Feeds
Artikel
Kommentare

„Wir schreiben das Jahr 50 vor Christus. Ganz Gallien ist von den Römern besetzt… Ganz Gallien? Nein! Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf hört nicht auf, den Eindringlingen Widerstand zu leisten…“ Mit dieser mittlerweile fast legendären Eröffnung startete vor fast 60 Jahren eine der meist gelesenen Comicserien in Europa. Und seit einem halben Jahrhundert, genau seit dem 18. Dezember 1968, erschien „Asterix der Gallier“ im Egmont-Ehapa-Verlag in deutscher Übersetzung – bis heute, da im deutschsprachigen Raum ein Drittel der weltweiten Gesamtauflage von sagenhaften 370 Millionen Alben gekauft, gelesen, verschlungen wurde.

Als verfrühte Jubiläumsausgabe legte der Verlag schon Anfang Oktober eine Ausgabe dieses ersten Asterix-Albums wieder auf – und verschwieg dabei nicht, dass es davor bereits ein deutschsprachiges Kapitel des um Obelix vervollständigten Comics gab. Ein Kapitel, das ein bezeichnendes Licht sowohl auf die Genese des deutsch-französischen Verhältnisses als auch der beginnenden allseitigen politischen Korrektheit in der deutschen Kulturlandschaft wirft. Denn Asterix sollte zunächst ein französischer Comic mit französischen Themen für französische Kinder sein, der, ausgehend von einer Vercingetorix-Parodie, in höchst ironischer Manier einen zentralen Entstehungsmythos Frankreichs aufgriff: Trotz Niederlage habe es nie eine vollständige Kapitulation gegeben.

Asterix und die Goten. Quelle: https://www.asterix.com/bd/albs/03de.jpg

Asterix und die Goten. Quelle: https://www.asterix.com/bd/albs/03de.jpg

Die Gallier jenes kleinen Dorfes kämpften gegen eine nur vermeintlich übermächtige römische Besatzung in verschiedensten Varianten und trafen die Vorväter westeuropäischer Staaten als Angehörige fremder Stämme mit erstaunlich neuzeitlich-nationalen Stereotypisierungen, die aber lediglich zur Ironisierung aktueller Lebensumstände dienten. Folgenlose Gewalt in Form von Prügeleien war als zentrales Slapstick-Element die treibende Kraft der Geschichtsgroteske. Begleitet wurde diese brachiale Völkerverständigung von erstaunlich (selbst-)ironischen Sprachwitzen und lateinischen Sprüchen, die wohl überwiegend dem „Zitatenschatz der französischen Schuljugend“ entsprachen, konstatierte Christine Gundermann in Zeithistorische Forschungen.

Die Starautoren René Goscinny (1926–1977, Texte) und Albert Uderzo (* 1927, Zeichnungen) waren bemüht, eine ausgewogenen Kombination von subtilem bis anspielungsreichem Humor mit grobem Klamauk zu produzieren, um eine breite Leserschaft in vielen Altersgruppen und sozialen Schichten anzusprechen – seit den 1970er-Jahren gar Schulkinder, die mit den Alben Fremdsprachen wie Latein und Altgriechisch lernten, in die die Hefte auch übersetzt wurden. Überliest man die ironischen Sprachwitze von Goscinny, bleibt – im französischen Original – ein offenkundiger französischer Chauvinismus übrig, hinter dem man von deutscher Seite teilweise die verbildlichte und verspätete Rache der französischen Résistance gegen die deutsche Okkupation vermutete und der in „Asterix und die Goten“ (1965) seinen Ausdruck findet.

„kriegslüsterne und herrschsüchtige Neurotiker“

Darin wird thematisiert, wie die Westgoten in Gallien einfallen, den Sieger des jährlichen Druidenwettstreits entführen und mit seiner Hilfe auf Eroberungszug gehen wollen. Im gotischen Kerker schmiedet Wettstreitgewinner Miraculix mit Asterix und Obelix den Plan, einen Bürgerkrieg zu initiieren, damit die Goten für die nächsten Jahrhunderte nicht mehr auf die Idee verfallen, ihre Nachbarn zu überfallen. Die „asterixinischen Kriege“ brechen prompt aus, und die drei Gallier kehren unbehelligt in ihr Dorf zurück, wo man sie schon für tot gehalten hat und ihre Wiederkehr mit der traditionellen Feier unter Sternenhimmel zelebriert.

Die Asterix-Autoren Goscinny und Uderzo. Quelle: https://img.theweek.in/content/dam/week/webworld/feature/society/2017/april/asterix-1.jpg

Die Asterix-Autoren Goscinny und Uderzo. Quelle: https://img.theweek.in/content/dam/week/webworld/feature/society/2017/april/asterix-1.jpg

Diese Episode war die dritte, die als „Siggi und die Ostgoten“ in Deutschland in den „Lupo“-Bänden von Rolf Kauka (1917-2000), dem Verleger von „Fix und Foxi“, in Lizenz erschien: nach „Siggi und die goldene Sichel“ („Die goldene Sichel“) und „Kampf um Rom“ („Asterix als Gladiator“) sowie noch gefolgt von „Siggi der Unverwüstliche“ („Asterix der Gallier“, alle 1965-1966). Deutlich wird bereits an den Titeln, dass der Kauka-Verlag die weltweit sicher stärkste Umdeutung des Originalcomics vornahm. Denn getreu der zeitgenössischen Manier, importiertes Comic-Material einem vorgestellten deutschen Leserhorizont anzupassen, machen die Texter aus den drolligen Galliern wackere Germanen mit Namen Siggi und Babarras, die im rheinischen „Bonnahalla“ den Besatzern in „NATOlien“ tapfer die Stirn bieten, unterstützt von einem „Hexenmeister Konradin“ in Anspielung auf den ersten Kanzler der jungen Bundesrepublik, Konrad Adenauer, zu dem der Druide Miraculix mutiert war.

Die römischen Feinde reden sich übrigens mit „Boys“ an und kommen sprachlich auch sonst recht angloamerikanisch daher: „You forget wohl, dass we are the winner“. Die Kritik an der Bonner Republik war überdeutlich: Kauka sei „deutschnational und stockreaktionär“, so Matthias Heine in der WELT. Im schwierigen Prozess des sprachlichen und kulturellen Transfers einer Übersetzung des Comics wurde durch nationaldeutsche, xenophobe und teilweise antisemitische Interpretationen aus der Eindeutschung eine mitunter witzlose Germanisierung. Über Babarras’ Hinkelstein sagt ­Siggi etwa: „Musst du denn ewig diesen Schuldkomplex mit rumschleppen? Germanien braucht deine Kraft wie nie zuvor.“ Aus dem Hinkelstein war eine Auschwitzkeule geworden.

Zu einer antisemitischen Karikatur wird in Kaukas Fassung von „Die goldene Sichel“ der Schieber und Kneipier Avoranfix: Er nennt ihn Schieberus und macht ihn zum Kollaborateur der Besatzer, durch seine jiddisierende Sprache („No, nemmt se fest“) klar als Jude erkennbar. Da treffen sich die Propaganda vom wuchernden Juden – er verkauft Sicheln zu überhöhten Preisen – und die „Dolchstoß-Legende“: Der jüdische Feind fällt der Nation im eigenen Land in den Rücken. Darüber hinaus enthielten die Übersetzungen kaum verschlüsselte Wertungen gegenwärtiger Verhältnisse. So wurde die DDR als Heimstatt hungernder Sklaven dargestellt. Amerikaner, Franzosen, Engländer, Juden und Russen erschienen als „kriegslüsterne und herrschsüchtige Neurotiker“, so Gundermann.

Asterix und die Ostgoten. Quelle: https://trift.org/wp-content/uploads/2015/11/20151117_diary498_doppelseite-asterix-sigi-goten.jpg

Asterix und die Ostgoten. Quelle: https://trift.org/wp-content/uploads/2015/11/20151117_diary498_doppelseite-asterix-sigi-goten.jpg

In der verfälschenden Kauka-Übersetzung „Siggi und die Ostgoten“ wurden in Anlehnung an die deutsch-deutsche Teilung allzu offensichtlich die Westgoten zu Westdeutschen und die Ostgoten zu Ostdeutschen umgeschrieben: Sie sprachen mit sächsischem Dialekt, redeten sich mit „Genosse“ an und sprachen in ihren Sprechblasen mit roter Antiqua. Goscinny und Uderzo hatten sich ursprünglich für die gotische Schrift, die Fraktur, entschieden, um die Sprache vom Gallischen und Römischen, der Normalschrift Antiqua, abzugrenzen.

Außerdem wurde bei den gotischen Namen aus dem Suffix –ix ein –ik: Cholerik, Holperik, Elektrik, Lyrik, Mickerik, Rhetorik usw. In Anlehnung an die damalige DDR-Nomenklatur hießen ihre Führer und Agenten aber Hulberick (nach Walter Ulbricht), Stooferick (Willy Stoph) oder Benjaminick (Hilde Benjamin). Das Missionsziel von Häuptling Hullberick las sich so: „Mir ham den besten westgot‘schen Druiden zu kaschen und zurück ower die Grenze zu bringen, vorschtand‘n! Mit seinen Kunststückchen muß‘r uns dann bei der Invasion nach Bonnhalla gegen die Kapitalisten helfen.“ Die Übersetzung führte zu einer politischen Debatte und dazu, dass der Comic der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften vorgelegt wurde – ohne Ergebnis.

Schließlich wurden auch Uderzo und Goscinny auf die zu offensichtliche „Germanisierung“ aufmerksam. „Wir kauften uns eine Ausgabe, und dann ist uns der Himmel wirklich auf den Kopf gefallen“, erinnert sich Uderzo. Auf sein und Goscinnys Betreiben kündigte der Verlag den Vertrag mit Kauka, und der Egmont-Verlag erwarb die freigewordenen Rechte. Kauka und seine Redakteure allerdings waren so überzeugt von ihrer Idee, dass sie mit „Fritze Blitz und Dunnerkiel“ eine in der Tendenz ähnliche Nachfolgeserie schufen. So ziehen die Protagonisten in „Der Ochsenkrieg“ gegen „Hulberick“ und die „Ostzonalen“ zu Felde, während in „Der liebe Gott von Gallien“ Revanche an den Landsleuten der ehemaligen Lizenzgeber genommen wird.

Asterix auf Ostdeutsch. Quelle: Screenshot https://www.youtube.com/watch?v=zGHX5CDtbKs

Asterix auf Ostdeutsch. Quelle: Screenshot https://www.youtube.com/watch?v=zGHX5CDtbKs

In seiner 1969 erschienenen Fassung der „Spirou und Fantasio“-Geschichte „QRN ruft Bretzelburg“ machte Kauka aus einem korrupten Operetten-Kleinstaat mit Pickelhaubensoldaten die DDR. Die Hauptstadt heißt „Berlin-O.“. Die Menschen dort tragen Anzüge aus Zeitungspapier und stehen unter der Knute des skrupellosen Marschalls „Iwan Sownjet“, der den sächselnden „Staatsratsvorsitzenden“ von Bretzelburg, im Original ein König, gefangen hält und Krieg gegen „Bonnhalla“ (!) führen will. Das pseudopatriotische Konzept findet sich auch in anderen Serienversuchen dieser Zeit, wie etwa dem Steinzeit-Comic „Die Pichelsteiner“ oder den „Hermann Teutonus“-Episoden. Anklang beim Leser fand es indessen nicht. Es klingt wie traurige Selbstironie: Die endgültig letzte „Fritze Blitz“-Episode trägt den Titel: „Das haut den stärksten Krieger um“.

„Ich muss den Chef fragen“

Der Egmont-Verlag begann ab 1968 mit der Publikation der Asterix-Alben in neuer Übersetzung und publizierte 1970 „Asterix und die Goten“ erstmals als siebten Band der numerisch vom Original abweichenden deutschen Edition. Diese und 28 weitere Egmont-Übersetzungen stammen dann von Gudrun Penndorf, die zuvor „Walt Disney’s Lustige Taschenbücher“ aus dem Italienischen übersetzte, sich von Erika Fuchs, der legendären Donald-Duck-Übersetzerin, anlernen ließ und der der deutsche Asterix seinen Witz verdankt. So machte sie aus dem französischen „Ils sont fous, ces Romain!“ das heute sprichwörtliche „Die spinnen, die Römer!“ – bei Kauka hatte es noch reichlich holprig geheißen: „Uii, die Römer sind doof.“

Gudrun Penndorf. Quelle: https://www.moz.de/fileadmin/_processed_/6/0/csm_1020684465_8b4df1dfb3.jpg

Gudrun Penndorf. Quelle: https://www.moz.de/fileadmin/_processed_/6/0/csm_1020684465_8b4df1dfb3.jpg

Philipp Spreckels hat auf yellowcomic akribisch analysiert, welche Eigenschaften Goscinny und Uderzo beim Volk der Goten zutage treten ließen und wie sie diese mit der deutsch-französischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts zusammendachten. So erkennt er eine Autoritätsfixierung vieler Goten, die er als Verweis auf den Führerkult und die Massenpsychologie des Dritten Reiches, aber auch auf die Befehlshörigkeit im Deutschen Kaiserreich deutet. Das Verhältnis der Goten zu Autorität steht damit in krassem Gegensatz zu dem der Gallier, deren Oberhaupt Majestix eher durch Tollpatschigkeit denn Durchsetzungskraft auffällt. Ale Beispiele nennt er die ständigen Jubelrufe der untergebenen Goten für ihren Anführer „Es lebe Rhetorik, unser Chef!!!“ oder die Weigerung eines gotischen Grenzwächters, ausländische Waren ohne Genehmigung seines Vorgesetzten passieren zu lassen: „Nein, nein! Ich muss den Chef fragen.“

Vor dem Hintergrund von Asterix‘ und Obelix‘ üblichen Methoden der Konfliktlösung (Piff! Paff! Bumm! Klatsch!) erscheinen die Goten zunächst ähnlich. Anders sieht es jedoch aus, betrachtet man das langfristige Ziel der Gewaltanwendung: Während sich die Gallier gegen die Belagerung der Römer verteidigen und durchaus auch Freude an einer kleinen Schlägerei haben, wollen die Goten ihr Herrschaftsgebiet dauerhaft erweitern. Das weckt natürlich Erinnerungen an die Eroberungskriege der Deutschen im 19. und 20. Jahrhundert, wenn dann Rhetorik seinen Männern das Ziel ihrer Mission so erklärt: „Es geht uns darum, das wir den besten Druiden von Gallien fangen. Wir bringen ihn über die Grenze. Dann bereiten wir mit Hilfe seiner Zauberkunst die Invasion von Gallien und Rom vor.“

Das disziplinierte, militärische Verhalten der Goten bildet einen Gegenpol zu den individualistischen, undisziplinierten Galliern. Die soldatischen Tugenden, der Drill und die Disziplin der Truppe werden üblicherweise mit dem preußisch-deutschen Militär assoziiert. So wird unter den Goten sich angeschrien, salutiert, marschiert und exerziert, zum Appell geblasen und gemeinsam in der Kaserne Kohl  gegessen. Die Goten werden aber auch physisch von den Galliern abgegrenzt; die Grenze erscheint so, wie man sie aus politischen Karten kennt, und wird auch durch den Straßenbelag illustriert – während auf römischer Seite mit Stein gepflastert wird, was Zivilisation verheißt, geht es in Germanien auf einem unbefestigten Pfad weiter, der für Wildnis steht.

Pickelhauben. Quelle: https://rdl.de/sites/default/files/styles/rdl_big/public/legacy/images/Focus/asterix.jpg?itok=XYSBgHzf

Pickelhauben. Quelle: https://rdl.de/sites/default/files/styles/rdl_big/public/legacy/images/Focus/asterix.jpg?itok=XYSBgHzf

Die Helme der Goten erinnern durch ihre Spitzen an die Pickelhauben des Ersten und durch ihre Form und dunkelgrüne Farbe an die Stahlhelme des Zweiten Weltkrieges. Mit den Galliern haben sie Federschmuck und Hörner gemein. Sonst sind die Goten etwas „barbarischer“ gekleidet: Statt bunter, gallischer Stoffe tragen sie erdfarbene Felle als Hosen und Umhänge. Ihre Schultern und Arme erscheinen stärker behaart als bei den Galliern, und sie haben alle Glatze. In der französischsprachigen Originalversion sind sogar Hakenkreuze in einer Sprechblase und auf einer Flagge zu sehen.

Entsprechend kritisch fällt der Blick André Stolls in seinem Buch „Asterix – Das Trivialepos Frankreichs: Bild- und Sprachartistik eines Besteller-Comics“ (1974) aus. Das in eine „barbarische Antike verlagerte Goten-Panorama“ mit „grotesk überzeichneten Klischees“ entspreche dem Bild, das nach der Abtretung von Elsaß-Lothringen 1871 „mit Unterbrechungen und wechselnden Akzenten von den offiziellen Bildungs- und Informationsmedien verbreitet wurde“.

Während der Name der Engländer, „Bretons“, alte ethnische Gemeinsamkeiten betone, ersetze umgekehrt die Bezeichnung „Goten“ für Deutsche den eher positiven Begriff „Germanen“ („cousins germains“ – „Kinder der Geschwister“). Speziell in den „Kasernenhofszenen“, die Asterix und Obelix kostümiert miterleben, sieht Stoll eine „Allegorie der gerafften Entwicklung des deutschen Militarismus von Bismarck über Hindenburg, Hitler und zu dem Desaster von 1945, das in der Vision einer ‚Schlacht der beiden Besiegten‘ prophetisch seiner Vollendung zugeführt wird.“ Alfred Grosser, einer der intellektuellen Wegbereiter im Vorfeld des Elysée-Vertrags, nennt diese Ausgabe dennoch „ein wichtiges politisches Werk“.

„Brutus Rapidus“, „Kandidatus“ und „Feminax“

Allerdings konnten selbst Penndorfs bis heute wenig gewürdigte Schöpfungen diverse Markenrechtsstreitigkeiten nicht verhindern: Asterix ist nicht nur urheberrechtlich geschützt, sondern die Figuren auch als Marke. Und sobald irgendetwas in Anspielung darauf auf dem deutschen Markt erscheint, wurde sofort abgemahnt und geklagt. Das ging so weit, das man auch gegen die Mobilgeräte-Unix-Website „MobiliX“ aufgrund einer angeblich gegebenen Verwechslungsgefahr mit „Obelix“ klagte und vor dem Oberlandesgericht München Recht bekam. Das ungleich finanzstärkere und damit klageresistentere Telekommunikationsunternehmen Orange A/S, das Mobiltelefone unter dem gleichen Namen anbot, zog dagegen bis vor den EuGH, wo Uderzos Ansprüche schließlich abgewiesen wurden.

ASTERIX in BOMBENSTIMMUNG. Quelle: https://www.picclickimg.com/d/w1600/pict/283158458469_/ASTERIX-in-BOMBENSTIMMUNG-alternativ-comic.jpg

ASTERIX in BOMBENSTIMMUNG. Quelle: https://www.picclickimg.com/d/w1600/pict/283158458469_/ASTERIX-in-BOMBENSTIMMUNG-alternativ-comic.jpg

Trotzdem entstanden vor allem in den 1980er Jahren zahlreiche – heute würde man sagen – „Mashups“, in denen Asterix-Motive bildlich weitgehend unverändert neu kombiniert und mit anderen, häufig politischen Texten versehen wurden. Die bekanntesten dieser Hefte sind neben „Asterix und das Atomkraftwerk“ der Bewegung „Kein AKW in St. Tropez“ aus dem „plutonium“-Verlag, in dem Julius Caesar das gallische Dorf abreißen und einen „Brutus Rapidus“ errichten will, außerdem:

+ „Asterix in Bombenstimmung“, in dem die Friedensbewegung den NATO-Doppelbeschluss der 1980er Jahre aufs Korn nahm;

+ „Asterix im Hüttendorf“ der „Edition Waldgeist“, mit dem gegen den Bau der Startbahn West protestiert werden sollte; oder

+ „Asterix gegen Rechts“ mit „Kandidatus“ Franz-Josef Strauß von den Autoren Demokratix und Interpretix, hinter denen sich die damalige Frankfurter Stadtzeitung „Plasterstrand“ verborgen haben soll.

Ralf Palandt äußerte in einer Studie über diese Mashups die Vermutung, dass sich dieser Comic besonders für solche Zwecke eignete, weil es darin um Widerstand gegen eine Übermacht ging: das gängige Asterix-Narrativ. Anders Richard Herzinger, der bereits 2009 in der Welt eine sehr eigene These entwarf: die Geschichten aus der kleinen, völkischen Dorfgemeinschaft nähmen in trivialisierter Form jenes Ideal von der reinen Rasse auf, das einst nicht nur in Deutschland verbreitet war und nicht erst durch die Nazis in die Welt gekommen ist. Ihre Botschaften riefen in spielerischer Form alte Sehnsüchte wach, die in tiefsten Schichten des europäischen kollektiven Bewusstseins vergraben zu sein schienen, erklärt er unter Verweis auf die Studie „Der arische Mythos“ des französischen Kulturhistorikers Léon Poliakov.

Danach halte die ethnisch homogene Dorfgemeinschaft starr an ihren archaischen Stammesstrukturen fest: „Wissenschaft“ ist dort allein dem Druiden Miraculix vorbehalten, der seine magischen Köcheleien vor der Dorfgemeinschaft streng geheim hält. Handel und Wandel seien auf den Verkauf meist schon unangenehm riechender Fische beschränkt, und als technologisches Spitzenprodukt hat die Stammesgemeinschaft den grob behauenen Hinkelstein zu bieten, von denen sich Obelix zwanghaft niemals trennt. Das könne auch als antiamerikanische Spitze verstanden werden: Das kleine gallische Dorf wirke wie der diametrale Gegenentwurf zu der kosmopolitischen US-Metropole Entenhausen, wo frei laufende, individualisierte Enten mit Auto fahrenden Mäusen und dem Landleben entfremdeten Hühnern und Kühen in bunter ethnischer Vielfalt zusammenleben. „Asterix“ feiere hingegen das putzige Idyll der kleinen Einheit, die sich den Geißeln von Konsum und Fortschritt verweigert – und deshalb bei den Ökopax-Fundamentalisten der 70er- und 80er-Jahre bestens ankäme.

Feminax. Quelle: https://www.tagesspiegel.de/images/8cffb5b4d9/5903786/3-format43.jpg

Feminax. Quelle: https://www.tagesspiegel.de/images/8cffb5b4d9/5903786/3-format43.jpg

Im Zusammenhang damit taucht der Name eines Mannes auf, der es später zu eigener Berühmtheit brachte: Günter Freiherr von Gravenreuth. Der Anwalt war damals in einer von Uderzo beauftragten Kanzlei beschäftigt und ließ „Werkstudenten“ in Kleinanzeigen und mittels Anfragen nach solchen Comics suchen, auf die er mit einer Abmahnung reagierte. Allerdings ging Uderzo auch in Deutschland nicht gegen ausnahmslos jede Adaption vor: Als 1992 im Verlag der Zeitschrift EMMA Franziska Beckers feministische Asterix-Anlehnung „Feminax & Walkürax“ erschien, zog er den Schwanz ein und ließ sie unbehelligt. Die Gründe liegen bis heute im Dunkeln.

Die Bedeutung der Asterix-Comics nach 50 Jahren ist, neben dem Unterhaltungs- und Fremdsprachlern-Effekt, auch in Deutschland kaum gering zu schätzen. Thomas Kramer zeigt für die DDR eindrucksvoll, wie Szenengestaltungen, Zeichenstile und -techniken in die populäre DDR-Comicserie „Mosaik“ eingeflossen sind; auch die sprachliche Ähnlichkeit der Hauptprotagonisten „Abrax, Brabax, Califax“ mit Asterix, Obelix und Miraculix gibt er zu bedenken. Und Grosser hat einmal gesagt: „In Frankreich herrscht eine tief verwurzelte Sportfeindlichkeit. Schlau ist, wer schmächtig wirkt – und dumm, wer stark ist.“ Asterix und Obelix beweisen das: Was Kraftprotz Obelix nicht erreicht, schafft Kerlchen Asterix mit List und Tücke. Das Geheimnis des Erfolgs ist das Anderssein, nicht der Mainstream. Dieses Geheimnis und der siegreiche Kampf der wenigen Kleinen gegen die vielen Großen: das macht die Faszination der ungleichen Kumpels aus – über alle nationalen Grenzen hinweg.

Die umstrittenste Adaption des Stoffs „Jud Süß“ geht nicht auf Lion Feuchtwangers Roman zurück: Nach dem Studium noch vorhandener Drehbuchfassungen ist davon auszugehen, dass die Grundlage des Films von 1940 die gleichnamige Novelle von Wilhelm Hauff war. Regisseur Veit Harlan hat zeitlebens bestritten, Feuchtwangers Version des Stoffs gekannt zu haben. Des Autors Verdacht, der Film basiere auf seinem Roman, mag daher rühren, dass sieben Schauspieler schon in dem gleichnamigen Theaterstück auf der Bühne gestanden hatten. Und die schrieb er in einem offenen Brief 1941 persönlich an: „Sie haben, meine Herren, aus meinem Roman ‚Jud Süß‘ mit Hinzufügung von ein bißchen ‚Tosca‘ einen wüst antisemitischen Hetzfilm im Sinne Streichers und seines ‚Stürmers‘ gemacht“. Anzuschreiben gegen antisemitische Hetze war das Lebensthema Feuchtwangers, der zu den meistgelesenen deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts zählte und vor 60 Jahren starb.

Hauff's Text. Quelle: https://media1.jpc.de/image/w600/front/0/9783861998211.jpg

Hauff's Text. Quelle: https://media1.jpc.de/image/w600/front/0/9783861998211.jpg

Der älteste Sohn des Münchner jüdisch-orthodoxen Margarinefabrikanten Sigmund Feuchtwanger galt als schüchtern, aber fleißig und begabt und wurde meist fünf Uhr morgens von einem Privatlehrer in der hebräischen Bibel und dem aramäischen Talmud unterwiesen, bevor er in die Schule ging. Nach dem Abitur 1903 studiert er Geschichte, Philosophie und Deutsche Philologie in München und Berlin und verbringt mit der pedantischen Mutter sowie den acht Geschwistern die Ferien in Starnberg oder Kochel. 1907 promovierte er über Heinrich Heine, lehnt eine Habilitation aufgrund der Beschränkungen für Juden ab – die können an einer bayerischen Universität nicht ordentlicher Professor werden – und beginnt stattdessen schreibend zu experimentieren.

Zwischen 1906 und 1910 schrieb er mit „Kleine Dramen“ sechs Theaterstücke, mit „Der Fetisch“ ein Schauspiel sowie mit „Der tönerne Gott“ einen Roman und kreierte daneben mit „Der Spiegel“ sein eigenes Kulturmagazin, das später mit der von Siegfried Jacobsohn herausgegebenen Zeitschrift „Die Schaubühne“ fusionierte. In allen – relativ unbeachtet bleibenden – Texten kommt eine ästhetische Antibürgerlichkeit zum Ausdruck, die in der Münchner Bohème verbreitet war: „Magarinebarönchen“ verspottete ihn die Münchner Post.

„Ob unter all diesem Wust ein poetischer Kern sich birgt?“, notiert Feuchtwanger unsicher in seinem Tagebuch am 11. Januar 1906. „Merkwürdig, dass ich die unschönen Züge so vieler Dichter in mir vereine: die knabenhafte Verlegenheit Grillparzers, die Koketterie und Zerrissenheit Heines, die Eitelkeit Schlegels, die lioness und Haltlosigkeit Wildes, die Selbstzerfaserung Hebbels mit einem Stich ins Affektierte…“ Er schreibt viel für wenig Geld, da er, nicht zuletzt wegen seiner Spielleidenschaft, oft in finanziellen Nöten steckt. Zudem muss er seit 1910 für die jüdische Kaufmannstochter Marta Löffler sorgen, die er 1912, bereits schwanger, heiratete. Die Tochter starb wenige Monate nach einer schweren Geburt während der Hochzeitsreise in Italien an Typhus. Es sollte das einzige Kind des Paares bleiben.

Feuchtwanger und Brecht. Quelle: https://www.wienerzeitung.at/_em_daten/147962/_/1x6C6mNvhD5UXMunvHO6oDeZ4Ob7_BAJNt6Mi5E4gPGxqAejcnzHSM2QZc0e77Ynxo2qmacLOzCYS1iSk36S0m4UiKgv220xHD53SbzX-wB3c/140708-1656-948-0960-147242.jpg

Feuchtwanger und Brecht. Quelle: https://www.wienerzeitung.at/_em_daten/147962/_/1x6C6mNvhD5UXMunvHO6oDeZ4Ob7_BAJNt6Mi5E4gPGxqAejcnzHSM2QZc0e77Ynxo2qmacLOzCYS1iSk36S0m4UiKgv220xHD53SbzX-wB3c/140708-1656-948-0960-147242.jpg

Den ersten Weltkrieg erlebt Feuchtwanger zuerst als Ersatzreservist und dann wegen diverser Gebrechen, darunter starker Kurzsichtigkeit, als wehruntauglich. Er schreibt weiter, schließt Bekanntschaft mit Bertolt Brecht und Arnold Zweig. Die streit- und fruchtbare Freundschaft zu Brecht hielt den Rest seines Lebens an, mehrere gemeinsame Stücke gingen daraus hervor.

„nicht wegnehmen konnte er mir meinen bayerischen Dialekt“

Feuchtwanger spezialisiert sich auf die Rolle progressiver Intellektueller in einer zumal jüdisch geprägten Geschichte. Aus gutem Grund: 1555 wurden die Feuchtwangers aus jenem mittelfränkischen Städtchen verjagt, dessen Namen sie tragen. Bereits 1920 antizipierte er in dem satirischen Text „Gespräche mit dem Ewigen Juden“ hellsichtig die Gefahren durch die NSDAP: „Türme von hebräischen Büchern verbrannten, und Scheiterhaufen waren aufgerichtet, hoch bis in die Wolken, und Menschen verkohlten, zahllose…“ Eine seiner Schwestern sollte 1942 in Theresienstadt ermordet werden.

Mitte der zwanziger Jahre verbessert sich seine materielle Lage, denn er ist aufgrund zweier Romane bereits auf dem Weg zum Weltruhm. Der erste erschien 1923 unter dem Titel „Die häßliche Herzogin Margarete Maultasch“ – gemeint ist die Gräfin Margarete von Tirol-Görz, die im 14. Jahrhundert lebte und auf grausame Weise zu erlangen sucht, was der Schönheit von selbst zufällt: Macht und Liebe. Der zweite war geplant als Drama um den ermordeten deutschen Außenminister Walter Rathenau. Entstanden ist ein auf wahren Begebenheiten fußender Roman um den halb vergessenen „Hofjuden“ Süß Oppenheimer, der um 1700 zum Berater des württembergischen Herzogs aufsteigt und nach Irrungen und Intrigen zum Tode verurteilt wird. Der Text stößt zwei Jahre lang auf Desinteresse und erscheint 1925 schließlich in einem Theaterverlag. Für den englischen Literaturpapst Arnold Bennett „Book of the Year“, wurde er wenig später ein Bestseller, der in 15 Sprachen eine Auflage von drei Millionen erreicht.

Aus der judenfeindlichen Atmosphäre Münchens ziehen die Feuchtwangers 1925 weg ins liberalere Berlin. Hier nutzt er den Abstand zur Heimat, um den Zeit- und Schlüsselroman „Erfolg“ zu schreiben: ein leicht erkennbares Porträt Hitlers mitsamt der satirischen Abhandlung des Hitler-Ludendorff-Putschs von 1923, verkleidet in der Figur Rupert Kutzners: „Schwieg … Kutzner, so gaben die dünnen Lippen mit dem winzigen, dunklen Schnurrbart und das pomadig gescheitelte Haar über dem fast hinterkopflosen Schädel dem Gesicht eine maskenhafte Leere“. Entstanden ist ein grandioses Sittenbild Oberbayerns und seiner Hauptstadt, in dem von Brecht über Ganghofer bis Valentin alle Zeitgrößen einen Auftritt erhalten und das ihn 1930 auf die Vorschlagsliste für den Nobelpreis gelangen ließ.

Ende 1932 brach Feuchtwanger, der sich als Hindenburg-Wähler zu erkennen gab, zu Vorträgen nach London und in die USA auf – und kam nie mehr nach Deutschland zurück, denn er galt den Nationalsozialisten als einer ihrer intellektuellen Hauptgegner. „Chaplin ist hingerissen von meinen Ideen über einen Hitlerfilm“, notiert er am 11. Januar 1933 nach einem gemeinsamen Lunch in Los Angeles. Nach der Machtergreifung wird er aus dem „Schutzverband Deutscher Schriftsteller“ ausgeschlossen. Seine Bücher werden verboten und verbrannt, sein Name taucht in der am 25. August 1933 im Deutschen Reichsanzeiger veröffentlichten ersten Ausbürgerungsliste auf.

Feuchtwanger und Stalin. Quelle: https://www.akg-images.de/Docs/AKG/Media/TR5/0/9/5/4/AKG3962756.jpg

Feuchtwanger und Stalin. Quelle: https://www.akg-images.de/Docs/AKG/Media/TR5/0/9/5/4/AKG3962756.jpg

„Hitler hat mir das Bürgerrecht weggenommen, doch nicht wegnehmen konnte er mir meinen bayerischen Dialekt“, so Feuchtwanger in Amerika, als er von seiner Ausbürgerung und der Beschlagnahmung seines Vermögens erfährt. Das besteht nicht nur aus der neuen Villa in Berlin-Grunewald, die ein SA-Trupp auf der vergeblichen Suche nach dem Besitzer verwüstet; da sind auch die stattlichen Konten beim Bankhaus J. L. (Jakob Löw) Feuchtwanger in der Münchner Dienerstraße. Eine literarische Frucht dieser Phase war die laut Klaus Mann „wirkungsvollste, meistgelesene Darstellung der deutschen Kalamität“: Der Roman „Die Geschwister Oppermann“ (1933).

Kosmopolitismus als prägendes Element

Die erste Station seines Exils war Sanary-sur-Mer, das Zentrum der deutschen literarischen Emigration in Frankreich, wo er sich aktiv daran beteiligt, die antifaschistische Volksfront zu organisieren. Es sind vor allem diese Erfahrungen von der inneren Zerrissen- und Zerstrittenheit der deutschen Emigration, die in den Roman „Exil“ (1939) eingehen. Er bildet mit den „Geschwistern Oppermann“ und „Erfolg“ die „Wartesaal-Trilogie“: Feuchtwangers Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, die noch um die Satire „Der falsche Nero“ (1936) ergänzt wurde.

Parallel begann er die „Josephus-Trilogie“, bestehend aus den drei historischen Romanen „Der jüdische Krieg“ (1932), „Die Söhne“ (1935) und „Der Tag wird kommen“ (1942). Sie widmen sich chronologisch dem Leben und Wirken des antiken Geschichtsschreibers Flavius Josephus, der vor allem durch die „Geschichte des jüdischen Krieges“ sowie die 20 Bücher „Jüdische Altertümer“ bekannt wurde. Er kann sich weder für die jüdische noch die römische Kultur entscheiden und versucht vergeblich, einen Ausgleich zwischen den Kulturen herbeizuführen. Dieser Kosmopolitismus sollte, verbunden mit einer Absage an jüdischen Nationalismus ebenso wie an den Historischen Materialismus von Marx, ein prägendes Element von Feuchtwangers Wirken sein.

Spätestens mit diesen Werken ist der Münchner in der Weltliteratur angekommen: „Nearly like Feuchtwanger“ war, sehr zum Missvergnügen Thomas Manns, seit 1929 Nobelpreisträger, die größte Auszeichnung, die die internationale Kritik damals einem deutschsprachigen Autor verleihen konnte. Die sehr hohen Auflagen seiner Bücher im angelsächsischen Sprachraum sicherten dem ständig zwischen Bestseller und Kunstwerk changierenden Vielschreiber ein gutes Auskommen: Marcel Reich-Ranicki bezeichnet Feuchtwangers Sprache als „bisweilen eindringlich und zugleich aufdringlich“.

1936/37 ereignete sich dann eine biographische Episode, die Feuchtwangers Rezeption in Ost und West nach 1945 entscheidend beeinflusste: Enttäuscht von den Demokratien des Westens, die für ihn entschiedener gegen das nationalsozialistische Regime Front machen müssten, ließ er sich mit editorischen Versprechungen in die UdSSR einladen, auf die er seine politischen Hoffnungen setzte. So sollten einige seiner Werke verfilmt sowie eine vierzehnbändige Werkausgabe gedruckt werden. Begleitet von seiner Geliebten, wohnte er zwei Schauprozessen bei und wurde von Stalin empfangen.

Resultat der Reise war das unkritisch-lobpreisende Buch „Moskau 1937“, das anfangs zu Hunderttausenden auf Russisch gedruckt wurde, bei deutschsprachigen Exilschriftstellern wie Arnold Zweig oder Franz Werfel aber auf Empörung stieß. Klaus Mann spricht gar von einer „reinen Stalin-Ode“ angesichts von Sätzen wie „War Lenin der Cäsar der Sowjet-Union gewesen, so wurde Stalin zu ihrem Augustus …“. Sein Biograph Wilhelm von Sternburg nimmt Feuchtwanger in der Frankfurter Rundschau in Schutz: „Auch die Demokraten Roosevelt, Churchill oder de Gaulle paktierten mit dem Teufel aus Moskau, um den deutschen Satan zu besiegen.“

Hitler und Hanussen. Quelle: https://segundaguerra.net/o-nazismo-e-o-ocultismo-parte-2/

Hitler und Hanussen. Quelle: https://segundaguerra.net/o-nazismo-e-o-ocultismo-parte-2/

Obwohl in antisemitischen Kampagnen nach 1945 die Bücher Feuchtwangers bis zum politischen Tauwetter nach 1956 sogar aus sowjetischen Bibliotheken verbannt wurden, ließ sich Feuchtwanger selbst nach der Geheimrede Chruschtschows über Stalins Verbrechen nicht von seinen Lobpreisungen des sowjetische Regimes abbringen. Als „jüdischer Kommunist“ war er seither bei vielen verschrien – zu Unrecht, erklärt Sabine Dutz im Merkur: „…dazu ist er viel zu sehr Luxus gewohnter Großbürger. Eher ließe er sich als ‚linker Optimist‘ einstufen, der sein Judentum nie aus den Augen verliert und der seine Leser auf kapitalistischer wie sozialistischer Seite findet.“

In den USA

1940 wurde Feuchtwanger in das Internierungslager Les Milles in Frankreich eingewiesen und später in ein provisorisches Zeltlager nahe Nîmes verlegt. In Frauenkleidern und unter abenteuerlichen Umständen gelangte er mit Hilfe von Angestellten des amerikanischen Konsulats in Marseille gerade noch rechtzeitig aus dem Lager heraus und über Spanien und Portugal mit seiner Frau nach Kalifornien, wo er die “Villa Autora” in Pacific Palisades kauft, die er bis zu seinem Tod 1958 bewohnt und in der sein Alterswerk entstand. Sie dient seit 1995 als Künstlerresidenz und „deutsches Kulturdenkmal des Exils“.

Ein erster Höhepunkt ist der Zeitroman „Die Brüder Lautensack“ (1943), in dem wie schon in „Erfolg“ mehrere Figuren erkennbar historischen Personen nachgebildet sind und der die Geschichte des eitlen Telepathen und Hellsehers Oskar Lautensack erzählt. Der wird nach rasantem Aufstieg zum Berater Hitlers und sieht während einer Sitzung mit dem SA-Stabschef, der deutlich an Ernst Röhm erinnert, den Reichstagsbrand voraus. Als er sich zwischen seinen privaten Interessen und den Erwartungen der politischen Machthaber verzettelt, wird er auf Geheiß von höchster Stelle ermordet – wie auch Erik Jan Hanussen, ein Okkultist, dessen Lebensgeschichte dem Text zugrunde liegt.

Villa Aurora in Pacific Palisades. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Villa_Aurora#/media/File:Villa_Aurora_11_14_01.JPG

Villa Aurora in Pacific Palisades. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Villa_Aurora#/media/File:Villa_Aurora_11_14_01.JPG

Feuchtwanger begründete dann 1944 den Aurora-Verlag in New York mit, um deutschen Exil-Autoren in den USA eine neue publizistische Heimat zu schaffen. Bis 1947 werden 12 Werke veröffentlicht, darunter von Brecht, Bloch, Döblin und Seghers sowie sein eigener Roman „Venedig“ (1946). Neben „Waffen für Amerika“ (1948) vollendete er, zweiter Höhepunkt, die „Revolutions-Trilogie“ mit „Goya oder der arge Weg der Erkenntnis“ (1951), „Die Jüdin von Toledo“ (1955) sowie „Jefta und ihre Töchter“ (1957).

Im selben Jahr erkrankte er an Magenkrebs und starb nach mehreren Operationen Ende 1958 an inneren Blutungen. Marta überlebte ihn um knapp drei Jahrzehnte und stiftete zum Andenken an ihren Mann den Lion-Feuchtwanger-Preis für historische Prosa, der von 1971 an jährlich aus Anlass von Feuchtwangers Geburtstag am 7. Juli von der Akademie der Künste der DDR verliehen wurde. Seit den 90er Jahren wird der mit 7500 € dotierte Preis von einer dreiköpfigen Jury unregelmäßig vergeben.

„dass man irgendwo plötzlich nicht so erwünscht ist“

Bezeichnend für Feuchtwangers fast lebenslange Flucht und die ihn auf diesen Weg zwingenden Umstände war die Tatsache, dass er die Länder, in denen er sich aufhielt, nie wirklich als sein zu Hause bezeichnen durfte. Nach 1945 wurde er als Linksintellektueller von den US-Behörden der McCarthy-Ära ständig und kritisch beobachtet und sein Telefon abgehört. Wegen des Verdachts auf unamerikanische Umtriebe erhielt er nie die Staatsbürgerschaft der USA.

In der DDR dagegen wurde er 1950 nach Heinrich Mann zweiter Träger des Nationalpreises 1. Klasse für Kunst und Literatur und als Antifaschist sowie wegen seiner Sympathien für den Kommunismus in Ehren gehalten: das Land habe „ein mehr erdrückendes denn herzliches ‚Er ist unser‘ um den Autor geschlungen“, erklärt Klaus Modick im SPIEGEL. Bei aller Sympathie hatte Feuchtwanger aber stets Distanz zum Sozialismus als Staatsform gehalten, besonders zum sozialistischen Realismus als Kunstform.

Goya-Version der DEFA mit Donatas Banionis. Quelle: http://media.kika-dresden.de/filmbilder_gross/1867/Goya_2.jpg

Goya-Version der DEFA mit Donatas Banionis. Quelle: http://media.kika-dresden.de/filmbilder_gross/1867/Goya_2.jpg

In der Bundesrepublik wiederum galt Feuchtwanger lange als persona non grata und war für die lesende Öffentlichkeit praktisch nicht existent. Auch das Verhältnis seiner Heimatstadt München zu ihm bleibt kompliziert, obwohl sie ihm 1957 ihren Literaturpreis verleiht, was Oskar Maria Graf brieflich so kommentiert: „Endlich scheint dieses Münchner Volk, das Sie in Ihrem ,Erfolg‘ so großartig präzis geschildert haben, einen Lichtblick gehabt zu haben.“

In beiden deutschen Staaten aber wurden seine Stoffe gern verfilmt. Schon 1972 gelang DDR-Regisseur Konrad Wolf mit „Goya“ ein bemerkenswerter Wurf und überraschte Egon Monk 1982 mit seinem viel gelobten ZDF-Zweiteiler „Die Geschwister Oppermann“. Gleich dreimal durfte „Exil“ herhalten: Der von der DEFA unter anderem mit Horst Schulze und Rolf Hoppe verfilmte Roman feierte 1973 seine DDR-Fernsehpremiere. Knapp 20 Jahre später dreht Franz Seitz junior mit Bruno Ganz und Mathieu Carrière eine mit dem Bayrischen Filmpreis prämierte Westversion.

Egon Günther. Quelle: https://m.pnn.de/images/heprodimagesfotos96220120330egonguenther-jpg/21853238/2-format11.jpg

Egon Günther. Quelle: https://m.pnn.de/images/heprodimagesfotos96220120330egonguenther-jpg/21853238/2-format11.jpg

Dazwischen liegt die Fassung von Egon Günther: Er lieferte nach seinem Weggang aus der DDR 1980 für die Bavaria in München eine mit Klaus Löwitsch und Vadim Glowna famos besetzte Verfilmung in sieben Teilen. Seinen Antrieb beschrieb Günther, der seinen DDR-Pass nie abgab, später so: „Diese Emigration, die da geschildert wird, gilt noch, immer wieder. Mich betrifft sie insofern auch, als ich hier in einer Art unscharfem Exil lebe. Es gibt immer noch das Exil, es gibt immer noch das Gefühl, dass man irgendwo plötzlich nicht so erwünscht ist und man annimmt, man lebt woanders leichter oder besser.“ Unbehaustheit als Thema, das vor Religionen oder Systemen nicht Halt macht: wie viele deutsche Intellektuelle im 20. Jahrhundert hat das auch Feuchtwanger unfreiwillig bestätigt.

Nach diversen Skandalen verzichtet die schwedische Jury in diesem Jahr auf die Vergabe des Literaturnobelpreises. Das ficht John Steinbeck nicht mehr an: er wurde 1962 „für seine einmalige realistische und phantasievolle Erzählkunst, gekennzeichnet durch mitfühlenden Humor und sozialen Scharfsinn“ ausgezeichnet. Der vor 50 Jahren verstorbene Romancier, Journalist und dreimal oscarnominierte Drehbuchautor gehört zu den erfolgreichsten US-amerikanischen Autoren des 20. Jahrhunderts, dessen Bücher in Millionenhöhe verkauft, verfilmt und in 40 Sprachen übersetzt wurden.

Steinbecks Großvater väterlicherseits, Johann Adolf Großsteinbeck, war von Heiligenhaus im Niederbergischen Land in die USA ausgewandert und hatte dabei seinen Namen zu Steinbeck verkürzt. Die Stadt bietet bis heute historische Wanderungen u.a. zum Familiengut „Großsteinbeck“ an. John wurde im Winter 1902 im kalifornischen Salinas rund 150 Kilometer südlich von San Francisco geboren und wuchs mit drei Schwestern in der ländlich-maritim geprägten Gegend auf, die heute „John-Steinbeck-Country“ heißt und in der viele seiner Erzählungen und Romane spielen.

John Steinbeck. Quelle: https://secure.i.telegraph.co.uk/multimedia/archive/01739/JohnSteinbeck_1739580c.jpg

John Steinbeck. Quelle: https://secure.i.telegraph.co.uk/multimedia/archive/01739/JohnSteinbeck_1739580c.jpg

Bereits als Kind zeigte er großes Interesse an Literatur und begann zu schreiben. Seine Bewerbung zum Studium an der Stanford University 1919 war erfolgreich, Steinbeck belegte Literatur, Geschichte, Journalismus – und Meeresbiologie. Um sein Studium zu finanzieren, musste er nebenbei arbeiten: als Hilfsarbeiter, Maurer, Fischer, Butler, Nachtwächter und Obstpflücker. In seinen akademischen Erwartungen enttäuscht, dabei offenbar auch überfordert, verließ er die Elite-Uni 1924 ohne Abschluss und ging zunächst als Publizist nach New York, wo er keine Erfolge verbuchen konnte.

Zurück in Kalifornien, schlug er sich wie in seiner Studentenzeit mit Gelegenheitsarbeiten durch, heiratete und veröffentlichte 1929 seinen ersten Roman „Eine Handvoll Gold“, der das Leben des englischen Piraten Henry Morgan nacherzählte, aber ebenso wie die beiden nächsten Werke unbeachtet blieb. Es dauerte bis „Tortilla Flat“ (1935), um das Publikum auf die neue Stimme aufmerksam zu machen: der episodische Schelmenroman wurde mit dem kalifornischen Kritikerpreis ausgezeichnet, von der Stadt Monterey als verlogen abgelehnt und in Irland als unmoralisch verboten.

Nach der Darstellung eines Landarbeiterstreiks in „Stürmische Ernte“ (1936) beauftragte die San Francisco News Steinbeck mit einer Artikelserie über die „Okis“, verarmte und entwurzelte Wanderarbeiter aus dem von Dürrekatastrophen geplagten Oklahoma, die in Scharen auf der Suche nach Jobs nach Kalifornien zogen. Steinbeck recherchierte selbst vor Ort, traf die Wanderarbeiter in ihren Camps, unterhielt sich mit ihnen, lernte ihren Jargon, sah Menschen verhungern und erfuhr ihre Geschichte aus erster Hand. Diese Erfahrungen mündeten in seine beiden bis heute eindrucksvollsten Werke: die Novelle „Von Mäusen und Menschen“ (1937) und den Roman „Früchte des Zorns“ (1939), für den er 1940 den Pulitzer-Preis sowie den National Book Award bekam. Der Roman gilt inzwischen als historische Quelle, fand bis heute über 14 Millionen Käufer und gehört in vielen englischsprachigen Ländern von Kanada bis Australien nach wie vor zur Schullektüre.

„die gierigen Bastarde mit Scham belegen“

Mit dem Roman, der die verzweifelte Situation der Bauern in der großen Wirtschaftskrise der 1930er Jahre mit Missernten, Depression und der Industrialisierung der Landwirtschaft beschreibt, wollte Steinbeck „die gierigen Bastarde, die dafür verantwortlich sind, mit Scham belegen“. Mit diesem und weiteren zeitkritischen Texten engagierte sich der publikumsscheue Autor für die Rechtlosen am unteren Ende der gesellschaftlichen Leiter, macht an der Gesellschaft Scheiternde zu Helden und porträtiert ihr Schicksal am Beispiel der Familie Joad. Doch ihr Traum vom Aufbau einer neuen Existenz zerbricht an Ausbeutung, Fremdenfeindlichkeit und dem Mangel an Solidarität, denen die Joads überall begegnen. Aus Farmern werden Bettler, die dennoch verzweifelt versuchen, auch im Elend einen Rest von menschlicher Würde zu bewahren.

Filmcover "Früchte des Zorns". Quelle: https://assets.cdn.moviepilot.de/files/f7b782d50f96646f892cfc98bd64004272aebde2a3eb6da7f044dd28db57/5071.jpg

Filmcover "Früchte des Zorns". Quelle: https://assets.cdn.moviepilot.de/files/f7b782d50f96646f892cfc98bd64004272aebde2a3eb6da7f044dd28db57/5071.jpg

Ein Nebeneffekt des Romans war die PR für die Route 66, die bei Steinbeck zur Straße der Hoffnung, zur „Mutter aller Straßen“ wird: als Synonym für das ganz große Gefühl von Freiheit verkörpert sie Aufbruchstimmung und Ungebundenheit, denn auf ihr flüchten in der Zeit der „Großen Depression“ die „Okis“ nach Westen, einem vermeintlich besseren Leben entgegen. Zu den einprägsamsten Schlussszenen der Weltliteratur gehört, wie die bezaubernde Rose of Sharon nach der Totgeburt ihres Kindes in einem Akt der Nächstenliebe einem verhungernden alten Mann die Brust gibt.

Das soziale und politische Engagement in diesem und weiteren Büchern rief ebenso Achtung bei den Lesern hervor wie das FBI auf den Plan. Denn dass Steinbeck in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit den amerikanischen Traum von Glück und Erfolg in Frage stellte und von den Niederlagen und dem Elend der Farmer schrieb, wurde als Provokation betrachtet. Als bittere Anklage an den entfesselten Kapitalismus heißt es im Roman: „Wenn man besitzt, ist man ewig im ‚Ich‘ eingefroren und ewig vom ‚Wir‘ abgetrennt.“ Das Werk, das rasch von John Ford mit Henry Fonda in der Hauptrolle verfilmt wurde, war zunächst vielfach als klassenkämpferisch abgelehnt und in Kalifornien sogar zeitweise verboten worden. Dabei verstand sich Steinbeck nie im dogmatischen Sinne als Sozialist, obwohl er Sympathien für die politische Linke hegte, mehrfach die Sowjetunion besuchte und ein überzeugter Anhänger der Politik des „New Deal“ von Präsident Franklin D. Roosevelt war.

Nach der Trennung von seiner ersten und einer Krise mit seiner zweiten Frau ließ sich Steinbeck als Kriegsreporter bei der New York Herald Tribune anstellen und nach Europa schicken. Er erlebte die Landung der Alliierten in Italien mit und von der Pressetribüne auch den Nürnberger Hauptprozess. So einfühlsam er zuvor Arbeitermilieus schilderte, beschrieb Steinbeck jetzt das Alltagsleben der Soldaten nicht als Helden, sondern als verzweifelten Versuch, in ständiger Gefahr zu überleben.

Steinbecks Kriegstagebuch. Quelle: https://www.amazon.de/den-Pforten-H%C3%B6lle-Kriegstagebuch-1943/dp/3423117125

Steinbecks Kriegstagebuch. Quelle: https://www.amazon.de/den-Pforten-H%C3%B6lle-Kriegstagebuch-1943/dp/3423117125

Parallel dazu gewann die bereits seit 1930 währende Freundschaft mit dem Meeresbiologen Ed Ricketts an Bedeutung: einem unorthodoxen, eigensinnigen, großzügigen Naturforscher, charismatisch, zuweilen skurril, der unter der Dusche einen Südwester trägt, weil er es hasste, einen nassen Kopf zu haben, und der die Menschen im Allgemeinen und die Frauen im Besonderen liebte. Eine Reise führte Steinbeck 1940 gemeinsam mit Ricketts für sechs Wochen nach Baja California in Mexiko, in Form einer Mischung aus wissenschaftlicher Expedition und abenteuerlichem Ausflug zweier Kumpels. Das draus entstandene „Logbuch des Lebens“ erschien allerdings erst 1951.

Bereits zuvor setzte Steinbeck seinem Freund mit der Figur des „Doc“ 1945 in dem Roman „Die Straße der Ölsardinen“, einem der fröhlichsten und optimistischsten Werke des Autors, und 1947 in dessen Fortsetzung „Wonniger Donnerstag“ ein literarisches Denkmal. Die kleine Welt rund um die Straße der Sardinenfabriken von Monterey fungiert als Schauplatz des zunehmend irrwitzigen Bemühens einer Gruppe liebenswerter Herumtreiber, Schnorrer und Lebenskünstler, ihrem Freund und Gönner „Doc“ eine Party zu geben. Sein Personal beschreibt Steinbeck so: „Huren, Hurensöhne, Kuppler, Stromer und Spieler, mit einem Wort: Menschen. Man könnte mit gleichem Recht auch sagen: Heilige, Engel, Gläubige, Märtyrer – es kommt nur auf den Standpunkt an.“

furchtloser Ritter und ironischer Beobachter

1947 reiste Steinbeck, diesmal mit dem preisgekrönten Fotografen Robert Capa, erneut nach Rußland. Den beiden war aufgefallen, „dass es einige Dinge in Russland gab, über die niemand schrieb, und dass es gerade diese Dinge waren, die uns am meisten interessierten. Was tragen die Leute dort? Was tischen sie zum Abendessen auf? Feiern sie Feste? Wie lieben sie, und wie sterben sie?“ Es entstand der Reisebericht „Russisches Tagebuch“, in dem der Leser „diese mentale Melange aus Heimatliebe, sozialistisch-realutopisch motivierter Tatkraft und gleichzeitiger Neugier auf die Modernität und Liberalität Amerikas“ entdeckt, so Konstanze Kriese im Freitag. „Steinbecks Text ist nicht russophil, nicht russophob und auch weder anti- noch prokommunistisch, er ist einfach realistisch, empathisch und natürlich auch voller Ironie gegenüber den erlebten propagandistischen und bürokratischen Zumutungen.“

Steinbeck und Capa. Quelle: https://cdn.shopify.com/s/files/1/0543/2189/products/PAR179906_640x.jpg?v=1486157671

Steinbeck und Capa. Quelle: https://cdn.shopify.com/s/files/1/0543/2189/products/PAR179906_640x.jpg?v=1486157671

1948 durchlebte Steinbeck eine Krise. Zuerst starb Ed Ricketts bei einem tragischen Autounfall, dann trennte er sich von seiner zweiten Frau (und heiratete zwei Jahre später seine dritte), und insgesamt war er unzufrieden mit seinem Werk. Es fiel ihm zunehmend schwer, an die Erfolge der Vorkriegszeit anzuknüpfen, zudem erkannten viele Kritiker in „Die Straße der Ölsardinen“ und in „Wonniger Donnerstag“ nur Variationen des Themas von „Tortilla Flat“. Es folgten bis in die 60er Jahre hinein lange Reisen durch Nordafrika sowie Süd- und Westeuropa bei zunehmend schlechterer Gesundheit.

1952 dann gelang John Steinbeck noch einmal ein großer literarischer Wurf mit dem Roman „Jenseits von Eden“: einer epischen Familiensaga um einen alleinerziehenden reichen Farmersvater und seine beiden Söhne, die über mehrere Jahrzehnte reicht. Im selben Jahr kam „Viva Zapata!“ in die Kinos: ein Film über den mexikanischen Revolutionshelden Emiliano Zapata, zu dem Steinbeck das Drehbuch geschrieben hatte. Inszeniert wurde er mit Marlon Brando in der Titelrolle von Elia Kazan, der dann auch „Jenseits von Eden“ mit dem jungen James Dean verfilmte. 1954 erhielt John Steinbeck, inzwischen Bürger New Yorks, die Freiheitsmedaille des US-Präsidenten.

Steinbeck und Ricketts. Quelle: https://www.cornishrocktors.com/wp-content/uploads/2017/06/ed-ricketts-john-steinbeck_post-500x333.jpg

Steinbeck und Ricketts. Quelle: https://www.cornishrocktors.com/wp-content/uploads/2017/06/ed-ricketts-john-steinbeck_post-500x333.jpg

Ein letzter Geniestreich glückte ihm 1962 mit dem literarischen Roadmovie „Die Reise mit Charley: Auf der Suche nach Amerika“. Darin erzählt Steinbeck von seiner Rundreise durch die Vereinigten Staaten, die er im Herbst 1960 allein mit seinem zehn Jahre alten französischen Pudel Charley in einem eigens dazu angefertigten Pickup-Camper namens „Rosinante“ unternommen hatte. Der Name lässt tief blicken: für Steinbecks Biograph Jay Parini ist der Held gleichzeitig Don Quijote und Sancho Pansa, der furchtlose Ritter und der ironische Beobachter – so wurde in den USA noch nie geschrieben. In drei Monaten absolvierte er eine Tour von Long Island hinauf bis zur Nordspitze von Maine, dann an der kanadischen Grenze entlang bis nach Seattle, die pazifische Küste hinunter bis in seine alte Heimat Salinas und Monterey, dann durch den Süden der USA zurück nach New York.

In den 60er Jahren unterstützte Steinbeck Präsident Lyndon B. Johnson, angetan von dessen proklamierter Idee einer „Great Society“, einer sozial gerechteren Gesellschaft. Die Aufhebung der Rassentrennung und eine verbesserte Sozialgesetzgebung waren Forderungen, für die er seit den 30er Jahren eingetreten war. Seine persönliche Freundschaft mit Johnson führte aber auch dazu, dass er zu den wenigen Befürwortern des Vietnamkriegs gehörte. Deshalb kam es schließlich zum Zerwürfnis mit seinem Sohn John, der als Kriegsberichterstatter in Vietnam zum überzeugten Pazifisten geworden war. 1967 unternahm er eine Reise nach Südostasien, um sich selbst ein Bild zu machen, kehrte jedoch schwer krank zurück und erlag am 20. Dezember 1968 in New York einem Herzversagen.

„was uns quält, ist die Langeweile“

Gegenwärtig spielen Steinbecks Werke mit den Ausnahmen „Früchte des Zorns“ und „Von Mäusen und Menschen“ nur noch eine Nebenrolle im angloamerikanischen Sprachraum. Aufgrund ihres naturalistischen Stils und ihrer expressionistischen Wortwahl wurden diese beiden Werke aber auch öfters aus öffentlichen Bibliotheken entfernt, die American Library Association führt sie auf ihrer Liste der in Nordamerika am häufigsten verbotenen Klassiker. Manchen gilt Steinbeck bis heute als radikal, der zu vehement für die Armen und Entrechteten, für Landarbeiter und kleine Farmer eintrat. Von einigen Kritikern wurde ihm auch vorgeworfen, er schildere die Armen zu idealistisch und die Armut zu romantisch, was aber aus keinem Text explizit interpretierbar ist.

Steinbecks Pickup Rosinante. Quelle: http://www.skaichannel.de/wp-content/gallery/bookporn/meine-reise-mit-charley.jpg

Steinbecks Pickup Rosinante. Quelle: http://www.skaichannel.de/wp-content/gallery/bookporn/meine-reise-mit-charley.jpg

Steinbecks Sichtweise auf die Natur ist stark geprägt vom Denken seines langjährigen Freundes Ed Ricketts, dessen Philosophie man heute „ganzheitlich“ oder „nachhaltig“ nennen würde. So heißt es im „Logbuch des Lebens“ zum industriellen Garnelenfang: „Warum die mexikanische Regierung die vollständige Vernichtung  einer wichtigen Nahrungsquelle zugelassen hat, ist eines der Rätsel, deren Ursprünge wahrscheinlich in Taschen zu finden sind, die man sich besser nicht so genau anschaut.“

Nach Steinbecks tiefster Überzeugung ist der Mensch nicht Herr der Natur, sondern ein Teil von ihr. Prompt stellt er den Menschen oft als getriebenes, in seiner biologischen Körperlichkeit befangenes Wesen dar, dem es als Glied eines ökologischen Ganzen nicht gelingt, sich selbstbestimmt-heroisch über die Natur zu erheben. So erzählt er in „Die Reise mit Charley“ im Kapitel über die Mojave-Wüste, wie er einmal in der Mittagshitze, im Schatten seines Wohnmobils sitzend, mit seinem neuen Präzisions-Jagdgewehr auf zwei Kojoten anlegt, sie lange durch das Zielfernrohr betrachtet, sich ihren Tod vorstellt und dann das Gewehr weglegt, um ihnen stattdessen zwei Dosen Hundefutter hinzustellen. Die Wüste schildert er als möglicherweise rettendes Ufer und Ort der Wiedergeburt des Lebens nach einer von Menschenhand gemachten finalen Katastrophe.

Führende Literaturkritiker der USA begegnen ihm ob solchen Menschenbilds bis heute reserviert bis offen ablehnend. An seinen Lektor Pascal Covici schrieb er im Juli 1961 mitten in der Arbeit an „Die Reise mit Charley“: „Immer wieder ist mir durch den Kopf gegangen: Uns fehlt der Druck, der die Menschen stark macht, und das Leid, das sie groß macht. Was uns drückt, sind unsere Schulden, was wir uns wünschen, sind noch mehr materielle Spielsachen, und was uns quält, ist die Langeweile. Im Laufe der Zeit ist diese Nation ein missvergnügtes Land geworden.“ Darüber mögen nicht nur Amerikaner nachdenken.

Ist der Global Compact for Migration eine Gefahr für Deutschland? Ist er verpflichtend oder eine reine Absichtserklärung? Wer kann die Unterschrift durch die Bundesregierung noch verhindern? Ist Migration per se gut oder eine Gefahr für unsere Art zu leben?

Link zur Sendung

Dazu sprach Klaus Kelle (wieder mal) mit mir in seiner Radioshow Sonntag 22.00 Uhr. Wer die Sendung verpasst hat, kann sie hier nachhören. Unser Gespräch beginnt bei 5.15.

Ich bin nun seit fast zwei Dutzend Jahren Mitglied im Deutschen Journalisten Verband DJV. Kein Wunder als Gründungsredakteur dreier mitteldeutscher Privatsender (zweimal Radio, einmal Fernsehen) und langjähriger Journalistenausbilder, der auch heute noch als Freier schreibt. Umso entsetzter nehme ich die „Dresdner Erklärung“ des DJV-Verbandstags zur Kenntnis, laut der es nicht vereinbar sei, gleichzeitig Mitglied des DJV sowie einer politischen Partei zu sein, welche die Pressefreiheit und die ungehinderte Ausübung des Journalistenberufs einschränken will.

Das Entsetzen wird durch die Relativierung des DJV-Sprechers Hendrik Zörner im MDR nicht geringer: „Die Erklärung richtet sich nicht nur gegen die AfD – aber auch“; sie richte sich gegen alle extremistischen Parteien. Extremismus beginne laut Zörner, wenn die in der Verfassung garantierten „Grundrechte nicht mehr gewährleistet sind“.

Abgesehen davon, dass in keinem unserer Europa-, Bundes- oder 16 Landtagswahlprogramme irgendetwas zur Einschränkung der Pressefreiheit oder zur ungehinderten Ausübung des Journalistenberufs steht: die Relativierung bedeutet im Umkehrschluss, dass gegenwärtig die in der Verfassung garantierten Grundrechte im Rahmen unserer Freiheitlich-Demokratischen Grundordnung FDGO gewährleistet seien. Das ist ein Witz, denn genau das sind sie nicht, und genau darum gibt es die AfD, ja muss es sie geben.

Juristische Zumutungen wie Hass-Kommentare oder Fake News als gesetzlich ungedeckte Straftatbestände haben nichts mit Freiheit zu tun, sondern sind das Gegenteil: totalitärer Zwang zur Anpassung. Das hatten wir schon mal, das wollen wir nie wieder! Soziale Zumutungen wie die Diskreditierung von Mitbürgern als „Pack“, die Allozierung ganzer Landstriche als „Schandfleck“ oder gar die Reklamierung von Toleranz gegenüber allem und jedem bei gleichzeitiger Intoleranz gegenüber Andersdenkenden haben nichts mit Demokratie zu tun, sondern sind Ausdruck einer selbstgerechten, autoritären Monarchie, die die Spaltung ihres Volks vorantreibt.

Vor allem aber zeugen politische Zumutungen wie hunderttausende ungeordnet eindringende Schutzsuchende, vor denen unsere Frauen Schutz suchen müssen, nicht von Grundordnung, sondern von Grundchaos, das überdies seit Herbst 2015 unsere Verfassung mit Füßen tritt. Sowohl Udo di Fabio bereits 2016 als auch der wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestags 2017 haben nachgewiesen, dass die pauschale und massenhafte Einreisegestattung nicht mehr vom  § 18 Abs. 4 Nr. 2 AsylG gedeckt ist. Hans-Jürgen Papier, Ex-Präsident des Bundesverfassungsgerichts, sprach 2016 von einem „eklatanten Politikversagen“sowie von „rechtsfreien Räume bei der Sicherung der Außengrenzen“ – noch nie sei in der rechtsstaatlichen Ordnung der Bundesrepublik die Kluft zwischen Recht und Wirklichkeit so tief und inakzeptabel wie derzeit.

Ein Senat für Familiensachen des Oberlandesgerichts (OLG) Koblenz urteilte 2017 im Falle einer Vormundschaft für einen aus Gambia stammenden jungen Mann, dass der sich der „unerlaubten Einreise in die Bundesrepublik“ strafbar gemacht habe, aber: „Die rechtsstaatliche Ordnung in der Bundesrepublik ist in diesem Bereich jedoch seit rund eineinhalb Jahren außer Kraft gesetzt“, befanden die Richter, „und die illegale Einreise ins Bundesgebiet wird momentan de facto nicht mehr strafrechtlich verfolgt.“ (Az.: 13 UF 32 / 17). Wer all diese Fakten nicht akzeptiert, ja ignoriert, gar negiert, muss sich den Vorwurf der Filterblase, ja der Parallelwelt gefallen lassen. Oder den Vorwurf, den Merkelschen Plan, aus Illegalität Legalität zu machen, ohne Einordnung zu affizieren.

Als CvD bei Sachsen-Fernsehen 1997. Quelle: Sächsische Zeitung

Als CvD bei Sachsen-Fernsehen 1997. Quelle: Sächsische Zeitung

Insofern ist die AfD, erstens, die Partei, die gegenwärtig als einzige in Deutschland die FDGO vom Kopf auf die Füße stellen will. Dass der überwiegende Teil der Journalisten das nicht bzw. genau andersherum bzw. gar nicht sieht und sich als Verkünder von Wahrheiten aufspielt, deren Evidenz allein auf legislativen und ansonsten oft herbei fabulierten Argumenten beruht – Stichworte Nazi-Demos und Hetzjagden in Chemnitz -, wollen diese Journalisten nicht sehen oder können es gar nicht mehr, wie jüngst die Dresnder Podiumsdiskussion mit Kai Gniffke und Peter Frey bewies.

Bereits in der Februar-Ausgabe des „Cicero“ 2016 erschien ein Interview mit Peter Sloterdijk, in dem der Philosoph zu Rolle und Selbstverständnis von Journalisten dekretierte, dass die „Verwahrlosung im Journalismus, die zügellose Parteinahme allzu deutlich hervor“ trete. Schließlich der Satz, in dem alles Gesagte gipfelte: „Der Lügenäther ist so dicht wie seit den Tagen des Kalten Krieges nicht mehr.“ Dass einzelne AfD-Gliederungen, zweitens, nicht (mehr) bereit sind, in diesem Lügenäther zu atmen oder gar zu seiner Stickigkeit beizutragen, darf da niemanden verwundern.

Ich habe in meiner Zeit als Landessprecher mit allen Kollegen, einerlei ob im DJV organisiert  oder nicht, ein professionelles Verhältnis gepflegt. Ich habe mich gegen den Ausschluss des SZ-Reporters beim Parteitag 2017 in Klipphausen ausgesprochen. Und ich bin als Landessprecher der Alternativen Mitte um genau das bemüht, was die „Dresdner Erklärung“ thematisiert: extremistische Tendenzen aus der AfD hinauszudrängen und sie in genau jener nationalkonservativen bürgerlichen Mitte zu halten, aus der heraus ich sie im April 2013 in Sachsen mitgegründet habe.

Dennoch werde ich als Mitglied dieser Partei des Extremismus in genau dem Modus geziehen, den Journalisten uns vorwerfen: dem der Pauschalisierung und Generalisierung. Damit begibt sich der DJV auf das Niveau der Frankfurter Eintracht, die zwei AfD-Mitgliedern die Aufnahme in den Verein versagte; des ASB, der der AfD-Bundestagsfraktion einen Erste-Hilfe-Kurs verweigerte; oder der AWO, die Bundesvorstand Guido Reil ausschloss. Ganz zu schweigen vom Verdi-Bezirk Süd-Ost-Niedersachsen, der in einer Mobbing-Fibel für den „Umgang mit Rechtspopulisten in Betrieben und Verwaltung“ schon im März 2017 Maßnahmen auflistet, die Gewerkschafter „im Falle des Auftretens von AfDlern oder anderen Rechtspopulisten“ ergreifen sollen, darunter Isolation und Denunziation. Die DDR feiert fröhliche Urständ.

Ein Richtungswettstreit, ein Nebeneinander verschiedener Gesellschaftsentwürfe, ja eine Systemdebatte sind unverzichbar für eine Gesellschaft. Kontroversen sind keine „Spaltung“, sondern wichtigste Schubkraft der Demokratie. Eine harmonisierte  ist letztlich eine totalitäre Gesellschaft.

Tja, liebe Kollegen, da bleibt mir wohl nur, euch aufzufordern: Dann schließt mich doch aus!

Dr. Thomas Hartung war Mitbegründer der AfD Sachsen, zweimal stellvertretender Landesvorsitzender für Presse/PR und ist heute Landessprecher Sachsen der Alternativen Mitte.

Hannes Schrader hat ein Problem: er hält sich für rassistisch. „Warum liebe ich nur weiße Frauen“, fragte der Journalist jüngst seitenlang auf Zeit online. Ob seine Partnerwahl wohl auf einen „aversiven Rassismus“ folgern lasse, mutmaßt er schier verzweifelt mittels vieler soziologischer Zitate wie „Wenn privilegierte, als weiß gelesene Personen immer nur mit privilegierten Weiß-Gelesenen Kinder bekommen, verfestigen sich Machtstrukturen“. Der bemerkenswerte Schluss lautet: „Vielleicht tut es sogar meiner Karriere gut, öffentlich darüber zu schreiben, ob ich mich rassistisch verhalte.“

Das ist kein Witz. Ein Kommentator fragt sich, ob solch kruder, verkopfter „Zwang zur politisch korrekten Selbstzerfleischung wirklich echt“ sein kann. Ein anderer findet es eher rassistisch, sein Beziehungsleben „mit ein paar exotischen Frauen“ aufzupeppen. „Irgendwann erreichen Debatten einen Punkt, an dem man sie nicht mehr ernst nehmen kann“, ärgert sich ein Dritter. Und für User(in?) „Celsiana“ verbleibt als einzige Lösung:

„Die Angleichung der Menschheit in gleichaussehende, gleichduftende, gleichverdienende Sexualwesen mit funktionsgleichen Sinnesorganen und gleichgeschalteten Verhaltensprogrammen…“.

Man kann Schrader natürlich auch einen Besuch in Dresden empfehlen. Nicht wegen Schlagzeilen wie „Seit Pegida auf der Straße ist, zeigt Alltagsrassismus in Sachsen hemmungslos seine hässliche Fratze“, die n-tv Anfang Mai 2016 textete und anhand derer er ja praktische Feldstudien zur Beantwortung seiner Frage hätte betreiben können. Sondern wegen der Ausstellung „Rassismus. Die Erfindung von Menschenrassen“, die noch bis Anfang Januar 2019 im Hygienemuseum zu sehen ist.

Katalog. Quelle: https://pbs.twimg.com/media/DehF3GOXcAE4HTz.jpg

Katalog. Quelle: https://pbs.twimg.com/media/DehF3GOXcAE4HTz.jpg

Dass die Schau damit automatisch in einen aktuellen Diskurs eingreift, ist Museumsdirektor Klaus Vogel klar. Er gibt sofort zu, dass es dabei um „ein über die Jahrhunderte erprobtes, anscheinend in der Natur des Menschen liegendes nachweisbares Ausgrenzungssystem“ geht. Sie sei aber „kein Remedium gegen tagespolitische Problemlagen“ und solle „nicht als Veranstaltung gegen Anhänger von Pegida oder der AfD verstanden“ werden, beteuert Vogel in der Süddeutschen Zeitung.

„Inder haben schon ein geringeres Talent“

Die ca. 400 Exponate erscheinen zunächst als Selbstreflektion über die eigene Vergangenheit: Seit der Gründung 1912 gab es im Haus, das zur gesundheitlichen Aufklärung beitragen sollte, eine Abteilung für Rassenhygiene. 1933 wurde es zum Propagandainstitut der Nationalsozialisten, zeigte nun Unterrichtstafeln über die „Vererbung von Minderwertigkeit“ und die „Vererbung hoher Begabung“, medizinische Wachsmodelle, mit denen Sterilisierungsmethoden gelehrt, und Schädelgussformen, mit denen angebliche „Rassentypen“ bestimmt werden sollten – einige davon sind nun wieder öffentlich. Sonderausstellungen damals hießen „Volk und Rasse“ (1934) oder „Blut und Rasse“ (1936).

400 Exponate. . Quelle https://img.zeit.de/kultur/2018-05/rassismus-ausstellung/wide__660x371__desktop

400 Exponate. . Quelle https://img.zeit.de/kultur/2018-05/rassismus-ausstellung/wide__660x371__desktop

Die aktuelle Schau meint anhand gesicherter Fakten biologistische Denkmuster zu rekonstruieren und zu rationalisieren. Erstes Manko: Sie beginnt explizit erst im 18. Jahrhundert. Hintergrund seien „zum einen die europäische Expansion, die dann schon ziemlich fortgeschrittene Entdeckung fremder Völker außerhalb Europas, und andererseits der Anspruch der damaligen vorherrschenden Aufklärungsphilosophie, die eigentlich ein Gleichheitspostulat war“, erklärt Historiker Christian Geulen im DLF.

Die Losung „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, mit der von Frankreich ausgehend das „Volk“ die politische Bühne betritt, verheißt Emanzipation – aber nicht für alle, erst recht nicht für die 29 Millionen Menschen, die vom 16. bis 19. Jahrhundert aus Afrika nach Amerika verschleppt und als „Stück-Ware“ nach Alter, Größe und Unversehrtheit für den Verkauf katalogisiert wurden.

Unerwähnt bleibt dabei leider der Prozess, den Tidiane N’Diaye in seinem Buch „Der verschleierte Völkermord – Die Geschichte des muslimischen Sklavenhandels in Afrika“ (Reinbek 2010) beschrieb: Den Weg jener Afrikaner, die von arabischen Händlern in Richtung Osten, nach Asien, verschleppt wurden. Saudi-Arabien hat die Sklaverei erst 1962 abgeschafft. Die Opfer waren ausnahmslos schwarze Afrikaner, die Täter ausnahmslos Händler aus dem arabisch-islamischen Raum von Marokko bis Ägypten oder von der arabischen Halbinsel. War das auch Rassismus, und wenn nein, warum nicht?

Sklaverei. Quelle: https://media-cdn.sueddeutsche.de/image/sz.1.4002998/860x1290?v=1528209432000

Sklaverei. Quelle: https://media-cdn.sueddeutsche.de/image/sz.1.4002998/860x1290?v=1528209432000

Untersetzt wird die Begriffsgeschichte mit Zitaten und anthropologisch deutbaren Büsten bspw. von Voltaire, der schon 1755 in seinem Essay „Über den Geist und die Sitten der Nationen“ schrieb: „Die Rasse der Neger ist eine von der unsrigen völlig verschiedene Menschenart. Man kann sagen, dass ihre Intelligenz nicht einfach anders geartet ist als die unsrige, sie ist ihr weit unterlegen.“

Auch der Übervater der Aufklärung Immanuel Kant fehlt nicht, der 1802 in seiner Vorlesung über „Physische Geographie“ dozierte: „In den heißen Ländern reift der Mensch in allen Stücken früher, erreicht aber nicht die Vollkommenheit der temperierten Zonen. Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Race der Weißen. Die gelben Inder haben schon ein geringeres Talent. Die Neger sind weit tiefer, und am tiefsten steht ein Teil der amerikanischen Völkerschaften.“

Als Urheber der politischen Rassenidee gilt der französische Diplomat de Gobineau, der 1853/54 in seinem vierbändigen „Essay über die Ungleichheit der Menschenrassen“ verkündet, „dass jede Zivilisation von der weißen Rasse stammt, dass es keine Zivilisation ohne die Einwirkung dieser Rasse geben kann“. Für diese „Ur-Rasse“ nutzte er mit als erster den von der Romantik u.a. durch Schlegel in den sprachwissenschaftlichen Diskurs eingebrachten Begriff „Arier“. Ihre Vormachtstellung und damit die Welt drohe unterzugehen durch die ständige „Vermischung des Blutes“. Dass eine Kultur für ihre Reinhaltung kämpfen müsse, um zu überleben, lautet deshalb sein „primäres Rassengesetz“.

Breiten Raum nimmt das 20. Jahrhundert mit den Schlagworten Kolonialismus, Antisemitismus und Alltagsrassismus ein. Verhandelt werden etwa Rudolf Virchows per Anthropometer ermittelte Deutschlandkarte zur „Verteilung von Rassenmerkmalen bei Schulkindern“, Felix von Luschans „Hautfarbentafel“ und viele andere Artefakte von der Kriminologie bis zur Kultur, darunter Haarfarben- und Glasaugenmuster ebenso wie mit physiognomisch semitischen Klischees designte Handpuppen.

Hautfarben nach Luschan. Quelle: https://www.juedisches-museum-muenchen.de/fileadmin/Redaktion/Presse/typisch_/typical_04.jpg

Hautfarben nach Luschan. Quelle: https://www.juedisches-museum-muenchen.de/fileadmin/Redaktion/Presse/typisch_/typical_04.jpg

Im DLF, übrigens Medienpartner der Ausstellung, wird einerseits die bis heute gängige Herkunftspraxis in den USA diskutiert: der Zensus dort fordert jeden auf, seine „Race“ oder „Ethnicity“ selbst zuzuschreiben – Black, White European, Hispanics… „In Amerika ist Race ein Begriff, der eine von allen Menschen irgendwie empfundene soziale Realität abbildet, die aber für jeden Menschen anders aussehen kann, und Sie können sich im Zensus auch mehreren Kategorien zuordnen, Sie können sich auch gar keiner Kategorie zuordnen, und die Kategorien würden jetzt uns hier in Deutschland sehr überraschen“, muss die deutsche Anthropologin Veronika Lipphardt eingestehen.

Auch für Schrader beschreibt „weiß“ keine „messbare Hautpigmentierung“, sondern eine soziale Zugehörigkeit: Ein Mensch, „der aufgrund seines Aussehens im Alltag eher keine Rassismuserfahrungen macht“. Wer als „weiß“ zählt, sei nicht streng definiert, sondern kontextabhängig. In welchen nichtrassistischen Kontexten man heute bspw. gemeuchelte südafrikanische „weiße“ Farmer sehen müsste, diskutiert Schrader selbstredend nicht. Übrigens gelten derzeit gerade acht Prozent der Weltbevölkerung als „weiß“, das nur nebenbei. Warum machen wohl so wenige so vielen Angst? Lipphardt lehnt andererseits jede neue Rassismusdebatte ab, wie sie etwa im März 2018 durch den Harvard-Genetiker David Reich wieder aufkam:

„Man kann sich noch so viel Mühe geben, bestimmte biometrische Daten zu erheben und zu messen, die Interpretation der Ergebnisse wird immer sehr nahe an Bewertungen sein.“

„Rasse würden selbst Rassisten nicht mehr benutzen“

Und hier liegt, zweites Manko, die Crux der Schau, die Kuratorin Susanne Wernsing ebenfalls im DLF unerwartet offen auf den Punkt bringt: „Der Hintergrund ist, dass wir das so beschreiben, dass es zuerst den Rassismus gibt und Rassenkonstruktionen, wie sie dann wissenschaftlich im 18. Jahrhundert erfolgen, eine nachträgliche Legitimierung für Rassismus liefern könnten.“ Der aufmerksame Hörer kann nur verblüfft feststellen, dass die wahrnehmungspsychologischen Schemata von Gruppierung und Klassifizierung aufgrund bestimmter Merkmale wie bspw. der Hautfarbe nachträglich mit dem Begriff „Rasse“ ideologisch begründet worden sein sollen. Für Wernsing kein Widerspruch: „Wir sehen Unterschiede zwischen Menschen und glauben, Rassen zu erkennen. Der Begriff der Rasse diente nie nur dazu, Unterschiede zu beschreiben. Er war immer mit einer Wertung verbunden“. Furcht und Faszination als gängige Narrative bis heute.

Die Abteilungsleiterin Wissenschaft/Veranstaltungen des Museums, Susanne Illmer, versteigt sich im DLF gar zu dem Satz: „Aber auch die Ablehnung von bestimmten Kulturen, Ethnien und Religionen ist Rassismus“. Den Begriff „Rasse“ würden selbst Rassisten nicht mehr benutzen.

Naika Foroutan, wie manche anderen linksgrünen Politiker Kuratoriumsmitglied der museumseigenen Stiftung (die einige Journalisten offenbar übersahen) und Autorin einer ausstellungsbegleitenden Publikation, argumentiert ebenso und führt damit, ohne es wie Illmer zu bemerken, die wissenschaftliche Intention der Ausstellung ad absurdum:

„Die Vorstellung der Sozialwissenschaften ist, dass es auch einen ‚Racism without race‘ gibt. Also die Vorstellung, dass man das genetisch/genomisch wie auch immer codieren muss, überhaupt irrelevant ist… Das heißt, die Homogenisierung und danach Abwertung, in dem man Hierarchien bildet, ist ein Konzept, das wir in den Sozialwissenschaften sehr viel weiter dokumentieren können.“

Foroutan war übrigens in der Sarrazin-Debatte schon durch die „wissenschaftliche Behauptung“ aufgefallen, dass fast 90% der türkischstämmigen Berliner Schüler gut Deutsch könnten.

„Wir beziehen eine klare Position. Gegen Rassismus. Aber allzu pädagogisch oder gar belehrend soll das Gezeigte nun auch nicht daherkommen“, rückt Wernsing das Anliegen der Schau in eine politisch korrekte Perspektive. Es ist jedoch, drittes Manko, genau dieses Changieren zwischen Biologie und Ideologie, Wissenschaft und Politik, Stereotypisierung und Stigmatisierung, das den kritischen Besucher aus zwei Gründen zwischen Ratlosigkeit und Ärger pendeln lässt: wegen der thematischen Ausblendungen bis zum 18. Jahrhundert und wegen des Modus, die Ausstellung doppelt kuratieren zu lassen.

Tafel „Ewiges Volk“, 1937. Quelle: https://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/mdr/rassismus-ausstellug-deutsches-hygienemuseum-dresden-110~_v-standard837_d88dbd.jpg

Tafel „Ewiges Volk“, 1937. Quelle: https://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/mdr/rassismus-ausstellug-deutsches-hygienemuseum-dresden-110~_v-standard837_d88dbd.jpg

Ausgeblendet bleiben zunächst die protorassistischen Wurzeln des Rassebegriffs, die auf der Biologisierung sozialer Unterschiede vor allem in uralten indischen Kastensystemen, aber auch der antiken Sklaverei basieren. Ausgeblendet bleiben auch die mythisch-religiösen mittelalterlichen Traditionen vor allem der iberischen Halbinsel, wo bspw. in den „Estatutos de limpieza de sangre“ („Statuten von der Reinheit des Blutes“, erstmals Toledo 1449) das „Jüdische“, „Islamische“ oder „Christliche“ zur inneren Essenz des Menschen und die Religionszugehörigkeiten zu unüberwindlichen Schranken erklärt wurden. Hier spielt auch der Stammesgedanke hinein, wie er im 2. Buch Mose zuerst auftaucht.

Diese Statuten gelten einigen Autoren in Deutschland nicht nur als Vorwegnahme der Mischehendebatte im Reichstag 1912, ja der Nürnberger Rassegesetze 1935, sondern der tscherkessischstämmigen Publizistin Nekla Kelec aus entgegengesetzter Perspektive als aktuell gültig für den Islam: „Der Einzelne ist per Geburt Muslim, wie ein anderer große Ohren oder blonde Haare hat. Wenn nicht, macht ihm der Islam das Angebot, diesen menschlichen Makel durch Übertritt zu tilgen“, konstatiert sie schon 2009 in der taz.

Und weitgehend ausgeblendet bleiben auch die Klassifizierungsversuche, die 1666 mit Georgius Hornius begannen, der die Menschheit getreu der Abstammung von den drei Söhnen Noahs in Japhetiten (Japhet – Weiße), Semiten (Sem – Gelbe) und Hamiten (Ham – Schwarze) gliederte. 1684 kategorisierte der Franzose François Bernier die Menschen anhand äußerer Merkmale wie Hautfarbe, Statur und Gesichtsform in mehrere ungleich entwickelte Rassen. Beide Ansätze führte der schwedische Naturforscher Carl von Linné zusammen, in dem er die Menschheit so simpel wie eingängig in die vier Hautfarbentypen „Weiße“, „Gelbe“, „Rote“ und „Schwarze“ einteilte und jeweils einem Kontinent zuordnete.

„Für sie ist Rassismus kein Phantom“

Das Museum entschied sich ebenfalls dagegen, Bilder nackter Menschen zumal aus Afrika auszustellen, Schnappschüsse sogenannter „Völkerausstellungen“ zu zeigen oder auch „rassistische Witze“ zu dokumentieren. Geschuldet ist das vor allem einer Leerstelle, die Böswillige selbst rassistisch nennen könnten: Die Ausstellungsmacher waren zunächst alle „weiß“.

Erst als das Ausstellungskonzept schon stand, fiel Direktor Vogel seine „Rassismusfalle“ auf. Deshalb habe das Museum – „wenn auch sehr spät“ – Künstler, Autoren und Aktivisten eingeladen, „die über Fach- und Erfahrungswissen“ verfügen, schrieb die Kommunikationswissenschaftlerin Natasha A. Kelly im Ausstellungskatalog süffisant.

Solcherart Erfahrungsverengung – nämlich dass eine Ausstellung über Rassismus scheitere, wenn sie nicht von Betroffenen konzipiert werde – gleicht fremdinduzierter Selbstzensur und ist vor allem als Abkehr vom Universalismus und als Hinwendung zum Fragmentarismus anzusehen, wonach die Gesellschaft irgendwann nur noch aus separierten Opfergruppen besteht, die sich gegenseitig misstrauen und an keine gemeinsame Zukunft mehr glauben. Zur Erinnerung: Kelly prägte im Tagesspiegel den legendär falschen Satz „Die Belichtungstechnologie wurde für weiße Haut entwickelt“.

Fotografietext „zuerst“ 2018. Quelle: privat

Fotografietext „zuerst“ 2018. Quelle: privat

Im Rahmen von Workshops wurde zunächst der Titel der Schau gekippt: „Rassismus. Ein Phantom.“ Vogel rechtfertigt das: „Die waren völlig empört. Für sie ist Rassismus kein Phantom, wenn sie morgens in den Bus steigen und angepöbelt werden“. Danach aber ging es an die Substanz.

Dass nicht nur Opfer-, sondern auch Widerstandsgeschichten Diskriminierter etwa per Video erzählt werden sollen, ist als Ergänzung gern zu akzeptieren. Plastische Interventionen wie zusätzliche Beschriftungen für manche Exponate, die Unkenntlichmachung vieler Abbildungen im Katalog und einzelne Eingriffe in die Ausstellung wie etwa Verhüllungen oder auch Zusätze sind dagegen mehr als diskutabel.

Der drastischste Zusatz: ein kleiner Kasten, in dem Kellys Haare hängen – lange, schwarze Dreadlocks. Nach Kellys Erfahrung würden die wegen ihres exotischen Aussehens bei vielen Weißen den Impuls wecken, sie zu berühren – was im Fall des Ausstellungsstücks mit einem akustischen Signal quittiert und der Besucher also stigmatisiert wird. Auch das Exotische, so die Botschaft, werde als etwas „Anderes“ empfunden und reproduziere so rassistische Klischees. Klingelte es auch an Kellys Kopf, wenn sie einen weißen Partner hätte?

Oder: Mit einer Gussform eines „dinarischen Schädels“ wollten die Kuratoren die „populäre Rassenkunde der 1920er und 1930er Jahre“ illustrieren. Die Ergänzung lautet: „Die Deutschen zwangen afrikanische Frauen, die Köpfe ihrer ermordeten Männer mit Glasscherben vom Fleisch zu befreien. Die Häupter ihrer Liebsten […] Für eure Wissenschaft, für eure Museen. Für eure Keller, in denen sie liegen. Bis heute.“ Und wer soll mit „eure“ (mit)gemeint sein?

Solcherart eindeutige Politisierung einer behauptet nicht tagespolitisch intendierten Schau inmitten einer politisch aufgeladenen Stadt kann nur zu Missverständnissen führen. Einerseits werden heute alle induktiven, subjektivistischen Wahrnehmungs- und Verarbeitungsmechanismen, kriminalistisch-ironisch auch „Einzelfälle“ genannt, glorifiziert.

Andererseits vermittelt die Ausstellung mit fast jedem Objekt die Botschaft, dass jedwede Quantifizierung und Klassifizierung in Bezug auf Menschen – einerlei aufgrund welcher Merkmale, erst recht denen von Hautfarbe, Kopfgröße oder Augenform – unzulässig sei – obwohl auf dem Willen zu sinnvoller Unterscheidung, auf systemischen Klassifizierungs- und Valorisierungsmechanismen alle deduktive Wissenschaft beruht.

Station „Schädelvermessung“. Quelle: https://img.zeit.de/kultur/2018-05/hygiene-museum-schaedel/wide__820x461__desktop

Station „Schädelvermessung“. Quelle: https://img.zeit.de/kultur/2018-05/hygiene-museum-schaedel/wide__820x461__desktop

Als auf dem Höhepunkt der AIDS-Debatte jeder Sexualpartner als potentiell infiziert gefürchtet werden sollte, sprach auch niemand von „Generalverdacht“. Wenn heute jede Supermarkt-Kassiererin jeden Kunden akribisch alles auspacken, anheben oder vorzeigen lässt, was er im Einkaufswagen hat, spricht erst recht niemand von Generalverdacht. Daneben verallgemeinert jedes Curriculum Bildungsfähigkeiten, jede Krankenkasse Erkrankungen, jeder Versicherer Versicherungsfälle… das sind völlig normale Vorgänge.

Fremdenskepsis = Fremdenabwertung = Fremdenfeindlichkeit = Rassismus, so der offenbar museal beabsichtigte Schluss gleichmacherischer Wahrnehmung. So etwas aber ist unwissenschaftlich und kann, ja darf nicht Anliegen einer Ausstellung sein. Wie postete doch Boris Palmer, der grüne Stuttgarter Oberbürgermeister, auf Facebook: „Gambische Asylbewerber haben so gut wie nie einen Anspruch auf Asyl, aber eine auffällige Schwierigkeit, mit unseren Gesetzen zu leben“. Na so ein Rassist.

Unter dem Titel „#infokrieg – ANGRIFF AUF DIE MEDIEN“ (im Original Fraktur /Versalien auf braunem Grund) ist jüngst das neueste „Funkturm“-Pamphlet aus dem Hause Stawowy erschienen – DJV-Mitglieder finden es automatisch im Briefkasten. Waren die letzten Ausgaben schon grenzwertig-einseitig in Bezug auf Themenwahl und –aufbereitung sowie der O-Ton-Auswahl, schlägt diese Nr. 8 alles Dagewesene. Da nutzt es wenig, wenn Herausgeber Peter Stawowy im Editorial selbst antizipiert, dass die Darstellung „völlig überzogen, von Ideologie getrieben, eben linksgrün-versifft-gehirnwaschend“ wirken könne. Nein, das braune Heft ist eine Zumutung für jeden auch nur halbwegs gebildeten Leser, die sich unter der 4000er Auflage, ja, tatsächlich auch noch finden.

Die Zumutung beginnt bereits bei der Titelgeschichte des Herausgebers, deren Anreißer ernsthaft mit einer Anleihe an den ersten Satz des Aufrufs des „Neuen Forums“ 1989 beginnt: „Die Kommunikation zwischen Politik und Bürgern scheint massiv gestört“. Die Unverfrorenheit dieser behaupteten Traditionslinie wird dann ins Gegenteil verkehrt, wenn als Leidtragende dieser Kommunikationsstörung die „Bäckereifachverkäuferin vorn an der Ecke“ einerseits als medienunfähiges, emotionsgetriebenes Dummchen dargestellt wird („…will es einfach nicht glauben, dass das Land prächtig dasteht, die Steuereinnahmen sprudeln und die Arbeitslosigkeit auf einem Tiefstand angekommen ist“) und ihr andererseits als „Wutbürgerin“ nicht bewusst sei, dass „…ihre persönliche Situation – ein ausgesprochen dünner Rentenbescheid, die drohende Altersarmut nach 40 Jahren – sich mit einer AfD an der Macht nicht verbessern würde.“ Das ist, ungeachtet aller fehlenden Verweise auf Grundsatz- und Bundestagswahlprogramm, ebenso holzhammer-propagandahaft wie klischeetriefend, gepaart mit Klagen über eigene mediale Bedeutungsverluste und – das fällt inzwischen wirklich auf – der auch hier geäußerten Aufforderung, der AfD nicht „zuviel Aufmerksamkeit“ zu geben: Mache ich die Augen zu, verschwindet das Ärgernis schon von allein. Aber immerhin: von einer Diskursverweigerung, wie von der ZEIT gefordert, wird abgesehen.

Funkturm Nr. 8. Quelle: http://www.flurfunk-dresden.de/funkturm/

Funkturm Nr. 8. Quelle: http://www.flurfunk-dresden.de/funkturm/

In einem bebilderten Statistikteil werden nach dem Algorithmus „Das Gefühl – Hard Fact – Zum Vergleich – Nice to Know“ bestimmte „Ängste“ thematisiert, offenkundig, um sie als unbegründet darzustellen. Beispiel: „Die größte Angst der Deutschen 2017: Terrorismus – 2017: 1 Toter in Deutschland durch Terroranschläge – Jährlich gibt es etwa 20 Todesfälle durch Bienenstiche in Deutschland – 30.000 Tote durch multiresistente Keime in deutschen Krankenhäusern“. Absurder geht es nicht.

In einer Art Umfrage, warum Politiker so ein schlechtes Image haben und was sie tun können, um das Vertrauen der Bürger zurückzugewinnen, tauchen zwischen Linken-MdB und Sachsen-MP viele namhafte Altparteienköpfe auf – aber keiner der AfD. Wie war das doch mit dem Vertrauen? Wozu braucht man eigentlich so eine Umfrage – haben die alle ein schlechtes Image?

Andrea Hansen behauptet in einem Text anhand des Asylstreits zwischen CSU und Angela Merkel, dass sich „Politik in der Pubertät“ befinde, und geißelt vor allem die „neue harte Sprache“ aus Bayern: Söders „Asyltourismus“ sei eine „Erfindung“, Dobrindts „Anti-Abschiebe-Industrie“ würde den Staat als Rechtsstaat „brandmarken“, und Seehofer würde eine „Herrschaft des Unrechts“ sehen – was indiziert, dass das außer ihm niemand sonst tut. Am Ende steht die Warnung vor einer medialen Lagerbildung wie in den USA, und dass Journalisten Sprache eher „faktenneutral“ verwenden sollten statt Framing zu praktizieren. Wie man etwa einen Merkel-Satz „Alles, was noch nicht gewesen ist, ist Zukunft, wenn es nicht gerade jetzt ist“ faktenneutral thematisieren kann, mag das Geheimnis von Frau Hansen bleiben.

Benjamin Kutz will den Einfluss der sozialen Netzwerke auf die öffentliche Meinung beleuchten – und wählt natürlich Michael Kretschmers Tweet zur Hutbürger-Affäre als Aufhänger. Teilweise absurde Äußerungen von SPD-Politikern wie Ralf Stegner, der die jüdische Facebook-Chefin Sheryl Sandberg mit der mutmaßlichen rechtsextremen NSU-Terroristin Beate Zschäpe verglich, oder Sawsan Chebli oder gar Grünen-Politikern wie Kühnast oder Göring-Eckardt sind sicher sakrosankt.

Demuth-Text. Quelle: https://scontent-ber1-1.xx.fbcdn.net/v/t1.0-9/43475075_577947352635584_7950087509751365632_o.jpg?_nc_cat=100&oh=e9a4ca62d8f5e7812a461e312fdae65d&oe=5C4E38F6

Demuth-Text. Quelle: https://scontent-ber1-1.xx.fbcdn.net/v/t1.0-9/43475075_577947352635584_7950087509751365632_o.jpg?_nc_cat=100&oh=e9a4ca62d8f5e7812a461e312fdae65d&oe=5C4E38F6

Höhepunkt des Heftes: „Was passiert?“ – eine 6-Seiten-Geschichte des Politikwissenschaftlers Christian Demuth, in der die Veränderungen unseres Landes prognostiziert werden, „wenn Rechtspopulisten die Macht übernehmen“. Wozu er die Fraktur braucht, die Hitler 1941 als „Schwabacher Judenlettern“ verboten und stattdessen die Antiqua als „Normal-Schrift” im 3. Reich durchgesetzt hatte – geschenkt, man soll von einem Berater der sächsischen SPD-Fraktion ja nicht allzuviel Allgemeinbildung erwarten. Unter sieben Schlagworten wie „Demokratie“, „Sozialpolitik“ oder „Umgang mit Minderheiten“ werden dann 31 Mikroszenarien entworfen, die auf vorgeblich „rechten“ programmatischen Positionen basieren. Das Perfide daran: einige Szenarien weisen eine Quellenangabe auf, andere nicht – die sollen auf „Programmen“ der AfD beruhen. Bei den Quellenangaben sind unter der in Klammern gesetzten Aufforderung „vgl.“ zu lesen: Türkei und/oder Italien und/oder USA und/oder Polen und/oder Ungarn und/oder Österreich und/oder Großbritannien und/oder Russland. Jetzt bringt es der Autor tatsächlich fertig, all das in einen Topf zu werfen und daraus seine ideologische Melange zu fabrizieren.

So steht im AfD-Bundestagswahlprogramm der Passus „Die Einführung von Volksabstimmungen nach Schweizer Modell ist für die AfD deshalb nicht verhandelbarer Inhalt jeglicher Koalitionsvereinbarungen.“ Der Autor behauptet unter der Schlagzeile „Regierungsreferenden, keine Volksgesetzgebung“ jetzt nicht nur, dass es sich dabei um „von der Regierung erarbeitete Vorlagen“ handele, sondern einen Satz weiter, dass „Gesetzesinitiativen aus dem Volk heraus“ ausgebremst oder verhindert würden. Was ändert die diesen Satz beendende Angabe „(vgl. Ungarn)“ an der Aussage, dass die AfD keine Volksgesetzgebung will? Die Punkte ohne solche fehlinformierenden Vermischungen lassen sich an einer Hand abzählen! Solche Unredlichkeit schreit zum Himmel, ist aber typisch für eine Kleinstpartei, der vor Angst schon mehr als die Glieder schlottern. Die Krone setzt dem Text die *-Anmerkung auf, dass die „Durchsetzung dieser Szenarien in Deutschland teils zwar möglich, teils aber auch schwerer umsetzbar“ sei: Gemeint sind die Unterschiede zwischen den Verfassungen und gesetzlichen Regelungen der Länder, die teilweise nur mit einer Zweidrittelmehrheit umgesetzt werden können. Mehr heiße Luft war selten.

Ein Ranking unter der Schlagzeile „Inszeniert euch“ führt 10 politische „Influencer“ auf, die auf „Facebook, Twitter, Instagram & Co. die beste Figur“ machen. Dabei sind Bodo Ramelow und Sahra Wagenknecht (Linke), Dorothee Bär (CSU), Konstatin Kuhle und Christian Lindner (FDP) usw. usf. Die Kriterien der Bewertung bleiben ungenannt, und dass niemand von der AfD dabei ist, verwundert schon lange nicht mehr. Dass allein auf Facebook im Mai 2018 Alice Weidel und Jörg Meuthen vor Wagenknecht einkamen und sich unter den 10 erfolgreichsten Facebook-Profilen von Politikern gleich sechs von der AfD tummeln, stört da nur. Ganz abgesehen davon, dass “Inszenierung” gleich Blendung das Wort geredet wird – nicht etwa politischen Inhalten….

Anja Besand. Quelle: https://tu-dresden.de/gsw/phil/powi/dpb/ressourcen/bilder/illustrationen/IMG_1897.JPG/@@images/37094261-4e08-4f41-bf1a-dbdde1c7a446.jpeg

Anja Besand. Quelle: https://tu-dresden.de/gsw/phil/powi/dpb/ressourcen/bilder/illustrationen/IMG_1897.JPG/@@images/37094261-4e08-4f41-bf1a-dbdde1c7a446.jpeg

Das retardierende Moment des Heftes ist dann das Interview mit Anja Besand, Lehrstuhl für Didaktik der Politischen Bildung an der TU Dresden. Dass sich die Frau über verschobene Diskursgrenzen mokiert, weil über die „Verbrechen der Lebensretter der Lifeline“ oder über „Transitzentren“ diskutiert wird, und das als politische und demokratische Krise deutet – bittesehr. Diskurse über „Armlängen“, Vergewaltigungen oder Messermorde führen dann andere. Dass sich Besand über „aufsuchende Formate“ freut, wenn die Landeszentrale für Politische Bildung in Freiburg zum Jahrestag des ersten Weltkriegs Menschen mit blutigen T-Shirts durch die Innenstadt laufen lässt – bittesehr. Die Absage des Nachmittagsunterrichts durch drei Gymnasien, wenn AfD-Abgeordnete in Heilbronn einen Info-Stand für Schüler veranstalten, um ihnen „Einblick in die demokratischen Strukturen unserer Bundesrepublik“ zu geben, bemerken dann andere – und die bemerken auch, dass es offenbar auf die Aufsuchenden ankommt. Dass Besand auch noch „Russia Today“ unwidersprochen mit der BILD vor 20 Jahren vergleichen läßt – bittesehr. Dass diverse Titelblätter zum Thema „Sachsen“, allen voran von SPIEGEL und STERN, inzwischen “Stürmer”-Niveau aufweisen, bekommen andere ungefragt mit.

Aber es ist eine bodenlose Unverschämtheit – und unterstreicht zugleich die Entwicklung der letzten Wochen – wenn sie mit Bezug auf den „Beutelsbacher Konsens“ erklärt: „Aber das heißt nicht, dass wir zu irgendeiner Art politischer Neutralität verpflichtet sind“. Seit wann ist der Begriff „Neutralität“ interpretierbar, oder gibt es inzwischen verschiedene “Neutralitäten”?

Der Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte Andreas Wirschung fand es auf dem jüngsten Historikertag wichtig, „dass wir uns auch normativ äußern“. Das Normative scheint gerade als Positivum in der Meinungsausrichtung sehr in Mode zu kommen, wie auch Thomas Krüger (SPD), der Bundeschef der Zentrale für politische Bildung, im ZDF jüngst einer notwendigen normativen Auslegung des Beutelsbacher Konsens‘ das Wort redete und damit der früheren Neutralität des Lehrers in der politischen Bildungsvermittlung widersprach.

Sachsentitel. Quelle: eigene Darstellung

Sachsentitel. Quelle: eigene Darstellung

Lassen Sie sich gesagt sein, Frau Besand: Es ist Aufgabe der Lehrer, die Positionen aller demokratischen Parteien neutral nebeneinanderzulegen und den Rest den Schülern zu überlassen. Eigene Ansichten haben nur dann etwas im Unterricht verloren, wenn die Schüler danach fragen. Der Ludwigsburger Politikdidaktiker Helmut Däuble hat dies in der Frankfurter Rundschau so präzisiert, „dass in einem Politikunterricht, in dem es um Migrationspolitik geht, das Spektrum der parteipolitischen Standpunkte von der Offenen-Grenze-Position der Linken bis zur Geschlossenen-Tür-Haltung der AfD so dargestellt werden muss, dass diese für die Lernenden nachvollziehbar und abwägend analysierbar sind, und sie so zu einem eigenständigen Urteil kommen können.“ Wenn es eines letzten Beweises bedurfte, warum das AfD-Portal für eine neutrale Schule “lehrerSOS.de” wichtig und richtig ist – hier ist er.

Vorletzte Seite: ein paar abstrakte Veranstaltungsankündigungen von „neuen Formaten“, die „Parteien, Journalisten und Behörden“ ausprobieren: Katja Kippings „Rotes Wohnzimmer“, Martin Duligs „Küchentischtour“… Dass das AfD-Format „Fraktion vor Ort“ fehlt, braucht man nicht mehr zu erwähnen, das ahnt man inzwischen sowieso.

Letzte Seite: ein Kommunikationsknigge in der Art studentischer Anzeigen mit abreißbaren Kontaktdaten, mit dem eine „gebeutelte Gesellschaft“ Wege zu besserer politischer Kommunikation sucht. Dabei findet sich neben „Bleiben Sie sachlich!“ (vgl. Stawowy in dem Heft!) oder „Erklären Sie Zusammenhänge“ (vgl. Demuth in dem Heft!) auch „Nutzen Sie einfache Sprache“. Es lebe die Simplizität – denken war gestern.

Dazwischen politische Anzeigen. Von der linken Landtagsfraktion, die nah bei den Menschen, aber nicht mit dem Ohr am „Volk“ sein will, sondern lieber an „der Bevölkerung“. Von der CDU-Fraktion, bei der man „einfach anrufen“ solle, bevor man sich Fakten zusammengoogelt. Oder auch, ganzseitig, vom Ministerium für Soziales und Gleichstellung, das unter der Phrase vom „Weltoffenen Sachsen“ und dem Slogan „Von Mensch zu Mensch“ behauptet, „Mutbürger“ zu unterstützen. Wie war das doch mit dem Framing ;-) Die teils informativen, teils diskutablen Texte von Laboda, Honnigfort oder Heidig ändern am katastrophalen Gesamteindruck des Machwerks nichts.

Fazit: besser kann man die selbstgefällige Arroganz der – in diesem Fall vermeintlich – Herrschenden nicht illustrieren. Besser kann man das gesinnungsethische Meinungskartell der BRD 2018 nicht abbilden. Und besser kann man auch nicht erfahren, mit welchen Methoden heute Ideologie praktiziert wird. Wenn das ein Auftakt zum Wahlkampf sein soll, weiß die AfD aber, was und wer sie erwartet.

PS. Die mit diesem Text verbundene Aufwertung des Heftes nimmt der Verfasser in Kauf und warnt zugleich vor der Verauslagung der 8 Euro. Die kann man bspw. in eine antiquarische Ausgabe von Karlheinz Weißmanns “Faschismus” investieren. Der ideologische Zugewinn ist ein ungeheurer. Versprochen.

Die Deutsche Einheit – was hat es uns allen gebrach1? Das wollte Klaus Kelle wissen und interessierte sich dabei für Fragen, inwieweit sich Ost und West tatsächlich inzwischen angenähert haben. Oder ob die Mauer in unseren Köpfen immer noch da ist. Oder was man sich heute wünscht, das damals hinten runter fiel.

Angesichts der Okkupation, ja Umdeutung des Volks-Begriffs durch die Nomenklatura der Einheitsparteien ist das natürlich ein sehr aktuelles Thema – zu dem ich keine Jubelmeinung habe. Kohl sprach davon, dass es “niemandem schlechter, aber vielen besser” gehen sollte. Das exakte Gegenteil ist eingetreten, und den wenigstens teilweisen Beweis hatte ich im 2. Abschnitt meines offenen Briefs an Jana Hensel versucht anzutreten.

Klaus Kelle Sendungslogo: Quelle: https://www.radiob2.de/wp-content/uploads/2018/08/Klaus_Kelle-1.jpg

Klaus Kelle Sendungslogo: Quelle: https://www.radiob2.de/wp-content/uploads/2018/08/Klaus_Kelle-1.jpg

Das Gespräch könnt ihr hier nachhören: ab Minute 14.00 bis 20.00.

Dem Schweizer Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi verdanken wir seit rund 200 Jahren die Einsicht, dass Lernen nur ganzheitlich mit „Kopf, Herz und Hand“ wirklich sinnvoll ist und allem Begreifen das Greifen vorausgeht. Wer allerdings nur wenige Möglichkeiten hat, Hand – und Fuß – zu trainieren, beschränkt sich auf die Kopfsinne Hören und Sehen, die vor allem durch Medienkonsum bedient werden. Doch zu viel Mediennutzung im jungen Alter wirkt sich ungünstig auf die Entwicklung aus, warnt das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) mit Blick auf Daten des Nationalen Bildungspanels.

Häufig seien Übergewicht, Schlafstörungen oder ein aggressiveres Sozialverhalten die Folge, sagt IW-Familienexperte Wido Geis in der ZEIT. Problematisch: vor allem Kinder aus bildungsfernen Familien verbringen besonders viel Zeit vor Bildschirmen. Das Institut unterschied bei der Auswertung zwischen Müttern mit und ohne berufsqualifizierenden Bildungsabschluss – also zum Beispiel nur mit abgeschlossener Hauptschule. Demnach verbrachten fast 60 Prozent der Viertklässler mit einer Mutter ohne berufsqualifizierenden Abschluss mehr als zwei Stunden am Tag vor Bildschirmen. Bei den Kindern von Müttern mit Hochschulabschluss war dies hingegen nur bei knapp 30 Prozent der Fall. Den Grund für die Diskrepanz sieht Geis darin, dass sich Kinder an ihren Eltern orientierten: „Erwachsene aus bildungsfernen Haushalten konsumieren mehr Fernsehen“. Eltern aus bildungsnahen Haushalten besäßen hingegen deutlich mehr Bücher, weshalb das Lesen eine größere Rolle spiele.

Von einem „klaren Alarmsignal“ spricht auch der AOK-Vorstandsvize Jens Martin Hoyer bei der Vorstellung der aktuellen Familienstudie seiner Krankenkasse. Danach bewegt sich jede dritte Familie zu wenig, auch seien mehr als die Hälfte der Eltern, oft die Väter, zu dick. Wenn auch unter anderem Untersuchungsdesign, kommt eine Studie der Krankenversicherung DKV ebenfalls zu dem Schluss, dass nur noch 43 Prozent der deutschen Erwachsenen das empfohlene Mindestmaß an körperlicher Aktivität erreichen. Der Trend der vergangenen Jahre sei rückläufig. 2010 hätten noch 60 Prozent der Bundesbürger genügend Bewegung bekommen. Jeder Zehnte gab an, überhaupt keiner körperlichen Aktivität nachzugehen, die länger als zehn Minuten am Stück dauert. Der Nachwuchs macht‘s nach.

Johann Heinrich Pestalozzi. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/d3/Johann_Heinrich_Pestalozzi.jpg

Johann Heinrich Pestalozzi. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/d3/Johann_Heinrich_Pestalozzi.jpg

Statt rauszugehen spielen Kinder besonders an freien Tagen auf Smartphone und Tablet: 59 Prozent der Kinder von vier bis sechs Jahren nutzen Medien länger als die von Experten empfohlene halbe Stunde am Tag, am Wochenende liegt dieser Wert sogar bei 84 Prozent, so Hoyer. Bei Kindern von sieben bis elf Jahren sind die Zahlen ähnlich. Siebzehnjährige schauen 135-mal am Tag auf das Smartphone. Nützlich wären gesicherte Fahrradwege, gut erreichbare Sportplätze, Schwimmbäder oder Spielplätze. Kinder, die laut Eltern in einem attraktiven Wohnumfeld leben, bewegen sich im Schnitt an 3,8 Tagen pro Woche und damit 27 Prozent mehr als Kinder, die diese Bedingungen gar nicht vorfinden (3,0 Tage pro Woche).

Ähnlich sehe es auch beim gemeinsamen Radfahren aus. Prompt schlug hier eine Mitteilung der Landesverkehrswacht Nordrhein-Westfalen Alarm. Wir Direktor Burkhard Nipper der Rheinischen Post sagte, müssen mittlerweile fünf bis zehn Kinder nach der Fahrradprüfung nachgeschult werden. Vor zehn Jahren hätten im Durchschnitt nur zwei Kinder pro Klasse einer Nachschulung bedurft. Den Schülerinnen und Schülern fehlt es nach Ansicht Nippers an der nötigen Motorik: „Die Beweglichkeit der Kinder ist deutlich zurückgegangen. Manche können nicht einmal mit einer Hand fahren oder fahren selbst beidhändig Schlangenlinien.“ So beherrschen immer mehr Kinder wichtige Alltagssituationen des Radfahrens nicht, beispielsweise das Spurhalten beim Blick zur Seite oder nach hinten. Dabei fallen vor allem Stadtkinder, Mädchen mit Migrationshintergrund, übergewichtige und überbehütete Kinder auf. Gefährlich sei diese Entwicklung vor allem deshalb, weil die Kinder mit dem Fahrrad nicht mehr sicher am Straßenverkehr teilnehmen könnten und, da es allem in Städten oftmals an sicheren Radwegen mangelt, Kinder immer weniger mit dem Fahrrad fahren,  weshalb sie es natürlich auch nicht richtig können, so Nipper. Die Fahrradprüfung absolvieren bundesweit ca. 95 % der Grundschüler.

„Das ist eine problematische Entwicklung“

Eine aktuelle Untersuchung des Kinderhilfswerks kommt in Sachen Spielverhalten auch zu negativen Befunden. So spiele nur jedes zweite Kind selbst bei schönem Wetter an drei oder mehr Tagen der Woche im Freien. Knapp die Hälfte der Stubenhocker führen als Grund an, dass es in ihrem Wohngebiet keine anderen Kinder zum Spielen gibt. Mehr als ein Viertel hat keine geeigneten Spielmöglichkeiten oder sagt, dass der Straßenverkehr zu gefährlich ist. „Dadurch haben sie weniger soziale Erfahrungen mit Gleichaltrigen und einen deutlich höheren Medienkonsum als Kinder in spielfreundlichen Stadtteilen. Das ist eine problematische Entwicklung“, erklärt Holger Hofmann, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Kinderhilfswerks, in der Sächsischen Zeitung.

Fahrradprüfung in Sachsen. Quelle: https://www.verkehrswacht-medien-service.de/fileadmin/_processed_/a/4/csm_uebung_strasse_97613b5bf3.jpg

Fahrradprüfung in Sachsen. Quelle: https://www.verkehrswacht-medien-service.de/fileadmin/_processed_/a/4/csm_uebung_strasse_97613b5bf3.jpg

Dabei könne das Draußenspielen für die persönliche Entwicklung der Kinder gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, so Claudia Neumann vom Kinderhilfswerk im selben Blatt: „Für ein gesundes Aufwachsen sind Kopf, Herz, Hand und Fuß wichtig“. Es beuge Haltungsproblemen, Übergewicht und Konzentrationsstörungen vor, wenn Kinder häufiger und länger aktiv im Freien spielten. Nur über den Nutzen aufzuklären und zu mehr Bewegung anzuregen, reiche aber nicht mehr aus: „In der Gesellschaft müssen prinzipielle Möglichkeiten geschaffen werden, um Sport im Alltag zu integrieren“, so Christian Andrä, Sportpädagoge der Uni Leipzig. Verschiedene Initiativen versuchen seit geraumer Zeit, den laut Andrä „seit Jahrzehnten präsenten Trend“ zum Bewegungsmuffel aufzuhalten.

So hat das Kinderhilfswerk, weil in vielen Kommunen die Voraussetzungen für ausagierendes Spielen noch fehlen oder nicht mehr vorhanden sind, anlässlich der Etablierung eines „Weltspieltags“ vor 10 Jahren das Bündnis „Recht auf Spiel“ gegründet. „Wir brauchen dringend eine auf Kinder bezogene Stadtentwicklungs- und Verkehrspolitik. Gerade in Wohngebieten fahren die Autos zu schnell oder nehmen parkend den Kindern den Platz zum Spielen“, sagt Hofmann.

Nach seinen Worten spielten Kinder aus sehr kinderfreundlichen Stadtteilen täglich durchschnittlich fast zwei Stunden alleine ohne Aufsicht draußen, Kinder unter schlechten Bedingungen nur eine Viertelstunde. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt mindestens eine Stunde täglich. Das Kinderhilfswerk appelliert aber nicht nur an Stadtplaner, sondern auch an die Eltern, die ihren Kindern den nötigen Freiraum zum Draußenspielen geben müssten.

„Kinder werden immer mehr zu Stubenhockern“, erklärt Hofmann. „Sie werden zur Schule gefahren, verbringen dort die meiste Zeit im Sitzen, bleiben zunehmend auch am Nachmittag unter dem Dach der Schule oder machen es sich vorm heimischen Computer bequem.“ Es gebe heute immer mehr Kinder, die sich nicht mehr trauen, über einen schmalen Bach zu springen. Sie bewegten sich bei Regen nicht von der Stelle, bis das Elterntaxi kommt. Und das, obwohl 61 Prozent der für die Studie des Kinderhilfswerks befragten Eltern die Bewegung im Freien als sehr wichtig ansahen. Von den Kindern und Jugendlichen fanden das aber nur zwölf Prozent.

„Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten“

Inzwischen ist unstrittig, dass sich durch körperliche Aktivität Sauerstoffversorgung und Stoffwechsel im Gehirn verbessern und Denkprozesse effizienter laufen, weil das Gehirn durch regelmäßige körperliche Aktivität lernt, ökonomischer zu arbeiten. „Diese Trainingswirkung ist durchaus mit der auf Herz und Kreislauf vergleichbar“, fand Wildor Hollmann vom Institut für neurologische Forschung in Köln heraus. Viele Kognitionswissenschaftler vertreten heute die Embodiment-These, nach der alle geistigen Prozesse in sensomotorischen Interaktionen des Körpers mit seiner Umwelt wurzeln.

Weltspieltag. Quelle https://www.recht-auf-spiel.de/images/modules/aufruf.jpg

Weltspieltag. Quelle https://www.recht-auf-spiel.de/images/modules/aufruf.jpg

Eine pädagogische Initiative, die darauf baut, ist Andrä‘s Konzept zum „bewegten Lernen“, in das vielfältige Forschungsergebnisse über das Zusammenwirken von körperlicher und geistiger Fitness einflossen. „Durch den Bewegungssinn steht dem Gehirn ein zusätzlicher Informationszugang zur Verfügung“, so Andrä. Aktivität trainiere also auch den Geist. „Gute Mathenoten erzielen nicht unbedingt Kinder, die besonders viele Mathe üben, sondern vor allem die Kinder, die gut auf Bäume klettern und balancieren können“, weiß auch Hofmann. Immer mehr Bildungseinrichtungen in Sachsen lassen sich als „Bewegte Schule“ oder „Bewegte Kita“ zertifizieren, um die in der Freizeit nicht ausgeglichenen Bewegungsdefizite zu mildern.

So heißt es etwa in den Empfehlungen zur Unterrichtseinheit „Wähle die richtige Bindungsart!“ im Fach Chemie: „Die Ecken des Raumes stehen für die Bindungsarten: Polare Atombindung, unpolare Atombindung, Ionenbindung, metallische Bindung. Der Lehrer nennt Begriffe oder Sachverhalte bzw. stellt Fragen, die den Bindungsarten zugeordnet werden können und die Schüler begeben sich in die dazugehörige Ecke. Im Anschluss wird das Ergebnis diskutiert.“

Das „bewegte Lernen“ scheint in Sachsen umso nötiger, als sich die Regierungspartner CDU und SPD im Frühjahr auf die abstrakte Formel einigten, die vergleichsweise hohe Stundenlast der sächsischen Schüler „um vier Prozent“ zu senken und „alle Fächergruppen“ in die Prüfung einzubeziehen. Damit sollen letztlich 770 volle Lehrerstellen weniger nötig sein. Das Ergebnis verkündete Kultusminister Christian Piwarz (CDU) im Juni: Statt Kunst trifft es nun auch Deutsch, Biologie, Englisch – und Sport.

Der Aufschrei des Landessportbunds (LSB) ließ nicht lange auf sich warten. Statt – wie einst geplant – den Sportunterricht „einheitlich für alle Klassenstufen und Schularten auf zwei Wochenstunden“ zu begrenzen, bleibt zwar die dritte Stunde für die Erst- bis Drittklässler genauso wie für die Fünft- und Sechstklässler erhalten. Aber die Kürzung um je eine Sportstunde für alle Viert- und Siebtklässler sowie an den Oberschulen für alle Acht- bis Zehntklässler widerspreche dem Ziel „Gesund aufwachsen“ des Freistaates. Vor allem die Streichung für Viertklässler sei „nicht nachvollziehbar“, hieß es.

Sie ist es umso weniger, als die Schuleingangsbefunde des Schuljahres 2018/19 Erschreckendes offenbarten: nicht einmal jedes fünfte Kind hatte die Kriterien für eine altersgerechte Entwicklung erfüllt. Nicht nur, dass ein Drittel der angehenden Erstklässler in Sachsen nicht richtig sprechen kann. Probleme gebe es auch in der Körperkoordination sowie bei der Visuomotorik, der Fähigkeit, Sehen mit Bewegungen des Körpers zu koordinieren. Sozialministerin Barbara Klepsch (CDU) appellierte in der Sächsischen Zeitung an die Eltern, sich mehr Zeit für ihren Nachwuchs zu nehmen: beim Essen, Spielen und bei Ausflügen. „Screen-free-parenting“ heißt das in den USA und gilt dort als Trend.

Außerdem wurde bei fast zehn Prozent der angehenden Erstklässler Übergewicht bis hin zu Adipositas diagnostiziert. Untersuchungen hätten weiter ergeben, dass sich die Gewichtszunahme mit dem Alter nochmals verschärft: Laut Ministerium ist jeder sechste Sechstklässler übergewichtig. Auch eine australische Studie von 2017 legt einen Zusammenhang zwischen Bildschirmnutzung bei Jugendlichen und späterer Fettleibigkeit nahe. „Mir ist es besonders wichtig, dass sich unsere Kinder gesund ernähren und Spiel und Bewegung wieder zum Alltag der Kinder gehören. Setzen das Kinder und Eltern jeden Tag um, ist präventiv schon viel getan“, betonte Klepsch. Kinder sähen ihre Bildschirme oft häufiger und länger als Familien, Freunde oder Lehrer. Inzwischen haben Forscher vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig gar die beunruhigende Entdeckung gemacht, dass Übergewicht das Gehirn schrumpfen lässt und so das  Denken einschränkt.

Bewegte Schule. Quelle: https://www.schulsport.sachsen.de/img/img_sport/Bewegte_Schule_275.JPG

Bewegte Schule. Quelle: https://www.schulsport.sachsen.de/img/img_sport/Bewegte_Schule_275.JPG

„Erfolgserlebnisse im Bewegungsbereich fördern auch das Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten. Eltern, die ihre Kinder aus Angst in ihrem natürlich vorhandenen Bewegungsdrang behindern, können deren Entwicklung entscheidend hemmen“, befindet auch die Psychologin Britta Zander in ihrem Elternratgeber „Liebe allein reicht nicht“. Aus eigenen Erfahrungen in kritischen Situationen lernten Kinder oft mehr als durch andauernde elterliche Warnungen und Verbote.

Aber ein positives Studienresultat für Eltern ist doch noch zu vermelden: Der Mann in Vollzeit als Ernährer, die Frau vor allem als Hausfrau und Mutter mit einem Hinzuverdienst – ausgerechnet dieses traditionell-einfache, im linksgrünen Weltverständnis fast schon als überkommen geltende, ja als „heteronormativ“ herabgewürdigte Familienmodell scheint aus wissenschaftlicher Sicht das Glück der Familie zu mehren. Eine arbeitssoziologische Studie der Universität Marburg ergab, dass es nicht die Zahl der gearbeiteten Stunden an sich sei, die Väter und Mütter glücklicher mache, sondern die damit verbundene, klare Rollenzuweisung. Studienautor Martin Schröder vermutet in der ZEIT: „Sich gegen stereotype Rollenbilder zu stemmen kostet viele Menschen möglicherweise Lebenszufriedenheit“. Dass Arbeit und Bewegung in tradiertem Rahmen also glücklich machen, ist so neu aber nicht.

Ist die Korrelation zulässig, dass die künstliche Intelligenz immer besser, die menschliche dagegen immer schlechter wird? Ja! Das schließen zunehmend mehr Experten aus Studien, wonach die Leistung bei IQ-Tests in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich abgenommen habe. Zuletzt registrierten Bernt Bratsberg und Ole Rogeberg von der Universität Oslo Mitte Juni, nachdem sie 730.000 IQ-Tests überprüften, ein konstantes Absinken der Leistung in den letzten Jahrzehnten.

Die Tests stammen von jungen Männern und Frauen der Jahrgänge 1962 bis 1991, die bei der norwegischen Armee zum Militärdienst antraten. Kamen die Armee-Neulinge bis zum Jahrgang 1975 beim Eingangstest auf mehr als 102 IQ-Punkte, erreichten die Jahrgänge bis 1991 nur noch knapp 100 Punkte. Das Absinken erfolgte kontinuierlich. Bratsberg und Røgeberg prognostizierten, dass der durchschnittliche IQ-Wert im nächsten Jahrhundert um bis zu zehn Punkte fallen wird.

Der Aufsatz der beiden Norweger ordnet sich als vorläufig letzter in eine Reihe von Aufsätzen ein, die mehr oder weniger alarmistisch einem europäischen Siegeszug der Dummheit das Wort reden. In Dänemark wurde ebenfalls die militärische Tauglichkeit aller jungen Männer untersucht – auch wenn nur einige von ihnen den Wehrdienst tatsächlich ableisten. Diese Untersuchung umfasst auch einen IQ-Test. Seit 1998 sind die Werte im Schnitt um 1,5 Punkte gefallen, berichtet der NewScientist im Sommer 2014 und rechnet auch mit einer Senkung von sieben bis zehn IQ-Punkten pro Jahrhundert.

Aber bereits 2012 hat die University of Hartford eine Berechnung veröffentlicht, nach der der durchschnittliche IQ für das Jahr 2011 bei 88,54 gelegen hat – ein deutlicher Rückgang im Vergleich zu den vorangegangenen Jahren. Studien in Ländern wie Neuseeland, Australien, Brasilien und Mexiko haben außerdem gezeigt, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen Bevölkerungswachstum und dem Rückgang des IQ gibt. Es wird angenommen, dass der durchschnittliche IQ bis zum Jahr 2050 auf 86,32 fällt, wenn die Weltbevölkerung mit anhaltend hoher Geschwindigkeit wächst. Im Jahr 1950 lag er noch bei 91,64 – mehr als 5 Punkte höher.

Normalverteilung des Intelligenzquotienten in der Bevölkerung, Quelle:  https://www.begabtenpaedagogik.de/images/gauszsche-normalverteilung.jpg

Normalverteilung des Intelligenzquotienten in der Bevölkerung, Quelle: https://www.begabtenpaedagogik.de/images/gauszsche-normalverteilung.jpg

Ähnliche Berechnungen stellten im Januar 2018 Forscher vom Ulster Institut für Sozialforschung um den Anthropologen Edward Dutton an. Danach sei der IQ in vielen westlichen Nationen alle zehn Jahre um etwa zwei Punkte gesunken. Die Ergebnisse scheinen im Widerspruch dazu zu stehen, dass – politisch gewollt – immer mehr junge Menschen an die Universitäten drängen und der technische Fortschritt unaufhaltsam voranschreitet. Nun hatte der Begriff „Hochschulreife“ in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts noch eine besondere Aura, „weil er die Beherrschung eines anspruchsvollen Bildungskanons in neun Disziplinen versprach“, erklärte der Altphilologe Gerhard Wolf 2016. Heute dagegen ist er auf eine bloße Hochschulzugangsberechtigung reduziert, die mit „Studierfähigkeit“ nichts mehr gemein haben muss.

Tests zur Messung des IQ verändert

Parallel dazu stehen einerseits die Konzepte von IQ-Tests sowie andererseits die Gründe für den Intelligenzschwund auf dem Prüfstand. Seit die Psychologen Alfred Binet und Théodore Simon 1905 einen Intelligenztest entwickelten, begannen Forscher den Intelligenzquotienten (IQ) zu messen, der den Unterschied ausdrücken soll zwischen Talent (150) und Trantüte (70). Die standardisierten Tests überwiegend in Bereichen des verbalen und mathematischen Verständnisses ließen nicht nur Rückschlüsse auf den IQ einzelner Menschen zu, sondern auch auf den Durchschnittswert der Bevölkerung, der bis ca. 1980 stetig gestiegen war.

Für die Psychologin Professor Elsbeth Stern von der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich ist Intelligenz „vorwiegend die Fähigkeit zum schlussfolgernden Denken und zur effizienten Informationsverarbeitung.“ Die brauche man vor allen Dingen dann, so Stern im DLF, „wenn man eben komplexe Aufgaben lösen muss. Und dann haben Menschen, die das effizienter können, die also besser aktuell mehr Information parallel halten können, die haben dann einen Vorteil.“ Um das logische Denken zu beurteilen, gibt es in Intelligenztests Fragen wie: 2,4,6,8 – was ist die nächste Zahl? In diesem sehr einfachen Beispiel: die 10. Oder: Wald verhält sich zu Bäumen wie Wiese zu Grün – Gräsern – Weite – Blumen? Richtig ist: Gräser.

1988 veröffentlichte Robert Flynn sein Buch „Der Flynn-Effekt“, in dem er den steigenden IQ in vielen westlichen Ländern zwischen 1930 und 1980 als eine Folge der besseren Ernährung und verbesserter Lebensbedingungen einschließlich der medizinischen Versorgung sowie der besseren Bildung und Förderung von Kindern erklärt. Gerade der Zusammenhang von Bildung und Intelligenz ist ein kontroverses Thema. Doch hat sich mittlerweile die Erkenntnis durchgesetzt, dass eine höhere Bildung auch Auswirkungen auf den IQ hat. Die US-Neurowissenschaftler Daniel Ansari und Aaron Berkowitz wiesen anhand einer Improvisations-Aufgabe nach, dass die Hirntätigkeit bei musikalisch gebildeten Testpersonen anders ist und zu besseren Ergebnissen führt als bei musikalischen Laien. Die Ergebnisse wurden von anderen Untersuchungen bestätigt, etwa in Österreich. Die Forscher glauben, dass die Ergebnisse nicht nur auf den Bereich der Musik zutreffen, sondern auch auf andere Branchen. Vor allem in kreativen Branchen ist Bildung eine entscheidende Voraussetzung zur Lösung von komplexen Aufgabenstellungen.

Flynn hatte überdies zwischen der phänotypischen (umweltbedingten) Intelligenz und der genotypischen (vererbten) Intelligenz unterschieden und bereits entdeckt, dass die genotypische Intelligenz um 0,57 Punkte pro Generation fällt. In der entwickelten Welt wurde bis vor rund 15 Jahren der Rückgang der genotypischen Intelligenz durch einen Anstieg der phänotypischen Intelligenz ausgeglichen. Die These ist aus mehreren Gründen nicht mehr haltbar. So gibt es möglicherweise einen direkten Zusammenhang zwischen dem Rückgang des IQ und Armutsquoten, die heute auf einem historisch hohen Stand sind. Dadurch entgehen vielen Menschen Bildungschancen, sie können ihren Kindern keine Möglichkeit bieten, sich auf hohem Niveau zu entwickeln.

Flynn-Effekt. Quelle: https://www.aau.at/wp-content/uploads/2017/10/5-INTELLIGENZ-2.pdf

Flynn-Effekt. Quelle: https://www.aau.at/wp-content/uploads/2017/10/5-INTELLIGENZ-2.pdf

Andere Experten weisen darauf hin, dass sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten die Tests zur Messung des IQ leicht verändert hätten und der Rückgang dadurch bedingt sei. Dieser These gingen 2017 Forscher um Robin Morris (Kings College London) im Fachblatt „Intelligence“ nach und analysierten für ihre Studie zunächst rund 1.750 verschiedene Intelligenztests seit dem Jahr 1972, und zwar im Speziellen nach zwei Testteilen: jenen, die das Kurzzeitgedächtnis, und jene, die das Arbeitsgedächtnis messen. Letzteres ist komplexer als das Kurzzeitgedächtnis und befähigt zur Manipulation der Erinnerungen, außerdem sind damit andere Hirnteile befasst.

natürliche Auslese begünstigt intelligente Menschen

Zunächst zeigte sich, dass in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr Menschen IQ-Tests unterzogen wurden, die bereits über 60 Jahre alt waren. Da ältere Personen an einem nachlassenden Arbeitsgedächtnis leiden, während das Kurzzeitgedächtnis annähernd konstant bleibt, könnte das eine Erklärung für rückläufige Testergebnisse sein. Im Hauptbefund ergaben sich Verbesserungen des Kurzzeitgedächtnisses analog zum Flynn-Effekt, während die Testergebnisse in Sachen Arbeitsgedächtnis abnahmen.

Eine weitere Erklärung: Spätestens 2012 stand nach Untersuchungen des US-Neurowissenschaftlers Read Montague von der Universität Virginia Tech fest, dass Intelligenz offenbar weniger eine stabile, gleichbleibende und vererbbare Eigenschaft ist, sondern immer auch eine Momentaufnahme. Seine Begründung: bei direktem Feedback zu Lernergebnissen schrumpfe der IQ.

„In Kleingruppen sinkt die geistige Leistungsfähigkeit“, wird Montague auf dem Portal alltagsforschung.de zitiert, „erst recht, wenn man glaubt, schlechter zu sein als die anderen.“ Offenbar erhöhen kleine, intime Gruppen den sozialen Druck. Man ist nicht anonym, jeder bemerkt die Leistung des anderen, es entsteht eine unbewusste Hackordnung. Mit der Konsequenz, dass Stress und Einschüchterung nicht nur aufs Gemüt, sondern auch die Intelligenz schlagen. Das müsste Konsequenzen für das Design jeder Art von Assessment Center haben.

Intelligenz und Maßstab. Quelle: https://islieb.de/blog/wp-content/uploads/2015/07/islieb-intelligenz.png

Intelligenz und Maßstab. Quelle: https://islieb.de/blog/wp-content/uploads/2015/07/islieb-intelligenz.png

Ähnlich argumentiert auch Edward Dutton. Der IQ-Test sei sehr ungenau und „ein schlechtes Maß für Intelligenz“. Mit der industriellen Revolution sei zwar die Umwelt des Menschen zunehmend von Wissenschaft dominiert worden, was das analytische Denken angeregt habe. Analytische Fähigkeiten seien aber nur bedingt zur eigentlichen Intelligenz zu zählen, der Flynn-Effekt aber allein dieser Ursache geschuldet gewesen, sagt er der Website sputniknews.com: „Das würde im Umkehrschluss bedeuten, dass es in einhundert Jahren bereits 30 Punkte gewesen sind. Und das würde wiederum heißen, dass der durchschnittliche Mensch im 19. Jahrhundert im Vergleich zum durchschnittlichen Menschen aus dem Jahr 2000 geistig behindert gewesen war, was offensichtlich nicht stimmt.“

„Intelligenz ist zu 80 Prozent vererbbar“

Allerdings unterscheidet sich Duttons Erklärung fundamental vom akademischen Mainstream. So kamen Bratsberg und Rogeberg zu dem Ergebnis, dass der Grund für den Intelligenz-Abstieg primär im modernen Lebensstil läge. Da auch bei Geschwistern in Norwegen der IQ ab dem Geburtsjahrgang 1975 herunterging, bedeute dies, „dass nicht die Gene, sondern irgendein Umwelteinfluss die Intelligenz beeinflusst haben muss. Und zwar abhängig davon, in welchem Jahr die Kinder geboren wurden. Es geht nicht um Gene – sonst gäbe es keine Unterschiede zwischen Kindern, die die gleichen Eltern haben“, so die Norweger im DLF. Als Ursachen vermuten sie eine veränderte Mediennutzung, aber auch die Ernährung mit viel ungesundem Fastfood. Auch Umweltfaktoren sollen eine Rolle spielen. Unter besonderem Verdacht stehen dabei Umwelthormone, die in hormonelle Abläufe im Körper eingreifen, die auch kognitive Fähigkeiten betreffen.

Dutton dagegen beschreibt genetische Gründe, für ihn gilt: „Intelligenz ist zu 80 Prozent vererbbar.“ In der Praxis habe früher eine starke natürliche Auslese intelligente Menschen begünstigt: Wer intelligenter war, wurde innerhalb einer Gesellschaft wohlhabender, und wer wohlhabender war, pflanzte sich erfolgreicher fort. Der Prozentanteil der Menschen, die eine genetische Veranlagung für eine hohe Intelligenz mitbringen, sei in den vergangenen Generationen aber gesunken: „Bis zur industriellen Revolution hatten in jeder Generation die 50 reicheren Prozent der Bevölkerung 40 Prozent mehr überlebende Kinder als die ärmeren 50 Prozent. Das bedeutet, dass in jeder Generation die Intelligenz anstieg. Das ging so vom Mittelalter bis etwa 1800. Um 1800 war die Intelligenz dann so hoch, dass es diesen massiven Durchbruch gab mit den vielen Erfindungen, die industrielle Revolution eben“.

Damit änderte sich jedoch die Situation der Menschen: „Es kamen Dinge wie Impfungen auf und senkten die Kindersterblichkeit immer weiter“, erklärt Dutton. Außerdem wurden Verhütungsmittel entwickelt, und da gelte: „Menschen, die intelligenter sind, neigen dazu, mehr Verhütungsmittel einzusetzen, weil sie weiter vorausdenken und weniger impulsiv handeln. Sie können besser planen. Während also bei armen Familien immer mehr Kinder überlebten, produzierten die wohlhabenden Familien immer weniger Nachkommen.“ Diese Tendenz sei noch durch den Feminismus verstärkt worden: Intelligentere Frauen hätten damit immer mehr Zeit für Bildung aufgewendet und dadurch weniger bis gar keine Kinder produziert – eine Erklärung, die auch andere Experten vertreten. Lässt da etwa Sarrazin grüßen? Der Liedermacher Manfred Maurenbrecher kehrte die Relation drastisch, aber durchaus treffend in seinem Hit „Dumm fickt gut“ auf dem Album „Glück“ (2007) um.

Intelligenz und Gegenüber. Quelle: https://lolin.files.wordpress.com/2007/06/garfield_intelligenz.jpg?w=450

Intelligenz und Gegenüber. Quelle: https://lolin.files.wordpress.com/2007/06/garfield_intelligenz.jpg?w=450

Und auch die Religionen hätten ihre Rolle gespielt, mit ihrer Aufforderung: „Seid fruchtbar und mehret euch“. Infolgedessen würden religiöse Familien tendenziell mehr Kinder in die Welt setzen: Laut Dutton geht Religiosität mit einer niedrigen Intelligenz einher. Der Flynn-Effekt, der nur die umweltbedingten Aspekte des Denkens betreffe und nicht seine vererbbare Seite, habe also in den 90er Jahren seine natürliche Grenze erreicht und sich seitdem ins Negative gekehrt.

„Wir werden also definitiv weniger intelligent“

Welche intellektuellen Fähigkeiten im Laufe der Zeit gefallen sind, weiß Dutton auch: In Sachen Reaktionszeit schneiden die Menschen immer schlechter ab. Bereits im Winter 2013 ergab eine multinationale europäische Studie, dass sich die Reaktionszeit moderner Menschen, die als ein Indiz für den IQ (weil ein Teilaspekt einer höheren Intelligenz) gilt, im Vergleich zum Viktorianischen Zeitalter erhöht hat. Im späten 19. Jahrhundert betrug diese Reaktionszeit auf einen bestimmten Reiz durchschnittlich 194 Millisekunden, im Jahr 2004 dagegen schon 275 Millisekunden. Auch das Vermögen, Farben zu unterscheiden, verschlechtere sich. Zahlenreihen werden schlechter wiedergegeben. Und die Kreativität baut ab. „Und alle diese Veränderungen können wir über hundert Jahre in die Vergangenheit zurückverfolgen. Wir werden also definitiv weniger intelligent – und das aus genetischen Gründen“.

Damit reiht sich Dutton in eine geschichtspessimistische Tradition ein, die Oswald Spengler in seinem Opus magnum „Der Untergang des Abendlandes“ zu ihrer deutschen Blüte führte. Für Spengler erstarrt am Ende der Zivilisation jede Kultur, nähme eine versteinerte Gestalt an und gleite ab in einen nur noch interessensgeleiteten Vernunftgebrauch. Spengler weissagte auch, dass Wissenschaft und Technik nur solange aufrecht erhalten, weiterentwickelt und von Nutzen sein würden, solange es Menschen gibt, die ihre Funktionsweise verstehen. Nimmt deren Zahl allmählich ab – wie es die von ihm prophezeite Kinderlosigkeit zwangsläufig mit sich bringen wird, weil „die bis zum äußersten gesteigerte Intelligenz keine Gründe für ihr Vorhandensein mehr findet“ – so wird auch die von ihnen aufrechterhaltene Technik bald verschwunden sein.

Pikant: Für eine Arte-Dokumentation, die am 7.11.2017 gesendet und den genetischen Erklärungsansatz verfolgen sollte, wurde auch Dutton interviewt – und fiel der redaktionellen Schere zum Opfer. „Ich weiß nicht, ob sie Angst hatten, meine Erklärung zu präsentieren“, kommentiert er Monate danach. Ähnliche Erfahrungen habe er schon mit Gutachtern seiner wissenschaftlichen Arbeiten gemacht, die ihn in die Nähe von Eugenik rücken wollten. In einem Fall habe gar der Verleger auf die Bremse gedrückt, „weil die Leser das nicht mögen würden“.

Duttons einfache Erklärung: Dass wir alles „zum Guten wenden können“, stimme bei Umwelteinflüssen, bei genetischen Ursachen dagegen wäre eine Korrektur „so monströs und schrecklich, dass niemand das ernsthaft in Erwägung ziehen würde“. Denn der einzige Weg, den Intelligenz-Abbau aufzuhalten, wäre, weniger intelligenten Menschen zu verbieten, sich fortzupflanzen. Solche Forderungen stellt Dutton als Wissenschaftler, dem es darum geht, die wirklichen Ursachen für einen Prozess darzustellen – egal wie unbequem sie sind – natürlich nicht. Wie man diesen Prozess aufhalten könne, sei eine andere Frage, die Dutton im Stile Spenglers sehr defätistisch beantwortet: „Es gibt nichts, was wir in dieser Sache ändern können.“

« Neuere Artikel - Ältere Artikel »