0000-000001055777_w1528_r1.090293453724605_fpx49.49_fpy50.jpg

Er galt als neuer Musiker-Typus, ein Außenseiter als Böhme unter Österreichern, als Österreicher unter Deutschen und als Jude in der ganzen Welt – zwischen 1933 und 1945 war er hierzulande mit einem völligen Aufführungsverbot belegt. Er habe den Glanz des Vergangenen noch einmal grandios aufleuchten lassen, den Schmerz über seinen Verlust und das Gefühl der Gebrochenheit im neuen Jahrhundert deutlich vorgestellt, befindet Axel Brüggemann auf dem Portal Klassik-Akzente: „Mahler wollte in der Musik über die Zukunft der Menschheit erzählen, als das etablierte Bürgertum noch gar nicht begriffen hatte, dass längst eine neue Zeit eingeläutet war.“ In der Welt ergänzt er: „Er hat eine Zwischenwelt von Traum, Psychoanalyse und Sehnsucht in den Klang der Extreme verpackt, ließ den Beelzebub zu Engelsstimmen lachen.“ Der Dirigent Rafael Kubelik sagte einst: „Beethoven bezeichnet man immer als Prometheus, er wollte den Menschen den Himmel bringen. Für die Zukunft sehe ich in Mahlers Werken diese Mission.“ Die Zeit wird zeigen, ob er Recht behält.

Im Namen der neuen Gottheit „Antirassismus“ werden vorgeblich „belastete“ Monumente geschliffen. Der politische Ikonoklasmus führt stattdessen zu neuen Lenin-Statuen.

Mein neuer Tumult-Text, der gern verbreitet werden darf.

Die Liste seiner Verdienste sei ebenso lang wie die Zahl seiner Fehltritte, so dass man sich „wundert, wie dieser Mann zu einer Ikone der Meeresforschung aufsteigen konnte“, zeigte sich Hanno Charisius in der Süddeutschen Zeitung irritiert. Zu seinen Lebzeiten war er laut Umfragen jahrelang der beliebteste Franzose, beriet Weltbank, UNO und Unesco, bekam den Nationalen Verdienstorden und die Ehrendoktorwürde von Harvard. Er drehte mehr als 100 Dokumentarfilme und bekam für drei den Oscar, schrieb Dutzende Bücher und verwandelte die Meeres-Biologie von einem exotischen Fach in einen Modestudiengang. Eine Viertelmilliarde Menschen verfolgte die Episoden seiner TV-Serie „Geheimnisse des Meeres“. Doch eines bleibt ihm zeitlebens verwehrt: die Anerkennung der etablierten Meereswissenschaftler.

Die Akademiker beargwöhnten den begnadeten Selbstdarsteller mit asketischer Aura, sie betrachteten ihn als Wilderer, ja Besessenen, mit dem die Phantasie durchgegangen war. So träumte er von operativen Eingriffen, mit denen sich Menschen zu Unterwasseratmern umbauen lassen sollten – eine Science-Fiction-Idee, die der russische Autor Alexander Beljajew in seinem Roman „Der Amphibienmensch“ (1928) entwickelt hatte. Und er träumte von riesigen Unterwassersiedlungen, die von Menschen bewohnt werden sollten, und versenkte 1964 eine Art bewohnbares Aquarium im Roten Meer, wo er mit seinem Sohn Philippe wochenlang unter Wasser lebte – in klimatisierten und beleuchteten Räumen, rauchend und Champagner schlürfend: Jacques-Yves Cousteau, der am 11. Juni 1910 bei Bordeaux als Sohn eines Anwalts geboren wurde. Als Schüler war ihm übrigens das Schwimmen wegen seiner schwächlichen Konstitution untersagt worden.

Costeau mit roter Mütze. Quelle: https://assets.cdn.moviepilot.de/files/b6cfecded9b252f6d9c608f1e0d7e0490fcd324dc00004bff4c93219ea93/jacques-yves-cousteau.jpg

Beinahe wäre er nach der Marineschule in Brest, die er von 1930 bis 1933 besucht, Marineflieger geworden, doch ein Autounfall kommt ihm dazwischen. 1936 überschlug sich sein Wagen, Cousteau brach sich zwölf Knochen. Sein linker Arm war derart zertrümmert, dass Ärzte zur Amputation rieten, um einen womöglich tödlichen Wundbrand zu vermeiden. Cousteau wagte alles und gewann: Der Arm verheilte. So stillte der 26-Jährige sein Entdeckerbedürfnis im entgegengesetzten Element: Seit er im Sommer 1936 erstmals mit einer Unterwasserbrille im Mittelmeer tauchte, träumte er von den Tiefen der Meere: „Ich tauchte meinen Kopf unter, und die ganze Zivilisation schwand mit dieser einen Bewegung dahin. Ich war wie in einem Dschungel, der noch nie von all denen erblickt worden war, die sich auf der undurchsichtigen Erdoberfläche bewegten.“ Es war ein Erweckungserlebnis. Im Jahr darauf heiratet er Simone Melchior, mit der er zwei Söhne hatte, Jean-Michel und Philippe, der 1979 beim Absturz seines Wasserflugzeugs sterben sollte.

„Ich bin das Meer“

Zunächst erklimmt Cousteau die militärische Karriereleiter, arbeitet als Agent der Aufklärungsabteilung der Marine in China, Japan und der Sowjetunion und unterstützt nach dem deutschen Sieg gegen Frankreich 1940 die Résistance. Er verdient sich mehrere Orden und bringt es bis zum Korvettenkapitän, als er 1956 ausscheidet. Den Beinamen le commandant (englisch „captain“) behält er. Parallel dazu wird er zum Tauchprofi und riskierte wieder sein Leben – um „selbst Fisch zu werden“: Weiter als auf Schnorcheltiefe waren die Meere noch nicht erforscht. Da ihm das mit den damals üblichen, von außen mit Luft versorgt schweren Tauchhelmen und –anzügen unmöglich erschien, experimentierte er und verlor mehrmals unter Wasser das Bewusstsein.

Dann brachte er zwei französische Ingenieure dazu, mit ihm gemeinsam den vom österreichischen Taucher und Dokumentarfilmer Hans Hass ersonnenen Lungenautomaten weiterzuentwickeln, der es erstmals ermöglichte, Luft aus Pressluftflaschen zu atmen. Auf der Aqua-Lunge basiert bis heute das Prinzip des Tauchens: Per Atemregler ließ sich fortan komprimierte Luft aus Flaschen automatisch dem wechselnden Wasserdruck anpassen. „Befreit von Schwerkraft und Auftrieb flog ich durch das All“, jubilierte Cousteau nach dem ersten Tauchgang. Und später: „Ich bin das Meer, und das Meer ist in mir.“ Die neue Technik legte das eine Fundament für seinen Welterfolg. Das andere sind die wasserdichten Gehäuse für Kameras, die er entwickelt.

Costeau mit Aqualunge. https://www.br.de/wissen/jacques-yves-cousteau-meeresforscher-tiefseetaucher-102~_v-img__16__9__xl_-d31c35f8186ebeb80b0cd843a7c267a0e0c81647.jpg?version=18a6c

1942 dreht Cousteau bei der Insel Embiez nahe Toulon am Mittelmeer seinen ersten Unterwasserfilm „In 18 Metern Tiefe“ – mit einer simplen Kamera im wasserdichten Einmachglas. Mit dabei sind Philippe Tailliez und Frédéric Dumas – die drei „Mousquemers“ (Musketiere des Meeres). Für den nächsten Film „Wracks“ benutzen sie 1943 erstmals die „Aqualung“. Für die Taucher der Marine entwickelte er den ersten Scooter, ein motorisiertes Fortbewegungsmittel unter Wasser. Es folgten Forschungs-U-Boote, darunter die berühmte tauchende Untertasse „Denise“, sowie eine tiefseetaugliche Kamera. 1947 schaffte er mit 91,5 Metern den Weltrekord im Freitauchen.

1950 überlässt ihm der irische Bierbrauer Thomas Loel Guinness ein ehemaliges Minensuchboot für einen symbolischen Franc Miete im Jahr. Der Captain baut die Calypso für seine Zwecke um. Mit an Bord bei der ersten Reise ist der noch unbekannte Regisseur Louis Malle, mit dem Cousteau sich bei seinem bekanntesten Film „Die schweigende Welt“ die Regie teilt – und 1956 die Goldene Palme beim Filmfestival in Cannes. Nur 14 Jahre nach dem eher unscheinbaren Erstling stießen seine Taucher in der später auch oscargekrönten Doku mit unter Wasser brennenden Magnesiumfackeln wie tollkühne Eroberer in die Tiefe vor. Sie rasten mit Scootern hinter Fischschwärmen her, flogen über bunte Korallengärten und inspirierten damit James Bonds „Feuerball“ (1965). Sogar den Haien stellten sie sich, geschützt nur durch einen engen Käfig. Bald darauf kommt Malle als Spielfilmregisseur zu Weltruhm.

Mehr als 40 Jahre lang schipperte Cousteau mit der Calypso über die Weltmeere und verarbeitete seine Expeditionen in vielen Texten und Bildern. Geschickt machte er sich selbst zur Marke: In seinen Filmen und TV-Sendungen ließ er die Crew auf dem blendend-weiß gestrichenen Schiff stets seine bald weltberühmten roten Wollmützen tragen. Auf dem Boot herrschte strenge Hierarchie: „Le Commandant“ schickte bisweilen Mannschaftsmitglieder ohne Abendessen ins Bett, wenn sie nicht nach seiner Pfeife tanzten. Um exorbitant teure Expeditionen zu finanzieren, schloss er auch Verträge mit der Öl-Industrie ab und sondierte den Meeresboden nach möglichen Bohrorten. Dem US-Sender ABC rang er die Rekordsumme von 4,2 Millionen Dollar für die zwölfteilige Fernsehsendung „Die Unterwasserwelt des Jacques Cousteau“ ab. Und doch reichte das Geld meist nicht. Um die Sensationslust des Publikums zu befriedigen, soll er sich nicht immer ökologisch korrekt verhalten haben: Biografen werfen ihm vor, er habe Haie massakriert und Tintenfische unter Drogen gesetzt. Frühere Crew-Mitglieder behaupten gar, sie hätten massenhaft Delfine getötet, um sie an Haie zu verfüttern.

„Der Mensch ist schuldig“

Allen Kritiken zum Trotz wurde Cousteau zum Präsidenten der französischen Ozeanographischen Gesellschaft gewählt. Er war Mitglied der Académie Française, leitete jahrzehntelang das Ozeanographische Museum in Monaco und betrieb Museumsschiffe in Übersee. Und er konnte durchaus auch anders: „Ich habe gesehen, wie die Fische sterben, die ich liebe, ich habe nach dem Grund gesucht. Der Mensch ist schuldig“, erklärte Cousteau. Mit zunehmendem Alter wandelte er sich zum beflissenen Umweltschützer, der mit Vorträgen zum Thema Überbevölkerung um die Welt reiste. Erlöse aus Lizenzverträgen und Forschungsaufträgen stiftete er der wissenschaftlichen Meeresforschung und gründete 1973 in den USA die millionenschwere „Cousteau-Society“ zur Erforschung und zum Schutz der Meere. Er entdeckte 1976 in der Ägäis mit seinem Taucherteam zwischen den Inseln Kea und Makrónissos einer Tiefe von 120 Metern das Wrack der Titanic-Schwester HMHS Britannic.

Die Calypso. Quelle: Von René Beauchamp – http://www.shipspotting.com/gallery/photo.php?lid=2208990, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=41174769

1987 lieferte er einen eigenartigen Beweis dafür, wie „harmlos“ Frankreichs Atombomben strahlten: er schwamm eine Runde im Wasser des Mururoa-Atolls. 1991 errang Jacques Cousteau seinen größten Sieg als Umweltaktivist: Er bewegte die Mächtigen der Welt dazu, in einem Moratorium den Schutz der Antarktis für 50 Jahre zu garantieren. Selbst Georg Bush, Freund der Öl-Multis, unterschrieb. Und als der ehemalige französische Präsident Jacques Chirac 1995 im Mururoa-Atoll wieder Atombombentests durchführen ließ, reagierte der ehemalige Mururoa–Schwimmer empört. Ein Jahr später sank die legendäre Calypso, sein „Zuhause“, im Hafen von Singapur und lebt heute vor allem musikalisch weiter: John Denver schrieb sein populäres „Calypso“ (1975) in Anerkennung von Jacques-Yves Cousteau und der Besatzung des Schiffs; Jean Michel Jarre nannte sein 1990 erschienenes Album „Waiting for Cousteau“ und widmete darauf ebenfalls ein Stück der Calypso.

Schon 1985 war Cousteau mit einem Rotorschiff, der „Alcyone“, in See gestochen. Sie ist noch immer im Auftrag der Cousteau-Society unterwegs und wird heute von seiner zweiten Ehefrau, Francine Triplet, geleitet. Die Langzeitgeliebte, die ihm bereits zwei uneheliche Kinder gebar, hatte er nach dem Krebstod Simones 1991 geheiratet. Am 25. Juni 1997 starb Costeau mit 87 Jahren an einem Herzinfarkt. „Oft wird der Selfmade-Forscher mit Bernhard Grzimek, dem Verhaltensforscher und Tierfilmer, auf eine Stufe gestellt. Vielleicht wäre Reinhold Messner der bessere Vergleich“, befand Charisius. Cousteau hinterließ eine Unterwasserwelt, die es heute nicht mehr gibt. Seine Enkelin Alexandra erklärte im Spiegel: „Ich tauche nicht mehr gern. Ich bin zu oft an Orte zurückgekehrt, an denen es heute kaum noch einen Fisch zu sehen gibt. Die Meere, die mein Großvater erforscht hat, existieren so nicht mehr.“

Das Ereignis ist unbestritten: Vier Polizisten hatten Ende Mai den 46jährigen mehrfach vorbestraften Afroamerikaner Georges Floyd in Minneapolis (Minnesota) festgenommen, weil er verdächtig war, mit einem gefälschten 20-Dollar-Schein bezahlt zu haben. Nachdem er zu Boden gebracht und mit Handschellen gefesselt worden war, fixierte einer der vier, Derek Chauvin, fast neun Minuten lang Floyds Hals mit seinem Knie – eine in der Polizeischule gelernte, bei korrekter Ausführung ungefährliche Technik – und ignorierte allerdings dessen Hilferufe „I can’t breathe!“ (Ich kann nicht atmen); dokumentiert von einer Passantin per Handy-Video, das rasch viral ging. Mit einem Rettungswagen abtransportiert, starb Floyd, der u.a. wegen eines bandenmäßigen, bewaffneten Raubüberfalls in Houston angeklagt und 2009 dafür zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden war, kurz darauf. Die vier Beamten wurden am Tag nach dem Vorfall fristlos entlassen. Die Generalstaatsanwaltschaft Minnesota wirft dem Hauptangeklagten Chauvin Mord 2. Grades und Totschlag vor – als erstem weißen Polizisten Minnesotas, der wegen des Todes eines schwarzen Zivilisten angeklagt wird. Auch gegen die anderen drei Beamten wurde Anklage erhoben.

Videoszene. Quelle: https://www.fr.de/bilder/2020/06/03/13785881/475980007-george-floyd-derek-chauvin-usa-polizeigewalt-proteste-opfer-taeter-minneapolis-1l9mx2GrPb6b.jpg

Zwischen den Ergebnissen der staatlichen Autopsie des Hennepin County und einer von Floyds Familie beauftragten privaten Autopsie der Universität Michigan ergaben sich Widersprüche.  Die erste stellte als Todesursache einen Herz-Kreislauf-Stillstand infolge von Druck auf den Nacken fest. Der Tod sei durch Fremdeinwirkung erfolgt. Zudem hält der Bericht fest, dass Floyd herzkrank gewesen und mit dem Coronavirus infiziert sei sowie unter Bluthochdruck gelitten habe. Zum Zeitpunkt der Obduktion ließen sich außerdem die Drogen Methamphetamin sowie Fentanyl nachweisen. Die zweite kam zu dem Ergebnis, dass Floyds Todesursache Ersticken gewesen sei, Vorerkrankungen hätten nicht vorgelegen. Unabhängig von diesen Ergebnissen kam es bereits am Tag nach dem Tod zu ausgedehnten Demonstrationen gegen Polizeigewalt und Rassismus in Minneapolis. Viele der Demonstranten trugen dabei Plakate mit der Aufschrift „I can’t breathe!“ und skandierten Sprechchöre.

In den darauffolgenden Tagen breiteten sich die Proteste auch auf andere Städte aus und nahmen teilweise gewaltsame Formen an: Es kam zu Straßenschlachten, Plünderungen und Brandstiftungen, wobei auf Plakaten u.a. die linksextremistische Losung „ACAB“ (All Cops are Bastards – Alle Bullen sind Schweine) oder der Slogan „Black lives matter“ (Schwarze Leben zählen) zu lesen waren. Dass letzterer rassistisch ist – „All lives matter“ müsste es gerechterweise heißen – fiel übrigens kaum auf. Und nur der AfD-Europaparlamentarier Maximilian Krah wies auf die Tatsache hin, dass sich auf einer von medium.com veröffentlichten Liste von Unternehmen, die Antifa, Black lives matter etc. finanziell unterstützen, auch deutsche finden, und ausgerechnet von der linken Politik angegriffene Autohersteller, so BMW, Mercedes und Porsche.

Mehrere Menschen kamen dabei ums Leben, darunter der pensionierte schwarze Polizist David Dorn in St. Louis, als er die Plünderung eines weißen Pfandleihers verhindern wollte. Von „kollektiver Hysterie“ spricht der schwarze Harvard-Ökonom Glenn Loury in der NZZ. US-Präsident Donald Trump verurteilte sowohl die Tat als auch die extrem gewalttätigen Proteste dagegen: Es sei absolut unakzeptabel, dass jeden Tag nach Einbruch der Dunkelheit Demonstrationen und Kundgebungen gewalttätig würden, sagte er und kündigte an, das Militär einzusetzen, wenn „eine Stadt oder ein Bundesstaat sich weigert, die Maßnahmen zu ergreifen, die notwendig sind, um das Leben und das Eigentum ihrer Einwohner zu verteidigen“. In 25 Städten, darunter Los Angeles, Chicago und Philadelphia, wurden Ausgangssperren verhängt sowie in Minnesota und Washington, D.C. die Nationalgarde aktiviert.

Demo-Szene. Quelle: https://media1.faz.net/ppmedia/aktuell/3444877517/1.6805339/width610x580/demonstranten-in-washington.jpg

So weit, so noch überschaubar. Jedoch gaben Trump und sein Generalstaatsanwalt William Barr der „Antifa“ die Schuld an den Protesten. Trump twitterte, dass „Antifa und die radikale Linke für die Unruhen verantwortlich“ seien, und erklärte, die Antifa als terroristische Vereinigung in den USA verbieten zu wollen. Barr folgte mit der Erklärung: „Die Gewalt, die von der Antifa und anderen ähnlichen Gruppen im Zusammenhang mit den Unruhen angezettelt und ausgeführt wird, ist innerstaatlicher Terrorismus und wird entsprechend behandelt werden.“  Diese Schuldzuweisung war für eine bestimmte Klientel in Deutschland unverzeihlich, so dass die Proteste unter dem „Rassismus“-Label prompt internationalisiert und ideologisiert wurden. Und wie und mit welchen Argumenten, ja Inszenierungen das geschah, warf ein mehr als bezeichnendes Licht auf die linksgrüne Heuchelei, von der heute nicht nur Politik und Medien, leider, durchdrungen sind.

„Trump ist ein Maulheld“

Der tagesschau-Faktenfinder Patrick Gensing erklärt zunächst, dass es „die Antifa“ nicht gäbe, vielmehr stehe der Begriff „für Antifaschismus oder Antifaschistische Aktion“ und es handele sich nicht um eine „feste Organisation, sondern um ein Aktionsfeld“. Dennoch würde „von Rechtsradikalen […] immer wieder das Feindbild Antifa als einflussreiche, weit verzweigte Organisation dargestellt“. So sieht die tagesschau daher in den USA auch ganz andere „organisierte“ Kräfte wirken, nämlich „Mitglieder nationalistischer Gruppen, die die Proteste nutzen wollten, Hass gegen Schwarze zu schüren und einen Rassenkrieg zu provozieren“. Monitor-Chef Georg Restle unterstellte Trump in seinem Kommentar bei den Tagesthemen eine Ku-Klux-Klan-Gesinnung. Eine Harvardstudie ergab schon im Mai 2017, nirgends komme Trump schlechter weg als im deutschen Fernsehen.

Aktuelles Spiegel-Cover. Quelle: https://pbs.twimg.com/media/EZwvhiNWkAAOqKo.jpg

Laut Merkur warnen Kritiker, „nicht Antifaschisten [würden] die größte Gefahr für die USA darstellen, sondern Rechtsextremisten“. „Trump spielt Diktator“ und „Ein Präsident setzt sein Land in Brand“, textet der Spiegel, sieht Indizien, „dass noch ganz andere Extremisten die Wut der Straße nutzen“, und berichtet von zahlreichen Hinweise darauf, „dass Rechtsradikale hinter etlichen Eskalationsversuchen stünden“. Das SPD-nahe RedaktionsNetzwerk Deutschland RND unterstellt Trump, dass dieser nicht die „soziale Ungerechtigkeit und Rassismus“ als Auslöser für die Ausschreitungen halte, sondern letztere „für ein linkes Komplott“. Bei Zeit Online ist Trump daher der „erste Rassist des Landes“ und habe „keine Ahnung davon […], dass die USA einst am Zweiten Weltkrieg teilgenommen haben, um den Faschismus zu besiegen“ und auch nicht davon, dass „‚Antifa‘ die Abkürzung von ‚Antifaschismus‘“ sei.

Das alte SED-Blatt Neues Deutschland klärt den Leser daher auf, was Antifa wirklich heißt: „gelebte Solidarität mit Geflüchteten und marginalisierten Gruppen. Antifa heißt auch, sich Nazis auf der Straße, im Betrieb und im Alltag entgegenzustellen, um sie daran zu hindern, das zu tun, was sie tun würden, wenn man sie nicht daran hindert.“ Auf Twitter verkündigt der SPD-Parteivorstand in der Folge seine Solidarität mit der Antifa: „157 [Jahre] und Antifa. Selbstverständlich“. Dem schloss sich ebenso SPD-Chefin Saskia Esken an: „58 und Antifa. Selbstverständlich“. Den Slogan „Wir sind Antifa“ twitterten unter anderem die „linksjugend [‚solid] Thüringen“, die „Grüne Jugend Trier-Saarburg“ und die „BUNDjugend Bayern“.

Esken reagierte übrigens auf die Nachfrage eines Followers, ob sie hier also eine Organisation unterstütze, die Deutschlands wichtigster Handelspartner als Terrororganisation einstufen könnte: Die „Antifa ist keine Organisation, Antifaschismus ist eine Haltung, die für Demokraten selbstverständlich sein sollte“, so Esken. Ein unhistorischer Unsinn von Saskia Esken, befand Marcus Ermler auf achgut mit Blick auf den „antifaschistischen“ Gründungsmythos der KPD: „Dass die KPD der Weimarer Zeit obendrein eine Bande von Antisemiten war, die zum Kampf gegen ‚die jüdischen Kapitalisten‘ aufrief und ‚Nieder mit der Judenrepublik‘ schrie, macht es für die heutige Antifa auch nicht besser.“ Denn Ermler weist akribisch nach, dass u.a. in Los Angeles Synagogen und jüdische Geschäfte zerstört und geplündert wurden, worüber in Deutschland nichts zu lesen war, und zitiert das Simon-Wiesenthal-Center SWC, das die Antifa „eine Terrororganisation wie den Islamischen Staat“ nennt. Michael Bonvalot konstatiert im Neuen Deutschland prompt, dass das SWC sich damit „offen auf die Seite der extremen Rechten“ stellen würde.

Demo-Szene. Quelle: https://bilder.t-online.de/b/87/96/56/20/id_87965620/tid_da/in-den-usa-insbesondere-in-minneapolis-ist-es-nach-der-toetung-des-afroamerikaners-george-floyd-zu-heftigen-ausschreitungen-gekommen-.jpg

„Diese Polizei, deren zumindest in Teilen struktureller Rassismus sich in dem Tod Floyds offenbarte, wird seit Jahrzehnten von linken Politikern kontrolliert und gesteuert, mitnichten von Trump oder ihm nahestehenden Personen“, bewies übrigens Felix Schnoor auf achgut. „Meine wissenschaftliche Beschäftigung mit dem US-Polizeisystem liegt zwar schon einige Jahre zurück, reicht aber immer noch für die sichere Beurteilung aus, dass 90 % der derzeitigen Berichte bei ARD, ZDF, Spiegel, Stern & Co. über die Unruhen in den #USA aus antiamerikanischen Fake-News und der Rest aus linkstendenziösem Unfug besteht,“ so der promovierte Jurist Thomas Jahn auf Facebook.

Die Süddeutsche Zeitung trieb es besonders bunt. „Trump erklärt Amerika den Krieg“ und „Trump ist ein Maulheld, ungeeignet für sein Amt“, keift Kurt Kister. Bürgerkriegsähnlich ist der Mob auf den Straßen, gefährlich nach Bürgerkrieg klinge aber Trump, der die Entsendung von Soldaten angekündigt hatte – Immerhin, das sei nicht das erste Mal in der jüngeren Geschichte der USA, räumt Thorsten Denkler ein. Aber im Gegensatz zu früher sitze nun „ein erratischer Ichling, ein Narzisst, dem das eigene Wohl stets das oberste zu schützende Gut ist“, im Weißen Haus: „Ihm ist alles zuzutrauen.“ Und er hyperventiliert: „Trump ist jetzt offiziell eine Gefahr für die nationale Sicherheit.“ Nach einer Erhebung von Rasmussen Reports liegt Trumps Zustimmungsquote bei schwarzen Wählern übrigens bei 41 %. Den Vogel aber ab schoss auf Twitter der USA-Korrespondent des ZDF, Elmar Thevessen. Er nannte Trumps Maßnahmen den „Beginn einer Trumpschen Militärdiktatur“. Der Schutz der eigenen Bevölk­erung vor linken Anschlägen ist diktatorisch? Das ist kein Witz.

„Solche Dünnbrettbohrer schleifen noch die letzten Reste von einstmals anspruchsvollem Journalismus und geben die Begriffe Redakteur, Korrespondent oder gar Politkorrespondent der Lächerlichkeit preis“, ärgert sich Rene Zeyer auf achgut. Selbst die Europäer seien „entsetzt und schockiert über den Tod George Floyds“, muss Klaus-Dieter Frankenberger in der FAZ den EU-Außenbeauftragten Josep Borrell zitieren, der zugleich Unterstützung für die Proteste gegen Machtmissbrauch und Polizeigewalt äußerte – ebenso wie der deutsche Außenminister Heiko Maas (SPD). Da sieht sich selbst Frankenberg gezwungen zu fragen, „ob in den europäischen Reaktionen auf das Geschehen in den Vereinigten Staaten auch hier und da routinierter Antiamerikanismus und eine Portion Selbstgerechtigkeit zum Ausdruck kommen, zumal im Vergleich etwa zu Reaktionen auf den Repressionsaufwand, den China tagtäglich betreibt und demnächst in Hongkong betreiben will.“

Thevessen-Tweet. Quelle: https://2.bp.blogspot.com/-5oWGHvcSQlg/XtnZzDx127I/AAAAAAABBH8/tgs-JAF2zFIyhQH4C8A6Pp7EAFsR0RuXQCLcBGAsYHQ/s1600/elmar%2Btheve%25C3%259Fen%2Bdictatorship.jpg

Weiße und Schwarze stünden sich in Punkto Mordlust, was die Anzahl der begangenen Morde angeht, in nichts nach, wobei Weiße mit 72% die Mehrheit der US-Bevölkerung stellen und Schwarze mit rund 13% an zweiter Stelle folgen, recherchierte Michael Klein für sciencefiles. Weiße blieben beim Morden eher unter sich, während Schwarze mehr Weiße umbringen als umgekehrt, also häufiger die ethnischen Grenzen überschreiten. „BlackLivesMatter sollte entsprechend um WhiteLivesMatter oder AllLivesMatter ergänzt werden“, befand er und zitiert im Screenshot einen „Alert“-Tweet von @ANTIFA_US vom 31. Mai, 4.03 PM, in dem es u.a. hieß „Tonight’s the night, Comrades … Tonight… we move into the residential areas… the white hoods…. and we take what’s ours”, versehen mit den hashtags #BlacklivesMaters und #FuckAmerica. Sinngemäß kann man übersetzen: „Heute Abend… ziehen wir in die Ortsansässigen-Wohngebiete… der Weißmützen…. und wir nehmen, was uns gehört.“

„Respekt und Verständnis“

Dass sich in Deutschland daraufhin plötzlich der Sport politisierte – in eine Richtung, versteht sich – geschah für viele völlig unvermutet. Pionier war der Deutsche Fußballbund DFB, der aus seinem Regelkorsett ausbrach und „Protestaktionen gegen Rassismus von Bundesliga-Profis auf dem Rasen“ straffrei ließ. Grundsätzlich erlauben die Deutsche Fußball Liga (DFL) und der DFB keine politischen Botschaften auf der Spielkleidung oder während der Partien. In den DFB-Regeln heißt es unter anderem, dass die Spieler keine Unterwäsche mit „politischen, religiösen oder persönlichen Slogans“ zeigen dürfen. Jadon Sancho hatte am letzten Maiwochenende nach seinem Tor zum 2:0 beim SC Paderborn sein Trikot über den Kopf gezogen und zeigte ein Shirt mit der Aufschrift „Justice for George Floyd“. Sein Teamkollege Achraf Hakimi trug ebenfalls ein Shirt mit diesem Schriftzug. Gladbachs Marcus Thuram sank nach seinem ersten Tor beim 4:1 gegen Union Berlin auf sein linkes Knie und blickte zu Boden, Weston McKennie trug während der Partie gegen Bremen eine Armbinde mit der Aufschrift „Justice for George“ (Gerechtigkeit für George). Olympiasieger und Protest-Ikone Tommie Smith, dessen Black-Power-Geste 1968 in Mexico zum Symbol des Protests im Sport gegen Rassismus wurde, begrüßte in der BamS diese Solidaritätsbekundungen: „Sie haben offenbar verstanden, dass George Floyd auch sie repräsentiert. Er repräsentiert ein System, das Hilfe benötigt.“

Aktion des BVB. Quelle: https://bilder.bild.de/fotos-skaliert/knie-protest-mit-herz-die-bvb-stars-setzten-bei-twitter-ein-zeichen-gegen-rassismus-201446702-71069120/1,w=1280,c=0.bild.jpg

Da nach den FIFA-Fußballregeln, an die der DFB gebunden ist, keine politischen, religiösen oder persönlichen Botschaften erlaubt sind, habe der Kontrollausschuss den Sachverhalt überprüft und Stellungnahmen von den Spielern eingeholt. „Natürlich hat der DFB-Kontrollausschuss stets die Vorgaben der FIFA-Fußballregeln und der DFB-Ordnungen im Blick. Im konkreten Fall handelt es sich aber um gezielte Anti-Rassismus-Aktionen der Spieler, die sich damit für Werte starkmachen, für die der DFB ebenfalls steht und immer eintritt“, erklärte Anton Nachreiner, der Vorsitzende des Kontrollausschusses, bei dpa. „Daher werden keine Verfahren eingeleitet, auch bei vergleichbaren Anti-Rassismus-Aktionen in den nächsten Wochen nicht.“ FIFA-Präsident Gianni Infantino hatte zuvor erklärt, dass er die protestierenden Bundesliga-Profis nicht bestrafen würde.

„Ich begrüße den weitsichtigen Beschluss des DFB-Kontrollausschusses ausdrücklich und bin sehr froh darüber“, sagte DFB-Präsident Fritz Keller und betonte: „Der DFB tritt entschieden gegen jede Form von Rassismus, Diskriminierung und Gewalt ein und steht für Toleranz, Offenheit und Vielfalt – also Werte, die auch in der DFB-Satzung verankert sind.“ Deshalb hätten die Aktionen der Spieler „unseren Respekt und unser Verständnis.“ Auch Alfons Hörmann hatte als Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) die Sportler in ihren Bekundungen gegen Rassismus unterstützt und „Augenmaß“ von Verbänden in der Bewertung von Protesten gefordert. „Es ist hoch erfreulich, wenn Sportlerinnen und Sportler ihrer Vorbildrolle, die immer wieder eingefordert wird, gerecht werden und in einer solch völlig inakzeptablen Entwicklung ihre Stimme erheben“, sagte er dpa..

Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge teilte „schockiert“ mit: „Rassismus ist völlig inakzeptabel. Dem müssen wir offensiv entgegentreten.“ Der deutsche Fußball-Rekordmeister engagiere sich seit seiner Gründung vor 120 Jahren für Werte wie Respekt, Toleranz und Menschlichkeit. „In unserer Welt haben Diskriminierung, Hass, Ausgrenzung und Gewalt keinen Platz“, unterstrich er und bekräftigte: „Rot gegen Rassismus. Black Lives Matter.“ Mit einer entsprechenden Armbinde liefen am ersten Juniwochenende alle bayrischen Teams auf; auch viele andere, europäisch dominierte Bundesligavereine überboten sich in plumper Symbolpolitik. Prompt gab es für MDR-Moderatorin Stephanie Müller-Spirra kein Halten mehr: Sie moderierte die 120-Minuten-Fußballsendung Sport im Osten im T-Shirt „No heart for Homophobia, Fascism, Racism, Hate“. Wie das mit der Neutralität und Objektivität öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehens zusammengehen kann, wurde nirgends thematisiert.

MDR-Auftritt. Quelle: eigener Screenshot.

Auch BBL-Präsident Alexander Reil zog nach und verkündete, er halte mögliche Protestaktionen von Spielern beim Basketball-Finalturnier für angemessen. „Meine grundsätzliche Meinung ist, dass die BBL keine Plattform für wesentliche politische Äußerungen sein sollte. Aber selbstverständlich gibt es Möglichkeiten, auch zum Ausdruck zu bringen, dass man gegen jegliche Form des Rassismus ist“, sagte er bei einer virtuellen Pressekonferenz. BBL-Geschäftsführer Stefan Holz war zuvor wegen eines vermeintlichen Verbots von Protestaktionen in die Kritik geraten, hatte seine Aussagen wenig später in einem Statement aber präzisiert und sich entschuldigt. Selbstverständlich akzeptiere und respektiere die Liga, „wenn der persönlichen Betroffenheit zu den unsäglichen Vorgängen in den USA auch verbal oder nonverbal Ausdruck verliehen wird. Es stand und steht nie zur Debatte, dass derartiges Engagement in Form eines Statements gegen Rassismus sanktioniert wird“.

„Rassismus entlernen“

Was das für die Semantik bestimmter tradierter Begriffe und vor allem für das Verständnis von Politik zu tun hat, soll hier gar nicht diskutiert werden; es ist entsetzlich genug. Ganz und gar nicht unvermutet aber war nicht nur angesichts des Fußballhypes, dass diverse Organisatoren auch zu entsprechenden realitären Anti-Rassismus-Protesten mobilisierten – allein in Frankfurt, Berlin, München, Stuttgart und Hamburg demonstrierten am ersten Juni-Wochenende jeweils mehrere tausend Menschen, „viele bewusst in schwarzer Kleidung“, sagte Moderator Ingo Zamperoni zum Auftakt der Tagesthemen. Das ist kein Witz. „Vermutlich hat er schon mal was über den Schwarzen Block gehört, den strafenden Arm der Antifa, der in Connewitz für Ordnung sorgt und in Hamburg ganze Straßenzüge dekonstruiert. Und dessen Mitläufer sich jetzt ‚solidarisch mit den Opfern‘ des Rassismus in den USA zeigen“, erregt sich Henryk M. Broder auf achgut. Denn weil schwarz für Freiheit, Gerechtigkeit und Zivilcourage stehe, „hat auch die SS gerne schwarz getragen, und das Mitteilungsblatt dieser Organisation hieß nicht zufällig ‚Das Schwarze Korps‘“, ärgert er sich.

Klein schreibt von „feigen Edelrassisten“, die „für Menschen schreien, die sie nicht kennen“, die ihre großen Gefühle „ausschließlich in Staaten ausleben, in denen man sicher sein kann, nicht etwa in der Weise von Panzern niedergewalzt zu werden, wie die Studenten, die sich 1989 in China auf dem Tiananmen Square eingefunden haben, um ihre Freiheit einzufordern“. Er erkennt eine „bedenkliche Hysterie, die einmal mehr zeigt, dass die Linke vornehmlich von gescheiterten Existenzen getragen wird, die ihr Leben nur ertragen können, wenn sie in Straßen marschieren und sich die Kehle voller vermeintlich Gutem aus dem hassverzerrten Gesicht schreien können“. Die armenische Publizistin Jaklin Chatschadorian fragt bei Facebook völlig berechtigt „Was machen eigentlich die #BlackLivesMatter Demos in Istanbul, Tunis, Riad, Doha, Kabul und Islamabad?“ Oder gar in Südafrika, müsste man ergänzen. „Falls nach diesen Mega-Demos die Corona-Infektionszahlen nicht massiv ansteigen, sind sämtliche Beschränkungen obsolet“, freuen sich dagegen viele Lockdown-Gegner.

Demo in Berlin. Quelle: https://www.tichyseinblick.de/wp-content/uploads/2020/06/imago0101472813h.jpg

Ein Leser kommentierte, erschreckend genug: „Es war damals in der DDR auch gängige Praxis, Terroristen zu unterstützen, die den Westen destabilisieren sollten. Daran sollten wir immer denken, wenn wir solche Nachrichten hören.” Dessen ungeachtet forderte Aminata Touré, 27jährige grüne Vizepräsidentin des Landtags Schleswig-Holstein mit Wurzeln aus Mali, zugleich Fraktionssprecherin für Migration, Frauen und Gleichstellung, Kinder und Jugend, Queer und Antirassismus, in der Welt, „wir“ (wer ist das eigentlich?) müssten „Rassismus entlernen“. Denn wir alle wüchsen „in einer Gesellschaft auf, in der Rassismus üblich ist.“ Begriffe wie Diskriminierung suggerierten, „dass eine latent rassistische Gesellschaft bestimmte ethnische oder religiöse Gruppen daran hindere, ihre Talente zu entfalten“ ärgert sich Thorsten Hinz in der Jungen Freiheit und verweist darauf, dass Ostasiaten sich so gut wie nie auf diese Erklärung zurückziehen: „Wenn sie auffällig werden, dann durch Fleiß und Wissen. Es braucht eben Voraussetzungen, die durch keine Sozialtechnik zu ersetzen sind.“

Dass der Lernbegriff bedeutet, dass „wir“ Rassismus von jemandem an einem bestimmten Gegenstand auf eine bestimmte Weise „gelernt“ haben müssten, kommt der pädagogisch völlig unbeleckten Touré nicht in den Sinn. Was das für den Wahrnehmungsbegriff und die Gestaltpsychologie sowie deren Wahrnehmungsgesetze, vor allem die der Gruppierung und der Ähnlichkeit, bedeutet, erst recht nicht. Insofern muss man ganz deutlich benennen, dass mit solchem argumentativen Unsinn uns Mitteleuropäern (die gerade noch 10 % der Weltbevölkerung ausmachen, weshalb es ja gegen uns auch keinen Rassismus geben kann, mit Ausnahme der offenbar schwarzen Juden) sowohl unsere Geschichte als auch unsere Hell-Dunkel-Wahrnehmung, unsere evolutionäre Schwarz-Weiß-Semantik ausgetrieben werden soll – ganz ungeachtet der physiologischen Tatsache, dass die originale Hautfarbe der Menschen schwarz war. Erst nachdem einige unserer Vorfahren vor 100 000 bis 70 000 Jahren Afrika verließen und sich in Breiten mit weniger intensivem Sonnenlicht ausbreiteten, mussten sie weniger Pigmente bilden, damit durch die Haut genug UV-Strahlung eindringen und sie genug Vitamin D aufbauen konnten – weiße Haut war eine biologische Anpassungsreaktion auf verändertes Klima, die natürlich unsere Seinsweise in Gänze revolutionieren musste.

Opferkult, grenzend an Personenkult. https://www.handelsblatt.com/images/wandbild-von-george-floyd-in-houston/25899614/2-format2020.jpg

Prompt wurde jede Gegenbestrebung sofort und unerbittlich bekämpft, wie der öffentliche „Fall“ des Eishockeyprofis Mark Zengerle (Eisbären Berlin) zeigte: Als Trump verlauten ließ, dass die Antifa künftig als eine terroristische Organisation eingestuft werden würde, kommentierte auf Twitter „Thank you Mr. President.“ Das kam gar nicht gut an. Tenor aus der Berliner und deutschen Eishockeyszene: Was will so ein Mann bei den Eisbären, bei denen ja auch einige Fans der Antifa nahestehen würden. Es wurde sarkastisch in die Welt gefragt, ob sich Zengerle, wenn dann mal wieder Eishockey gespielt wird, von Terroristen anfeuern lassen müsse. Die Eisbären sollten sich doch sofort von dem Spieler trennen.

„Er bewegte sich damit durchaus auf demokratischem Boden“, muss Claus Vetter im Tagespiegel eingestehen. „Er hatte eine Meinung geäußert zu seinem Präsidenten, Zengerle stammt aus dem US-Staat New York“. Allerdings hat der Angreifer – 31 Jahre alt, vier Jahre Studium der Medizin- und Wissenschaftskommunikation – einen deutschen Pass. Also macht, wer als deutscher Profi Eishockey spielt, „auch als deutscher Staatsbürger politische Statements. Insofern ist die Aufregung um die Aussage zum Thema Trump tiefergehend“, dekretiert Vetter. Sportdirektor Stéphane Richer sprach mit dem Spieler und legte ihm „deutlich die ethischen Grundwerte der Eisbären Berlin und der gesamten Anschutz Entertainment Group“ dar, berichtet Vetter. Zengerle entschuldigte sich daraufhin öffentlich, er wolle doch nur, dass die Gewalt in seiner Heimat ein Ende habe und auch der Rassismus. Sein Twitter-Account ist nicht mehr frei einsehbar, sein Tweet gelöscht.

„gern öfter politisch Stellung beziehen“

Das Befremdende daran ist: Autor Vetter kritisiert eine freie Meinungsäußerung statt, wie es Journalisten früher taten, diese zu verteidigen. „Es ist nicht verboten, Trump und damit seine oft widersinnigen Aussagen zu mögen“, muss Vetter zwar erneut zugeben. „Aber ein Profi hat auch eine soziale Verantwortung, das dürfte Mark Zengerle nun womöglich gelernt haben. Dazu gehört, dass sein Arbeitgeber ethische Grundsätze hat, die offensichtlich tiefer gehen als die des US-Präsidenten.“ Das ist kein Witz. Nicht nur, dass es mehr als bedenklich ist, wenn jemand von seinem Arbeitgeber genötigt wird, seine von jeder Meinungsfreiheit gedeckte Stellungnahme zu revidieren. Man stelle sich einfach nur vor, ein Fußballer würde sich pro Trump aussprechen – würde der DFB hier auch auf Strafverfolgung verzichten? „Spitzenfussballer dürfen gern öfter politisch Stellung beziehen“, heißt es in derselben (!) Zeitung. Gilt das für JEDE Stellungnahme? Das simple Weltbild, das nicht nur hier aufscheint, lautet „Wer gegen Antifaschismus ist, muss wohl ein Faschist sein“. Das ist eine unerträgliche Enthistorisierung.

Auf die Spitze getrieben wurde die in der Welt von Deniz Yücel, der einst Tilo Sarrazin wünschte, dass der nächste Schlaganfall sein Werk gründlicher verrichten möge. Er entblödete sich nicht zu behaupten „Historisch hat sich die Mitte, von Ausnahmen abgesehen, eher mit dem Faschismus arrangiert, anstatt diesen zu bekämpfen“, und kommt prompt zu dem Schluss „Erträglicher ist es dort, wo es eine Antifa gibt; zivilisiert, wo sie die Oberhand hat“. Entsprechend bedeutet Antifa im Kern „Zivilgesellschaft“, für ihn „Selbsthilfe: nicht darauf warten, dass der Staat die Probleme beseitigt, sondern selber handeln. Dass diese Selbstermächtigung bei manchen Antifas über die Selbstverteidigung hinaus bis zur offensiven Gewaltanwendung reicht, ist problematisch, macht aber nicht den Kern der Antifa aus“. Fazit: „Antifaschismus ist kein Fall für die Polizei, sondern demokratische Selbstverständlichkeit.“ Das dürfte die Polizei mindestens in Berlin anders sehen, wo die ethnokriegerische Gewalt inzwischen angekommen ist: Ein Mob von bis zu 300 Menschen zog am ersten Junifreitag nachts durch Neukölln, warf mit Pflastersteinen mehrere Fensterscheiben von Ladengeschäften ein, attackierte eine Bank, ein Job-Center sowie mehrere Autos und zündete Pyrotechnik. In einem Bekennerschreiben auf Indymedia hieß es „Wir haben Hass auf das System“ und „George Floyd – das war Mord! Widerstand an jedem Ort!“ Erträglich? Zivilisiert?

Randale in Neukölln. Quelle: https://berliner-zeitung.imgix.net/2020/6/6/bd45a106-6160-4a16-9f11-e6f9ea1f4edb.jpeg?rect=0%2C94%2C1800%2C1012&w=1024&auto=format

„Der Mob tobte in Neukölln und verwüstet ganze Straßenzüge. Wo bleibt der Aufschrei der Zivilgesellschaft bzw. die Reaktion des Senats? Seit Jahren werden kriminelle Aktionen der Antifa und ihrer Sympathisanten verschwiegen, relativiert oder positiv bewertet. Linke Gewalt, die für eine vermeintlich gute Sache ist, wird ja immer moralisch legitimiert. Unsäglich!“ twittert der Berliner Chef der Polizeigewerkschaft, Bodo Pfalzgraf. Ex-SPD-Vize Ralf Stegner twitterte noch Stunden zuvor „Das anständige Amerika wehrt sich gegen den offen zutage tretenden Rassismus und die Polizeigewalt.“ Ein Follower entgegnete „Das anständige Amerika zieht nicht plündernd und brandschatzend durch die Städte. Und ein anständiger Politiker solidarisiert sich auch nicht damit.“ Zu Neukölln schwieg Stegner selbstredend. Pikant daran: erst 48 Stunden zuvor hatte der Berliner Senat die Polizei unter Generalverdacht gestellt und im sogenannten Antidiskriminierungsgesetz eine Beweislastumkehr bei angeblicher Diskriminierung festgeschrieben.

Der Bruder des getöteten Floyd wurde übrigens von Trump und dessen Gegenkandidat Joe Biden angerufen. „Der Präsident nahm sich ganze zwei Minuten Zeit für ihn“, klagte Nicolas Büchse im Stern – die für viele Beobachter nachvollziehbare These, der ganze faule politmediale Zauber richte sich gar nicht gegen Rassismus, sondern gegen Trump, äußerte hier bereits Helmut Roewer. Dass aber Angela Merkel (CDU) oder Frank-Walter Steinmeier (SPD) bei den Angehörigen der Terroropfer von Anis Amry, den Eltern der erstochenen Mia aus Kandel oder gar der weißen Mutter des Achtjährigen, den ein schwarzer Eritreer Ende Juli 2019 im Frankfurter Hauptbahnhof vor einen einfahrenden ICE gestoßen hatte, überhaupt anriefen, ist nicht überliefert. Im Gegenteil: die Proteste von Bürgern bspw. in Kandel wurden kriminalisiert. Von Aktivisten, die „versuchen, den bürgerlichen Zusammenhalt zu zerstören“, sprach in der Welt Alexander Schweitzer, Landtags-Fraktionschef der rheinland-pfälzischen SPD, die gar Gegendemonstranten ankarrte.

Diese ideologisch motivierte Ungleichbehandlung ist schon für sich verstörend. Noch viel verstörender ist, dass sie niemandem (mehr öffentlich) auffällt. Und am verstörendsten ist, dass sämtliche deutsche Medien die Trauerfeiern in den USA für den in einem vergoldeten Sarg begrabenen Vorbestraften – und es gab deren drei! – in unerträglicher Weise affirmierten. „Ein marxistisches System erkennt man daran, dass es die Kriminellen verschont und den politischen Gegner kriminalisiert“, erkannte Alexander Solschenizyn. Darüber darf man wirklich nicht mehr nachdenken, will man noch halbwegs gesund dieses System überstehen – einerlei, ob man es nun marxistisch oder wie auch immer nennen mag.

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