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Gemeint war Alice Schwarzer: Er kenne das Fräulein nicht, wisse aber, dass sie „nicht sehr hübsch“ aussehe, zitiert der Spiegel den Starfotografen, der 1994 auf ihren Geheiß tatsächlich bestreiten sollte, dass seine Bilder faschistoid seien. Er tat es nicht: „So, wie die Mädels dastehen, die ganze Auffassung – da könnte man sagen, faschistisch. Sie müssen sehen, den Begriff faschistisch verstehe ich ästhetisch“, antwortete er der EMMA-Herausgeberin und Vorzeigefeministin. So viel Selbstbezichtigung überraschte sogar die gescholtene Kontrahentin, die staunte: „Ich frage mich, ob er tatsächlich so naiv ist oder nur so tut. Mein Vorwurf bezieht sich ausschließlich auf seine Arbeit, seine Ästhetik. Dies ist eine Bilderanalyse. Ich erlaube mir kein Urteil über den Menschen“. Der Künstler heißt Helmut Newton, galt als einer der bedeutendsten Fotografen der Gegenwart, ja mit einem Tageshonorar von rund 5.000 Dollar als einst teuerster Fotograf der Welt.

Anlass der Kontroverse war eine Werkschau in Hamburg, deren Fotos laut Schwarzer nicht nur „sexistisch und rassistisch [sind] – sie sind auch faschistisch. Denn seine Bilder transportieren und propagieren die Ideologie vom Herrenmenschen und seinen Untermenschen. Bis zur letzten Konsequenz.“ Für diese Äußerungen, die keine wissenschaftliche Bildanalyse, sondern „eine kritisch-polemische Auseinandersetzung“ seien, illustriert mit neunzehn Newton-Photos, musste sich die Herausgeberin vor dem Münchner Landgericht verantworten.

Verklagt hat sie Newtons Verlag Schirmer/Mosel, weil die Redaktion vor Drucklegung weder die Genehmigung für den Abdruck der Fotos eingeholt noch das fällige Honorar von 38.000 Mark gezahlt hat. Schwarzer verlor, zum Glück, wie Silvia Bovenschen im Spiegel befand: „Wenn das, wofür der Name Newton steht, auf der verbotenen Seite der Korrektheitsgrenze landet, wenn es dem korrekten Blick nicht länger zugemutet werden dürfte, dann wird es offen um die Zumutung gehen, einen Teil der Bildbestände unserer Museen und Archive unter Verschluss zu bringen.“

Helmut Newton 1987 in Monte Carlo. Quelle: https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/kultur/film/2068630-Zum-100.-Geburtstag-von-Helmut-Newton-Fuehrer-Frauen-und-freche-Fotos.html#images-1

Der Sohn einer wohlhabenden jüdischen Knopffabrikantenfamilie kam am 31. Oktober 1920 in Berlin als Helmut Neustädter zu Welt und besuchte bis 1936 das Gymnasium. Er brach es ab, nachdem er mehr dem Schwimmen und den Mädchen zugetan war – und dem Fotografieren: „Eines Tages im Jahr 1932, als ich zwölf Jahre alt war, ging ich in eine Art Tante-Emma-Laden in Berlin und kaufte mir von meinem Taschengeld eine Kamera. Es war eine Zeiss Box Tengor für 3,50 Mark, inklusive einer Filmrolle.“ Da half auch nichts mehr, dass seine Mutter die Kamera wegschloss und Nachhilfestunden ansetzte, als seine schulischen Leistungen zu wünschen übrig ließen.

Er begann noch 1936 eine Lehre als Fotograf bei der damals bekannten Berliner Fotografin Yva (Else Neuländer-Simon), die nach dem Berufsverbot 1938 ihr Atelier schließen musste und später von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Zu der Zeit, kurz nach seinem 18. Geburtstag, am 5. Dezember 1938, flüchtete die Familie vor den Nazis – die Eltern und der Bruder gehen nach Südamerika, Helmut dagegen nach Singapur, wo er zwei Wochen lang als Bildreporter bei der The Straits Times arbeitete, bevor er wegen „Unfähigkeit“ entlassen wurde. Es folgen unstete Jahre, viele Reisen, die Suche nach der eigenen Bild-Sprache. Um zu überleben, knipst er für eine Handvoll Dollar alles, was ihm vor die Linse kommt: Hochzeiten, Kindstaufen, Passfotos, Baby-Leibchen, Strickwaren: „Jahrelang übt er sich im Klinkenputzen, wohnt in düsteren Löchern, trinkt billigen Rotwein, raucht wie ein Schlot – und leistet sich einen weißen Porsche mit roten Ledersitzen“, schreibt Carola Güldner im Stern.

Zwischen Liebe und Hass

Die Kriegsjahre ab 1940 verbrachte er in Australien, wo er auch als LKW-Fahrer bei der Armee und beim Eisenbahnbau malochte. 1945 eröffnete er ein Fotostudio in Melbourne und nahm die australische Staatsangehörigkeit an. 1948 heiratete er die Schauspielerin June Browne, die unter dem Schauspielerpseudonym June Brunell arbeitete, da es schon eine Aktrice gleichen Namens gab. Die gebürtige Australierin ist für ihn nicht nur Ehefrau, sondern auch Managerin. Anfangs verbietet ihr Helmut, eine eigene Fotografenkarriere unter dem Namen Newton zu beginnen, aus Furcht, sie ruiniere den Namen. Doch er täuscht sich in ihren Fähigkeiten, denn unter dem Pseudonym Alice Springs macht seine Frau seit den 1970er Jahren eine beachtliche Karriere als Fotografin. Er wird mit ihr bis zu seinem Tod zusammenleben, sie gilt als sein „Schatten“. Die Ehe bleibt kinderlos.

Newton mit Frau. Quelle: https://www.derbund.ch/kultur/kunst/helmut-newtons-schatten/story/19442256

Ab 1956 arbeitete Helmut Newton für die australische Ausgabe der Vogue, die sein Hauptarbeitgeber wurde. Nach und nach verpflichteten ihn auch andere Länderausgaben wie die italienische, amerikanische und die deutsche sowie weitere Modezeitschriften wie Elle oder Marie-Claire. Aber auch der Playboy versicherte sich seiner Dienste. Als Newton sich mit Anfang vierzig in Paris niederlässt, beginnt seine wirkliche Karriere als Modefotograf. Die französische Vogue druckt Bilder, auf denen er sich in bis dato unbekannter Manier einer sexuellen Detailversessenheit und nackten Obsessionen widmet. Wenn Newton Porträts macht, interessieren ihn nur drei Kategorien Mensch: „solche, die ich liebe, solche, die ich verehre, und solche, die ich hasse.“

Mit seinen Fotografien, die Inszenierungen sind und „Sex wollen, nicht Erotik“, scheidet Newton die Geister. Die einen sehen ihn als Revolutionär, die anderen verachten seine Arbeiten, weil sie sie frauenfeindlich finden. Obwohl Newtons Akte an der Oberfläche bleiben, provozieren sie in ihrer Kälte. Bei einigen möchte man empört einschreiten, bei anderen schockiert wegsehen. Zu seinen umstrittensten Werken zählen die Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus seiner Reihe „Big Nudes“: Ab den 80er Jahren lichtete Newton seine Models nackt und auf Stöckelschuhen in Städten wie Nizza oder Paris ab.

Für die Serie „Domestic Nudes“ verband er seine künstlerischen Fantasien mit Alltäglichem. So zeigt die Ausstellung auch Frauen, die ihren Körper in der „häuslichen“ Waschküche oder im „heimischen“ Wohnzimmer für den Künstler zur Schau stellten. Mit seinen „Dummies“ – unnahbar wirkende Schönheiten, die sich mit Schaufensterpuppen vergnügen – ging der Künstler noch einen Schritt weiter; Newton selbst bezeichnet diese Aufnahmen als „pornografisch“. Den Vorwurf der „Kulturpornographie“ erhoben neben Schwarzer auch andere Kritiker. Ein Grund ist Newtons Verknüpfung von Nacktheit mit Stöckelschuhen, dem klassischen Fetisch-Accessoire. „Für Akt-Photos“, erklärte er als 73jähriger im Stern, „sind hohe Absätze … sehr wichtig. Eine Frau hat ganz andere Muskeln, wenn sie auf Absätzen steht. Das spannt sich am Hintern, an den Waden und am Schenkel.“

Ausstellungs-Schnappschuss. Quelle: https://static.euronews.com/articles/stories/04/81/19/28/1440x810_cmsv2_3ad04088-64bc-54db-bece-211f720d3f6b-4811928.jpg

Ein anderer ist die mindestens angedeutete Gewalt bei einigen Motiven, die manchen als grundlegendes Kriterium von Pornographie gilt. So sei seine dominierende Perspektive die von Objekt und Begierde und damit weiblichen Opfern: Ein – bekleidetes – Mädchen, etwa sechs Jahre alt, gefesselt auf dem Todesstuhl in einer amerikanischen Gaskammer. Bleiche Frauen, erstarrt oder wie leblos mit geschlossenen Augen auf Bänken ausgestreckt. In Ketten gefesselt, an stählernem Gestänge gekreuzigt oder am Strick als Sklavenware vorgeführt, mit Pickelhaube und Nietenzubehör. Auf dem Rücken liegend, mit Lederbändern fixiert, von einer Riesendogge überwältigt. Die Rückenansicht einer Nackten, die, vor einem Eisengitter stehend, eine Peitsche über ihre Schultern biegt. Hinter Maschendraht eine uniformierte Aufseherin mit entblößtem Geschlecht. Solche Motive sorgen bis heute für Diskussionen.

„große Ehre für das Land“

Sein erster Bildband erschien erst 1976: „White Women“ wurde kurz nach der Veröffentlichung mit dem Kodak-Fotobuchpreis ausgezeichnet. Seit 1981 lebte Newton mit seiner Frau in Monaco und verbrachte die Wintermonate in Los Angeles. Für „Girls of Berlin“ kehrte er in seine Geburtsstadt zurück und bannte kurz vor dem Mauerfall mehrere junge Frauen vor dem Reichstag auf Fotopapier. 1992 bekam er das Bundesverdienstkreuz. Im April 2000 erregte Newtons sogenannter SUMO-Bildband Aufsehen, als das Exemplar Nummer eins – handsigniert von über 100 der in dem Buch abgebildeten berühmten Persönlichkeiten – auf einer Charity-Auktion 620.000 DM erzielte und damit den Rekord für das teuerste Buch des 20. Jahrhunderts brach.

2003 schrieb Newton in der kanadischen National Post, in seiner Fototechnik habe sich seit seiner Jugend nicht viel verändert: „In der 30er Jahren habe ich im Sommer mit Tageslicht gearbeitet und im Winter die Porträtaufnahmen meiner Freundinnen mit einem 200-Watt-Blitz ausgeleuchtet. Heute bin ich aufgestiegen und fotografiere mit einem 500-Watt-Blitz.“ Im selben Jahr vermachte er sein Archiv seiner Heimatstadt Berlin. „Ich bin sehr stolz, dass meine Fotos in die Stadt zurückkehren, wo ich geboren bin“, sagte er damals. „Ich habe Deutschland seit 1938 nicht vermisst, aber Berlin schon.“ Es sei seine Frau June gewesen, „die mich schon lange in Richtung Berlin geschubst hat, obwohl die Arme kein Wort Deutsch spricht“. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), den Newton 1998 als Kanzlerkandidaten porträtiert hatte, dankte ihm für seine „Geste der Versöhnung, die eine große Ehre für das Land ist“.

Helmut Newton Stiftung im ehemaligen Landwehrkasino. Quelle: https://www.wikiwand.com/de/Helmut_Newton

Kulturstaatsministerin Christina Weiss (SPD) sprach von einem „großen Tag für die Fotografie in Deutschland“ und einem „Glücksfall für die Hauptstadt“. Damit werde auch der Grundstein für ein national bedeutendes Zentrum für Fotografie gelegt. Nach den Worten des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit (SPD) habe Berlin das Gebäude in der Charlottenburger Jebensstraße neben dem Bahnhof Zoo gerne dafür zur Verfügung gestellt. Der Vertrag beinhaltete die unbefristete Dauerleihgabe für über 1000 Werke Newtons und Alice Springs’. Eine spätere Aufstockung des Bestandes ist beabsichtigt, betonten die Staatlichen Museen, die in dem Gebäude in der Jebensstraße auch ihre umfangreiche Fotosammlung konzentrieren. Newton trug die Kosten für den Kurator der Sammlung sowie für den Umbau des ehemaligen Landwehr-Casinos. Heute hat auch die im selben Jahr gegründete Helmut-Newton-Stiftung dort ihren Sitz.

Zum Verbleib der Negative sagte Newton dem Stern: „Solange wir beide leben, bleiben die Negative bei uns, wir brauchen sie zum arbeiten. Wenn wir abgekratzt sind, geht alles nach Berlin.“ Das klang ahnungsvoll: Nur wenige Monate später, am 23. Januar 2004, kam er bei einem Verkehrsunfall in Los Angeles ums Leben. Er hatte bei der Ausfahrt von einem Hotelparkplatz die Kontrolle über seinen Cadillac verloren und war in eine Mauer auf der anderen Straßenseite gefahren. Im Juni desselben Jahres wurde seine Urne in Berlin in einem Ehrengrab unmittelbar neben dem Grab von Marlene Dietrich auf dem Friedhof Stubenrauchstraße beigesetzt; seine Witwe legte einen Fotoapparat mit ins Grab. Zu den Trauergästen gehörten neben Gerhard Schröder und Klaus Wowereit auch die Schauspieler Roger Moore und Rupert Everett sowie Deutschlands erster Kosmonaut Sigmund Jähn.

Newtons Beerdigung. Quelle: https://media1.faz.net/ppmedia/aktuell/feuilleton/3955872336/1.157259/width610x580/kein-trauerzug-froehlich.jpg

Er suche die Sünde, hat Newton einmal gesagt. „Diese Spekulation auf die Effekte der Sündhaftigkeit ist, wo an Sünde und Scham längst nicht mehr geglaubt wird, schamlos“, meint Bovenschen. Seine Fotografie ziele nicht auf die Festlegung einer wahren Bedeutung des Körpers, sondern verdeutliche vielmehr dessen Verfügbarkeit für alle möglichen Bedeutungen: „Newtons erotische Träume kommen nicht aus der Hölle des Unbewussten, sie kommen … aus der Tiefkühltruhe der Routine; sie eröffnen nicht den Blick in tiefe Abgründe, sie sind rätselfrei das, was ihre Oberfläche zeigt: recycelte Erotik. Und gerade das macht sie interessant“. „Newton ist Nacktheit, ist Glanz, ist Perfektion, auch heute noch. Seine Bilder sind nicht frei von Vulgarität, aber im Vergleich zu heute erscheinen selbst diese schamvoll“, würdigte ihn später der Cicero. „Newton thront längst unangreifbar im Kreis der Unsterblichen im Olymp der schönen Künste. Sein Werk ist abgeschlossen, seine Tabubrüche sind entschärft. Was bleibt, ist die Kunst, die Ästhetik, die Eleganz.“

„Tutti fratelli“

„Die Sonne des 25. Juni [1859] beleuchtet eines der schrecklichsten Schauspiele, das sich erdenken lässt. Das Schlachtfeld ist allerorten bedeckt mit Leichen von Menschen und Pferden. In den Straßen, Gräben, Bächen, Gebüschen und Wiesen, überall liegen Tote, und die Umgebung von Solferino ist im wahren Sinne des Wortes mit Leichen übersät. Getreide und Mais sind niedergetreten, die Hecken zerstört, die Zäune niedergerissen, weithin trifft man überall auf Blutlachen.“ Der das schrieb, war eigentlich Geschäftsmann und nur zufällig am Ort des Geschehens vorbeigekommen. Der Tag sollte sein Erweckungserlebnis werden und zur Gründung des „Roten Kreuzes“ führen: Henry Dunant. Am 30. Oktober 1910 starb er.

Das Soziale war ihm in die Wiege gelegt: Der Vater, ein Kaufmann, ist einflussreich im Rat der Stadt Genf, spendet für die Armen, betreut Waisenkinder. Die Mutter nimmt den am 8. Mai 1828 als erstes von fünf Kindern geborenen Henry früh in die Arbeiterviertel mit, in denen sie sich um Bedürftige kümmert. Mitprägend war für ihn eine Reise mit seinem Vater nach Toulon, wo er die Qualen von Galeerenhäftlingen mitansehen musste. Der Junge macht den streng calvinistischen Eltern zunächst keine Ehre. Zweimal bleibt er sitzen, fliegt vom Collège de Genève und begann 1849 eine dreijährige Lehre bei den Geldwechslern Lullin und Sautter. Nach dem erfolgreichen Abschluss der Ausbildung blieb Dunant als Angestellter in der Bank tätig.

Die Erziehung zur Nächstenliebe erweist sich als fruchtbarer: Der Jugendliche bringt Strafgefangenen die Bibel nahe, gehört in der Evangelischen Allianz, die zur Entstehung der CVJM-Gruppen in verschiedenen Ländern beitrug, 1847 zu den fünfzehn Gründern des schweizerischen Ablegers und gründet 1852 den Genfer Christlichen Verein Junger Männer (CVJM) mit. Seine Bank vermittelt Dunant zu einer Kolonialgesellschaft, für die er nach Sizilien, Tunesien und Algerien reist. Er ist erfolgreich, auch mit waghalsigen Geschäften. Seine Reiseeindrücke schreibt er in einem Buch auf, das ihm Zugang zu wissenschaftlichen Gesellschaften eröffnet.

Dunant ca. 1860. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/38/Henry_Dunant-young.jpg

1856 gründete er eine eigene Kolonialgesellschaft und, nachdem er im französisch besetzten Algerien eine Landkonzession erworben hatte, zwei Jahre später unter dem Namen „Finanz- und Industriegesellschaft der Mühlen von Mons-Djémila“ ein Mühlengeschäft. 1858 nahm Dunant neben seiner Schweizer auch die französische Staatsbürgerschaft an, um sich dadurch den Zugang zu Landkonzessionen der Kolonialmacht Frankreich in Algerien zu erleichtern. Doch die Land- und Wasserrechte waren nicht klar geregelt, die zuständigen Kolonialbehörden verhielten sich darüber hinaus nicht kooperativ. So beschloss er, sich direkt an Kaiser Napoléon III. zu wenden, als dieser sich während des Sardinischen Krieges mit seinem Heer in der Lombardei aufhielt, und begab sich auf die Reise nach Solferino, um den Kaiser in seinem Hauptquartier persönlich zu treffen.

„das gleiche Wohlwollen“

Mehr als 300.000 Soldaten hatten einander an einer 16 Kilometer langen Front gegenübergestanden, als er am Abend des Schlachttags eintrifft. Die Österreicher werden geschlagen, der Weg zur Einigung Italiens ist frei. Auf dem Schlachtfeld bleiben 38.000 Verletzte, Verstümmelte, Sterbende, Tote zurück. In Castiglione delle Stiviere, acht Kilometer von Solferino, erlebt Dunant, wie Soldaten ihre verwundeten Kameraden auf den Schultern in improvisierte Lazarette schleppen. Der Handlungsreisende vergisst das Geschäftliche und hilft, wo er kann. „Die Frauen von Castiglione erkennen bald, dass es für mich keinen Unterschied der Nationalität gibt, und so folgen sie meinem Beispiel und lassen allen Soldaten, die ihnen völlig fremd sind, das gleiche Wohlwollen zuteilwerden. ‚Tutti fratelli‘ wiederholen sie gerührt immer wieder“, schreibt Dunant. Tutti fratelli, alle sind Brüder – ein verwundeter Soldat, so sein Postulat, hat ein Recht auf Hilfe, ganz gleich, welche Uniform sein Blut befleckt.

Für sein Wirken in Solferino erhielt er im Januar 1860, zusammen mit dem Genfer Arzt Louis Appia, vom sardischen König Viktor Emanuel II. den Orden des Heiligen Mauritius und Lazarus, später die zweithöchste Auszeichnung des Königreichs Italien. Da er das Erlebte nicht vergessen konnte, begann er ein Buch mit dem Titel „Eine Erinnerung an Solferino“ zu schreiben, in dem er die Schlacht, das Leiden und die chaotischen Zustände in den Tagen danach darstellte. Darüber hinaus entwickelte er die Idee, wie künftig das Leid der Soldaten verringert werden könnte: Auf einer Basis von Neutralität und Freiwilligkeit sollten in allen Ländern Hilfsorganisationen gegründet werden, die sich im Fall einer Schlacht um die Verwundeten kümmern würden. Im September 1862 ließ er das Buch auf eigene Kosten in einer Auflage von 1.600 Exemplaren drucken und verteilte es anschließend in ganz Europa an Persönlichkeiten aus Politik und Militär. Rasch folgten zwei weitere Auflagen und Übersetzungen in elf Sprachen.

Schlacht von Solferino (zeitgenöss. Darstellung). Quelle: https://www.lto.de/fileadmin/processed/4/1/csm_solferino_schlacht_473_e931de423e.jpg

Der Präsident der Genfer Gemeinnützigen Gesellschaft, der Jurist Gustave Moynier, machte das Buch und Dunants Ideen zum Thema der Mitgliederversammlung der Gesellschaft am 9. Februar 1863. Dunants Vorschläge wurden von den Mitgliedern als sinnvoll und durchführbar bewertet, er selbst wurde zum Mitglied einer Kommission ernannt, der neben ihm und Moynier den General Dufour sowie die Ärzte Appia und Maunoir angehörten. Während der ersten Tagung am 17. Februar 1863 beschlossen die fünf Mitglieder, die Kommission in eine ständige Einrichtung umzuwandeln. Dieser Tag gilt damit als Gründungsdatum des Internationalen Komitees der Hilfsgesellschaften für die Verwundetenpflege, das seit 1876 den Namen Internationales Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) trägt. Dufour wurde zum ersten Präsidenten ernannt, Moynier Vizepräsident und Dunant Sekretär.

Doch zwischen Moynier und Dunant entwickelten sich rasch Meinungsverschiedenheiten. So hatte der Jurist wiederholt den Vorschlag Dunants, Verwundete, Pflege- und Hilfskräfte sowie Lazarette unter den Schutz der Neutralität zu stellen, als undurchführbar bezeichnet und Dunant aufgefordert, nicht auf dieser Idee zu beharren. Dunant setzte sich jedoch bei seinen nun folgenden umfangreichen Reisen durch Europa und seinen Gesprächen mit hochrangigen Politikern und Militärs mehrfach über die Meinung Moyniers hinweg. Auf seine Bitte um Unterstützung während einer Audienz antwortete König Johann von Sachsen mit einem Satz, den Dunant in der Folgezeit vielfach zitierte: „Ich werde tun, was in meinen Kräften steht, denn sicherlich würde ein Volk, das sich nicht an diesem menschenfreundlichen Werke beteiligte, von der öffentlichen Meinung Europas in die Acht erklärt werden.“ Dies verschärfte den Konflikt zwischen dem Pragmatiker Moynier und dem Idealisten Dunant weiter und führte zu Bestrebungen Moyniers, Dunants ideellen Führungsanspruch zu diskreditieren.

Originaldokument 1864. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Genfer_Konventionen#/media/Datei:Original_Geneva_Conventions.jpg

Auf einer Konferenz auf Einladung des Schweizer Bundesrates unterzeichneten am 22. August 1864 zwölf Staaten die erste Genfer „Konvention, die Linderung des Loses der im Felddienste verwundeten Militärpersonen betreffend“. Hier einigte man sich auch auf ein einheitliches Symbol zum Schutz der Verwundeten und des Hilfspersonals: das leicht und weithin erkennbare Rote Kreuz auf weißem Grund, die Umkehrung der Schweizer Flagge. Dunant, auf dieser Konferenz nur mit sekundären Aufgabe betraut, stand in den folgenden zwei Jahren dennoch im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit und erhielt zahlreiche Ehrungen und Einladungen. Im Mai 1865 traf er in Algier persönlich mit Napoleon III. zusammen und erhielt die unverbindliche Zusage, dass seine Unternehmungen in Algerien unter dem Schutz der französischen Regierung stehen würden. 1866 erlebte er nach dem Ende des Preußisch-Österreichischen Krieges auf Einladung Augustas, der Frau des preußischen Königs, zu den Siegesfeierlichkeiten in Berlin, wie bei der Siegesparade der preußischen Armee Fahnen mit dem Roten Kreuz neben der Nationalflagge gezeigt wurden.

Krieg mit Moynier

Doch so rasch er gestiegen war, sank sein Stern auch. Mehr und mehr vernachlässigt Dunant seine eigentlichen Geschäfte. Sein Algerien-Projekt scheitert, damit sind die Investitionen seiner Verwandten und Freunde dahin. 1867 wird Dunant gar des betrügerischen Bankrotts für schuldig befunden, was zwingend den moralischen Ruin in der Genfer Gesellschaft nach sich zog. Das Rote Kreuz 1867 und der CVJM 1868 schließen ihren Mitgründer aus. Dunant, der seine Heimatstadt nie wiedersehen sollte, irrt durch Europa, ist zeitweise obdachlos. Moynier nutzte in der Folgezeit offenbar seine Beziehungen und seinen Einfluss, um zu verhindern, dass Dunant von Freunden und Unterstützern aus verschiedenen Ländern finanzielle Hilfe erhielt. So scheiterte ein Angebot Napoléon III., die Hälfte der Schulden Dunants zu übernehmen, wenn dessen Freunde für die andere Hälfte aufkämen, ebenfalls an Moynier. Beide werden sich zeitlebens nicht aussöhnen.

Dunant versuchte jedoch weiter, sich entsprechend seinen Vorstellungen und Idealen zu betätigen. Im Deutsch-Französischen Krieg 1870/1871 gründete er eine Allgemeine Fürsorgegesellschaft und kurz darauf eine Allgemeine Allianz für Ordnung und Zivilisation. Deren Ziele waren die Verminderung der Zahl bewaffneter Konflikte und des Ausmaßes von Gewalt und Unterdrückung, indem durch Bildung die moralischen und kulturellen Standards der einfachen Bürger der Gesellschaft verbessert werden sollten. Zusammen mit dem Italiener Max Gracia regte er die Gründung einer Weltbibliothek an – eine Idee, die etwa 100 Jahre später durch die UNESCO aufgegriffen wurde. Zu seinen weiteren, teils visionären Ideen gehörte die Gründung eines Staates Israel.

Dunants Grab. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/f0/Grab_Henry_Dunant02.jpg

Mit seinem Engagement vernachlässigte er seine persönlichen Angelegenheiten, verschuldete sich weiter und wurde nur nicht von der Umgebung gemieden, sondern auch von der Rotkreuzbewegung nahezu vergessen, obwohl ihn mehrere nationale Gesellschaften zum Ehrenmitglied ernannten. Dunant zog sich noch weiter aus der Öffentlichkeit zurück und entwickelte eine ausgeprägte Menschenscheu, die sein Verhalten bis zu seinem Lebensende entscheidend prägte. Er führte eine einsame Existenz in materiellem Elend, zwischen 1874 und 1886 unter anderem in Stuttgart, Rom, Korfu, Basel und Karlsruhe. Nur wenige Details zu seinem Leben sind aus dieser Zeit bekannt.

Ab 1887 erhielt er, zu der Zeit in London lebend, von seinen Angehörigen eine kleine monatliche finanzielle Unterstützung, die ihm einen zwar bescheidenen, aber dennoch sicheren Lebensstil ohne Armut ermöglichte. Er ließ er sich im Juli des gleichen Jahres in Heiden im Gasthof „Paradies“ nieder, ab 1892 dann im Spital des Ortes: In Zimmer 12 verbrachte er völlig zurückgezogen seinen Lebensabend, der zunehmend von religiös-mystischen Gedanken und prophetischen Vorstellungen geprägt war. Erst als der St. Galler Journalist Georg Baumberger 1895 in einem vielfach nachgedruckten Artikel an Dunants Verdienste erinnert, erhält dieser Ehrungen, Orden, Sympathiebekundungen und Unterstützung aus der ganzen Welt – auch wenn das Internationale Komitee in Genf weiterhin jeden Kontakt zu ihm vermied. Dank einer jährlichen Rente der russischen Zarenwitwe und Kaiserinmutter Maria Feodorowna besserte sich seine finanzielle Lage. Er beginnt seine Lebenserinnerungen zu schreiben.

„begraben wie einen Hund“

1901 wird ihm gemeinsam mit dem Friedensaktivisten Frédéric Passy der erste aller Friedensnobelpreise verliehen – eine Rehabilitation nach 34 Jahren. Eine im Sinne von Nobels Testament unumstrittene Verleihung, erklärt die Heidener Museumsleiterin Elvira Steccanella im DLF: „Bertha von Suttner war nicht so glücklich, ich denke einerseits, dass sie nicht den Friedensnobelpreis gekriegt hat. Andererseits: sie war eine aktive Pazifistin und meinte eigentlich, dass Dunant mit seinem Friedenskonzept nicht zur Abschaffung des Krieges beitrage, wie es im Testament formuliert war, sondern nur zur Minderung des Krieges. Aber der Krieg wurde eigentlich mit seinem Handeln, mit dem Roten Kreuz nicht abgeschafft.“

Friedensnobelpreis (Mitte). Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/df/Friedensnobelpreis_Henry_Dunant_2010-07-01.jpg

Einem Freund gelang es, Dunants Anteil des Preisgeldes in Höhe von 104.000 Schweizer Franken bei einer norwegischen Bank zu verwahren und so vor dem Zugriff durch dessen Gläubiger zu schützen. Dunant selbst tastete das Geld zeit seines Lebens nicht an. 1903 erhielt er zusammen mit Moynier die Ehrendoktorwürde der Universität Heidelberg. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er zunehmend in Depressionen sowie der Angst vor Verfolgung durch seine Gläubiger und seinen Widersacher Moynier. Er wurde in Zürich bestattet. In seinem Testament stiftete er ein Freibett im Spital in Heiden für die Kranken unter den armen Bürgern des Ortes und spendete an gemeinnützige Organisationen in Norwegen und der Schweiz. Dass ihm eine vollständige Begleichung seiner Schuldenlast nicht möglich war, hatte ihn bis an sein Lebensende belastet.

Bis heute ist Henry Dunant ein Mann, der polarisiert. Seine umfangreichen Schriften müssen größtenteils noch aufgearbeitet werden, um die vielfältigen Facetten seiner calvinistisch geprägten Persönlichkeit zu verstehen, meint der Theologe Andreas Ennulat im DLF: „Das, was er an Positivem hat erreichen können, seine vielen großartigen Ideen, die er gehabt hat, die von anderen wohlbemerkt umgesetzt wurden, das hat ihm einfach nie genügt. Und das hat mit seiner religiösen Grundauffassung zu tun, entweder gehöre ich dazu, zum Heil, oder ich gehöre nicht dazu und dann, dann sollen sie mich begraben, wie einen Hund.“ Vier Jahre nach seinem Tod beginnt ein Krieg, gegen den die Schlacht von Solferino nur ein Scharmützel war. 1949 wurde die „Genfer Konvention“ angepasst an moderne Formen der Kriegsführung, sie ist heute von fast allen Staaten anerkannt. Der Geburtstag des Weltverbesserers wird jährlich ihm zu Ehren als Weltrotkreuz- und Rothalbmond-Tag begangen. Die Zahl der weltweit nach ihm benannten Straßen, Plätze, Schulen und anderen Einrichtungen ist kaum zu zählen.

„Cancel Culture“ ist eine um sich greifende linksmoralistische Anmaßung, die zunehmend mehr Literaten trifft. Monika Maron wurde so von der DDR- zur BRD-Dissidentin.

Meine neue Tumult-Kolumne, die gern verbreitet werden darf.

Der falsche Pilger

Er beherrschte rund ein Dutzend Sprachen und Dialekte, darunter Arabisch, Hindi und Persisch. Als erster Engländer übersetzte er die Geschichtensammlungen „Tausendundeine Nacht“, den „Duftenden Garten“ und wohl auch das „Kama Sutra“. Er überlebte auf der Suche nach den Nilquellen eine Malaria und besuchte den Mormonen-Propheten Brigham Young im neu gegründeten Salt Lake City. Karl May besaß eine Zusammenfassung seiner Reisebeschreibungen; einen Band von 1861 benutzte er für die Gestaltung der Härrär-Episode des 2.600 seitigen Kolportageromans „Waldröschen oder die Rächerjagd rund um die Erde“: Sir Richard Francis Burton. Der Afrikaforscher, Offizier, Konsul, Übersetzer und Globetrotter starb am 20. Oktober 1890.

Unterwegssein prägte bereits seine Kindheit. Geboren am 19. März 1821 in Torquay in der Grafschaft Devon als ältestes von drei Kindern eines Generalleutnants im 36. Regiment der British Army, unternahm die Familie verschiedene Reisen, so 1825 ins französische Tours. Seine frühe Schulbildung erhielt Burton von verschiedenen Hauslehrern, 1829 trat er in die Grundschule in Richmond Green ein. Als bei dem blitzgescheiten Jungen seine Affinität für Sprachen zutage trat, unternahm die Familie weitere Reisen nach Frankreich und Italien, wo er rasch Französisch, Latein und Italienisch inklusive einiger Dialekte wie Neapolitanisch lernte. Von einer jungen Romni, offenbar eine Liebschaft, soll er auch Grundkenntnisse ihrer Sprache gelernt haben, was vielleicht erklären könnte, warum er in späteren Jahren überraschend schnell Hindi und andere indoarische Sprachen lernte.

R.F. Burton. Quelle: https://www.theguardian.com/travel/2020/may/03/richard-francis-burton-explorer-mecca-horn-africa-nile-victorian

Im Herbst 1840 wurde er ins Trinity College in Oxford aufgenommen. Seine Vorliebe für Sprachen motivierte ihn zum Studium der arabischen Sprache; seine freien Stunden verbrachte er mit Falknerei und Fechten. Trotz seiner Begabung wirft das Trinity ihn hinaus. Er hat ein Pferderennen besucht und danach von der Leitung des College gefordert, man möge den Studenten solche Freizeitaktivitäten generell erlauben. Darauf kennt die altehrwürdige Hochschule nur eine Antwort: Relegation. Burton verlässt Oxford – quer durchs Blumenbeet. Der geschasste Student lenkt sein Gespann mitten durch die akkurat gepflegte Botanik.

Sein Ziel ist nun das Militär: 1842 tritt er als Offizier in das 18. Regiment der Bombay Native Infantry der britischen Ostindienkompanie ein. Hier ist das Sprachgenie als Spion im Auftrag Ihrer Majestät tätig, lernt nicht nur, militärischen Drill und Entbehrungen zu ertragen, sondern auch weitere fremde Sprachen. 1849 ließ er sich beurlauben, kehrte nach Europa zurück und lebte dann längere Zeit in Ägypten, wo die Idee entstand, die Quellen des Nils zu suchen. Im Herbst 1852 bietet er der Royal Geographic Society seine Dienste an. Er will, wie er es ausdrückt, „den gewaltigen weißen Fleck, der in unseren Kartenwerken noch immer die östlichen und zentralen Regionen von Arabien ziert, austilgen“. Doch zuvor tut er etwas, das normalerweise seinen sicheren Tod als „Giaur“, als Ungläubiger bedeutet: er mischt sich unter die Wallfahrer nach Mekka.

„mit einem befriedigenden Grunzen“

Angetrieben von einem unstillbaren Erlebnishunger und extremem Wissensdurst bereitet der exzentrische Brite das waghalsige Unternehmen akribisch vor. Neben seinem phänomenalen Sprachtalent besitzt er die Gabe und den Willen, sich auf fremde Kulturen bis zur Selbstaufgabe einzulassen – obwohl er sich im viktorianischen England an starren Ordnungen stößt. Damit unterscheidet er sich fundamental von vielen anderen Entdeckungsreisenden des 19. Jahrhunderts, die den Einheimischen mit kulturellem Hochmut begegnen. Er arbeitet sich intensiv in die orientalischen Sitten ein und studiert selbst die Art und Weise eines Arabers, ein Glas Wasser zu trinken: „Er ergriff den Trinkbecher, als wäre es die Kehle eines Feindes, und beendete den Vorgang mit einem befriedigenden Grunzen“, beschreibt es Burton. Am Ende beschließt er, in die Rolle eines wandernden afghanischen Derwischs namens Abdallah Chan zu schlüpfen. Regelmäßiges Einreiben mit Nussbaumöl verleiht seiner Haut einen dunklen Teint. Um seine Metamorphose perfekt zu machen, lässt sich Burton auch noch beschneiden.

Aktuelles Hörbuch. Quelle: https://www.hugendubel.de/de/hoerbuch_download/richard_francis_burton-pilgerfahrt_nach_medina_und_mekka-6950969-produkt-details.html

Das Unternehmen glückt, am 26. September 1853 schifft er sich auf einem britischen Segler in Dschidda, erlebniserfüllt und bis hierhin unerkannt, wieder nach Sues ein. Sein wagemutiger Alleingang macht Burton in der englischen Heimat mit einem Schlag berühmt. Hat ihn sein Umfeld bis dahin vor allem als Exzentriker wahrgenommen, so wird er jetzt zum bewunderten Helden. Dass er in seinem Haus mit Affen zusammenlebt, von denen er einen als sein „Weib“ bezeichnet, steigert nur noch die Neugier auf den verwegenen Weltenbummler. Ende 1853 veröffentlicht Burton den Reisebericht „Meine Pilgerfahrt nach Medina und Mekka“ mit einer detaillierten Beschreibung der Stadt und des Haddsch. Nun kennt ihn ganz Europa. Die deutsche Übersetzung erschien allerdings erst 1930 bei Ullstein in Berlin.

Vom Welterkunden hat er noch lange nicht genug. Zunächst traf er 1854 in Aden mit John Hanning Speke zusammen, einem Bruder im Geiste und Urheber der Hamitentheorie, die allen kulturellen Fortschritt Afrikas dem Einfluss hellhäutiger, aus dem Norden kommender „Hamiten“ zuschrieb und die „negroide“ Bevölkerung Afrikas für kaum kulturfähig hielt. Gemeinsam reisten sie zunächst nach Somalia und starteten 1857 eine Expedition nach Ostafrika, um endlich die Quellen des Nils zu finden. In der Zeit der Vorbereitung infizierte sich Burton mit Malaria. Von Sansibar aus marschierten sie zuerst nach Tabora und entdeckten am 13. Februar 1858 den Tanganjikasee, den Burton für die Quelle des Nils hielt. Am 9. Juli trennten sie sich. Speke entdeckte zunächst am 3. August den Viktoriasee, den er wiederum als Quellsee des Nils ansah. Als Burton im Frühjahr 1859 wieder in London eintraf, hatte der eher angekommene Speke dort bereits seine Theorien veröffentlicht und war mit einer neuen Expedition beauftragt worden. Beide waren seitdem erbitterte Feinde.

1861 gelang Burton in einer neuen Expedition gemeinsam mit dem deutschen Botaniker Gustav Mann die Erstbesteigung des Kamerunbergs (4095 Meter). Er erforschte das Nigerdelta und Dahomey. Nach seiner Rückkehr im August 1864 kritisierte er erneut Spekes Theorien von der Nilquelle. Am 15. September 1864 sollte es deshalb eine Anhörung vor der British Association for the Advancement of Science in Bath geben. Allerdings starb Speke am Tag zuvor bei einem Jagdunfall. Bis heute ist nicht geklärt, ob er Selbstmord beging. Burton bereiste weiter die Welt, gründete die Anthropological Society of London, beschäftigte sich unter anderem mit Astrokartographie und verfasste eine Reihe von Büchern.

„Dem Starken ist jeder Ort Heimat“

Ebenfalls 1861 hatte Burton Isabel Arundel geheiratet, die aus einem sehr konservativen Haus der oberen Gesellschaft stammte und ihn gegen den Willen ihrer Eltern ehelichte. Mithilfe ihrer guten Kontakte vermittelte sie ihm immer wieder Anstellungen an britischen Konsulaten, so in Fernando Poo (1861–1865) und Santos (1865–1869). Anschließend übernahm sie heimlich, um ihrem Mann das Reisen zu ermöglichen, dessen Aufgaben. Sie redigierte seine Bücher und Texte und sorgte für deren Publikation. Neben ihrer Rolle als aufopfernde viktorianische Ehefrau reiste sie auch autonom und gemeinsam mit ihrem Mann. Unter anderem erkundete sie den brasilianischen Amazonas, Arabien und Indien.

Isabel Arundel. Quelle: https://www.npg.org.uk/collections/search/portrait/mw64041/Isabel-ne-Arundel-Lady-Burton

Von 1869 bis 1871 lebten beide, er wiederum als Konsul, in Damaskus, von wo aus Isabell oft wochenlang und in arabischer Männerkleidung in die Wüste ausritt. Als ihr bedeutendstes Werk wird die Biographie ihres Mannes gelten. Burtons letzte Station als Konsul war seit 1871 Triest, wo der 1886 von Queen Victoria zum Ritter geschlagene letztlich an den Folgen eines Herzinfarkts starb. Isabel überredete einen Priester, Burton die Sterbesakramente zu erteilen, obwohl er nicht der katholischen Kirche angehörte, was ihr später einige Freunde Burtons zum Vorwurf machten. Burton liegt unter einem marmornen, arabisch nachempfundenen Beduinenzelt mit Glasfenster an einer Seite auf dem katholischen Friedhof von Mortlake im südwestlichen Teil von London begraben, seine Frau folgte ihm sechs Jahre später nach.

Farmers Opus. Quelle: https://www.zvab.com/servlet/BookDetailsPL?bi=20691774590&searchurl=an%3Dfarmer%26hl%3Don%26sortby%3D20%26tn%3Ddie%2Bflusswelt%2Bder%2Bzeit&cm_sp=snippet--srp1--image2#&gid=1&pid=1

Seine Person und sein Leben sind vielfach adaptiert worden: In „Indiana Jones“ steckt ebenso ein Stück Burton wie im „Allan Quatermain“ von Henry Rider Haggard. In der fünfbändigen Science-Fiction-Romanreihe „Flusswelt der Zeit“ von Philip José Farmer spielt Burton eine Hauptrolle – er ist der auf der Suche nach den Quellen des größten Flusses aller Zeiten. Bob Rafelsons Film „Land der schwarzen Sonne“ (1990) beschreibt die Expedition Burtons mit Speke auf der Suche nach der Quelle des Nils. Sein größter Fan aber ist der bulgarischstämmige Autor Ilija Trojanow. Der Roman „Der Weltensammler“, immerhin Finalist für den deutschen Buchpreis 2006, zeichnet drei Stationen von Burtons Biographie – Indien, Arabien und Ostafrika – über 16 Jahre hinweg nach. Die Collage „Nomade auf vier Kontinenten“ (2007) fasst Trojanows Recherchen auf den Spuren des Weltensammlers mit Originaltexten von Burton zusammen, dem das Lebensmotto „Omne Solum Forte Patria“ (Dem Starken ist jeder Ort Heimat) nachgesagt wird. Er gilt noch heute als eine der schillerndsten Gestalten Englands des neunzehnten Jahrhunderts.

Seine Biografie ist bis heute in vielen Teilen ein Verwirrspiel: Hin- und hergerissen nicht nur zwischen zwei Frauen, sondern auch zwischen dem katholischen Irland und dem protestantischen England ist seine Lebensgeschichte ein Abbild der englischen Vorherrschaft und Unterdrückung, die immer wieder zu wirtschaftlichen und religiösen Konflikten führte. Zeitweilig war er, der unter Isaac Bickerstaff sowie fünf weiteren Pseudonymen schrieb, so wirkmächtig, dass die englische Regierung eine Belohnung von 300 Pfund für die Ergreifung des unbekannten Verfassers aussetzte. Obwohl jeder wusste, wer der Schreiber war, wurde er nicht verraten – das durchschnittliche Jahreseinkommen eines Landarbeiters betrug damals 20 Pfund. Er konnte dem Erzbischof Boulter, der ihn der Aufwiegelung des Volkes zieh, ohne Übertreibung antworten: „Ich brauchte bloß meinen Finger zu heben, und Sie würden in Stücke gerissen.“

Gern erzählte man auch die Geschichte, dass Premierminister Robert Walpone, als er ihn schließlich verhaften wollte, von einem klugen Freund gefragt wurde, ob er denn 10.000 Soldaten hätte, um den Beamten bei der Befehlsausführung zu begleiten. So wurde vor allem im viktorianischen Zeitalter an seinem bekanntesten Roman so lange herumgekürzt und geglättet, bis man ihn als gemäßigtes und häufig illustriertes Märchenbuch in Kinderhände geben konnte. Die satirische Abrechnung fiel dieser Abmilderung, besser gesagt dieser Verstümmelung zum Opfer; der Originaltext erschien in England erst wieder 1905. Der so entwürdigte Autor hieß Jonathan Swift, gilt als bedeutendster irischer Schriftsteller der Aufklärung und starb am 19. Oktober 1745 in Dublin.

Swift ca. 1710. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/4b/Jonathan_Swift_by_Charles_Jervas_detail.jpg

Hier war er auch am 30. November 1667 als Halbwaise zur Welt gekommen – sieben Monate nach dem Tod seines gleichnamigen Vaters. Er verbrachte die ersten fünf Jahre mit einem Kindermädchen in England und wuchs nach seiner Rückkehr bei Verwandten auf. Diese kindlichen Erfahren scheinen seinen stolzen und störrischen Charakter geprägt zu haben, der anfangs eigensinnig und unbeugsam, zum Lebensende dann reizbar, unhöflich, ja exzentrisch genannt werden wird. 1682 nahm er auf Wunsch eines Onkels in Dublin ein Theologiestudium auf, bekam wegen Aufsässigkeit jedoch nur gnadenhalber („by special favour“) eine Abschlussurkunde. Es sei eine von Hunger und Demütigungen begleitete Universitätszeit gewesen, „die ihn verbitterte und seine skeptischen Anlagen nährte“, so der Literaturhistoriker Richard Wülker.

Zwischen zwei Frauen

Nach seinem Studium fand Swift eine Anstellung als Sekretär bei seinem Onkel, dem englischen Lord Sir William Temple, einem Diplomaten im Ruhestand, der auf seinem Landsitz Moorpark in Surrey lebte. Hier traf er Esther Johnson, die uneheliche Tochter Sir Williams’, von ihm in seinen Tagebüchern Stella genannt. Mit Unterstützung seines Onkels konnte er seine akademische Ausbildung in Oxford weiterverfolgen und sich mit der englischen Politik vertraut machen. Nach Zerwürfnissen mit seinem Dienstherrn kehrte Swift jedoch nach Irland zurück und fasste hier den Entschluss, sich in der anglikanischen Kirche zum Priester ordinieren zu lassen. 1694 fand er eine Stelle als Dorfpfarrer in Kilroot, die er jedoch nach einem Jahr bereits wieder aufgab, um nach Moorpark zurückzukehren: Sir William Temple hatte ihm ein zweites Angebot gemacht.

Der als äußerst ehrgeizig geltende Swift machte sich – nicht ganz unbegründet – Hoffnungen auf eine Karriere auf der Insel. Er verkehrte dort in höchsten literarischen und politischen Kreisen, war mit Alexander Pope und anderen bekannten Schriftstellern und Geistesgrößen befreundet und engagierte sich politisch zunächst für die liberalen Whigs. Swift vollendete hier sein erstes größeres Werk „A Tale of a Tub“ („Märchen von einer Tonne“) und schrieb „The Battle of the Books“ („Die Schlacht der Bücher“). Der Tod seines Gönners im Jahr 1699 beendete Swifts gute Stellung. Da er nicht mehr auf eine hohe Position in der Kirche in England hoffen konnte, ging er mit dem Theologen und Philosophen Earl of Berkeley als Hauskaplan nach Dublin zurück, wo er 1702 am Trinity College promovierte. Esther Johnson folgte ihm nach und ließ sich im nahegelegenen Trim nieder.

Eine von unzähligen Gulliver-Ausgaben. Quelle: https://pictures.abebooks.com/BOENSCHEN/20741798339.jpg

Über die Beziehung der beiden wird bis heute gemutmaßt. Swift war anfangs ihr Lehrer und Mentor, als sie acht Jahre alt war und er in den Zwanzigern. Später als Erwachsene pflegten die beiden eine innige, wenn auch mehrdeutige Beziehung. Wie mehrdeutig, darüber streiten die Biografen. Manche nehmen sogar an, dass Swift seine Stella 1716 heimlich heiratete, andere stufen diese Annahme jedoch als Unsinn ein. Weniger Zweifel herrschen darüber, dass Swift während seiner Zeit in England ab ca. 1711 noch eine weitere, nicht weniger mehrdeutige Beziehung zu einer Dame namens Esther Vanhomrigh führte, eine andere Esther, die er in seinen Texten „Vanessa“ nannte.

Von den Whigs politisch, aber vor allem persönlich enttäuscht, war er, erneut zurück in  England, zu den Tories gewechselt und gab 1710/11 die Tory-Wochenzeitung Examiner heraus. Die Partei verschafft ihm aber keinen Bischofssitz, sondern 1713 das Dekanat von St. Patrick in Dublin, das er bis zu seinem Tode innehatte. Sein Amt in der „irischen Provinz“ habe er gereizt angetreten, „und es mag ihm nicht unlieb gewesen sein, dass die Behandlung Irlands durch England ihm die Gelegenheit bot, gleichzeitig für das unglückliche Land einzustehen und sich an der Regierung zu rächen“, so Wülker. Schuld daran war Swift zu einem großen Teil aber selbst, denn mit seinen scharfzüngigen Satiren – vor allem gegen die Kirche – verbaute er sich die Beförderung zu einer hohen geistlichen Würde. Über das folgende Jahrzehnt ist wenig bekannt.

Swift schien eine Zeitlang die Zuneigung Esther Vanhomrighs für ihn erwidert, dann aber die Beziehung beendet zu haben. Ein Drama nahm seinen Lauf, nachdem sich Swift endgültig nach Irland zurückgezogen hatte und Vanessa, die sich anscheinend noch immer Hoffnung machte, ihm kurzerhand nachfolgte. Als sie, jahrelang hingehalten, schließlich von seiner anderen Beziehung erfuhr, kam es zur Konfrontation. Vermutlich schrieb Vanessa an Stella einen Brief, den diese ihm verstört zeigte. In seiner aufbrausenden Art galoppierte Swift daraufhin zu Vanessas Haus, warf ihr einen hasserfüllten Blick und den zerknüllten Brief zu und machte sich von dannen. Kurze Zeit später, 1723, starb Vanessa – an gebrochenem Herzen, vermuten viele Biographen.

„außerordentliches demagogisches Talent“

In Vanessas Todesjahr protestierte er in den „Briefen des Tuchhändlers W. B. in Dublin“ unter der Maske und im volkstümlichen Stil eines Krämers gegen die Einführung des neuen Kupfergeldes in Irland, ein „außerordentliches demagogisches Talent“ erkennt Wülker.  In den nächsten Jahren schrieb er das Werk, das ihm später zu Weltruhm verhelfen sollte: „Gulliverʼs Travels“ („Gullivers Reisen“), die 1726 erschienen. Die Idee dazu entstand wahrscheinlich bereits in den Jahren 1715 bis 1720, als sich Swift verbittert aus dem politischen Leben zurückgezogen und wenig veröffentlicht hatte. Sie erschienen zunächst anonym. Der Erfolg war überwältigend und die Erstauflage binnen einer Woche verkauft. Reiseliteratur gab es damals zuhauf, aber Satire in Form eines fiktiven Reiseberichtes war etwas gänzlich Neues. Durch detaillierte Einzelheiten, zum Beispiel bei den geografischen und nautischen Angaben, versuchte Swift, dem Leser exakte Wirklichkeitsbeschreibungen vorzugaukeln, wobei ihm die gesellschaftlichen Zustände im England des 18. Jahrhunderts Modell standen.

Zeitgenössische Illustration zu „a modest proposal“. Quelle: https://thefablesoup.wordpress.com/2016/02/24/a-modest-proposal-why-so-satirical-swift/

Vier Schiffsreisen bringen den Schiffsarzt Lemuel Gulliver mit mindestens vier unterschiedlichen Gesellschaftsformen zusammen. Seine erste Fahrt führt ihn nach Liliput ins Land der Zwerge, und von dort geht es weiter nach Brobdingnag zu den Riesen. Auf seiner dritten Reise lernt er die fliegende Insel Laputa kennen, deren Einwohner nach reinem Wissen streben. Von hier reist Gulliver nach Luggnagg, einer Insel, deren Bewohner ewig leben. Nach einer Meuterei auf seinem Schiff macht Gulliver Station im Land der Hauynhnhnms, einer hochintelligenten Pferderasse, die sich ungebildete, unzivilisierte Menschen, Yahoos, als Diener halten. Laut der englischen und deutschen Unternehmenswebsite war der Name des Internetportals „Yahoo“ zwar auch ein Akronym für „Yet Another Hierarchical Officious Oracle“, wurde aber von den Firmengründern aufgrund der Bedeutung des englischen Adjektivs yahoo „ungezogen, unverfälscht, ungehobelt“ gewählt – ursprünglich abgeleitet von Swifts primitiven menschenähnlichen Wesen.

Der Roman ist, nach Campanellas „Civitas solis“ („Sonnenstaat“, 1623) und Bacons „Nova Atlantis“ („Neu-Atlantis“, 1627), der Höhepunkt einer im Gegensatz zu religiösen Entwürfen stehenden Gattung, die ohne unmittelbare Wirklichkeitsansprüche Bilder einer idealen Gesellschaft zum Thema hat. „Es steht also Zeitloses, es steht Menschliches in diesem Buch, das uns alle angeht, heut wie damals“, befand Hermann Hesse. Der Name des Erzählers und Hauptfigur Lemuel Gulliver ist eine Anspielung auf das englische Wort gullible, welches so viel wie „gutgläubig“, „leichtgläubig“ oder auch „einfältig“ bedeutet, und verweist somit auf den naiv-leichtgläubigen Charakter der Figur des Gulliver. Ein interessantes Detail der Geschichte ist die relativ genaue Vorhersage von zwei Marsmonden, die erst 150 Jahre später entdeckt wurden. Der Roman wurde vielfach verfilmt, fristete aber aufgrund seiner gewollten Infantilisierung jahrelang ein Nischendasein als Kinderbuch. Erst 1909 erfolgte eine deutsche Übersetzung des vollständigen Textes; es war überhaupt die erste vollständige Übersetzung nach knapp 200 Jahren.

„Macht an sich ist kein Segen“

1728 stirbt seine geliebte Stella und wird in „seiner“ Dubliner Kathedrale begraben. Nun verschärft sich nicht nur sein literarischer Ton, auch sein Leben verdüstert sich zunehmend. Das Ergebnis waren grobe, sarkastisch-zynische Schmähschriften, darunter seine schärfste Satire „A Modest Proposal“ („Ein bescheidener Vorschlag“ 1729). Darin schlägt er als Mittel gegen Überbevölkerung, Armut und Hunger gar vor, irische Kinder als Nahrungsmittel zu nutzen und aus ihrem Export Kapital zu schlagen – ein Zitat, das fast jeder Tourist in Dublin auf den Bustouren zu hören bekommt. Swift überzeichnet dabei diverse damals diskutierte frühkapitalistische Vorschläge, etwa die Armen nach dem Vorbild einer Aktiengesellschaft zu organisieren, oder die Praxis, Menschen als Ressource zu betrachten. Im Erscheinungsjahr wird er Ehrenbürger von Dublin. Obwohl nicht eindeutig nachgewiesen, wird ihm auch eine groteske Abhandlung über Fäkalien zugeschrieben: „Human ordure botanically considered („Menschlicher Stuhlgang aus botanischer Sicht“, 1733).

St. Patrick’s Cathedral in Dublin: Grab von Jonathan Swift. Quelle: http://www.maelmill-insi.de/Irland/d00002c.htm

1735 wurden noch seine „Gesammelten Werke“ in vier Bänden veröffentlicht – insgesamt 37 Bücher werden es am Ende sein. Dann zog sich der Autor immer mehr zurück und beschäftigte sich nur noch mit älteren Projekten. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich zunehmend, er litt unter Taubheit und Schwindel und soll die letzten Jahre seines Lebens kaum noch gesprochen haben. Drei Jahre vor seinem Tod fiel er schließlich in geistige Umnachtung, sodass man ihn entmündigte. Testamentarisch hatte er bestimmt, dass sein nicht unbeträchtliches Vermögen für den Bau eines „Irrenhauses“ verwendet wird. Das „St. Patrick’s Hospital“ (auch „Swifts Hospital“ genannt) war nicht nur das erste „Irrenhaus“ in Irland, sondern für lange Zeit auch das einzige. Swift, der seine beiden Damen um viele Jahre überlebte, wurde ebenfalls in St. Patrick’s Cathedral beigesetzt – im selben Sarg wie Stella.

Von Swift stammen mehrere noch heute gern zitierte Bonmots. „Macht an sich ist kein Segen, außer sie wird benutzt, um Unschuldige zu schützen“, ist eines, „In dieser Welt hat nur die Unbeständigkeit Bestand“, ein anderes, und auf ihn selbst traf „Der unzufriedene Mensch findet keinen bequemen Stuhl“ sicher am meisten zu. Sein angeborener Sinn für Menschlichkeit und Gerechtigkeit machte Swift mit seinen spezifischen literarischen Mitteln zum Anwalt des irischen Volkes gegen die britische Obrigkeit und deren Politik. Die Werner-Dessauer-Stiftung vergibt seit 2015 jährlich den Internationalen Jonathan Swift–Literaturpreis für Satire und Humor – datiert mit 20.000 Schweizer Franken.

Dass er 1985 in die National Inventors Hall of Fame und 1998 in die TIME-Liste der 100 einflussreichsten Personen des 20. Jahrhunderts aufgenommen wurde, war in seiner Kindheit nicht absehbar – er hatte Schwierigkeiten beim Erlernen der Bruchrechnung. Seine Mutter erklärte ihm daraufhin das mathematische Konzept, indem sie Äpfel in unterschiedlich große Stücke teilte. Er sagte später, dass dies die wichtigste Lektion seines Lebens war, denn er erkannte den Wert intelligenter Problemlösung. Am 17. Juli 1902 entwickelte er als 26jähriger die erste moderne Klimaanlage und schuf dadurch einen Industriezweig, der fundamental verändern sollte, wie wir leben und arbeiten: Willis Haviland Carrier. Am 7. Oktober 1950 starb er in New York.

Die Idee dazu soll ihm auf einem nebligen Bahnsteig in Pittsburgh gekommen sein: Carrier erkannte, dass sich die Luftfeuchtigkeit regulieren lässt, indem Luft durch Wasser geführt und dadurch Nebel erzeugt wird. Anlass seiner Überlegungen war die Anfrage der Lithoanstalt Sackett & Wilhelms, bekannt für hochwertige Colordrucke, an den Heizlüfterproduzenten Buffalo Forge Company, ob es jemanden gebe, dem etwas gegen hohe Luftfeuchtigkeit einfiele. Denn: bei Hitze schwankte die Luftfeuchtigkeit so sehr, dass sich das Papier verzog, die Konturen verwischten und Fehldrucke en masse das Geschäft zu ruinieren drohten. Carrier, damals blutjunger Ingenieur, bekam einen kleinen Raum zum Tüfteln, baute kurzerhand eine normale Heizung um und pustete per Ventilator Luft in die Rohre, die er mit Wasser kühlte.

Carrier 1915. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/a7/Willis_Carrier_1915.jpg

Der Grundgedanke dahinter ist ganz einfach: Je wärmer die Luft, desto mehr Feuchtigkeit kann sie tragen. Je kälter der Raum, desto weniger Feuchtigkeit ist in ihm enthalten. Ergo: Je kühler die Druckerei, desto glatter bleibt das Papier. So entzog sein Apparat, wie gewünscht, der Luft Feuchtigkeit und kühlte sie nebenbei auch noch. Es ist eine Ironie der Technikgeschichte, dass ein simpler Trick, der zur Kühlung eines Raumes dient, erst dann angewendet wurde, als diese Kühlung einem ganz anderen Zweck dienen sollte, nämlich die Luftfeuchtigkeit zu verringern.

Der „Father of Cool“ oder „Vater der modernen Klimaanlage“ verhalf zahlreichen Branchen zum Aufstieg: Lebensmittelfertigung wurde vielfach durch Klimatechnik erst möglich. Klimaanlagen bereiteten auch den Weg für die ersten Sommer-Kinofilme, denn die Menschen strömten in die kühlen Kinosäle, um der Hitze zu entkommen. Dank der präzisen Steuerung von Temperatur und Luftfeuchtigkeit gibt es heute Einkaufszentren, Serverräume – und Transatlantikflüge: „Erst dieser Kasten ermöglichte die Globalisierung“, befand Uli Kulke in der Welt. „Die Klimaanlage sollte die Welt verändern, weltvergessene Tropennester in boomende Industrie- und Handelszonen verwandeln, deren Wohlstand wie ein Magnet die Menschen vom Land anlockte, wo ihre Arbeit nicht mehr benötigt wurde. Sie löste Völkerwanderungen aus.“

„Die Leute werden es mögen“

Geboren wurde Carrier am 26. November 1876 in New York. Von seiner Kindheit ist wenig bekannt außer, dass er die Vorliebe seiner Mutter für Basteleien erbte. 1895 erhielt er ein Stipendium an der Cornell University und schloss sein Studium 1901 mit einem Bachelor in Maschinenbau ab. Bei Buffalo Forge, seiner ersten Anstellung, wurde er nach seinem Erfolg bei Sackett & Wilhelms Direktor der Entwicklungsabteilung. Da seine Erfindung zunächst nicht auf die Temperatur, sondern die Luftfeuchtigkeit zielte, ging sie nicht als Kühlmaschine in die Überlieferung ein: Das englische „air conditioner“ (A/C) könnte man eher als „Luftverbesserer“ übersetzen. Das Patent auf seinen Geistesblitz meldete der Erfinder als „Apparat zur Behandlung von Luft“ an. Am 2. Januar 1906 wurde es unter „No. 808897“ erteilt, kurz darauf die Carrier Air Conditioning Company zunächst als Tochterfirma von Buffalo Forge gegründet.

Patentauszug. Quelle: https://ip.com/blog/popular-inventions-air-conditioner/

In den Jahren danach forschte Carrier auch über Psychrometrie und stellte 1911 ein vervollkommnetes Verfahren zur Feuchtebestimmung durch vergleichende Temperaturmessung vor. Er entwickelte das Carrier-Diagramm, mit dem sich Zustandsänderungen feuchter Luft durch Erwärmung, Befeuchtung, Entfeuchtung, Kühlung und Mischung verschiedener Luftmengen bei einem bestimmten Luftdruck beschreiben lassen. Infolge des Ersten Weltkriegs trennte sich Buffalo Forge vom Geschäft mit Klimaanlagen. Carrier gründete 1915 mit sechs Kollegen und einem Startkapital von 35.000 Dollar die Carrier Engineering Corporation. Das Unternehmen ist bis heute Weltmarktführer auf dem A/C-Markt.

Es dauerte eine gewisse Zeit, bis sich die Vorteile der Klimaanlagen herumsprachen. Filmfabriken, Tabakhersteller, Fleischverarbeiter – Gewerbebetriebe mit empfindlicher Ware waren die Ersten, die sie nutzten. 1919 folgte das erste Kaufhaus. 1924 gelang es Carrier, den Besitzer des New Yorker Kinos „Rivoli Theatre“ zum Einbau einer Klimaanlage zu überreden. Zur ersten Vorstellung mit Tiefkühlung – welcher Film an diesem denkwürdigen Tag zur Aufführung gebracht wurde, ist nicht überliefert – kam Adolph Zukor höchstselbst, der mächtige Präsident der Paramount Pictures. Vom Schweiße befreit, war er vom Kunstklima ebenso begeistert wie alle anderen Premieren-Gäste: „Die Leute“, prophezeite er, „werden es mögen.“ Der Umsatz des „Rivoli“ stieg sprunghaft, schon nach drei Monaten hatte sich die Installation der Anlage amortisiert.

Werbebild aus den 30er Jahren. Quelle: https://www.welt.de/geschichte/article144880417/Erst-dieser-Kasten-ermoeglichte-die-Globalisierung.html

Innerhalb der nächsten fünf Jahre verwandelte Carrier 300 Kinos im ganzen Land in Kühlhäuser, dann nahm er sich Büros, Hotels und Geschäfte vor, schließlich konstruierte er einen Kühlkörper für Wohnräume. Der Erste, der die Tragweite dieser Konstruktion erkannte, war der texanische Schriftsteller Frank Dobie, kurz nachdem 1928 die erste Klimaanlage in einem Privathaus eingebaut wurde: „Texas wird zugrunde gehen“, schrieb er, „jetzt können die Yankees auch hier leben.“ Und die Nordstaatler kamen, massenhaft. Carrier verlegte 1930 sein Unternehmen nach Syracus (New York) und gründete zeitgleich in den weltweit größten Märkten für Klimaanlagen die „Toyo Carrier“ in Japan und in Südkoreas Hauptstadt Seoul die „Samsung Applications“. 1935 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Lehigh University, 1942 der Alfred University.

Störungen des Wohlbefindens

1939 bot Packard als erster Fahrzeughersteller eine Klimaanlage an. In den 40er Jahren gehört seine Erfindung bereits zum American Way of Life und revolutionierte zudem die Architektur US-amerikanischer Metropolen – und später das Wachstum der asiatischen Megacities: Da in den obersten Stockwerken das Öffnen der Fenster zum Lüften extrem schwierig ist, wären Wolkenkratzer wie das Empire State Building ohne Carriers Erfindung gar nicht möglich gewesen. Dass Carrier dieser Beitrag zur Kultur zum Millionär machte, versteht sich in Amerika von selbst. Inzwischen geben die Amerikaner jährlich über 20 Milliarden Dollar für seine Erfindung aus: Zwei Drittel aller neugebauten Häuser sind klimatisiert, in 83 Prozent aller Autos ist sie verbaut.

Carrier-Gedenktafel. Quelle: https://www.hmdb.org/PhotoFullSize.asp?PhotoID=357714

Nach Carriers relativ unbemerktem Tod traten zwei Schattenseiten seiner Innovation zutage. Zum ersten wandelten sich nach der Ersetzung von Ammoniak als Kältemittel in den Anfangsjahren Sicherheitskältemittel wie Fluorchlorkohlenwasserstoff (FCKW) im Lichte wissenschaftlicher Erkenntnis vom Allheilmittel zum Ozonschichtfresser: Die Klimaanlage sorgt für Kühlung und treibt damit die Temperaturen in die Höhe. Zum anderen hat sich die Alte Welt mit der Klimamaschine nie so recht befreunden können. Häufig klagen hierzulande Arbeitnehmer über Störungen des Wohlbefindens.

Untersuchungen wie die des Wissenschaftlers Dr. Peter Kröling vom Institut für Medizinische Balneologie und Klimatologie der Universität München haben laut Spiegel nachgewiesen, dass in vollklimatisierten Räumen Arbeitende wesentlich häufiger über „übermäßige Müdigkeit“, „rasche Erschöpfbarkeit“ und „Kreislaufstörungen“ leiden. Das Kunstklima erhöht, so ein weiteres Ergebnis der Studie, überdies die Neigung zu Erkältungskrankheiten, verstopfter Nase, entzündeten Augen sowie Gelenk- und Gliederschmerzen – jeder dritte Befragte nahm deswegen regelmäßig Medikamente, auch der Tee- und Kaffeekonsum war im klimatisierten Bereich erheblich höher.

Auto-Klimaanlage. Quelle: https://www.tipps-vom-experten.de/interessantes-wissen-klimaanlage-auto/

Der verstorbene Lee Kuan Yew, Premierminister Singapurs, antworte auf die Frage des Wall Street Journals, welche Erfindung die wichtigste des letzten Jahrtausends gewesen sei, „Die Klimaanlage“. Der Aufklärer Montesquieu würde sich bestätigt sehen. Hatte er doch 1748 die ungleiche Entwicklung der Welt darauf zurückgeführt, dass Hitze die Produktivität senke und unternehmerische Kühnheit unterdrücke, während in kühlen Ländern der Mut regiere und zum Erfolg führe. Dank Carrier ist die gewinnbringende Kühle heute überall machbar, wo sie benötigt wird.

Das haben die Sachsen Hannes Hegen nie verziehen: Als er für seinen DDR-Kultcomic Mosaik Anfang der 60er Jahre seine „Erfinderserie“ konzipiert, lässt er zwar Persönlichkeiten wie Otto von Guericke, James Watt und Werner von Siemens auftreten – nicht aber den Erbauer des ersten Elbe-Dampfschiffs, obwohl ein Gutteil der Handlung in Heft 79 an Bord spielt: Johann Andreas Schubert. Der Ingenieurwissenschaftler, Unternehmer und Maschinenbau-Professor konstruierte auch die erste funktionstüchtige, in Deutschland gebaute Dampflokomotive „Saxonia“ und erwarb sich große Verdienste beim Bau der Göltzschtalbrücke, der bis heute größten Ziegelsteinbrücke der Welt. Am 6. Oktober vor 150 Jahren starb er.

Dass er es überhaupt so weit bringen konnte, verdankt er einem glücklichen Zufall: als er mit neun Jahren seinen Bruder Christoph, einen Händler, im herbstlichen Vogtland begleitete und der ihn nach einer Halbtagestour allein wieder heim schickte, verirrte er sich und kam nach mehrtägiger Wanderung bis in die Gegend von Leipzig. Ihn überholte eine Reisekutsche, an der er sich hinten anhängte, um ein Stück mitzufahren. In diesem Wagen reiste der Polizeidirektor von Leipzig, Oberhofrichter Ludwig Ehrenfried von Rackel mit seiner Frau. Nachdem ihnen der Junge von seinem Missgeschick erzählt hatte, brachte ihn Rackel zurück und erwirkte nach längerer Unterredung von den Eltern die Genehmigung, Johann Andreas als Pflegesohn in Leipzig aufzunehmen und zu erziehen.

J.A. Schubert. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/3e/Johann_Andreas_Schubert.jpg

Geboren wurde er am 19. März 1808 in Wernesgrün als achtes von neun Kindern eines verarmten Bauern, der als Fuhrmann und Tagelöhner arbeitete. Seine Eltern nannten ihn stets nur Andreas, in Erinnerung an seinen als Dreijähriger verstorbenen Bruder. Vom siebten Lebensjahr an hütete er bei der verwandten Bauernschaft Kühe und Schafe, um den elterlichen Haushalt mit zu entlasten. Auch die Beschaffung von Heizmaterial war seine Aufgabe. In der Wernesgrüner Dorfschule lernte er Lesen, Schreiben und Rechnen. „Freuden der Kinderjahre waren mir kaum beschieden und besonders vom achten Lebensjahr an litt ich bitterste Entbehrung“, schreibt er später, so dass ihn seine Eltern, wenn auch schweren Herzens, mit Rackel ziehen ließen.

Vom Ingenieur zum Professor

Ab Ostern 1818 lernt er auf der Leipziger Thomasschule. Als Rackel 1820 überraschend stirbt, zieht seine Witwe mit Andreas zu ihrem Bruder, Generalleutnant Carl Ludwig Sahrer von Sahr, dem Kommandanten der Festung Königstein. Hier besuchte der Junge die Garnisonsschule und nahm privaten Unterricht beim Pfarrer von Königstein. 1821 bis 1824 war er Internatszögling des Freimaurerinstituts zu Dresden-Friedrichstadt: Zeitlebens blieb er der Loge „Zu den drei Schwertern” verbunden. Sein Zeichenlehrer Faber empfahl ihm ein Bildhauerstudium. Weil an der Königlichen Akademie gerade kein Platz frei war, bewarb sich Schubert an der Bauschule unter dem gleichen Dach – heute würde man Architekturstudium dazu sagen.

Während des Studiums trat seine außergewöhnliche mathematische und technische Begabung zu Tage. In der Werkstatt des Dresdner Hofmechanikers Rudolf Sigismund Blochmann lernte er als Volontär die handwerkliche Seite des Maschinenbaus kennen und wurde zugleich in Konstruktionslehre unterwiesen. Der den Künsten zugeneigte Schubert wandte sich nunmehr dem Ingenieurwesen zu, das sich, noch zwischen Kunst und Wissenschaft angesiedelt, im Zuge der Industrialisierung rasch zu einem weit gefächerten Ausbildungsbereich entfaltete. 1828 trat er folgerichtig als Lehrkraft für Buchhaltung und zweiter Lehrer für Mathematik in die gerade gegründete Technische Bildungsanstalt Dresden ein und wurde bereits 1832 Professor. Im selben Jahr heiratete er Florentine Dennhardt, Tochter eines Steuereinnehmers in Mittweida, die ihm einen Sohn und eine Tochter gebar.

Die „Saxonia“ auf einer DDR-Briefmarke. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/7d/Stamps_of_Germany_%28DDR%29_1985%2C_MiNr_2969.jpg

Schubert verkörperte in der Frühzeit polytechnischer Schulen einen Lehrertypus mit breiter disziplinärer Orientierung und vielgestaltigem Berufsbild, der es verstand, Lehre, wissenschaftliche Tätigkeit und praktische Berufsausübung miteinander zu verknüpfen. Dies entsprach ganz den Erfordernissen seiner Zeit, in der man versuchte, Gewerbeförderung und industrielle Entwicklung über eine solide Ausbildung von praktischen Mechanikern voranzubringen. Seine Lehrfächer waren nun auch der Maschinen- und der Eisenbahnbau. Sein Wissen auf diesem Gebiet erweiterte insbesondere eine Englandreise 1834.

Er „verfügte nicht nur über die Fähigkeit, in freier Rede seine Schüler zu fesseln, sondern vermittelte durch den Einsatz spezieller Lehrmittel jene Anschaulichkeit, die schwierige ingenieurtechnische Gegenstände als Einheit von empirischen und theoretischen Komponenten verständlich machten“, befinden seine Biographen Thomas Hänseroth und Klaus Mauersberger. Seiner außerordentlichen Lehrerfolge wegen gelang es ihm, nicht nur Einfluss auf die praktische und wissenschaftliche Gestaltung der Ausbildung zu nehmen, sondern auch auf das neue Organisationsstatut von 1835: Seine Hauptlehrgebiete, die technische Mechanik, Baulehre und Maschinenkunde, avancierten zu den zentralen Fächern der Anstalt.

Schiffs- und Lokomotivbauer

1836 gründete er die Maschinenbau-Anstalt Übigau mit, heute ein Stadtteil von Dresden, und wurde deren technischer Direktor sowie Vorsitzender des Direktoriums. Im gleichen Jahr war er Mitbegründer der Sächsischen Elbe-Dampfschifffahrts-Gesellschaft. 1837 wurde in Übigau die „Königin Maria“ fertig gestellt, zu dieser Zeit das erste Dampfschiff auf der Oberelbe; ein Jahr später folgte der Dampfer „Prinz Albert“. Beide Dampfschiffe waren Konstruktionen Schuberts. Zu Unrecht wurden ihm die Schwierigkeiten beim Probebetrieb der Schiffe angelastet: Ursprünglich hatte Schubert seine Antriebsmaschinen aus England beziehen wollen. Doch das scheiterte an der Bürokratie. So musste er auf deutschen Ersatz zurückgreifen, auf wahre „Monster“ aus Preußen, die die sächsische „Maria“ im Flachwasser behinderten.

Die Göltzschtalbrücke. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%B6ltzschtalbr%C3%BCcke#/media/Datei:G%C3%B6ltzschtalbr%C3%BCcke_2012.jpg

Parallel dazu konstruierte und baute er die „Saxonia“: „Ich habe für das erste in Deutschland gebaute Locomotiv alle nöthigen Theile selbst anfertigen lassen, was mir bis jetzt noch niemand in Deutschland nachzuthun gewagt hat… Kein einziger Arbeiter war mir zur Hand, der jemals an einem derartigen Stücke gearbeitet hatte“, schreibt er später. Bei der Eröffnung der ersten deutschen Fern-Eisenbahnstrecke zwischen Leipzig und Dresden am 8. April 1839 fuhr Schubert mit ihr hinter dem offiziellen Zug her, der von zwei englischen Loks angetrieben wurde – mit Gehrock, Zylinder und verrußtem Gesicht, heißt es.

Auch auf der Rückfahrt sollte die „Saxonia“ hinter dem Hof-Zug fahren, doch das ging der englischen Crew entschieden zu weit. Als Schubert, vom Frühstück kommend, Kohle aufnehmen wollte, war der Schuppen leer. Zu allem Übel waren in Priestewitz die Weichen verstellt, und so raste die feurige Sächsin auf eine unter Dampf stehende führerlose englische Lok. Die Reparaturen sorgten für neuerlichen Aufenthalt, zum ersten Mal übernachtete ein Professor aus Dresden in Priestewitz! Später wurde die „Saxonia“ für den Fuhrpark der Eisenbahn-Compagnie angekauft und fristete dort, vom anglophilen Personal mit Verachtung bedacht, das Dasein einer Reserve-Lokomotive, obwohl sie es unbestritten mit jeder Engländerin an Eleganz, Geschwindigkeit und Wasserverbrauch hätte aufnehmen können.

Wirtschaftlicher Erfolg stellte sich für Schubert nicht ein, so dass er 1839 seinen Vertrag beim Actien-Maschinenbau-Verein kündigte und wieder als Hochschullehrer arbeitete. Doch schon zwei Jahre später wurde er noch einmal in Sachen Eisenbahn aktiv, diesmal jedoch nicht als Maschinenbauer, sondern als Mathematiker und Architekt. Grund war der Beschluss, eine Eisenbahnverbindung zwischen Sachsen und Bayern zu bauen. Doch die Trassenführung von Leipzig über Altenburg, Crimmitschau, Werdau, Reichenbach und Plauen nach Hof war schwierig, da die Steigung mit Rücksicht auf die Lokomotiven ein Prozent nicht überschreiten durfte. Also mussten das Göltzschtal und das Elstertal überbrückt werden. Allein beim Göltzschtal waren das 600 Meter.

Brückenbauer im Vogtland

Eine solche Brücke war noch nie gebaut worden. Ein Wettbewerb wurde ausgeschrieben, dessen Jury Schubert leitete und der auch Gottfried Semper angehörte. 81 Entwürfe gingen ein, einen brauchbaren gab es nicht. Aus vier Arbeiten, die in die engere Auswahl kamen, schuf Schubert einen Kommissionsentwurf: eine durch Bögen aufgelockerte vierstöckige Massivbrücke aus Ziegelstein. Ab 1846 wurden 26 Millionen Ziegelsteine für die Göltzschtalbrücke verbaut, zwölf Millionen für die kleinere Elstertalbrücke. Im selben Jahr war er Mitgründer des „Sächsischen Ingenieur-Vereins“.

Schubert-Bau an der TU Dresden. Quelle: https://www.competitionline.com/de/ergebnisse/307658

Ein Jahr später endete Schuberts aktive Mitarbeit am Brückenprojekt. Bei der Einweihung der Brücken 1851 hatte er wegen seiner früheren Nähe zu den Initiatoren des Dresdner Aufstands von 1849 und seiner liberalen Haltung keinen so guten Stand. August Röckel, der Operndirektor und Kopf der Erhebung, hatte in Schuberts Haus in der Friedrichstraße, wo heute eine Bronzetafel auf beide verweist, gewohnt. Gottfried Semper und der Hofkapellmeister Wagner kamen bei ihm zu konspirativen Treffen zusammen; selbst der Anarchist Bakunin hatte im Gartenhaus ein Versteck. Im Jahr des Aufstands wurde er Dampfkesselinspektor für den Bezirk Dresden-Bautzen sowie in weitere Gremien berufen, darunter die „Technische Deputation“ des sächsischen Innenministeriums.

Nach dem Tod Florentines 1851 heiratete er erneut, seine zweite Frau Sophie sollte ihm noch vier Töchter schenken. Er wird mehrfach bei der Auswahl der Direktoren der Bildungsanstalt übergangen und konzentriert sich ganz auf die Lehre. Mit seinen neuen Erfahrungen vollzieht er einen Lehrgebietswechsel hin zum Bauingenieurwesen, namentlich zum Straßen-, Eisenbahn- und Brückenbau, und wurde Vorstand der Bauingenieurabteilung der Schule. Zwei seiner vier Lehrbücher waren damals Standardwerke: die „Elemente der Maschinenlehre“ und vor allem die zweibändige „Theorie der Konstruktion steinerner Bogenbrücken“.

Nachbau der Saxonia aus dem Jahr 1989. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/LDE_%E2%80%93_Saxonia#/media/Datei:Saxonia_1989_Meiningen_01092007.JPG

1859 hatte Schubert das Ritterkreuz des Sächsischen Verdienstordens erhalten. Zehn Jahre später schied er aus dem Hochschuldienst aus und wurde zum Regierungsrat ernannt. Sein Pensionsalter zu genießen blieb ihm gerade ein Jahr. Schuberts Grab befindet sich auf dem Inneren Matthäusfriedhof in Dresden, 1985 und 2008 wurde er mit Sonderbriefmarken gewürdigt. In Dresden trägt neben einer Straße und einem Gymnasium auch ein Gebäude der TU Dresden, das Teile der Fachrichtungen Physik, Biologie und Psychologie beherbergt, seinen Namen. „Bestechend bleibt Schuberts Vielseitigkeit: er war in Personalunion Lehrer, Ingenieur, Erfinder, Unternehmer, Freimaurer, Gutachter und manches mehr. Als letzter Universalist unter den Polytechnikern des 19. Jahrhunderts hat er vor allem ein weit gespanntes, fast den gesamten Fächerkanon seiner Bildungsanstalt überspannendes Werk hinterlassen“, wird er bis heute von der TU gewürdigt.

Als er 1937 seine erste Sozialversicherungskarte ausfüllte, gab er als zweiten Vornamen, in Anspielung auf seine Stimme, „Nebelhorn“ an – und hat das nie korrigieren lassen: Wolfgang Völz, seiner deutschen Synchronstimme, war es nur recht. Seine Paraderolle als schlurfender Kauz mit Knautschgesicht und Dackelblick hatte er sicher 1993 als „Mr. Wilson“ in „Dennis“, der ihm als Nachbarsjunge arge Streiche spielte. Und er ist Schöpfer mancher vielzitierten Bonmots, darunter „Der zweite Frühling kommt mit den dritten Zähnen“: Walter Matthau. Am 1. Oktober vor 100 Jahren wurde er als jüngerer von zwei Söhnen eines exiljüdischen Paares in New York geboren.

Sein Vater Milton Matthow, ein ukrainischer Ex-Priester, verließ die Familie, als Walter drei Jahre alt war. Seine Mutter Rose war eine litauische Näherin mit bescheidenem Einkommen, seine Kindheit galt als hart. In der Grundschule las er bei Versammlungen Gedichte vor und gehörte bereits als Elfjähriger zur Komparserie der jüdischen Theater an der 2nd Avenue in New York und spielte im Alter von 14 Jahren die Rolle des Polonius in einer Hamlet-Produktion. Er entschied sich, die Schreibweise seines Namens zu ändern, weil er Matthau eleganter fand. In dieser Zeit entwickelte sich auch seine später zur Sucht ausartende Leidenschaft für Sport und Wettspiele. Seine Spielverluste wird er mit 5 Mio. Dollar angeben; einmal setzte er sein gesamtes Jahresgehalt auf den Ausgang eines Baseball-Schauturniers.

W. Matthau. Quelle: https://static.kino.de/wp-content/gallery/w/a/walter-matthau/matthau-walter-walter-matthau-1-rcm950x0.jpg

Nach der High School versuchte er sich in unterschiedlichen Jobs – unter anderem als Eisverkäufer, Bodenreiniger, Box- und Baseballtrainer –, und verpflichtete sich schließlich während des Zweiten Weltkriegs bei der US-Luftwaffe, wo er mehrmals verwundet wurde. Nach dem Krieg profitierte Matthau von den großzügigen Ausbildungsstipendien, die die Regierung an ehemalige Soldaten vergab, studierte zunächst Journalismus und wechselte dann zu Erwin Piscators Dramatic Workshop. Zahlreiche bekannte US-Schauspieler wurden dort ausgebildet, seine Kommilitonen waren u.a. Rod Steiger, Tony Curtis oder Harry Belafonte. 1948 heiratete er Grace Geraldine Johnson und bekam mit ihr zwei Kinder. Im selben Jahr hatte er einen ersten Auftritt am Broadway, ab 1950 übernahm er Rollen im Fernsehen, bei dem damals kurze Stücke live aufgeführt wurden, was den Schauspielern ein hohes Maß an Können und Disziplin abforderte. 1954 wurde er mit dem „New York Drama Critics Award“ ausgezeichnet.

Mit Jack Lemmon zum Star

Sein Leinwanddebüt gab Matthau 1955 als „Bösewicht“ Stan Bodine in dem von und mit Burt Lancaster inszenierten Western „Der Mann aus Kentucky“. Später spielte er auch etwas differenziertere Figuren wie den Mel Miller in Elia Kazans Gesellschaftssatire „Das Gesicht in der Menge“ (1957). Wegen seiner unverwechselbaren Erscheinung und seiner speziellen Schauspielbegabung erwarb er sich den Ruf eines „scene stealers“, der den Hauptdarstellern auch in kleinen Szenen die Schau stehlen konnte. Nach seiner Scheidung von Grace Geraldine heiratete er 1959 erneut, diesmal die Schauspielerin Carol Grace, die ihm noch Sohn Charles schenkt, der ebenfalls Schauspieler wurde, sich aber auch als Regisseur und Produzent einen Namen machte. Mattau arbeitete in der Zeit für Alfred Hitchcock, aber auch an der Seite bekannter Kollegen wie Kirk Douglas („Einsam sind die Tapferen“, 1962) oder Cary Grant („Charade“, 1963) – Rollen, die ihn allmählich bekannt machten.

Den richtigen Kick erhielt seine Karriere aber erst, als der bekannte Bühnenautor Neil Simon ihm die Rolle eines mürrischen, jedoch liebenswerten Chaoten extra auf den Leib schrieb: Oscar Madison, den Mattau in der Komödie „Ein seltsames Paar“ bereits 1965 an der Seite von Jack Lemmon am Broadway spielt, bevor 1967 der gleichnamige Film entstand, der ihn zum Star machte und seine lebenslange Freundschaft mit Lemmon begründete. Die schnurrige Männer-WG war so erfolgreich, dass sie in den Sechziger- und Siebziger Jahren ihre Fortsetzung in einer gleichnamigen Fernsehserie fand.  „Jeder Schauspieler“, sagte Matthau in einem Interview mit Time 1971, „sucht nach der Rolle, die seine Talente mit seiner Persönlichkeit verbindet. Oscar Madison war für mich diese Rolle, mein Plutonium. Alles, was danach geschah, begann für mich mit dieser Rolle.“ Für seine Rolle in Billy Wilders Komödie „Der Glückspilz“ erhielt er 1966 den Oscar als bester Nebendarsteller.

„Traumpaar“ Matthau und Lemon. Quelle: https://ca-times.brightspotcdn.com/dims4/default/5017810/2147483647/strip/true/crop/1955×1100+0+0/resize/840×473!/quality/90/?url=https%3A%2F%2Fcalifornia-times-brightspot.s3.amazonaws.com%2F0e%2Fed%2F4ff93b77b7599f7fb5cdfa97161b%2Fla-1467402560-snap-photo

Fast hätte der exzessive Raucher seinen Durchbruch nicht mehr erlebt: In seinem Oscarjahr erlitt er einen schweren Herzinfarkt und wurde im Krankenhaus für einige Minuten bereits für tot erklärt. Matthau gab daraufhin das Rauchen auf und ging jeden Tag bis zu fünf Meilen zu Fuß, doch blieb er zeitlebens gesundheitlich angeschlagen. In den Folgejahren wurde das Duo Matthau/Lemon zu einem festen Gespann wie vor ihnen nur Laurel und Hardy und in der Dramaturgie als schmuddeliger Brummbär und akkurates Sensibelchen zum Kassengarant. In „Buddy Buddy“ und „The Front Page“ spielte sich Matthau zusammen mit Lemmon in die Spitze Hollywoods.

Neben Wilder setzten auch andere Regisseure auf das bewährte Komiker-Duo. So traten sie in den Filmen „Grumpy Old Men“ und „Grumpier Old Men“ auf – Neuauflagen des bewährten „Männer-WG“-Themas. Bis 1998 entstanden insgesamt zehn gemeinsame Filme, darunter „Extrablatt“, eine slapstick-geladene, bitterböse Satire auf Journalismus und Justiz und deren Verhältnis zu Geld, Ruhm und Macht, die, obwohl im Jahr 1929 angesiedelt, in Inszenierung, Inhalt, und Dialoge eindeutig auf die Watergate-Ära verwies. Matthau sagte in einem Interview: „Ich liebe Jack. Wäre ich eine Frau, hätte ich ihn geheiratet“. Wegen seiner knollennasigen, wülstig-runzeligen Physiognomie mit dichten Augenbrauen nannte er sich selbstironisch „Cary Grant der Ukraine“.

Ein schüchterner Musikliebhaber

Im Musicalfilm „Hello, Dolly!“ (1969) agierte Mattau unter der Regie von Gene Kelly neben Barbra Streisand, einem der Superstars dieser Ära, und spielte den „Halb-Millionär“ Horace Vandergelder, der nach allerlei Verwicklungen seine eigene Heiratsvermittlerin ehelicht. Matthau verstand sich bei den Dreharbeiten nicht mit Streisand und warf ihr „Größenwahn“ vor. Mit einer Produktionszeit von zwei Jahren und einem gigantischen Budget von rund 25 Millionen Dollar zählte der Streifen zu den aufwendigsten Produktionen der 1960er Jahre, spielte aber seine Produktionskosten nicht ein. Matthau, der sich als Charakterdarsteller empfand, missfiel es zunehmend, als Komödiant abgestempelt zu werden. Er trat zwar auch weiterhin regelmäßig in Filmen dieses Genres auf („Keiner killt so schlecht wie ich“, „Hotelgeflüster“, beide 1971), übernahm aber auch gezielt Rollen in ernsteren Filmen und Krimis. So trat er 1973 unter der Regie von Don Siegel in dem Actionthriller „Der große Coup“ in der ungewohnten Rolle eines glücklosen Bankräubers in Erscheinung und spielte im selben Jahr in „Massenmord in San Francisco“ einen Polizeidetektiv, der ein Bus-Massaker aufklären muss.

„Dennis“ war 1993 einer der erfolgreichsten Filme in deutschen Kinos. Quelle: http://de.web.img2.acsta.net/r_640_360/newsv7/16/04/27/11/44/256590.jpg

Seinen wohl bekanntesten Auftritt in einem Kriminalfilm hatte der 1,90 große Matthau 1974 in „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123“, in dem er als U-Bahn-Polizist mit der Entführung eines New Yorker Subway-Zuges konfrontiert wird und verzweifelt versucht, das Leben der Passagiere zu retten. Im selben Jahr stellte Matthau unter dem Namen Walter Matuschanskayasky in dem Katastrophenfilm „Erdbeben“ einen Trinker dar, der das titelgebende Erdbeben unbeschadet in einer Bar übersteht. Wenn er in Interviews darauf angesprochen wurde, antwortete er meist, dass dieser eigentlich sein richtiger Name sei, und schmückte die Auskunft oft noch mit Geschichten über eine angebliche Spionagekarriere seines Vaters aus. Er war bekannt dafür, dass er oft scherzhafte Geschichten erfand, die er aber ernst vortrug, vor allem wenn er in Interviews immer wieder die gleichen Fragen beantworten musste.

Nach einer Bypass-Operation 1976 nahm er sich nur wenig zurück. Zu seinen Glanzpunkten gehörten Herbert Ross‘ Komödie „Das verrückte California Hotel“ (1978) mit Jane Fonda, Roman Polanskis Abenteuerfilm „Piraten“ (1985) und seine Albert-Einstein-Verkörperung in Fred Schepisis Liebekomödie „I.Q. – Liebe ist relativ“ (1994). Und zweimal dreht er mit seinem Sohn: 1995 in der Truman-Capote-Verfilmung „Die Grasharfe“ sowie 1998 in „Papas zweiter Frühling“. In der Tragikomödie „Aufgelegt“ (2000), seinem letzten Film, legte Matthau einen vergnüglichen Leinwandtod hin und hinterließ drei unterschiedlich trauernde Töchter. Ziemlich genau drei Monate vor seinem 80. Geburtstag besiegelte ein zweiter Herzinfarkt nun sein reales Ende: In der Nacht auf den 1. Juli 2000 starb er in einem Krankenhaus in Santa Monica.

„Todesfahrt“-Screenshot. Quelle: https://images.tvtoday.de/files/images/201610/1/stoppt-die-todesfahrt-der-u-bahn-123,155110_aufmacher_100.jpg

Er wurde in Los Angeles beerdigt; neben ihm fand sein langjähriger Freund Jack Lemmon, der knapp ein Jahr nach ihm verstarb, seine letzte Ruhestätte. Matthau lebte privat sehr zurückgezogen und bezeichnete sich selbst als schüchternen Menschen. Er war ein großer Liebhaber klassischer Musik. Im Laufe seiner bemerkenswerten, mehr als 50-jährigen Karriere in Film, Theater und Fernsehen hat er in nahezu 70 Werken mitgewirkt. Er konnte von Herzen „granteln“, ähnlich wie Hans Moser, ja abweisend sein bis zur Unhöflichkeit, und genoss die Rollen der kauzig-komischen Kratzbürste mit stoischer Mimik, über die viele noch heute ins Schwärmen geraten.

Als der neunjährige Bäckerssohn Joseph Meister aus dem elsässischen Steige am 4. Juli 1885 vom Hund eines Nachbarn 14 Mal gebissen wurde, konnten weder er, seine Eltern noch die Welt ahnen, dass er einer der berühmtesten Patienten der Medizingeschichte werden sollte. Denn Joseph, den sein Vater rasch nach Paris zu einer medizinischen Koryphäe brachte, sollte der erste Tollwutkranke sein, der durch eine Impfung geheilt wurde: Er erhielt 14 Tage lang Spritzen mit dem Extrakt des getrockneten Rückenmarks unterschiedlich stark infizierter Kaninchen. Am 27. Juli wurde er als geheilt entlassen.

Diese Koryphäe wird heute von vielerlei Fachrichtungen als Pionier beansprucht. Die Medizin sieht in ihm den Entdecker der Erreger von Milzbrand, Schweinerotlauf, Geflügelcholera und natürlich Tollwut, gegen die er Schutzimpfungen entwickelte und damit die Immunisierung revolutionierte. Die Lebensmittelbiologie sieht in ihm den Entdecker der Mechanismen von Fermentation, Gärung und Fäulnis, mit denen er die Bier- und Weinproduktion sowie die Haltbarmachung flüssiger Lebensmittel revolutionierte. Und die klassische Chemie sieht in ihm den Entdecker der Stereochemie, der die Lehre vom dreidimensionalen Aufbau der Moleküle, die die gleiche chemische Bindung und Zusammensetzung, aber eine verschiedene Anordnung der Atome aufweisen, mit entwickelte und damit die Lehre vom räumlichen Ablauf chemischer Reaktionen revolutionierte.

Pasteur im Labor. Quelle: https://www.geo.de/wissen/gesundheit/22902-rtkl-held-mit-makeln-wie-louis-pasteur-die-tollwut-besiegte-und-dabei-sehr

Er war einerseits ein Vollblutwissenschaftler, dessen medizinische Erkenntnisse vielen Menschen das Leben rettete, andererseits ein glühender Patriot und Katholik, der sich weigerte, die Evolutionslehre von Charles Darwin anzuerkennen. Zeitweise galt er in französischen Umfragen noch vor Napoleon als der bedeutendste Franzose, der je gelebt hat. Während sein Andenken in Deutschland, aufgrund seiner Rivalität mit dem fast eine Generation jüngeren Robert Koch, zurückhaltend gepflegt wurde, war er vor allem auch in Russland populär: Zar Alexander III. gehörte mit einem Beitrag von 100.000 Francs zu den großzügigsten Spendern für sein Institut. Ein Asteroid trägt seinen Namen, Orte in Algerien und Kanada, die Straßburger Uni – und mehr als 2000 Straßen Frankreichs: Louis Pasteur. Am 28. September jährt sich sein 125. Todestag.

„er spricht kaum mit mir“

Louis Pasteur wurde am 27. Dezember 1822 als drittes von fünf Kindern einer Gerberfamilie in Dole geboren, wo er mit seinen Eltern und Geschwistern drei Jahre lang lebte und früh mit chemischen Prozessen in Berührung kam: Die Verarbeitung roher Tierhäute zu Leder benötigt Gerbstoffe wie Tannine, die Fäulnis verhindern, auch in der Medizin verwendet werden und als Geschmackskomponente von Wein und Tee bekannt sind. Nach dem Umzug der Familie wuchs er in der ostfranzösischen Stadt Arbois auf. Während der frühen Schulzeit zeigte Louis Pasteur zunächst kein ausgeprägtes Talent für wissenschaftliche Fächer, sondern eher eine künstlerische Begabung, denn er verbrachte viel Zeit damit, Portraits und Landschaftsmalereien anzufertigen.

Er wechselte mehrmals die Schule und besuchte einige Zeit lang die Hochschule in Arbois, bevor er ans Collège Royal in Besancon wechselte. Je älter Louis wurde, desto besser wurden seine schulischen Leistungen: 1837/38 errang er so viele Schulpreise, dass ihm nahegelegt wurde, sich auf die École normale supérieure, die Pädagogische Fakultät, in Paris vorzubereiten. Der erste Versuch scheiterte an zu starkem Heimweh, der zweite klappte. Nach dem Baccalauréat studierte er dort fünf Jahre lang und promovierte 1847 zum Doktor der Naturwissenschaften mit gleich zwei Dissertationen, die je ein chemisches und ein physikalisches Thema behandelten. Noch während seiner Studienzeit führte Pasteur Experimente zur Struktur von Weinsäure durch und entwickelte den sogenannten Weinsäurekristalltest, der heute als Anfang der Stereochemie definiert wird.

Ehepaar Pasteur. Quelle: https://artsandculture.google.com/asset/louis-and-marie-pasteur-lejeune-et-joliot-l/VwHWuNlhfV4eOQ?hl=de

Ursprünglich hatte Pasteur geplant, als Lehrer der Naturwissenschaften tätig zu werden. Als Gymnasialprofessor in Physik war er jedoch nur einige Monate am Lycée in Dijon tätig, denn zu Beginn des Jahres 1849 folgte er dem Ruf an die Universität von Straßburg, wo ihm eine Stelle als Assistent am Chemischen Institut angeboten worden war. Hier verliebte er sich in Marie Laurent, die Tochter des Rektors der Akademie Straßburg, und schrieb ihr: „Die Zeit wird Ihnen zeigen, dass sich unter meinem kalten und schüchternem Äußeren, das Ihnen möglicherweise nicht gefällt, ein Herz schlägt, das voller Liebe zu Ihnen ist“. Er unterzeichnete: „Ich, der ich meine Kristalle so sehr liebte.“

Beide heirateten bereits am 29. Mai, wobei sich der Wissenschaftler verspätete, da er im Laboratorium saß und den Termin vergessen hatte. Auch später war er so mit seiner Arbeit beschäftigt, dass die Familie – beide hatten fünf Kinder – zu kurz kam. In einem Brief an ihre Kinder an ihrem Hochzeitstag 1884 schrieb Madame Pasteur: „Euer Vater ist so beschäftigt wie immer: er spricht kaum mit mir, schläft wenig und steht schon im Morgengrauen auf; kurz, er führt dasselbe Leben, das ich heute vor 35 Jahren mit ihm zu teilen begann.“ Er erarbeitete sich in der Fachwelt rasch einen exzellenten Ruf als Chemiker und wurde 1853 von der Société de Pharmacie mit einem hochdotierten Preis ausgezeichnet. Ein Jahr später übernahm er in Lille einen Lehrstuhl für Chemie und wurde zum Dekan berufen. Hier erwies sich Pasteur als innovativer Lehrer, der durchsetzte, dass die Studenten in neuen Laboratorien praxisorientiert ausgebildet werden konnten.

„Hass auf Preußen. Rache. Rache.“

Lille lebte von der Fabrikation des Runkelrüben- und Kornspiritus, so wandte er sich zunächst den Problemen der Gärung zu. 1857 entdeckt er, inzwischen Kanzler an der École Normale in Paris, das für die Milchsäuregärung verantwortliche Bakterium und gelangt später zur Theorie, dass einzellige Lebewesen an Fäulnis- und Verwesungsprozessen beteiligt sind. Pasteur weist nach, dass der Essigpilz die Essigsäure erzeugt und damit die Entstehung und Erhaltung von Wein beeinflusst. Er bezeichnet die winzigen Mikroorganismen als „Spaltpilze“ und schloss damit die konkurrierende Hypothese aus, die etwa von Justus von Liebig vertreten worden war, es handele sich um rein chemische Reaktionen ohne Beteiligung von Lebewesen.

Tunnel-Pasteurisierungsanlage. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Pasteurisierung#/media/Datei:60s_Pama_pasteurizer.jpg

Von Weinbauern seiner Heimatstadt Arbois um eine Lösung gebeten, die Entwicklung von Wein zu Essig zu verhindern oder zu verlangsamen, fand Pasteur heraus, dass das durch Erhitzen möglich war. Gleichzeitig musste er aber feststellen, dass dadurch der Geschmack des Weines zerstört wurde. Er experimentierte weiter und erkannte, dass nach kurzer Erhitzung auf eine Temperatur von 55° Celsius mit sofortigem Abkühlen sowohl die Bakterien abzutöten als auch der charakteristische Geschmack des Weines zu erhalten war: Als „Pasteurisieren“ wird die Technik bis heute in der Lebensmittelindustrie zur Haltbarmachung von Milch, daraus hergestellten Produkten sowie Gemüse- und Obstsäften angewandt.

1862 wurde Pasteur in die Akademie der Wissenschaften gewählt und befasste sich ab 1865 auf Bitte der Regierung mit Krankheiten der Seidenraupen. Er entdeckte winzige Parasiten, die die kranken Seidenraupen und ihre Nahrung, die Blätter der Maulbeere, befielen. Als einzige Lösung sah er die Vernichtung aller befallenen Seidenraupen und alles befallenen Futters, wodurch die Seidenindustrie gerettet wurde. Für Pasteur schien das, was für eine ansteckende Krankheit gilt, auch für andere zu gelten, womit der Grundstein der Keimtheorie gelegt war. Da er in Paris auch für die Disziplin unter den Studenten zuständig war, was ihn überforderte, wechselte er nach 1867 ausgebrochenen Studentenunruhen als Chemie-Professor an die Sorbonne. Im Jahr darauf erleidet er einen Schlaganfall, was zu einer partiellen halbseitigen Lähmung führt.

Der stockkonservative Wissenschaftler kündigte während des Deutsch-Französischen Kriegs an, künftig alle Werke mit „Hass auf Preußen. Rache. Rache.“ zu zeichnen. Einen Ehrendoktor der Universität Bonn gab er aus diesem Grund 1870 zurück und weigerte sich noch kurz vor seinem Tod, den preußischen Orden Pour le Mérite anzunehmen. 1875 kandidierte Pasteur für die Konservativen für einen Sitz im Senat für seine Heimatstadt Arbois, scheiterte aber weit abgeschlagen, weil er als Bonapartist galt. Abgesehen von diesem Ausflug in die Politik lebte Pasteur ausschließlich für die Wissenschaft, verfolgte auch keine Hobbys; in seiner Pariser Zeit verließ er nur selten das Quartier Latin, wo die für ihn wesentlichen Wissenschaftsinstitutionen lagen.

Modernes Typhus-Medikament. Quelle: https://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/detail/pharmazie/pharmakonzerne-sanofi-pasteur-impfstoffe-apotheke-arzt-msd-merck/

Da drei Töchter Pasteurs, Jeanne, Camille und Cécile, jeweils als Kind an Typhus starben, hatte er eine starke Motivation, seit den 1870er Jahren die Infektionskrankheiten nicht nur von Haustieren, sondern auch Menschen zu erforschen, und begann mit dem Milzbrand, gegen den er 1877 einen Impfstoff entwickelte. Zu dessen Produktion wurde ein zusätzliches Labor gebaut – der Beginn der Impfstoff-Industrie. Da Robert Koch ebenfalls zum Milzbrand forschte, gab es zeitweilig eine verbitterte, durch Missverständnisse hervorgerufene Konkurrenz, die teilweise auch öffentlich ausgetragen wurde. Durch Infizieren von Versuchshühnern mit abgeschwächten Erregern der Hühnercholera, einer nicht auf den Menschen übertragbaren tödlichen Vogelkrankheit, fand Pasteur heraus, dass die Tiere Antikörper bildeten und die Krankheit überlebten – das Prinzip der Immunisierung nahm Gestalt an. Für seine Tollwut-Forschung wurden Pasteur außerdem die alten Ställe des Schlosses Saint-Cloud zur Verfügung gestellt. Pasteur hatte zeitweise zehn Prozent der gesamten französischen Forschungsausgaben vereinnahmt. 1882 erhöhte der französische Staat seine Leibrente auf 25.000 Francs, vererbbar auf seine Frau und seine Kinder, was dem Doppelten des Gehalts eines Universitätsprofessors entsprach. Im selben Jahr wurde Pasteur als „Unsterblicher“ in die Académie française gewählt.

Karriere von Kontroversen begleitet

Die Erfolge bei der Tollwutimpfung verschaffen Pasteur finanzielle und organisatorische Freiheiten: Eine Flut von Spenden traf ein. Der für die Gründung eines Institut Pasteur aufgelegte Fonds schwoll auf 2,6 Millionen Francs an. Beim Bau des Institutsnahm der Architekt selbst kein Honorar, die Unternehmer berechneten nur ihre Selbstkosten und die Arbeiter arbeiteten gegen allen Brauch auch am Montag. Am 14. November 1888 wurde es in Anwesenheit von Präsident Carnot eingeweiht, Pasteur, der so gerührt war, dass er seine Rede von seinem Sohn vorlesen ließ, wurde erster Direktor. Nach dem Vorbild dieses weltweit ersten Forschungsinstituts für Medizinische Mikrobiologie entstanden Institute in aller Welt, so 1891 das Preußische Institut für Infektionskrankheiten in Berlin.

Gegenüber seinen Schülern und Mitarbeitern verhielt sich Pasteur autoritär, und er galt als völlig humorlos. Sein Labor führte er wie ein Familienvater, wobei er darauf achtete, dass seine Angestellten auch verwandtschaftlich verbunden waren. Durch mehrere Schlaganfälle war Pasteur ab 1887 gesundheitlich allerdings sehr angeschlagen, konnte spätestens ab 1890 keine wichtigen Beiträge zur Forschung mehr leisten und siechte die letzten Lebensjahre dahin. Der 70. Geburtstag Pasteurs am 27. Dezember 1892 wurde im großen Amphitheater der neuen Sorbonne vor über 2000 Personen gefeiert, unter ihnen auch der Präsident. Als Louis Pasteur gestützt an dessen Arm in den Festsaal geführt wurde, erscholl brausender, nicht endender Beifall. Es wurden viele Reden auf ihn gehalten. Nach seinem Tod wurde für ihn ein Staatsakt mit militärischen Ehren im Dom Nôtre Dame gegeben. Im Januar 1896 wurde er in einer Krypta im Institut Pasteur beigesetzt; Jahre später auch seine Frau.

Institut Pasteur. Quelle: https://www.hotel-15-montparnasse.fr/de/tourisme-hotel-paris-15eme/hotel-boulevard-pasteur

Der visionäre Mikrobiologe legte mit seiner unermüdlichen Arbeit im Kampf gegen Krankheitserreger den Grundstein zur Vorbeugung von bakteriell und viral verursachten Infektionen und prägte die moderne Pharmakologie damit nachhaltig. Seine über 500 Arbeiten zeigen, dass eine strikte Trennung zwischen Grundlagenforschung und angewandter Forschung bei ihm nicht möglich ist: Er bearbeitete mit großem Elan anwendungsbezogene Probleme und stieß dabei regelmäßig zu Erkenntnissen von grundsätzlicher Bedeutung vor. Da die Diskussionskultur im Wissenschaftsbetrieb des 19. Jahrhunderts generell stärker von Polemik geprägt war als heute, war seine Karriere von Kontroversen begleitet und seine Methode der Beweisführung stark rhetorisch geprägt.

Pasteur hatte sich bereits 1878 ausgebeten, seine Laborjournale niemandem zugänglich zu machen. Doch sein letzter überlebender Enkel übergab die Dokumente 1964 der Nationalbibliothek in Paris. Der Wissenschaftshistoriker Gerald Geison kam nach der Lektüre von über 100 dieser Journale mit Pasteurs schwer entzifferbarer Handschrift zu dem Schluss, dass die Geschichte von Pasteurs Versuchen in einigen Fällen anders abgelaufen ist, als seine Veröffentlichungen nahelegen. So habe er bei der Entwicklung des Tollwut-Impfstoffs zwei Patienten ohne vorige Tierversuche behandelt – ein junges Mädchen starb. Pasteur habe sich nicht immer an die wissenschaftlichen und ethischen Normen gehalten, die er selbst in seinen Arbeiten vertrat, so Geison. Das Buch verursachte in Frankreich einen Skandal – obwohl es nie übersetzt wurde.

Pasteur und Meister. Quelle: https://asset1.betterplace.org/uploads/project/image/000/021/070/147169/limit_600x450_image.jpg

Und Joseph Meister, Pasteurs erster geheilter offizieller Tollwutpatient? Der siebenfache Vater wurde, nach der Pleite seiner Bäckerei, 1913 Hausmeister an Pasteurs Institut. Zwei Töchter traten später ebenfalls in den Dienst des Instituts. Am 24. Juni 1940 nahm sich Meister das Leben – angeblich habe er sich geweigert, deutschen Soldaten Zugang zur Krypta seines Retters zu gewähren. Sein Freitod wurde von vielen Franzosen als Zeichen aufgefasst, dass das Elsass nie wieder deutsch werden würde.

Der Juwelier der Romanows

Matilda Kschessinskaja war Ende des 19. Jahrhunderts eine der begnadetsten Petersburger Primaballerinen. Mit gleich drei Männern der Zarenfamilie Romanow liiert, wurde sie als erste russische Tänzerin bekannt, die in Tschaikowskis „Schwanensee“ die 32 Fouettés en tournant hintereinander tanzen konnte – und als erste nichtadlige Kundin eines Juweliers, der ihr nahezu komplett den Diamantschmuck herstellte. Ihrer eigenen Schilderung nach führte sie ihn aus Sicherheitsgründen nie bei sich, sondern bewahrte ihn stets in einem sicheren Safe bei dem Goldschmied auf. Wenn sie sich auf Auslandsauftritte vorbereitete, nannte sie am Telefon eine geheime Nummer, und die Firma lieferte den Schmuck ins Ausland. Ein Wachmann brachte ihn schließlich ins Hotel oder Theater und hielt sich immer in dessen Nähe auf. Der Produzent war nicht nur kaiserlich-russischer Hofjuwelier, sondern auch königlich-schwedischer Hofgoldschmied: Peter Carl Fabergé. Am 24. September vor 100 Jahren starb er.

Die Idee zu seinem bekanntesten Kleinod, dem nach ihm benannten Osterei, war zwei Zufällen zu verdanken. Der erste hieß Eric Kollin und war ein finnischer Goldschmied in Fabergés Atelier, der um 1880 herum die Idee hatte, das traditionelle russische Osterbrauchtum mit Goldschmiedekunst zu verbinden: damals war es üblich, verzierte Eier und drei Küsse zu verschenken. Waren es bei den einfachen Leuten Hühnereier, setzten die vermögenderen auf symbolische Eier aus edleren Materialien wie Glas, Porzellan oder Metall. Der zweite hieß Dagmar von Dänemark und war die regierende Kaiserin Maria Fjodorowna, die von ihrer Familie nach Russland geschickt wurde, um dort einen völlig Fremden zu heiraten: Zar Alexander III. Wie bei vielen anderen Prinzessinnen in dieser Situation führte das auch bei ihr zu enormem Heimweh. Um sie aufzumuntern, gab ihr Ehemann 1882 ein Ostergeschenk in Auftrag: das erste Fabergé-Ei.

Faberge bei der Arbeit. Quelle: https://www.wikiwand.com/en/Peter_Carl_Faberg%C3%A9

Es handelte sich um ein äußerst exquisites Exemplar: Die emaillierte Schale ließ sich drehend öffnen und präsentierte das Eigelb aus Gold, das wiederum eine kleine goldene Henne beherbergte, die stolz die russische Kaiserkrone trägt. Was dieses Geschenk noch viel besser machte: es war an eine bestehende Sammlung aus dem dänischen Königshaus angelehnt und somit eine süße Erinnerung an die Heimat der jungen Zarin. Das Geschenk wurde ein voller Erfolg, Maria war überglücklich, der Zar entschied sich, daraus eine Tradition zu machen. In 32 Jahren wurden insgesamt 50 Eier für die Zarenfamilie sowie weitere 20 für andere Kunden gefertigt, darunter ein „Eis-Ei“ aus Platin für den Neffen Alfred Nobels. Sie stehen bis heute für Luxus und höchste Goldschmiedekunst und sind Inbegriff von Reichtum und Macht. In sechs Filmen, darunter im 13. James-Bond-Streifen „Octopussy“, ist ein Fabergé-Ei wichtiger Handlungsbestandteil.

42 Eier bis heute erhalten

Sein Beruf war Fabergé in die Wiege gelegt. Carl Peter wurde am 30. Mai 1846 als Sohn des hugenottisch-stämmigen deutschbaltischen Goldschmieds Gustav Fabergé und seiner dänischen Frau Charlotte in St. Petersburg geboren und absolvierte hier die St. Annenschule. 1860 zog die Familie nach Dresden, wo er mit seinem Bruder Agathon eine kaufmännische Ausbildung erhielt. 1861 wurde er in der Dresdner Hofkirche gefirmt. Danach folgten verschiedene Reisen, unter anderem nach Frankfurt zum Juwelier Friedman sowie nach Florenz, wo er die Steinschneidekunst kennen lernte. 1870 kehrte die Familie nach Sankt Petersburg zurück, wo Peter Carl 1872 das Juweliergeschäft übernahm, das derweil von einem Freund und einem Partner weitergeführt worden war. Obwohl kaufmännisch ausgebildet, gilt er als kreativer Kopf der Brüder.

Im Fabergé-Museum in St. Petersburg. Quelle: https://russlande.de/faberge-museum-st-petersburg/

Im selben Jahr heiratete er Augusta Jakobs, die Tochter eines Aufsehers in der kaiserlichen Möbelwerkstatt, mit der er vier Söhne haben wird, die alle in das Unternehmen einstiegen. Als 1881 der Geschäftspartner des Vaters starb, konnte Carl ab diesem Zeitpunkt seine eigenen Kreationen realisieren. Zusammen mit seinem Bruder schuf er Schmuck- und Dekorationsobjekte im zeitgenössischen Trend, der vor allem dem Louis-quinze-, Louis-seize- und Art-nouveau-Stil folgte. Parallel dazu arbeiteten beide im kaiserlichen Kunstkabinett, setzten die umfangreiche Schmucksammlung instand, restaurierten zahlreiche Stücke, schätzten ihren Wert und katalogisierten sie. Diese Tätigkeit inspirierte die Fabergés, Geschmeide in altrussischem Stil nachzuempfinden und in der eigenen Werkstatt anzufertigen, teilweise als originalgetreue Kopien. Diese Geschäftsstrategie brachte ihnen erste, auch internationale Erfolge.

Der Durchbruch gelang den Fabergés, nachdem sie auf der Allrussischen Ausstellung 1882 in Moskau einige kostbare Arbeiten an Alexander III. verkaufen konnten. Für das erste der Fabergé-Eier verlieh er Peter Carl Fabergé neben der Auszeichnung als Hofgoldschmied den St. Annenorden III. Klasse. In der Folge entstand zu jedem Osterfest ein Fabergé-Ei, für das Carl renommierte Juweliermeister wie Michail Jewlampjewitsch Perchin und Henrik Wigström gewann. Nach 1895 ließ Alexanders Sohn und Nachfolger Nikolaus II. je zwei Eier anfertigen, die er der Kaiserin Alexandra Fjodorowna, geb. Alix von Hessen-Darmstadt und seiner Mutter schenkte. Dem Produktionsaufwand entsprechend stiegen auch deren Preise: Kostete das Hennen-Ei noch 4.115 Rubel, waren es für das aus Elfenbein geformte und mit Perlen und Diamanten besetzte Maiglöckchen-Ei (1898) schon beachtliche 6.700 Rubel – gewaltige Summen, kostete damals doch eine Kuh um die 60 Rubel. Das bei weitem teuerste Ei war das 1913 produzierte Winter-Ei mit 24.600 Rubel. Allein das „Krönungsei“ (1897) soll heute rund 30 Millionen Dollar wert sein.

Bond und das Ei. Quelle: https://www.cineimage.ch/film/jamesbond13/lbox_hor_scen_2.html

Von den 50 Zareneiern sind 42 bis heute erhalten geblieben; allein drei befinden sich mittlerweile im Besitz der englischen Königin Elizabeth II: die Colonnade-Eieruhr, das Blumenkorb-Ei und das Mosaik-Ei. Der Verbleib der anderen acht liegt im Nebel der Geschichte. Von fünf gibt es Fotografien als Belege über deren Existenz, die Fotos wurden von der Familie des Zaren gemacht. Für die anderen drei ließen sich nur die jeweiligen Namen herausfinden, die in Verträgen mit Fabergé niedergeschrieben waren. Niemand weiß bis heute, wie sie aussehen oder hat eine Idee, wo sie geblieben sind – bis 2014, wo auf einem texanischen Flohmarkt eins der verschollenen Exemplare auftauchte und einen Schrotthändler reich machte. Der russische Oligarch Wiktor Wekselberg, der seit 2000 mit einer kulturhistorischen Stiftung außer Landes gebrachte historische und kulturelle Schätze suchen und nach Russland zurückholen will, verfügt heute über die weltgrößte Sammlung an Fabergé-Eiern: neun kaiserliche und sechs für andere Kunden.

Rückkehr nach Russland

Sie legten letztlich den Grundstein für den Qualitätsnamen Fabergé, der seitdem für höchstes Niveau und attraktives Design in der Herstellung von Schmuck und anderen Dekorationsobjekten steht. Mit den Kronjuwelen, den offiziellen Krönungsgeschenken an Nikolaus II. und vielen von der Zarenfamilie in Auftrag gegebenen Arbeiten, zumeist originalgetreuen Kopien – nicht einmal der Zar selbst konnte seine Tabakdose von einer Replik zum Gebrauch in der Sommerresidenz unterscheiden –, entstanden bis 1916 die meisten Werke Fabergés; seit 1882 ungefähr 150.000 Stücke. Zu den weiteren Angeboten zählen unter anderem Etuis, Trinkbecher, Tischuhren, Spiegelrahmen, Stockgriffe, Flakons, Bonbonieren oder Schreibgarnituren. Die Produkte waren aber nicht nur für Aristokraten gedacht, sondern auch für einfache Bürger wie etwa zu Ostern Miniaturanhänger in Gestalt von Eiern, die mit verschiedenfarbiger Emaille verziert waren.

Hohe Auszeichnungen künden von der Akzeptanz der Schmuckstücke. Auf einer Nürnberger Ausstellung wurde dem Unternehmen für die gelungene Herstellung einer Kopie des Skythenschatzes eine Goldmedaille verliehen. Im Jahr 1897 wurde er auf der Kunstindustrie-Messe in Stockholm zum Lieferanten der königlichen Hoheit Schwedens und Norwegens ernannt. Nach der Weltausstellung 1900 in Paris, wo er Teil der Jury war, durfte er sich Ritter der Ehrenlegion nennen. Die Pariser Goldschmiedegilde verlieh ihm den Titel Maître. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts führte Carl Fabergé über 500 Mitarbeiter in seinen Geschäften in St. Petersburg, Moskau, Odessa und London.

Faberge-Schmuck. Quelle: https://www.echo-online.de/freizeit/kunst-und-kultur/ausstellungen/darmstadter-schlossmuseum-prasentiert-goldschmiedekunst-von-faberge_18146687

Während der Oktoberevolution 1917 gelang es Fabergé, als Kurier der englischen Botschaft getarnt, aus dem Land zu fliehen. Das Familienunternehmen wurde zunächst verstaatlicht, wenig später aufgelöst. Der Bestand an Wertsachen in der Londoner Filiale und anderen ausländischen Partnerfirmen erlaubte ihm, seinen Lebensstandard auch im Ausland zu halten. Sein Weg führte ihn zunächst über Lettland und Finnland nach Deutschland, zuerst nach Berlin, später zur Kur nach Wiesbaden, wo er bereits im Rollstuhl saß: Das Erleben, wie sein Lebenswerk zerstört wurde, belastete ihn schwer, sein Gesundheitszustand verschlechterte sich. Laut der Fremdenliste vom 30. Mai 1920 habe er hier dennoch seinen 74. Geburtstag gefeiert, mit „15 alten Petersburger Freunden“. Es sollte sein letzter Geburtstag sein. Er zog im Sommer ins Exil nach Lausanne, wo er sich behandeln lassen wollte, sich aber von den Umbrüchen nicht mehr erholte und schließlich starb. Er wurde auf dem Friedhof Grand Jas in Cannes beigesetzt.

Seine Söhne Eugène und Alexander gründeten das Unternehmen nach seinem Tode neu. Das erste Fabergé-Ei, das nach der Oktoberrevolution wieder offiziell Einzug in den Kreml hielt, war das „Gorbatschow-Friedens-Ei“, das dem ehemaligen Präsidenten der Sowjetunion 1991 anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises überreicht wurde. Das aus Gold, Silber, Emaille, Diamanten und Rubinen gestaltete Ei ist auf fünf Exemplare limitiert. Nur zwei sind weltweit ausgestellt: Gorbatschows persönliches Exemplar in der Kreml-Rüstkammer in Moskau sowie das Werksexemplar, das 1993 dem Schwabacher Stadtmuseum übergeben wurde. Seine Heimat Russland hat dem berühmten Sohn durch den Wiedereinzug seiner Kreationen in den Kreml zu Ostern 2001 mit einem Festakt in der Rüstkammer eine späte Ehre erwiesen.

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