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1969 war ein Jahr, in dem so mancher Satz fiel, der Geschichte machte: Neil Armstrong war auf dem Mond gelandet, Willy Brandt Kanzler geworden, und Woodstock gab es auch noch. Doch gefragt, was für ihn der wichtigste Satz des Jahres gewesen sei, antwortete er: „Der Schwanz bleibt drin.“ Gefallen ist der Satz im Kinosaal des Wiesbadener Fürstenschlosses, dem damaligen Tagungsort der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSK). Elf Männer und eine Frau hatten seinen Film „Dein Mann, das unbekannte Wesen“ zu begutachten. „Und auf einmal“, berichtete er im Spiegel, „war da dieser Penis“: Auf der Leinwand wurde gezeigt, wie eine Erektion entsteht. Elf der Gutachter knipsten ihre Leselampen an: Äußerste Empörung! Sie verlangten, den Film zu schneiden. Die einzige Frau im Gremium aber widersprach. So knapp wie salopp. Und da blieb der Schwanz drin.

„Zwei Tage und zwei Nächte musste ich über jede einzelne Szene verhandeln“, sagte er später der Welt. „Sie wollen wohl die ganze Welt auf den Kopf stellen, jetzt soll sogar die Frau oben liegen!“, soll ein Zensor gar angemerkt haben. Der Streifen war nur einer von insgesamt acht Aufklärungsfilmen, mit denen er als eine Art Telekolleg-Mann zwischen 1968 und 1972 beinahe eine gesamte Nation an die Sexualität heranführte – als ob es das Thema zuvor gar nicht gegeben hätte: Oswald Kolle. Der Journalist, Autor und Filmproduzent mit niederländischem Pass starb am 24. September 2010 in Amsterdam. „Sein Tod ist ein großer Verlust im Kampf um ein menschenfreundliches und lebensbejahendes Miteinander“, schrieb der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA), der ihm kurz zuvor den „Sapio“-Preis verliehen hatte, um seinen unermüdlichen Einsatz für die sexuelle Selbstbestimmung zu würdigen, in einem Nachruf.

Geboren wurde Oswald am 2. Oktober 1928 in Kiel als Sohn des renommierten Psychiaters Kurt Kolle, der im 3. Reich nicht publizieren durfte und ihn auch gern als Mediziner gesehen hätte. Doch der von ihm geplante Weg dahin bewirkte das Gegenteil: Ende der 40er-Jahre bat er seinen Sohn, Teile des ersten Kinsey-Reports „Die Sexualität des Mannes“ ins Deutsche zu übersetzen. „Damals begann mein Interesse an Sexualität und Moral, denn wir reden über eine Zeit, in der Präservative in Apotheken nur an Ehepaare verkauft werden durften“, sagt Kolle junior später, macht zunächst eine Ausbildung in der Landwirtschaft und ging 1950 in den Journalismus. Sein Bruder sollte dann dem väterlichen Wunsch nachkommen; er wurde ein berühmter Urologe.

Der gealterte Kolle. Quelle: https://www.kino.de/star/oswalt-kolle/

Kolle begann als Volontär bei der Frankfurter Neuen Presse und machte sich zunächst einen Namen als Filmjournalist. Schon 1951 wurde er Lokalchef der Frankfurter Nachtausgabe und war bis 1953 Mitarbeiter der Fachzeitschrift Filmblätter, ehe er sich der neugegründeten Bild in Hamburg anschloss und für diese Klatschgeschichten schrieb: „Bild, das merkte ich schnell, war eher ein Märchenblatt als eine Zeitung“, bemerkte er einmal. Nach seinem Abgang dort 1955 schrieb er als Kulturchef Artikel über Prominente für die BZ. Später wurde er stellvertretender Chefredakteur der Film- und Fernsehzeitschrift Star Revue, die von 1955 bis 1960 zum Spiegel-Verlag gehörte, und leuchtete die Intimzonen von Stars wie Hildegard Knef, Curd Jürgens und Brigitte Bardot aus.

„Aufklärer der Nation“

1959 lernte er seine spätere Frau Marlies Duisber kennen – beide waren sich vom ersten Tag an untreu: „Ich habe ihr von jeder Frau erzählt und sie mir von jedem Mann.“ Den Pakt beider beschrieb Kolle so: „Wir können sexuell nicht treu sein und wollen andere Beziehungen, aber wir haben keine Geheimnisse voreinander und gehen nie auseinander – unter keinen Umständen!“ Soziale Treue war ihm wichtiger als sexuelle. Er hatte mit Marlies, die nach 47 Jahren Ehe an Brustkrebs starb, drei Kinder, aber auch Affären mit den Schauspielern Horst Buchholz und O.E. Hasse ebenso wie mit Romy Schneider. Bei der Quick wurden er neben seinem damaligen Kollegen Johannes Mario Simmel zu einem der höchstbezahlten Yellow-Schreiber.

Seinen eigenen Durchbruch zum „Aufklärer der Nation“ schrieb er dabei einem Zufall zu: Die Frau des Quick-Chefredakteurs erwartete ein Kind und beklagte sich, dass die vorhandenen Bücher über Schwangerschaft und Kinderentwicklung mehr vernebelten als erklärten. Prompt schrieb Kolle „Dein Kind, das unbekannte Wesen“. „Der Chefredakteur war begeistert, es wurde gedruckt, er bekam aber daraufhin von Adenauers langjährigem Familienminister Franz-Josef Wuermeling einen Brief mit folgender sinngemäßer Aussage: ‚Wenn solche schweinischen Sachen noch einmal in der Quick erscheinen, wird die Zeitschrift verboten‘“, berichtete Kolle im Spiegel. Er hatte sein Lebensthema gefunden zu einer Zeit, als das Geschehen in Schlafzimmern und unter Bettdecken öffentlich noch tabu war: „Alle Liebe dieser Welt“, „Geheimnis der Liebe“, „Sexualität 70“ lauten Veröffentlichungen von damals, die ein enormes Echo fanden.

Ein klassischer Kolle. Quelle: https://www.booklooker.de/B%C3%BCcher/Oswalt-Kolle+Das-Wunder-der-Liebe/id/A025003j01ZZO

Für die Neue Revue schrieb er die Serie „Dein Mann, das unbekannte Wesen“ – das Blatt hatte am Ende der Serie mehr Auflage als der Stern. „Das war wie ein Dammbruch. Es kamen Zehntausende Briefe von Frauen, die erstmals ihre Not beim Sex aussprachen, und ich wollte ihnen helfen, etwas weniger unglücklich zu sein“, so Kolle. Damals entstand einer seiner vielen Lehrsätze: „Liebe kann man nicht lernen, Sexualität sehr wohl.“ Unternehmen und Kirchen riefen zum Boykott des Blatts auf, Kukident stornierte alle Anzeigen, und die Neue Revue wurde aus den Wartezimmern verbannt. Er fühlte sich zwischen Linken und Rechten zerrieben, bilanziert Kolle Jahrzehnte später im Spiegel: „Die Linken haben mich als Erzspießer betrachtet, der doch nur die Ehe retten will. Die Rechten haben gesagt: ‚Was der Mann macht, ist schlimmer als der Zweite Weltkrieg, der zerstört unsere abendländischen Werte. Die Deutschen werden in die tiefste Barbarei versinken und auf offener Straße Orgien feiern.“

Bild-Kolumnist Franz Josef Wagner schrieb damals: „Jetzt liegt in jedem deutschen Ehebett ein Dritter: Oswalt Kolle.“ Die Verfilmung der Serie zog dann sechs Millionen Zuschauer ins Kino. Als der Film in einigen Kantonen der Schweiz verboten wurde, entstand der sogenannte Kolle-Tourismus: Man setzte sich ins Auto und fuhr in einen Kanton, wo der Film gezeigt werden durfte. Der Polizeipräsident von Zürich rief zum Kulturkampf auf und erklärte: „Wir lassen uns nicht von einem Deutschen vorschreiben, wie wir uns im Bett verhalten sollen.“ Die Londoner Times bilanzierte: „Viele Männer gehen aus den falschen Motiven in Kolles Filme, aber alle kommen mit den richtigen raus.“ Seine Publikationen wurden in 17 Sprachen – auch Chinesisch – übersetzt und erreichten spektakuläre Auflagen. 140 Millionen Menschen sollen weltweit seine Filme gesehen haben; in einem davon hatte er mit seiner Frau, der Tochter und dem Sohn mitgespielt. Auf Sylt ließ er sich mit seiner Familie am Nackt-Badestrand für eine Zeitschrift fotografieren.

„Liebe altert nicht“

Mit seiner Liebesschule schuf der „Sexualdemokrat“ (Deutsche Welle) eine Fernsehserie zur sexuellen Aufklärung, außerdem schrieb er Unterhaltungsromane wie „Sylter Sommer“, den er für RTL zur Unterhaltungsserie „Sylter Geschichten“ entwickelte. Zudem überarbeitete er die Drehbücher seiner Aufklärungsfilme, die der Sender 1997 erfolgreich ausstrahlte. Das langjährige FDP-Mitglied wurde 2000 von der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung (DGSS) mit der Magnus-Hirschfeld-Medaille für Sexualreform geehrt. 2002 wird sein Leben unter dem Titel „Kolle – Ein Leben für Liebe und Sex“ mit Sylvester Groth in der Titelrolle verfilmt: „Er zeigt die innere Wahrheit, und das ist okay. Außerdem sind die Schauspieler zum Küssen! Nur eins muss ich in aller Bescheidenheit kritisieren: So hässliche, braungemusterte Unterhosen, wie sie der Sylvester Groth trägt, habe ich nie angehabt“, sagt er dem Spiegel.

Szenenfoto: Groth als Kolle. Quelle: https://www.kino.de/film/kolle-ein-leben-fuer-liebe-und-sex-2002/

Wenige Tage vor seinem 75. Geburtstag gesteht er in seiner holländischen Wahlheimat dem Stern: „Ich habe eine neue Liebe gefunden, es ist wie ein Wunder“. Drei Jahre nach dem Tod seiner Frau erlebt er mit seiner neuen Partnerin Jose del Ferro, was er selbst geschrieben hat: „Liebe altert nicht.“ Für Pro7 drehte er noch die fünfteilige Serie „Sexualreport 2008“, für die 100.000 Menschen online 250 Fragen beantworteten: Die größte Umfrage über Sexualität, die es in Deutschland je gab. Im selben Jahr erschien Kolles Autobiographie, in der er unter anderem über die Sterbehilfe für seine krebskranke Frau schrieb und sich gegen Pornographie aussprach: „Der 30-jährige Single – von Beziehungen frustriert – sitzt mit offener Hose vor dem PC und holt sich dort seine Befriedigung. Wir steuern auf eine Masturbationsgesellschaft zu. Das ist ein echtes Problem.“

Ein beinahe unverhofftes Comeback erlebte die These, der freie Sex der Sechziger habe die Sitten verdorben, kurz vor Kolles Tod. Der Augsburger Bischof Walter Mixa behauptete im April 2010, die sexuelle Revolution sei mit Schuld an den zuvor enthüllten Missbrauchsfällen. „Das ist grotesk“, sagte Kolle der WamS. Die sexuelle Revolution habe vielmehr dazu beigetragen, dass die Opfer endlich an die Öffentlichkeit gehen. „Die Kirche konnte ja vorher machen, was sie wollte.“ Der Einfluss des „Orpheus des Unterleibs“ auf die Gesellschaft der sechziger und siebziger Jahre dürfte ähnlich prägend gewesen sein wie der von Willy Brandt, befand Sebastian Hammelehle im Spiegel: „Womöglich lässt sich das Werk Oswalt Kolles sogar am besten mit einem abgewandelten Brandt-Wort zusammenfassen: Mehr Sexualität wagen“. Er selbst beschrieb seinen Antrieb so: „Mein Ziel war es, die Liebe der Männer zu erotisieren und die Liebe der Frauen zu sexualisieren.“ Das kann man so stehenlassen.

„Euer Rolf“

75 Pfennig für „Micky Maus“ – oder nur 60 Pfennig für „Fix und Foxi“? Seit Ende der 1950er Jahre standen bundesdeutsche Kinder vor dem Kiosk und mussten sich entscheiden, wofür sie ihr Taschengeld ausgaben. Der Mann, der als „deutscher Walt Disney“ den amerikanischen Comics mit Figuren Konkurrenz machte, von denen er nie auch nur eine einzige gezeichnet hatte, wird in seinem Leben eine erstaunliche Metamorphose vollziehen – vom sächsischen Drogeriegehilfen über den bayrischen Verleger hin zum amerikanischen Forstwirt: Rolf Kauka. Nur Wochen nach der Eröffnung des „Fix & Foxi Abenteuerlands“ im „Ravensburger Spieleland“, war er am 13. September 2000 gestorben.

Die beiden namensgebenden Hauptfiguren sind Füchse, Zwillingsbrüder, aufgeschlossen, engagiert und sozial eingestellt und sollen den jungen Lesern als vorbildhafte Identifikationsfiguren dienen. Um die kleinen Füchse herum entstand ein Universum, das wie eine Neuauflage der Disney-Welt wirkt: Aus Entenhausen wird Fuxholzen im Landkreis Grünwald im Staat Kaukasien – vermutlich eine Anspielung auf Kauka – Daniel Düsentrieb mutiert zu Professor Knox und der zunächst bösartige Lupo verwandelt sich in eine Art Goofy in Latzhosen. „Die Welt ist ganz ähnlich aufgebaut. Nur seine Typen sind viel flacher und eindimensionaler als die Disney-Figuren“, erklärt Comic-Experte Bernd Dolle-Weinkauf vom Institut für Jugendbuchforschung an der Universität Frankfurt im WDR. 750 Millionen Hefte wird Kauka verkaufen – zeitweise mit einer wöchentlichen Auflage von über 400.000 Stück.

Rolf Kauka. Quelle: https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/land-und-leute/fix-und-foxi-zwack100.html

Als er am 9. April 1917 als Sohn eines Hufschmieds in Markranstädt südlich von Leipzig geboren wird, war dieser Erfolg nicht abzusehen: Kauka absolvierte zwar die örtliche Volksschule, verließ die Realschule in Leipzig aber vorzeitig und blieb nach seiner Ausbildung noch zwei Jahre in einer Markranstädter Drogerie, ehe er aus eigenem Entschluss kündigte. Zwischen 1936 und 1938 verliert sich seine Spur: Es sind einige Cartoons für die Leipziger Neuesten Nachrichten und das Weißenfelser Tageblatt mit seiner Signatur bekannt, seiner späteren Selbstauskunft, er habe ein Gymnasium besucht und vier Semester Betriebswirtschaft studiert, ist zweifelhaft. 1938 leistete er den Reichsarbeitsdienst ab und wurde anschließend zum Wehrdienst eingezogen. Als „Presse-Zeichner“ bewarb er sich dann bei der Wehrmacht als Berufsoffizier. Im Krieg nahm er am Westfeldzug teil und wurde an der Ostfront eingesetzt. 1943 heiratete er die angehende Ärztin Erika Bahre und bekam mit ihr drei Töchter.

„sehr bewährte deutsche Kultur“

Als mehrfach dekorierter Oberleutnant eines Flakregiments setzte er sich bereits einige Wochen vor der endgültigen Kapitulation zu seiner Familie nach Prien am Chiemsee ab. Insgesamt wird er viermal heiraten und mit seiner zweiten Frau nochmals zwei Kinder haben, darunter seinen einzigen Sohn. 1947 gründet er den Kauka-Verlag Prien und verlegt einen „Leitfaden für Polizeibeamte“ – für einige Jahre die einzige Publikation. Er findet eine Anstellung im neuen „Verlag der Zwölf“ München und gründet mit dem Schriftsteller und Verleger Harry Schulze-Wilde 1948 die „Münchener Verlagsbuchhandlung Harry Schulze-Wilde & Co.“. Dabei firmierte er als „Dr. Rudolf Kauka“ – den Doktortitel entlehnte er offenbar von seiner frisch promovierten ersten Ehefrau.

1949 wird die Firma mit dem Zusatz „Rudolf Kauka OHG“ fortgeführt. Verlegt wird zum einen juristische Fachliteratur, zum anderen Unterhaltung in Form von Romanheften und Magazinen. Kauka experimentiert mit Themen und Formaten, manche Magazine erleben nur wenige Ausgaben. Die überformatige Illustrierte ER – die Zeitschrift für den Herrn gehört zu den ersten aus dem Kauka Verlag, der offiziell erst jetzt im Handelsregister eingetragen wird. Ende 1952 veröffentlicht Kauka die Jugendzeitschrift Colombo, die sich vorwiegend Erzählungen und Reportagen aus aller Welt widmete, aber auch einen ersten Kurzcomic enthielt: einen Pantomimenstrip mit einem Strichmännchen namens Dagobert, der vom Münchener Kunstmaler und Illustrator Dorul van der Heide beigesteuert wurde. Als parallel dazu die ersten US-amerikanischen Comics den westdeutschen Markt eroberten, erkannte Kauka die Marktlücke – und die Chancen.

Titel des Eulenspiegel. Quelle: http://www.kaukapedia.com/index.php?title=Eulenspiegel_mit_Fix_und_Foxi_6

Zuerst griff er auf Figuren der deutschen Literaturgeschichte und Sagenwelt zurück: „Seine Magazine sollten einen edukativen Ansatz verfolgen, und so machte er Till Eulenspiegel und Münchhausen zu den wichtigsten Protagonisten“, erklärt Kulturwissenschaftlerin Linda Schmitz im Tagesspiegel. Das bestätigte Kauka viel später „Ich wollte die guten Seiten des Entertainment nehmen und dazu etwas von unserer doch sehr bewährten deutschen Kultur, die manchmal so oberlehrerhaft ist, aber der Welt sehr viel gegeben hat. ” Im Editorial dieser Hefte grüßte er väterlich „Euer Rolf”.

In der fünften Ausgabe von Till Eulenspiegel treten Fuchs und Wolf als Widersacher auf – damit zitiert Kauka Goethes Epos „Reineke Fuchs“. Schon bald entwickelten sich aus diesen anfänglichen Nebenfiguren die Füchse „Fix und Foxi“. 1955 wurde das Heft nach ihnen benannt. Aus dem dummen Wolf wurde die Figur „Lupo“, später ein Publikumsliebling mit eigenem Jugendmagazin. „Fix und Foxi verkörpern erstmal jugendliche Figuren. Und bei ihnen geht es immer um diesen Konflikt zwischen dem gewitzten Kleineren und dem großen Starken in der Person des bösen Wolfs Lupo“, begründet Schmitz den Erfolg der Serie.

Da es in der jungen Bundesrepublik an geeigneten Comic-Zeichnern mangelte, engagierte Kauka erfahrene Illustratoren aus Jugoslawien, Italien und Spanien. Der Illustrator Walter Neugebauer, später auch Zeichner des Haribo-Goldbären, veränderte die zuerst von Dorul van der Heide entworfenen, realistischeren Fuchs-Figuren und verlieh ihnen anthropomorphe Züge. Kurz darauf stieg er zum Art Director des Verlags auf. 1958 ließ Walt Disney Rolf Kauka nach Kopenhagen kommen und bot ihm einen lukrativen Vertrag an, um die inzwischen lästige Konkurrenz loszuwerden. Kauka lehnte ab.

Bewohner von Fuxholzen. Quelle: https://taz.de/Kuratorischer-Fehlschlag/!5388920/

Ab 1964 erschienen in Lupo und anderen Magazinen franko-belgische Comic-Serien wie „Pit und Pikkolo“ (Spirou und Fantasio), „Tim und Struppi“ (Tintin), „Die Schlümpfe“ (Les Schtroumpfs) oder Lucky Luke, die vornehmlich aus dem belgischen Verlagshaus Dupuis stammten. Für Streit sorgt nicht nur bei diesen Serien die damals noch gängige Praxis, die Geschichten einfach einzudeutschen: Statt einer möglichst originalgetreuen Übersetzung erfanden die deutschen Redakteure einen „passenden Text“.  Der Streit kulminierte bei „Asterix und Obelix“, für die Kauka auch die Lizenz erhält.

Siggi statt Asterix

So wird in „Asterix und die Goten“ (1965) thematisiert, wie die Westgoten in Gallien einfallen, den Sieger des jährlichen Druidenwettstreits entführen und mit seiner Hilfe auf Eroberungszug gehen wollen. Im gotischen Kerker schmiedet Wettstreitgewinner Miraculix mit Asterix und Obelix den Plan, einen Bürgerkrieg zu initiieren, damit die Goten für die nächsten Jahrhunderte nicht mehr auf die Idee verfallen, ihre Nachbarn zu überfallen. Die „asterixinischen Kriege“ brechen prompt aus, und die drei Gallier kehren unbehelligt in ihr Dorf zurück, wo man sie schon für tot gehalten hat und ihre Wiederkehr mit der traditionellen Feier unter Sternenhimmel zelebriert.

Diese Episode war die dritte, die Kauka als „Siggi und die Ostgoten“ veröffentlicht: nach „Siggi und die goldene Sichel“ („Die goldene Sichel“) und „Kampf um Rom“ („Asterix als Gladiator“) sowie noch gefolgt von „Siggi der Unverwüstliche“ („Asterix der Gallier“, alle 1965-1966). Deutlich wird bereits an den Titeln, dass er die weltweit sicher stärkste Umdeutung des Originalcomics vornahm. Denn getreu der zeitgenössischen Manier, importiertes Comic-Material einem vorgestellten deutschen Leserhorizont anzupassen, machen die Texter aus den drolligen Galliern wackere Germanen mit Namen Siggi und Babarras, die im rheinischen „Bonnahalla“ den Besatzern in „NATOlien“ tapfer die Stirn bieten, unterstützt von einem „Hexenmeister Konradin“ in Anspielung auf den ersten Kanzler der jungen Bundesrepublik, Konrad Adenauer, zu dem der Druide Miraculix mutiert war.

Siggi-Seite. Quelle: https://i0.wp.com/comic.highlightzone.de/wp-content/uploads/2019/10/Spider-Man3.jpg

Die römischen Feinde reden sich übrigens mit „Boys“ an und kommen sprachlich auch sonst recht angloamerikanisch daher: „You forget wohl, dass we are the winner“. Die Kritik an der Bonner Republik war überdeutlich: Kauka sei „deutschnational und stockreaktionär“, so Matthias Heine in der Welt. Im schwierigen Prozess des sprachlichen und kulturellen Transfers einer Übersetzung des Comics wurde durch nationaldeutsche, xenophobe und teilweise antisemitische Interpretationen aus der Eindeutschung eine mitunter witzlose Germanisierung. Der geldgierige Bösewicht der Sichelschieberbande sprach mit jiddischem Akzent, und über Babarras’ Hinkelstein sagt Siggi etwa: „Musst du denn ewig diesen Schuldkomplex mit rumschleppen? Germanien braucht deine Kraft wie nie zuvor.“ Aus dem Hinkelstein war eine Auschwitzkeule geworden.

In der verfälschenden Kauka-Übersetzung wurden in Anlehnung an die deutsch-deutsche Teilung auch noch allzu offensichtlich die Westgoten zu Westdeutschen und die Ostgoten zu Ostdeutschen umgeschrieben: Sie sprachen mit sächsischem Dialekt, redeten sich mit „Genosse“ an und sprachen in ihren Sprechblasen mit roter Antiqua. Goscinny und Uderzo hatten sich ursprünglich für die gotische Schrift, die Fraktur, entschieden, um die Sprache vom Gallischen und Römischen, der Normalschrift Antiqua, abzugrenzen.

Außerdem wurde bei den gotischen Namen aus dem Suffix –ix ein –ik: Cholerik, Holperik, Elektrik, Lyrik, Mickerik, Rhetorik usw. In Anlehnung an die damalige DDR-Nomenklatur hießen ihre Führer und Agenten aber Hulberick (nach Walter Ulbricht), Stooferick (Willy Stoph) oder Benjaminick (Hilde Benjamin). Das Missionsziel von Häuptling Hullberick las sich so: „Mir ham den besten westgot‘schen Druiden zu kaschen und zurück ower die Grenze zu bringen, vorschtand‘n! Mit seinen Kunststückchen muß‘r uns dann bei der Invasion nach Bonnhalla gegen die Kapitalisten helfen.“

Bussi-Bär. Quelle: https://www.booklooker.de/B%C3%BCcher/Rolf-Kauka+Bussi-B%C3%A4r-Nr-04-1992/id/A02gGN2g01ZZe

Die Übersetzung führte zu einer politischen Debatte und dazu, dass der Comic der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften vorgelegt wurde – ohne Ergebnis. Schließlich wurden auch Uderzo und Goscinny auf die zu offensichtliche „Germanisierung“ aufmerksam. „Wir kauften uns eine Ausgabe, und dann ist uns der Himmel wirklich auf den Kopf gefallen“, erinnert sich Uderzo. Auf sein und Goscinnys Betreiben kündigte der Verlag den Vertrag mit Kauka, der seitdem als stockkonservativ gilt.

„nobel oder kleinkariert“

Zu Kaukas Hochzeiten erschienen bis zu zwölf verschiedene Zeitschriften, darunter das Vorschulheft Bussi Bär, das in zehn Sprachen übersetzt wurde. Kauka verkaufte seine Comics nicht nur in mehreren Ländern Europas, sondern auch in Mexiko und Brasilien. Neben Fix und Foxi wurden legendär das Pauli-Universum aus Maulwurfshausen, das Tom-und-Biberherz- sowie das Mischa-im-Weltraum-Universum sowie die Pichelsteiner. Er sagt von sich selbst, dass er die Figuren entwerfe und deren Charakter konzipiere. Gleichzeitig dürfe der Leser nicht merken, wenn unterschiedliche Zeichner am Werk sind.

Kauka zieht mit Studio und Familie in ein Schlösschen in den vornehmen Münchener Vorstadtort Grünwald, wo er wie ein Despot regiert. Sein langjähriger Mitarbeiter Peter Wiechmann erinnert sich im WDR: „Er war in einem Atemzug nobel oder kleinkariert. Stimmungsumschwünge waren an der Tagesordnung. Es war immer ein Wechselbad der Gefühle, mit ihm zusammen zu arbeiten.“ 1966 erwirbt er Gut Eichenhof bei Freising. 1973 verkauft er seine Comic-Fabrik für damals ungeheuerliche 28 Millionen Mark an den Pabel-Moewig-Verlag, war aber klug genug, die Rechte an den beiden Figuren Fix und Foxi zu behalten – was ihm jährlich eine weitere Million brachte.

Kaukas Fram in Georgia. Quelle: https://www.farmflip.com/farm/34967

Zwei Jahre später gründete er die Kauka Comic Akademie, eine Schule für Comic-Autoren. 1982 verkauft er Gut Eichenhof wieder und lässt sich nicht zuletzt aus Klima- und Gesundheitsgründen mit seiner vierten Ehefrau Alexandra auf der 2 000 Hektar großen Chinquapin-Plantation nordwestlich von Thomasville im Süden Georgias nieder. Er bezeichnete sich nun schlicht als Forstwirt: Er pflanze Bäume an und verkaufe Holz. Von seinem mediterranen Herrenhaus, auf dem seine Comicfigur Lupo als Wetterhahn thronte, fuhr er jeden Tag hinaus zu seinem Fluss, dem Pine Creek, um mit großen Fleischbrocken seine Alligatoren zu füttern, von denen er einen „Caligula” nannte. Kauka verfasste in den 80er Jahren auch zwei Science-Fiction-Romane, darunter „Roter Samstag“, in dem er zum Unmut der Kritik den Dritten Weltkrieg durchspielte.

Mit der 1982 aus dem Kauka Verlag hervorgegangenen Promedia Inc. gründete Kauka eine Verwaltungsgesellschaft für seine Comics und widmete sich fortan der Umsetzung von Fix und Foxi in eine Zeichentrickserie, die erstmals im Februar 2000 im Fernsehen lief, zunächst im Ersten, später im KiKa. 1998 wurde Rolf Kauka für sein Werk mit dem Bundesverdienstkreuz gewürdigt. Die Kauka Promedia Inc. leitete er bis Ende 1999 selbst und übergab dann die Geschäftsführung an Alexandra, in deren Armen er dann auf seiner Plantage starb. Sie versucht bis heute diverse Nach- und Neuauflagen vieler legendärer Kauka-Figuren zu initiieren: So hat die magnussoft deutschland GmbH ab 2007 mehrere Computerspiele mit Fix und Foxi auf den Markt gebracht.

Grünwalder KiTa. Quelle: https://www.facebook.com/fixundfoxicomic/photos/a.220632911319342/541785389204091/

Dennoch: „Der lange Todeskampf von Fix & Foxi ist ein Zeichen für einen Umbruch in der Lesekultur, der sich schon lange angekündigt hat. Das Heft um die beiden frühpubertären Füchse lief eigentlich nur in den Sechzigern und Siebziger wirklich gut … Zuletzt wurden 18.000 gedruckt und längst nicht komplett abgesetzt“, so Thomas Lindemann in der Welt. 2007 verlieh das Münchener Comicfestival Rolf Kauka postum den Comicpreis PENG! für sein Lebenswerk, Alexandra nahm den Preis entgegen. Die Gemeinde Grünwald, die lange Zeit Kaukas Wohn- und Verlagssitz war, eröffnete 2014 zu seinen Ehren die neue Kinderkrippe „Fix und Foxi“ auf dem Gelände des Grünwalder Freizeitparks. Im September 2017 erschien bei der Deutschen Post eine Sondermarke mit einem Fix-und-Foxi-Motiv. Die Straße zu seiner Farm in den USA heißt bis heute Kauka Lane.

Seinen Namen tragen hierzulande nicht nur die SOS-Kinderdörfer, sondern auch weit über 100 Schulen. Der Deutsche Basketball Bund spielt in Erinnerung an ihn jedes zweite Jahr im Frühjahr in Mannheim einen Pokal für Jugend-Nationalmannschaften aus. Eine Dokumentation über ihn erhielt 1958 den ersten Oscar als Bester Dokumentarfilm. Daneben reformierte er den Orgelbau; auf seine Vorstellungen gingen die Instrumente in St. Reinoldi (Dortmund 1909) und Sankt Michaelis (Hamburg 1912) zurück. Und fast nebenbei erfand er den konvexen „Rundbogen“, dessen Haare beim Geigenspiel so entspannt werden können, dass ein gleichzeitiges Anstreichen aller Saiten möglich ist: Albert Schweitzer. Der Universalist starb am 4. September 1965 in Gabun.

Geboren am 14. Januar 1875 in Kaysersberg im Elsass, wuchs er im Pfarrhaus des oberelsässischen Günzbach – dem heutigen Gunsbach – auf, wo sein Vater Dorfpfarrer war. Das Hochdeutsche erlernte Schweitzer erst in der Schule, Deutsch und Französisch beherrschte er fast gleich gut. Im Alter von 17 Jahren gab er in Mühlhausen – dem heutigen Mulhouse – sein erstes Orgelkonzert. Ab 1893 studierte er an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität in Straßburg Theologie und Philosophie und ließ sich zugleich in Paris von Charles-Marie Widor zum Organisten ausbilden.

1894/1895 leistete Schweitzer sein Militärjahr beim Infanterieregiment 143 in der Manteuffel-Kaserne in Straßburg und fasste an Pfingsten 1896 den Entschluss, ab seinem 30. Lebensjahr einen Beruf auszuüben, mit dem er den Menschen helfen wolle. Er setzte das Studium der Philosophie und der Musik in Paris fort, ab 1899 in Berlin, wo er in Philosophie promovierte. 1900 wurde er mit einer Arbeit über das Abendmahl zum Doktor der Theologie promoviert und als Vikar an der Nikolaikirche eingesetzt. 1902 erfolgte an der Universität Straßburg die Habilitation in Evangelischer Theologie, damit wurde er Dozent für Theologie an der Universität. In seinem großen Buch über Johann Sebastian Bach (1905/1908) zeichnete er Bach als Dichter und Maler in Tönen. Auch als Herausgeber der Orgelwerke Bachs gemeinsam mit Widor erwarb er sich 1912/13 große Verdienste.

Albert Schweitzer. Quelle: https://www.welt.de/gesundheit/article117999649/Rettung-fuer-Albert-Schweitzers-Urwaldklinik.html#cs-Albert-Schweitzer-Holds-Two-Newborn-Infants-At-Lambarene-2.jpg

Von 1905 bis 1913 studierte Albert Schweitzer Medizin in Straßburg mit dem Ziel, in Französisch-Äquatorialafrika als Missionsarzt tätig zu werden. Die Immatrikulation war jedoch sehr kompliziert, da er ja bereits Dozent an der Universität war. Erst eine Sondergenehmigung der Regierung machte das Studium möglich. 1912 wurde er als Arzt approbiert, im gleichen Jahr wurde ihm der Titel eines Professors für Theologie verliehen auf Grund seiner „anerkennenswerten wissenschaftlichen Leistungen“. In diesem Jahr heiratete er auch Helene Bresslau, die Tochter des jüdischen Historikers Harry Bresslau, und hat mit ihr eine Tochter. 1913 erschien seine „Geschichte der Leben-Jesu-Forschung“, im selben Jahr folgte seine medizinische Doktorarbeit. Somit war er im Alter von 38 Jahren, bevor er nach Afrika ging, in drei verschiedenen Fächern promoviert, habilitiert und Professor.

„Humanisierung des Krieges“

Noch 1913 reiste Albert Schweitzer mit Helene nach Afrika und gründete auf dem Gelände der Pariser evangelischen Mission in Andende – einem Stadtteil von Lambaréné in Gabun – sein erstes Spital. Er begann in einem alten Hühnerstall, den er bald in einen Operationssaal umwandelte, fügte dann kleine Bambuspavillons für die Kranken an. Seine Frau wirkte als Verwalterin und Krankenschwester, ein Einheimischer assistierte ihr und diente als Dolmetscher. Wegen des weitverzweigten Flussnetzes war der Ort aus allen Himmelsrichtungen erreichbar. Nach der Fertigstellung des Krankenhausbaus konnte er ans andere Flussufer, nach Lambarene, umziehen.

1915 benutzte Schweitzer nach einer Schifffahrt auf dem Fluss Ogove erstmals den für sein weiteres Leben zentralen Begriff der „Ehrfurcht vor dem Leben“; darin sah er zusammengefasst das „Grundprinzip des Sittlichen: Gut ist: Leben erhalten, Leben fördern, entwicklungsfähiges Leben auf seinen höchsten Wert bringen. Böse ist: Leben vernichten, Leben schädigen, entwickelbares Leben niederhalten“. Dieses Grundprinzip sei denknotwendig, absolut und universal, Ausgangspunkt dieses Denkens ist ihm die Erkenntnis: „Ich bin Leben, das leben will inmitten von Leben, das leben will“. Der Erste Weltkrieg machte einen weiteren Ausbau seiner Krankenstation unmöglich, 1917 wurde Schweitzer wegen seiner deutschen Staatsbürgerschaft als Zivilinternierter nach Südfrankreich interniert.

Bei einer Behandlung. Quelle: https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/albert-schweitzer-ein-leben-fuer-afrika-12278990/der-urwalddoktor-albert-12279847.html

1918 konnte er nach Straßburg zurückkehren, nahm die französische Staatsbürgerschaft an (obwohl er sich selbst gern als „Weltbürger“ bezeichnete) und arbeitete dort als Arzt und Vikar an der Nikolaikirche. Durch Vorträge, Bücher und Orgelkonzerte gelang es ihm, weitere Finanzmittel einzutreiben. 1924 kehrte er nach Afrika zurück, wo er nun ein größeres Krankenhaus bauen konnte. Bald wurde die Raumnot aber wieder zu groß, und er begann, drei Kilometer oberhalb der Missionsstation seine dritte Krankenstation zu bauen. Das 1927 bezogene neue Spital Lambaréné bot mehr als 200 Patienten Platz, europäische Ärzte und Krankenschwestern unterstützten Schweitzer. Im Zweiten Weltkrieg blieb die Einrichtung aufgrund ihrer weltweiten Bekanntheit unzerstört. Er führte jahrzehntelang ein zweigeteiltes Leben: Der Arbeit in seinem Hospital standen längere Aufenthalte in Europa gegenüber, während denen er Konzerte gab, Vorträge hielt und Bücher schrieb – 27 waren es am Ende.

1928 erhielt Schweitzer den Goethepreis der Stadt Frankfurt; mit dem Preisgeld ließ er in Günzbach ein neues Haus bauen, in dem er dann während seiner Aufenthalte in Europa lebte. In seiner Rede zum 100. Todestag Johann Wolfgang von Goethes 1932 in Frankfurt warnte Schweitzer vor den Gefahren des aufkommenden Nationalsozialismus. Versuchen von Joseph Goebbels, den in Lambaréné weilenden Schweitzer einzuladen und für die NS-Ideologie zu gewinnen, erteilte er auf die „mit deutschem Gruß“ geschlossene Anfrage „mit zentralafrikanischem Gruß“ eine höfliche Absage. 1949 unternahm Schweitzer seine erste Reise in die USA, wo man in ihm „den größten Mann des Jahrhunderts“ sah. 1951 wurde Schweitzer mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Lambarene heute. Quelle: https://www.tagesspiegel.de/images/schweitzer3/8447766/2-format3001.jpg

Für 1952 erhielt er 1953 den Friedensnobelpreis – mit dem Preisgeld errichtete er ein Lepradorf in Lambaréné. In seiner erst 1954 gehaltenen Dankesrede sprach sich Schweitzer deutlich für eine generelle Verwerfung von Krieg aus: „Krieg macht uns der Unmenschlichkeit schuldig“, „zitiert“ er Erasmus von Rotterdam. Infolge der Genfer Konvention von 1864 und der Gründung des Roten Kreuzes sei es zu einer „Humanisierung des Krieges“ gekommen, die dazu geführt hätte, dass die Menschen 1914 den beginnenden Ersten Weltkrieg nicht in der Weise ernst genommen hatten, wie sie dies hätten tun sollen. 1955 bekam er den Orden „Pour le mérite“ in der Friedensklasse, hinzu kamen Ehrendoktorwürden zahlreicher Universitäten.

Arzt und Atomkriegsgegner

Zum Teil wurden Schweitzer rassistische, paternalistische und pro-kolonialistische Einstellungen vorgeworfen. So kritisierte er die Unabhängigkeit von Gabun, weil das Land dafür noch nicht bereit sei. Chinua Achebe berichtete, dass Schweitzer gesagt habe, Afrikaner seien seine Brüder, jedoch seine „jüngeren Brüder“. Der amerikanische Journalist John Gunther besuchte Lambaréné in den 1950ern und kritisierte Schweitzers paternalistische Einstellung gegenüber Afrikanern: Diese würden dort nicht als Fachkräfte eingesetzt. „Mein Vater kam mir immer wie ein Patriarch im Alten Testament vor, mit seiner Sippe von schwarzen und weißen Menschen“, erinnert sich seine Tochter an ihre Aufenthalte in dem Hospital. „Und obwohl er unerbittlich sein konnte über die Art, in der er etwas getan haben wollte, nahm man das hin, denn er hatte dieses Lambaréné geschaffen.“

Aufsehen lösten 1957 drei vom Rundfunk in Oslo ausgestrahlte Reden aus, in der er gegen die Kernwaffenversuche auftrat und zur Vernunft angesichts der atomaren Weltgefahr mahnte; sie erschienen als Buch unter dem Titel „Friede oder Atomkrieg“ und wurden in viele Sprachen übersetzt. Immer größer wurde seine Wirksamkeit im europäischen Kulturleben durch Orgelkonzerte, Vorträge und Reden; seine ethischen Impulse wurden nicht nur im europäischen Raum, sondern in der ganzen Welt gehört und gewürdigt. Nach dem Abschluss des Versuchsstoppabkommens im Jahr 1963 beglückwünschte Schweitzer John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow brieflich zu ihrem „Mut und Weitblick, eine Politik des Friedens einzuleiten“. Allerdings protestierte er im selben Jahr noch einmal öffentlich gegen die nach dem Vertrag weiterhin erlaubten unterirdischen Kernwaffentests.

Anti-Atom-Plakat BRD 1958. Quelle: https://www.hdg.de/lemo/bestand/objekt/plakat-albert-schweitzer-gegen-atomwaffen.html

1957 starb seine Frau. Ende der 1950er Jahre wich die Verehrung Schweitzers einer kritischen Bestandsaufnahme seines Hospitals. Viele kritische Äußerungen richteten sich vordergründig gegen Schweitzers Tätigkeit in Lambaréné, zielten aber offensichtlich auf die Diskreditierung seines öffentlichen Ansehens als Friedensnobelpreisträger im Zusammenhang mit seinem Engagement gegen die Atomrüstung. Theodor Heuss, den er noch aus seiner Jugendzeit kannte und den er bei dessen Heirat getraut hatte, beanstandete Schweitzers Briefwechsel mit Walter Ulbricht und die Kontakte mit der Deutschen Friedens Union DFU. Parallel dazu erhielt er die Ehrendoktorwürde der Universitäten Münster und Braunschweig und ist seit 1959 Ehrenbürger der Stadt Frankfurt am Main.

1964, ein Jahr vor seinem Tode, übertrug Schweitzer, inzwischen überzeugten Veganer, die ärztliche Leitung des Spitals dem Schweizer Arzt Walter Munz. Immer noch kamen hunderte Patienten täglich. Anfang 1965 besuchten den Mann mit dem markanten Schnauzbart anlässlich seines 90. Geburtstages zahlreiche Repräsentanten aus aller Welt in seinem Krankenhaus in Afrika. Begraben wurde er neben seiner Frau. Drei Monate tanzten Afrikaner immer wieder Totentänze, um den Menschen im Jenseits zu zeigen, was für ein bedeutender Mann zu ihnen kommt – Totentänze dauerten sonst kaum eine Woche. Das Krankenhaus – heute eine Siedlung mit über 1000 Menschen – ging später auf die Schweitzer-Stiftung über. Im Wohnhaus Schweitzers in Günsbach wurden ab 1967 Archiv und Museum eingerichtet. Heute befinden sich hier tausende Briefe und viele Manuskripte seiner veröffentlichten und unveröffentlichten Bücher und Predigten, daneben Dias, Filme, Tonband- und Videokassetten, Tonbänder und Schallplatten mit seinen musikalischen Aufnahmen.

„Sühne zu leisten“

In diesem Jahrtausend nahm die Kritik post mortem an Schweitzer erneut zu. André Audoynaud, sein ärztlicher Direktor Anfang der Sechziger Jahre, kritisierte, Schweitzer habe sein Hospital trotz hoher Spenden nicht modernisiert und unelektrifiziert gelassen, unhygienische und krankheitsfördernde Zustände mit der Begründung von Tierliebe geduldet, Symptomkuriererei betrieben und blind das europäische Modell der Krankenversorgung übertragen. Überdies habe er einen kolonialen Führungsstil gepflegt, schwarze Angehörige von Erkrankten zu Fronarbeit gezwungen und geschlagen. Er sei – dem 19. Jahrhundert verhaftet – in Afrika ein Fremder geblieben, habe trotz großer Unterstützung wenig bewirkt, sich aber medienwirksam mit fremden Federn geschmückt.

Schweitzer beim Orgelspiel. Quelle: https://germanculture.com.ua/wp-content/uploads/2018/02/Dr.-Albert-Schweitzer-Playing-The-Organ-In-1952-e1518744759496.jpg

Diese Kritik wurde allerdings erst 2005 veröffentlicht; es gibt so gut wie keine Augenzeugen mehr, um die Vorwürfe zu überprüfen. Einzelne Vorwürfe können zudem widerlegt werden: Im dokumentarischen Film „Albert Schweitzer“ bereitet sich ein schwarzer Mediziner auf eine Operation vor. Zumindest im Jahre 1964 war der Operationssaal mit einem Generator versehen und mit elektrischen Operationsleuchten ausgestattet. In seiner 2009 erschienenen Biographie über Albert Schweitzer bezeichnete ihn der Theologe Nils Ole Oermann als einen „Meister der Selbstinszenierung“, ohne jedoch die großen Leistungen Schweitzers zu leugnen.

„Er war ein ruhiger Mensch, mit einem Sinn für trockenen Humor, doch er konnte auch zornig werden“, erinnerte sich Ary Van Wijnen 2009, einer seiner medizinischen Direktoren. „Er war eine starke Persönlichkeit und ein kleiner Diktator – aber nicht im schlechten Sinne. Er konnte gut zuhören, man konnte mit ihm diskutieren und ihn dabei auch überzeugen.“ Van Wijnen gab zu, dass er für einige Menschen „fast wie ein Heiliger“ war und man ihn zu viel herausgestellt habe. Dennoch sei er „sehr sensibler Mensch“ gewesen: „Er hat auch geschrieben, wir sind nicht nur in Afrika, um zu entdecken, sondern um etwas Gutes zu tun und damit Sühne zu leisten.“ Schweitzers Jugenderinnerungen bezeichnete Hermann Hesse als „beste Jugenderinnerung im deutschen Sprachraum“.

Auf den ersten Blick haben Amazon-Chef Jeff Bezos, Architekt Friedensreich Hundertwasser, Schauspielerin Heike Makatsch, Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez und Wikipedia-Mitgründer Jimmy Wales gar nichts miteinander zu tun. Auf den zweiten schon: sie alle sind Absolventen von Montessori-Schulen. So ganz falsch kann sie also doch nicht sein, die „Pädagogik vom Kinde her“, wie das reformpädagogische Experiment gern zusammengefasst wird. Seine Urheberin Maria Montessori wurde am 31. August 1870 in Chiaravalle in der Provinz Ancona als einziges Kind einer klassischen Bürgerfamilie geboren, die fünf Jahre nach der Geburt nach Rom umzieht.

Ihr Großonkel war der katholische Theologe und Geologe Antonio Stoppani, aus dessen Theorie zur Verbindung von Theologie und Naturwissenschaften Maria ihre „kosmische Erziehung“ entwickeln sollte. Schon in ihrer Schulzeit interessierte sie sich für Naturwissenschaften und besuchte daher – gegen den Widerstand ihres konservativen Vaters, eines Finanzbeamten – eine technische Oberschule. Nach ihrer Ablehnung für ein Medizinstudium studierte sie an der Universität Rom von 1890 bis 1892 zunächst Naturwissenschaften, bevor es ihr nach ihrem ersten Hochschulabschluss doch gelingt, Medizin zu studieren. Sie musste viel Kritik und Diskriminierungen über sich ergehen lassen, zum Beispiel durfte sie beim Sezieren der Leichen nicht mit Männern in einem Raum sein, was zur Folge hatte, dass sie abends und allein im Anatomiesaal arbeitete. Da sie den Geruch dort widerlich fand, soll sie kurzerhand einen Mann angeheuert haben, der abends mit ihr dort saß und Zigarre rauchte. Aufgrund ihrer Leistungen bekam sie verschiedene Stipendien, mit denen sie ihr Studium ganz alleine finanzierte.

Maria Montessori. Quelle: https://www.montessori-dietramszell.de/paedagogik/maria-montessori/

Während des Studiums war Montessori als Assistentin, später Assistenzärztin an psychiatrischen Kliniken in Rom tätig. Sie spezialisierte sich auf Kinderheilkunde und interessierte sich für die nur notdürftig versorgten geistig behinderten Kinder. Von deren würdelosen und verwahrlosten Zustand tief bewegt, bemühte sie sich um Abhilfe. Überzeugt, dass die Behandlung der „Schwachsinnigen“ oder „Idioten“ kein medizinisches, sondern ein pädagogisches Problem ist, forderte die die Einrichtung spezieller Schulen für die betroffenen Kinder. Als sie kurz vor Ende ihres Studiums einen Vortrag hielt, dem auch ihr Vater lauschte, und donnernden Applaus erhielt, fanden beide wieder zusammen, denn er hatte das Medizinstudium seiner Tochter abgelehnt. Jahre später, zu Marias 30. Geburtstag, schenkte er ihr sogar ein Buch, in das er alle Zeitungsartikel über sie und ihre Arbeit eingeklebt hatte – es waren mehr als 200.

Geburtsstunde der Inklusion

1896 promovierte sie als eine der ersten Ärztinnen Italiens an der Universität Rom über „Antagonistische Halluzinationen“ im Fach Psychiatrie und ließ sich in einer eigenen Praxis nieder. Sie begegnet ihrem Kollegen Giuseppe Montesano – die Beziehung wird einen langen Schatten auf ihre Biografie werfen. Ihr erstes Kind hat Montessori abtreiben lassen, um ihre Karriere nicht zu gefährden. 1898 bekommt sie mit Guiseppe unehelich ihren Sohn Mario und erhält 1899 vom italienischen Erziehungsminister den Auftrag, vor Lehrerinnen in Rom eine Vortragsreihe über die Erziehung geistig behinderter Kinder zu halten. Aus diesem Kurs ging die Scuola magistrale ortofrenica („Heilpädagogisches Institut“) hervor, die sie als Direktorin zwei Jahre leitete und für die sie spezielle didaktische Materialien zum Sprach- und Mathematikunterricht entwickelte. Montesano gehört zum Kollegium, beide gelten als Paar – obwohl Montesano schließlich eine andere Frau heiratet.

Er willigt ein, dass Mario seinen Familiennamen bekommt, verlangt dafür aber die Geheimhaltung der Existenz des Kindes. So wuchs Mario in einer Pflegefamilie auf und wurde von Montessori erst 1913 zu sich genommen. Erst als er über 40 Jahre alt war, bekannte sich Maria zu ihm als seine Mutter. Er diente ihr bis zu ihrem Tode als Sekretär. Ihr eigenes Kind nicht selbst erziehen zu können war vielleicht ein Grund, warum sie sich so sehr um die bestmögliche Erziehung aller Kinder bemühte. Hier ähnelt sie Rousseau, der seine Kinder ins Findelhaus brachte, um ungestört Bücher über Erziehung zu schreiben.

Mit Sohn in Indien. Quelle: https://montessori-aare.ch/lebenskette-maria-montessori/

1901 verließ Montessori menschlich enttäuscht das Institut und nahm ein weiteres Studium der Anthropologie, Psychologie und Erziehungsphilosophie auf. Am 6. Januar 1907 übernahm sie im neugegründeten Casa dei Bambini, eine Tagesstätte für Kinder aus sozial schwachen Familien, im römischen Arbeiterbezirk San Lorenzo die wissenschaftliche Leitung. Sie hatte beobachtet, dass die pädagogisch aufbereiteten Materialien den Kindern mit Behinderungen so sehr halfen, dass einige von ihnen genauso gut in der Schule abschnitten wie nicht Nichtbehinderte, die keine Förderung erhielten. „Warum sollten dann nicht auch diese normalen Kinder, wenn man die gleichen Methoden bei Ihnen anwendete, zu einer viel günstigeren Entwicklung angeregt werden als in jenen Schulen, in denen alle Freude der Kinder am Lernen erstickt wurde?“ Das kann man im Nachhinein auch als Geburtsstunde der Inklusion sehen.

„sich zu offenbaren

Aus den in dieser Zeit gemachten Erfahrungen entwickelte sie die Montessori-Methode, die sie erstmals in „Il metodo della pedagogia scientifica“ (1909) sowie „L’autoeducazione“ (1916) darlegte und ständig erweiterte. Sie beruht auf dem Bild des Kindes als „Baumeister seines Selbst“ und kann insofern als experimentell bezeichnet werden, als die Beobachtung des Kindes den Lehrenden dazu führen soll, geeignete didaktische Techniken anzuwenden, um den Lernprozess optimal zu fördern. Als Grundgedanke der Montessoripädagogik gilt die Aufforderung „Hilf mir, es selbst zu tun“. Das bedeutet einen Paradigmenwechsel von der Lehrer- zur Kindorientierung: „Die Aufgabe der Umgebung ist nicht, das Kind zu formen, sondern ihm zu erlauben, sich zu offenbaren.“ Montessori glaubte, dass sowohl Belohnungen als auch Strafen schädlich sind für die innere Einstellung des Menschen, dass Kinder ganz natürlich aus ihrer eigenen Motivation lernen wollen.

Die Montessorimethode konzentriert sich als Pädagogik auf die Bedürfnisse, Talente und Begabungen des einzelnen Kindes, das dazu ermutigt wird, das Tempo, das Thema und die Wiederholung der Lektionen selbstständig zu steuern. Das Leitmotiv der Methode ist die Pflege der natürlichen Freude des Kindes am Lernen, die einen Kernbestandteil des Wesens eines jeden Kindes darstelle und zur Entwicklung einer in sich ruhenden und ausgeglichenen Persönlichkeit führe. Kinder, die in ihrem eigenen Rhythmus und den eigenen Interessen folgend lernen, erleben Selbstvertrauen und Selbstständigkeit und verinnerlichen das Gelernte so am besten. Selbstständigkeit wird durch die Arbeiten des täglichen Lebens (Fähigkeiten, die direkt im praktischen Leben anwendbar sind) unterstützt.

Montessori und Mussolini. Quelle: https://www.orderisda.org/wp-content/uploads/2019/03/Maria-and-Mussolini.jpg

Dazu entwickelte sie ein eigenes entwicklungspsychologisches Dreiphasenmodell kindlicher Entwicklung, die Didaktik der „Drei-Stufen-Lektion“ und das Konzept der „vorbereiteten Umgebung“ mit selbst entworfenen Materialien in fünf Lernbereichen. Entsprechend ihrem bildungstheoretischen Modell der „Kosmischen Erziehung“ geht es um die pädagogische Umsetzung einer schon im antiken Griechenland vertretenen Vorstellung, dass der Mensch als Mikrokosmos Teil eines kosmischen Ganzen, des Makrokosmos, ist und dass seine „Schöpfungsaufgabe“ darin besteht, an der Realisierung eines universellen „kosmischen Plans“ mitzuwirken.

widerspruchsfreie Weltkultur

Kritisiert wird an dem Konzept bis heute, dass Montessori keinerlei wissenschaftliche Systematik ausgearbeitet habe und nicht über einen positivistischen, von missionarischem Pathos getragenen Eklektizismus hinausgekommen sei, wie Erwin Hufnagel befindet. Nach Helmut Lukesch sind Maria Montessoris „altbackene und allenfalls alltagspsychologische Ausführungen mit dem Stand des heutigen entwicklungspsychologischen oder pädagogisch-psychologischen Wissens nicht in Übereinstimmung zu bringen“ Aus ihren im Einzelfall anregenden „Ideen“ eine zusammenhängende „Montessori-Methode“ abzuleiten, sei „wirklichkeitsfremd“.

Dabei muss das Konzept der vorbereiteten Umgebung als Grundlage von Montessoris Forderung nach einer soziopsychischen Hygiene der gesamten Gesellschaft verstanden werden. Denn es ist nach Montessori nicht genug, einzelne Kinder in ihren Verhaltensweisen zu beeinflussen, sondern sie fordert die „Normalisierung“ der gesamten Population durch diese Hygiene, das Entfernen schädlicher Einflüsse auf die Kinder. Dieser Ansatz einer homogen gestalteten Umwelt führt in Konsequenz nicht nur zu einer Gesellschaft, welche die individuellen Ausprägungen der Kinder dämpft, sondern auch zu einer uniformen, widerspruchsfreien Weltkultur.

Montessori-Material. Quelle: https://www.pinterest.de/pin/581034789395190369/

Und genau das machte sie problemlos anschließbar an den Faschismus Mussolinis – der nach einer Begegnung mit ihr 1924 die Montessori-Methode an allen italienischen Schulen einführte. Durch diese Protektion wurde die italienische Montessori-Gesellschaft von der faschistischen Regierung unterstützt. Die Entfremdung Montessoris gegenüber der faschistischen Regierung setzte erst 1934 ein, als das Regime immer mehr versuchte, sich in die tägliche Arbeit an den Montessori-Schulen einzumischen, beispielsweise durch das Gebot des Uniformtragens.

Doch da hatte ihr Konzept bereits weltweite Verbreitung gefunden. Ab 1913 entwickelte sich in Nordamerika ein starkes Interesse an ihren Erziehungsmethoden, das später erlahmte und ab 1960 mit der Gründung der Amerikanischen Montessori-Gesellschaft wieder aufflammte. In Deutschland hatte in den 1920er Jahren vor allem Clara Grunwald die Montessori-Pädagogik bekannt gemacht und verbreitet. Das erste Montessori-Kinderhaus in Österreich wurde 1917 von Franziskanerinnen in Wien gegründet.

Seit 1916 in Barcelona lebend, wo sie eine Ausbildungsstätte für ihre Pädagogik einrichtet, reiste sie viel, hielt Vorträge und veröffentlichte ihre großen Werke, etwa „Dr. Montessoris Own Handbook“ sowie „The Secret of Childhood“ („Kinder sind anders“). Vor dem Bürgerkrieg in Spanien floh sie 1936 nach Amsterdam und nach Ausbruch des zweiten Weltkrieges nach Indien, wo sie von 1939 bis 1946 mit ihrem Sohn Mario lebte, teilweise von den Briten interniert. Sie baut eine starke indische Montessori-Bewegung und ein großes Netzwerk auf, erlebte aber aus der Ferne zugleich, dass alle Montessori-Einrichtungen in Italien, Spanien, Russland, Österreich und Deutschland geschlossen wurden.

Verkehrserziehung als Anwendungsfeld

Sie kam erst 1949 endgültig nach Europa zurück und ließ sich in den Niederlanden nieder, wo sich heute auch der Hauptsitz der von ihr 1929 gegründeten Association Montessori Internationale (AMI) befindet. Ihr letztes großes Werk „The Absorbent Mind („Das kreative Kind – der absorbierende Geist“) erschien 1949 erstmals in Indien und entstand wie die meisten ihrer Bücher aus einer Sammlung von Vorträgen, die sie selbst hielt und deren Mitschriften von ihrem Sohn Mario stammten. Sie starb am 6. Mai 1952 in Noordwijk aan Zee.

Grab in Nordwijk. Quelle: https://montessori-aare.ch/lebenskette-maria-montessori/

Eine Reihe nationaler Montessori-Gesellschaften, die bestimmte Qualitätskriterien erfüllen, sind heute der AMI angeschlossen. Darüber hinaus gibt es eine Reihe nationaler und internationaler Montessori-Vereinigungen, die unabhängig von der AMI sind und sich in Deutung, Umsetzung und Qualitätsverständnis der Montessoripädagogik von der AMI unterscheiden. Nach Schätzungen der AMI existierten 2011 in 110 Ländern der Welt rund 22 000 Montessori-Einrichtungen. In Deutschland arbeiteten 2009 über 600 Kitas nach den Prinzipien der Montessoripädagogik. Ende 2012 gab es 225 Montessori-Grund- und 156 Sekundarschulen, die meisten in freier Trägerschaft.

Schulübergreifend spielt ihre Pädagogik heute noch in der Verkehrserziehung eine Rolle. Die Kinder werden allerdings nicht nur mit pädagogisch präparierten Lehrmaterialien versorgt, sondern zur Entwicklung eigenen Spielzeugs angeleitet. Dies geschieht etwa in Form der Gestaltung eines eigenen Schulwegspiels, das die Kinder als Brettspiel auf der Basis ihrer begleiteten Schulwegerkundungen selbst entwerfen und herstellen dürfen. Denn die Schüler sollen lernen, altersgerecht für sich und die Verkehrssicherheit mit Verantwortung zu übernehmen, bspw. beim Fahrradfahren, nicht aber als „unfertige Erwachsene“ behandelt und im Verkehrsleben bevormundet und entmündigt werden, in dem sie sich etwa im Elterntaxi zur Schule kutschieren lassen. Das kann man doch glatt gut finden.

Es gibt Medienikonen, die trotz unbekannter Personen wirken, etwa Jewgeni Chaldejs Schnappschuss der gerade durch Sowjetsoldaten gehissten Flagge auf dem Berliner Reichstag. Es gibt natürlich auch Medienikonen, die wegen bekannter Personen wirken, wie Sam Shaws Standfotografie Marilyn Monroes aus den Dreharbeiten zu „Das verflixte siebte Jahr“, auf der ihr weißes Kleid durch den Luftzug eines U-Bahn-Schachts angehoben wird. Und es gibt Medienikonen, die allein wegen ihres verfremdeten Motivs wirken. Der nackte Frauenrücken seiner Geliebten Kiki von Montparnasse mit zwei Celloöffnungen von 1924, „Le violon d‘Ingres“, das als wohl bekanntestes Surrealistenfoto gilt, gehört zu dieser Gruppe. Sein Schöpfer, Man Ray, kam am 27. August 1890 in Philadelphia als erstes von vier Kindern russisch-jüdischer Eltern als Emmanuel Rudnitzky zur Welt.

Die Familie wird ihren Namen später zu Ray amerikanisieren; zu seinen Wurzeln blieb Ray zeitlebens einsilbig. Sein Vater Melech (Max) Rudnitzky arbeitete zu Hause als Schneider, alle Kinder wurden streng er- und schon früh in die Arbeit mit einbezogen, lernten nähen, sticken und das Zusammenfügen unterschiedlichster Stoffe in Patchwork-Technik. Diese Erfahrung des spielerischen Umgangs mit verschiedenen Materialien sollte sich später in Rays Werk widerspiegeln, daneben zitierte er gern Utensilien aus dem Schneiderhandwerk wie Beispiel Nadeln oder Garnspulen in seiner Bildsprache. Er galt von Anbeginn als kreativ und eigensinnig.

Man Ray. Quelle: https://www.cassina.com/de/designer/man-ray

Nach einem Umzug 1897 nach Williamsburg begann er erste Buntstiftzeichnungen anzufertigen, was von den Eltern nicht für gut befunden wurde. Prompt musste er seine künstlerischen Neigungen lange geheim halten: „Ich werde von nun an die Dinge tun, die ich nicht tun soll“ wurde sein früher Leitsatz, dem er lebenslang folgen sollte. Im höheren Schulalter belegte er Kurse in Kunst und Technischem Zeichnen – und dazu, so eine späte Beichte des Künstlers, klaute der junge Besessene wie ein Rabe von Ölfarben bis hin zu farbiger Tinte alles, was ihm in die Finger fiel. Nach dem Abschluss der High-School lehnte er ein Architekturstipendium ab und versuchte sich, eher unbefriedigend, in Porträt- und Landschaftsmalereien. 1908 schrieb er sich an der National Academy of Design und der Art Students League in Manhattan, New York, ein. Doch der didaktisch konservative, zeitintensive und ermüdende Unterricht war nichts für den ungeduldigen Studenten. Auf Anraten seiner Lehrer gab er das Studium alsbald auf und versuchte selbstständig zu arbeiten, so in einer Werbefirma.

Avantgarde im Zeitraffer

Ab 1910 malte Ray Porträts von Freunden und Verwandten in seinem Atelier im Wohnhaus seiner Eltern. Zwei Jahre später schrieb er sich an der liberal-anarchistischen Modern School of New Yorks Ferrer Center ein und belegte Abendkurse. Erstmals fühlte er sich in seinem freien und spontanen Arbeiten unterstützt. Tagsüber arbeitete er als Kalligraf und Landkartenzeichner für einen Verlag in Manhattan. Laut vieler Biographen habe er die europäische Avantgarde im Zeitraffer durchlaufen: Beginnend mit den Impressionisten, gelangte er bald zu expressiven Landschaften, die einem Kandinsky ähnelten, um schließlich zu einer eigenen futuristisch-kubistischen Figuration zu finden, die er abgewandelt sein Leben lang beibehielt.

Rays berühmtestes Werk. Quelle: https://www.researchgate.net/figure/Le-Violin-dIngres-Ingress-Violin-by-Man-Ray-He-mentions-few-more-examples-such-as_fig17_307606894

1913 verließ er sein Elternhaus und zog in eine Künstlerkolonie in Ridgefield, New Jersey, wo er mehr als zwei Jahre lebte. Hier begegnete er der belgischen Dichterin Adon Lacroix, die seine erste Frau werden sollte und mit der er gemeinsame Buchprojekte startete. Ein Galerist verkaufte ein Bild für 150 $ an einen Sammler – der erste Erfolg Man Rays als Künstler. 1915 erwarb er einen Fotoapparat, nutzt das fotografische Bild zunächst aber nur zu Reproduktionszwecken und als Inspirationsquelle. Im selben Jahr wurde er mit den Konzeptkunstpionieren Marcel Duchamp und Francis Picabia bekannt und hatte seine erste Einzelausstellung.

Er experimentierte mit Aerographie, einer Airbrushtechnik, trennte sich von Adon Lacroix, gründete die erste modernistische Künstlervereinigung der USA und entdeckte zunehmend das künstlerische Potential des Fotoapparats, auch des Films. Bei der Arbeit in der Dunkelkammer experimentierte Man Ray erstmals mit Fotogrammen, bei denen Objekte auf lichtempfindlichen Materialien wie Film oder Fotopapier direkt im Kontaktverfahren belichtet werden. Er nennt die Technik Rayographie und produziert sie in der Folgezeit wie am Fließband: Fast die Hälfte seines gesamten Œuvres an Rayographien beziehungsweise „Rayogrammen“ entstand in den ersten drei Jahren nach der Entdeckung seiner „Erfindung“. Bereits Anfang 1922 hatte er alle technischen Möglichkeiten der damaligen Zeit am Fotogramm ausprobiert. Er legt sich in seiner gesamten Künstlerlaufbahn nie auf ein bestimmtes Medium fest: „Ich fotografiere, was ich nicht malen möchte, und ich male, was ich nicht fotografieren kann“, sagte er einmal.

„nicht länger auf Anerkennung warten“

Im Sommer 1921 trifft er, endlich, in seiner „Stadt der Sehnsucht“ Paris ein, wo er bis 1940 leben wird. Hier lernte er die Gruppe von Literaten um André Breton und Paul Eluard kennen, die 1924 den Surrealismus aus der Taufe hob – und sich dabei u.a. auf sein Werk berief. Durch seine fotografischen Porträts der Pariser Avantgarde der zwanziger und dreißiger Jahre macht er sich rasch einen Namen: „um dazuzugehören, brauchte man ein Foto von Man Ray“, weiß der Sammler Marconi im Spiegel zu berichten. Doch der erhoffte finanzielle Erfolg blieb aus, und Man Ray fasste einen folgenschweren Entschluss. „Meine ganze Aufmerksamkeit“, schreibt er in seiner Autobiographie, „richtete ich jetzt darauf, mich als Berufsfotograf zu etablieren, ein Studio zu finden und es einzurichten, um effektiver arbeiten zu können. Ich wollte Geld verdienen – nicht länger auf eine Anerkennung warten, die sich vielleicht nie einstellen würde.“

Das Casati-Bild. Quelle: https://static.geo.de/bilder/60/95/15686/colorbox_image/465509b2eadfbaf751b13e1b1a567a43.jpg

Die Anerkennung als Fotograf aber erfuhr er fast augenblicklich. Er revolutionierte mit seinen Aufnahmen die Ästhetik der Fotografie – und schrieb Geschichte. Ab 1930 machte er regelmäßig Modeaufnahmen für Vogue und Harper’s Bazaar und konzentrierte sich auf surreal-traumhafte Arrangements in statisch-kühlem Studioambiente, die er mit experimentellen Techniken mischte: so arbeitete er oft mit Spiegelungen und Doppelbelichtungen. „Die Bilder, die heute längst Klassiker der Moderne sind, trieben damals manchem Kunstkritiker die Röte ins Gesicht, sie waren ihrer Zeit weit voraus und nicht jeder begriff, welches Darstellungspotential in der Fotografie verborgen lag“, befand Stephan Reisner auf dem Online-Portal lumas.

Auch die Reichen und Schönen rissen sich darum, von Man Ray abgelichtet zu werden – und waren selbst dann noch begeistert, wenn die Aufnahmen völlig in die Hose gingen. Das verhunzte Foto der schrillen Marquise Casati – unscharf und verwackelt bis zur Unkenntlichkeit – zeigte drei Paar Augen untereinander und sollte sofort nach der Entwicklung in den Papierkorb. Aber die betuchte Exzentrikerin bettelte um einen Abzug und war überwältigt. Nichts Geringeres als ein „Porträt ihrer Seele“ habe der große Meister geschaffen, schmachtete sie ergriffen. Mit diesem historischen Stoßseufzer verhalf sie Man Ray zu einer steilen Karriere als Porträtist der feinen Gesellschaft.

Ende der 20er Jahre probiert er sich auch als Filmregisseur aus, doch seine artifiziellen Premieren, obwohl durch US-Mäzene gefördert, floppen. Sein Ruhm war dennoch so groß, dass die 22-jährige Amerikanerin Lee Miller sich bei dem Künstler meldete, um dessen Assistentin zu werden. Die beiden perfektionierten gemeinsam Man Rays Technik der Solarisation – eine Verfremdung des fotografischen Bildes durch starke Überbelichtung – und wurden ein Liebespaar. Miller setzte gegenüber dem älteren Künstler ihre persönliche und künstlerische Unabhängigkeit durch, was nach drei Jahren in der Trennung endete. In dieser Phase wandte sich Man Ray den Theorien des Marquis de Sade zu, seine Werke werden deutlich erotischer, ja pornographischer. Kolportiert wird bis heute, dass ihn die sexuell unabhängige, intelligente und sehr kreative Miller zu einer merkwürdig obsessiv-destruktiven Liebesbeziehung verleitete, die er nicht mehr kontrollieren konnte.

„unbekümmert, aber nicht gleichgültig“

1940 flieht er zurück in die USA, zum einen vor dem heraufziehenden Krieg, zum anderen vor dem Trend der schnelllebigen realistischen Schnappschuss-Fotografie, wie ihn der aufkommenden moderne Fotojournalismus mit seinen innovativen Fotografen wie Henri Cartier-Bresson oder Robert Capa in seiner politischen Emotionalität verkörperten. Er ließ nicht nur seine Freunde und seinen Status als Künstler in Paris zurück, sondern auch seine wichtigsten Werke der letzten zwanzig Jahre: Fotografien, Negative, Objekte und zahlreiche Gemälde. Die meisten Arbeiten hatte er wohl bei Freunden versteckt, dennoch sind zahlreiche Arbeiten im Krieg zerstört worden oder verschollen.

„The long hair“. Quelle: https://www.pinterest.de/pin/831336412444414230/

1941 wurde er in Los Angeles sesshaft. Wenn er auch als Maler reüssieren wollte, so arbeitete er doch als Berater für Hollywood-Studios und als Porträtfotograf. Seine umfangreichste Ausstellung, die am 13. Dezember 1948 mit zahlreichen internationalen Künstlern, Schriftstellern und Filmemachern eröffnet wurde, war ein großes Ereignis und erinnerte noch einmal an die „guten“ Pariser Jahre. Die Ausstellung war zugleich Höhepunkt und Abschluss seines Schaffens in Los Angeles. Ungeachtet des respektablen Erfolgs an der Westküste empfand Man Ray die Resonanz des Publikums in den USA als zu gering, und so kehrte er gemeinsam mit seiner zweiten Ehefrau, Juliet Browner, die der 1946 geheiratet hatte, 1951 nach Paris zurück und bezog eine Studiowohnung in der Rue Férou, die er bis zu seinem Lebensende bewohnte und in der er seine Werke mannigfach kuratierte, ohne Neues zu schaffen.

1960 war er auf der Photokina in Köln vertreten; auf der Biennale von Venedig erhielt er 1961 die Goldmedaille für Fotografie. 1963 legte Man Ray in London seine Autobiografie „Self-Portrait“ vor. Er starb am 18. November 1976 in Paris und wurde auf dem Cimetière Montparnasse beigesetzt. Die Inschrift seines Grabsteins lautet: „unconcerned, but not indifferent” (unbekümmert, aber nicht gleichgültig). Seine Frau Juliet kümmerte sich bis zu ihrem Tod 1991 um den Nachlass von Man Ray, spendete zahlreiche seiner Arbeiten an Museen und gründete die Stiftung „Man Ray Trust“, die eine große Sammlung von Originalarbeiten besitzt und die Urheberrechte des Künstlers hält. Sie wurde neben Man Ray beigesetzt.

„aggressiver Charme“

Der Künstler zählt bis heute zu den bedeutendsten Vertretern des Dadaismus und Surrealismus, wird aber aufgrund der Vielschichtigkeit seines Werkes allgemein der Moderne zugeordnet und gilt als wichtiger Impulsgeber für die moderne Fotografie und Filmgeschichte bis hin zum Experimentalfilm. Seine zahlreichen Porträtfotografien zeitgenössischer Künstler dokumentieren die Hochphase des kulturellen Lebens im Paris der 1920er Jahre. „Geprägt von dem unbedingten Willen, die Motive zu verrätseln und die Welt in die Sphäre des Traums zu heben“, strebe er zumindest für sein künstlerisches Œuvre nach Fotografien, „die nicht wie Fotografien aussehen“, so Freddy Langer in der FAZ und erkennt einen „radikalen Ausdruck aggressiven Charmes“.

Rayographie. Quelle: https://www.ebay.de/itm/Rayograph-XVIII-1923-MAN-RAY-Vintage-Photography-Dada-Surrealism-Poster-/292932958389

Er sei „ein Getriebener, ein ewiger Pendler zwischen den Kunst- und Lebenswelten, der sich immer wieder neu erfinden musste“, meint Bettina Pieper in der Jüdischen Allgemeinen. „Äußerliche Unruhe und Zerrissenheit spiegeln sich wider in den Brüchen seiner künstlerischen Arbeit. Die Beachtung, die Man Ray zu Lebzeiten als Auftragsfotograf entgegengebracht wurde, fand er als Künstler erst lange nach seinem Tod.“ „Man Rays größtes Anliegen und das was, ihn seine ganze Laufbahn hindurch beschäftigte, war sein Wunsch, die Grenzen zwischen den Medien aufzuheben“, bilanzierte Merry Foresta 1988. Er hat allein über zwölftausend Negative hinterlassen, die noch lange nicht aufgearbeitet sind. In Deutschland wird er regelmäßig ausgestellt. Die jüngste Einzelschau hatte im Frühjahr die Stiftung Saarländischer Kulturbesitz ausgerichtet, daneben war er in Düsseldorf und Chemnitz zu sehen.

Schon die Legende, wie seine Vorfahren in die Welt kamen, war abenteuerlich: Saba, die Königin von Reicharabien, kam, „Salomo zu versuchen mit Rätseln“, wie es im 1. Buch der Könige, Kapitel 10, heißt. Von Salomos Weisheit beeindruckt, schenkte sie dem „König hundertzwanzig Zentner Gold und sehr viel Spezerei und Edelgestein“ und zog beglückt von dannen. Die offiziellen, aus dem vierten vorchristlichen Jahrhundert stammenden äthiopischen Geschichtstafeln „Kebra Nagast“ („Ruhm der Könige“) enthüllen aber außerdem: „Salomo hatte der schönen Fremden scharf gewürzte Speisen vorgesetzt, so dass sie in der Nacht Durst bekam. Um aber den Brunnen zu erreichen, musste sie durch das Schlafgemach des weisen Königs. Und diesem Durst entsprang der Ahnherr der erobernden Löwen aus dem Stamme Juda, Menelik, Sohn Salomos.“ Ein äthiopischer Gouverneurssohn sah sich über seine Großmutter väterlicherseits als 225. Nachfolger Salomos: Ras Tafari Makonnen.

Nun findet die Königin von Saba, die im 10. Jh.v.Chr. gelebt haben soll, nicht nur im Alten Testament und äthiopischen Legenden, sondern auch im Koran Erwähnung, weshalb unklar ist, ob ihr Reich tatsächlich in der Gegend von Aksum in Äthiopien gelegen hat. Doch einerlei: als Anfang des 20. Jahrhunderts auf Jamaika eine protestantisch geprägte afroamerikanische Neu-Religion entstand, die als eines der gemeinsamen Merkmale die Vorstellung eines Mensch gewordenen Gottes teilen, prophezeite der jamaikanische Nationalheld Marcus Mosiah Garvey: „Schaut nach Afrika, wenn ein schwarzer König gekrönt werden wird, dann ist der Tag der Erlösung nahe!“

Haile Selassie. Quelle: https://timenote.info/de/Haile-Selassie

Am 2. November 1930 war es soweit: der gerade 1,62 m große Makonnen wurde unter dem Namen Haile Selassie I. („Macht der Dreieinigkeit“) zum Kaiser von Äthiopien gekrönt, der Messias war da. Bis 1953 gehörten zu den Glaubenssätzen der Rastafaris übrigens Aussagen wie „Schwarze sind den Weißen überlegen. Sie werden bald die Welt regieren“ oder „Bald werden die Schwarzen sich an den Weißen rächen.“ Die Farben der äthiopischen Nationalflagge Grün, Gelb, Rot sind zugleich die Farben der Rastafaribewegung. Am 27. August 1975 starb der inzwischen abgesetzte Monarch im Arrest unter ungeklärten Umständen an „Durchblutungsstörungen“. Sein Großneffe Asfa Wossen Asserate schrieb in seinen Erinnerungen, Haile Selassie sei mit seinem Kopfkissen erstickt worden.

„und grübelt und grübelt“

Am 23. Juli 1892 wird er als Sohn des Oberbefehlshabers der Königstruppen und Gouverneur der Provinz Harrar geboren und von französischen Lehrern erzogen. Er sei ein „elfenzarter Knabe“ gewesen, dessen Spielgefährte Iyasu, der designierte Thronerbe, ihn „jederzeit einarmig aufs Kreuz legen konnte“, so der Spiegel 1954. Seine Ausbildung blieb nach europäischen Maßstäben rudimentär, in seiner Jugend war er Gouverneur kleinerer Landstriche. Er heiratet seine erste Frau, die ihm eine Tochter zur Welt bringt, die bereits 1940 stirbt. 1912 folgte die Ehe mit der späteren Kaiserin Menen II., die ihm nochmal sechs Kinder schenkt und 1931 die erste Hochschule für Mädchen gründen wird. Nach einem Putsch der christlich-orthodoxen Aristokratie gegen Iyasu wegen seiner islamfreundlichen Politik wurde dessen konservative Tante Kaiserin und Makonnen, der als Vertreter des liberalen Adels gilt und von der Kaiserin „schmachtäugiger Zwerg“ genannt wird, am 27. September 1916 Kronprinz.

Als Bevollmächtigter Regent war er für die Administration des Landes zuständig, Regierung wäre wohl zu hoch gegriffen. Äthiopien wurde auf sein Betreiben hin 1923 Mitglied des Völkerbundes, 1928 schloss er einen zwanzigjährigen Friedensvertrag mit Italien. Die von ihm fortgesetzte Modernisierung kommentierte er jedoch mit den Worten: „Wir brauchen den europäischen Fortschritt nur, weil wir von ihm umringt sind. Das ist gleichzeitig ein Vorteil und ein Unglück.“ Nach zwei erfolgreich niedergeschlagenen Aufständen wird er 1928 erst König und zwei Jahre später, nach dem Tod der Kaiserin, Kaiser („Neguse Negest“, „König der Könige“).

Selassi bei einem Frontbesuch 1935. Quelle: https://www.spiegel.de/geschichte/aethiopiens-kaiser-haile-selassie-wurde-auf-toilette-verscharrt-a-1049750.html#fotostrecke-3ae55050-0001-0002-0000-000000129467

„Was macht er denn noch so spät?“, soll Selassies Berater Daniel Arthur Sandford laut Spiegel einmal einen Leibgardisten gefragt haben. „Nichts, er sitzt alleine in seinem Arbeitszimmer und grübelt und grübelt und grübelt“, habe der Soldat geantwortet. Ergebnis dieser nächtelangen Überlegungen war ein radikales Modernisierungsprogramm. Zum Entsetzen der Adeligen verbot Selassie die Sklaverei, er rüstete die Armee auf und schickte junge Leute zum Studium nach Europa. Drei Jahre später erließ er erste Verfassung des Kaiserreichs Abessinien, die das Land zwar formell in eine konstitutionelle Monarchie umwandelte, tatsächlich aber seine absolute Machtposition festigte. Als Staatsmann schmiedete er zahlreiche Pläne, wie er sein Land vor den Europäern beschützen könnte. Vor allem vor den Italienern, deren erstes abessinisches Abenteuer 1896 blutig endete und die auf Rache sannen.

„Spannung der Entschlossenheit“

Als die Italiener 1935 in Eritrea Truppen massierten und Grenzzwischenfälle provozierten, enthüllte sein Taktieren – so schlug er eine internationale Beobachterkommission vor und machte das Angebot, seine Truppen von der Grenze zurückzuziehen – die Schuld Mussolinis vor der Weltöffentlichkeit, noch ehe die Invasion begann, mit der die Römer ihre „Kolonialansprüche“ befriedigen wollten. Vor der Generalversammlung des Völkerbunds hielt er am 30. Juni 1936 eine flammende Rede gegen die Untätigkeit angesichts der italienischen Aggression. „Schaffen die Staaten damit nicht einen schrecklichen Präzedenzfall, indem sie sich der Gewalt beugen?“, fragte der Kaiser die Politiker. Seine Anklage blieb unbeachtet, zahlreiche Staaten erkannten die italienische Eroberung an. Trotzig hatte ihn das amerikanische „Times“-Magazin zum Mann des Jahres erklärt. Selassie emigrierte nach Großbritannien. Das Ende des freien Abessinien, einem seit fast 3.000 Jahren unabhängigen und nie kolonisierten Kaiserreich, scheint absehbar.

Dennoch ist die fünfjährige italienische Episode ambivalent zu werten. Unentschuldbar ist die Grausamkeit der italienischen Besatzer, die anfangs sogar das Giftgas Yperit einsetzen, das Zehntausende tötet, das Vieh der Bauern verenden lässt und das Trinkwasser verseucht. Die Bevölkerung wehrte sich mit Attentaten gegen wichtige Funktionsträger. „Auf solche Attentate hat der faschistische Staat dann mit härtester Repression reagiert und hat Tausende von Äthiopiern hinrichten lassen. Und zwar in erster Linie die äthiopische Intelligenz“, meint der Historiker Lutz Klinkhammer vom Deutschen Historischen Institut Rom im DLF.

Selassie kehrt zurück. Quelle: https://www.spiegel.de/geschichte/aethiopiens-kaiser-haile-selassie-wurde-auf-toilette-verscharrt-a-1049750.html#fotostrecke-3ae55050-0001-0002-0000-000000129467

Andererseits hat Italien „das Land ins 20. Jahrhundert gezerrt. Mussolinis Kolonisatoren brachten moderne Technik und konfrontierten die versteinerte mittelalterliche Sozialordnung des Landes mit den Werkzeugen Europas. Sie legten Telephonkabel und Wasserleitungen, sie bauten Autostraßen, Geschäftshäuser, Kühlhäuser, Schulen und Rundfunkstationen, sie demonstrierten die Effektivität moderner Verwaltungsformen“, so der Spiegel. 1941 kehrte Selassie an der Spitze der britischen Befreier zurück und erkannte, dass sein Staat im 20. Jahrhundert nur bestehen kann, wenn er sich des technischen Instrumentariums Europas bemächtigt. „Diese Spannung der Entschlossenheit, den Geist des Alten zu bewahren und die Technik des Neuen zu gebrauchen, kennzeichnet die Regierung Haile Selassies seit seiner Rückkehr“, befindet der Spiegel.

„Wir sind nicht Gott“

Sein Reformeifer nach innen erlahmte allerdings. Der Kaiser zeigte vor allem Interesse am eigenen Machterhalt. Es gibt keine Tageszeitungen, nur zwei Wochenzeitungen, die wenig informativen Wert haben. Die kaiserliche Zensur verbietet alle halbwegs interessanten Meldungen als zu „politisch“. Für moderne Aufgaben, meinen die Äthiopier, sind die ausländischen „Berater“ da, die der Kaiser anwirbt. Sie sind geschickt aus vielen Nationen ausgesucht, deren Einflüsse sich gegenseitig aufheben. Ein Schwede drillt die Luftwaffe, ein Amerikaner die Zivilluftfahrt, Deutsche sitzen im Handelsministerium, Engländer in der Polizei, und Sowjetrussen betreuen das Menelik-Krankenhaus, das Stalin dem Land vermacht hat, weil das einst vom Zaren gestiftete Hospital zerstört wurde. Der frühere Wiener Bürgermeister und SS-Gruppenführer Hermann Neubacher hat die Aufgabe, das „Großdorf“ Addis dem stärkeren Verkehr anzupassen.

Staatsbesuch in Deutschland mit Heuss und Adenauer. Quelle: https://www.spiegel.de/geschichte/aethiopiens-kaiser-haile-selassie-wurde-auf-toilette-verscharrt-a-1049750.html#fotostrecke-3ae55050-0001-0002-0000-000000129467

Und Selassie zeigt Interesse an zahlreichen Auslandsreisen, die ihm den Spitznamen „Reisekaiser“ einbrachten. Im November 1954 besuchte er als erster offizieller Staatsgast die Bundesrepublik, traf Präsident Heuß und Kanzler Adenauer, Parlamentarier und Industrielle, besichtigte Universitäten, Pferdegestüte und Krankenhäuser und gab auf dem Bonner Petersberg eine Pressekonferenz. Mit Kamelen, Elefanten und Ponys auf der Beueler Rheinbrücke wollte man dem Afrikaner ein Gefühl von Zuhause geben. Zehntausende Menschen waren zusammengeströmt, um einen Blick auf den Märchenkaiser zu erhaschen – genau wie bald darauf auch in den USA und zahlreichen anderen Staaten, die Selassie besuchte. Vor allem in Jamaika 1966 entfachte er Begeisterungsstürme. „Wir sind nicht Gott. Wir sind kein Prophet“, versuchte er die Rastafaris umzustimmen. Schließlich stiftete er eine Kirche auf der Karibikinsel.

Haile Selassie genoss im Ausland hohes Ansehen als Staatsoberhaupt des ältesten afrikanischen Landes, eines Gründungsmitgliedes der Vereinten Nationen, und war graue Eminenz und Integrationsfigur des afrikanischen Kontinents in der Dekolonialisierungsphase. Gleichwohl fallen in seine Amtszeit mehrere Kriege, unter anderem mit Somalia um das Grenzgebiet des Ogaden sowie gegen Separatisten in der ehemaligen italienischen Kolonie Eritrea, das seit Ende des Zweiten Weltkrieges beziehungsweise 1950 föderaler Teil Äthiopiens war, dann aber vom Kaiser zur Verwaltungsprovinz herabgestuft wurde. Äthiopien hat ein Parlament, doch das darf nur verabschieden, was der Kaiser vorschlägt. Er selbst ernennt die Mitglieder des Oberhauses, und diese wiederum ernennen die Unterhaus-Abgeordneten. Wahlen sind mit der Würde des Throns unvereinbar. Bereits 1960 war einer seiner Söhne in einen Putsch gegen ihn verwickelt.

„brillanter Außenpolitiker“

Anfang der 1970er Jahre zeigte sich dann auch immer mehr die Unzufriedenheit der Bevölkerung, vor allem der Studenten, mit der Machtfülle des Kaisers, der zu keinerlei Reform des konservativ-aristokratischen Staatsaufbaus bereit war, was sich in den Parlamentswahlen in Äthiopien 1973 zeigte: „Das Volk weiß nicht, was es braucht“, behauptete der Alleinherrscher. Die durchschnittliche Lebenserwartung in Selassies Reich betrug 38 Jahre, nur jeder zehnte Äthiopier konnte lesen. Weltweit sorgt nun die Untätigkeit des einst so bewunderten Selassie und seiner Beamten für Entsetzen. In diesem Jahr versuchte sein Enkel Iskander Desta, damals Oberbefehlshaber der äthiopischen Marine, einen Umsturz zu erzwingen.

Freilaufende Löwen im Palast. Quelle: https://www.spiegel.de/geschichte/aethiopiens-kaiser-haile-selassie-wurde-auf-toilette-verscharrt-a-1049750.html#fotostrecke-3ae55050-0001-0002-0000-000000129467

Als im Norden eine verheerende Hungersnot ausbrach, während das fruchtbare Äthiopien zugleich 200.000 Tonnen Getreide exportierte, rebellierten die Untertanen: Im Dokumentarfilm „Die unbekannte Hungersnot“ war gezeigt worden, wie Selassie zahme Löwen in seinem Palast mit Fleischstücken von goldenen Tellern fütterte. Ein Jahr später führte die Rebellion gemeinsam mit gewaltsamen Protesten von Studenten schließlich zur Revolution, in deren Verlauf die Forderung nach einer parlamentarischen Monarchie schnell unter Führung des Hauptmanns und späteren Diktators Mengistu Haile Mariam einer marxistisch-leninistischen Doktrin wich. Nach einem Militärputsch musste der Kaiser am 12. September 1974 abdanken. Sein Diener fand den 83-Jährigen im Jahr darauf leblos in seinem Zimmer.

Rastafaris in Jamaica. Quelle: https://www.spiegel.de/geschichte/aethiopiens-kaiser-haile-selassie-wurde-auf-toilette-verscharrt-a-1049750.html#fotostrecke-3ae55050-0001-0002-0000-000000129467

Haile Mariam ließ den Leichnam Selassies unter einer Toilette einmauern, wo er erst 1992 wieder entdeckt wurde. Erst nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft wurde im Jahr 2000 die Bestattung in der Familiengruft in der Dreifaltigkeitskirche von Addis Abeba nachgeholt. Selassie hatte das Land 45 Jahre lange geführt – kein afrikanischer Herrscher der Neuzeit war so lange an der Macht. Er hielt die Landbevölkerung, vor allem die Leibeigenen, in Unwissenheit – noch immer heute hemmt diese Rückständigkeit des ländlichen Äthiopiens jede Entwicklung. Der Kaiser versuchte aber, der städtischen Elite den Anschluss an das 20. Jahrhundert zu verschaffen. Im restlichen Afrika wurde er geschätzt für die Unterstützung der Befreiungsbewegungen im Kampf gegen die Kolonialherrschaft: Nach der Phase der Dekolonisierung wurde Addis Abeba Sitz der Organisation Afrikanischer Einheit (OAU), die Selassie mitbegründete.

Sein Großneffe Asserate kommt zu einer ambivalenten Einschätzung: Zwar habe er sein Land „vom Mittelalter in die Moderne“ geführt, dem italienischen Faschismus Widerstand geleistet und sei ein „brillanter Außenpolitiker“ gewesen, womit er „wesentlichen Anteil an der Entkolonisierung Afrikas“ gehabt hätte. Aber er war den Herausforderungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht mehr gewachsen und uneinsichtig, „dass sich ein moderner Staat … nicht mehr paternalistisch-autokratisch regieren ließ“. Daneben habe er Macht nicht teilen können und sei unfähig gewesen, Entscheidungen zu delegieren, weshalb es „Stillstand im Land“ gegeben habe und er es versäumte, „das Zepter an die nächste Generation weiterzureichen“. Sein Fazit: Vor dem Urteil der Geschichte würden seine „Verdienste um Äthiopien mehr Gewicht haben als die großen Fehler, die er zweifelsohne besaß.“

Den sardinischen und den deutschen Krieg verlor er; seine Kriegserklärung an Serbien mündete auf Grund der Bündnisdynamik in den Ersten Weltkrieg. Eine Tochter starb als Kleinkind, sein einziger Sohn beging Selbstmord, sein Bruder wurde hingerichtet, sein Neffe erschossen, seine Frau erstochen – nach ihrem Tod soll er den Satz „Mir bleibt doch nichts erspart auf dieser Welt“ gesagt haben. Und sein als Neoabsolutismus bezeichneter Versuch, ohne jedes Parlament zu regieren, ließ ihn erst verhasst, später aber, auch aufgrund seines äußeren Erscheinungsbilds, mehr und mehr wie einen gütigen älteren Herrn erscheinen, der als archetypischer „Landesvater“ als letzte Instanz der Bewahrung und des Zusammenhalts seines Vielvölkerstaats auftrat.

Der k.u.k. Hofballdirektor Johann Strauß (Sohn) komponierte gleich zwei Märsche für ihn. Dreimal wurde er erfolglos für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Im Bewusstsein der meisten Deutschen sieht er aus wie Karl-Heinz Böhm, der ihn Mitte der 50er Jahre in der Sissi-Trilogie gespielt hatte: einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Filmproduktionen nach 1945. Joseph Roth beschreibt in seinem Roman „Radetzkymarsch“ die letzten Lebensstunden des Monarchen: Franz Joseph I. Am 18. August würde der erste und zugleich letzte Kaiser der k.u.k. Monarchie seinen 190. Geburtstag feiern.

Franz Joseph I. Quelle: https://www.habsburger.net/de/personen/habsburger-herrscher/franz-joseph-i

Seine Eltern waren Erzherzog Franz Karl und Prinzessin Sophie von Bayern; als Franz II. war sein Großvater bis 1806 der letzte Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Bereits von frühester Kindheit an wurde der kleine „Franzi“ als möglicher Kandidat für den Kaiserthron gesehen und konsequent darauf vorbereitet. Vor allem die stolze, dominante, staatsbewusste Mutter Sophie beobachtete die körperliche und geistige Entwicklung ihres Erstgeborenen in ihren Tagebüchern penibel – so wurde das Kleinkind in seiner Umgebung bald „Gottheiterl“ genannt. Die Erziehung lag bis zum siebten Lebensjahr in den Händen der Kinderfrau Louise von Sturmfeder. In einem Überschwang kindlicher Liebe meinte Franzi: „Wenn Du einmal stirbst, laß‘ ich Dich ausstopfen!“

Danach begann eine harte Staatserziehung: Franz Joseph hatte in seiner Kindheit wenig Freiraum. Der Sechsjährige hatte 13 bis 18 Wochenstunden zu absolvieren, mit sieben Jahren bereits 32 Wochenstunden. Im Alter von 16 Jahren war sein Tagesprogramm von sechs Uhr morgens bis neun Uhr abends vollkommen durchstrukturiert, was viele Biografen als regelrechte Dressur ansehen, durch die seine spätere Persönlichkeit vorgeformt wurde. Das Fundament für sein Selbstverständnis als Soldat und Erster Diener des Staates wurde damals gelegt. Das Hauptaugenmerk lag auf dem Spracherwerb: Deutsch und Französisch vor allem, aber auch Tschechisch und Ungarisch sowie später Italienisch und Polnisch als wichtigste Sprachen der Monarchie. Aber auch Latein und Altgriechisch wurden nicht vergessen. Neben der zeitüblichen Allgemeinbildung erhielt er Unterricht in künstlerischen Fächern wie Zeichnen, in dem er sich erstaunlich begabt erwies und Musik, aber natürlich auch in Leibeserziehung wie Turnen, Schwimmen, Fechten, Reiten, Tanzen sowie der Einführung in militärisch-strategische Grundkenntnisse. Die Einführung in das Staatswesen wurde von Metternich persönlich vorgetragen. Anlässlich seines 13. Geburtstages wurde er zum Obersten des Dragonerregiments Nr. 3 ernannt.

„einige gravierende Fehlentscheidungen“

Als es schließlich im März 1848 in großen Teilen von Deutschland und Österreich zu Revolutionsversuchen kam, beschloss der Familienrat der Habsburger, ihrer Monarchie ein neues Gesicht zu verleihen. Franz-Josephs Onkel Ferdinand I. entsagte im mährische Fluchtort Olmütz dem Thron, Vater Erzherzog Franz Karl verzichtete nach energischem Zureden seiner Gattin Sophie. Die sah nun den Moment gekommen, ihren Lebenstraum zu verwirklichen, ihren gerade 18jährigen Erstgeborenen auf dem Kaiserthron zu sehen. Zu seinem Wahlspruch erkor er „Viribus Unitis“ („mit vereinten Kräften“). Er sah seine Hauptaufgabe zunächst darin, eine erneute Revolution unmöglich zu machen. Sein absolutistisches Vorgehen, gestützt auf Militär und katholische Kirche, das im Silvesterpatent 1851 gipfelte, mit dem der neue Reichstag mit Ober- und Unterhaus wieder abgeschafft wurde, machte ihn keineswegs beliebt. 1853 versuchte der ungarische Schneidergeselle János Libényi vergebens, ihn zu erdolchen. Franz-Joseph erlitt eine Wunde unterhalb des Hinterkopfs, der Geselle wurde hingerichtet. An dieses Attentat erinnert die Votivkirche in Wien, die als Dank für die Errettung des Monarchen auf Initiative seines Bruders Ferdinand Maximilian errichtet wurde – der 1867 als Kaiser von Mexico, in Wirklichkeit Spielball von Napoleon III., erschossen werden wird.

Franz und Sisi. Quelle: https://i.pinimg.com/474x/1d/91/7c/1d917cbe51b97044a5dc7bfd26072d88–sissi-franz.jpg

Ebenfalls 1853 suchte die dynastiebewusste Erzherzogin nach einer geeigneten Braut für ihren Sohn, fasste eine Verbindung mit dem Haus Wittelsbach in Gestalt der Töchter ihrer Schwester ins Auge und sorgt für ein Treffen der 19jährigen Helene und der 15jährigen Elisabeth (genannt Sisi) anlässlich seines Geburtstags in Bad Ischl. Unerwartet zog er Elisabeth vor. Am 24. April 1854 kam es in der Wiener Augustinerkirche zur Hochzeit. Aus der Ehe gingen drei Töchter und ein Sohn hervor: Der angedachte Thronfolger Kronprinz Rudolf. Derweil machte der autoritär regierende Franz-Joseph, der es auf 15 Enkelkinder und 55 Urenkel bringen wird, außenpolitisch eine höchst unglückliche Figur: „Die ersten Jahre waren geprägt von Willkür, Unsensibilität und politischer Kurzsichtigkeit, die in einige gravierende Fehlentscheidungen mündeten“, befand sein Biograph Martin Mutschlechner. Sein erster großer Fehler war die Positionierung im Krimkrieg 1853–1856: Österreich erklärte sich neutral, wodurch Franz Joseph seinen engsten Verbündeten, den russischen Zaren Nikolaus I., brüskierte, war doch die ungarische Revolution nur durch Waffenhilfe Russlands niedergeschlagen worden.

Der Verlust der norditalienischen Gebiete während des Risorgimento, der Einigung Italiens, stellte einen weiteren Rückschlag dar, der zudem auch von einem persönlichen Tiefschlag begleitet war: bei der Schlacht von Solferino 1859 übernahm Franz Joseph persönlich das Oberkommando, und als die Schlacht für Österreich desaströs endete, galt seine Unfähigkeit als Heerführer als erwiesen. Österreich hatte in der Folge schwere Gebietsverluste hinzunehmen. Eine fundamentale Erschütterung erfuhr Franz Josephs Regierung dann durch die Niederlage in der Schlacht von Königgrätz 1866, die den endgültigen Verlust der habsburgischen Vorherrschaft unter den deutschen Fürsten zur Folge hatte. Preußen übernahm dank der energischen Politik Bismarcks die Führerschaft, der nach 1871 das österreichische Kaiserreich zu einer Bündnispolitik mit dem wirtschaftlich stärkeren Deutschen Kaiserreich als „Juniorpartner“ zwang.

So stellte sich Presse die Tragödie von Mayerling vor. Quelle: https://i.pinimg.com/474x/1d/91/7c/1d917cbe51b97044a5dc7bfd26072d88–sissi-franz.jpg

1867 half ihm seine Frau Elisabeth, vor allem durch Beziehungen zu hohen ungarischen Familien, den Österreichisch-Ungarischen Ausgleich herzustellen und, zum König von Ungarn gekrönt, den Staat Österreich-Ungarn aus der Taufe zu heben: Die Insuffizienz des neoabsolutistischen Zentralismus hatten Reformen in Richtung eines konstitutionellen Systems („monarchischer Konstitutionalismus“) unausweichlich werden lassen. Die k.u.k. Monarchie hatte nun zwei Hauptstädte – Wien und Budapest, das in wenigen Jahrzehnten einen rasanten Ausbau zu einer Metropole europäischer Geltung durchmachte, sowie zwei gesonderte Regierungen und zwei Volksvertretungen nebeneinander. Zu dieser Zeit war es jedoch längst zu Entfremdung zwischen den Eheleuten gekommen, da Sissi das strenge Hofzeremoniell abstoßend fand und ihre Zeit lieber auf Reisen verbrachte. So ist es auch nicht verwunderlich, dass Franz-Joseph mehrere Beziehungen zu Geliebten einging: mit Anna Nahowski zeugte er vermutlich eine Tochter, die Schauspielerin Katharina Schratt vermittelte ihm seine Frau höchstselbst.

Wiener Hof als Hort der Traditionen

Das Habsburgerreich erlebte nun einen Gründerzeit-Aufschwung, neue Industriezweige und ein finanzstarkes Bürgertum entstanden – auch wenn anlässlich der Wiener Weltausstellung 1873 ein Börsenkrach nebst Gründerkrach folgte. Die Monarchie wandelte sich vom feudalen Agrarstaat zu einer Industriegesellschaft, wenn auch enorme Unterschiede zwischen hochentwickelten und rückständigen Landesteilen bestehen blieben. Franz Joseph stand dem gesellschaftlichen Wandel ambivalent gegenüber. Der Wiener Hof blieb weiterhin ein Hort der Traditionen und galt als elitärster Europas. Die neuen bürgerlichen Eliten und der Finanzadel wurden als „Zweite Gesellschaft“ zwar Träger des kulturellen Lebens der Stadt – die von ihm gebaute Wiener Ringstraße gilt als Symbol dieser Zeit. Dennoch wurden sie vom Hof nicht als der alteingesessenen Aristokratie gleichwertig angesehen.

Die späteren Jahre des Kaisers verliefen dann alles andere als erfreulich: Nach dem Tod seines Bruders musste er am 30. Januar 1889 den Selbstmord seines einzigen Sohns verkraften. Nach einer unglücklichen Ehe mit Stephanie von Belgien, die nur unter Druck von Franz-Joseph arrangiert wurde, erschoss Kronprinz Rudolf in Mayerling erst seine Geliebte Mary Vetsera und dann sich selbst. Rudolf hatte seine streng militärisch geprägte private Ausbildung abbrechen dürfen, sich naturwissenschaftlichen Studien gewidmet und an Brehms Tierleben mitgearbeitet – und sein Vater ihn von allen Staatsgeschäften ferngehalten. Nur neun Jahre später wurde Kaiserin Elisabeth in Genf von einem italienischen Attentäter mit einer Feile ermordet. Die Thronfolge war zu diesem Zeitpunkt bereits auf seinen ungeliebten Neffen Franz-Ferdinand übergegangen, da auch der Kaiserbruder, Erzherzog Karl Ludwig, bereits verstorben war.

Darstellung des Feilen-Attentats. Quelle: https://img.welt.de/img/geschichte/mobile181480108/9187939767-coriginal-w780/Assassination-of-Elisabeth-of-Bavaria-by-Luigi-Lucheni-1898-Artist-Anon-2.jpg

Ab 1893 verfügte die österreichische Reichshälfte über keine stabilen Regierungen mehr, da diese nacheinander an der Lösung der brennenden sozialen Probleme und angesichts des nationalistischen Extremismus scheiterten. Das Militär und der Beamtenapparat wurden somit zur wichtigsten Stütze der Monarchie, die nach veralteten Prinzipien weiterverwaltet wurde, ohne dass es zu einer grundlegenden Bereinigung der Missstände kam: „Fortwursteln“ nannte das der Volksmund. Das Reich und sein Kaiser wurden von der Moderne überrollt. „Der alte Herr in Schönbrunn“ hielt sich aus dem politischen Tagesgeschäft heraus und wurde mit zunehmendem Alter zu einer mystifizierten, über jede Kritik erhabenen Symbolfigur für den Zusammenhalt der Monarchie. Kein Staatspatriotismus, sondern die Loyalität zum Monarchen wurde als Ausdruck des Zugehörigkeitsgefühls der Bürger zur Monarchie propagiert.

Am Ende seiner Amtszeit sollte es zur folgenschwersten Entscheidung Franz-Josephs kommen, dessen endgültige Folgen der Kaiser nicht mehr erleben musste. Nachdem Franz-Ferdinand 1914 einem Attentat in Sarajewo zum Opfer fiel, nahm dies der greise Franz-Joseph zum Anlass, einen Krieg gegen Serbien zu beginnen: Er verstand das Attentat als einen Angriff auf die Ehre der Dynastie und das Königreich Serbien als Drahtzieher des Attentats. In völliger Verkennung der Weltlage führte er damit die Donaumonarchie in den Weltkrieg und zu ihrem späteren Untergang. Noch bevor es soweit war, starb Franz-Joseph schließlich am 21. November 1916, nach 68 Jahren auf dem Thron, im Alter von 86 Jahren an einer Lungenentzündung. Seine letzten Stunden lesen sich in der Rekonstruktion von Michaela und Karl Vocelka wie eine ewige Wiederholung, geprägt von der Pflicht. Er stand zwischen drei und vier Uhr auf, Termine, Akten und Audienzen folgten bis in den Abend, unterbrochen von kurzen Mahlzeiten, die die meisten Teilnehmer hungrig ließen, weil sich der Kaiser nicht einmal an seinem geliebten Tafelspitz lange aufhielt, das Essen aber mit seiner Sättigung beendet war.

„ein trockener Pragmatiker“

Auch diesen 21. November verbrachte Franz Joseph am Schreibtisch, an dem er mehrfach Schwächeanfälle erlitt. Gegen 18 Uhr wurde der stark fiebernde Monarch auf Anraten der Ärzte zu Bett gebracht, um 20 Uhr war man sich sicher, dass sein Tod unmittelbar bevorstand. Seine letzten Worte waren: „Bitte, mich morgen um halb vier wecken; ich bin mit meiner Arbeit nicht fertig geworden.“ Dann verlor er das Bewusstsein. Um 21.05 Uhr, eine halbe Stunde nach der letzten Ölung, stellte der Leibarzt Joseph Ritter von Kerzl den Tod fest. Um 22.30 Uhr wurde er dem Publikum vor dem Schloss Schönbrunn bekannt gegeben. Der Titel der Extraausgabe der amtlichen „Wiener Zeitung“ lautete: „Das edle Herz eines großen Monarchen hat aufgehört zu schlagen!“ Am 11. November 1918, verzichtete sein Nachfolger Karl I. auf „jeden Anteil an den Staatsgeschäften“. Am Tag darauf folgte die Ausrufung der Republik. Doch den meisten Zeitgenossen schien es, als sei das Kaiserreich bereits zwei Jahre zuvor untergegangen.

Das Attentat von 1914. Quelle: https://cdn.prod.www.spiegel.de/images/79307cca-0001-0004-0000-000000713950_w1528_r0.7960935187925422_fpx44.99_fpy51.74.jpg

Manche Biographen meinen, der alte Kaiser habe sein Reich sehenden Auges in den Untergang geführt, da er das Ende seiner gewohnten Welt gekommen sah. Als Ausdruck seines Fatalismus muss sein bekannter Ausspruch herhalten: „Wenn wir schon zugrunde gehen müssen, dann wenigstens anständig!“ Seine Trauerfeier war der letzte große Staatsakt der k.u.k. Monarchie – ein „düster-prachtvolles Schauspiel, das sich in absoluter Totenstille vollzog“, wie es ein Zeitungsreporter beschrieb. Viele sahen mit dem toten Kaiser den letzten Anker ihrer Welt schwinden. Denn Franz Joseph I. hat tatsächlich einer ganzen Epoche seinen Stempel aufgedrückt. Als großer Bewahrer und Beschützer überkommener Traditionen und Werte, zugleich aber auch als Trugbild ihrer tatsächlichen Macht, denn sein Kaisertum verschleierte auf fatale Weise die säkularen Gewalten, die am Ende den zweitgrößten Staat Europas aus den Angeln heben sollten.

Mit seinem Tod verlor Österreich-Ungarn die verbindende Klammer, die noch die zentrifugalen Kräfte hatte im Zaum halten können. „Durch die Dauer der Regierung Franz Josephs ist jenes Gefühl der Beständigkeit erzeugt worden, das gerade in diesem zerrissenen und schwankenden Staate wohltätig wirkte“, bestätigte selbst das „Zentralorgan der Deutschen Sozialdemokratie in Oesterreich“ in seinem Nachruf dem toten Kaiser. Er „war kein großer Denker, sondern ein trockener Pragmatiker“, befindet Mutschlechner, der „durch seinen erstarrten Traditionalismus entgegen seinen Absichten zum Ende der Monarchie“ beitrug. Die Persönlichkeit des Kaisers wird unisono als nüchtern und fantasielos geschildert: Pflichtbewusst bis zur Pedanterie, galten ihm Pünktlichkeit und Ordnungssinn als höchste Tugenden. Franz Joseph galt als „Aktenmensch“, der ein enormes Arbeitspensum absolvierte und wie ein Uhrwerk funktionierte. Sein Hobby war die Jagd. 55.000 Stück Wild sind auf den Abschusslisten erfasst.

Der Trauerzug auf dem Heldenplatz. Quelle: https://www.mediathek.at/der-erste-weltkrieg/der-erste-weltkrieg-ausgabe-4/der-alte-kaiser/begraebnis-einer-epoche/

Franz Joseph präsentierte sich als statische, leidgeprüfte Gestalt, die „mit der zwangsneurotischen Pedanterie einer Maschine“ am Schreibtisch saß, Akten studierte und unterschrieb, wie Erwin Ringel meinte: „Der Mann wurde schon in der Kindheit durch seine Mutter und die Erziehung vernichtet, hat dann 68 Jahre regiert, … und hat in dieser überlangen Zeit keine einzige konstruktive Idee gehabt “. Diese Diagnose resultiert aus dem Pessimismus des Kaisers und seinem Wissen um die eigene Erfolglosigkeit, die jedoch vom Gedanken der Pflichterfüllung bis zum letzten Atemzug und dem Wunsch, mit Ehren zugrunde zu gehen, flankiert wurden, ferner von einer tief eingewurzelten „Scheu vor Entscheidungen, Reformen und Veränderungen“. Seinen Spuren begegnet man in Österreich allerorten; unzählige Verkehrsflächen, Gebäude, Schiffe oder Institutionen wie Schulen wurden nach ihm benannt und künden von einem Glanz, dem doch seit hundert Jahren keine Politur mehr zuteil wurde.

Als sich der Landwirt Johann Philipp Kreißler mit seiner Familie aus dem leiningischen Guntersblum am Rhein der ersten Massenauswanderung der Pfälzer in die Vereinigten Staaten anschloss, in der britischen Provinz New York niederließ und nach einem unspektakulären Leben nach 1744 als vierfacher Vater starb, ahnte er sicher nicht, dass er dereinst eine eigene Straße in seinem deutschen Heimatdorf bekommen sollte. Sein Verdienst: er wurde zum Ahnherrn eines Mannes, den das Time Magazine 1928 zum Man of the Year wählen sollte: Walter Percy Chrysler, wie sich die Familie inzwischen nannte. Der Automobil-Pionier und Begründer des internationalen Automobilunternehmens Chrysler Corporation starb am 18. August 1940 in Long Island.

Chrysler vor seinem ersten Auto. Quelle: https://www.drive.com.au/motor-news/mogul-walter-p-chrysler-20150608-ghiw49

Walter P. Chrysler wurde 2. April 1875 als Sohn des Lokomotivingenieurs Henry Chrysler und dessen Frau Mary in Wamego im US-Bundesstaat Kansas geboren. Nach Abschluss der High School begann Chrysler 1892 eine Lehre bei der Union Pacific in Ellis im US-Bundesstaat Kansas. Anschließend arbeitete er bei der American Locomotive Co. (ALCo) wo er es bis zum Stützpunktleiter in Pittsburgh brachte. Am 4. Juni 1900 heiratete Chrysler seine Frau Della, mit der er drei Kinder hatte. Bereits mit 33 Jahren wurde er Manager der Chicago Great Western Railway. Ein weißer Locomobile Phaeton mit roter Innenausstattung für 5.000,- US-Dollar wurde Chryslers erstes eigenes Fahrzeug. Als großer Technikinteressierter soll er das Fahrzeug auseinandergenommen und anschließend wieder zusammengebaut haben.

1910 wurde er Werksleiter bei Buick, einer Tochtergesellschaft von General Motors GM in Flint, Michigan, und brachte seine Leute in Schwung, indem er die Tagesproduktion von 20 auf 550 Fahrzeuge steigerte. Prompt wurde er 1912 Produktionschef. Fünf Jahre später, 1917, avancierte Chrysler zum Präsidenten von Buick und machte die Marke zur erfolgreichsten im GM-Konzern. 1919 wurde er zum Vize-Präsidenten von GM ernannt, gab jedoch wegen Differenzen mit seinem Vorgesetzten William C. Durant diese Position wieder auf. Chrysler fand einen Führungsposten bei Willys-Overland, dem bekannten Jeep-Hersteller, der in Schieflage geraten war. Sein Ruf als erfolgreicher Manager bescherte ihm dort nicht nur große Wirkungsfreiheiten, sondern auch ein damals sagenhaftes Gehalt von einer Million US-Dollar im Jahr.

Drittgrößter amerikanischer Autobauer

1921 betrachtete er seine Arbeit als erledigt und wandte sich dem nächsten Sanierungsfall zu, der Maxwell Motor Company, deren Präsident er ein Jahr später wurde. Zu seinem Sanierungskonzept zählte die Einstellung von Ingenieuren zur Entwicklung eines neuen Autos, das 1924 fertig gestellt war und die Bezeichnung seines Initiators erhielt – „Chrysler Six“. Es ging als Legende in die Automobilgeschichte ein. Aus 3,3 Litern Hubraum entwickelten sich 68 PS, die den Wagen auf eine Höchstgeschwindigkeit von 110 Stundenkilometer brachten. Hydraulische Bremsen an allen Rädern und Stossdämpfer gehörten gleichfalls zur Ausstattung. Allein 32.000 Stück wurden davon im ersten Produktionsjahr verkauft. 1925 wurde die Firma zur Chrysler Corporation.

Chrysler-Building. Quelle: https://nypost.com/2019/03/07/inside-the-chrysler-buildings-storied-past-and-uncertain-future/

Ein Jahr später wurde die Maxwell Motor Company von der Chrysler Corporation übernommen, das Händlernetz in den USA stieg auf rund 3.800. Mit technischen Neuheiten und Modellvariationen erlebte Chrysler eine hohe Wachstumsdynamik und landete 1926 auf Platz fünf der US-Hersteller. 1928 wurde das Modell „Plymouth“ für die untere Preisklasse gebaut. Der Typ „DeSoto“ sorgte im mittleren Preissektor für Furore und verkaufte sich nach gut einem Jahr 100.000 Mal. Im gleichen Jahr übernahm Chrysler die große Autofirma Dodge Brothers, Inc. Damit zählte der Autokonzern zusammen mit Henry Ford und General Motors zu den drei größten amerikanischen Autobauern.

Walter Chrysler war auch der Bauherr des Chrysler Building in New York, das mit 77 Etagen bei 319 Metern Höhe für 11 Monate das höchste Gebäude der Welt war, bis ihm das Empire State Building den Rang ablief, und das mit seiner Art-Deco-Fassade bis heute als einer der schönsten Wolkenkratzer der Welt gilt. Zu Chrysler gehörten in dieser Zeit Chrysler, Dodge, Imperial, DeSoto und Plymouth. 1932 und 1933 führte der Autokonzern technische Neuerungen bei der Triebwerksaufhängung und der Bremskraftverstärkung sowie das Sicherheitsglas ein. In Zeiten der weltweiten Wirtschaftskrise konnte der Autobauer seine Verkaufszahlen halten.

1936 Chrysler Imperial Airflow. Quelle: https://www.pinterest.jp/pin/680395456178635314/

1934 wurden erstmals die stromlinienförmigen Modelle Chrysler Airflow, DeSoto Airflow und Imperial Airflow hergestellt. Das Modell „Imperial“ ist das erste amerikanische Auto mit gewölbter Frontscheibe. 1935 zog sich Walter Chrysler aus dem Geschäftsleben zurück und war noch für fünf Jahre Privatier. Er gilt als letzter Automobilpionier, der aus eigener Kraft einen Automobilkonzern aufbaute und am Leben erhielt. Dass sein Unternehmen zweimal mit Milliardenbürgschaften amerikanischer Präsidenten – erst Carter 1979, dann Bush 2008 – vor dem Konkurs gerettet werden musste und seit 2014 namenloser Teil des Fiat-Konzerns ist, hätte ihn kaum erfreut.

„Für die einen ist es ein kasuistischer Zufall: am selben Tag, da Tilo Sarrazin endgültig aus der SPD ausgeschlossen wurde, löschte die Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG eine Audio-Botschaft des Kabarettisten Dieter Nuhr aus dem Netz. Für die anderen indizieren beide Tilgungen dagegen eine Methode, die sich eine fürchterliche Zukunft zu bauen anschickt: Macht und Moral ersetzen inzwischen nicht nur die Diskussion, sondern die Erkenntnis als solche.“

Mein neuer Tumult-Text, der sich dem Zusammenhang von gesinnungsethischen Anti-Wissenschaftlern mit den Erkenntnis-Ersatzwährungen Macht und Geld widmet.

Als BILD nach der Wahl Benedikts XVI. am 20. April 2005 titelte: „Wir sind Papst!“, stellte der Publizist Robert Leicht fest, dass das Blatt damit, sicher unbewusst, aus einer Schrift Luthers zitierte, verfasst in frühneuhochdeutscher Sprache. Darin brach er eindeutig mit der römisch-katholischen Kirche und bezeichnete den Papst – Leo X. aus dem Hause Medici – als Antichrist, der die Kirche in eine erbärmliche Gefangenschaft geführt hat. Die Missstände, die unter seiner Herrschaft eingerissen sind, hätten das gesamte Kirchenwesen verdorben. Stattdessen formulierte er den Grundsatz des Priestertums aller Getauften: „denn was aus der Taufe gekrochen ist, das kann sich rühmen, dass es schon zum Priester, Bischof oder Papst geweihet sei…“ Damit wurde die Zweiteilung der Christenheit in Klerus und Laien faktisch aufgegeben.

Die Schrift war nur eine von vieren Luthers aus dem Jahr 1520, die große Bedeutung erlangten. Doch „An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung“ war die erste, in der er seine theologischen Erkenntnisse in praktische Reformvorschläge umsetzte. Der evangelische Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann bezeichnet die „Adelsschrift“ als „Manifest der Reformation“: nicht schon mit dem Thesenanschlag von 1517, sondern erst hier sei von Luther ein Entwurf zur Neugestaltung von Kirche und Gesellschaft vorgelegt worden.

Der provokante Ton schockierte; der Mitreformator Johannes Lang nannte das Buch eine „Kriegstrompete“. Luther gab zu, dass er die Schrift in prophetischer Radikalität verfasst habe, ohne Rücksichten zu nehmen. Dabei bietet sie in ihrer Offenheit und Unbestimmtheit Anknüpfungspunkte für unterschiedliche Reformationstypen, wie Kaufmann feststellt: „städtische oder bäuerliche Gemeindereformationen; Ratsreformationen; ritterschaftliche Reformationen; territorialfürstliche und Königsreformationen“. Der Grundsatz vom Priestertum aller Getauften hat im Spektrum der evangelischen Kirchen immer wieder Neuaufbrüche angeregt, ist er doch vieldeutig: besitzen Priester einen allgemeinen Anspruch oder partizipiert die Allgemeinheit in Form aller Menschen oder fließen beide Varianten zusammen?

Titelblatt. Quelle: Von Martin Luther – Hanns Lilje: Martin Luther. En bildmonografi. Stockholm 1966., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48793665

Auch der Titel gibt zahlreiche Fragen auf: Wie sieht die Besserung des christlichen Standes aus? Um welche Art von Besserung geht es, welche Schritte sind dafür notwendig, wer soll diese Schritte vollziehen (tatsächlich der Adelsstand?) und warum? Dessen ungeachtet war die innerhalb weniger Wochen verfasste und am 5. August 1520 in der relativ hohen Auflage von 4000 Exemplaren erschiene Schrift nach drei Tagen vergriffen. In kurzer Folge schlossen sich 14 Nachdrucke an, die Gesamtauflage soll bei 68.000 Exemplaren gelegen haben – der erste Bestseller vor der Lutherbibel.

„wie er sich kirchlichen Neubau vorstellt“

Luthers Beweggründe, diese Schrift im Jahr 1520 zu verfassen, verortet Karlheinz Blaschke schlüssig in drei Bereichen: Erstens war Luthers innerer Reifeprozess, der ihn zu neuen Erkenntnissen über den christlichen Glauben und einer kritischen Haltung gegenüber der römischen Kirche brachte, weit vorangeschritten. Zweitens erfuhr Luther von Reichsrittern und Humanisten, mit denen er sich in der Reflexion von weltlichen und national-patriotischen Problemstellungen verbunden fühlen durfte, Zustimmung und Ermutigung zur offenen Stellungnahme. Drittens dürften die damals aktuellen Bestrebungen, den Prozess gegen Luther als Ketzer weiter voranzutreiben, eine bedeutende Rolle gespielt haben. Ein konkreter Schreibanlass kann allerdings bis heute nicht eindeutig benannt werden, im Gegensatz zur Zueignung: Er widmete das Werk einem Kollegen an der Wittenberger Universität, Nikolaus von Amsdorf, der 22 Jahre später als Bischof von Naumburg der erste lutherische Bischof im deutschsprachigen Raum war.

Luthers Adelsschrift gliedert sich in drei größere Sinnabschnitte: Am Bild von drei Mauern, die das Papsttum (die Romanisten) errichtet habe, erläutert Luther zunächst das Ausbleiben von notwendigen Reformen: die erste Mauer bildet der Anspruch des Papstes auf die Oberherrschaft über die weltlichen Obrigkeiten, dem Luther energisch widerspricht. Das Monopol normativer Schriftauslegung und die Überordnung des Papstes über ein allgemeines Konzil bilden Mauer zwei und drei. Theologischer Kern der Schrift ist die Lehre vom allgemeinen Priestertum aller Getauften. Dass Päpste irren können, lässt Luther ihre Schlüsselgewalt bestreiten.

Luther. Quelle: https://www.br.de/themen/kultur/inhalt/religion/luther/martin-luther-online-144~_v-img__16__9__xl_-d31c35f8186ebeb80b0cd843a7c267a0e0c81647.jpg?version=ef93d

Daran schließt sich eine Darstellung dreier Bereiche an, die im Rahmen eines Konzils behandelt werden müssten: die Selbstherrlichkeit des Papstes, die große Zahl der Kardinäle und der enorme Umfang des päpstlichen Hofes, dem Luther dann noch einen Exkurs über den römischen Rechtsmissbrauch folgen lässt. Beide Teile fügen sich zu einem zweiten Sinnabschnitt der Schrift zusammen. Im dritten Abschnitt bringt Luther vor, „was wol geschehen mocht und solt von weltlicher gewalt odder gemeinen Concilio.“ Er führt dabei 26 Verbesserungsvorschläge an, von denen sich zwölf auf genuin römische Missstände beziehen und die folgenden die Christenheit im Allgemeinen betreffen. Der 27. Punkt kritisiert zahlreiche weltliche Übel. In seinen Forderungen und seiner Kritik am Luxus wird er sehr konkret: Er fordert die Einschränkung des ausuferndes Klosterwesens, die Abschaffung des Zölibats, eine Neuordnung des kirchlichen Sozialwesens und eine stärkere Schriftorientierung im Theologiestudium. „Der erste volkssprachliche Text Luthers, der zu erkennen gibt, wie er sich kirchlichen Neubau und den Aufbau einer deutschen Nationalkirche vorstellt“, befand Thomas Kaufmann in der FAZ.

„notwendiger Quell der Verunsicherung“

Luthers Adelsschrift und sein Verständnis vom Allgemeinen Priestertum berührten, ja symbolisierten zentrale Fragen und Probleme der damaligen Zeit. Sie bewegten sich im Spannungsfeld von Freiheit und Begrenztheit, Recht und Pflicht, Macht, oder besser Vollmacht, und Ohnmacht, weltlichem und geistlichem Handeln, Ordnung und Anarchie, Mittel- und Unmittelbarkeit – und nicht zuletzt von Hierarchie und Egalität, Gleichheit und Ungleichheit. So formulieren der Memminger Kürschnergeselle Sebastian Lotzer und der Prädikant Christoph Schappeler 1525 das zentrale Dokument des Bauernkrieges, die „12 Artikel der Bauernschaft in Schwaben“. War es in den meisten regionalen Vorläufern noch allein das „alte Recht“, auf das man Bezug nahm, so bemühen die 12 Artikel nun das „göttliche Recht“.

Titelblatt der 12 Artikel. Quelle: Von Autor unbekannt – eingescannt aus: Otto Henne am Rhyn: Kulturgeschichte des deutschen Volkes, Zweiter Band, Berlin 1897, S.21, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3926052

Damit knüpfen sie ausdrücklich an das reformatorische Verständnis an: Göttliches Recht ist biblisches Recht, also das Recht des Evangeliums. Explizit benennt der erste Artikel des Memminger Programms das protestantische Gemeindeprinzip und fordert die Wiederherstellung des Rechts der freien Pfarrerwahl durch die Gemeinde. Der selbst gewählte Pfarrer soll das Wort der Bibel „lauter und klar predigen, ohne allen menschlichen Zusatz“. Aber auch die ausschließlich den wirtschaftlichen und sozialen Problemen gewidmeten Artikel zeigen die Präsenz des reformatorischen Gemeindegedankens in seiner ganzen politischen Dynamik. So soll die Verwaltung des Kirchenzehnten der Gemeinde übergeben werden, ebenso wie die Allmenderechte sowie die Nutzungsrechte am Fischfang, an der Jagd und am Wald, die künftig „der ganzen Gemeinde anheimfallen“ sollen, wie es Artikel 12 sagt.

Was bedeutet es für das Verständnis von Kirche, Gemeinde und Gemeinschaft der Gläubigen, wenn Luthers Verständnis vom Allgemeinen Priestertum konsequent, ja radikal zu Ende gedacht wird? Der Zugang von Frauen zur Priester- beziehungsweise Bischofsweihe, wie jüngst selbst die Synodalversammlung der katholischen Kirche diskutierte? Kardinal Walter Brandmüller kritisierte in Die Tagespost prompt den „synodalen Weg“ als offenkundigen Versuch, „der Kirche säkulare, demokratische Strukturen“ aufzuzwingen, der „sich im Grunde gegen das Wesen der Kirche“ richte. Es sei „ebenso bezeichnend wie befremdend zu sehen, wie wenig die Verfasser unseres Textes verstanden haben, dass die Kirche Jesu Christi weder Monarchie noch Demokratie oder etwas ähnliches ist. Sie ist ein mit menschlichen Kategorien nicht adäquat zu fassendes Mysterium des Glaubens, über das selbst die Heilige Schrift nur in Bildern zu sprechen vermag.“

Das recht unscharfe Bild der „neuen“ Kirche, das Luther in der Adelsschrift zeichnete, changiere zwischen Momenten einer zentralistischen landesherrlichen oder gar kaiserlichen, einer synodal verfassten und einer ganz an den Erfordernissen und Realitäten der Ortsgemeinde orientierten kongregationalistischen Verfassungsstruktur, weiß dagegen Kaufmann. In der Geschichte des Protestantismus habe das allgemeine Priestertum tiefgreifende Wirkungen hinterlassen. In den Gemeinden wachten Aufseher aus dem „Laienstand“ über die Verwendung der Gelder aus dem „gemeinen Kasten“ und wirkten als Organisatoren des Schulwesens und der Armenversorgung. An der Wahl der Pfarrer beziehungsweise der Amtseinsetzung waren „Laien“ kraft des allgemeinen Priestertums beteiligt. „Laien“ aus dem Fürsten-, Adels- oder Ratsherrenstand leiteten die Kirche. Auf den Kirchentagen noch unserer Tage melden sich, wenn irgendwo, evangelische Nichtkleriker zu Wort.

Gebäude der Kramerzunft in Memmingen. Quelle: Von –Martin Egg (talk) – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4885110

Im Priestertum aller Gläubigen hat der Protestantismus das Prinzip seiner permanenten Selbstkritik bei sich – ein notwendiger Quell der Verunsicherung, erklärt Kaufmann. „Das Priestertum aller Gläubigen steht für eine egalitäre und partizipatorische Religion, die allen Menschen beiderlei Geschlechts gleiche Rechte eröffnet und den ‚Professionellen’ Grenzen steckt, den Popen, Pfaffen, Mullahs, Oberkirchenräten, den Theologieprofessoren und Berufsreligionsdeutern, den Klerikalfunktionären dieses Äons“. In Luthers „Adelsschrift“ bräche dies erstmals auf. Mit diesem Text begann ein Projekt der Umformung des bestehenden Kirchen- und Gesellschaftswesens, das nach und nach das Gesicht Europas verändern sollte.

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