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Er dürfte der einzige namhafte deutsche Politiker sein, der je einen Bären erlegte: 1996 in den rumänischen Karpaten. „Mit einem einzigen Schuss“, wie er der Deutschen Jagdzeitung stolz erzählte. Überhaupt spielten bei dem passionierten Jäger Tiere eine besondere Rolle: „Mein Hund ist als Hund eine Katastrophe, aber als Mensch unersetzlich“, beschrieb er augenzwinkernd seinen Dackel „Mücke“ in der Süddeutschen Zeitung. Und anlässlich seines Ägypten-Besuchs als Minister für Entwicklungshilfe textete der SPIEGEL bereits im April 1963 „Scheel konnte nur mit Mühe von dem Kamel ‚Bismarck‘ absitzen, das ihn um die Pyramiden von Gizeh getragen hatte, weil das Tier sich durch heftige Abwehrbewegungen dem Abstieg des Bonner Kreditverteilers widersetzte.“ Walter Scheel, der vierte deutsche Bundespräsident, würde am 8. Juli 100 Jahre alt.

Scheel mit dem Bären. Quelle: https://djz.de/wp-content/uploads/sites/3/old_images/6346_13_20120416135953.jpg

Er habe „die undefinierbare Eigenschaft, sympathisch zu sein“, schrieb Walter Henkels 1974 in einer Anekdotensammlung: „Was Adenauer konnte, das kann auch Scheel: spielen.“ Es sei sein eigentliches Erfolgsrezept gewesen, „stets unterschätzt zu werden“, meinte Stefan Dietrich in der FAZ. „Erst im Rückblick entpuppte sich das Spielerische in Scheels Wesen als die hohe Kunst des Spiels um die politische Macht – und seine Bonhomie als perfekte Tarnung eines ans Draufgängerische grenzenden Wagemuts.“ Er bleibe als „sanguinische Frohnatur in Erinnerung“, so Dietrich weiter, als „singender Präsident, der sein Amt in schwieriger Zeit … mit rhetorischem Glanz und staatsmännischer Würde versah, auf unverkrampfte Weise volkstümlich sein konnte, im Ausland eine gute Figur und der Politik wenig Scherereien machte.“

 „Wie kommst du hier heil raus?“

Geboren in Solingen als Sohn eines Stellmachers, absolviert er 1938/39 nach dem Abitur eine Ausbildung zum Bankkaufmann bei der örtlichen Volksbank. Sofort bei Kriegsbeginn wurde der 20-Jährige zur Luftwaffe eingezogen: Als einer der „Nachtjäger“, die über Berlin verlustreich gegen die alliierten Bomberflotten kämpften. Die wesentliche Frage, die ihn in den Jahren an der Front bewegt hat, war nach eigenem Bekunden: „Wie kommst du hier heil raus?“ Als frisch gebackener Leutnant hatte er 1942 seine Jugendfreundin Eva Kronenberg geheiratet, mit der er einen Sohn bekam – und war der NSDAP beigetreten, ein Schritt, den er niemals richtig erklärt und begründet hat.

Bereits 1946 war er der neu gegründeten FDP in Nordrhein-Westfalen beigetreten, später Stadtrat in Solingen geworden. Schon 1950 wurde Scheel Landtagsabgeordneter in Düsseldorf, während er zugleich als Geschäftsführer verschiedener Unternehmen, darunter der Stahlwarenfabrik seines Schwiegervaters, und schließlich als selbständiger Wirtschaftsberater tätig war. Erfolg und Aufstieg verdankte er seinem wachen Geist, seinem „behutsamen Umgang mit Menschen“ und einer aufs persönliche Fortkommen gerichteten Härte. 1953 wurde er in den Bundestag gewählt. Von 1958 bis 1961 saß er außerdem im Europaparlament.

In Nordrhein-Westfalen, wo Scheel seit 1954 Landesvorstand der FDP war, gehörte er zusammen mit Hans-Dietrich Genscher zu den sogenannten „Jungtürken“, wie jüngere und radikalere Parteimitglieder damals genannt wurden – heute würde man politisch korrekt von „Jungen Wilden“ sprechen. Sie arbeiteten daran, ihre Partei auch als Koalitionspartner für die SPD attraktiv zu machen, während die Liberalen zuvor in NRW und auf Bundesebene als Juniorpartner der Konservativen aufgetreten waren. Sie waren es 1956, die den Wechsel der FDP zur SPD betrieben, so das Ende der Landesregierung unter der CDU herbeiführten und auch die Unionsmehrheit im Bundesrat zu Fall brachten.

Scheel 1956 auf einem FDP-Bundesparteitag. Quelle: https://cdn1.spiegel.de/images/image-135730-galleryV9-qgtj-135730.jpg

Konrad Adenauer hinderte das nicht, Scheel 1961 in sein Kabinett aufzunehmen. Für ihn wurde das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit geschaffen, das er auch noch im ersten und zweiten Kabinett Erhard führte – ein neues Feld, das die Bundespolitik im zu Ende gehenden Zeitalter des Kolonialismus entdeckt und beackert hat. Zugleich war er mit 42 der Benjamin im Kabinett. Schon ein Jahr danach trat er mit den vier Ministern der FDP vorübergehend zurück, um den von der „Spiegel“-Affäre belasteten Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß zum Rückzug zu zwingen. Das Manöver war erfolgreich. 1966 – dem Jahr, in dem Scheels Frau an Krebs starb – traten die FDP-Minister erneut zurück, da sie nicht einverstanden waren, das Haushaltsdefizit und die wachsende Staatsverschuldung im Bundeshaushalt 1967 mit einer Steuererhöhung zu bekämpfen. Der neue Kanzlerkandidat Kurt Georg Kiesinger konnte sich mit der FDP nicht einigen, wohl aber mit der SPD unter Willy Brandt.

„Ohne ihn einen anderen Weg gegangen“

In der folgenden Zeit der Großen Koalition war es wiederum Scheel, der aus der Opposition heraus die Annäherung der FDP an die SPD in drei Schritten vorbereitete. Der erste: er verdrängte Erich Mende, der auch öffentlich sein Ritterkreuz aus dem Zweiten Weltkrieg trug, von der Parteispitze und läutete den Wechsel vom National- zum Sozialliberalismus ein. Der zweite: Am Vorabend der Bundesversammlung schwor er die Wahlmänner und -frauen der FDP erfolgreich auf den SPD-Präsidentschaftskandidaten Gustav Heinemann ein; und, als dritter, legte er im Jahr darauf seine Partei schließlich auf eine Koalition mit der SPD fest.

Dass er die FDP und sich selbst als Vorsitzenden damit an den Rand des Abgrunds brachte, war ihm wohl bewusst: „Aber wer nur fasziniert der Wählermeinung nachläuft und nicht die Kraft zu einer politischen Entscheidung aufbringt, der wird auf Dauer eben kein stabiler und respektabler Faktor in der Politik sein“, sagte er eine Woche nach der Wahl Heinemanns. Eine Austrittswelle dezimierte und schwächte die kleine Partei, bei der folgenden Bundestagswahl kamen die Freien Demokraten nur knapp über die Fünf-Prozent-Hürde. Aber es reichte, um den Grund zu legen für eine 29 Jahre währende Regierungsbeteiligung seiner Partei.

Denn während Genscher noch bei Helmut Kohl die Bedingungen für ein Regierungsbündnis mit der CDU/CSU sondierte, Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger schon Glückwünsche von US-Präsident Nixon zur Wiederwahl bekam, hatte sich Scheel mit Brandt sich trotz hauchdünner Mehrheit noch in der Wahlnacht telefonisch auf ein SPD/FDP-Kabinett verständigt. Nicht nur, dass nach dieser nächtlichen Grundsatzentscheidung zum ersten Mal seit Gründung der Bundesrepublik die CDU/CSU nicht mehr den Kanzler stellte. Scheel war auch der erste Freie Demokrat, der das Auswärtige Amt für sich beanspruchte, das dann 28 Jahre lang eine Domäne der FDP war.

Walter Scheel, Willy Brandt und Katharina Focke auf dem Haager Gipfel. Quelle: https://www.cvce.eu/content/publication/2007/8/3/259eeb30-2099-493f-9d01-cdbec5e4878f/publishable.jpg

Als weitgereister ehemaliger Entwicklungshilfeminister brachte er dafür einige Erfahrungen mit. Ausschlaggebend für Brandt aber dürfte gewesen sein, dass er in Scheel einen überzeugten Verfechter der „neuen Ostpolitik“ an seiner Seite hatte, dem die Verständigung mit den Nachbarn ein ebenso politisches wie persönliches Anliegen war. In den Regierungsjahren 1969 bis 1974 gestaltete Scheel die deutsche Entspannungspolitik mit und rang – zum Beispiel – dem sowjetischen Außenminister Gromyko bei der Formulierung der Ostverträge ab, dass statt der „Unveränderbarkeit“ der Grenzen in Europa nur deren „Unverletzbarkeit“ festgeschrieben worden sei – das geschah, so Scheel, „am vierzehnten Loch des Golfplatzes in Kronberg“. Und mit dem von ihm verfassten „Brief zur deutschen Einheit“ erreichte er das Zugeständnis, dass die gegenwärtige und alle künftigen Bonner Regierungen die friedliche und freiwillige Vereinigung beider deutschen Staaten anstreben dürften, ohne damit vertragsbrüchig zu werden.

Der Kalte Krieg zwischen Ostblock und den Westmächten hielt die Menschen mit Wettrüsten und einem „Gleichgewicht des Schreckens“ gefangen. Mit ihrer Entspannungspolitik stellten Brandt und Scheel die Weiche in die Richtung, die letztlich zur Wiedervereinigung von West- und Ostdeutschland führen würde. „Ohne ihn wäre unsere Republik vermutlich einen anderen und schwereren Weg gegangen“, schrieb Klaus von Dohnanyi rückblickend im SPIEGEL. In dieser Zeit entwickelte Scheel mit anderen Partei-Intellektuellen auch die „Freiburger Thesen“, auf deren Grundlage die FDP 1971 die wirtschaftsliberale Ausrichtung ihres Parteiprogramms änderte hin zu einem Liberalismus, der stärker für Menschenwürde durch Selbstbestimmung und sogar eine Reform des Kapitalismus eintrat.

Scheel war 1971 der erste deutsche Außenminister, der Israel besuchte, und unterzeichnete 1972 den Grundlagenvertrag zwischen der BRD und der DDR. Ein wichtiger Erfolg war auch seine Reise in die Volksrepublik China, während der die Aufnahme diplomatischer Beziehungen beschlossen wurde, sowie die Aufnahme der Bundesrepublik Deutschland in die UN 1973 – dem Jahr, in dem er die Bevölkerung mit seiner Interpretation von „Hoch auf dem gelben Wagen“ beglückte. Die Platte zugunsten der „Aktion Sorgenkind“ mit dem Düsseldorfer Männergesangverein wurde bis zum Frühjahr 1974 über 300.000 Mal verkauft. Daneben publiziert er bis 2010 auch politische Bücher und Aufsätze.

Plattencover. Quelle: https://streamd.hitparade.ch/cdimages/walter_scheel-hoch_auf_dem_gelben_wagen_s.jpg

Dass Bundespräsident Heinemann auf eine zweite Amtszeit verzichten und die SPD gleichzeitig durch den Rücktritt Brandts in der Guillaume-Affäre in eine schwere Führungskrise stürzen würde, hatte niemand voraussehen können. Scheel aber ergriff die Gelegenheit, sich selbst 1974 um das Amt des Bundespräsidenten zu bewerben. Nicht einmal sein eigener Parteivorstand war auf Anhieb begeistert von dieser Kandidatur. Er gewann schließlich gegen Richard von Weizsäcker und trat am 1. Juli 1974 sein Amt als vierter und bis heute jüngster deutscher Bundespräsident an.

„Hitler war kein Schicksal“

Noch als Außenminister hatte er seinen Witwer-Status geändert und die alleinerziehende Mutter Mildred Wirtz geheiratet, eine Röntgenärztin, die ihm nach einer Nierensteinoperation das Leben rettete. Somit hatte Deutschland die erste Patchwork-Familie im Bundespräsidentendomizil: Beide bekamen noch eine Tochter, Andrea, und adoptierten einen bolivianischen Indianerjungen. Mildred war unabhängig, lachte und feierte gern und wurde drei Mal zur Frau des Jahres gewählt, aber auch einmal zur schlechtangezogensten Frau des Jahres, sehr zu ihrem Amüsement. Sie gründete 1974 die deutsche Krebshilfe und starb 11 Jahre später, international hochgeschätzt, selbst an Darmkrebs.

Die Bilanz von Scheels Amtszeit ist ambivalent. Als oberflächlicher „Bruder Leichtfuß“ galt er, viele störten sich an seiner chronisch guten Laune, seinem steten Frohsinn, seiner konstanten Heiterkeit. Argwöhnisch beobachteten selbst viele Liberale, aber auch etliche Journalisten Scheels Hang zum Genuss, seine Vorliebe für weite Reisen, die Jagd, das Golfspiel, aber auch teure Zigarren, exquisite Küche, exklusive Mode: bereits 1969 wurde er als „Krawattenmann des Jahres“ ausgezeichnet, zum Dekorieren eines Empfangs in Moskau ließ er eine eigene Floristin einfliegen. Unvergessen, dass er als Bundespräsident bei einem Besuch in Mali statt mit der deutschen Nationalhymne mit seiner Version von „Hoch auf dem gelben Wagen“ empfangen wurde. 1976 weigerte er sich, die Wehrpflicht-Novelle zu unterzeichnen, mit der die Gewissensprüfung abgeschafft werden sollte, weil bei der Verabschiedung der Bundesrat übergangen worden war.

Patchwork-Familie Scheel. Quelle: https://www.welt.de/img/vermischtes/mobile148387609/6412507037-ci102l-w1024/Familie-Scheel.jpg

Vor allem aber gewann er als Redner Kontur. So wehrte er zum 30. Jahrestag des Kriegsendes 1975 mit dem Satz „Hitler war kein Schicksal, er wurde gewählt“ Versuche ab, das deutsche Volk als Opfer der Nationalsozialisten darzustellen. Und er gab den demokratischen Institutionen auf dem Höhepunkt des linksextremistischen Terrors im „Deutschen Herbst“ 1977 Rückhalt. In seiner bewegenden Rede auf der Trauerfeier für den ermordeten Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer bat er die Angehörigen „im Namen aller deutschen Bürger“ um Vergebung, plädierte aber auch dafür, die Feinde der Verfassung nicht rechtlos zu stellen.

Der „Mister Bundesrepublik“ (Arnulf Baring) ging 1979 in den Ruhestand. Der französische Politologe Alfred Grosser bilanzierte, Scheel habe die „Legende vom bösen Deutschen“ widerlegt. Günter Grass, der politische Barde der sozialliberalen Koalition, hatte, gar nicht angetan von der Personalie, beim Amtsantritt noch gewettert: Die Bundesrepublik brauche „einen unbequemen Präsidenten“, nicht einen, „der sich mit einer Schallplatte legitimiert und volkstümelt“. Fünf Jahre später sah er sich gezwungen, Scheel als „liberale Gegenkraft“ zu würdigen; ausersehen, „die Gesellschaft in eine neue Entwicklungsphase“ zu leiten. Für eine Wiederwahl hätte er die Stimmen der Union gebraucht, die ihm aber seinen Anteil am Machtwechsel 1969 nicht vergessen hatte. So kandidierte er nicht erneut.

Scheel wurde Ehrenvorsitzender der FDP, übernahm etliche Ämter vom Thyssen-Aufsichtsrat bis zum Kuratoriumsvorsitzenden der Friedrich-Naumann-Stiftung und meldete sich immer wieder auch zu politischen Entwicklungen zu Wort. So nutzte er 1986 seine Bundestags-Festrede zum 17. Juni nicht nur zu einem Verständnisplädoyer für die Sowjetunion, sondern auch zu einem Realismusplädoyer wider die deutsche Einheit. Auch als Fernseh-Talkmaster hat er sich versucht, fiel aber beim Publikum durch. Ab 1995 entwickelte sich Scheel dann zu einem Kritiker der Regierungskoalition seiner Partei mit der Union und empfahl, zur Not lieber in die Opposition zu gehen. Nicht ohne Stolz meinte er „Es gibt überhaupt keinen Draht in dieser Bundesrepublik, an dem ich nicht irgendwie gezupft hätte.“

Ende 2008 zog Scheel mit seiner dritten Frau Barbara – eine Physiotherapeutin, die er 1988 geheiratet hatte – aus der Hauptstadt, wo er ein eifriger Partygänger und gern gesehener Gast bei vielen kulturellen Events war, ins badische Bad Krozingen nahe der Schweizer Grenze. Seit 2012 lebte er – inzwischen an Demenz erkrankt ­– in einem Pflegeheim. Zuletzt sorgten Gerüchte um einen unehelichen Sohn sowie ein veritabler Familienstreit für Schlagzeilen. So beantragte Tochter Cornelia 2014 vor Gericht, ihrem demenzkranken Vater sollte ein Betreuer zur Seite gestellt werden. Sie befürchtete, dass ihre Stiefmutter Barbara dem Vater erheblich schaden könnte. Das Gericht folgte dem Antrag, es wurde ein zusätzlicher Betreuungskontrolleur verfügt. Auch sonst sorgte Barbara Scheel immer mal wieder für Wirbel. So nannte sie Philipp Rösler, einen von Scheels Nachfolgern als FDP-Chef, einen „grinsenden Chinesen“ und bezeichnete ihn gar als „die Rache des Vietcong an der deutschen Innenpolitik“. Im Sommer 2014 wurden Scheels Büro in Bad Krozingen und der Leasingvertrag für den Dienst-Phaeton aufgelöst, den Barbara eigentlich nicht ohne ihren Mann nutzen durfte.

Walter Scheel besucht als Bundespräsident die Zeche Erin in Castrop-Rauxel. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/af/Bundesarchiv_B_145_Bild-F045175-0007%2C_Castrop-Rauxel%2C_Bundespr%C3%A4sident_besucht_Bergwerk.jpg

Der letzte Minister, der noch in den Kabinetten von Konrad Adenauer und Ludwig Erhard gedient hatte, und zugleich letzte Politiker aus der Gründergeneration der FDP starb im In- und Ausland hochgeehrt am 24. August 2016 im Alter von 97 Jahren und wurde nach einem Staatsakt auf dem Waldfriedhof Zehlendorf in Berlin beigesetzt. Sein Amtsnachfolger Joachim Gauck würdigte ihn als „lächelndes Gesicht der Entspannung“, als einen „Pfadfinder unserer Republik“, der es verstand, „in einem für unbegehbar gehaltenen Gelände Wege“ zu finden. So ein Pfadfinder täte der Republik heute gut.

Die Entscheidung am 25.Juni in Sevilla fiel mit 14 zu 5 bei 2 ungültigen Stimmen überaus eindeutig: Das Dresdner Elbtal verliert den UNESCO-Welterbestatus. „Das ist ein sehr trauriger Moment“, sagte die Präsidentin des Gremiums, María Jesús San Segundo, dem SPIEGEL. Es sei ein großer Verlust, wenn man das Welterbe aberkenne. Damit ist Dresden nach einem Naturschutzgebiet im arabischen Oman weltweit erst die zweite Stätte, die von der Liste gestrichen wurde.

Die Aberkennung hatte auch finanzielle Folgen: Dresden erhielt kein Geld mehr aus einem 150 Millionen Euro schweren Förderprogramm für deutsche Welterbestätten. Doch die Blamage gerade fünf Jahre nach der Verleihung des Titels war eine mit Ansage und hatte viel mit der teuersten Stadtbrücke Deutschlands zu tun: der Waldschlößchenbrücke, die den „Landschaftsraum des Elbbogens an seiner empfindlichsten Stelle irreversibel in zwei Hälften“ teilt, so die UNESCO.

Der Brückenstandort war seit dem 18. Jahrhundert umstritten. Denn immer wieder ist es dieselbe Perspektive von der alten Hirschtränke unterhalb der Villa „Waldschlösschen“, an der die Schwärmer für den Elbtalblick – neben Malern auch Dichter, Philosophen, Bildhauer, Architekten und Diplomaten – ihre Loblieder anstimmten und ihre Staffeleien aufstellten. Um eine Bebauung, ja auch nur die Aufstellung von Reklameschildern an diesem Ort zu verhindern, hatten die Dresdner Stadtverordneten noch 1908 die Waldschlößchenwiesen für 400.000 Goldmark aus Privathand angekauft – und zwar ausdrücklich mit der Zielsetzung, dass „der einzigartige, herrliche Aussichtspunkt auf die Stadt und ihre Umgebung für alle Zeiten in städtisches Eigentum gebracht und gesichert“ werde.

Alte Waldschlößchen-Terrasse. Quelle: https://www.ansichtskartenversand.com/shop/ak/79/7985305/Luna-AK-Dresden-Neustadt-Restaurant-Waldschloesschen-Terrasse.jpg

Alte Waldschlößchen-Terrasse. Quelle: https://www.ansichtskartenversand.com/shop/ak/79/7985305/Luna-AK-Dresden-Neustadt-Restaurant-Waldschloesschen-Terrasse.jpg

Erst den Nazis blieb es vorbehalten, mit diesem Grundsatz zu brechen: 1937 nahmen sie den Hang am Waldschlösschen als Brückenstandort in ihren Hauptverkehrsplan auf. Es waren diese Pläne, die in der DDR nach einer Schamfrist Wiederauferstehung feierten und zeitweise in Brückenprojekten mit acht Fahrspuren und dem Abriss ganzer Stadtquartiere mündeten. Noch kurz vor der Wiedervereinigung wurden dann die Planungen 1989 in einem Architektenwettbewerb konkretisiert. Danach sollte die Elbtalaue an ihrer breitesten Stelle von einer Schrägseilbrücke des Autobahnbaukombinats mit linkselbischem Pylon überspannt werden – ein ähnliches Bauwerk wurde 2011 elbabwärts in Nie-derwartha eingeweiht. Doch die neu gewählten Volksvertreter nahmen die zusätzliche Elbquerung nur in ihre Programme auf, verwarfen den Siegerentwurf aber als „anachronistisch“.

„nicht besonders hochwertiges Ingenieurbauwerk“

Von diesem Augenblick an datiert das endlose Ringen um eine Lösung für die Elbquerung, die der Landschaft keine Gewalt antut und den Verkehrsbelangen Rechnung trägt. Eine schicksalhafte Bedeutung kommt dabei der conditio sine qua non zu, die der sächsische Wirtschaftsminister Kajo Schommer (CDU) im November 1995 formuliert hatte: Die sächsische Landesregierung werde keine andere Flussquerung fördern als eine Brücke am Waldschlößchen. Damit waren Tunnellösungen und auch ein „Mehrbrückenkonzept“ für mehrere kleinere, aber weniger landschaftsbelastende und in der Summe billigere Brücken von vornherein ausgeschlossen. Artig beschloss der Dresdner Stadtrat im Sommer 1996 den Brückenbau am Waldschlößchen. Ein Wettbewerb wurde ausgelobt.

Ein Berliner Büro setzte sich unter den 27 eingereichten Entwürfen durch und gewann den 1. Preis samt 75.000 Mark. Sein Entwurf sah eine Stahlkonstruktion von 635 Metern Länge mit einem Bogen in der Spannweite von 145 Metern und einem sich anschließenden Landtunnel von 400 Metern Länge vor. Veranschlagt mit 156 Millionen Euro – 96 Millionen steuert der Freistaat Sachsen zu der Bausumme zu, 46 Millionen muss die Stadt Dresden aufbringen – sollten es schließlich 180 Millionen werden. Im jahrelangen Ringen um Korrekturen sind zuerst zusätzliche Lärmschutzmaßnahmen, dann eine Geschwindigkeitsbeschränkung sowie schließlich eine „Verschlankung“ der Konstruktion verordnet worden. An der optischen Wirkung des Bauwerks änderte sich nichts.

Waldschlößchenbrücke. Quelle:https://media.tag24.de/0/8/4/840v1dfqt1n7yy1a.jpg

Waldschlößchenbrücke. Quelle: https://media.tag24.de/0/8/4/840v1dfqt1n7yy1a.jpg

Parallel wurde das Projekt Welterbe in Angriff genommen und, weil Dresdens rekonstruierte Altstadt mangels Authentizität kaum Welterbe-Chancen hatte, der wohlbegründete Antrag seinerzeit auf die gesamte „sich entwickelnde Kulturlandschaft Elbtal“ von Schloss Übigau bis Schloss Pillnitz ausgeweitet: 20 Kilometer Flussufer. Im Juli 2004 war der Antrag erfolgreich. Am 27. Februar 2005 sprechen sich bei einem Bürgerentscheid knapp 68 Prozent der Dresdner für den Bau in der vorliegenden Form aus. Die UNESCO wird jetzt auf den Entwurf aufmerksam. Im Juli 2006 wurde Dresden ob des Brückenentwurfs bereits auf die Rote Liste der gefährdeten Weltkulturstätten gesetzt – prompt stimmte am 10. August der Stadtrat gegen den Bau. Das Land Sachsen dagegen beharrt auf dem Vorhaben.

Bei einer Abstimmungsbeteiligung von 50,8 %, d.h. marginal mehr als der Hälfte der Stimmberechtigten, hatten an diesem Tag aber weniger als 40 % aller Dresdner dafür gestimmt. Erst im Nachhinein erwiesen sich Spreng- und Rechtskraft dieses Bürgerentscheids. Im Juni 2007 scheitert Dresden vor dem Bundesverfassungsgericht mit einer Klage gegen den vom Freistaat angeordneten Bau: Die Richter bescheinigten dem Bürgerentscheid einen höheren Rang als den völkerrechtlichen Verpflichtungen der Bundesrepublik Deutschland aus der von ihr selbst mit entworfenen und 1972 unterzeichneten UNESCO-Konvention. Der Hamburger Architekt Volkwin Marg, damals Juryvorsitzender, spricht im Nachhinein in der WELT von einer „offensichtlichen Manipulation des Wunsches der Bürger nach besseren Verkehrsverbindungen zu einem Plebiszit für den Brückenbau“. Dankwart Guratzsch schrieb in der WELT gar von einem „Sieg der Autolobby“.

Marg galt später als vehementer Verfechter einer Tunnellösung. Neben ihm hatten sich auch die Stararchitekten Santiago Calatrava und Sir Norman Foster geweigert, Brückenentwürfe für die Waldschlößchenquerung vorzulegen. Unter Fachleuten hatte der Entwurf wenig Zustimmung gefunden. Marg spricht von einem „nicht besonders hochwertigen Ingenieurbauwerk“, die Landschafts- wie auch die Tiefbauarchitekten der Bundesarchitektenkammer nennen den Entwurf „dramatisch schlecht“.

„keine gute Nachricht“

Anknüpfend an den von Startrompeter Ludwig Güttler mit initiierten „Ruf aus Dresden“ zum Wiederaufbau für die Frauenkirche von 1990 hatten Bürgerinitiativen 2007 wiederum mit Güttler unter dem Titel „Erneuter Ruf aus Dresden“ eine Schrift gegen die Errichtung der Brücke veröffentlicht, um den Welterbestatus zu retten. Er verhallte ungehört, im November desselben Jahres starteten trotz Mahnungen der Welterbe-Hüter und diverser artenschutzrechtlicher Bedenken die Bauarbeiten.

Brückenprotest in Dresden. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Dresdner_Br%C3%BCckenstreit#/media/File:Welterbedemo250307.jpg

Brückenprotest in Dresden. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Dresdner_Br%C3%BCckenstreit#/media/File:Welterbedemo250307.jpg

Ein Bürgerbegehren gegen die Brücke und für einen Tunnel, für das bereits 50.000 Stimmen gesammelt worden waren, ließ die sächsische Regierung im April 2008 scheitern – einmalig in der 200-jährigen Geschichte des deutschen Denkmal- und Naturschutzes überhaupt, einmalig auch in der Geschichte der UNESCO und des von ihr erfassten Weltkulturerbes. „Der Verlust des Welterbetitels ist verkraftbar“, befand Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU). Mit Blick auf die verfahrene Situation trat das Dresdner „Kuratorium Welterbe“ am 20. Juni 2008 zurück.

Die – erwartete – Entscheidung von Sevilla zog den Schlussstrich unter einen Streit, der weit über Sachsens Landeshauptstadt hinaus die deutsche Kulturszene und Gesellschaft aufgewühlt hatte. Nahezu 20 Berufsgruppen, Spitzenverbände des Kulturlebens, mehrere Bundesminister und Gerichtsinstanzen waren damit befasst, ja sind es teilweise bis heute: Erst im Sommer 2016 entschied das Bundesverwaltungsgericht, dass der Planfeststellungsbeschluss zum Brückenbau teilweise rechtswidrig war, und ordnete erneute Artenschutzprüfungen an, setzte dafür aber keine Fristen fest.

Noch vier Wochen vor der UNESCO-Entscheidung hatten acht namhafte Künstler, darunter Günter Grass, Martin Walser und Wim Wenders, Bundeskanzlerin Angela Merkel in einem offenen Brief zum schnellen Eingreifen aufgefordert. Für die acht steht nichts Geringeres als „der Ruf unseres Landes als Kulturnation“ auf dem Spiel. „Wir befürchten, dass der bisher nicht gestoppte Frevel an einem einzigartigen Kulturerbe wie dem des Dresdner Elbtals vieles von diesem Ansehen zunichtemacht“, schreiben sie.

Umsonst. Mit Blick auf die Kaufbegründung vor 100 Jahren hätten sich die Dresdner die aktuelle Begründung selbst geben können: „Die Elbwiesen bilden hier eine nahezu hindernisfreie Auenfläche mit nur wenigen eingestreuten Bäumen, wodurch sich inmitten der Großstadt Dresden ein einmaliger Eindruck landschaftlicher Weite ergibt, die nur dort zur Wirkung kommen kann, wo sie nicht unmittelbar an Grenzen stößt. Dieses eindrückliche Landschaftserlebnis wird durch die bogenförmige Krümmung des Talraums verstärkt, weil die baulichen Konturen der benachbarten Ortsteile in den Hintergrund treten und sich der Eindruck von unendlicher Landschaft ergibt.“ Genau dieses Erlebnis macht der Brückenklotz zunichte.

Die Reaktionen fielen entsprechend aus. Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee (SPD) sprach im SPIEGEL von einem „schwarzen Tag für Dresden und die Kulturnation Deutschland.“ Er bedaure sehr, dass es dazu gekommen sei. Es sei mehr als genug Zeit für Sachsen und die Stadt Dresden gewesen, mit der UNESCO zu einem Kompromiss zu gelangen. Schon eine grundsätzlich andere Brückenlösung hätte genügt, kritisierte Tiefensee. Die Stadt Dresden müsse nun beweisen, „dass ihr Bekenntnis zu diesem Kulturdenkmal nicht nur ein Lippenbekenntnis war.“ Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) hob im selben Blatt ebenfalls den Zeigefinger:

„Ich kann daher nur an Länder und Kommunen appellieren, die UNESCO bei Bauvorhaben rechtzeitig zu informieren und zu beteiligen. Dann können bereits im Vorfeld Konflikte entschärft werden“.

Waldschlößchenbrücke: Einweihung. Quelle: https://www.golocal.de/media/bdf63aec3198a44e042c566e6a6edcd4/700/5db961317e633da9.jpg

Waldschlößchenbrücke: Einweihung. Quelle: https://www.golocal.de/media/bdf63aec3198a44e042c566e6a6edcd4/700/5db961317e633da9.jpg

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier sagte der Sächsischen Zeitung: „Die Entscheidung des Welterbekomitees ist keine gute Nachricht.“ Auch die Deutsche UNESCO-Kommission hat die Streichung des Dresdner Elbtals von der Welterbeliste bedauert. „Die Entscheidung kommt leider nicht völlig überraschend. Ich hätte mir sehr viel mehr Offenheit auf beiden Seiten für eine Veränderung der Brückenpläne gewünscht“, erklärte Präsident Walter Hirche (FDP), im SPIEGEL. Der sächsische Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, Jan Mücke (FDP), entblödete sich dagegen nicht, den Beschluss mit dem Ausruf „Dresden ist Welterbe der Herzen“ zu feiern.

„Auszeichnung für ganz Schleswig-Holstein“

Ganz anders dagegen ging das Gremium auf derselben Sitzung mit dem deutsch-niederländischen Gemeinschaftsantrag um, das Wattenmeer zum Welterbe der Menschheit erklären zu lassen. Dazu gehören das niederländische Wattenmeer-Schutzgebiet sowie die deutschen Wattenmeer-Nationalparks in Niedersachsen und Schleswig-Holstein: mehr als 9500 Quadratkilometer. Das Komitee würdigte das Gebiet „als eines der größten küstennahen und gezeitenabhängigen Feuchtgebiete der Erde“. Es sei ein einzigartiges Ökosystem mit einer besonderen Artenvielfalt.

„Die Entscheidung des Komitees, den einzigartigen Wert des Wattenmeers als Welterbe anzuerkennen, verleiht den Bemühungen um die weltweite Vernetzung von Kultur- und Naturerbe neuen Auftrieb“, sagte nun Hirche. Der einzigartige Lebensraum stand nun auf einer Stufe mit Naturwundern wie dem Great Barrier Reef vor Australien, dem Grand Canyon in den USA, den Galapagos-Inseln vor Ecuador oder dem Serengeti-Nationalpark im afrikanischen Tansania.

„Das ist eine Auszeichnung für ganz Schleswig-Holstein“, sagte Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) in Kiel. „Die Anerkennung ist eine große Ehre für die Länder an der deutschen Nordseeküste sowie ein Meilenstein und Ansporn für die gemeinsamen internationalen Bemühungen für den Schutz des Wattenmeeres.“ Für Niedersachsens Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) wurde mit der UNESCO-Entscheidung der Einsatz der Wattenmeeranrainer zum Schutz dieses einzigartigen und faszinierenden Lebensraumes honoriert.

„Naturschutz hat bei uns eine Tradition, die annähernd 100 Jahre zurückreicht. Mit der Anerkennung nehmen wir den Auftrag an, dieses Erbe auch für die folgenden Generationen zu erhalten.“

Dass der eine Ministerpräsident die Küste pars pro toto für das ganze Land sprechen lässt, während der andere seine Landeshauptstadt quasi separiert, lässt auf Unterschiede zwischen Ost und West schließen, die 20 Jahre nach der Einheit immer noch deutlich zutage traten. Und anders als die Sachsen brauchten die Nordländer immerhin 18 Jahre vom Bewerbungs- bis zum Anerkennungsbeschluss. Das lässt auf die Richtigkeit der Volksweisheit „Gut Ding will Weile haben“ schließen – in Dresden war es offenbar ein Schlecht Ding.

Welterbe Wattenmeer. Quelle: https://www.wattenrat.de/wp-content/uploads/2010/12/Welterbe-Schild.jpg

Welterbe Wattenmeer. Quelle: https://www.wattenrat.de/wp-content/uploads/2010/12/Welterbe-Schild.jpg

Das Beispiel Dresden zeige aber auch, dass man den Schutz dieses Welterbes nicht leichtfertig gefährden dürfe, sagte Sander weiter. Das lässt auf die Rolle von Demut sowie des Schutzgedankens schließen; eine Rolle, die Eigenschaften wie Selbstverliebtheit, ja Hochnäsigkeit in ihre Schranken wies – andernfalls hätte ja ein Dialog mit der UNESCO, ja ein wie auch immer gearteter Kompromiss zustande kommen können, wie Tiefensee und Naumann konsensual monierten. Vielleicht zeigt der parallele Vorgang aber auch einfach, dass die Dresdner ihre identifikative Sonderrolle schon damals etwas überstrapazierten. Daran hat sich bis heute, leider, wenig geändert.

Derzeit versuchen die Dresdner übrigens wieder, auf die deutsche Vorschlagsliste für neue UNESCO-Welterbestätten zu kommen: mit dem Gartenstadt-Ensemble Hellerau als „Laboratorium einer neuen Menschheit“. Das Unterfangen, als aussichtslos eingeschätzt, wurde schon 2014 von der Kultusministerkonferenz zurückgewiesen. Ganz anders dagegen der Antrag der Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří, der zum Stichtag 1. Februar 2018 im Welterbezentrum in Paris vorlag, wie das Gremium mitteilte. Das Welterbekomitee wird voraussichtlich noch diesen Sommer über eine Aufnahme in die Welterbe-Liste entscheiden. Sollten die Dresdner nicht bleibende Imageschäden für Sachsen hinterlassen haben, könnte der Antrag sogar erfolgreich sein.

Allein ihre Herkunft bietet genug Stoff, diese Frau mit wilden, verbrecherischen und leidenschaftlichen Zügen zu malen. Im freizügigen Rom der Renaissance war es zwar keine Seltenheit, dass kirchliche Würdenträger Kinder zeugten. Man nannte sie beschönigend „nipoti“ (Neffen) – sie verkehrten im Vatikan und bereicherten die Sprache durch den neuen Terminus „Nepotismus“ (Günstlingswirtschaft): Die Geistlichen vergaben an sie Pfründe oder Kardinalstitel. Wie wild es aber Kardinal Rodrigo Borgia aus dem spanischen Valencia trieb, dessen Familie mit seinem Onkel Calixtus III. bereits einen Papst gestellt hatte, stellte alles in den Schatten, was der skandalträchtige Vatikan bislang erlebte: Er zeugte mit mehreren Frauen zehn Kinder und führte damit jedes Zölibat ad absurdum.

Seine Favoritin Vanozza de’ Cattanei, eine nicht mehr junge und durchaus vermögende Herbergswirtin, gebar ihm allein vier Nachkommen: Cesare, Juan, später noch Jofré – und am 18. April 1480 die Tochter Lucrezia. Anfangs von Nonnen eines dominikanischen Frauenklosters unterrichtet, verbrachte sie ihre frühe Kindheit vermutlich bei ihrer Mutter und wurde mit acht Jahren ins Haus von Adriana de Mila geschickt, einer Cousine ihres Vaters, um dort einen adligen Schliff zu bekommen. Sie wird von Privatlehrern in Latein, Griechisch, Malen, Musik, Tanz und im Schmieden von Versen unterrichtet und am Ende Italienisch, Spanisch und Französisch sprechen.

Lucrezia Borgia. Quelle: https://www.onthisday.com/images/articles/lucrezia-borgia.jpg

Rodrigo Borgia, der diese vier Kinder über alles liebte und oft besuchte, war vernarrt in seine überaus hübsche Tochter, die sich später als Erwachsene wie ihr Vater als charmant, hochintelligent, beredt und diplomatisch geschickt erwies. Gleichwohl verstand er unter ihrem Glück nur das, was der Familie nützte. Oder, wie Ferdinand Gregorovius, einer ihrer Biographen, schrieb: „Wenn sie nicht seine Tochter und die Schwester Cesares gewesen wäre, so würde sie kaum in der Geschichte ihrer Zeit bemerkt worden sein … Doch in den Händen ihres Vaters und Bruders wurde sie das Werkzeug und auch das Opfer von politischen Berechnungen, welchen sie Widerstand entgegenzusetzen kaum die Kraft besaß.“

„ihr Hals ist schlank und schön“

Denn bei aller Bildung lautet auch in der Renaissance die Faustregel: Frauen sollen mit ihrem Wissen niemals die Männer überflügeln und früh eine für ihre Familie politisch vorteilhafte Ehe eingehen. So wurde Lucrezia bereits mit 10 Jahren mit dem Grafen von Oliva, Don Cherubin de Centelles, verlobt. 1491 löste ihr Vater diese Verbindung jedoch, um seine Tochter im selben Jahr per procurationem mit dem Grafen Gasparo von Procida und Aversa zu verheiraten. Bevor diese Ehe aber körperlich vollzogen werden konnte, wurde sie schon im selben Jahr mit päpstlichem Dispens wieder gelöst.

Denn am 10. August 1492 hatte das Kardinalskollegium Borgia zum Papst gewählt – hohe Bestechungssummen sollen zuvor geflossen sein. Der neue Pontifex nannte sich Alexander VI. und erklärte seine unehelichen Kinder für legitim – ein Novum. Die blonde Lucrezia, schon halbwüchsig eine Schönheit, diente dem Papst als Lockmittel für seine politischen Pläne, in Italien ein Borgia-Reich zu errichten: Angeblich wird sie einem Kardinal als „Belohnung“ für seine Stimmabgabe überlassen. Bereits 1493 wird sie mit Giovanni Sforza aus der mächtigen Mailänder Herzogsfamilie verheiratet, die Alexanders Papstwahl unterstützt hatte. Der bei seinen Untertanen reichlich unbeliebte Sforza wollte angeblich nichts von einer Aufnahme der ehelichen Beziehungen mit seiner erst 13-jährigen zweiten Frau wissen; die Ehe wurde 1497 für ungültig erklärt, weil Sforza zeugungsunfähig sei.

Tatsächlich war er, der schon am Tod seiner ersten Frau durch Misshandlung nicht ganz unschuldig gewesen sein soll, in ein Mordkomplott gegen ihren zweiten Bruder Juan Borgia verwickelt. Gerüchte besagen, auch Lucrezia habe dabei mitgewirkt. Hintergrund war das äußerst innige Verhältnis zu ihrem Bruder Cesare, der Juan als Konkurrent um die Gunst des päpstlichen Vaters beseitigen ließ. Im Zuge der erzwungenen Scheidung erkennt Biograf Volker Reinhardt in Lucrezia eine ungewöhnliche Charakterstärke. Sie zog sich gegen den Willen ihres Clans in ein Kloster zurück: „Alle Indizien deuten darauf hin, dass ihr die stetig zunehmende Gewalt der Familie und die immer krasseren Normenübertretungen und Tabubrüche zuwider waren.“

Cesare Borgio. Porträt von Dosso Dossi, ca. 1518. Quelle: https://i.pinimg.com/474x/9f/27/89/9f27899c1d22ed7e093e83cd6e4d5d8e–the-borgias-self-portraits.jpg

Problematisch war allerdings Sforzas spätere Behauptung, seine Ehe wäre nur unter Druck und nur aufgelöst worden, damit ihr päpstlicher Vater und ihr Bruder Cesare ungestört Blutschande mit Lucrezia treiben könnten. Diese Behauptung, aufgestellt von einem im Stolz verletzten Manne, sollte Lucrezia bis zu ihrem Tode und weit darüber hinaus verfolgen. Nahrung erhielt sie noch im selben Jahr: Lucrezia soll eine Affäre mit Perotto, einem Kämmerer ihres Vaters, gehabt und im Geheimen ein Kind namens Giovanni zur Welt gebracht haben.

Prompt sprießen Gerüchte, dass das Kind aus einer Inzest-Verbindung mit ihrem Bruder Cesare oder gar ihrem Vater entstanden sei – zwei päpstliche Bullen legen das nahe, nicht aber ihre Mutterschaft. Lucrezias Biografin Maria Bellonci weist das zurück und erklärt das Geheimnis dieser Liebe sowie diese Geburt zum einschneidendsten Ereignis in ihrem Leben: „Es hat ihren Geist und Charakter wesentlich geformt“. Ihr Lieblingsbruder Cesare, den kein geringerer als Niccolo Machiavelli zum Inbegriff des grausamen Renaissance-Fürsten stilisiert hat, soll den Kindsvater erstochen haben.

Monatelang zurückgezogen

Legendenumwittert ist auch ihre 1498 geschlossene nächste Ehe mit dem 17-jährigen Don Alfonso, einem unehelichen Sohn von König Alfonso II. von Neapel. Lucrezia, die sich nun Herzogin von Bisceglia nennen durfte, war entzückt von ihrem mittlerweile dritten Gatten, der als einer der schönsten Männer Italiens galt. Und auch Alfonso soll sich sofort in seine schöne und charmante Gemahlin verliebt haben. Der Gesandte Niccolò Cagnolo aus Parma beschrieb sie: „Sie ist von mittlerer Größe und anmutiger Gestalt, ihr Gesicht ist eher lang, die Nase schön geschnitten, das Haar golden, die Augen haben keine besondere Farbe, ihr Mund ist ziemlich groß, die Zähne sind strahlend weiß, ihr Hals ist schlank und schön, ihr Busen bewundernswürdig geformt. Immer ist sie fröhlich und lächelt.“

Am 1. November 1499 gebar Lucrezia in Rom einen Sohn, der den Namen Rodrigo erhielt und nur dreizehn Jahre alt wurde. Das Glück endete, als Alexander VI. sich mit dem französischen König Ludwig XII. verbündete, einem Feind seines Schwiegersohns: Am 15. Juli 1500 wurde Alfonso auf der Straße überfallen und schwer verletzt. Lucrezia und seine Schwester Sancia pflegten ihn gesund. Als er wieder aufstehen konnte, schoss er mit Pfeil und Bogen auf seinen Schwager Cesare, den er als Anstifter des Anschlags verdächtigte. Er verfehlte ihn, und der Angegriffene ließ ihn daraufhin erwürgen. Der Kurien-Zeremonienmeister Johannes Burckard notierte trocken: „Da Alfonso sich weigerte, seinen Wunden zu erliegen, wurde er um vier Uhr nachmittags erdrosselt.“

Die Botschafter verbreiten diesen ungeheuerlichen Skandal in ganz Europa. Nun ist auch der Papstpalast entweiht, der Vatikan zum blutbesudelten Tatort geworden. Nichts unterscheidet ihn mehr von einem weltlichen Fürstenhof. Lucrezia soll den Mord mehr oder weniger miterlebt haben. Völlig verzweifelt, da sie Vater und Bruder ebenso liebte wie ihren Mann, zog sie sich monatelang in den Palast von Nepi zurück. Vor Weihnachten kehrte sie jedoch wieder zu ihrer Familie zurück, die ihr über ihren Kummer hinweghelfen wollte, indem sie unzählige aufwendige Spiele und Tanzveranstaltungen arrangierte.

Cornelis van Haarlem: Vor der Sintflut (1615). So stellte sich ein Maler des 17. Jahrhunderts ein Bankett mit gleichzeitiger Orgie vor. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c4/Cornelis_van_Haarlem_Before_the_Deluge.jpg

Eine davon, das von Cesare veranstaltete „Kastanienbankett“ vom 31. Oktober 1501 im Apostolischen Palast, goss wiederum Wasser auf die Mühlen der „femme fatale“-Verfechter. Nach Burckards Schilderung sollen „50 ehrbare Dirnen“ nach dem Mahl zuerst mit den Dienern und den anderen Anwesenden nackt getanzt und dann auf den Boden gestreute Kastanien „auf Händen und Füßen zwischen den Leuchtern durchkriechend“ aufgesammelt haben, wobei der Papst, Cesare und seine Schwester anwesend waren. Schließlich seien Preise ausgesetzt worden „für die, welche mit den Dirnen am öftesten den Akt vollziehen könnten“. Von einer Beteiligung Lucrezias an der Orgie ist nirgends zu lesen, dennoch steht diese Szene im Mittelpunkt vieler Pornoadaptionen ihres Lebens.

Die einundzwanzigjährige mehrfach geschiedene Witwe soll sich nun ihren vierten Gatten angeblich selbst ausgesucht haben – ihr Vater, in dessen Blick sie inzwischen ihren höchsten Marktwert erreicht hat, wollte ihr nach der Ermordung Alfonsos jeden Wunsch erfüllen, und aus politischen Gründen konnte das Geschlecht des Erwählten zur Sicherung der Romagna, einem bedeutenden Kirchenlehen, das für Cesar in ein Herzogtum umgewandelt werden sollte, sehr wichtig werden. Warum ihre Wahl auf den arroganten und kaltherzigen, vier Jahre älteren Alfonso d’Este fiel, ist nicht bekannt.

Während alle Zeitgenossen von ihrer Schönheit, Klugheit und ihren angenehmen Umgangsformen schwärmten, hielten sie Alfonso für undurchsichtig, rachsüchtig und gefühlskalt. Er galt als sachverständiger Kenner allen Militärwesens, zumal des ballistischen, besonders des Geschützgusses. Vielleicht war Lucrezia von seiner großen, stattlichen Erscheinung beeindruckt. Ihr Ruf war durch das Wüten des Cesare und die Ausschweifungen des Papstes aber schon so geschädigt, dass der deutsche Kaiser Maximilian I. Einspruch gegen diese Eheschließung erhob.

Als Unternehmerin tüchtig

Nach einem monatelangen Kampf um den Ehekontrakt und der Heirat am 30. Dezember 1501 verabschiedete sich Lucrezia endlich am 6. Januar 1502 von ihrem vom Abschiedsschmerz gezeichneten Vater und ihrem erst 14 Monate alten Sohn Rodrigo, den sie nicht mit in ihre neue Ehe nehmen durfte und nie wieder sehen sollte. Ihr Zug nach Ferrara soll aus insgesamt 660 Pferden und Maultieren und 753 Personen bestanden haben, darunter Köche, Sattler, Kellermeister, Schneider und ein Goldschmied. Ihr Vater zwang alle Kardinäle zum Ehrengeleit bis ans Stadttor.

Lucrezia als Herzogin von Ferrara mit ihrem ältesten Sohn Ercole, Silberstich 1512. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/0/0c/Lucrezia-Borgia-with-son-Ercole.jpg/640px-Lucrezia-Borgia-with-son-Ercole.jpg

Die Ehe erwies sich als Glücksfall. Der Herzog erlaubte ihr weitgehende Freiheiten. Sie betätigte sich als Kunstmäzenin, förderte den jungen Maler Tizian und den Gelehrten Aldus Manutius. Als erste europäische Stadt erhielt Ferrara einen festen Theaterbau. Der Dichter Ludovico Ariosto („Orlando furioso“) besang die neue Herrin Ferraras in schwelgerischen Versen: „Alle anderen Frauen gleichen Lucrezia wie das Zinn dem Silber, das Kupfer dem Gold, die Mohnblume der Rose, die bleiche Weide dem immergrünen Lorbeer“. Ihr dichtes blondes Haar soll bis kurz vor ihrem Tod bis zu den Knien gereicht, ihre haselnussbraunen Augen oft die Farbnuancen geändert haben.

Überdies war Lucrezia jetzt auch als Unternehmerin tüchtig, erwarb in Norditalien scheinbar wertloses Sumpfland, das sie mithilfe von Entwässerungsgräben und Kanälen trockenlegen ließ, um bis zu 20.000 Hektar kostbares Weide- und Ackerland zu erlangen, mit dem große Gewinne erwirtschaftet wurden. Zudem betraute sie ihr Vater mehrmals mit den Geschäften des Vatikans. Berthold Seewald seufzt in der WELT: „Tiefer, so wird es wohl den Kirchenfürsten erschienen sein, konnte der Vatikan nicht mehr sinken. Eine strahlend schöne Frau und Mutter, von der es hieß, sie feiere mit ihrer Familie Orgien, und deren Bruder eine einzige Blutspur hinterließ, leitete das Konsistorium der Kardinäle. Aus frivolen Fantasien und abgrundtiefem Hass wurden Gerüchte mit dem Segen der Kirche.“

Derweil begann der Stern der Borgias zu sinken: 1503 starb Alexander VI., sein Nachfolger Julius II. war ein vehementer Gegner der Familie. Lucrezia gebar nach siebenjähriger Ehe endlich den ersehnten Stammhalter, den späteren Herzog Ercole II., ein Vorfahr von Marie Antoinette. Ihr Verhältnis zu Männern blieb weiter tragisch. Als der Florentiner Humanist Ercole Strozzi Lucrezia 1508 ein freizügiges Gedicht widmete, wurde er wenig später ermordet aufgefunden. Wieder kursierten wilde Gerüchte über den verderblichen Einfluss der Dame Borgia. 1513 nahm sie der neue Papst Leo X. unter seinen persönlichen Schutz, quasi eine Ehrenerklärung. Auch Ehemann Alfonso d’Este stellte sich hinter sie. Doch ihr schlechter Ruf blieb haften, obwohl die nächsten Jahre ohne Skandal verstrichen.

Während ihrer Ehe mit Alfonso gebar sie insgesamt acht Kinder, von denen vier das Erwachsenenalter erreichten. Der amerikanische Bürgerkriegsgeneral P.G.T. Beauregard und die Schauspielerin Brooke Shields verzeichnen sie in ihrer Ahnentafel. Lucrezia erlitt, zunehmend religiöser und vergeistigter geworden, noch mehrere Fehlgeburten, bringt am 24. Juni 1519 als 39-Jährige wieder eine nicht lebensfähige Siebenmonatstochter zur Welt und erkrankt am Kindbettfieber. In der Nacht halten ihr die Ärzte ein letztes Mal eine Kerze vor den Mund. Die Flamme bleibt still.

„Frau von unergründlicher Schwermut“

Als Herzogin von Ferrara war Lucrezia von ihrem Volk sehr geliebt worden. Auch das Herz ihres Gatten hatte sie im Laufe ihrer Ehe erobert. So schrieb Alfonso seinem Neffen nach ihrem Tod „Und nicht ohne Tränen kann ich dies schreiben, so schwer wird es mir, mich einer so lieben und süßen Gefährtin beraubt zu sehen, denn das war sie mir durch ihre guten Sitten und die zärtliche Liebe, die zwischen uns bestand.“

Weil Lucrezia aber ebenso schön wie mächtig war, blühten Fantasien von einer betörenden Hexe, einer Giftmischerin, Intrigantin und zügellosen Nymphomanin. Im Laufe der Jahrhunderte verzerrte sich ihr Bild zum Inbegriff der skrupellosen Femme fatale, die splitternackt vor ihrem Vater und dem vatikanischen Hof tanzt, stets einen vergifteten Ring am Finger trägt, um sich aller Feinde rasch entledigen zu können, und die an ihrem Hof wüste Orgien feiert. Es ist ein Ruf, der bis dato über sie verbreitet wird. Schon Victor Hugo widmete der Papsttochter 1833 ein Drama, das Gaetano Donizetti zu einer Oper verarbeitete, in der Lucrezia als lustvoll-tragische Giftmischerin bis heute die Bühnen der Welt beherrscht – in „Assassin’s Creed: Brotherhood“ selbst die virtuelle Bühne eines Computerspiels.

Grab der Eheleute. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/a/a6/02_Corpus_Domini_Ferrara_-Sala_del_Coro_o_sala_delle_ClarisseTombe_estensi.jpg/800px-02_Corpus_Domini_FerraraSala_del_Coro_o_sala_delle_Clarisse-_Tombe_estensi.jpg?1558777546307

Bellonci meint zwar 1939 nach Auswertung aller überlieferten Quellen, die wahre Persönlichkeit der Lucrezia Borgia herausgearbeitet zu haben – als eine Frau „von unergründlicher Schwermut, hineingestellt in düstere Tragödien ihrer eigenen Familie, aber von hoher Intelligenz und mit einer kraftvollen Natur versehen“. Umsonst. Hollywood hat ihr Schicksal zahlreich verfilmt – bis zu Francis Ford Coppolas „Pate“-Trilogie, die die Geschichte des Hauses Borgia zum Vorbild genommen hat, wie Mario Puzo sie aufschrieb. Und 2011 konkurrierten in Deutschland gleich zwei Fernsehserien um die Deutungshoheit in Sachen Borgia. Die zeitlich erste, eine ZDF-Produktion, die sich mit einem Etat von 25 Millionen Euro brüstete, brachte es auf sage und schreibe 157 Liter Filmblut.

Im Dezember 1976 ließ die SED im Sitzungssaal des Roten Rathauses in Berlin die Dichter Sarah Kirsch, Jurek Becker und Gerhard Wolf von den Genossen im Schriftstellerverband aus der Partei werfen. Das Vergehen: Sie hatten, zusammen mit neun weiteren Kollegen, in einem offenen Brief an die Parteiführung gegen den Rausschmiss des Liedermachers Wolf Biermann aus der DDR aufgemuckt. Am 7. Juni 1979 schlug die SED am selben Ort zum zweiten Mal zu. Über fünf Stunden, zeitweilig mit tumultartigen Szenen, dauerte die Mischung aus Parteiverfahren und Schauprozess. Am Ende wurden gleich neun renitente Literaten per Mehrheitsbeschluss aus dem Schriftstellerverband SSV entfernt.

Die Begründung: Sie seien „vom Ausland her gegen unseren sozialistischen Staat, die DDR, die Kulturpolitik von Partei und Regierung und gegen die sozialistische Rechtsordnung in verleumderischer Weise“ aufgetreten. Die wirklichen Vergehen der Gefeuerten: Die Romanciers Stefan Heym und Rolf Schneider hatten ohne Erlaubnis der ostdeutschen Zensurbehörde in der Bundesrepublik systemkritische Bücher veröffentlicht, ihre Kollegen Joachim Seyppel und Karl-Heinz Jakobs – aus Mangel an DDR-Gelegenheiten ebenfalls im Westen – die Pressionen gegen missliebige Autoren kritisiert.

Stefan Heym. Quelle: https://www.mz-web.de/image/5024566/2x1/940/470/e45e77e175dfc48b7a32cf1dd4c72eae/UQ/ges-ku-heym-09102011-71-52734759-jpg.jpg

Stefan Heym. Quelle: https://www.mz-web.de/image/5024566/2x1/940/470/e45e77e175dfc48b7a32cf1dd4c72eae/UQ/ges-ku-heym-09102011-71-52734759-jpg.jpg

Die anderen fünf – die Erzähler Kurt Bartsch, Klaus Poche, Klaus Schlesinger, Dieter Schubert und der Lyriker Adolf Endler – kamen wegen eines Briefs an Erich Honecker zu Fall, in dem der SED-Chef im Mai nachlesen konnte, was die Schreiber von seiner Kulturpolitik halten: „Immer häufiger wird versucht, engagierte, kritische Schriftsteller zu diffamieren, mundtot zu machen oder, wie unseren Kollegen Stefan Heym, strafrechtlich zu verfolgen.“ Bei den Verfassern des Protestbriefes an Honecker fehlten beim Ausschlussverfahren die Namen Jurek Becker, Martin Stade und Erich Loest. Becker und Stade hatten bereits 1977 bzw. 1978 den SSV verlassen, und Loest gehörte dem Leipziger Verband an. Er trat 1980 aus und verließ ein Jahr später die DDR. Die Bannbullen gehören nicht nur durch den Ort, sondern auch in der Sache zusammen: Nach einer erfolglosen Phase der Befriedung ihrer seit der Biermann-Vertreibung aufgestörten Kulturszene geht die SED erneut und diesmal endgültig gegen ihre intellektuellen Abweichler vor.

„Der öffentliche Meinungsstreit findet nicht statt“

Die 1928 von Friedrich Wolf gehaltene Rede „Kunst ist Waffe“ umreißt die starke Politisierung der Kunst und vor allem der Literatur im Bund proletarischer Schriftsteller, die später auch der Kulturpolitik der SED in der DDR als Grundlage diente. Dabei gelangte die Literatur aufgrund funktionaler Überfrachtung rasch an ihre Grenzen: Unterhaltung, Reflexion sozialer Verhältnisse, Verständnis gesellschaftlicher Zusammenhänge, Vermittlung von Lehren (wie Brecht forderte), Widerspiegelung der Wirklichkeit mit künstlerischen Mitteln, ja ideologisch motivierte Klassenauseinandersetzung – musste (oder durfte) dabei die kritische Konfrontation mit der Realität auf der Strecke bleiben?

Das ehrliche Nachdenken über Probleme stand in unlösbarem Widerspruch zum „sozialistischen Realismus“ und erhielt zunehmend schneller ein staatsfeindliches Etikett. Seit der Biermann-Affäre und den nachfolgenden Protesten vieler DDR-Literaten musste die SED befürchten, dass ihr die Kontrolle über die Literatur-Szene entglitt. Damals begann die Partei, das ganze Arsenal staatlicher Repressionsmacht einzusetzen: Zensur, Publikationsverbot, Organisationsausschluss, ideologische Kampagnen, Ausbürgerung, Stasi-Verfolgung, Verhaftung – ein gestaffeltes, genau kalkuliertes Instrumentarium von Sanktionen. Die Folge: Viele Schriftsteller verließen notgedrungen das Land, darunter Reiner Kunze, Sarah Kirsch, Thomas Brasch oder Jürgen Fuchs.

Schädlich, Biermann, Fuchs. Quelle: https://www.bpb.de/cache/images/3/224713-3x2-article620.jpg?AE82E

Schädlich, Biermann, Fuchs. Quelle: https://www.bpb.de/cache/images/3/224713-3x2-article620.jpg?AE82E

Zur Abschreckung wurde auch das Devisengesetz strikter ausgelegt: Wer ohne Einwilligung des Büros für Urheberrechte im Ausland veröffentlichte, wurde wegen Devisenvergehens mit hohen Geldstrafen belegt, so Heym für den Roman „Collin“ mit 9.000 Mark – er wurde gar als „ehemaliger US-Bürger“ diffamiert. Ebenso wurde das Strafrecht verschärft: Der Paragraph 219 besagte unter anderem, dass zu bestrafen ist, „wer als Bürger der Deutschen Demokratischen Republik Nachrichten, die geeignet sind den Interessen der Deutschen Demokratischen Republik zu schaden, im Ausland verbreitet oder verbreiten lässt.“ Damit konnte jede kritische Auslandsveröffentlichung sanktioniert werden.

Doch viele Autoren zeigten nach der Biermann-Ausbürgerung, dass sie nicht bereit waren, auf die Öffentlichkeit zu verzichten, die ihnen die westlichen Medien boten. Im Protestbrief vom Mai heißt es prompt: „Der öffentliche Meinungsstreit findet nicht statt. Durch die Kopplung von Zensur und Strafgesetzen soll das Erscheinen kritischer Werke verhindert werden.“ Da das Schreiben in der DDR totgeschwiegen wurde, unterrichteten die Briefunterzeichner Tage später die westdeutsche Presse darüber. Mit der Verzögerung wollten sie der DDR-Regierung Verhandlungsbereitschaft signalisieren und den Verdacht vermeiden, über die Westmedien mit der DDR-Regierung zu diskutieren.

Die Reaktion kam ebenso prompt. Zunächst versicherte Dieter Noll, der mit „Die Abenteuer des Werner Holt“ ein sofort kanonisiertes Kriegsopus geschrieben hatte, in einem offenen Brief an Erich Honecker, dass „die Schriftsteller“ voll hinter der Partei und der Kulturpolitik der Regierung stünden –  mit der Ausnahme, dass es „einige wenige kaputte Typen wie die Heym, Seyppel oder Schneider“ gibt. Selbst der linksalternative Nobelpreisträger Heinrich Böll nannte den Noll-Text laut SPIEGEL eine „öffentliche Denunziation“.

Danach feuerte, wie Noll im SED-Blatt Neues Deutschland, SSV-Chef Hermann Kant eine volle Breitseite ab: „Wer die staatliche Lenkung und Planung auch des Verlagswesens Zensur nennt, macht sich nicht Sorge um unsere Kulturpolitik – er will sie nicht“, sagte er nur Stunden zuvor auf einer Tagung des SSV-Zentralvorstandes am 30. Mai 1979, auf der der Ausschluss der Aufmüpfigen vorbereitet wurde. So schnell waren Statements selten ins Blatt gehoben.

Hermann Kant. Quelle: https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/hermannkant112_v-contentgross.jpg

Hermann Kant. Quelle: https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/hermannkant112_v-contentgross.jpg

Der SSV spielte die tragende Rolle bei der indirekten „Lenkung und Planung“: Nur wer hier Mitglied war, bekam eine Steuernummer und konnte als freier Schriftsteller in der DDR arbeiten. Er musste sich allerdings zur „führenden Rolle der Arbeiterklasse und ihrer Partei in der Kulturpolitik“ bekennen. Wer von dieser Linie abwich, wurde in der Öffentlichkeit diffamiert, verlor die Möglichkeit zu veröffentlichen und damit seine Existenzgrundlage. Ergo stand das Ergebnis des Tribunals eine Woche später schon vorher fest: Heym wird süffisant erklären, er habe Verständnis für alle, die den Ausschluss gutheißen, es stünden ja Existenz und Privilegien auf dem Spiel.

„kann für diese Leute kein Platz sein“

Joachim Seyppel erregte gleich beim Eintritt Aufsehen: Er erschien, fünf Minuten zu spät, mit einem riesigen Rucksack bepackt, da er gleich nach dem zu erwartenden Ausschluss ins Wochenende aufbrechen wollte. Berlins SSV-Bezirkschef Günter Görlich gab vor fast 400 Mitgliedern, darunter vielen Funktionären, die Tonlage vor: „Wer sich, egal wo er ist, bewusst oder unbewusst, dem Klassenfeind zur Verfügung stellt, dient der Reaktion.“ Sein Erster Sekretär Helmut Küchler ging ins Detail: Er zählte penibel das Sündenregister der neun auf und warf den Angeklagten vor, sie hätten „nicht in zeitweiliger Verwirrung, sondern aus prinzipieller Haltung“ die „führende Rolle der Partei der Arbeiterklasse“ missachtet. „In den Reihen des Verbandes kann für diese Leute kein Platz sein.“

Folgsam stießen die Genossen nach. Puhdys-Texter und Stasi-IM Wolfgang Tilgner hat „nicht die Absicht, auf der Seite der moralischen Verlierer zu sein.“ Harald Hauser, für den „der gute Stefan Heym kein Antifaschist mehr ist“, gibt vor, dass ihn mit „jenen nicht mal mehr die Tatsache verbinde, dass sie auch Bücher schreiben“. Der Literaturwissenschaftler und Stasi-IM Werner Neubert bescheinigte dem einst zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilten Loest: „Dieses Bautzen war das Resultat und die Konsequenz einer schon einmal sehr deutlich gegen uns gerichteten und organisierten Haltung.“

Erich Loest. Quelle: https://www.mz-web.de/image/23328824/2x1/940/470/ffd68f4ad4153cef29b3cfa23f393db6/Ge/71-92022660--erich-loest--1--17-11-2015-21-53-01-930-.jpg

Erich Loest. Quelle: https://www.mz-web.de/image/23328824/2x1/940/470/ffd68f4ad4153cef29b3cfa23f393db6/Ge/71-92022660--erich-loest--1--17-11-2015-21-53-01-930-.jpg

Doch die Angegriffenen gingen nicht zu der früher üblichen Übung der Selbstkritik über, sondern wehrten sich – auch wenn sie auf verlorenem Posten kämpften. Stefan Heym rief in den Saal: „Worum geht es? Nicht um Devisen oder ähnliches. Es geht um die Literatur. Der Schriftstellerverband, dafür ist er eigentlich da, müsste sich auf die Seite derer stellen, die sich bemühen, unsere Welt in ihrer Widersprüchlichkeit darzustellen und verständlich zu machen. Stattdessen lässt er Resolutionen drucken, die dem Apparat bescheinigen, wie Recht er hat, gerade diesen Teil der Literatur des Landes zu unterdrücken… wer die Kunst irgendwelchen taktischen Bedürfnissen unterwerfen will, vernichtet gerade die Kunst, die der Sozialismus braucht.“ Und er erinnerte mit einer biblischen Metapher daran, dass sich Menschen eines Tages erkundigen würden: „Wie habt ihr euch damals verhalten, Meister des Wortes, als es darauf ankam, sich zählen zu lassen?“

Während der Debatten bekam nur Stephan Hermlin großen Beifall – obwohl er schon ahnte, dass seine vermittelnde Position in der aufgeheizten Atmosphäre nicht mehr zeitgemäß war. Er kritisierte zwar Veröffentlichungen im Westen und den Hang einiger Schriftsteller, sich mehr mit Interviews und offenen Briefen zu beschäftigen als mit dem Schaffen von Literatur. Aber er sagte auch: „Wir haben eine lange Tradition im Nichtertragen anderer Meinungen und im Glauben daran, dass die eigene Meinung die Alleinseligmachende ist.“ Er plädierte für die Rückkehr zur Vernunft und die Unterbrechung des gegenseitigen Hochschaukelns dieses Konflikts: „Wenn Schriftsteller der DDR sich dort äußern, wo sie sich eigentlich nicht äußern sollten, so liegt es daran, dass sie sich oft nicht äußern können, wo ihnen das möglich sein müsste.“

Umsonst. Die Abstimmung war eine reine Formsache, öffentlich und nicht geheim, um später die Gegenstimmen zur Rechenschaft ziehen zu können: rund 50 waren es gerade mal, neben Hermlin auch Christa Wolf, Ulrich Plenzdorf und Günther de Bruyn. Enger und eindeutiger sollte die SED die Grenzen der Kritik in ihrer Kulturpolitik nie wieder definieren. Anschließend verabschiedete das Gremium mit „eindeutiger Mehrheit“ ohne Diskussion noch eine Ergebenheitsadresse an „die Genossen der Parteiführung“ zum 30. Jahr des DDR-Bestehens. Darin heißt es:

„An der Seite der Arbeiterklasse gehören wir zu den Siegern der Geschichte.“

National wie international galt der Ausschluss als Skandal, als schwerer Schlag für das Ansehen der DDR. Fünf der ausgeschlossenen Autoren verließen wenig später das Land. Die vier, die blieben, wie der nachmalige Bundestags-Alterspräsident Stefan Heym, mussten erhebliche Schikanen hinnehmen: Veröffentlichungen wurden verhindert, Bücher aus den Verlagsprogrammen gestrichen. Dieser Umgang mit den eigenen Autoren prägte das Bild von der DDR-Kulturpolitik bis zu ihrem Ende: selbst wer zum System stand, konnte in diesem Staat zum Feind werden. Das mutet heute makaber an.

Die Konfliktlinien zwischen Theatern und der AfD in Sachsen – unter diesem Titel führte der Journalist Michael Bartsch ein längeres, offenes Interview mit Karin Wilke (MdL) und mir zur Kultur-, speziell zur Theaterpolitik des AfD-Landesverbands und der Landtagsfraktion im Wahljahr. Allerdings sind nur wenige Aussagen des über einstündigen Gesprächs in den Text gelangt.

Den kompletten Artikel kann man hier nachlesen.

Aus meinem Text für den Tumult-Blog. Vollständig ist er hier nachzulesen.

… Letztlich wurde der Druck so stark, dass der Verein, leider auf unkluge Weise, kapitulierte. Am 31. Mai schloss der Vorstand erst Krause von der Teilnahme aus, weil seine öffentlichen Äußerungen „den ethischen Grundsätzen unseres Vereins“ widersprächen: „Wir können an dieser Stelle nicht mehr die Kunst vom Künstler trennen. Die Ereignisse der letzten Tage haben uns die politischen Dimensionen der Auswahl der Bilder Axel Krauses vor Augen geführt.“

Zugleich trat der Vorstand zurück und sagte am 1. Juni die 26. Leipziger Jahresausstellung vollständig ab, die vor dem Ersten Weltkrieg ursprünglich von Max Klinger und anderen Leipziger Künstlern gegründet und 1992 wiederbelebt worden war. Die Begründung dafür: „Die Ereignisse der letzten Tage haben zu dieser Entscheidung geführt. Der komplett ehrenamtlich arbeitende Verein sieht sich nicht in der Lage, einen Veranstaltungsablauf wie in den vergangenen 25 Jahren zu gewährleisten. Zudem ist Vereinsmitgliedern, ausstellenden Künstlern, Förderern und Besuchern die insbesondere in den letzten beiden Tagen stark politisierte und aufgeheizte Situation nicht zuzumuten“, heißt es in einer Pressemitteilung. „Politische Neutralität erweist sich in diesen Zeiten als unmöglich.“

Schade und sein Vorstand haben damit einen Kotau vor dem jakobinischen Kunstwächterrat der Messestadt vollzogen. Wer Axel Krause ausschließt, dann aus Feigheit vor den Konsequenzen dieses Ausschlusses zurücktritt und die Ausstellung absagt, beschädigt das Ansehen der Jahresausstellung, der Stadt Leipzig, der Kunstszene Sachsens und nicht zuletzt der Demokratie. Das ist unwürdig und bestätigt einmal mehr nicht allein die AfD, sondern alle, die vor linken Einschränkungen der Kunst- und Wissenschaftsfreiheit warnen. Krause selbst hatte bereits 2018 gegenüber anbruch zu bedenken gegeben, dass der Künstler unfreier werde.

„Volle Solidarität!“

Mit diesem Vorgang setzt sich eine missliche Reihe fort, die nicht erst mit der Tilgung des Gomringer-Gedichts „avenidas“ von der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin begann und in die aktuell auch die parallele Besetzung der Bibliothek der Dresdner Hochschule für Bildende Künste HfbK fällt, deren Leiterin Barbara Lenk für die AfD Meißen zum Kreistag kandidierte. Wenn gesinnungseifrige Kunststudenten fordern, dass Lenk umgehend ihre Arbeitsstelle an der HfBK oder ihre Aktivitäten im Zusammenhang mit der AfD aufzugeben habe, dann finden auch in diesem Fall Methoden Anwendung, die man seit 70, spätestens aber seit 30 Jahren für historisch ausrangiert gehalten hätte. Dass hier eine ihrerseits Parteilose betroffen ist, die bisher noch nicht einmal gewählt wurde, macht den Vorgang umso unbegreiflicher.

Quelle: Tumult-Blog

Die SPD änderte für das inzwischen parteilose Ex-CDU-Mitglied Frank Richter sogar die Parteisatzung, um ihn auf einen aussichtsreichen Landtags-Listenplatz zu hieven – diese Partei denkt über Enteignungen nach und hat kein Problem mit Antifa-Kooperationen. Andererseits wird das politische Engagement einer unbescholtenen Bürgerin für eine demokratische Partei, die in der Wählergunst inzwischen an der SPD mit Schwung vorbeigezogen ist, zu einer existenzbedrohenden Angelegenheit. Dass sich Rektor, Kanzler und Bibliothekskommissarin hinter Lenk stellten, tröstet dabei wenig. All diese Vorgänge lassen deutlich werden, wie sehr linksgrüne Umerziehung und neosozialistisches Moraldiktat in diesem Land inzwischen die Freiheit der Kunst, der Kultur und auch der Wissenschaft beeinträchtigen. …

„Es ist gewiss viel Schönes dran
am Element, dem nassen,
weil man das Wasser trinken kann!
Mann kann’s aber auch lassen“

Es sind genau diese semantischen Doppelbödigkeiten, für die ihn seine Fans jeden Alters bis heute feiern. Seine Ankündigung „noch’n Gedicht“ wurde ebenso zum geflügelten Wort wie sein Ausruf „Was bin heute wieder für ein Schelm“, sein Brillengestell aus braunem Celluloseacetat wird bis heute von einem Hamburger Optiker vertrieben, und ohne ihn sind weder Otto Waalkes noch die heutige „Comedy“-Szene denkbar: Heinz Ehrhardt. Am 5. Juni vor 40 Jahren starb der Schauspieler, Kabarettist, Komponist und Filmproduzent in Hamburg – nur vier Tage nach seiner Ehrung mit dem Bundesverdienstkreuz für sein Lebenswerk.

Er hatte noch viel mehr Witze, Gedichte und sogar Chansons und Klavierkompositionen geschrieben als angenommen. Im Nachlass fanden sich zunächst zahlreiche Klavierstücke aus der Zeit zwischen 1925 und 1931. 23 dieser Stücke wurden 1994 erstmals auf Tonträger veröffentlicht, die Noten dazu dann zu seinem 100. Geburtstag 2009. Seine Enkelin Nicola Tsyzkiewicz wurde im Sommer letzten Jahres erneut fündig und ließ ausgewählte, teils recht sentimentale Stücke von deutschen Prominenten – unter anderem von den „Tatort“-Kommissaren Axel Prahl und Wotan Wilke Möhring – einsingen und vorlesen. Die CD erschien im Herbst 2018.

Heinz Ehrhardt. Quelle: https://www.welt.de/img/regionales/hamburg/mobile100215943/7342504257-ci102l-w1024/hheinz02-DW-Hamburg-Hamburg-jpg.jpg

Heinz Ehrhardt. Quelle: https://www.welt.de/img/regionales/hamburg/mobile100215943/7342504257-ci102l-w1024/hheinz02-DW-Hamburg-Hamburg-jpg.jpg

Dabei begann seine erfolgreiche Karriere mit einer Geschichte, die ihm ein Schriftsteller nicht besser hätte auf den Leib schreiben können: Im Mai 1938 – Heinz Erhardt war 29 Jahre alt – ergatterte er in Berlin einen Termin bei Sperlichs Künstleragentur, die den Kabarettisten Peter Igelhoff an die Kaiserkrone in Breslau vermittelt hatte. Doch Igelhoff war erkrankt, so dass der Agentur eine Vertragsstrafe drohte, wenn nicht kurzfristig ein Ersatz beschafft würde. Dieser Ausfall Igelhoffs bescherte Erhardt einen Vertrag für mehrere Vorstellungen an der renommierten Kaiserkrone.

Die erste Vorstellung Erhardts war ein Desaster. Das Publikum buhte ihn aus und protestierte lauthals, denn sie wollten den bekannten Igelhoff sehen. Erhardt war sehr enttäuscht und blieb am Abend der zweiten Vorstellung – vielleicht aus Kummer – im Bett und verschlief beinahe. „Man fand mich schnarchend, rüttelte mich wach und scheuchte mich in die Kaiserkrone. Mir war alles egal. Und so schlich ich mich verschlafen, mit tieftraurigem Gesicht auf die Bühne und spulte mein Programm ab. Die Leute schrien vor Lachen.“ Erhardt hatte seinen Stil gefunden. Sein trotteliges Gesicht, der Schlafzimmerblick, seine scheinbar spontanen Einfälle waren von nun an seine Markenzeichen.

„also machte ich, dass ich fortkam“

„Es war an einem 20. Februar. Das Thermometer zeigte 11 Grad minus und die Uhr 11 Uhr vormittags, als vor unserem Haus das Hauptwasserrohr platzte. Im Nu war die Straße überschwemmt und im gleichen Nu gefroren. Die umliegenden Kinder kamen zuhauf, um auf ihren Schuhen schlittzulaufen. Ich selbst konnte mich an diesem fröhlichen Treiben nicht beteiligen, weil ich noch nicht geboren war. Dieses Ereignis fand erst gegen Abend statt.“ Genauer gesagt, 1909 in der lettischen Hauptstadt Riga, als Sohn des deutsch-baltischen Kapellmeisters Gustl Erhardt, muss man seine unvollendete Autobiographie ergänzen.

Seine Eltern trennten sich kurz nach der Geburt, so dass Heinz bei seinen Großeltern in Riga aufwuchs. Sein Großvater Paul führte eine Musikalienhandlung und ihn ans Klavierspiel heran. Außerdem leitete er eine Gastspieldirektion und holte viele berühmte Künstler in die Stadt, so dass der kleine Heinz auch dem berühmten Tenor Enrico Caruso die Hand schütteln konnte. Kurz bevor er eingeschult wurde, besann sich seine Mutter ihrer elterlichen Pflichten und „entführte“ ihren Sohn – wie er es später selbst formulierte – nach Sankt Petersburg. Heinz Erhardt konnte sich jedoch nicht eingewöhnen und litt so sehr unter Heimweh, dass er schließlich zu den Großeltern nach Riga zurückkehren durfte. „Sie waren so gut zu mir, dass es schon wieder schlecht war“, sagt er später.

Der junge Ehrhardt. Quelle: https://www.schauspielhannover.de/bilder/seiten/normal/1431504923_heinzerhardt5cerbengemeinschaftheinzerhardt.jpg

Der junge Ehrhardt. Quelle: https://www.schauspielhannover.de/bilder/seiten/normal/1431504923_heinzerhardt5cerbengemeinschaftheinzerhardt.jpg

Vier Jahre später musste er Riga erneut verlassen. Sein Vater war inzwischen ein angesehener Dirigent, der in ganz Deutschland Auftritte hatte, und nahm seinen Sohn bei sich auf. Heinz Erhardt bekam eine seriöse Musikausbildung, komponierte und dirigierte bereits als 13-Jähriger ein Freiluftkonzert von Haydns Kindersinfonie. Zwei Jahre später kehrte er schließlich wieder zu seinen Großeltern nach Riga zurück. Zu diesem Zeitpunkt hatte er sage und schreibe 15-mal die Schule gewechselt. „In der Schule war kein Fortkommen – also machte ich, dass ich fortkam.“ Er verließ das Rigaer Gymnasium ohne Abschluss und wollte professioneller Pianist werden.

Sein Großvater jedoch sah in ihm seinen Geschäftsnachfolger und schickte ihn in ein Leipziger Musikgeschäft, wo er eine kaufmännische Lehre begann. Statt Klaviere zu verkaufen, spielte er lieber selbst darauf und sang eigene Lieder dazu. Nebenbei studierte Erhardt am Konservatorium Klavier und Komposition. Nach dem Tod des Großvaters im Jahre 1929 übernahm sein Stiefvater das Geschäft, in dem Heinz Erhardt weiterhin für einen bescheidenen Lohn angestellt war. „Dann fing ich plötzlich an, Gedichte zu machen, und dann wurde ich eingeladen zu Onkeln und Tanten, zu Vereinen und da musste ich immer eins zum Besten geben. Dann hieß es immer: Heinz, nun noch mal was, und so schlitterte ich in diesen Beruf hinein“, beschreibt er seinen Karrierestart später, der ihn mit selbst komponierten und komischen Texten und Liedern auch in die Kaffeehäuser der Stadt und später in Programme der Reichssender Königsberg und Danzig führte.

1934 lernt er die Tochter des ehemaligen italienischen Konsuls in Sankt Petersburg Gilda Zanetti in einem Aufzug kennen und heiratet sie im Jahr darauf. Sie war die Liebe seines Lebens, die ihn 45 Jahre lang auf nahezu allen Wegen begleitete und ihn ermutigte, 1938 nach Berlin zu gehen und sein Glück als Schauspieler zu versuchen. Willi Schaeffers engagierte ihn am legendären Kabarett der Komiker, wo er seinen Durchbruch schaffte. 1941 wurde Erhardt zur Wehrmacht einberufen. Bei zwei Musterungen war er durchgefallen, bei der dritten kam er – als Nichtschwimmer und Brillenträger – nach Stralsund zur Kriegsmarine, die für das Marine-Musikkorps einen Klavierspieler suchte. So blieb ihm die Front erspart.

„Lampenfieber quälte ihn immer“

Seine Frau und die Kinder, insgesamt sollten es ein Sohn und drei Töchter werden, flohen über Polen und Schleswig-Holstein nach Hamburg, wo sich die Familie 1945 in Wellingsbüttel niederließ. Ehrhardt arbeitete zunächst als erfolgreicher Radiomoderator bspw. für die Sendung „So was Dummes“ beim NWDR, der ihn 1948 auch als Komponist mit seiner „10-Pfennig-Oper“ ins Programm nahm. Selbst die Engländer, deren Zensurbehörden jede seiner Sendungen im Voraus absegnen mussten, waren begeistert: „Sie sind der einzige Deutsche, über den wir lachen können, ohne dass wir ein einziges Wort verstehen!“ 1947 begann er, seine berühmten Erinnerungsalben zu führen: Dicke ledergebundene Wälzer mit Zeitungsartikeln, Fotos und privaten Notizen. Insgesamt hat er auf diese Weise 19 dicke Alben gefüllt.

Ehrhardt als "Wittwer". Quelle: https://www.cinema.de/sites/default/files/styles/cin_landscape_510/public/sync/cms3.cinema.de/imgdb/import/dreams2/1000/682/7/1000682799.jpg?itok=sQbHMD8E

Ehrhardt als "Wittwer". Quelle: https://www.cinema.de/sites/default/files/styles/cin_landscape_510/public/sync/cms3.cinema.de/imgdb/import/dreams2/1000/682/7/1000682799.jpg?itok=sQbHMD8E

Seine größten Erfolge feierte er ab Ende der 50er Jahre im Kino als Hauptfigur in Filmkomödien, darunter „Witwer mit fünf Töchtern“ (1957), „Der Haustyrann“ (1959) oder „Drei Mann in einem Boot“ (1961) gemeinsam mit Walter Giller und Hans-Joachim Kulenkampff. 39 Filme sind es am Ende. Parallel dazu beginnt Ehrhardts Theater-, Tournee- und Fernsehkarriere, für die er auch Paarnummern mit Peter Alexander, Rudi Carrell oder Udo Jürgens schrieb. Kaum eine große Abendshow kam damals ohne Ehrhardt aus. Das Multitalent begeistert mit Doppelsinnigkeiten, Wortverdrehung und -neuschöpfungen, mit Musik, Gestik und Mimik – ein Allroundtalent. Der beleibte Erhardt, schon rein optisch ein würdiger Exponent der damaligen „Fresswelle“, gilt als Humorist des Wirtschaftswunders.

Abseits der Scheinwerfer ist der „liebenswert-tapsige Underdog“, so Michael Wenk in der NZZ, eher schüchtern. Sein Sohn Gero berichtet im MDR: „Privat war er mehr still, sehr in sich gekehrt, introvertiert. Mein Elternhaus war ein Frauenhaushalt, Mutter, Großmutter, drei Schwestern. Davon zog sich dann mein Vater in seinen Wohnwagen im Garten zurück, arbeitete dort, bienenfleißig.“ Und er sagte auch:

„Leicht fiel ihm nichts, Lampenfieber quälte ihn immer. Jeder Bühnenauftritt war ein Kraftakt, an dessen Ende er völlig ausgelaugt, leer gepumpt war. Ein zutiefst einsamer Mann mit wenigen Freunden.“

Das Publikum liebte diesen ganz normalen, etwas spießigen und verklemmten Musterbürger, den pseudo-autoritären Typ, den er darstellte und zugleich bis aufs Bodenloseste lächerlich machte. Erhardts Dauer-Rolle: Der halb hilflose, halb durchgeknallte Dicke mit der Brille. Denn um sich die Angst vor dem Publikum zu nehmen, trug Heinz Erhardt auf der Bühne eine Hornbrille mit dickem Fensterglas, die seine Kurzsichtigkeit nicht korrigierte. Dadurch nahm er das Publikum nur verschwommen wahr und konnte damit sein Lampenfieber mildern. 1963 startete er im Fackelträger Verlag mit „Noch´n Gedicht“ auch eine Karriere als Buchautor.

Er war immer unterwegs. Seine Familie, allen voran die Kinder, sahen ihren Vater nur noch selten und erinnern sich in der ARD: „Im Grunde hat er eigentlich nur gearbeitet. Zum Beispiel, wenn wir zusammensaßen oder wenn wir Besuch hatten, dann war er plötzlich mal eine Weile verschwunden, dann saß er am Schreibtisch und hat irgendwas notiert (…). Er war immer mit den Gedanken bei seinem Beruf – immer.“ Ab Ende der 1960er Jahre verschlechterte sich sein Gesundheitszustand.

Ehrhardt mit Theo Lingen. Quelle: Ehrhardt mit Theo Lingen. Quelle: https://tackerfilm.de/wp-content/uploads/2017/11/heinz-erhardt-kabarett-klassiker-08.jpg

Ehrhardt mit Theo Lingen. Quelle: Ehrhardt mit Theo Lingen. Quelle: https://tackerfilm.de/wp-content/uploads/2017/11/heinz-erhardt-kabarett-klassiker-08.jpg

Jäh beendete dann ein Schlaganfall im Dezember 1971 seine Karriere. Die letzten siebeneinhalb Jahre seines Lebens war Heinz Erhardt halbseitig gelähmt. Ihm widerfuhr wohl mit das Schlimmste, was einem Sprachakrobaten wie ihm passieren kann: Er war nicht mehr fähig, auch nur ein einziges Wort zu sprechen – obwohl er jedes Wort verstand, das um ihn herum gesprochen wurde. Trotz Bühnenabstinenz bekommt der populäre Alleinunterhalter, der jetzt im Rollstuhl sitzt, noch immer tausende Briefe von seinen Fans. Von der 1972 veröffentlichten LP „Was bin ich wieder für ein Schelm“ wurden bis 1984 über 250.000 Exemplare verkauft; dafür gab‘s eine Goldene Schallplatte. Die LP erschien 1985 auch in der DDR und war dort ebenfalls ein großer Erfolg.

„steht er für Güte und Menschlichkeit“

Doch Ehrhardt kommt nochmal ins Fernsehen, für einen letzten großen Auftritt. Gemeinsam mit seinem Sohn Gero als Kameramann arbeitet er an der Fernsehfassung der komischen Oper „Noch ´ne Oper“, die Erhardt bereits in den 30er Jahren geschrieben hatte und die einen Tag nach seinem 70. Geburtstag im ZDF schließlich ausgestrahlt wurde. Viele berühmte Kollegen wie Paul Kuhn, Ilse Werner oder Helga Feddersen waren dabei. Seine Stimme wurde aus früheren Rundfunkaufnahmen hinzugemischt. In kurzen, eingeblendeten Szenen war er selbst als amüsierter Dichter in einem Park auf einer Bank sitzend zu sehen. Wochen darauf stirbt er und wird auf dem Hauptfriedhof Ohlsdorf in Hamburg beigesetzt.

Die Ehrhardt-Rezeption kommt danach erst richtig in Gang. Seit seinem Tod erschienen etwa im Zweijahresrhythmus neue LP/CD, darunter auch eine für Kinder. Vier Jahre nach seinem Tod zeigten die Kinos einen alten Erhardt-Film nach dem anderen: „Die Jugend rennt zu Erhardt“ titelten die Zeitungen und begründeten den Erfolg mit der zeitlosen Qualität seines Humors. Nach der Jahrtausendwende wurde die Grünanlage „Fasanenhain“ in Hamburg-Wandsbeck zum Heinz-Ehrhardt-Park, und die Kreuzung am Weender Tor in Göttingen, wo er als Verkehrspolizist Eberhard Dobermann in dem Film „Natürlich die Autofahrer“ (1959) den Verkehr regelte, zum Heinz-Ehrhardt-Platz.

Heinz-Ehrhardt-Platz. Quelle: Heinz-Ehrhardt-Platz. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/9b/Heinz_Erhardt_Denkmal_G%C3%B6.jpg

Heinz-Ehrhardt-Platz. Quelle: Heinz-Ehrhardt-Platz. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/9b/Heinz_Erhardt_Denkmal_G%C3%B6.jpg

2004 erhält Erhardt einen Stern im „Walk of Fame des Kabaretts“ in Mainz, 2007 kommt er bei der Wahl zum besten deutschsprachigen Komiker in der ZDF-Sendung „Unsere Besten – Komiker &Co.“ auf den zweiten Platz hinter Loriot. Der Kritiker Volker Bergmeister bestätigte diese Rangfolge 2010 in seiner Liste der zehn nachhaltigsten Comedians. Zeitlebens galt er als besser, aber nicht so arriviert und feinsinnig wie Loriot, der ihn überlebt: ein Komiker für die Kleinen statt ein Bajazzo für die Betuchten. John von Düffel schrieb das Theaterstück „Ich, Heinz Erhardt“ zum 100. Geburtstag des Komikers, aus demselben Anlass legte die Deutsche Post eine Sonderbriefmarke auf.

„Erhardts gemütvoll-sanfte Figuren sind der Gegenentwurf zum Klischee vom zackigen Deutschen. Selbst dort, wo er subalterne Repräsentanten der Obrigkeit darstellt, steht er für Güte und Menschlichkeit“, befindet Wenk und verweist gerade auf die Rolle des Finanzbeamten Willi Winzig, der in „Was ist denn bloß mit Willi los?“ (1970) ein großes Herz für kleine Steuersünder zeigt. Manche seiner Gedichte könne man auch dem Genre des schwarzen Humors zurechnen, so Kritiker, da sie auf subtile Weise um die Themen Vergeblichkeit, Vergänglichkeit und Tod kreisten. „Wer sich selbst auf den Arm nimmt, erspart anderen die Arbeit“, so ein Bonmot des Humoristen, der auch vor Kalauern nicht zurückschreckte, die bis heute Kult sind:

„Die alten Zähne wurden schlecht,
und man begann, sie auszureißen,
die neuen kamen grade recht,
um mit ihnen ins Gras zu beißen.“

Zum großen Triumph am 4. Juni 1989 war sie bereits ausgetreten: Anna Walentynowicz, Kranführerin auf der Danziger Lenin-Werft. Ihre fristlose Entlassung am 7. August 1980, wenige Monate vor ihrer Pensionierung, war eine Woche später der Anlass zu den Streiks, die zur Gründung der ersten freien Gewerkschaft führten. Neun Jahre später geht die „Unabhängige Selbstverwaltete Gewerkschaft Solidarität“, die „NSZZ Solidarność“, als Siegerin der ersten freien Parlamentswahlen Polens hervor.

Als Auslöser der großen Streikwelle galten die Preiserhöhungen für Fleisch vom 1. Juli 1980, verursacht durch eine Wirtschaftskrise, die schon seit Jahren die Lebensbedingungen der Polen stetig verschlimmert. Zuerst protestieren die Eisenbahnangestellten in Lublin, dann legen immer mehr Arbeiter im ganzen Land ihre Arbeit nieder. Am 14. August erreicht die Streikwelle auch die Lenin-Werft: die Arbeiter besetzen das Werftgelände, verschanzen sich hinter den Toren und gründen ein betriebliches Streikkomitee. Zu ihrem Anführer wird der junge Elektriker Lech Walesa. Bereits vier Jahre zuvor hatte er versucht, eine vom Staat unabhängige Gewerkschaft zu gründen, und wurde entlassen.

Anna Walentynowicz und Lech Walesa. Quelle: https://www.rp.pl/apps/pbcsi.dll/bilde?Avis=RP&Dato=20151030&Kategori=PLUSMINUS&Lopenr=310309988&Ref=AR&Profile=1089&MaxW=750&imageversion=MainTopic1

Anna Walentynowicz und Lech Walesa. Quelle: https://www.rp.pl/apps/pbcsi.dll/bilde?Avis=RP&Dato=20151030&Kategori=PLUSMINUS&Lopenr=310309988&Ref=AR&Profile=1089&MaxW=750&imageversion=MainTopic1

Die Arbeiter verlangen unter anderem die Wiedereinstellung von Anna Walentynowicz sowie ein Denkmal für die Streikenden, die 1970 vom Militär vor der Werft erschossen wurden. Als den Forderungen nachgegeben wird, scheint der Streik nach zwei Tagen zu Ende zu gehen. Doch die Arbeiter entscheiden sich dazu, weiterzumachen: Unter Walesas Führung wird ein „Überbetriebliches Streikkomitee“ gegründet, das mehr als 300 polnische Betriebe repräsentiert und 21 Forderungen an die Regierung ausarbeitet. Die beinhalten etwa Lohnerhöhungen, Abschaffung der Zensur und Redefreiheit, Streikrecht und vor allem das Recht auf unabhängige Gewerkschaften.

Nach langen Verhandlungen lenkt die Regierung ein. Am 31. August 1980 unterzeichnen Walesa und Vize-Ministerpräsident Mieczyslaw Jagielski das „Danziger Abkommen“. Polen ist damit das erste Land im Ostblock, in dem freie Gewerkschaften zugelassen werden. Jagielski kommentierte die Einigung mit den Worten „Es gibt weder Sieger noch Verlierer“ – und täuschte sich gewaltig. Die Sowjetunion fühlt sich durch die Geschehnisse bedroht und zieht sogar Truppen nahe der polnischen Grenze zusammen, doch zu einem Einmarsch kommt es nicht: Regierungschef Wojciech Jaruzelski fühlt sich noch als Herr der Lage und kann Moskau beruhigen.

als Freiheitsbewegung im Untergrund

Am 17. September gründen schließlich Vertreter von mehr als 30 örtlichen Streikkomitees in Danzig die Gewerkschaft Solidarność und wählen Lech Walesa zum Vorsitzenden. Die Gründung wird Anfang November durch den Obersten Gerichtshof anerkannt. Im folgenden Jahr hat die Gewerkschaft fast zehn Millionen Mitglieder – das waren mehr als die Hälfte der polnischen Arbeitnehmer. Auch viele Mitglieder der kommunistischen Partei PVAP wurden Mitglieder der freien Gewerkschaft, teilweise bis zu einer Million, was ca. 30 % der Parteimitglieder entsprach.

Rückendeckung bekommen sie von Anfang an von regimekritischen Intellektuellen vor allem des 1976 gegründeten „Komitees zur Verteidigung der Arbeiter“ KOR. Darunter waren Jacek Kuroń, der spätere Arbeits- und Sozialminister Polens und enge Mitarbeiter Lech Wałęsas, der spätere Verteidigungsminister Antoni Macierewicz sowie der Autor Jerzy Andrzejewski, aber auch der spätere Premier Tadeusz Mazowiecki sowie der spätere Außenminister Bronisław Geremek. Und Rückendeckung bekommen sie auch von ihrem polnischen Landsmann Papst Johannes Paul II., der sich bereits während der Besetzung der Leninwerft mit den Streikenden solidarisch zeigte und in einem offenen Brief an die polnischen Bischöfe dazu aufrief, die Arbeiter in ihrem Kampf um soziale Gerechtigkeit zu unterstützen. Walesa und andere Gewerkschaftsführer sind am 15. Januar 1981 zu einer Privataudienz ein beim Papst eingeladen. In den nächsten sechs Jahren reist der Pontifex zweimal in seine Heimat.

Papststatue in Tschenstochau. Quelle: https://mobil.ksta.de/image/3836242/2x1/940/470/e522b52ec3cac37b1b5c0aa666ff694a/Tu/mdf43955-jpg.jpg

Papststatue in Tschenstochau. Quelle: https://mobil.ksta.de/image/3836242/2x1/940/470/e522b52ec3cac37b1b5c0aa666ff694a/Tu/mdf43955-jpg.jpg

Auf ihrem ersten Nationalkongress im September und Oktober 1981 wird Lech Walesa knapp in seinem Amt als Gewerkschaftsführer bestätigt, denn inzwischen haben sich zwei Lager innerhalb der Solidarność gebildet. Auf der einen Seite steht Walesa, der sich für eine gemäßigte Auseinandersetzung mit der kommunistischen Regierung ausspricht, während eine eher national-konservative Gruppe um Andrzej Gwiazda und Jan Rulewski mehr in die Offensive gehen möchte.

Da sich die wirtschaftliche Lage des Landes nicht verbessert und durch weitere Streiks ein Engpass in der Lebensmittelversorgung entsteht, wird die Sowjetunion unruhig: KPdSU-Chef Leonid Breschnew fordert die polnische Staatsführung dazu auf, gegen die Gewerkschaft vorzugehen. Am 13. Dezember 1981 verhängt Jaruzelski für zwei Jahre das Kriegsrecht über sein eigenes Land, verbietet Solidarność und interniert Walesa mit anderen Gewerkschaftsführern vorübergehend. Die Gewerkschaft geht als Freiheitsbewegung in den Untergrund und gründet Büros im Ausland, darunter in Bremen. Zwei Jahre später wird Lech Walesa mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

1984 erreicht das köchelnde politische Klima in Polen einen neuen Siedepunkt: drei Offiziere des Staatssicherheitsdienstes ertränken am 19. Oktober den römisch-katholischen Priester Jerzy Popiełuszko, der als Seelsorger für Streikende tätig war und dessen St.-Stanisław-Kostka-Gemeinde in Warschau zum Sammelbecken für oppositionelle Bürgerrechtler wurde. An seiner Beerdigung nahmen bis zu 800.000 Menschen teil, das Grab wurde zu einer Pilgerstätte. 2010 wurde Popiełuszko selig gesprochen.

Beerdigung von Jerzy Popiełuszko. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Jerzy_Popie%C5%82uszko#/media/File:Funeral_Popieluszko_Europeana_(31).jpg

Beerdigung von Jerzy Popiełuszko. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Jerzy_Popie%C5%82uszko#/media/File:Funeral_Popieluszko_Europeana_(31).jpg

Die Unruhen in Polen nehmen in den Folgejahren nicht ab und erleben 1988 einen weiteren Höhepunkt. Auf Hilfe aus Moskau kann Jaruzelski nicht hoffen: Michail Gorbatschow ist seit 1985 neuer KPdSU-Chef. Jaruzelski sieht nur noch einen Ausweg: Er bittet Walesa um Hilfe. Der bittet die Arbeiter erfolgreich, ihren Streik zu beenden, und fordert als Gegenleistung die Einführung eines „runden Tisches“, der nach der Wiederzulassung von Solidarność im Januar 1989 am 6. Februar zu arbeiten beginnt.

Solidarność heute politisch einflusslos

Oppositionelle aus den Reihen der Gewerkschaft sitzen als Gleichberechtigte mit Abgesandten der polnischen Regierung acht Wochen lang an einem Tisch und versuchen, sich in politischen und ökonomischen Fragen anzunähern. Wichtigstes Resultat: Die Vereinbarung erster halbfreier Wahlen im kommunistischen Polen. Der Senat sowie 35 Prozent der Parlamentssitze werden am 4. Juni 1989 frei gewählt. Solidarnosc tritt als eigene Partei an und erhält 99 Prozent der Stimmen für den Senat sowie alle frei wählbaren Sitze im Parlament.

Mazowiecki mit Walesa und Wladyslaw Frasyniuk. Quelle: https://www.mdr.de/zeitreise-regio/lech-walesa106_v-variantBig16x9_wm-true_zc-ecbbafc6.jpg?version=18416

Mazowiecki mit Walesa und Wladyslaw Frasyniuk. Quelle: https://www.mdr.de/zeitreise-regio/lech-walesa106_v-variantBig16x9_wm-true_zc-ecbbafc6.jpg?version=18416

Am 24. August wird Tadeusz Mazowiecki schließlich erster nichtkommunistischer Regierungschef Polens nach dem Zweiten Weltkrieg. Ende des Jahres erklärt sich das Land nach einer Verfassungsänderung wieder zur Republik. Lech Walesa wird 1990 zum Staatspräsidenten gewählt, tritt als Gewerkschaftschef ab – und beruft einen gewissen Jarosław Kaczynski zum Kanzleichef. Während Walesas Amtszeit entwickelt sich Polen immer mehr zu einem marktwirtschaftlichen Land.

Doch mit dem größten Erfolg beginnen auch der Machtverfall und die Spaltung der Gewerkschaftsbewegung. Denn während die neue Regierung den radikal liberalen Umbau der polnischen Wirtschaft vorantreibt, bleiben viele der alten kommunistischen Kader der Verwaltung des neuen Staates erhalten. Radikalen Antikommunisten wie den Zwillingsbrüdern Kaczynski ist das ein Dorn im Auge, hatten sie doch jahrzehntelang gegen genau diese kommunistischen Seilschaften gekämpft. „Die alte und die neue Zeit, die Volksrepublik und das unabhängige Polen wurden nicht voneinander getrennt. Man weiß nicht, wo die Volksrepublik endet und wo das freie Polen beginnt“, zitiert der MDR Kaczynski aus einem Interviewbuch 1993.

Im gleichen Jahr verliert die Solidarnosc, bedingt durch die sozialen Verwerfungen aufgrund des radikalen Wirtschaftsumbaus – viele Polen machen sie für die negativen Auswirkungen der Wende verantwortlich – ihre Regierungsbeteiligung. Zwei Jahre später wird auch Präsident Walesa abgewählt. Als „Wahlaktion Solidarität“ (AWS) besteht der parteipolitische Arm der Solidarnosc noch bis 2001 und löst sich dann auf. Heute ist die Solidarność politisch einflusslos, besteht aber weiterhin als unabhängige Gewerkschaft. Aktuell sind in Polen nur noch rund 15 % der Arbeitnehmer überhaupt einer Gewerkschaft angeschlossen.

Als Walesa am 31. August 2005 aus der Solidarność austritt, da es nicht mehr dieselbe Gewerkschaft sei wie früher, geht eine Ära zu Ende: Viele Jahre wurde er mit der Solidarność gleichgesetzt. So verglich die Berliner Zeitung seinen Austritt mit dem Austritt des Papstes aus der katholischen Kirche. Aus der politischen Insolvenzmasse der Solidarnosc-Partei entstehen wiederum zwei neue Parteien, die die Politik Polens bis heute prägen: die liberal-konservative Bürgerplattform (PO) und die Nationalkonservative Recht und Gerechtigkeit (PiS).

Und auch personell tragen die beiden Parteien das Solidarnosc-Erbe weiter. Auf PO-Seite stehen der spätere Ministerpräsident Donald Tusk, heute Präsident des Europäischen Rates, und der 2015 abgewählte Staatspräsident Bronislaw Komorowski. Beide gehörten Anfang der 1980er Jahre ebenso zu den inhaftierten Solidarnosc-Mitgliedern wie die Kaczynskis auf der anderen, der PiS-Seite, die zwischen 2005 und 2007 als Präsident und Premierminister Polen regierten.

Szenenbild Strajk. Quelle: http://de.web.img3.acsta.net/r_1280_720/medias/nmedia/18/63/12/23/18673935.jpg

Szenenbild Strajk. Quelle: http://de.web.img3.acsta.net/r_1280_720/medias/nmedia/18/63/12/23/18673935.jpg

Anna Walentynowicz blieb ein eigenwilliger Charakter: sie lehnte 2000 sowohl die Ehrenbürgerschaft Danzigs als auch 2005 eine Ehrenpension des polnischen Ministerpräsidenten ab und blieb auch den Feierlichkeiten zum 25-jährigen Jubiläum der Solidarność fern. Dagegen nahm sie 2005 die amerikanische Medal of Freedom aus der Hand von Präsident George W. Bush an, 2006 auch den Orden vom Weißen Adler, die höchste Auszeichnung Polens aus der Hand von Präsident Lech Kaczyński.

Gegen ihren Widerstand verfilmte Volker Schlöndorff ihre Geschichte 2007 unter dem Titel „Strajk – Die Heldin“ mit Katharina Thalbach in der Hauptrolle. 2010 gehörte sie Lech Kaczyńskis  Delegation an, die anlässlich des siebzigsten Jahrestages des Massakers von Katyn zur Gedenkstätte nach Russland fliegen sollte, und kam wie alle anderen 96 Passagiere der Regierungsmaschine bei Smolensk ums Leben.

… Bundesinnen- und Bundesjustizministerium haben nun überraschend einen Gesetzesentwurf an die Verbände mit der Bitte um Stellungnahme verschickt, in dem die Änderung des Geschlechtseintrags geregelt und das TSG aufgehoben werden soll. Julia Monro von der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti) kritisiert im Spiegel prompt, dass im neuen Gesetz zwischen trans- und intersexuellen Personen unterschieden werde. Während bei intersexuellen Personen beim Standesamt eine Bescheinigung vom Arzt ausreiche, müsse bei Transpersonen noch immer ein Gericht entscheiden. Begründet wird das in dem Gesetzesentwurf mit dem Verweis auf das „öffentliche Interesse an der Validität der Eintragungen“ in den Standesämtern.

Anders gesagt: Niemand soll auf die Idee kommen, sein Geschlecht nach Belieben mehrfach zu ändern. „Weshalb so viele der betroffenen Menschen durch Ärzte/Ärztinnen/divers angeblich traumatisiert seien, dass sie sich nun keine Bescheinigung holten, erschließt sich mir nicht“, meint Thomas Schätzler im Ärzteblatt. „Von einer ‚gefühlten‘ Intersexualität ohne jegliche körperlich verifizierbaren Zwischenstufen zwischen ‚männlicher‘ oder ‚weiblicher‘ Physiognomie war im Gegensatz zu Erklärungen von Selbsthilfegruppen bei der Entscheidung des BVerfG juristisch nicht die Rede“.

Auch für den Wissenschaftsphilosophen Michael Kämpfer ist das dritte Geschlecht kein Normalfall: „Intersexuelle Menschen haben sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsmerkmale. Wenn diese medizinische Störung in der öffentlichen Debatte und in den Medien als ein Ausdruck natürlicher sexueller Vielfalt hingestellt wird, widerspricht das wissenschaftlichen Fakten“, erklärt er im christlichen Medienmagazin Pro. Zudem würden unter dem Begriff medizinisch vielerlei Abweichungen von der biologisch normalen Geschlechtsentwicklung zusammengefasst, die ein recht komplexes hormonelles Störungsbild beschreiben, aber: „Der biologische Normalfall ist die heterosexuelle Zweigeschlechtlichkeit“. …

Meine Anmerkungen zur aktuellen Debatte „Intersexualität“. Den vollständigen Text gibts hier.

„In einem Text zu Sachsens SEK schreibe ich, ‚dass die primären Fragen dieses Landes wie Massenmigration, innere Sicherheit oder soziale Gerechtigkeit mit Diskussionen um das Aussehen von Polizeisitzlehnen beantwortet werden’“.

Mein Interview zum Buchstart im Mai-Heft der „zuerst“.

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