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Die Bewertungen der Erfurter Ministerpräsidentenwahl und ihrer Folgen schwanken zwischen „Demokratieabschaffung“, „rechtem Dammbruch“ und „politischer Posse“. Eine Sortierung in Form meiner aktuellen „Tumult“-Kolumne.

Elektrizität ist in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zwar kein neues Phänomen – aber ein ungelöstes Rätsel. Mit ihr befassen sich wissenschaftliche Bücher und Abhandlungen, vor allem aber ist sie eine Attraktion für Salons und Jahrmärkte: Elektrisiermaschinen sprühen Funken, Menschen lassen sich aufladen und geben sich elektrische Küsse. Elektrizität ist ein Spektakel, das die Phantasie des Publikums kitzelt. Ihre Kraft nutzen oder gar erklären, was hinter ihr steckt, kann man nicht. Dass sich das änderte, ist einem Italiener zu verdanken: Alessandro Volta.

Die bisher üblichen Elektrisier-Maschinen hatten zwar hohe Spannungen erzeugt, die sich aber in Sekundenbruchteilen entluden. Die „Volta-Säule“ dagegen produziert erstmals einen kontinuierlich fließenden elektrischen Strom über einen längeren Zeitraum. Erst damit werden Experimente möglich sein, die die Welt entscheidend verändern werden. Elektromagnetismus und Elektrodynamik, die Erfindung des Generators, des Elektromotors, der Glühbirne – das gesamte elektrische Zeitalter gründet auf Voltas Erfindung der Batterie als erster praktisch einsetzbarer Stromquelle. Am 18. Februar 1745 wurde er eines von insgesamt neun Kindern einer wohlhabenden und religiös geprägten Familie in Como geboren.

Die Karriere war dem Jesuitensohn nicht in die Wiege gelegt: Innerhalb zweier Generationen war er das einzige Familienmitglied, das kein kirchliches Amt bekleidete. Alle seine Onkel lebten im Dienst der katholischen Kirche, sechs Geschwister Voltas wurden ebenfalls Nonnen oder Priester. Auch sorgten sich seine Eltern um ihren Spross: selbst als Vierjähriger machte er noch keinerlei Anstalten zu reden. Doch die Sorgen waren letztlich unbegründet, zur Vorbereitung einer Juristenlaufbahn wurde er von 1758 bis 1760 auf eine strenge Jesuitenschule geschickt. Hier mauserte er sich wider Erwarten auch zum Sprachtalent: Schon bevor er die Schule verließ und sich weiter in die Wissenschaften vertiefte, hatte er Latein, Französisch, Englisch und Deutsch gemeistert.

Volta. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Alessandro_Volta#/media/Datei:Alessandro_Volta.jpeg

Vor allem aber interessierten ihn keine Paragraphen, sondern naturwissenschaftliche Phänomene wie etwa die Elektrizität. Er bildet sich autodidaktisch weiter und las berühmte Naturwissenschaftler wie Giambatista Beccaria, einem der führenden Physiker Italiens und Professor an der Universität von Turin, mit dem er auch persönlichen Kontakt pflegte. Beccaria war es auch, der Volta ermunterte, physikalische Experimente durchzuführen und seine Erkenntnisse zu publizieren. 1769 veröffentlichte Volta seine erste wichtige Schrift „Über die Anziehungskraft des elektrischen Feuers und die Phänomene, die davon abhängen“, und kritisierte darin auch durchaus selbstbewusst wissenschaftliche Autoritäten.

Streit um den Galvanismus

Nachdem Volta 1774 Superintendent und Direktor staatlicher Schulen in Como geworden war, folgte dort 1775 seine Berufung zum Professor für Experimentalphysik. Im selben Jahr erfand er ein Elektrophor (später „Influenzmaschine“), mit dem man – mit Hilfe des Reibens von Katzenfell – eine elektrische Spannung aufbauen konnte. Das Prinzip wurde zur Grundlage aller Kondensatoren, bspw. des Kondensatormikrofons. Im Jahr darauf entdeckte Volta in Sümpfen aufsteigende Gasblasen mit dem brennbaren Methan und experimentierte damit. Er entwickelte die sogenannte Volta-Pistole, mit der es durch Entzündung von Methan möglich war, elektrische Funken zu erzeugen. Damit gilt dieses Gerät als der direkte Vorläufer des heutigen Gasfeuerzeugs. So gelang Volta die Konstruktion beständig brennender Lampen. Mit der Volta-Pistole war es zudem möglich, den Sauerstoffgehalt von Gas präzise zu messen: das Eudiometer war geboren.

Elektrophor. Quelle: Von Amédée Guillemin – Retrieved 2008-08-08 from Amédée Guillemin (1891) Electricity and Magnetism, revised by Sylvanus P. Thompson, MacMillan, New York, p.190, fig. 105 on Google Books, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17622511

Weitere Studien und Versuche, die Volta während seiner Zeit in Padua durchführte, hatten die Erfindung eines kleinen Elektroskops zur Folge, mit dem er das Verhältnis von Spannung und Ladung messen konnte. 1777 bereiste er die Schweiz und traf Voltaire. Im Jahr darauf wurde er zum Professor für Physik und später als Lehrstuhlinhaber für Experimentalphysik an die Universität Pavia berufen, wo er über 40 Jahre wirken sollte. Um dem Andrang der Studenten, die Voltas Vorlesungen hören wollten, gerecht zu werden, musste ein neuer Hörsaal angebaut werden. In Pavia erfand er ein („Strohhalm“-) Elektroskop zur Messung kleinster Elektrizitätsmengen, quantifizierte die Messungen unter Einführung eigener Spannungseinheiten (das Wort „Spannung“ stammt von ihm) und formulierte die Proportionalität von aufgebrachter Ladung und Spannung im Kondensator.

Seine Entdeckungen führten dazu, dass er im Jahr 1791 zum Mitglied der Royal Society, der berühmten Londoner Wissenschaftsgesellschaft ernannt und 1794 mit der renommierten Copley Medaille ausgezeichnet wurde, die heute als der direkte Vorläufer des Nobelpreises angesehen wird. Auf weiteren ausgedehnten Reisen 1792 lernte er den Stand der Naturwissenschaften u.a. in Frankreich, Belgien, Holland und Deutschland kennen und trifft Lavoisier und Lichtenberg. Danach wird er auch sozial „sesshaft“: er beendet die jahrelange Beziehung zur Sängerin Marianna Paris und heiratete 1794 Teresa Peregrini, die Tochter einer vermögenden Adelsfamilie aus der Lombardei, mit der er eine glückliche Ehe führte und zwei (nach anderen Quellen drei) gemeinsame Söhne aufzog, denen er ein liebevoller und stolzer Vater gewesen sein soll.

1791 veröffentlichte sein Landsmann, der Anatom Luigi Galvani von der Universität Bologna die Ergebnisse seiner Untersuchungen zu einer neuen Elektrizität, die er erzeugt hatte, als er Froschschenkel mit zwei verschiedenen Metallen berührte. Galvani glaubte, dass diese Elektrizität vom Tiere (hier vom Frosch) erzeugt würde und nannte sie deshalb tierische („animalische“) Elektrizität. Viele Wissenschaftler waren – sehr zum Schaden der Frösche – fasziniert von dieser neuen Entdeckung und arbeiteten intensiv auf diesem neuen Gebiet. Die Rivalität zwischen den Universitäten mag eine Rolle gespielt haben, dass Alessandro Volta die Versuche wiederholte: „Wie kann man Ursachen finden, wenn man nicht sowohl Quantität als auch Qualität eines Phänomens untersucht?“ Dabei stellte er fest, dass der Froschschenkel lediglich die Rolle des Messfühlers spielt.

Galvanis Froschschenkel-Versuche. Quelle: https://www.akg-images.de/archive/-2UMDHUFC642V.html

Seine Entdeckung: Zwischen zwei unterschiedlichen Metallen herrscht eine elektrische Spannung, die zu einem Ladungsstrom führt, sobald man sie auf eine elektrische Weise verbindet. Es entbrannte daraufhin ein Streit um den sogenannten Galvanismus, der Wissenschaftler in ganz Europa beschäftigte. Um seine Hypothese zu beweisen, stellt Volta Versuche an. Er ist sich nicht zu schade, dafür seinen eigenen Körper zu benutzen. An seine Zunge hält er unterschiedliche Metalle: Gold, Silber, Zinn. Immer, wenn die Metalle seine Zunge berühren, bildet sich eine sauer schmeckende Flüssigkeit, es fließt Strom. Volta experimentiert weiter. Er kombiniert unterschiedliche Metalle und stellt fest: Bei Berührung der Metalle laden sich die Metalle unterschiedlich auf – es entsteht eine elektrische Spannung, ganz ohne Froschschenkel. Dieser Effekt wird als „Volta-Effekt“ in die Geschichte eingehen.

Streit mit Galvani für sich entschieden

Volta stellt außerdem fest, dass sich die elektrische Wirkung verstärkt, wenn er die Metallplatten statt durch Wasser zusätzlich durch eine Säure befeuchtet, in seinem Fall stark verdünnte Schwefelsäure. Die Erklärung hierfür konnte erst durch die modernen Theorien der elektrochemischen Korrosion gegeben werden. Volta unterscheidet daher Leiter erster Klasse, die Metalle, von Leitern zweiter Klasse: Flüssigkeiten, die elektrisch leitend sind – Elektrolyte. Die Ladungsträger in ihnen sind nicht Elektronen, wie bei Metallen, sondern Ionen: elektrisch geladene Teilchen. Ein frisch gehäuteter Froschschenkel ist demnach nichts anderes als ein Leiter zweiter Klasse. Volta hat den Wissenschafts-Streit mit Galvani für sich entschieden.

Diese Untersuchungen zur Kontaktelektrizität mündeten schließlich 1799/1800 in die geniale Erfindung eines Elektrizitätsspeichers, der „Volta-Säule“: zwischen Glasstäben schichtet er immer eine Zinkscheibe, eine in Säure getauchte Pappe und darauf eine Kupferscheibe. Diese „Galvanische Zelle“ produziert eine elektrische Spannung: Die Zinkscheibe gibt Elektronen ab – ein Elektronen-Überschuss entsteht und damit negative Ladung. Kupfer nimmt Elektronen von Zink auf, so dass Elektronenmangel und damit positive Ladung entsteht. Verbindet man Plus- und Minuspol durch ein Kabel, fließt Strom. Stapelt man viele dieser elektrischen Zellen aufeinander, addieren sich die Spannungen zu einer Gesamtspannung. Damit hat Volta das Prinzip der Batterie erfunden: der chemischen Erzeugung von elektrischem Strom. Man nimmt an, dass der Prototyp eine Spannung von etwa 100 Volt erreicht haben dürfte.

Volta bei Napoleon. Quelle: Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2944964

Voltas Erfindung ist eine wissenschaftliche Sensation, die bereits 1802 in Massenproduktion geht. Ihr Erfinder wird mit Ruhm und Ehren überhäuft. 1801 reiste er nach Paris, wo er am 7. November Napoleon Bonaparte seine Batterie vorführte. 1802 erhielt er vom Institut de France die Ehrenmedaille in Gold und von Napoleon eine Pension. 1805 wurde er zum auswärtigen Mitglied der Göttinger Akademie der Wissenschaften gewählt. Seit 1808 war er auswärtiges Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.

Nachdem Napoleon Italien erobert hatte, ernannte er Volta 1809 zum Senator und erhob ihn 1810 in den Grafenstand. Durch seine hervorragenden Leistungen genoss er nicht nur bei Napoleon, sondern auch bei den Habsburgern einen exzellenten Ruf, wodurch seine Karriere durch die politischen Wirren jener Zeit keinen Schaden nahm. Nach der Erfindung der Batterie gab er Forschung und Lehre langsam auf, wurde aber durch die Ernennung zum Dekan der philosophischen Fakultät 1813 noch zum Bleiben bewogen bis zu seiner endgültigen Emeritierung 1819. Nicht nur von seinen Zeitgenossen, auch von seinen Studenten wurde er als freundlicher und kommunikativer Mensch beschrieben, der als Lehrer äußerst beliebt war. Im Ruhestand zog er sich auf sein Landhaus in Camnago nahe Como zurück, starb dort am 5. März 1827 und wurde auch ebenda begraben.

Die höchste Auszeichnung erlebte Volta nicht mehr: 54 Jahre nach seinem Tod, im Jahr 1881, benennt man nach einem britischen Vorschlag auf dem ersten elektrischen Weltkongress in Paris die Einheit für elektrische Spannung in „Volt“. Ein Mondkrater und ein Asteroid tragen ebenfalls seinen Namen. Die Erzeugung von Strom gilt heute fast überall auf der Welt als selbstverständlich und alltäglich – damals jedoch nicht. Der visionäre Experimentalphysiker und exzellente Beobachter hat innerhalb weniger Jahrzehnte den Grundstein für ein modernes Verständnis von Elektrizität gelegt und für viele Wissenschaftler den Weg geebnet, im Laufe des 19. Jahrhunderts die moderne Welt durch bahnbrechende Entwicklungen auf diesem Gebiet zu revolutionieren: Jules Verne war der Ansicht, dass man mit Hilfe der Elektrizität einfach alles zu leisten imstande ist, was der Mensch nur auszudenken vermag. Allerdings konnte Volta kaum ahnen, dass nicht nur Lampen oder Motoren, sondern auch der Elektrische Stuhl erfunden werden sollte. Erst recht nicht, dass der Strom dazu von landschaftsverunstaltenden und vögel- wie insektenschreddernden Windparks geliefert werden kann.

Es war der linke Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch, der ausgerechnet in der Jüdischen Rundschau eine Parallele zwischen der Sprache der AfD und der des Nationalsozialismus zog. Er berief sich dabei auf das „Notizbuch eines Philologen“ genannte Bändchen „LTI“ (Lingua Tertii Imperii, „Die Sprache des Dritten Reiches“), das der Dresdner Romanist Victor Klemperer kurz nach Kriegsende veröffentlicht hatte. Darin beschrieb er in 36 Kapiteln unter anderem, „wie die durch ständige Wiederholung erzeugte dauerhafte Präsenz sprachlicher Brutalität schon in kleinen Dosen dafür sorgt, dass sich ihre Muster in unseren Köpfen festsetzen“.

Stefanowitsch behauptete, dass man in der AfD gern „direkt an das Gedankengut oder wortwörtlich an die Sprache des deutschen Faschismus“ anknüpfe. „Die Präsenz solcher Formulierungen in der Öffentlichkeit sorgt aber jetzt schon dafür, dass uns jeder auch nur marginal weniger monströse Ausdruck als legitimer Teil des Meinungsspektrums erscheint – sei es die ‚Obergrenze‘, die ‚Angst vor Überfremdung‘ oder die ‚Grenzsicherung mit Schusswaffen‘.“ Abgesehen von der Normalität dieser Äußerungen – so musste der DLF schon am 30.01.2016 eingestehen: „Dass es ein Gesetz gibt, dass den Einsatz von Schusswaffen an der Grenze erlaubt, ist richtig.“ – blendet Stefanowitsch völlig aus, dass Klemperer in seinen Tagebüchern dieselbe Sprachverwendung auch dem „vierten Reich“ vorhält, dem Sozialismus der DDR.

Victor Klemperer. Quelle: Von Bundesarchiv, Bild 183-26707-0001 / Höhne, Erich; Pohl, Erich / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5427305

Klemperer forderte etwa: „Man sollte ein antifaschistisches Sprachamt einsetzen“ und sieht „Analogien der nazistischen und bolschewistischen Sprache“. (4.7.45) Dabei bediene „man sich sämtlicher nazistischer Schlagworte, die wie ‚Leichengift wirken‘.“ (19.7.45) Klemperers Text bediene sich überdies bei der Charakterisierung der Sprache des bzw. im Faschismus durchgängig einer Krankheits- und Giftmetaphorik und bezeichne sie als eine „Infektion durch fremde Bakterien“, als „spezifisch deutsche Krankheit“ oder als „wuchernde Entartung deutschen Fleisches“, behauptet Siegfried Jäger. Er benutze also dieselben Kategorien zur Beschreibung einer Sprache, die er dieser Sprache anlaste. Der Urheber dieser umstrittenen Metaphorik starb am 11. Februar 1960 in Dresden.

„flache Dächer sind ‚undeutsch‘“

Victor wurde am 9. Oktober 1881 als neuntes und letztes Kind seiner Eltern Wilhelm Klemperer und Henriette in Landsberg an der Warthe geboren. Als Sohn eines Reformrabbiners kam er über Bromberg nach Berlin – sein Vater nahm eine Stelle als 2. Prediger der Berliner Reformgemeinde an. Wie auch seine älteren Brüder besucht er das Französische und später das Friedrichs-Werdersche Gymnasium, verlässt es jedoch ohne Abschluss und beginnt 1896 eine Kaufmannslehre bei einem jüdischen Kurzwarenhändler, die ihm von seinen Eltern aufgenötigt wurde. Seine Jugend steht im Schatten seiner älteren Brüder, vor allem des bedeutenden Mediziners Georg und des gefragten Rechtsanwalts Berthold. Er beschreibt diese Jahre als demütigend und geprägt durch die Ablehnung seiner Familie und beginnt Tagebuch zu führen: „Leben sammeln“ sagt er dazu.

Auf eigenen Wunsch holte er 1900 das Abitur nach und begann anschließend 1902 das Studium der Philosophie und der romanischen und germanischen Philologie, das ihn bis 1905 nach Paris, Genf, München und Berlin führte. Den darauffolgenden Jahren als freier Publizist in Berlin verdankt er seinen geschliffenen Stil und die Liebe seines Lebens: 1906 heiratete er die Konzertpianistin und Malerin Eva Schlemmer, über die er in späteren Tagebuchaufzeichnungen notierte: „Immer war mir ganz wohl, wenn du bei mir warst.“

Nach dem Versuch, sich mit literarischen Arbeiten und Vorträgen in jüdischen literarischen Vereinen selbständig zu machen, nimmt er auf Drängen der Brüder, die sein Leben finanzieren, 1912 das Studium in München wieder auf und konvertiert zum Protestantismus. Der Übertritt wurde von den Nazis später nicht akzeptiert. Nach Studium, Promotion und zwei Jahren als Lektor in Neapel habilitiert er sich 1915 bei Karl Vossler mit einer aufsehenerregenden Arbeit über Montesquieu, die seinen Ruf als Wissenschaftler festigt. Im November 1915 meldete er sich als Kriegsfreiwilliger, wird bis März 1916 als Artillerist an der Westfront eingesetzt, später bei der Militärzensur in Kowno (Litauen) und Leipzig, und bekommt den Bayrischen Verdienstorden.

Klemperers Haus in Dresden. Quelle: https://www.das-neue-dresden.de/images/2005/klemperer-haus4.jpg

1920 wurde er als Professor für Romanistik an die Technische Hochschule Dresden berufen. Bis 1935 veröffentlicht er wissenschaftliche Arbeiten zu französischer Literatur und Philologie – die Dresdner Jahre werden zu einer äußerst schöpferischen Zeit. Klemperer hatte sich im Spätsommer 1934 in wenigen Wochen unter sehr beschränkten finanziellen Mitteln von Architekt Karl Prätorius ein eigenes Wohnhaus im südlich gelegenen Vorort Dölzschen am Kirschberg 19 bauen lassen. „Eine drollige Schwierigkeit ergab sich“, schreibt er: „Die Bauvorschriften des Dritten Reiches verlangen ‚deutsche‘ Häuser, und flache Dächer sind ‚undeutsch‘. Zum Glück fand Eva rasch Freude an einem Giebel, und so wird das Haus also einen ‚deutschen‘ Giebel bekommen.“ Aber auch: „…der hinzugeforderte ‚deutsche‘ Giebel vermehrt die Kosten um 2300 M … verzweifeltes Hin-und Herrechnen“.

„Auspumpen der Jauchengrube Deutschlands“

Obwohl jüdischer Herkunft, blieb Victor Klemperer während der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland: „Ich flüchtete, ich vergrub mich in meinen Beruf, ich hielt meine Vorlesungen und übersah krampfhaft das Immer-leerer-Werden der Bänke vor mir.“ Nach Inkrafttreten des Reichsbürgergesetzes wurde er unter Federführung des Gauleiters Martin Mutschmann aus seiner Professur in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Seine Zeit verbrachte er nun mit wissenschaftlichen Studien im Japanischen Palais in Dresden, bis ihm als „Geltungsjude“ auch der Zugang zu Bibliotheken und das Abonnieren von Zeitungen und Zeitschriften untersagt wurden. Die Arbeit zur Geschichte der französischen Literatur im 18. Jahrhundert musste ruhen; diese erschien in zwei Bänden erst lange nach dem Krieg. Umso intensiver widmete er sich seinen Tagebüchern – eine Loseblattsammlung, die er in regelmäßigen Abständen durch seine Frau bei einer befreundeten Ärztin in Pirna verstecken ließ und die die Grundlage für LTI bildete. „Ich muss daran festhalten: Ich bin deutsch, die anderen sind undeutsch; ich muss daran festhalten: Der Geist entscheidet, nicht das Blut“, notiert er. Die kommenden Jahre waren von Elend und Not gezeichnet.

Eva war mutig und ließ sich trotz großen Drucks nicht von ihm scheiden. Dies gab Victor Kraft und wurde für ihn zur Überlebenschance. In seinem Tagebuch schrieb er: „Evakuierung hiesiger Juden am kommenden Mittwoch, ausgenommen, wer über 65, wer das EK I besitzt, wer in Mischehen, auch Kinderloser, lebt. Punkt 3 schützt mich – wie lange?“ 1940 müssen Eva und Victor aufgrund der Nürnberger Rassengesetze ihr Haus verlassen und werden in ein „Judenhaus“ eingewiesen. Die Stimmung war angespannt, die Ernährungsversorgung schlecht, Victor zur Zwangsarbeit verpflichtet worden. Ständige gewaltsame Haussuchungen der Gestapo deprimierten beide zusätzlich. In der Zeit des Bangens setzt sich Klemperer intensiv mit dem Judentum auseinander und gibt auch die Hoffnung nicht auf: „Es fallen so viele rings um mich, und ich lebe noch. Vielleicht ist es mir doch vergönnt, zu überleben und Zeugnis abzulegen“.

Dresdner Judenhaus. Quelle: https://media.tag24.de/1/c/f/cfd27f7af352ad87408c.jpg

Die Zerstörung Dresdens am 13. Februar 1945 bedeutete für ihn die Rettung vor der bevorstehenden Deportation, denn das Judenhaus, in dem er lebte, stand sofort in Flammen. Klemperer floh mit seiner Frau bis nach Bayern – ihren Namen hatten sie mit einem Punkt und einem „Millimeterstrich“ zu „Kleinpeter“ gefälscht – und kehrten nach Ende des Krieges nach Dresden zurück. Die deutsche Bürokratie verlangte auch von Klemperer das Ausfüllen eines „Entnazifizierungs-Fragebogens“, der in seiner Personalakte im Universitätsarchiv verwahrt wird. Dort lesen wir in den Fragen nach der „Wohnung von Februar 1933 bis 7. Mai 1945“ und nach den Vermögensverhältnissen eine Dresdner Adresse und die Angabe „dann in verschiedenen Judenhäusern der Stadt Dresden“. Im Januar 1933 war er „o. Prof. u. 14000 Jahresgehalt“, im Januar 1945 „in Zwangsarbeit, vermögenslos, Stundenlohn netto um 40 Pf“ – Klemperer war Packer in einer Teefabrik und Hilfsarbeiter im Dresdner Güterbahnhof. Und geradezu graphisch spürbar sind Distanzierung und Verachtung, wenn er bei der Frage „Waren Sie jemals Mitglied der NSdAP?“ ein einziges 10 Zentimeter großes „NEIN“ schreibt.

„Sie lügen und stinken alle beide“

Sofort nimmt Victor Klemperer seine Tätigkeit als Professor an der Technischen Hochschule Dresden wieder auf. 1946 schrieb er alten Freunden: „Ich möchte gar zu gerne am Auspumpen der Jauchengrube Deutschlands mitarbeiten, dass wieder etwas Anständiges aus diesem Lande werde.“ Doch er meint auch: „Nie mehr werde ich ungezwungen sein.“ Zusammen mit Eva tritt er in die KPD ein: „Ich glaube, dass wir nur durch allerentscheidendste Linksrichtung aus dem gegenwärtigen Elend hinausgelangen und vor seiner Wiederkehr bewahrt werden können.“ 1947 veröffentlichte er „LTI“. „Für Klemperer war die Erforschung der Nazi-Sprache nicht nur eine wissenschaftliche Beschäftigungstherapie, bei der er die Wörter wie bizarre Käfer bestaunte, die aufgespießt in einer Glasvitrine gesammelt lagen. Nein, er hielt die Begriffe auch für Erreger, die geholfen hatten, ein ganzes Volk mit dem Geist der Nazis zu infizieren“, meint Matthias Heine. Nach der Volkskammerwahl 1950 zog er als Abgeordneter des Kulturbunds DDR in die Volkskammer ein.

DDR-Ausgabe von LTI. Quelle: http://1a-rezensionen.blogspot.com/2018/04/rezension-LTI-notizbuch-eines-philologen-victor-klemperer.html

Wie stark der Personalbedarf in der Ostzone war, zeigt sich daran, dass er zeitweise parallel an den Universitäten Halle, Greifswald und Berlin tätig war. Aus Halle und Berlin ist überliefert, dass sich Klemperer vor seinen Vorlesungen verbeugte und dann frei sprach, ausgestattet nur mit einem kleinen Zettel mit einigen Daten und Zahlen, den er seinen „Schnuller“ nannte. Am 8. Juli 1951 stirbt Eva Klemperer. Im Jahr darauf fand er in seiner Studentin Hadwig Kirchner, die 1952 seine zweite Frau und seine spätere Herausgeberin wurde, noch einmal ein spätes Glück. „Hadwig ist die Pragmatische, die psychisch Stärkere in dieser Beziehung. […] Nun, an seiner Seite, setzt sie seiner Atemlosigkeit, seinem Arbeitstempo und seinem bisweilen verzehrenden Drang nach später gesellschaftlicher Anerkennung ein ausgleichendes Moment entgegen“, befand Peter Jacobs in der Berliner Zeitung. Oft hat er das Gefühl, Eva mit Hadwig und Hadwig mit Eva zu betrügen. Dennoch gibt ihm die Beziehung neue Lebensenergie.

Als Mitglied der Akademie der Wissenschaften bemühte er sich seit 1953, der französischen Sprache eine angemessene Stellung in der DDR einzuräumen: „Er will die klassenkämpferischen Kurzschlüsse vulgärmarxistischer Interpretatoren von der DDR-Romanistik fernhalten und zugleich eine linguistischen Feldzug gegen die ‚amerikanische Zerreißprobe‘ führen“, behauptet Jacobs. „Wenn man einen Vortrag über Balzac, Rabelais, Zola oder Stendhal brauchte, schrieb man ihm, und dann kam er, auch in die kleinste Stadt“, erzählt Hadwig Klemperer. Er erhält den Nationalpreis und den Vaterländischen Verdienstorden und wird nach seinem Tod neben seiner Frau auf dem Friedhof Dölzschen begraben.

Seine Rezeption war und ist ambivalent. Zwar wird er in der DDR, die über seine Sprachkritik hinweggeht, vereinnahmt: eine Straße in Dresden-Räcknitz und ein Hörsaal an der TU Dresden sind nach Klemperer benannt. Doch er stand dem Staatswesen zeitlebens kritisch gegenüber. „Die Präsidentenwahl, die Aufmärsche, die Reden. Mir ist nicht wohl dabei. Ich weiß, wie alles gestellt und zu Einstimmigkeit vorbereitet ist. Ich weiß, dass es nazistisch genauso geklungen hat und zugegangen ist“, notiert er; später gar „Ich weiß, dass die demokrat. Republik innerlich verlogen ist, die SED als ihr Träger will die soz. Republik, sie traut nicht den Bürgerlichen, und die Bürgerlichen misstrauen ihr. Irgendwann gibt es Bürgerkrieg“. Dennoch zieh ihn 1949 die bayrische Presse nach einem Vortrag in Schwabing einer „verkalkten Senilität, die sich zu Propagandazwecken missbrauchen lässt“, nannte ihn „Salonbolschewist“. Am 18. Oktober  1957 zeigt er sich zutiefst resigniert: „Im Übrigen wird mir die Politik immer widerlicher. Sie lügen und stinken alle beide, Osten und Westen, gar zu sehr“.

Gefahren beider Diktaturen unterschätzt

Im einigen Deutschland wird er wieder von links vereinnahmt: so wurde 2000 ein Jugendwettbewerb für Demokratie und Toleranz des gleichnamigen Bündnisses nach ihm benannt. Beim ersten Wettbewerb war Hadwig Klemperer in der Jury noch mit dabei und plädierte gemeinsam mit Hildegard Hamm-Brücher für eine schöne kleine Schülernovelle. Aber der Text schien den Juroren zu betulich, „sie schauten mehr auf Plakate oder Spiele, was mehr Publicity macht“, ärgerte sie sich in der Berliner Zeitung. Beim nächsten Mal lud man die beiden altmodischen Damen gar nicht mehr ein.

Seine Tagebuch-Editionen tragen Zitat-Titel wie „Und so ist alles schwankend“ oder „So sitze ich denn zwischen allen Stühlen“. Sie wurden nach einer verlegerischen Posse ab Mitte der 90er Jahre vom Ostberliner Aufbau-Verlag publiziert, in den ersten Jahren in mehr als 150 000 Exemplaren verlauft und die Übersetzungs- und Nachdruckrechte für Verlage aus 13 Ländern lizensiert: allein Random House zahlte für die USA-Rechte eine halbe Million Dollar. Die Posse: Hadwig hatte mit dem Dresdner Journalisten Uwe Nösner bereits eine 80teilige Zeitungsserie editiert, die ab Mai 1987 in der Union (später DNN) unter dem Titel „Alltag einer Diktatur“ erschien und viele Menschen als Sensation empfanden. Ein Herausgebervertrag mit dem Verlag der Kunst Dresden, datiert vom September 1990, führte zu einem fertigen Manuskript mit einem Nachwort des Schriftstellers Peter Gehrisch. Doch die Edition kam nie zustande, die Gründe sind bis heute unklar.

Film-DVD. Quelle: https://www.amazon.de/Pidax-Historien-Klassiker-Klemperer-Deutschland-komplette/dp/B003EGI630

Als Victor Klemperer 1996 postum den Geschwister-Scholl-Preis für seine Tagebücher verliehen bekam, erwähnte Laudator Martin Walser ausdrücklich Nösners Leistung, der allerdings erst Tage später davon erfuhr und 2018 vergessen starb. Aufbau-Herausgeber Walter Nowojski hingegen, der die Vorarbeit des Journalisten nicht mal in einer Fußnote erwähnte, was die FAZ „eine editorische Todsünde“ nannte, saß in München im Festsaal und nahm mit der Witwe den Preis entgegen. Der US-Kulturhistoriker Peter Gay pries den Dresdner Chronisten als den „vielleicht größten Tagebuchschreiber deutscher Sprache“; von „einem lebendigen Dokument geistiger Souveränität gegenüber Demütigungen und Terror“ weiß Ulrich Baron im Spiegel. Der „vollkommene Idealist“ habe „die Gefahren beider Diktaturen unterschätzt“, bilanzierte Martin Doerry im selben Blatt.

Seit Jahren, schrieb Klemperer kurz vor seinem Tod einem Neffen, habe er „nichts anderes getan“, als „ständig und ergebnislos zu opponieren“. Die Dresdner kürten ihn in den DNN zu einem der „100 Dresdner des 20. Jahrhunderts“. 1999 zeigte die ARD „Klemperer – Ein Leben in Deutschland“ als zwölfteilige Fernsehserie nach einer um erfundene Episoden erweiterten Bearbeitung von Klemperers Tagebüchern. Doch Hadwig schaltete die Serie, die voller historischer Unrichtigkeiten steckte, in der das Milieu nicht stimmte und die die Charaktere Victors und Evas Hollywood-like zurecht fälschte, schon im zweiten Teil ab: „Der Film hat mich schwer beleidigt“. Sie starb nach 50jährigem Witwenleben 2010 kinderlos in Dresden und wurde auf dem Alten Katholischen Friedhof beigesetzt.

Von Sir Arthur Conan Doyles „Doktor Watson“ bis zu „Doktor Pascal“ in Emile Zolas gleichnamigem Roman – Ärzte sind in der Literatur zahlreich vertreten. Doch kaum einer berührt so tief wie „Doktor Schiwago“ – der Name bedeutet im Russischen so viel wie „der Vitale“, „der Vollblütige“. Sein Schöpfer Boris Leonidowitsch Pasternak, für den prominenten Kritiker Dmitri Mirski einst der „größte lebende Dichter Rußlands“, der laut Ilja Ehrenburg „die Fundamente einer wirklich neuen Literatur gelegt“ hat, würde am 10. Februar seinen 130. Geburtstag feiern.

Dabei schien von Anfang an festzustehen, dass der Sohn jüdischer Eltern eine kompromisslos ästhetische Existenz führen würde – nicht aber, auf welchem Gebiet. Sein Künstlervater Leonid arbeitete als Professor an der Moskauer Schule für Malerei und illustrierte u.a. Bücher von Tolstoj. Seine Mutter war die bekannte Pianistin Rosalija Kaufmann. Seine Kindheit war sorgenfrei – mit einer Ausnahme: Beim Sturz von einem Pferd brach sich Pasternak 1903 den rechten Oberschenkelknochen und wurde weder im Ersten noch im Zweiten Weltkrieg als Soldat eingezogen. Im Elternhaus traf er Größen des Kulturlebens wie Alexander Blok, Rainer Maria Rilke und Alexander Skrjabin.

Pasternak. Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/media/thumbs/2/273a6e5ade88830a6071b73a24632b99v1_max_755x425_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg?key=daf477

Durch dessen Bekanntschaft träumte er zunächst davon, Pianist und Komponist zu werden, und komponierte 1909 eine Klaviersonate in h-Moll. Er gab diesen Plan allerdings auf, weil er nicht über das absolute Gehör verfügte, und wandte sich nach Abschluss des Moskauer deutschen Gymnasiums 1908 der Philosophie zu. Im Sommersemester 1912 ging er für ein Auslandssemester nach Marburg, schlug dort eine akademische Karriere aus und entschloss sich nicht zuletzt nach Reisen durch die Schweiz und Italien für die Poesie: „Meiner Meinung nach sollte Philosophie dem Leben und der Kunst als Gewürz beigegeben werden. Wer sich ausschließlich mit Philosophie beschäftigt, kommt mir vor wie ein Mensch, der nur Meerrettich isst.“

„das Zeitalter ist wichtig“

Interessanterweise schreibt er zunächst in der Tradition von Symbolismus und linkem Futurismus: der begreift den Dichter als Arbeiter mit sozialem Auftrag, nicht als Künstler. Pasternak bewundert Majakowski und dessen gewagte Reime, lehnte sie aber wegen ihrer Effekthascherei ab und verordnete sich selber eine „straffere“ Schreibweise. 1913 bis 1917 erschienen erste Gedichtbände. Als Sekretär in einer Chemiefabrik im Ural unterstützte er die Oktoberrevolution, obwohl er von der Brutalität der neuen Regierung schockiert ist. Über die Gründe wurde viel gemutmaßt – russischer Patriotismus spielt ebenso hinein wie realitätsverengtes Wunschdenken oder Visionen eines „Sieges des Geistes“, wie er selbst schrieb. Seine Eltern und Geschwister wanderten 1921 nach Deutschland aus – er blieb.

Nach dem Krieg arbeitete Pasternak als Bibliothekar in Moskau und schrieb weiter, darunter die „Briefe aus Tula“. Seine Landschaftsbeschreibungen geben nicht die Natur, sondern den Geisteszustand des beobachtenden Menschen wieder: Das Leben ist erst wirklich und erfahrbar, wenn es auch sagbar wird. Genau diese Verbindung bildet den tieferen Sinn seines Gedichtbands „Meine Schwester – das Leben“. Im selben Jahr heiratete er seine erste Frau Jewgenija, hat mit ihr einen Sohn und wird 1931 wieder geschieden.

In den 1930er Jahren, spätestens seit dem Versroman „Spektorskij“, entwickeln sich seine Gedichte weg vom Symbolismus hin zur Politik. Tragisch, dass er für die politische Realität von Stalins Terror blind blieb. Auf dem Ersten Schriftstellerkongress 1934, auf dem die russische Literatur gleichgeschaltet wurde, trat Pasternak mit der Erklärung auf, sein Schaffen werde von der „fruchtbaren Liebe zur Heimat und zu den heutigen allergrößten Menschen“ getrieben. 1936 schrieb er für die Regierungszeitung „Iswestija“ gar zwei Stalin-Oden und meint 1936 zu einem Kollegen: „Glauben Sie der Revolution im Ganzen, dem Schicksal, den neuen Regungen des Herzens, dem Schauspiel des Lebens und nicht den Konstruktionen des Schriftstellerverbandes. Das Zeitalter ist wichtig, nicht die Formalisten.“

„badet ein Ekstatiker in Tränen“

1934 war er eine zweite Ehe eingegangen mit Sinaida, die um seinetwillen ihre Ehe mit dem Pianisten Heinrich Neubaus gelöst hatte, der als Lehrer einer ganzen russischen Pianisten-Generation von Gilels bis Richter bekannt geworden ist, und die ihm einen weiteren Sohn zur Welt bringt. Die Familie zog 1936 in die Künstlerkolonie Peredelkino bei Moskau. Seinen Lebensunterhalt verdient er auf sicherem Feld als Übersetzer aus dem Französischen, Englischen und Deutschen. Gerühmt sind seine russischen Ausgaben von Goethes „Faust“ und Shakespeares Tragödien, außerdem übersetzt er Kleist und Rilke und verfasst viele Briefe. „Hier schreibt jemand, der nicht an die Nachwelt denkt; der seine Sätze nicht feilt und trimmt; der nicht auf Nachruhm spekuliert. Hier badet vielmehr ein Ekstatiker in Tränen und Wortumarmungen; ein Liebender bringt sich dar und teilt sich mit“, feiert ihn Helen von Ssachno im Spiegel.

Mit Sinaida und Sohn. Quelle: https://img.broadwayblogspot.com/img/dile-2019/pasternak-ili-tuda-i-obratno.png

Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs meldet sich Pasternak freiwillig, wird jedoch erst 1943 mit einer „Schriftstellerbrigade“ in den Propagandakrieg geschickt. Seine Kriegserlebnisse verarbeitet er in den Gedichten des Sammelbands „In den Frühzügen“ und „Irdische Weite“; nach 1945 verfällt er zunächst in Schweigen. Als er 1946 bei einer literarischen Veranstaltung wieder einmal öffentlich auftreten durfte, forderten die Zuhörer stürmisch, er möge einige seiner Gedichte vortragen. Und an Stellen, wo er selbst den Text nicht mehr genau im Kopf hatte, fielen die Zuhörer im Chor ein. Er lernt Pasternak Olga Iwinskaja kennen, eine alleinerziehende, literarisch versierte und tüchtige Redakteurin bei Nowyi Mir, der er verfällt, später die Verhandlungs- und Verfügungsrechte über seine Arbeiten überträgt und der er als „Lara“ im „Schiwago“ ein literarisches Denkmal setzen wird. Allerdings schafft er es nicht, sich von Sinaida und seinem Sohn Leonid zu trennen, und pendelte er zwischen beiden Familien hin und her.

Überhaupt: Schiwago. Sofort nach dem Krieg beginnt Pasternak an seinem ersten und einzigen Roman zu arbeiten: Eine Verschmelzung von Poesie und Prosa sowie der öffentlichen Geschichte mit seinem eigenen Leben – „ohne Hass, mit Trauer wohl, aber frei von Bitterkeit“, schreibt Gert Ruge in der Zeit. Der vielfach verschachtelte Roman beschreibt die Konflikte, in die ein Intellektueller (Schiwago) und seine geistigen und religiösen Überzeugungen geraten, wenn sie auf die revolutionäre Bewegung treffen, die sozialistischen Realität – und eine selbstzerstörerische Liebe: „Sie liebten einander, weil alles ringsum es wollte: die Erde unter ihren Füßen, der Himmel über ihren Köpfen, die Wolken und die Bäume.“ Die Handlung erstreckt sich über fast drei Jahrzehnte und endet mit Schiwagos frühem Tod 1929, im Epilog 1943.

Der Arzt wächst bei einer Pflegefamilie auf und studiert Medizin trotz großer Neigung zu Kunst und Geschichte: Bereits als Gymnasiast träumt er davon, ein „Buch des Lebens“ zu schreiben. Bezüge zum Christentum fallen auf: Im Zentrum steht der schwierige Lebensweg des Arztes als Passion Christi in den Wirren der Revolution. Zunächst lässt Pasternak sein Alter Ego 25 Gedichte schreiben, die er als Anhang in den Roman aufnahm. „Das Wunder“, „Schlechte Tage“, „Der Garten von Gethsemane“ u.a. verweisen auf Parallelen zu Christus bzw. seinen Aposteln. Auch sein Name – Juri = Sankt Georg, der Drachentöter – unterstreicht, dass er als christliche Figur zu sehen ist; zur Einsamkeit bestimmt und dazu, in der Welt zu scheitern; erst am Ende wird er siegreich sein. Auch Lara stellt Pasternak in einen christlichen Symbolzusammenhang.

Eine bundesdeutsche Druckausgabe. Quelle: https://www.booklooker.de/B%C3%BCcher/Boris-Pasternak+DOKTOR-SCHIWAGO/id/A02nj4Ft01ZZh

Angesichts des Blutvergießens nach der Oktoberrevolution 1917 verliert der Arzt Schiwago jegliche Hoffnung in den Kommunismus und seine Revolutionäre. Die mörderische Zwangskollektivierung der Bauern verurteilte er als „falsche Reform“, formuliert seine Kritik an absurden Verkennungen der Realität und gewalttätigen Auswüchsen der jungen Revolution. Schwerer noch wiegen seine sarkastische Ablehnung jeder Form von Propaganda und seine Kritik am Marxismus, den er für unwissenschaftlich hält: „Der Krieg, die Revolution, die Könige, die Robbespierres dienen der Geschichte nur als organische Reizmittel, als Sauerteig. Die Menschen, die Revolutionen machen, sind fanatische Sektierer. In wenigen Stunden, in wenigen Tagen stürzen sie die alte Ordnung um. Der Geist, in dem sie dies tun, wird noch nach Generationen wie eine Reliquie verehrt. Aber die Freiheit, die wahre Freiheit – nicht die in Worten proklamierte Freiheit – fällt vom Himmel, unbemerkt, durch einen Zufall, durch einen Irrtum.“ Das Buch, so urteilte die NZZ, „ist der große russische Roman der Freiheit. Es ist der einzige innerlich völlig freie und äußerlich nicht zensurierte Ausdruck eines russischen Bewusstseins dieser Epoche, und es ist daher … der einzige Inhalt der ganzen Sowjet-Literatur dieser Jahre.“

„Sieg durch Verzicht“

1955 fertiggestellt, legte Pasternak das Manuskript nach Stalins Tod im Jahr darauf dem sowjetischen Schriftstellerverband und dem Moskauer Staatsverlag zur Begutachtung vor. Man gab ihm den Rat, wesentliche Teile des Romans umzuschreiben, weil er der Bedeutung der Oktoberrevolution und der kommunistischen Gesellschaftsordnung nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt oder sie abwertend dargestellt habe. Der Dichter widersetzte sich der ihm vorgeschlagenen Buchverstümmelung, erklärte sich jedoch mit der Herausgabe einer gekürzten Fassung des Romans einverstanden – offenbar hegte er noch die Zuversicht, es werde sich alles zum Guten wenden: „Wenn auch“, so heißt es an einer anderen Stelle des Romans, „die Läuterung und die Freiheit, die man nach dem Krieg erwartete, nicht zusammen mit dem Sieg kamen, so war das nicht entscheidend: Die Freiheit lag in der Luft und war das einzige bedeutsame historische Faktum der Nachkriegsjahre.“

Auf die Kürzung erhielt er keine Antwort. Eine Kopie des Skripts hatte er dem Vertreter des Mailänder Verlegers Feltrinelli übergeben und ihm die Rechte für die Buchausgaben in westlichen Ländern übertragen. Nach diversen, 2014 offiziell bestätigten Einmischungen der CIA, die Manuskript und Autor ohne dessen Wissen funktionalisierte, erschien der Roman 1957 in Mailand in einer italienischen Übersetzung, eine russische Version kam erstmals 1958 im Mouton Verlag in den Haag heraus und wurde bei der Brüsseler Weltausstellung im Pavillon des Vatikans gratis an die Besucher verteilt. Die Vorlage des Romans in der Originalsprache beim Komitee war Voraussetzung für die Verleihung des Nobelpreises. Als der Pasternak im selben Jahr „für seine bedeutende Leistung sowohl in der zeitgenössischen Lyrik als auch auf dem Gebiet der großen russischen Erzähltradition“ verliehen werden sollte, nahm er zunächst an. Prompt wurde er aus dem Schriftstellerverband der UdSSR ausgeschlossen, ja medial vernichtet.

Pasternaks Haus. Quelle: https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article203945666/Actionszenen-der-Weltliteratur-Boris-Pasternak.html#cs-lazy-picture-placeholder-01c4eedaca.png

„Er mag gehen, wohin er will. Kein sowjetischer Mann und keine Frau wünschen, mit einem Verräter zusammenzuleben und die Luft zu atmen, die er atmet“, heißt es bei Radio Moskau. Das Buch sei „nichtiges, niederträchtiges Handwerk“, schrieb die Literaturnaja gaseta, eine „Verleumdung der sowjetischen Partisanen und der Roten Armee, des ganzen gewaltigen Werkes, das die Erbauer des neuen Lebens auf sowjetischem Boden vollbringen“. In der Prawda stand dann der Urteilsspruch, gegen den es keine Berufung gibt: „Der ‚Dr. Schiwago‘ ist eine boshafte Schmähschrift auf die sozialistische Revolution, das Sowjetvolk und die sowjetische Intelligenz. Ein erboster Spießer hat seiner rachsüchtigen Gereiztheit freien Lauf gelassen.“ Auf einer Massenveranstaltung im Moskauer Sportpalast schrie vor Staatschef Chruschtschow und einem vieltausendköpfigen Auditorium Wladimir Semitschastni, Chef des Jugendverbands „Komsomol“: „Ein Schwein besudelt niemals den Ort, wo es frisst und schläft. Wenn man daher Pasternak mit einem Schwein vergleicht, so ist festzustellen, dass ein Schwein nicht getan hätte, was Pasternak getan hat.“ Das Protokoll verzeichnet an dieser Stelle: „Brausender Jubel der Zuhörer.“ Der Verfasser des Textes der sowjetischen Nationalhymne, Sergej Michailkow, schlug seine Ausweisung vor. Die Hetzjagd der Kommunisten verarbeitet Pasternak lyrisch:

„Bin umstellt, verloren, Beute. 
Weit - wo Freiheit, Menschen, Licht.
Hinter mir der Jagdlärm, Meute.
Einen Ausweg hab‘ ich nicht.“ 

Weltweit organisierte sich Widerstand gegen die Behandlung Pasternaks. „Wir fordern Sie auf im Namen der großen literarischen Tradition Russlands, für die Sie stehen, diese nicht dadurch zu entehren, dass Sie einen Autoren bestrafen, den die ganze zivilisierte Welt verehrt“, appellierten berühmte Schriftsteller wie Aldous Huxley, T. S. Eliot oder Graham Greene an die Sowjetführung. Ernest Hemingway bot Pasternak Unterkunft an, auch der indische Premierminister Jawaharlal Nehru kritisierte die Sowjetunion heftig. Doch der Druck der sowjetischen Obrigkeit ist zu hoch, Pasternak gibt nach und lehnt schließlich die Preisannahme ab. Während Solschenizyn zürnt: „Ich krümmte mich vor Scham für ihn … wie konnte er nur … vom ‚lichten Glauben an eine gemeinsame Zukunft‘ faseln…“, nennt die Iwinskaja hingegen Pasternaks Widerruf: „Sieg durch Verzicht. Die Hauptsache, das Buch, war erschienen, und es machte seinen Weg. Musste man sich, jedenfalls ein Genie, nicht gelegentlich für das Werk korrumpieren?“ Aus einem persönlichen Brief Pasternaks an Chruschtschow geht hervor, dass Pasternak trotz aller Angriffe auf ihn und seine Arbeit auf keinen Fall die Sowjetunion verlassen wollte. Er hegt Suizidgedanken. Nachdem er im Januar 1953 bereits einen schweren Herzinfarkt erlitten hatte, starb Boris Pasternak am 30. Mai 1960 in Peredelkino zermürbt an einem weiteren Infarkt und Magenblutungen. Seine Ehefrau folgte ihm völlig verarmt 1966, die Geliebte und deren Tochter Irina kamen in den Gulag.

„Häresie der unerhörten Einfachheit“

Der Roman wird 1965 mit Omar Sharif prominent verfilmt und erhält fünf Oscars, darunter einen für die Musik von Maurice Jarre: „Lara’s Theme“ (dt.: „Weißt du wohin“) wird ein Welthit. Als Anekdote wird gern erzählt, wie die riesige Crew – wegen der billigen Arbeitskräfte und Statisten nach Spanien gezogen – den Hochsommer mit einem illusionären Kraftakt in den russischen Winter verwandelt: Ein ganzer Marmorsteinbruch wird gekauft, der Stein zu weißem Pulver gemahlen und auf einer verdorrten Ebene verteilt. Am 23. Februar 1987 erfährt Pasternak unter Gorbatschow eine vollständige Rehabilitation nebst postumer Wiederaufnahme in den Schriftstellerverband. 1988 erscheint „Schiwago“ erstmals in der UdSSR, in einer besonderen Zeremonie nahm sein Sohn den abgelehnten Nobelpreis 1989 in Stockholm stellvertretend für seinen Vater an. Das Opus wird in Deutschland auf absehbare Zeit nicht weiter geschrieben: Der Bertelsmann Verlag unterlag 1999 beim Bundesgerichtshof (BGH) dem Feltrinelli-Verlag mit der Begründung, dass die Fortsetzung „Laras Tochter“ eines englischen Ghostwriters sich so eng an Pasternaks Vorlage anlehnte, dass sie keine eigenschöpferische Leistung darstelle. Wer einen Roman oder einen Film fortschreiben will, muss vorher ein Fortsetzungsrecht erwerben – oder ein gänzlich neues Werk schaffen, gegenüber dem das Original „verblasst“.

Szenenbild mit Omar Sharif. Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/literatur/die-geschichte-des-romans-doktor-schiwago-du-hast-ganz-russland-verraten/13898324.html#!kalooga-20590/~pasternak%20~cia%5E0.75

Geblieben ist weniger die Erinnerung an einen facettenreichen, begabten, heute allerdings mehr und mehr vergessenen intellektuellen Poeten, sondern eher an ein in vieler Hinsicht irritierendes Buch, erinnert sich Ssachno ebenso irritiert: „Zwischen den ‚Schiwago‘-Gedichten, die, im Original zumindest, die von Pasternak am Lebensende erstrebte ‚Häresie der unerhörten Einfachheit‘ versinnbildlichen, und der epischen Unbeholfenheit des Romans, der trotz seiner konservativen Stilmittel wiederum nicht so einfach geschrieben ist, dass er seine innere Wahrheit ohne die Kenntnis geistesgeschichtlicher Zusammenhänge zu offenbaren vermag, klafft ein Abgrund, der bis zum heutigen Tag nicht geschlossen wurde.“ Das kann man so sehen, muss es aber nicht.

Drei „überwältigende Leidenschaften“, bekennt der intellektuelle Don Juan mit der Liebe zur Geometrie im ersten Teil seiner Lebensbeichte, hätten sein Leben beherrscht: „das Verlangen nach Liebe, das Streben nach Erkenntnis und das Erbarmen mit der leidenden Menschheit“. Viermal verheiratet – drei Ehen wurden geschieden, und im Alter von 80 Jahren heiratete er seine vierte Frau, die amerikanische Schriftstellerin Edith Finch –, konzentriert sich Bertrand Russel in seinen veröffentlichten Erinnerungen allerdings nur auf zwei Leidenschaften: Liebeslust und Wissensdurst. Der Pazifist, Sozialist und Literaturnobelpreisträger, der als Vater der Analytischen Philosophie und Urheber vieler bis heute zitierter Bonmots gilt, starb vor 50 Jahren.

„Das Ärgerlichste in dieser Welt ist, dass die Dummen todsicher und die Intelligenten voller Zweifel sind“, gehört zu diesen Bonmots eines Freidenkers, der seine Kindheit und Jugend später als unglücklich beschreibt. Bertrand Arthur William Russell wird am 18. Mai 1872 als zweiter Sohn in einer einflussreichen britischen Adelsfamilie geboren; der Großvater John Russell, erster Earl Russell, war viele Jahre lang Regierungsmitglied, zeitweise Premierminister unter Queen Victoria. Die Atmosphäre seines Elternhauses muss grotesk bis skurril gewesen sein. So hatten zum Beispiel die Eltern dem ebenso atheistischen wie tuberkulösen Hauslehrer von Russells älterem Bruder verboten, zu heiraten. Sie wollten nicht, dass er Kinder zeuge und diesen die Krankheit vererbe. Gleichwohl empfanden sie das Verbot als unfair, und Russells Mutter milderte das Zölibat, indem sie dem Hauslehrer erlaubte, bei ihr zu schlafen.

Der alte Russell. Quelle: http://diepaideia.blogspot.com/2016/09/bertrand-russell-und-die-philosophie.html

Als innerhalb weniger Jahre beide Eltern und auch der Großvater sterben, übernimmt die Großmutter die Erziehung der beiden Jungen. Von dem viktorianischen Lebensstil seiner Großeltern, besonders den strengen moralischen Ansichten der Großmutter, fühlte sich der Knabe angezogen und zugleich abgestoßen. Um die zahlreichen Verbote zu umgehen, gewöhnte er sich daran, seine Umgebung zu täuschen – ein Charakterzug, von dem er selbst bekennt, er habe ihn bis zu seinem 21. Lebensjahr beherrscht. Gerade elf Jahre alt, entdeckte Russell sein Interesse und seine Begabung für die Mathematik und erlernt unter Anleitung seines Bruders Geometrie. Fast zur gleichen Zeit wurde er von einem Freund sexuell aufgeklärt. Russell heute: „Was er erzählte, fand ich sehr interessant, obgleich ich keinerlei Erregung dabei fühlte.“ Gleichwohl beeindruckte ihn die kindliche Einweihung in das Liebesleben so sehr, dass er in diese Zeit seine Erkenntnis datiert, freie Liebe sei das einzig Vernünftige und die Ehe nichts anderes als ein Ausdruck christlichen Aberglaubens.

Mathe und Sex

Fortan galt Russells Interesse laut eigenem Bekenntnis der Mathematik gleichermaßen wie dem Sex. Seine bevorzugte Lektüre war ein medizinisches Wörterbuch. Gemeinsam mit einem Freund baute er einen ganzen Winter lang an einer Höhle, in der er sich dann mit einer Hausangestellten vergnügte. Erst als sich das Mädchen weigerte, eine Nacht mit ihm zu verbringen, endete das erotische Abenteuer. Seit 1890 studierte Russell in Cambridge Mathematik und Philosophie. Dort lernte er den elf Jahre älteren Alfred North Whitehead kennen, für den ebenso wie für Russell die Mathematik das Ideal der Philosophie war. Acht Jahre lang, von 1902 bis 1910, arbeiteten Russell und Whitehead gemeinsam an einem der bedeutendsten Werke des europäischen Geisteslebens, den „Principia mathematica“ („Prinzipien der Mathematik“), die Russell den Ruf eines Begründers der modernen Logik einbrachten und noch über fünfzig Jahre nach ihrem Erscheinen als das Standard-Werk dieser Disziplin galten.

Angeregt durch seine Studien über Gottfried Wilhelm Leibniz und den heute vergessenen Jenaer Mathematiker Gottlob Frege, die eine Synthese von Mathematik und Logik postuliert hatten, versuchte Russell gemeinsam mit Whitehead die gesamte Mathematik aus einigen logischen Axiomen abzuleiten. Mitten in der Arbeit entdeckt er, dass die von Georg Cantor wenige Jahre zuvor eingeführte Definition einer Menge (als Zusammenfassung von Objekten unserer Anschauung oder unseres Denkens zu einem Ganzen) zu einer Unvereinbarkeit, einer Antinomie, führt, die seitdem den Namen Russellsche Antinomie trägt: Eine Menge, die alle Mengen enthält, die sich selbst nicht als Element enthalten, ist ein Widerspruch in sich. Später gibt Russell selbst folgende „populäre“ Einkleidung des Problems an: Man kann einen Barbier definieren als einen, der alle diejenigen rasiert, und nur diejenigen, die sich nicht selbst rasieren. Die Frage ist: Rasiert der Barbier sich selbst?

Russels frühes Hauptwerk. Quelle: https://www.booklooker.de/B%C3%BCcher/Alfred-North-Whitehead-and-Bertrand-Russell+Principia-Mathematica-to-56/id/A02jJTgb01ZZH

Im gleichen Jahre, in dem Russell sein Studium in Cambridge begann, lernte er die anmutige Alys, Tochter eines amerikanischen Quäkers, kennen. Fasziniert von ihrer natürlichen Selbständigkeit, die für ihn so ganz anders war als die schüchternen englischen Mädchen, verliebte er sich und beschloss, sie zu heiraten. Seine adlige Verwandtschaft versuchte mit ausgefallenen Tricks, eine Ehe zwischen dem jungen Studenten und der, wie sie meinten, „gewöhnlichen Abenteurerin und Kindsräuberin“ zu verhindern. So brachten sie den alten Familienarzt dazu, dem liebestollen Mathematiker einzureden, in Russells Familie seien zahlreiche Fälle von Geisteskrankheit aufgetreten. Würde er heiraten und Kinder zeugen, müsste er damit rechnen, dass sie nicht normal sein würden.

Als das Pärchen daraufhin beschloss, gleichwohl zu heiraten, aber keine Kinder zu haben, wurde der alte Familiendoktor erneut in Marsch gesetzt. Der Gebrauch von Verhütungsmitteln, drohte der Arzt nun, schade der Gesundheit, und Russells Familie fügte dem ärztlichen Verdikt hinzu: Auch Vater Russell habe Verhütungsmittel benutzt und sei deshalb an Epilepsie erkrankt. Schließlich schickten sie den damals 22jährigen nach Paris, hoffend, er werde dort Alys vergessen. Drei Monate später fand die Hochzeit statt.

„Asyl für gemeingefährliche Geisteskranke“

Mit seiner Heirat begann eine Periode fruchtbaren Schaffens. Frei von „emotionellen Hemmungen“ (Russell) konnte er sich ganz seiner wissenschaftlichen Arbeit widmen. In ununterbrochener Folge veröffentlichte er philosophische und mathematische Untersuchungen sowie, als Ergebnis eines Aufenthalts in Berlin, eine Studie über die deutsche Sozialdemokratie, über die er damals schrieb, sie sei eine der revolutionärsten sozialen Bewegungen Europas. In dem Artikel „The teaching of Euclid“ zeigt er die Schwächen im logischen Aufbau der „Elemente“ auf – ein Kritiker bemerkt einige Jahre später: Euklids Hauptfehler war es, dass er Russells Veröffentlichungen nicht gelesen hat. Russel arbeitet nun als Dozent für Mathematik und Logik am Trinity College.

Als er 1910 die „Principia“ beendete, war seine Leidenschaft für abstraktes Denken vorerst gestillt. Sein „Verlangen nach Liebe“ aber vermochte Ehefrau Alys nicht mehr zu befriedigen. Nach 16 Ehejahren entdeckte Russell: Sie ist eine Spießbürgerin, die nur „Nachthemden aus Flanell“ trägt. Dafür fand der liebeshungrige Denker bei Lady Ottoline Cavendish-Bentinck, der Frau eines liberalen Politikers, Erholung vom häuslichen Flanell. Fast sechs Jahre lang – die Ehe mit Alys wurde 1921 geschieden – bestand das Liebes-Dreieck Lady Ottoline, Ehemann Morrell und Herzensfreund Russell alle Fährnisse. Über den 28. Juli 1914 – mit diesem Jahr endet Russelis erster Memoiren-Band – notiert der Autor: „An diesem Tag erklärte Österreich Serbien den Krieg. Ottoline gab ihr Bestes.“ Das College entzieht ihm seine Stelle, als er sich – entsetzt über die allgemeine Kriegsbegeisterung und Barbarei des Ersten Weltkriegs – öffentlich für Kriegsdienstverweigerung einsetzt. 1918 wird er wegen seiner Aktivitäten zu einer sechsmonatigen Haftstrafe verurteilt, die er wiederum zum Schreiben nutzt.

Ottoline. Quelle: https://i.pinimg.com/236x/ed/c0/21/edc021bebd7f1b50b98b312684d865a3–lady-ottoline-bloomsbury-group.jpg

Eine anfängliche Sympathie für das sozialistische Experiment in der Sowjetunion endet, nachdem er 1920 die Sowjetunion besucht und mit Lenin Gespräche geführt hat; „ein Asyl für gemeingefährliche Geisteskranke, wo die Wärter die schlimmsten sind“, sagt er später. Im selben Jahr übernimmt er eine Gastprofessur in Peking und beschäftigt sich eingehend mit der chinesischen Kultur. Nach der Rückkehr bestreitet er seinen Lebensunterhalt als Autor zahlreicher Bücher zu unterschiedlichen Themen, darunter auch populärwissenschaftliche Bücher über Atomphysik und Relativitätstheorie, aber auch über Politik und Erziehung. Zusammen mit seiner zweiten Frau gründet er nach vergeblicher Suche einer geeigneten Schule für seine beiden Kinder die antiautoritäre Privatschule in Beacon Hill – von der er später einräumt, dass seine Vorstellungen nicht realisiert wurden. Erfolglos kandidiert er für die Labour Party.

Aufsehen erregen vor allem zwei Bücher. In „Why I Am Not a Christian“ (1927) setzt sich der Atheist Russell kritisch mit der Religion auseinander, die er im Allgemeinen, insbesondere aber das Christentum, für ein Übel hält, eine „Krankheit, die aus Angst entstanden ist“. Besonders Islam, Judentum und Christentum seien in ihrem Kern überdies „Sklavenreligionen“, die bedingungslose Unterwerfung verlangten: „Die ganze Vorstellung vom herrschenden Gott stammt aus den altorientalischen Gewaltherrschaften. Es ist eine Vorstellung, die eines freien Menschen unwürdig ist.“ „Marriage and Morals“ (1929) ist ein Plädoyer für eine freie Sexualmoral: „Moralisten sind Leute, die sich jedes Vergnügen versagen, außer jenem, sich in das Vergnügen anderer Leute einzumischen“. Das Problem Ehekrise brachte er darin auf die lapidare Formel, „dass die Menschen anscheinend, je zivilisierter sie werden, desto unfähiger sind, mit einem einzelnen Partner glücklich zu sein“.

„Sokrates unserer Zeit“

1936 heiratet er zum dritten Mal und übernimmt Lehraufträge an den Universitäten in Chicago und Los Angeles. Seine Berufung an die Universität von New York kommt nach dem Protest fundamentalistischer Christen nicht zustande; diese sehen die Moral der Studenten gefährdet, weil er Ehebruch und Homosexualität befürworte. Während des Zweiten Weltkriegs gibt er seinen unbedingten Pazifismus auf, drängt sogar auf einen Präventivschlag gegen die Sowjetunion. Nachdem auch diese über Atom- und Wasserstoffwaffen verfügt, engagiert er sich für den Erhalt des Weltfriedens – ein dritter Weltkrieg würde die Existenz der Menschheit bedrohen.

1948 überlebte er auf dem Weg zu einem Vortrag einen Flugzeugabsturz: Das Flugboot krachte in den Hafen von Oslo. Neunzehn Personen ertranken. Russell rettete sich durch Schwimmen, legte sich im Hotel ins Bett und erholte sich bei einem Detektivroman. Am nächsten Tag sprach er in der Universität. 1950 wird ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen, „als eine Anerkennung für seine vielseitige und bedeutungsvolle Verfasserschaft, worin er als Vorkämpfer der Humanität und Gedankenfreiheit hervortritt“; „Ehe und Moral“ wird dabei gewürdigt und kann erst jetzt auf Deutsch erscheinen. Zusammen mit Albert Einstein verfasst er 1955 ein Manifest zu den Folgen des Einsatzes von Nuklearwaffen und begründet die seitdem regelmäßig tagende Pugwash-Konferenz zu Abrüstungsfragen und zur Verantwortung der Naturwissenschaftler; die Einrichtung erhielt 1995 den Friedens-Nobelpreis.

Manifest von 1955. Quelle: https://i2.wp.com/images.huffingtonpost.com/2015-07-13-1436799529-7559006-unnamed.png

1957 beginnt er die „Campaign for Nuclear Disarmament“ und wird deren erster Präsident. Vier Jahre später wird der 89-Jährige wegen Teilnahme an einem Sitzstreik in London zu einer zweimonatigen Haftstrafe verurteilt, die nach einer Woche im Gefängnis-Krankenhaus aus Gesundheitsgründen erlassen wird. In der Kuba-Krise 1962 wendet er sich mit eindringlichen persönlichen Botschaften an Chruschtschow und Kennedy, um den drohenden Atomkrieg zu verhindern. 1963 gründet er die Bertrand Russell Peace Foundation, die sich für Frieden, soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte einsetzt. 1966 ruft diese zum „Vietnam War Crimes Tribunal“ auf, die mit einem „Schuldspruch“ der USA endet wegen Verbrechen gegen den Frieden sowie des Bruchs des internationalen Rechts und der Charta der Vereinten Nationen. Unklar ist, welche Rolle Russels Privatsekretär Ralph Benedict Schoenman spielte, ein ebenso intelligenter wie fanatischer Princeton-Absolvent, dem Russel alle Freiheiten ließ.

Noch als 77jähriger klettert er mit Vorliebe in den Bergen von Nordwales herum, raucht ununterbrochen Pfeife und hält nichts auf seine Kleidung. Nur auf seine weiße Löwenmähne ist er stolz. Dabei bedeutet sein Name eigentlich „der kleine Rotkopf“. In seinen Lebenserinnerungen blickt er auf ein ereignisreiches Leben zurück – vielfach wurden ihm Ehrungen zuteil, selten verhielt er sich konform, aber stets getreu zu seinen zehn Geboten, wie er sie im Jahr 1951 formulierte, zum Beispiel: „Fühle dich keiner Sache völlig gewiss“ oder „Fürchte dich nicht davor, exzentrische Meinungen zu vertreten; jede heutige Meinung war einmal exzentrisch.“ In siebzig Jahren schrieb oder diktierte er etwa siebzig Bücher, mitunter eines in zwanzig Tagen. Als er, nach eigenem Bekenntnis, für die Mathematik zu dumm wurde, ging er über zur Philosophie; zur Geschichte und Politik, als er für die Philosophie zu dumm geworden war. „Was kein Kompliment für Geschichte und Politik ist“, befand Golo Mann. „Auch wenn alle einer Meinung sind, können alle Unrecht haben“ ist ebenso eine Russel’sche Weisheit wie „Das größte Risiko auf Erden laufen die Menschen, die nie das kleinste Risiko eingehen wollen“. „Englands Glamour-Greis“, wie ihn der Spiegel nannte, der „Sokrates unserer Zeit“, wie ihn sein Kollege A. L. Rowse hofierte, starb am 2. Februar 1970.

Einem bedeutenden Expressionisten wird Sexismus und Rassismus unterstellt. Das Kölner Ludwig-Museum ergänzt sein Bild um einen Jahrzehnte jüngeren Film. Das ist nachträgliche Zwangspolitisierung.

Meine neue Tumult-Kolumne, die gern verbreitet werden kann.

Die Frau mit dem Dutt und der langen Schürze sieht abgearbeitet aus. Jeder ihrer Handgriffe wirkt mühselig. Sie zieht Schranktüren auf, reckt sich nach Deckeldosen, holt etwas aus einer schwergängigen Tischschublade, schürt Feuer… So beginnt 1927 ein Werbefilm für die „Frankfurter Küche“, die schließlich im zweiten Teil präsentiert wird – mit einer entspannten Frau als Protagonistin, die statt Schürze ein seidig schimmerndes Kleid und Bubikopf trägt. Die Erfinderin dieser Küche, Margarete Schütte-Lihotzky, starb am 18. Januar vor 20 Jahren in Wien. „Wenn ich gewusst hätte, dass alle immer nur davon reden, hätte ich diese verdammte Küche nie gebaut“, sagte sie als 97jährige dem Standard.

Geboren am 23. Januar 1897 als Tochter einer bürgerlich-pazifistischen Beamtenfamilie, nahm sie nach dem Besuch der Volks- und Bürgerschule in Wien ein Jahr lang Privatunterricht bei einem Kunstmaler und besuchte anschließend für zwei Jahre die Graphische Versuchs- und Lehranstalt. 1915 begann sie ein Studium an der Kunstgewerbeschule und fasste, da sie im Bauen die Möglichkeit sah, die tägliche Umgebung des Menschen zu verbessern, schon in der Vorbereitungsklasse den Entschluss, Architektin zu werden: Gustav Klimt, ein Freund der Mutter, hatte einen Empfehlungsbrief an die  Kunstgewerbeschule geschrieben. Sie studierte Entwurf bei Oskar Strnad und Baukonstruktion bei Heinrich Tessenow, ist mit Béla Bártok und Max Reinhardt befreundet.

Gerade 20 Jahre alt, gewann sie im dritten Studienjahr den Max-Mauthner-Preis für ihren Entwurf einer Arbeiterwohnung. Vorher hatte sie sich auf Anraten von Strnad das Elend in den armseligen Arbeiterunterkünften mit eigenen Augen angesehen –  sieben bis acht Personen lebten dort am Ende des Ersten Weltkriegs in einem Raum und unter unglaublichen sanitären Verhältnissen. Ihre aus diesen Eindrücken gewonnene soziale Berufseinstellung behielt sie ihr Leben lang bei. „Jeder hat mir das ausreden wollen, dass ich Architektin werde, mein Lehrer Strnad, mein Vater und mein Großvater. Nicht weil sie so reaktionär waren, sondern weil sie geglaubt haben, ich werde dabei verhungern“, lacht sie Jahrzehnte später.

Die Schöpferin und ihr „Werk“, Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/serie-frauen-im-bauhaus-margarete-schuette-lihotzky.1013.de.html?dram:article_id=437461

Mit 22 schloss sie als erste Frau in Österreich ihr Architekturstudium ab und wurde sofort von Alfred Loos engagiert, dem Chefarchitekten des Städtischen Siedlungsamtes. Sie entwarf den Prototyp der „Siedlerhütte“, einen ganz aus Holz gefertigten Würfel mit 4,5 Metern Seitenlänge, in dem sie unter perfekter Ausnutzung des Raumes alle notwendigen Einrichtungsstücke unterbrachte. Diese Hütte diente als erste anständige Unterkunft für Tausende von Flüchtlingsfamilien am Ende des Krieges und die vielen obdachlosen Arbeiter, die seit Beginn des Jahrhunderts auf der Suche nach Arbeit vom Land in die Stadt gezogen waren. Es folgen mehrere Aufträge für Wohnungsbauten, Kleingartensiedlungen und Kindergärten: Sie beteiligte sich bei Ernst Egli an Planungen für die „Siedlung Eden“ und war auch an der Planung des „Winarskyhofes“ beteiligt, einem Gebäudekomplex des Wiener Gemeindewohnungsbaus. Sie lernt den Frankfurter Hochbauamtsleiter Ernst May kennen, der ihr mehrere Publikationen ermöglicht.

„Gestaltung formt Gesellschaft“

Nach dem Tod ihrer Eltern holt May die Architektin nach Frankfurt, um in der Abteilung T des Hochbauamtes mitzuarbeiten – T wie Typisierung. Unter seiner Leitung ließ das Frankfurter Baudezernat zwischen 1925 und 1930 rund 20 Siedlungen mit 12 000 Wohnungen hochziehen – eine enorme Leistung. „Man wollte eine sozialliberale Gesellschaft ermöglichen, in der sich die öffentliche Hand um die Menschen kümmert“, erklärt der Offenburger Professor für Designtheorie Klaus Klemp im Journal Frankfurt. Die Vision des „Neuen Frankfurt“ war in erster Linie eine soziale: Wie konnte man erreichen, dass so viele Menschen wie möglich anständig wohnen konnten? Wie konnte die Stadt preiswert modernisiert werden?

Dabei waren zwei Aspekte prägend. Zum ersten eine „Ästhetik des Gebrauchs“: Die Wohnung sollte ein Ort zum Wohnen und Ausruhen sein, kein „Tummelplatz der Eitelkeiten“. Dem Neuen Frankfurt entsprechend, sollte die Wohnung günstig in der Herstellung, praktisch und ästhetisch sein. May wusste, was sich die Arbeiter leisten konnten – und was nicht. Der zweite Aspekt griff auf lebens- und gesellschaftsreformerische Bemühungen zurück: „Gestaltung formt Gesellschaft“. Dazu gehörte auch die Küche der Zukunft als neue Wohnform, damit die Frau noch Zeit für andere Dinge außer dem Haushalt habe und sich damit ihre Rolle in der Gesellschaft verändern könne: „Jede denkende Frau muss die Rückständigkeit bisheriger Haushaltführung empfinden und darin schwerste Hemmung eigener Entwicklung und somit auch der Entwicklung ihrer Familie erkennen“, hieß es. Und dafür nun war Lihotzky zuständig.

Mit der Stoppuhr in der Hand machte sie sich ans Werk und versuchte, die Arbeitsvorgänge in der Küche effizienter zu gestalten, indem sie sie auf der Grundlage von Aufzeichnungen die Griff- und Schrittwege beim Kochen erstmals einer wissenschaftlichen Analyse unterwarf. Ausgangspunkt war die Küche eines Mitropa-Speisewagens. Bei der Hausarbeit muss genau wie bei der Arbeit im Fabrik- oder Bürobetrieb größte Leistung bei geringem Kraftaufwand das Ziel sein, lautet eine der Botschaften im Werbefilm: Auf einer kleinen Aktionsfläche vor den L-förmig angeordneten Schränken und Arbeitsgeräte sollte so viel wie möglich in Reichweite und so wenig wie möglich im Weg sein. Der Typ 1 umfasste eine Fläche von 1,9 m × 3,4 m.

Koch beim Vorbereiten einer Mahlzeit in der Küche eines Mitropa-Speisewagens. Quelle: https://www.europeana.eu/portal/de/record/2048410/item_NBTLYMMTSYGZCIN53YMSVGE34GFINANR.html?utm_source=api&utm_medium=api&utm_campaign=VWRhX8zNo

Zum einen sollten die Arbeitswege verkürzt und möglichst viele Dinge mit einem Handgriff erreicht werden. Zum anderen sollten durch die serielle Herstellung von Einzelelementen wie Metallgriffen oder Glas-Schiebetüren die Kosten minimiert werden. So lagern Grieß, Reis und Linsen in ausziehbaren Aluminiumschütten: Das geht schneller, als wenn man Gläser vom Regal nehmen und aufschrauben muss. Die Optimierung erfolgte aber nicht nur unter funktionalen, sondern auch unter hygienischen Gesichtspunkten. So stellte Lihotzky Holz-Unterschränke auf verkleidete Betonsockel, damit sich darunter kein Schmutz sammeln und man den Boden leichter reinigen konnte. Die Schränke wurden bis unter die Decke gebaut, so dass sich die üblichen Ablagerungen nicht bilden konnten.

Ein Bügelbrett konnte von der Wand geklappt werden und brauchte daher wenig Platz. Kochtöpfe und Deckel stellte man nach dem Spülen noch tropfnass in einen belüfteten Schrank, dessen Boden eine flache emaillierte Wanne bildet. Töpfe, Geschirr und Vorräte wurden platzsparend übereinander angeordnet. Auch ästhetisch setzte die Frankfurter Küche neue Maßstäbe: Die Aluminium-Schütten, Glastüren oder Metallgriffe kontrastierten mit stark farbigen Holzelementen. Die Küche war oft in Blau gehalten – dieser Farbton sollte Fliegen abweisen. Dieses klar strukturierte und auf reine Funktionalität ohne Zierrat ausgelegte „Labor der Hausfrau“ wurde mehr als zehntausendmal in den Frankfurter Siedlungen eingebaut, die eine breite Bevölkerungsschicht mit günstigen und zweckmäßig ausgestatteten Wohnungen versorgen sollten. Entsprechend einfach war das Material für die Küche. Auf Ausstellungen präsentiert und in vielen Veröffentlichungen publiziert, wurde sie zum Prototyp aller Einbauküchen. Der Feminismus kritisiert damals bis heute, die Frankfurter Küche habe die Hausfrau in einen engen Raum schier eingesperrt und somit zu ihrer Isolation beigetragen.

„ich wäre seit Jahrzehnten tot“

Weitere Entwürfe für Gartenlauben und Wochenendhäuser, Schul- und Lehrküchen, Kindergärten und die „Wohnung für das Existenzminimum“ sowie der ausgefeilte Typenentwurf für „Die Wohnung der berufstätigen Frau“, präsentiert auf der Ausstellung „Heim und Technik“ 1928 in München, wurden weniger bekannt. Beispielhaft für ihr Bemühen um rationalen Funktionalismus waren schließlich zwei kleine Wohnhäuser, die 1930-32 in der Wiener Werkbundsiedlung entstanden: Unter den knapp drei Dutzend Architekten der Siedlung war sie die einzige Frau.

Wiener Werkbundsiedlung. Quelle: https://www.wmf.org/project/wiener-werkbundsiedlung

In Frankfurt lernte sie ihren Kollegen Wilhelm Schütte kennen, den sie 1927 heiratete. Als sich die politische Lage in Deutschland durch die Weltwirtschaftskrise verschärfte und Ernst May ein Angebot aus der Sowjetunion erhielt, ging er mit einer Gruppe von 17 Planern 1930 in den Osten. Sie war wieder als einzige Frau dabei. Die Brigade May plante im Rahmen von Stalins erstem Fünfjahresplan sozialistische Städte auf dem Reißbrett, als erstes die Stahlstadt Magnitogorsk mitten im Nirgendwo des südlichen Urals. 1933 stellte Schütte-Lihotzky auf der Weltausstellung in Chicago aus, 1934 unternahm sie Studien- und Vortragsreisen nach Japan und China.

Als unter Stalin das politische Klima kippte und 1937 alle ausländischen Architekten von Bauplanungen ausgeschlossen wurden, gingen beide nach einer kurzen Zwischenphase in Paris in die Türkei, vermittelt durch den bekannten deutschen Kollegen Bruno Taut. Hier arbeitete sie an der „Académie des Beaux Arts“ an Schulbauentwürfen, wurde Mitglied der Kommunistischen Partei und schloss sich dem österreichischen Widerstand an. Im Dezember 1940 fuhr sie in geheimer Mission nach Wien. Verraten von einem Spitzel, wurde sie verhaftet, wochenlang verhört und monatelang in Einzelhaft gehalten. Der Enthauptung, die ihren Kollegen widerfahren ist, entkommt sie nur knapp, indem ihr Mann im türkischen Unterrichtsministerium für sie einen Arbeitsvertrag mit Briefpapier und Stempel fälscht. Nachdem Nazi-Deutschland damals um die Gunst der neutralen Türkei buhlte, wird Schütte-Lihotzkys Todesurteil zu 15 Jahren Zuchthaus umgewandelt. „Eine Lebensrettung aus lauter glücklichen Umständen und Zufällen. Wäre ein einziger dieser Umstände ausgefallen … ich wäre seit Jahrzehnten tot“, sagte sie dem Standard. Als „Hochverräterin“ wird sie in ein Frauengefängnis nach Bayern verlegt, aus dem sie erst 1945 von den Amerikanern befreit wurde.

verschwand für Jahrzehnte aus der Öffentlichkeit

Nach dem Krieg leitet sie zunächst in Bulgarien die Abteilung für Kinderanstalten der Baudirektion Sofia. 1947 kehrten sie und ihr Mann nach Wien zurück, wo sie jedoch wegen ihrer politischen Ansichten – sie blieb Kommunistin – kaum öffentliche Aufträge erhielt: Die Wiener Sozialdemokratie war damals strikt antikommunistisch eingestellt. Später klagte sie, dass „manch einer jener Architekten, die dem Naziregime treulich gedient hatten, große Aufträge der Gemeinde Wien erhielten und so der Nachwelt sichtbare Leistungen hinterlassen durften“. Ihr hingegen sei dies „als Verfolgte des Naziregimes und als Kommunistin verwehrt“ geblieben. Auch ihr Mann, von dem sie seit 1951 getrennt lebte, wurde ebenfalls „jahrelang wegen seiner Gesinnung von der Ausführung seiner Ideen ferngehalten“ und erhielt nur wenige Aufträge von der Gemeinde Wien: um 1950 durfte sie einige Gemeindebauten und einen heute denkmalgeschützten Kindergarten auf dem Kapaunplatz entwerfen.

Der Kindergarten am Kapaunplatz jeute. Quelle: https://kindergartenamkapaunplatz.files.wordpress.com/2017/06/20170614_125210-e1506090403274.jpg?w=736

Schütte-Lihotzky wurde nicht nur beruflich ausgegrenzt, sondern verschwand auch für Jahrzehnte aus der Öffentlichkeit. Ihr unbedingter Wille, den Kapitalismus mit all seinen Ungerechtigkeiten zu überwinden, ließ sie Ausbeutung, Leid und Unterdrückung im vermeintlichen Sozialismus übersehen, meint ihr Biograph Marcel Bois, was auch den Blick auf ihre architektonischen Verdienste versperren würde. Zwischen 1953 und 1985 nahm sie an keiner Ausstellung teil. Auch im österreichischen Rundfunk und Fernsehen war sie über einen Zeitraum von mehr als zwanzig Jahren nicht präsent.

Die KPÖ half dann in der Not: 1954–1956 plante sie mit anderen Kollegen das Globus-Verlagsgebäude mit Druckerei-, Redaktions- und Versorgungstrakt am Wiener Höchstädtplatz. Dort wurde bis 1990 die KPÖ-Tageszeitung Volksstimme redigiert und gedruckt. Ein weiteres von ihr entworfenes Gebäude ist das unter Denkmalschutz stehende Volkshaus in Klagenfurt. 1956 gab sie Vorlesungen an der Technischen Hochschule Peking, 1963 war sie drei Monate lang für das kubanische Erziehungsministerium in Havanna tätig, wo sie eine Entwurfslehre für Kinderanstalten für das Erziehungsministerium entwickelte, und schließlich 1966 für ein halbes Jahr an der Bauakademie in Ostberlin. Seitdem wird sie fälschlicherweise dem „Bauhaus“ zugeordnet.

Volkshaus heute. Quelle: Von Johann Jaritz – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0 at, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=21650495

Ihre architektonische Tätigkeit beendete sie 1968 mit dem „Baukastensystem für Kindertagesheime“ für Österreich. Erst in den 1980er Jahren wurde sie auch wieder öffentlich gewürdigt, erhielt vier Ehrendoktortitel, schließlich eine Ausstellung über ihr Lebenswerk im Museum für angewandte Kunst in Wien, wo sie 1993 als Vertreterin einer sozialen Architektur gefeiert wurde. Die Überreichung des ihr 1988 zugesprochenen Ehrenzeichens für Wissenschaft und Kunst durch Bundespräsident Kurt Waldheim lehnte sie wegen dessen zweifelhafter Nazivergangenheit ab und nahm die Auszeichnung erst 1992, als 95-Jährige, von seinem Nachfolger Thomas Klestil entgegen.

1989 wird sie mit dem ersten Preis an der Rietveld-Akademie in Amsterdam ausgezeichnet für ihren Beitrag, „der Mehrheit der Bevölkerung ein besseres tägliches Leben ermöglicht zu haben“. 1991 entwickelt sie nochmal Wohnbauprojekte für die EXPO 1995 in Wien. Dazu betätigt sie sich auch als Publizistin und veröffentlicht 1958 „Millionenstädte Chinas“, 1970 „Lernbereich Wohnen“ und 1981/82 ihre Memoiren „Erinnerungen aus dem Widerstand 1938-45“. Posthum erschien 2004 „Warum ich Architektin wurde“. Sie feierte ihren 100. Geburtstag 1997 mit einem kurzen Walzer mit dem Bürgermeister von Wien, Michael Häupl, und äußerte: „Ich würde es genossen haben, ein Haus für einen reichen Mann zu entwerfen.“ Sie starb in Wien fünf Tage vor ihrem 103. Geburtstag an den Komplikationen einer Grippe.

„in Zukunft ganz andere Wohnformen“

Die hitzigen Debatten im Frankfurter Römer wenige Monate nach ihrem Tod führten fast zu diplomatischen Verwicklungen. Als „Kalte Krieger“ bezeichneten die Grünen die CDU, die SPD setzte derweil die Haltung der Union mit der des US-amerikanischen Kommunistenjägers Joseph McCarthy gleich. Selbst Städtebaubeirat Hubertus von Allwörden distanzierte sich von den „Diffamierungen“ der Union. Grund für die Kontroverse war der Antrag der Sozialdemokraten, eine Straße nach Schütte-Lihotzky zu benennen, womit ihr Verdienst um den sozialen Wohnungsbau in der Stadt gewürdigt werden sollte. Die CDU lehnte die Initiative ab mit der Begründung, sie sei eine „bekennende Stalinistin“ gewesen. Doch die Wogen glätteten sich, die Initiative erhielt später eine Mehrheit und ein Viertel in Frankfurt-Praunheim einen neuen Straßennamen.

Frankfurter Küche im MAK. Quelle: https://mak.at/jart/prj3/mak-resp/main.jart?rel=de&reserve-mode=active&content-id=1343388632778&article_id=1339957568483&media_id=1342703972708&menu-id=1343388632778

Allein vier Frankfurter Museen besitzen heute Frankfurter Küchen, aber auch das New Yorker Museum of Modern Art und das Londoner Victoria and Albert Museum. Das Prinzip der „größten Leistung bei geringstem Arbeitsaufwand“, mit dem die Küche damals emphatisch beworben wurde, hat für manche Kritiker im Zuge der Rationalisierung der Arbeitswelt aber einen Beiklang des Inhumanen bekommen. Heute ähneln am ehesten noch Gastronomieküchen ihrem Urtypus, seien aber viele Küchen inzwischen Vorzeigeobjekte als Wohn- oder auch Showküche und offen einsehbar als Ort für Events und Kommunikation geworden, bei dem die Kochinsel eine Art modernes Lagerfeuer symbolisiere. Offene Küche gleich offene Gesellschaft, könnte man deuten.

Doch Lihotzky war mehr als eine Küchenerfinderin. Sie war Akteurin in einer Zeit des sozialen und ästhetischen Aufbruchs, in der sie mit der Emphase des Fortschritts und einem gehörigen Stück Optimismus auftreten konnte. Allerdings verschränkte sie das Bauen mit dem Gestalten einer neuen Gesellschaft zu einer gleichmacherischen Utopie im Sinne der Vergesellschaftung von Hausarbeit. Sie ist überzeugt, „dass wir für einen Teil der Bevölkerung in Zukunft zu ganz anderen Wohnformen kommen werden, etwa zu Einküchenhäusern, Kommune- und Servicehäusern, oder wie man sie auch nennen mag.“ Zudem werde man „wieder mehr in großen Gruppen, Wohn- oder Hausgemeinschaften zusammenleben“. Ob das eine erstrebenswerte Vision ist, mag jeder selbst entscheiden.

Was ein „Düffeldoffel“ sein mag, wusste er wahrscheinlich selbst nicht, als er Helmut Kohl im März 1980 im Bundestag so titulierte. Andere Abgeordnete kamen nicht so glimpflich davon. Den CDU-Abgeordneten Möller forderte er auf „Waschen Sie sich erst einmal! Sie sehen ungewaschen aus“; der CDU-Abgeordnete Wohlrabe wurde beim ihm zur „Übelkrähe“. Mit 77 Ordnungsrufen hält er bis heute einen einsamen Bundestagsrekord: Herbert Wehner. Die laut CDU-Generalsekretär Heiner Geißler „größte parlamentarische Haubitze aller Zeiten“ starb am 19. Januar 1990.

Doch nicht nur mit seinen Worten, auch mit seinem Verhalten polarisierte Wehner. So ist inzwischen bekannt, dass er im Mai 1974 Willy Brandt den Rücktritt als Bundeskanzler aufzwang – und danach Krokodilstränen vergoss. Brandt-Intimus Egon Bahr berichtet, wie Wehner beim Eintritt Brandts im Fraktionssaal aufsprang, einen Blumenstrauß in die Höhe hielt und rief: „Willy, du weißt, wir alle lieben dich!“ Eine Fernsehkamera nahm zufällig Bahr auf, wie ihm Tränen über das Gesicht liefen. 2013 erklärt er das in der ZEIT mit seiner Fassungslosigkeit über Wehners Hinterlist, ja den „Abgrund von Heuchelei“: „Ich habe nicht über den Rücktritt geweint – das ist Quatsch. Ich habe über Wehners Ruchlosigkeit geweint.“

Herbert Wehner. Quelle: https://www.welt.de/img/geschichte/mobile116403168/8202505047-ci102l-w1024/Herbert-Wehner-beim-SPD-Bundesparteitag-1975-3.jpg

Hinzu kamen seit 2002 die Erkenntnisse des Hamburger Historikers Reinhard Müller, der ausführlich darlegte, wie der damals bedeutende KPD-Politiker im Moskauer Exil der dreißiger Jahre deutsche Genossen denunzierte und damit Mitschuld an vielen Exekutionen trug. Zu Wehnerts Opfern gehören unter anderem der KPD-Funktionär Leo Flieg, der frühere Sekretär Ernst Thälmanns, Erich Birkenhauer, und die Komintern-Funktionäre Grete Wilde und Georg Brückmann. „Ich weiß, dass Herbert kein Schuft war“, behauptete seine Witwe Greta nach seinem Tod.

dienstbeflissener Mitarbeiter

Wehner wurde als ältester von zwei Söhnen eines Schuhmachers und einer Schneiderin am 11. Juni 1906 im Dresdner Stadtteil Striesen geboren, wo er – mit einer etwa vierjährigen Unterbrechung, die die Familie ins Erzgebirge nach Schneeberg und Lößnitz führte – auch aufwuchs und die Volks- und die Realschule besuchte. Seine Eltern waren protestantische Christen und gleichzeitig aktive Sozialdemokraten. Als der Vater in den Krieg marschierte, brachte die kranke Mutter die Familie zunächst mit 42 Mark je Monat durch. Bald musste Herbert mitverdienen. Er kam mit neun Jahren als Laufbursche zu einem Tischlermeister: Zwei Mark Wochenlohn. Sein großer Wunsch war die Schriftsetzer-Lehre, der traditionelle Start so manches arrivierten Sozialisten. Daraus wurde nichts. Stattdessen bekam er 1921 ein Stipendium für einen dreijährigen Ausbildungslehrgang zum Verwaltungsdienst. Man gab ihm zwar das Reifezeugnis, aber die Verwaltungslaufbahn blieb ihm dennoch versperrt. Er absolvierte anschließend in der Maschinenfabrik Hille eine Ausbildung zum kaufmännischen Angestellten. Im Januar 1923 trat er der SPD-Jugendorganisation bei, die er jedoch im Herbst schon wieder verließ: die SPD habe den Einmarsch der Reichswehr in sein Heimatland Sachsen unterstützt und damit Verrat an der Einheitsfront begangen, so seine Begründung.

Herbert Wehner (rechts) mit seiner Mutter Antonie und Bruder Rudi. Quelle: https://wehnerwerk.de/workspace/dokumente/flyer-herbert-wehner-geburtstagsfuehrung-am-11.-juli_1.pdf

Wehner ging zur Syndikalistisch-Anarchistischen Jugend Deutschlands (SAJD), mit der er schnell in Konflikt geriet, da er für den bewaffneten, revolutionären Kampf warb. 1926 trat er aus, formierte eine „Anarchistische Tatgemeinschaft“ und trat der bakunistischen Roten Hilfe, deren Zeitung „Revolutionäre Tat“ zum überwiegenden Teil von Wehner geschrieben wurde. Zugleich lernte er Erich Mühsam kennen, der, nach dem verunglückten Münchner Räte-Experiment zu einer Festungshaft verurteilt, amnestiert, später im NS-KZ umgebracht, damals als „Anarchist“ galt. Sein Bekanntenkreis reichte von Lenin bis Ernst Jünger, sein Programm hieß paradoxerweise „Linke Sammlung“. Mühsam brachte ab 1926 in Berlin die Zeitschrift „Fanal“ heraus, Herbert Wehner, zwanzigjährig, zog in dessen Wohnung und half ihm dabei. 1927 überwarf er sich mit Mühsam, wurde Mitglied der KPD und noch im selben Jahr hauptamtlicher Sekretär der Roten Hilfe Deutschlands in Dresden. Im selben Jahr heiratete er die Schauspielerin Lotte Loebinger, beide trennten sich nach 1933 wieder.

Es folgte ein schneller Aufstieg innerhalb der Parteiorganisation. Wehner wurde schon 1930 in den Sächsischen Landtag gewählt und sofort Fraktionsvize. Dieser rasche Aufstieg endete allerdings abrupt mit dem Antritt des neuen Bezirkschefs Fritz Selbmann, der 1931 nicht nur für Wehners Entfernung aus allen Parteifunktionen, sondern auch für dessen Abberufung aus Sachsen sorgte und später in DDR Karriere machte. Nach Monaten als einfacher Parteiarbeiter wurde er 1932 zum Technischen Sekretär des Politbüros ernannt und hatte häufig Ernst Thälmann zu begleiten. Nach dem Reichstagsbrand ging er in den Untergrund und wirkte im Kampf gegen das NS-Regime in Berlin, Saarbrücken, wo er mit Erich Honecker zu tun bekam, Paris und Prag. 1934 konnte er ein letztes Mal illegal seine Eltern in Dresden besuchen.

Spiegel-Titel. Quelle: https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/image/title/SP/1993/12/300

1935 in Prag verhaftet und in die Sowjetunion abgeschoben, wohnte er ab 1937 im Emigranten-Hotel „Lux“ und entging Stalins Großem Terror, dem sehr viele deutsche Exil-Kommunisten zum Opfer fielen. Müller weist nach, dass Wehner ein ehrgeiziger, ideologisch besessener Überzeugungstäter war und Parteigenossen genau beobachtete und denunzierte, wenn sie seiner Karriere im Wege standen oder von der Parteilinie abwichen. Müllers Buch machte klar: Erst dienstbeflissene Mitarbeiter wie Herbert Wehner brachten die stalinistische Überwachungs- und Verfolgungsmaschinerie auf Touren. 1941 reist Wehner im Parteiauftrag nach Schweden, um von dort aus den Wiederaufbau der kommunistischen Partei in Deutschland zu organisieren. Nach seiner Verhaftung 1942 wird er wegen „Gefährdung der schwedischen Freiheit und Neutralität“ verurteilt und bis 1944 inhaftiert. Das Politbüro der KPD unter Leitung Wilhelm Piecks geht davon aus, dass Wehner die schwedische Strafverfolgung dazu genutzt hat, sich dem Parteiauftrag zu entziehen, den kommunistischen Widerstand in Deutschland zu organisieren, und schließt ihn aus der KPD aus.

Einmal Kommunist, immer Kommunist?

Während der Haft entstanden die Schrift „Selbstbesinnung und Selbstkritik“ (1942) sowie die „Notizen“ (1946), in denen er Rechenschaft ablegte und deutlich machte, dass er mit dem Kommunismus gebrochen hat. Nach seiner Entlassung 1944 arbeitet er in Schweden zunächst in einer Viskosefabrik, anschließend als wissenschaftlicher Archivmitarbeiter und lernt Charlotte Burmester kennen. Die Witwe des in Hamburg ermordeten kommunistischen Widerstandskämpfers Carl Burmester hatte selber zwei Jahre im Gefängnis gesessen. Schwer herzkrank, war sie 1935 haftunfähig in Freiheit gesetzt worden und 1937 nach Schweden entkommen. Lotte schickte Wehner Lebensmittel und Bücher ins Lager. Nach der Internierungshaft heirateten sie. Seither hilft Frau Lotte nicht nur beim täglichen Auswerten der Zeitungen. Sie ist der einzige Mensch, der Herberts unverbindlichen Habitus – „Ich bin kein Mann, auf den, wie aufs Licht, die Motten fliegen“ – auflockern und mildern kann, und brachte die Tochter Greta mit in die Ehe.

1946 nach Deutschland zurückgekehrt, wurde er Mitglied der SPD in Hamburg und rasch enger Vertrauter von SPD-Chef Kurt Schumacher. Er arbeitete als Redakteur für das Hamburger Echo und zog bei der Wahl 1949 als Abgeordneter für den Wahlkreis Harburg in den Bundestag ein. Für diesen Wahlkreis war er bis 1983 direkt gewählter Bundestagsabgeordneter, wurde bis 1966 zweimal zum Fraktionsvize gewählt und war  bis 1973 außerdem SPD-Bundesvize. Auf Wehners Idee geht der 17. Juni als Tag der deutschen Einheit zurück. Sein Wiedervereinigungsprogramm umfasste 1954 u.a. einen verbilligten Urlauberverkehr Ost-West und auch West-Ost über die Zonengrenze, Gesamtdeutsche Sportmeisterschaften und Nationalmannschaften sowie die Angleichung von DM-West und DM-Ost durch Westkredite. 1959 war er maßgeblich an der innerparteilichen Durchsetzung des Godesberger Programms beteiligt, durch das sich die SPD endgültig vom Marxismus abwandte und auch programmatisch zur Volkspartei entwickelte. Mit seiner Grundsatzrede vor dem Bundestag am 30. Juni 1960 läutete er weiter den außenpolitischen Kurswechsel der SPD hin zur Westbindung und der Anerkennung der NATO-Mitgliedschaft ein. Markant wurde seine überdimensionale Pfeife.

Wehner mit Pfeife. Quelle: https://www.welt.de/img/regionales/hamburg/mobile116707824/5012508447-ci102l-w1024/Politik-SPD-HERBERT-WEHNER.jpg

Schon seit Ende der 40er Jahren stand er unter aktiver Beobachtung der Kommunisten, es gab Kampagnen und Anschläge gegen den „Verräter“. Der Mainzer KPD-Sekretär Wilhelm Prinz versuchte es mit pornographisch aufgeputzten Pamphleten, der Ex-Soldat Oberbichler wurde mit Pistole und Messer geschnappt, gestand und verpfiff seinen Auftraggeber, die KPD. „Der Plan war klar. Hätte man mich irgendwo mit eingeschlagenem Schädel gefunden und Oberbichler als Täter verhaftet, dann hätten die Interessenten sehr rasch eine Erklärung parat gehabt: Zwei Gangster. Politische Motive hätte kaum jemand vermutet. Die KPD wäre draußen geblieben“, meint er später. Aber auch Ost-Berlin versuchte es mit Spezialagenten und Diffamierungskampagnen bei Adenauer: „Einmal Kommunist, immer Kommunist“, so das Kalkül.

Im Kabinett der ersten Großen Koalition unter Kiesinger wurde Wehner 1966 Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen; in diesem Amt hatte er beträchtlichen Anteil am Freikauf politischer Häftlinge aus der DDR. Als deutschlandpolitischer Spitzenpolitiker der SPD bemühte er sich darum, die Folgen der Teilung Deutschlands für die Menschen zu mildern und setzte sich auch für die Rückkehr der deutschen Kriegsgefangenen sowie Familienzusammenführungen ein. Obwohl er nach 1969 mit einer Fortsetzung der Großen Koalition liebäugelte, folgte er loyal Brandts sozialliberalem Kurs, wechselte vom Kabinett an die Spitze der SPD-Fraktion und blieb dort während der gesamten Dauer dieser Koalition. Der liebevoll bis respektvoll-distanziert „Onkel Herbert“ genannte Wehner sorgte im Zusammenspiel mit seinem ebenfalls aus Dresden stammenden FDP-Kollegen Wolfgang Mischnick für Fraktionsdisziplin und erwarb sich schnell den Ruf eines „Zuchtmeisters“, ja „Kärrners“, der die Abgeordneten an der Seite der Brandt-geführten Regierung hielt.

Sein Kabinettstückchen: Das Misstrauensvotum vom April 1972. Als CDU-Chef Rainer Barzel versuchte, sich zum Kanzler wählen zu lassen, ordnete Wehner das Fernbleiben der Fraktion von der Abstimmung an, weil er einen Stimmenkauf der Opposition befürchtete. Mit einer Ausnahme stimmten von der SPD nur die Mitglieder der Regierung ab, und Barzel fehlten schließlich wider Erwarten zwei Stimmen zur notwendigen Mehrheit. 1973 initiierte er auch die Gründung der Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen in der SPD. Im selben Jahr reiste er zu einem geheimen Treffen mit Honecker in die DDR, als die plötzlich die Ausreisen gestoppt hatte, und besprach mit ihm humanitäre Fragen der deutsch-deutschen Beziehungen. Viele meinen, er soll seine eigenen politischen Spielchen gespielt und mit Honecker gegen Brandt kooperiert haben, um dafür zu sorgen, dass die deutsche Teilung unbegrenzt erhalten blieb. Wehner notierte schon im Frühjahr 1960, es werde wohl keinen direkten Weg zur Wiedervereinigung mehr geben. „Menschliche Beziehungen“ sollten die beiden Teile Deutschlands verklammern.

Der „Kärrner“ mit Schmidt und Brandt. Quelle: https://img.zeit.de/bilder/2006/27/zeitlaeufte/wehner-schmidt-brandt-410.jpg/imagegroup/wide__820x461__desktop

Der DDR-Spionagechef Markus Wolf berichtet in seinen Erinnerungen gar über geheime Kontakte Wehners zur SED-Führung und dem DDR-Auslandsnachrichtendienst und meinte, dass er zu Erich Honecker eine private Freundschaft entwickelte. Das stand im Gegensatz zu seiner nach außen hin vertretenen antikommunistischen Rhetorik. Die Kontaktabwicklung mit Wehner lief größtenteils über den Anwalt Wolfgang Vogel. Wehners Kritiker hatten dem einflussreichen SPD-Mann seine Läuterung durch das eigene Erleben des buchstäblich lebensgefährlichen Exils im Moskauer „Hotel Lux“ nie abgenommen. Sie hatten vielmehr den Verdacht, der gebürtige Dresdner könnte ein Gewährsmann der SED-Führung in Bonn sein. So missachtete er in den Koalitionsverhandlungen mit der FDP schon 1972 bewusst die Wünsche des damals erkrankten Willy Brandt: Angeblich habe er dessen Brief „in seiner Aktentasche vergessen“.

Intrigant und Manipulator

Nicht nur die Koalition bröckelte, auch sein Verhältnis zu Brandt: „Brandt führt nicht. Der Herr badet lau. Der Regierung fehlt ein Kopf.“ Mit diesen starken, zutiefst illoyalen Sätzen zitierten Nachrichtenagenturen Ende Oktober 1973 Wehner, der sich auf seiner ersten Moskaureise seit seinem Bruch mit dem Kommunismus mit seinem Vorgesetzten aus KPD-Zeiten getroffen und offenbar noch schärfer gegen den Bundeskanzler ausgeteilt hatte. Brandts knappes Urteil: „Das ist ein Verräter.“ Er ordnete an, sofort ein Sonderflugzeug nach Moskau zu schicken, das Wehner umgehend zurückbringen sollte. Auf dem Rückflug sollte er sein Rücktrittsschreiben als Fraktionschef unterzeichnen. Egon Bahr hielt Brandt davon ab – und bereute das bis zu seinem Tod.

Dann, 1974, kam die Guillaume-Affäre, und Wehner stellt die Regierungsbeteiligung der SPD über alle Personalien. Brandt trat zurück, blieb aber Parteivorsitzender, und Bundesminister Helmut Schmidt übernahm die Kanzlerschaft – beides soll von Wehner gewünscht gewesen sein. 1979 stirbt seine zweite Frau, Stieftochter Greta dient ihrem Stiefvater schon länger als Sekretärin und Betreuerin und hatte dafür ihren Beruf aufgegeben. 1980 wurde er als einer von zehn Abgeordneten, die seit der ersten Bundestagswahl ununterbrochen dem Parlament angehörten, erneut ins Parlament gewählt – als Alterspräsident. Mit dem Bruch der sozialliberalen Koalition und der Wahl von Helmut Kohl zum Bundeskanzler 1982 fungierte Wehner für einige Wochen als Oppositionsführer und entschloss sich, bei den Neuwahlen 1983 aus Alters- und Gesundheitsgründen nicht mehr zu kandidieren. Nach seinem Rückzug machte sich bald eine diabetesverursachte Demenzerkrankung bemerkbar. Als er 1985/86 mit Greta, die er inzwischen als dritte Frau geheiratet hatte, auf Vermittlung von Wolfgang Vogel privat letztmalig das Erzgebirge und seine Heimatstadt Dresden besuchte, gab es nur wenige lichte Momente der Erinnerung. Greta, die Herbert um gut 27 Jahre überleben sollte, zog nach seinem Tod nach Dresden und gründete im Mai 2003 die Herbert-und-Greta-Wehner-Stiftung: „Ich wollte etwas von Herbert zurückbringen, weil er selbst nicht mehr zurückkonnte“, sagte sie n-tv.

Wehner im Erzgebirge. Quelle: https://media.saechsische.de/2/6/4/64bec10a3de6e6ff415d7ad60dd9fd61.jpg

Auch noch nach seinem Tod war Wehner Angriffen von politischen Gegnern und Sensationsjournalisten ausgesetzt: So förderte der Spiegel 2014 zutage, dass Honeckers Geschenk zu Wehners 75. Geburtstag, die Erzgebirgsschnitzerei „Holzschlepper“, die Stasi aus dem Schneeberger Heimatmuseum entwendet hatte, und wunderte sich: „Ausgerechnet der DDR-Geheimdienst, der den abtrünnigen Ex-Kommunisten Wehner nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die späten Sechzigerjahre mit Diffamierungskampagnen überzogen und sogar Mord- und Entführungspläne gegen ihn ausgeheckt hatte, war bei der Beschaffung von Honeckers Geburtstagsgeschenk behilflich gewesen“. Greta gab die Skulptur danach dem Museum zurück.

Wehner gehört neben Willy Brandt und Helmut Schmidt einerseits zu den bedeutendsten SPD-Politikern der Nachkriegszeit, der die Partei aus dem Gespinst des Marxismus löste und sie an die Westbindung der Bundesrepublik heranführte. Seine Leitziele waren die Demokratisierung von Staat und Gesellschaft sowie die Integration der Arbeitnehmerschaft in das demokratische Staatswesen. Nach ihm sind u.a. in Hamburg und Dresden Straßen und Plätze benannt. Er erfuhr zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen, neben dem Bundesverdienstkreuz die Ehrendoktorwürde der Hebräischen Universität Jerusalem und die Ehrenbürgerschaft Hamburgs. Im Jahr 2000 war Wehner einer der „100 Dresdner des 20. Jahrhunderts“ der Dresdner Neueste Nachrichten. Die fast fertige neue Parteizentrale der sächsischen SPD in Dresden heißt Herbert-Wehner-Haus. Andererseits war der einstige Kommunist und KPD-Funktionär ein hemmungs- und rücksichtsloser Machtmensch, ein Intrigant und Manipulator. Das haben ihm viele Weggefährten zeitlebens nie vergessen.

Manchmal entwickeln Begriffe ein Eigenleben und trennen sich aus vielerlei Gründen von den Personen, mit denen sie eine kausale Einheit bilden. So beruhte der „Sputnikschock“ von 1957, der die erst entsetzten emotionalen, später emsigen wirtschaftlichen Reaktionen vor allem der USA auf den Start des ersten künstlichen Satelliten beschreibt, auf dem Rüstungsprogramm des sowjetischen Staatschefs Nikita Chruschtschow, der heute kaum noch präsent ist.

Ähnliches gilt für das „Abendland“. Folgt man dem Berliner Historiker Wolfgang Benz, der den Begriff in der Welt als Wertegemeinschaft definiert, die „die griechisch-römische Philosophie mit christlichem Denken verbindet und den Eindruck erweckt, als habe sich die Antike im Christentum vollendet“, dann ist er untrennbar mit Kaiser Theodosius I., genannt „der Große“, verbunden: er erließ am 27. Februar 380 das Dekret „Cunctos populos“, in dem sich „die jüdisch-christlichen Wurzeln mit der griechisch-römischen Antike verbanden und eine bis heute wirkende Symbiose eingingen“, wie Matthias von Hellfeld auf DW online schreibt. Der außerhalb von Fachkreisen heute kaum noch bekannte letzte Kaiser des römischen Gesamtreichs starb vor nunmehr 1625 Jahren.

Theodosius. Quelle: https://www.heiligenlexikon.de/BiographienT/Theodosius_I_der_Grosse.html

Seine Regierungszeit war für das Imperium Romanum mit entscheidenden Veränderungen verbunden. Der „Gotenfreund“ siedelte erstmals eine Gruppe von Barbaren – die Goten unter Alarich – als autonomen Verband auf dem Boden des Reiches an, erhob das Christentum zur Staatsreligion, erließ Gesetze gegen das Heidentum und die christliche Häresie und verwirklichte nach einem Bürgerkrieg ein letztes Mal die auch faktisch gegebene Einheit des Imperiums. Nach seinem Tod am 7. Januar 395 in Mailand führte die Aufteilung des Reiches unter seine beiden Söhne zur endgültigen Trennung in ein Weströmisches und ein Oströmisches Reich, die von den Zeitgenossen allerdings nie als solche wahrgenommen wurde.

Militärische Laufbahn unter Einfluss des Vaters

Geboren wurde er am 11. Januar 347 im spanischen Cauca, einer unbedeutenden kleinen Stadt in der nordwestlichen spanischen Provinz Galaecia, wo sein Vater, der ebenfalls Flavius Theodosius hieß und ein erfolgreicher Militär unter Kaiser Valentinian I. war, größere Besitzungen hatte. Seine Großeltern väterlicherseits waren ebenso nicaenisch-orthodoxe Christen wie sein Vater und er selbst. Er hatte einen Bruder, Honorius, dessen Tochter Serena er später adoptierte. Seine Kindheit verbrachte er in der spanischen Heimat. Obwohl er aufgrund seiner gehobenen Herkunft eine standesgemäße Erziehung erhalten haben dürfte, ist über seinen Bildungsweg kaum etwas bekannt. Er soll allerdings Interesse an geschichtlichen Studien gezeigt haben und auch sonst sehr aufgeschlossen, wenn auch etwas unstet – manche vermuten gar manisch-depressiv – gewesen sein.

Er schlug er eine militärische Laufbahn ein, ist ab 368 im Gefolge seines Vaters zu finden und nahm mit ihm an den Feldzügen in Britannien 368/369 teil, an dem Feldzug gegen die Alemannen 370 am Rhein, wo sein Vater der Reiterei der Hofarmee kommandierte, und 372/373 im Donauraum an dem gegen die iranischen Reiterstämme der Sarmaten, die mit der beginnenden Völkerwanderung aus dem Osten eindrangen und bereits in den Historien des Herodot erwähnt wurden. Parallel dazu wurde er vermutlich durch den Einfluss des Vaters zum dux Moesiae superioris befördert – eine Art Grenztruppenkommandeur, womit ihm eine eigene Militärprovinz auf dem Balkan unterstand, die im Wesentlichen deckungsgleich mit Serbien südlich der Donau und dem Kosovo war, ergänzt um einen schmalen Streifen im Norden Mazedoniens. 373 wurde der Vater nach Afrika abberufen, er selbst schlug im Jahr darauf die Sarmaten in Pannonien und bewies damit seine Befehlshaber-Qualitäten.

Das Jahr 376 bildete eine Zäsur. Sein Vater, der in Afrika den Usurpator Firmus unterwerfen sollte, wurde trotz Selbstmords desselben in einer Palastintrige – wohl zu Unrecht – des Hochverrats angeklagt und hingerichtet. Theodosius, inzwischen eine stattliche Erscheinung mit blondem Haar und Hakennase, zog sich auf seine heimatlichen Besitzungen zurück, heiratete Aelia Flacilla, eine Frau aus dem spanischen Provinzadel, die seine Söhne Arcadius und Honorius zur Welt brachte, widmete sich der Verwaltung seiner Güter und konnte kaum mehr damit rechnen, je wieder im Militärdienst aktiv zu werden. Doch er hatte die Rechnung ohne die Schlacht von Adrianopel, dem heutigen türkischen Edirne, am 9. August 378 gemacht.

Kaiser Valens. Quelle: https://www.welt.de/geschichte/article147308311/Roms-entscheidende-Niederlage-gegen-die-Germanen.html#cs-lazy-picture-placeholder-01c4eedaca.png

In dieser Schlacht fiel der oströmische Kaiser Valens gegen die so genannte Dreivölker-Konföderation mit den Goten an der Spitze. Angeblich standen sich 30.000 Römer und 25.000 Goten gegenüber; geschätzt zwei Drittel der Römer fielen. Gratian, der Kaiser des römischen Westreiches, fürchtet um seine Herrschaft, holt Theodosius aus Spanien zurück und unterstellt ihm das Heer – sein Mitkaiser Valentinian II. war noch ein Kind. Anfangs nur Heermeister über Illyrien, wird Theodosius am 19. November 379 von Gratian zum Mitkaiser erhoben, erhält Dakien und Makedonien in Südosteuropa sowie die orientalische Provinz.

Cuius regio eius religio

Was Theodosius von seinen Vorgängern unterschied, war weniger sein christlicher Glaube als vielmehr seine dezidierte Hervorhebung der Katholizität: Die meisten christlichen Kaiser vor ihm hatten mit dem Arianismus sympathisiert, der die Wesensgleichheit von Gott/Gott-Vater und Sohn bestritt. Theodosius hingegen unterzeichnete in Thessaloniki in Gegenwart von Valentinian II. und Gratian das Dekret Cunctos populos, mit dem das Christentum zur Staatsreligion erklärt und die Ausübung heidnischer Kulte unter Strafe gestellt wurden. Das nicänische Christentum wurde für maßgeblich erklärt: als wahrer, katholischer Christ könne nur gelten, wer die Religion bekenne, die der Apostel Petrus den Römern überliefert habe.

Titelblatt des Dekrets. Quelle: https://historybytez.com/2016/02/27/380-edict-of-thessalonica/

Daher gelte, „dass wir also an die eine Gottheit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes bei gleicher Majestät und heiliger Dreifaltigkeit glauben“. Alle anderen sollten als Häretiker gelten. Zusätzlich berief Theodosius, um den seit 325 andauernden Streit und die drohende Glaubensspaltung zwischen Trinitariern und Arianern zu beenden, 381 das 1. Konzil von Konstantinopel (das 2. ökumenische Konzil) ein – dazwischen hatten bereits achtzehn Konzile stattgefunden, die sich alle der Aufgabe verschrieben hatten, ein drohendes Schisma zu verhindern. In Konstantinopel verwarfen 150 Bischöfe nochmals den Arianismus und formulierten die endgültige, bis heute bestehende Fassung des Nicäischen Glaubensbekenntnisses.

Theodosius‘ Dekret wird bis heute ambivalent interpretiert. Zum einen kann es tatsächlich als erste staatlich reglementierte Verbindung von Antike und Christentum gelten, die schließlich in den Jahrhunderte später etablierten Begriff des „Abendlands“ münden sollte. Zum anderen aber begann damit der „Siegeszug eines zwangsweise geeinten Christentums“, erklärt der Althistoriker Rolf Bergmeier im Humanistischen Pressedienst. Denn mit rund sechzig weiteren Edikten baut Theodosius in rascher Folge „Cunctos populos“ zu einem mächtigen „Werkzeugkasten“ aus, mit dessen Hilfe jede religiöse Konkurrenz ausgeschaltet wurde: „Dreiundzwanzig Edikte sind direkt gegen die abweichenden christlichen Konfessionen gerichtet, dreizehn gegen die Heiden und sechs gegen die Juden.“

„Von nun an hieß Christ sein katholisch glauben“, bilanziert Bergmeier. „Das heutige Christentum wurde par ordre de mufti in das heidnische, jüdische und häretische Volk hineingeprügelt und die Allianz aus Kirche und Herrscher wurde zur Staatskirche erklärt. ‚Cuius regio eius religio – wem das Land gehört, der bestimmt die Religion‘ betritt die Weltbühne.“ Freilich wird von der Forschung inzwischen bezweifelt, ob die entsprechenden Erlasse des „Werkzeugkastens“ wirklich wörtlich zu nehmen sind.

Im Gegenteil: Offenbar wurden sie weder wahrgenommen noch durchgesetzt, da erst Kaiser Justinian 150 Jahre nach Theodosius wirklich entschlossen und tatkräftig gegen die letzten Altgläubigen vorging und die letzten offiziell geduldeten Tempel schließen ließ. Allerdings verbot Theodosius am Ende seiner Amtszeit tatsächlich alle heidnischen Kulte und ihre Ausübung, im Jahr vor seinem Tod gar die Olympischen Spiele, und schloss auch die Platonische Akademie in Athen. „In den kommenden Jahrhunderten wurden unter dem Kreuz der Christen nicht nur die Armen gespeist, sondern auch die Kritiker und Abweichler im Namen des Herrn ermordet“, lautet Hellfelds Bilanz.

Aufschwung Konstantinopels

Energisch kümmert sich Theodosius um die Sicherung seines Herrschaftsbereichs, reorganisiert zunächst aus Thessaloniki die Armee und nimmt deren Barbarisierung in Kauf. Er geht zunächst zwar erfolgreich ab 380 gegen die Goten auf dem Balkan vor, erlitt jedoch schließlich eine Niederlage und bekommt von Gratian zwei seiner erfahrensten Generäle überlassen, darunter Arbogast, der sich als Danaergeschenk entpuppen sollte. Gegen Jahresende erkrankte Theodosius so schwer, dass er sich daraufhin taufen ließ – schon als Kind getauft zu werden war in der damaligen Zeit nicht üblich.

Solidus mit Theodosius‘ Bildnis. Quelle: https://www.ma-shops.de/vossen/item.php?id=910

382 brachte er die Goten dazu, mit ihm einen Vertrag zu schließen, durch den sie zu so genannten „Foederati“ wurden: Sie durften zwar südlich der unteren Donau siedeln, mussten aber Rom Waffenhilfe leisten. Dieser Gotenvertrag war ein Wendepunkt in der römischen Geschichte. Bisher waren besiegte Germanen zwar als „Dediticii“ aufgenommen worden, hatten aber keine Rechte. Das foedus sorgte jedoch dafür, dass die angesiedelten Goten frei und autonom waren. Sie dienten demnach zwar in Kriegszeiten, allerdings unter eigenen Führern, und wurden zusätzlich hoch besoldet. Trotz hoher Kosten stärkt dieser Vertrag die Wehrkraft Roms. 383 machte er seinen Sohn Arcadius zum Augustus Ostroms, Honorius 10 Jahre später zu dem Westroms.

383 aber wurde auch General Magnus Maximus in Britannien zum Augustus erhoben: von seinen eigenen Truppen, die unzufrieden waren, weil sich Gratian lieber mit Alanen als mit römischen Offizieren umgab. Gratians Truppen liefen bei Paris zu Maximus über; Gratian selbst wurde ermordet. Theodosius ließ den Rivalen vorerst gewähren: In einer Reichsteilung erhielt Valentinian II. Italia und Africa, den Rest Maximus. So hatte er Zeit, sich der Verwaltung des Ostens zu widmen. Obwohl man ihm keine Versäumnisse vorwerfen kann, gelang ihm keine durchschlagende Reform des Steuerwesens, auch die Korruption vermochte er kaum einzudämmen. Allerdings erlebte Konstantinopel einen lebhaften Aufschwung und wurde endgültig zum Zentrum des Ostreichs: die Bevölkerung stieg auf ca. 250.000 Menschen an.

Nach dem Tod von Aelia Flacilla heiratete Theodosius 387 Galla, die Schwester von Valentinian II., die ihm noch eine Tochter gebar und wenige Monate vor ihm starb. Im selben Jahr schloss er nach jahrelangen Verhandlungen einen Vertrag mit dem Sassanidenreich über das stets umstrittene Armenien: etwa 1/5 des Landes erhielt Rom, den Rest Persien. Damit gab Theodosius zwar den jahrhundertealten römischen Anspruch auf Armenien auf, sorgte aber für Ruhe an der sonst immer bedrohten Ostgrenze. Dafür wurde es im Innern wieder turbulent: als Maximus 388 doch in Italien einfällt und Valentinian II. zu Theodosius flieht, schlägt der ihn in zwei Schlachten und richtet ihn wenig später hin. Er setzt den jungen Valentinian II. wieder im Westen ein und stellt ihm Arbogast zur Seite.

389 hielt Theodosius dann triumphalen Einzug in Rom und war auf einen Ausgleich mit jenen stadtrömisch-senatorischen Kreisen bedacht, die immer noch mehrheitlich heidnisch gesinnt waren. Zuvor begann seine Auseinandersetzung mit Ambrosius, dem mächtigen Bischof von Mailand, die die machtpolitische Kehrseite des Christentums als Staatsreligion zutage treten ließ: Nachdem 388 eine Synagoge in Callinicum von Christen niedergebrannt worden war, wollte Theodosius sie bestrafen und den Wideraufbau des jüdischen Gotteshauses anordnen. Doch Ambrosius bestand darauf, es handle sich um einen Konflikt zwischen dem christlichen Glauben und dem Judentum; falls der Kaiser die christlichen Gewalttäter bestrafe, würde er sich damit gegen die einzig wahre Religion wenden. Er verweigerte ihm die Eucharistie, bis er nachgab, die Schuldigen ungestraft ließ und seinen Befehl zum Wiederaufbau durch die Christen widerrief.

Ambrosius und Theodosius. Gemälde von va Dyck aus dem 17. Jahrhundert. Quelle: Von Anthonis van Dyck – http://www.nationalgallery.org.uk/paintings/anthony-van-dyck-st-ambrose-barring-theodosius-from-milan-cathedral, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=150526

Dasselbe „Spiel“ wiederholte Ambrosius 390 nach dem „Massaker von Thessaloniki“, in dem angeblich 7.000 Bürger aufgrund eines nicht mehr rechtzeitig zurückgenommenen kaiserlichen Befehls massakriert wurden. Theodosius wurde von Ambrosius nicht zur Messe zugelassen und zu einem Bußakt genötigt. Folgerichtig legte er auch 391 den Titel „Pontifex maximus“ ab, also seine priesterliche Funktion. Damit war klar, dass nun die weltliche Autorität des Kaisers unter der geistlichen der Kirche stand und erstere sanktionieren kann.

eigenständig, umsichtig und mildtätig

Im Mai 392 wurde Valentinian II. erhängt in seinem Palast aufgefunden – es ist unklar, ob er von Arbogast ermordet wurde oder aufgrund seiner faktischen Machtlosigkeit durch Suizid starb. Arbogast rief den Beamten Eugenius zum Kaiser aus, der fränkische Unterstützung erhielt. Theodosius bereitete sorgfältig seinen Feldzug gegen Eugenius vor und rückte mit etwa 100.000 Mann, darunter auch gotischen Hilfstruppen unter Alarich, in den Westen ein. Am 5./6. September 394 kam es zur blutigen Entscheidungsschlacht im Vipava-Tal im heutigen Grenzgebiet zwischen Italien und Slowenien. Theodosius verbrachte den Vorabend der Schlacht angeblich wachend und betend: im Traum erschienen ihm demnach Johannes der Täufer und Philippus der Apostel und befahlen, dass er seine zahlenmäßig unterlegenen Truppen zur Schlacht ordne.

Beim Kirchenhistoriker Theodoret liest sich der folgende Schlachttag so: „Kaum aber hatte man auf beiden Seiten begonnen, die Geschosse zu schleudern, als die Beschützer ihre Versprechungen als wahr erwiesen. Denn ein gewaltiger Sturmwind, der seine Richtung gegen den Feind nahm, warf ihre Pfeile, Lanzen und Speere zurück, so dass jegliches Geschoß für sie nutzlos war und weder Schwerbewaffnete noch Bogenschützen noch Leichtbewaffnete dem Heere des Kaisers Schaden zufügen konnten. Außerdem wurden ihnen ganze Wolken von Staub in das Gesicht getrieben, die sie zwangen, ihre Augenlider zu schließen, um so ihre gefährdeten Augen zu schützen. Die Soldaten des Kaisers dagegen erfuhren von jenem Sturm nicht den geringsten Nachteil, sondern machten die Feinde unerschrocken nieder.“

Es war eine der größten Schlachten der römischen Geschichte und galt den Christen im Nachhinein als ein Gottesurteil: das Christentum habe demnach über die alten Götter triumphiert – obwohl die „Heidentruppen“ der Vandalen hohen Blutzoll entrichteten. Eugenius wurde gefangen genommen und hingerichtet, Arbogast starb kurz darauf durch Suizid. Damit war Theodosius noch einmal kurzzeitig uneingeschränkter Herrscher über beide Reichsteile. Er verständigte sich sowohl mit den überlebenden gegnerischen Truppen als auch den stadtrömischen Kreisen, die er in seine Herrschaft einbinden wollte, doch starb dann überraschend, wahrscheinlich an Wassersucht. Zuvor hatte er angeordnet, das Reich auf seine beiden Söhne zu verteilen. Ambrosius, mit dem er sich so manchen Streit geliefert hatte, hielt eine bewegende Totenrede, in der er die Person des Theodosius zum Vorbild eines christlichen Kaisers stilisierte.

Von Shepherd, William R. Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=395874

Schon bald nach seinem Tod wurde Theodosius wegen seiner Bemühungen um die Einigung der Kirche „der Große“ genannt, unter ihm gelang der wirkliche Durchbruch zum „Imperium Romanum Christianum“. Der Schriftsteller Zosimos sah in der Zwangschristianisierung aber den eigentlichen Grund für den späteren Untergang Westroms – im Gegensatz zum Westen erkannten die Bischöfe des Ostens den Kaiser als oberste Autorität in Glaubensfragen an. Theodosius war der bedeutendste Herrscher in der Zeit zwischen Konstantin „dem Großen” und Justinian I., eigenständig, umsichtig und mildtätig regierend; militärisch erfolgreich, besonders gegen die andrängenden Goten, und doch integrativ. Den wirtschaftlichen Niedergang und die soziale Spaltung der Bevölkerung konnte er wenigstens einbremsen und Literatur und Kunst zu einer gewissen – aber auch letzten – Blüte führen. Derzeit wird er vor allem in der Numismatik hochgehandelt: ein Original-Solidus aus Gold mit seinem Porträt bringt bis zu 4.600 Euro.

Zwischen 1589 und 1922 beherbergte die Georgenburg als Staatsgefängnis auf der Festung Königstein genau 993 Gefangene, darunter den später geköpften kurfürstlichen Kanzler Nikolaus Krell, den Porzellanerfinder Johann Friedrich Böttger und den Sozialdemokraten August Bebel – allesamt auf Staatskosten. Doch in den 1960er Jahren gab es einen Mann, der dort freiwillig mietete – samt Frau Ingeburg und ein paar Puppen, mit denen er sogar ein kleines Fernsehatelier einrichtete. Das Studio kostete im Monat, heute unvorstellbar, gerade 80 Mark der DDR. Der Mann hieß: Heinz Fülfe.

Fülfe war mit dem Festungsdirektor Dieter Weber befreundet und fand hier ideale Bedingungen vor, seinem Beruf – und seiner Berufung – nachzugehen. Der Maler, Bühnenbildner und Schauspieler schrieb und produzierte rund 900 Skripte für das DDR-Kinderfernsehen, davon 200 Abendgrüße des „Sandmännchen“. Er war nicht nur der Schnellzeichner Taddeus Punkt, sondern sprach als Bauchredner auch dessen Hund Struppi und lieh seine Stimme im Märchenwald der Frau Elster.

Fülfes „Arbeitsplatz“. Quelle: https://i.pinimg.com/originals/b8/55/3f/b8553f0740d3359278bbead957ef724f.jpg

Nebenbei erfand er auch noch die Geschwister „Flax und Krümel“ – die erste Serie im deutschsprachigen Fernsehen, die ausschließlich für Kinder gedacht war. „Ich erinnere mich noch genau daran, wie mein Mann sagte: Wir machen eine Sendung … Ich flaxe gerne, Du bist klein wie Krümel und dann nehmen wir den Hund dazu, den Struppi“, erzählte Ingeburg 2005. Die Sendung würde am 22. Januar 65 Jahre. Ihr Ideengeber Heinz Fülfe, der mit seinem Gesicht und seiner Stimme das Kinderfernsehen über Jahrzehnte maßgeblich prägte, feierte am 5. Januar seinen 100. Geburtstag.

„vitale Stimmungen“

Geboren in Freiberg als Sohn eines Militärmusikers und einer Hausfrau, verbrachte er seine Oberschulzeit in Elsterwerda, wo er auch seine erste künstlerische Ausbildung beim Naturmaler Hans Nadler erhielt. Sein Abitur legte Fülfe in Pirna ab, wo er seine künstlerische Ausbildung bei Horst Lorenz fortführte. Danach begann er eine Lehre als Bühnenbildner am Staatstheater Dresden, wo er bei Adolf Mahnke lernte.

Im Zweiten Weltkrieg diente Fülfe als Soldat, geriet in Gefangenschaft, wandte sich nach der Rückkehr in die Heimat erneut dem Theater zu und wirkte seitdem als freischaffender Maler, Grafiker und Puppenspieler. Bereits 1946 hatte er seine erste Ausstellung. Gemeinschafts- und Personalausstellungen in Dresden, Freiberg, Pirna, Elsterwerda und Bad Liebenwerda folgten. Eine lange Freundschaft pflegte er mit dem Rottwerndorfer Maler Johannes Kotte, der als Szenenbildner beim Fernsehfunk und als Filmbildner im DEFA-Trickfilmstudio in Dresden arbeitete.

Fülfe schuf Temperablätter, Aquarelle und Ölbilder, bevorzugte einfache Sujets – Motive fand er in Landschaften im weitesten Sinne. „Seine Darstellungen sind nicht spektakulär, doch die vitalen Stimmungen, die leuchtenden Farben und das Spiel von Licht und Schatten ziehen den Betrachter in seinen Bann“, erkennt Tom Pfefferkorn im Onlinemagazin Erlpeter. Dabei ließe sich in seinen frühen Aquarellen und Tuschzeichnungen noch ein fester bildnerischer, streng nach Formgesetzen komponierter Aufbau konstatieren, meint seine Biographin Konstanze Krüger: „Nach zum Teil recht avantgardistischen Versuchen entwickelte Fülfe eine mehr den Lichtstimmungen unterworfene Malerei, in der auch Einflüsse des Impressionismus spürbar werden.“

Erste deutsche Kinderserie im TV. Quelle: https://www.ddr-postkarten-museum.de/i.php?/galleries/Upload/Kinderfernsehen/Flax_Kruemel_Struppi/FLAX-005-me.jpg

Anfang der 1950er Jahre kam er als Bühnenbildner, Sänger und Schauspieler ans Volkstheater Pirna und später, als Gründungsmitglied der Pirnaer Puppenspiele, zum Puppentheater. Das hat in der Sächsischen Schweiz, vor allem durch die Figur des „Hohnsteiner Kasper“, der seine Probleme und Schwierigkeiten nicht mehr nur mit der Bratpfanne löst, sondern mit Humor und Einfallsreichtum, eine reiche Tradition; die Puppenspielfeste in Hohnstein und Bärenfels künden bis heute davon. Seiner Ausbildung gemäß war Fülfe für die Bühnenbildgestaltung und für die Darstellung der weiblichen (!) Rollen eingesetzt – sein modulationsfähiger Bariton, der sowohl ins Falsett kippen als auch ins Bauchreden wechseln konnte, half ihm dabei. Als Puppenspieler bediente er sich Figuren des Schnitzers Theo Eggink sowie des Bärenfelser Holzbildhauers Hellmuth Lange.

Die Sendungen lebten vom Universalgenie

Seit Anfang der 1950er Jahre trat er im Fernsehen der DDR in einer Vielzahl von Kindersendungen auf und lernt in Berlin auch seine zweite Frau Ingeburg kennen, die er 1955 heiratet und mit der er „Flax und Krümel“ aus der Taufe hebt – zwei Geschwister, die gemeinsam mit „Omi“ und „Struppi“ aufregende Erlebnisse im Alltag haben, von Fülfes auf Königstein gedreht und auch selbst gesprochen wurden und eine Weiterführung der Tradition der Hohnsteiner und Pirnaer Puppenspieler bedeuteten. Schon 1937 von Friedel Koster für die Puppenspiel-Truppe „Die Hohnsteiner“ entworfen, ließ Fülfe den Struppi wieder aufleben und machte ihn mit seiner Gestik und Stimme zu einer unverwechselbaren Figur.

Hohensteiner Puppen heute, Struppi ist dabei. Quelle: https://www.svz.de/img/parchimer-zeitung/origs8703476/026510494-w640-h960-o/23-67525637-23-67525638-1421410625.jpg

Die sollte nicht nur zeitweise bei Pittiplatsch und Schnatterinchen, sondern vor allem bei Taddeus Punkt wohnen: Braune Kappe, weißer Kittel, blaue Hemdschleife – diese Figur eines Schnellzeichners und Geschichtenerzähler mit Malkohle und Zauberbleistift im Künstlergewand hat Heinz Fülfe gemeinsam mit dem Kinderbuchautor Günther Feustel erfunden. Sie feierte am 11. Juni 1959 im Abendgruß ihre Premiere und zählte zu den Identifikationsfiguren des DDR-Kinderfernsehens. Etwa 400 Mal erzählte Fülfe seine Geschichten voller Poesie und Phantasie und führte seine kleinen Zuschauer an diverse Orte der DDR. Dabei zeichnete er rasend schnell und oft ohne hinzusehen, während er in die Kamera sprach. Bis 1961 wurden die Abendgrüße sogar live gesendet, erst in Schwarzweiß, später in Farbe, und von der DEFA in Kooperation mit dem Fernsehen der DDR gedreht.

In den folgenden Jahren wurden die Arbeit für die Kinder und das Kinderfernsehen immer mehr zum Hauptinhalt seines Lebens – und dem seiner Frau. Die Sendungen lebten vom Universalgenie Fülfes, meint Pfefferkorn: „er schrieb Texte, entwarf die Szenenbilder, Requisiten wurden meist selbst ausgesucht, und auch Geräusche hat er selbst gemacht: Wohl jeder der damaligen Kindergeneration im Osten dieses Landes wird noch das unnachahmliche, sich ständig verändernde Quietschen und Knarren der Fuchsbautür im Ohr haben!“

Zum Alltag der „Macher“ befragt, erinnert sich Ingeburg Fülfe, dass weitere „Leute von der Pädagogik“ Mitspracherecht hatten: Manuskripte mussten vorgelegt werden, Themen wurden vorgegeben, zu denen Heinz Fülfe und eine ganze Anzahl weiterer Autoren wieder die Texte lieferten. „Dies lief im Großen und Ganzen recht groß zügig, es wurde nicht viel reglementiert – eine ‚Moral‘, die mit dem Holzhammer verabreicht wurde, stand nicht im Vordergrund… Es waren keine Moralstücke, sie kamen mit spielerischer Pädagogik daher, bestenfalls mit einem kleinen Zeigefinger und ein paar Lebensweisheiten.“ Günstig für das einigermaßen unbehelligte Arbeiten wirkte sich wohl auch aus, dass SED-Fernsehchef Heinz Adameck dem Kinderfernsehen sehr zugetan war.

mehrfacher Ehrenbürger

Zur Frage, ob die SED eine große Rolle spielte, meint sie rückblickend: „Wir waren keine Genossen, haben unsere Arbeit gemacht.“ Hieß es zu Beginn der 1970er Jahre offiziell noch, dass das Kinderfernsehen dazu beizutragen habe, dass sich die Mädchen und Jungen „für die allseitige Stärkung der DDR einzusetzen und ein von Optimismus, Freude und Frohsinn erfülltes Leben zu führen“ hätte, sprach man 1981 von „wirklichkeitsbezogener Romantik, die das Alltagsleben wirkungsvoll über eine platte ‚Alltäglichkeit’ hinaushebt“, meint Dieter Wiedemann in TELEVIZION. Es gehe darum. „das bereichernde Gefühl für die Schönheit der Kunst, für menschliche Beziehungen hervorzubringen und ideologisch-ästhetische Immunität gegen alles Banale und Fortschrittsfeindliche zu erzeugen“.

Pitti, Mauz, Schnattchen und die „Urelster“ mit Ingeburg Fülfe, Heinz Schröder, Friedgard Kurze und Heinz Fülfe (v.l.). Quelle: http://www.erlpeter.net/downloads/20/88/Erlpeter_43_Jan_05.pdf

Diesen Leitsätzen fielen paradoxerweise Fülfes Kreationen zum Opfer. 1970 wurde „Flax und Krümel“, nach denen sogar Kindergärten benannt wurden, eingestellt; 1977 kam auch das Ende für Taddeus Punkt. „Das Bestärken von Wohlbefinden, Geborgenheit und Zukunftsgewißheit in der Gesellschaftsordnung einerseits und die Herausforderung andererseits, Einflüsse des ‚Westfernsehens‘ abzuwehren, indem man die Zuschauer an das eigene Programm binden wollte, ergaben einen auf die Dauer nicht lösbaren Widerspruch. Der Druck auf immer größere Attraktivität führte unaufhaltsam zu Prinzipienverlusten, Zugeständnissen und Unverbindlichkeit“, versuchte die Produzentin Ingelore König eine Erklärung.

Fülfes Studio wurde in den 70er Jahren durch das Trickfilmstudio Dresden übernommen; das Ehepaar zog endgültig nach Berlin. Gemeinsam mit zwei weiteren stimmlichen Universalgenies, den Puppenspielern Heinz Schröder (Pittiplatsch, Herr Fuchs, Frau Igel und Onkel Uhu) sowie Friedgard Kurze (Schnatterinchen, Hoppel, Borstel) gestaltet Fülfe jahrzehntelang das Grundinventar des „Märchenwalds“. Daneben ist er als Hörspielautor und -sprecher tätig und konnte einige Schallplatten mit Geschichten seiner Figuren veröffentlichen.

Der Märchenwald von einst lebt fort. Quelle: eigene Collage

Für sein Wirken wurde er vielfach ausgezeichnet, darunter schon 1961 mit dem Nationalpreis der DDR. Bereits vier Jahre später erhielt er die Ehrenbürgerwürde der Stadt Pirna, 1989 auch die seiner Schulstadt Elsterwerda. Nach der Wende wurde er, wie das Fernsehen der DDR, „abgewickelt“. Eigentlich wollte er bis zu seinem 75. Lebensjahr für Kinder spielen, schreiben und zeichnen, und sich danach wieder der Malerei widmen. Aber dazu sollte es nicht mehr kommen, der Tod hatte etwas dagegen. Der dreifache Vater starb am 5. Dezember 1994. Seinen Zauberbleistift gibt es nicht mehr – den hat ihm Ingeburg mit ins Grab gegeben.

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