Feeds
Artikel
Kommentare

Die Auflösung des Online-Prangers setzte einer ereignisreichen Woche die Krone der Frechheit auf: Das „Zentrum für Politische Schönheit“ ZPS um den Aktionskünstler Philipp Ruch schaltete sein Denunziationsportal „soko-chemnitz.de“ mit dem Hinweis ab, es habe sich um einen sogenannten „Honigtopf“ gehandelt, der seine Funktion erfüllt hätte. In nur drei Tagen hätten 2,5 Millionen Nutzer die Seite besucht, so sei ein „riesiger Datenschatz“ entstanden. Über einen Algorithmus könne nun ein breites Netzwerk des Rechtsextremismus in Deutschland abgebildet werden.

„Das ist das Relevanteste, was es an Daten in Sachen Rechtsextremismus in Deutschland aktuell gibt“, erklärte Ruch in Berlin. Dafür könnten sich auch zahlreiche Behörden interessieren. „Wenn zum Beispiel der Bundesinnenminister mehr wissen will und Lust auf einen Kaffee mit uns hat, dann soll er vorbeikommen.“ Und setzte, strotzend vor Selbstbewusstsein, hinzu, Horst Seehofer (CSU) müsse sich dann vom ZPS-Team allerdings „auch ein paar kritische Töne anhören für das, was er in diesem Jahr geliefert hat“. Insgesamt seien etwa 1.500 Beteiligte an den rechten Demonstrationen in Chemnitz von Ende August identifiziert worden. „Richtig“, bejubelt die taz die Aktion.

„Wo arbeiten diese Idioten?“

Rückblende: am Vormittag des ersten Dezembermontags schaltete das ZPS eine Denunziationsplattform im Internet frei, mit der nach Teilnehmern der Demonstrationen gesucht wurde, die im Nachhall der tödlichen Messerattacke beim Stadtfest in Chemnitz Ende August stattgefunden hatten. Ein Deutscher war mutmaßlich von Flüchtlingen erstochen worden. „Denunzieren Sie noch heute Ihren Arbeitskollegen, Nachbarn oder Bekannten und kassieren Sie Sofort-Bargeld“, warb die Aktion reißerisch und zeigte hunderte Fotos von mutmaßlich rechten Demonstranten. Das ZPS will dafür nach eigener Aussage drei Millionen Bilder von 7000 Verdächtigen ausgewertet haben. „Während normale Menschen arbeiten, treiben tausende Arbeitnehmer oder Staatsdiener Ausländer durch Chemnitz, attackieren Presse und Polizeibeamte und grüßen Hitler“, heißt es weiter.

"Soko Chemnitz". Quelle: https://www.hna.de/bilder/2018/12/03/10791771/550786611-soko-chemnitz-zentrum-fuer-politische-schoenheit-4bMCH2Lbza7.jpg

"Soko Chemnitz". Quelle: https://www.hna.de/bilder/2018/12/03/10791771/550786611-soko-chemnitz-zentrum-fuer-politische-schoenheit-4bMCH2Lbza7.jpg

Die Fotos wurden mit abgekürzten Namen und steckbriefartigen Informationen benannt, ihre Fotos mit Augenbalken unkenntlich gemacht. Eine weitere Galerie zeigt unverpixelte Nahaufnahmen einzelner Personen, angeblich aus dem Demogeschehen, und fragt nach Namen und Arbeitgeber. Damit soll der Rechtsextremismus 2018 systematisch erfasst, identifiziert und unschädlich gemacht werden: „Helfen Sie uns, die entsprechenden Problemdeutschen aus der Wirtschaft und dem öffentlichen Dienst zu entfernen“. Für Hinweise loben die Künstler „Kopfgelder“ aus, die sich die Tippgeber ab Donnerstag an einer Adresse in der Chemnitzer Innenstadt abholen können: einem Ladenlokal, dessen Schaufenster mit steckbriefartigen Postern von 18 Demonstrationsteilnehmern beklebt waren. Darunter waren führende AfD-Politiker, auch Landtagsabgeordnete und weitere Mandatsträger.

Vermieterin ist die Grundstücks- und Gebäudewirtschaftsgesellschaft (GGG), eine Tochter der Stadt Chemnitz. Nach Hinweisen von Passanten kündigte sie noch am Montag den Mietvertrag, weil sie sich zur Nutzung der Räume getäuscht sah, und ließ das Lokal von einem Schlüsseldienst öffnen, um die Steckbriefe zu entfernen. Die Räume seien als Popup-Store für die Dauer weniger Wochen angemietet worden. „Durch die Aushängung von selbst kreierten Fahndungsplakaten, was für uns als Vermieter im Vorfeld nicht erkennbar war, sehen wir den vertraglich vereinbarten Nutzungszweck verletzt und beenden die Überlassung der Gewerbefläche umgehend“, so ein GGG-Sprecher.

Die ebenfalls eingeschaltete Polizei verwies am Abend auf „Gefahrenabwehr“ als Grund für die Öffnung des Lokals: Immerhin war der Laden zuvor von Gruppen teils kopfschüttelnder, teils empörter Passanten umlagert. „Die Polizei Chemnitz droht uns gerade, unser Recherchebüro … aufzubrechen und die Kunst zu stehlen!“, twitterte das ZPS. „Die Wut der ‚Bürger‘ wog schwerer als unsere Eigentumsrechte, ein gültiger Mietvertrag und das Recht auf Kunstfreiheit“, hieß es dann in einer Stellungnahme. Von der sächsischen Landesregierung wurde die Gruppe abgemahnt, weil sie auf ihrer Website das Marketing-Logo „So geht sächsisch“ verwendet hat. Laut MDR will der Berliner Verband Jüdisches Forum wegen unautorisierten Verwendens von Filmmaterial gegen die Aktion klagen. Insgesamt neun Anzeigen gingen ein. Laut Polizeisprecher Andrzej Rydzik steht als mögliches Delikt das Kunsturhebergesetz im Raum sowie Beleidigung.

Soko-Chemnitz-"Steckbrief". Quelle: https://files.newsnetz.ch/story/3/0/2/30285949/14/topelement.jpg

Soko-Chemnitz-"Steckbrief". Quelle: https://files.newsnetz.ch/story/3/0/2/30285949/14/topelement.jpg

Die Künstlergruppe erläuterte ihre Aktion mit rußverschmierten Gesichtern auf einer Pressekonferenz als ein Angebot „für die Strafverfolgung des Freistaats Sachsen und den Allgemeinen Arbeitgeberverband Sachsen e.V.“ Die Rede ist von einem „Katalog der Gesinnungskranken“. Denn Ziel der Aktion sei, über den Arbeitgeber Druck auf „rechtsextreme Beschäftigte“ auszuüben. So hieß es gleich oben auf der Seite: „Wo arbeiten diese Idioten?“ Weiter unten gibt es Felder, um angeblich direkt den Chef eines bestimmten Rechtsextremen zu kontaktieren. Zugleich gibt es für sächsische Unternehmer das Angebot, ihre Werbeanzeigen auf der Seite zu platzieren. Gesucht würden die „Fahnenflüchtigen von Chemnitz“.

„es ist Zeit für eine Entnazifizierung“

Die „Künstler“ veröffentlichten neben den Fotos und dem Beruf der, wie sie sie nennen, „Verdächtigen“, auch persönliche Angaben: Hobbys, Ernährungsgewohnheiten, Lieblingsverein und vieles mehr. Dazu hat man die Fotografierten offenbar bis ins Privateste ausspioniert. Die Vorwürfe reichten von Mitgliedschaft in der AfD über das Teilen kritischer Beiträge über Angela Merkel bis hin zu knallhartem Rechtsextremismus. Wie rechts jemand in den Augen des Zentrums ist, wurde einem anhand eines entsprechend ausschwenkenden Gesinnungs-Barometers angezeigt.

In der Konsequenz machte dies aber keinen Unterschied für die Betroffenen. Denn der Pauschalvorwurf gegen alle aufgeführten Personen hieß: „Verdacht auf unerlaubte Entfernung von der Demokratie.“ Die Gemeldeten können selbst ihre Daten entfernen lassen, solange sie sich in einer Erklärung zur freiheitlich demokratischen Grundordnung und gegen die AfD bekennen. Gefragt, warum gerade sie sich berufen fühlten, Staatsschutz zu spielen, antworteten die Initiatoren auf der Pressekonferenz: „Weil es sonst keiner macht.“ Nebenbei: der DDR-Geborene Ruch nutzt mit der Wendung „unerlaubte Entfernung“ (U.E.) eine aus der Disziplinarsprache der DDR-Volksarmee. Finanziert würden alle Aktionen des ZPS ausschließlich aus Spenden, so auch diese.

Mietlokal der Soko-Chemnitz. Quelle: https://pics.freiepresse.de/DYNIMG/42/93/6594293_M650x433.jpg

Mietlokal der Soko-Chemnitz. Quelle: https://pics.freiepresse.de/DYNIMG/42/93/6594293_M650x433.jpg

Die als solche deklarierte „Satire“ bestätigt genau die Logik der Ausgrenzung und Einschüchterung, gegen die sie sich angeblich richtet: Statt Andersdenkende politisch zu stellen, werden sie pathologisiert, statt Demokratie als ständigen Konflikt zu begreifen, wird sie als Sektengesinnung inszeniert. Diese Inszenierung lebt von der Fiktion eines Ausnahmezustands, in dem Philipp Ruch und die Seinen vorgeblich gezwungen sind, die Aufgaben von Verfassungsschutz, Polizei, Justiz und Presse zugleich zu übernehmen, regt sich Jens Bisky in der Süddeutschen auf: „Sie maßen sich in dieser Aktion die Rolle eines Souveräns an, der im Besitz der Wahrheit agiert.“

Das ZPS spricht von: „Volksverrätern“, „rechten Deutschlandhassern“ oder „Drückebergern“ und setzt diese in Gegensatz zu den „Normalen“. Diese Sprache hätte man in den Achtzigerjahren „faschistoid“ genannt. Als Kunstsanktion taugt die Pranger-Denunziations-Inszenierung politisch folgenreich dazu, sich demokratiefreundliche Eigenschaften abzutrainieren, von der Gesprächsfähigkeit über die Kompromissbereitschaft bis hin zur Lust an der Differenzierung, ärgert sich Bisky. Mit Verweis auf die Nachkriegsjahre sprach Philipp Ruch von einer „Entnazifizierung“, die es nun wieder durchzuführen gelte. Seine Hauptstrategie ist: soziale Ächtung und Ausschluss der Verdächtigen. Dabei gewinnt die Omnipotenzfantasie des Künstlerkollektivs.

Stefan Pelzer, „Eskalationsbeauftragter“ des ZPS, machte zwar deutlich, dass sich die Gruppe vor dem Start des Portals rechtlich hat beraten lassen, besonders was Bild- und Persönlichkeitsrechte anbelangt. Juristisch heikel dürfte die Anschwärzungsfunktion dennoch sein, mit der Mitarbeiter bei ihrem Arbeitgeber gemeldet werden sollen. Die Berliner Beauftragte für Datenschutz, Maja Smoltczyk, wird sich mit der Kunstaktion beschäftigen: Die Berliner Behörden seien zuständig, da die Künstlergruppe auf der Internetseite einen Ansprechpartner in Berlin nenne. Voraussichtlich Mitte/Ende Januar werde dann die Datenschutzbeauftragte eine Einschätzung zum konkreten Fall abgeben.

„Kunst ist frei, hat aber Verantwortung“

ZPS-Gründer Philipp Ruch erklärt in Floskeln der Politikersprache, das Portal sei ein Beitrag, um an einem anderen Bild von Chemnitz zu arbeiten, „von einem Chemnitz, das weltoffen ist, das interkulturell ist“. Dann betont Ruch: „Wir denken, es ist Zeit für eine Entnazifizierung.“ Dies sei „ein gesamtgesellschaftlicher Prozess“, in den jetzt mit dem Online-Portal alle eintreten könnten. „Es ist ein Angebot an die Bevölkerung, sich intensiv mit Intensivtätern auseinanderzusetzen.“ Und fährt fort: „Eine Schlüsselrolle kommt der Wirtschaft bei der Entnazifizierung zu. Wir müssen sie in die Lage versetzen, zu handeln.“ Es gehe darum, ein Gegenbild zu zeichnen, „für die Wirtschaft der Region ist das existenziell“. Das Portal sei ein Angebot an die Wirtschaft, rechtsextreme Gewalttäter im eigenen Unternehmen „zu erkennen und möglicherweise dagegen vorzugehen“.

PK des "Zentrums". Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/media/thumbs/6/6a03155d47783ee0cf751d17924fa87av1_max_635x357_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg?key=b715f0

PK des "Zentrums". Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/media/thumbs/6/6a03155d47783ee0cf751d17924fa87av1_max_635x357_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg?key=b715f0

Zudem wolle das ZPS mithelfen, damit „marodierende Nazis“ nicht jenes Ereignis seien, welches über Jahre im kollektiven Gedächtnis mit dem Namen Chemnitz verbunden bleibe. Das Signal an rechtsextreme Demonstranten sei: „Wir haben Euch gesehen, und es war kein Ausrutscher. Es ist uns nicht egal, was ihr mit unserer Stadt und unserem Land macht. Wir lassen uns das nicht gefallen.“ Wohlbemerkt: Ruch ist Berliner. Aber er freute sich, bislang drei „Belohnungen“ ausbezahlt zu haben. „Übrigens: Die Tippgeber stammten nicht gerade aus der linken Szene. Und: Die Tipps waren derart relevant, dass wir sie den Strafverfolgungsbehörden weiterleiten werden“, erklärte er auf bazonline.

„Christoph Schlingensief für geistig Arme“, kontert Boris T. Kaiser in der Jungen Freiheit. „Worüber muss man sich als Akteur eigentlich klar sein, um eine Denunziation von einer Anzeige unterscheiden zu können? Es ist ja wirklich allein der politische Geist, in dessen Hand die Videos der einmal installierten Überwachungstechnologie sind, der bestimmt, wer ‚Gefährder‘ ist“, zürnt Tim Hofmann in der Freien Presse Chemnitz(!). „Soko-Chemnitz.de“ sei so derb unangenehm, dass man trotz einiger unwillig satirischer Farbspritzer schon gehörige Wut bräuchte, um sie gebräuchlich zu finden: „Was macht diese Wut nun mit einem? Kann man das Falsche tun, um das Richtige zu erreichen?“, fragt er und kritisiert einen protofaschistischen Grundansatz mit Begriffen wie „Gesinnungskranken“. Ein „totalitäres Vokabular der Selbstbehauptung“, erkennt Kolja Reichert in der FAZ.

Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, sprach von einer problematischen Kunstaktion, die nicht zur Aufklärung beitrage, sondern nur der Spaltung der Gesellschaft weiter Vorschub leiste. „Es spielt keine Rolle, ob der Pranger real oder Fake ist und schon gar nicht rechtfertigt das Ziel dieses Mittel“, erklärte Zimmermann und warnte: „Wie wird unsere Gesellschaft in fünf Jahren aussehen, wenn solche Pranger-Aktionen im Netz weiter Schule machen? Kunst ist frei, hat aber Verantwortung.“ Auch der sächsische Innenminister Roland Wöller (CDU) warf dem ZPS vor, mit der Aktion den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu gefährden.

„schnelle politische Triebabfuhr“

„Ist man nicht schlicht versucht, ein gravierendes Gesellschaftsproblem mit einem mühelos schmerzfreien Mausklick lösen zu wollen? Was will man denn erreichen: Offenheit? Oder schnelle politische Triebabfuhr?“ fragt Hofmann in seinem sehr lesenswerten Kommentar weiter. „‘Soko Chemnitz‘ illustriert eindringlich die aktuelle Hilflosigkeit im gesellschaftlichen Gegeneinander – und die Notwendigkeit, Phrasen gegen echte Argumente zu tauschen.“ Der aus Israel stammende Firmenchef der Cabka Group GmbH, Gat Ramon, erwartet in einem Offenen Brief, dass diese Art der Hetze und Denunziation unterbleibe. „Eine öffentliche Denunziation ist für mich persönlich und auch für unser Unternehmen nicht die geeignete Antwort.“ Einer seiner Mitarbeiter war auf einem Foto gezeigt und namentlich genannt worden. Auf seiner Facebook-Seite war ein Banner zu sehen, auf dem in altdeutscher Schrift stand: „Weniger Lohn! Weniger Rente! Mehr Flüchtlinge! Heil Merkel!“

Der schreckliche Zufall wollte es, dass am Tag von Ruchs ruchlosem Kampagnenstart der Tod eines 17-jährigen Mädchens in einem Bonner Flüchtlingsheim bekannt wurde. Die Meldungen über beide Ereignisse seien leider charakteristisch für den Zustand geistiger Verwahrlosung, den wir in Deutschland haben, klagt Vera Lengsfeld auf ihrem Blog. Während der Tod des Mädchens in vielen Medien nur eine Randnotiz war, wurde Ruchs Aktion als eine von „Künstlern gegen rechts“ bejubelt, über deren kleine Schönheitsfehler man um der guten Sache willen hinwegsehen müsse.

Anlass der "Kunstaktion": Chemnitzer Demo. Quelle: https://cdni.rt.com/deutsch/images/2018.12/article/5c08eb504c96bb95608b4568.JPG

Anlass der "Kunstaktion": Chemnitzer Demo. Quelle: https://cdni.rt.com/deutsch/images/2018.12/article/5c08eb504c96bb95608b4568.JPG

Genau diesen Jubel praktizierte leider auch der SPIEGEL, das „Sturmgeschütz der herrschenden politisch korrekten, toleranten, vielfältigen Borniertheit“, so Lengsfeld. „Aktivisten wollen über eine Onlineplattform Rechtsextreme identifizieren. Die Macher halten das nicht für Denunziantentum. Sondern für Kunst. Richtig so.“, heißt es da. Das war das Motto der fatalen Großväter: „Pardon wird nicht gegeben“. Ihr Geist ist zurück und zerstört die Grundlagen unserer demokratischen Gesellschaft, indem Recht, Gesetz und Verfassung unter ideologischen Vorbehalt gestellt werden“, klagt Lengsfeld. Zum Vergleich: Als BILD nach mutmaßlichen G20-Randalierern suchen ließ, „obwohl die Behörden nach denen gar nicht fahnden“, textete das Blatt: „Da hat jemand den Rechtsstaat nicht verstanden“. Die Grenzen zwischen Aktivismus und Vandalismus sind inzwischen ins Irreale, ja Surreale gekippt.

Das ZPS sorgte bereits in der Vergangenheit mit provokanten Aktionen für Aufmerksamkeit, zuletzt vor rund einem Jahr mit einem Nachbau des Holocaust-Mahnmals vor dem Haus von Thüringens AfD-Landeschef Björn Höcke. Hintergrund war dessen Rede, in der er Anfang 2017 das Holocaust-Mahnmal als „Denkmal der Schande“ bezeichnet und eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ gefordert hatte. Nachdem Höcke vor dem Kölner Landgericht mit einer Klage auf Verletzung der Privatsphäre gescheitert war, stellte zuletzt auch die Staatsanwaltschaft Mühlhausen ihre Ermittlungen wegen Verdachts auf gemeinschaftliche Nötigung ein. Es blieb der Beigeschmack der Feme, der in der neuesten Aktion des Zentrums potenziert wurde. Einen „Anschlag von Gesinnungsterroristen auf unser Grundgesetz“ nannte das ein Kommentator. Das ist leider richtig. Richtig schlimm.

Wenn man einen DDR-Autor „Volksschriftsteller“ nennen kann, dann Erwin Strittmatter: urbäurisch, knorrig, humorig, mit Schiebermütze und Vollbart, inmitten seiner Araber im brandenburgischen Schulzenhof. Eine oft bemühte Anekdote geht so: Vor einer Lesung in Leipzig hatten junge Leute erkundet, dass jemand unweit auf dem Lande einen Hengst besaß, den er vom Pferdehof des Schriftstellers gekauft hatte. Während der Signierstunde rief ein Begleiter Strittmatter heraus: Ein Besucher warte auf ihn. Es war der Hengst. Der Dichter herzte ihn, meinte aber, das Tier habe ihn nicht erkannt. Die Presse, die anderer Ansicht war, komplimentierte das Pferd hinein. Es kam dieser Bitte auch nach. Weitere Pferdebesuche in DDR-Buchhandlungen sind nicht überliefert.

Doch der deutsche Autor mit sorbischen Wurzeln hatte auch andere, dunkle Seiten, die erst nach seinem Tod am 31. Januar 1994 vollständig offen gelegt wurden. So wurde 1996 bekannt, dass er einerseits von 1958 bis 1964 als Geheimer Informator „Dollgow“ der Staatssicherheit arbeitete, später wurden daraus die Inoffiziellen Mitarbeiter (IM). Noch in den 1970er Jahren befürwortete er laut Stasi-Akte des Schriftstellers Reiner Kunze („Deckname Lyrik“) dessen Ausweisung aus der DDR. Andererseits verschwieg er, dass er 1941 als Freiwilliger zur Schutzpolizei ging, die später der SS angegliedert wurde. 1942 musste er auf dem Balkan als Oberwachtmeister des „Gebirgsjäger-Regiment 18“ im Rahmen der „Operation Enzian“ mindestens Kenntnis vom Massaker in Bistrica pri Kranju gehabt haben – wenn er nicht gar daran beteiligt war.

Erwin Strittmatter. Quelle: https://www.berliner-kurier.de/image/23730466/2x1/940/470/7c8a7332323b495dd92843687817f07/xf/digas-102685355-mds-bez-201.jpg

Erwin Strittmatter. Quelle: https://www.berliner-kurier.de/image/23730466/2x1/940/470/7c8a7332323b495dd92843687817f07/xf/digas-102685355-mds-bez-201.jpg

„Endlich einer aus dem Osten!“, frohlockte Oliver Jungen am 09.06.2008 in der FAZ, als die Recherche öffentlich wurde, und hielt Strittmatters literarisches Schicksal längst für besiegelt. Aus dem Nachlass wurden Briefe bekannt, die ihm im Mai 1971 eine frühere Geliebte schickte – einst zur Aufbewahrung überlassen und längst „verloren und vernichtet“ geglaubt. Der Schriftsteller hielt in seinem Tagebuch fest, es handle sich um „abgestoßene Seelenhäute, die man halb neugierig, halb ängstlich betrachtet“. Wie aber die Wiederentdeckung auf ihn gewirkt, ob er sich überhaupt in den Fund vertieft hat, ist nicht zu erfahren. So schrieb Strittmatter Anfang Januar 1942 seinen Eltern aus der Oberkrain in Slowenien „Dann nehmen wir es (das Dorf) endlich und brannten alles nieder“. Und weiter: „Nun holen wir zum Hauptschlag aus. Die Banden sind immer noch nicht ganz aufgerieben.“ Was Strittmatter dabei genau getan hat, ist bis heute nicht bekannt.

„aus Lust und innerlichem Zwang“

Seitdem knirscht es im literarischen Erinnerungsgebälk. Der 1994 vom Potsdamer Landwirtschaftsministerium gestiftete „Erwin-Strittmatter-Preis“ wird seit 2008 nur noch als „Brandenburgischer Literaturpreis Umwelt“ verliehen. Und im Januar 2012 beschloss die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Spremberg, von einer offiziellen Würdigung aus Anlass des 100. Geburtstages ihres Ehrenbürgers abzusehen. Rechnet man nun noch hinzu, dass ihm einige seiner acht Söhne, die er mit drei Frauen hatte, sowie eine Enkelin vorwarfen, er sei ein hartherziger, prügelnder Egomane und Familientyrann gewesen, der zwar die Geburtstage seiner Pferde, nicht aber die seiner Kinder kennt, wird deutlich, dass der „Nationalautor einer halben Nation“ (SPIEGEL) gerade eine Persona non grata wird.

Strittmatter als Pferdezüchter. Quelle: https://www.tagesspiegel.de/images/heprodimagesfotos82320120814stritt-jpg/6996298/5-format1012.jpg

Strittmatter als Pferdezüchter. Quelle: https://www.tagesspiegel.de/images/heprodimagesfotos82320120814stritt-jpg/6996298/5-format1012.jpg

Der am 14. August 1912 geborene Bäckersohn verbringt seine Kindheit in Bohsdorf nahe Spremberg (Niederlausitz), wo seine Eltern eine Bäckerei mit Kolonialwarenhandlung betrieben – Laden und Dorf wurden später in seiner Romantrilogie „Der Laden“ unsterblich. Strittmatter verlässt das Realgymnasium ohne Abschluss, lernt Bäcker und ist auch als Kellner, Hilfsarbeiter und Tierpfleger tätig. Er schloss sich noch vor 1933 der SPD an, heiratet 1937 erstmals und arbeitet in der Thüringischen Zellwolle-AG in Rudolstadt-Schwarza. 1939 meldet er sich als Alternative zum Kriegsdienst bei besagter Schutzpolizei. Im Sommer 1944 wurde Strittmatter, der auch als einer der Schreiber seines Bataillons fungierte, zur Film- und Bildstelle des Hauptamtes der Ordnungspolizei nach Berlin versetzt.

Nach Kriegsende arbeitete Strittmatter zuerst wieder als Bäcker, später als Lokalredakteur der Märkischen Volksstimme in Senftenberg, heiratet erneut, wird 1947 Amtsvorsteher mehrerer Gemeinden in der Niederlausitz sowie SED-Mitglied. In seiner Freizeit übt er sich als Schriftsteller, der „aus Lust und innerlichem Zwang“ niederschrieb, was er „erlebt, gesehen und gefühlt hatte“. 1950 erschien sein Erstlingswerk „Ochsenkutscher“, ein Roman über einen heranwachsenden Dorfjungen, der sich mit dem Zustand seiner Welt nicht abfinden will. Bis 1953 ist er am Berliner Ensemble Assistent bei Bertolt Brecht, der sogar sein Stück „Katzgraben“ aufführt. Darin findet sich das damals bekannte „LPG-Lied“: „Wenn Melk-Marie in kühler Früh‘ / Huscht zu den Küh‘n und Ochsen / Dann öffnen wir auf der Station / Geschwind die Traktorboxen.“ Eine „Sünde wider die Kunst“ sagt er später.

Strittmatter-Grundstück in Schulzenhof. Quelle: https://www.moz.de/fileadmin/_processed_/6/5/csm_1025812768_ef50c4e5c4.jpg

Strittmatter-Grundstück in Schulzenhof. Quelle: https://www.moz.de/fileadmin/_processed_/6/5/csm_1025812768_ef50c4e5c4.jpg

Seit 1954 lebte er in Schulzenhof im Ruppiner Land als Schriftsteller und Pferdezüchter, seit 1956 gemeinsam mit seiner dritten Ehefrau, der 18 Jahre jüngeren Dichterin Eva Strittmatter, die auch seine Lektorin wird. Sie fand von Anfang an den richtigen Ton: „Deine Arbeit wird immer der Mittelpunkt unserer Tage und Quelle für unsere Liebe sein“. Wie ihr Mann Auflagenmillionär, räumt sie nach Erwins Tod massive Eheprobleme ein und stirbt 2011 tablettensüchtig. Beide zogen vier Kinder auf, davon drei gemeinsame Söhne. Die Kinderbücher „Tinko“ und „Pony Pedro“ entstehen.

Der erstgeborene Sohn, der homosexuelle Autor und Schauspieler Erwin Berner (* 1953) ist es dann, der in seinen „Erinnerungen an Schulzenhof“ (2016) die Landidylle als „Albtraum in schöner Landschaft“ dekonstruiert, um seine in Suizidversuchen gipfelnden Traumata aufzuarbeiten. Er und seine Brüder durften erst als Halbwüchsige zu den Eltern ziehen. Vorher hatten sie – gegen Bezahlung – bei der Großmutter in Neuruppin wohnen müssen, weil der Vater lieber in Ruhe arbeiten wollte. Die bedrückende Atmosphäre auf dem Schulzenhof umschreibt er mit den Verben schweigen (über alles Persönliche), drohen (mit Schlägen und Kontaktabbruch) und lügen (über Familie und Geld): Das war „ein System, das der Herrschsucht Raum gab“. Jähe Wutausbrüche, Züchtigungen, die Erwin selbst in seinen Tagebüchern thematisiert, und Demütigungen bestimmen den Alltag.

Strittmatter-Söhne Ilja, Erwin und Jakob (v. l.) 2011. Quelle: https://media101.tlz.de/content/59/91/91/5I/5991915ITOMV4DB_V4RHRGTRYAXAWHGDHCPTTN529042016202/D0R0004280240.JPG

Strittmatter-Söhne Ilja, Erwin und Jakob (v. l.) 2011. Quelle: https://media101.tlz.de/content/59/91/91/5I/5991915ITOMV4DB_V4RHRGTRYAXAWHGDHCPTTN529042016202/D0R0004280240.JPG

Dabei galt der Schulzenhof viele Jahrzehnte als vielfach thematisiertes Öko-Refugium des gefeierten Paares. Generationen von Journalisten pilgerten auf das entlegene Vorwerk und schrieben salbungsvolle Reportagen über das glückliche Landleben: „Der Schulzenhof schien alles auf sich zu vereinen: DDR-Identität und Geselligkeit, Poesie und Erfolg, Weisheit und SED-Politik, Kreativität und Liebe, Kultur und Natur, Familie und eine einträgliche Ponyzucht“, meint Karim Saab in der MAZ.

Enkelin Judka Strittmatter stieß parallel in dasselbe Horn. Sie beschrieb Strittmatter in der Berliner Zeitung als fremden, herzlosen Opa und rechnete mit ihm in ihrem Roman „Die Schwestern“ ab: „Wie musste es ihm gutgegangen sein, dem Onkel Kurt, so geliebt zu werden. Er musste sich groß und einzigartig gefühlt haben. Und warum hatte ihn das nicht abgehalten, ein schlechter Vater zu sein?“ Im Roman ist der Onkel kein Schriftsteller, sondern Schauspieler – noch eine Rache, wurde Strittmatter doch oft mit dem Schauspieler Erwin Geschonnek verwechselt, was den durchaus eitlen Autor nicht amüsierte. Knut Strittmatter, ein Sohn aus erster Ehe, erklärte ebenfalls, dass sein Vater auch nach Jahren „keine Toleranz für Schwiegertochter und Enkelkinder aufbringen konnte“.

Erwin und Eva. Quelle: https://biblog.fh-zwickau.de/wp-content/uploads/strittmatter.jpg

Erwin und Eva. Quelle: https://biblog.fh-zwickau.de/wp-content/uploads/strittmatter.jpg

Nach einem Intermezzo als 1. Sekretär des Deutschen Schriftstellerverbandes erscheint 1963 „Ole Bienkopp“, eins der meistgelesenen Bücher der DDR, das auch Schulstoff wurde. Anfangs trug das Werk dem Verfasser scharfe Parteikritik ein, da Strittmatters Held auf eigene Faust und gegen den Willen der Funktionäre eine „Neue Bauerngemeinschaft“ gründet und schließlich am Starrsinn der Parteibürokratie zerbricht. Es wurde 1964 mit dem Nationalpreis ausgezeichnet – vier weitere Nationalpreise, mehrere Vaterländische Verdienstorden, Kunstpreise und andere Ehrungen folgen. Daran schließt sich das sogenannte „novellistische Jahrzehnt“ an: kleine naturverbundene Prosastücke wie in „Schulzenhofer Kramkalender“, „Ein Dienstag im September“ und „3/4 hundert Kleingeschichten“.

„ich gehe umher wie ein Mörder“

Später wird seine Kurzprosa vor allem aus Reflexionen („Selbstermunterungen“, „Wie ich meinen Großvater kennenlernte“) und Tiergeschichten („Ponyweihnacht“, „Flikka“) bestehen. Sein umfangreichstes Werk neben dem „Laden“ ist die ebenfalls autobiographisch geprägte Trilogie „Der Wundertäter“, die den dornenreichen Weg des Stanislaus Büdner aus Waldwiesen vom poetisierenden Bäckergesellen zum kritischen Schriftsteller nachzeichnet und an der er von den 50er Jahren bis ins Frühjahr 1978 schreibt. „Der Roman ist abgegeben, aber ich gehe umher wie ein Mörder, der bangt, dass man seine Tat bald entdecken wird“, notiert Strittmatter im April über den dritten Band.

Strittmatter auf der 1. Bitterfelder Konferenz. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Erwin_Strittmatter#/media/File:Bundesarchiv_Bild_183-63679-0006,_1._Bitterfelder_Konferenz,_Strittmatter.jpg

Strittmatter auf der 1. Bitterfelder Konferenz. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Erwin_Strittmatter#/media/File:Bundesarchiv_Bild_183-63679-0006,_1._Bitterfelder_Konferenz,_Strittmatter.jpg

Zwei Jahre lang wird er mit Vorladungen, „stilistischen“ Veränderungswünschen und Versprechungen, mit lauten Lobsprüchen und leisen Sabotagemaßnahmen hingehalten: Strittmatter hatte die Vergewaltigung einer jungen Ostdeutschen durch einen Rotarmisten geschildert und damit gegen ein DDR-Tabu verstoßen. Als das Buch schließlich gedruckt wird, kauft die Nationale Volksarmee fast die gesamte Auflage, einige 10 000 Exemplare, vom Markt weg. Nur ein kleiner Teil wird an die „Volksbuchhandlungen“ mit der strikten Anweisung ausgeliefert, das skandalöse Werk lediglich unter dem Ladentisch und an ausgewählte Parteikader abzugeben.

Danach begann er sein Alterswerk, das 1992 zu beenden er sich mit dem Erlebnis der Wende quälen musste: die drei Bände des „Laden“. Die Trilogie wurde fast 800.000-mal verkauft, mit Martin Benrath 1998 als Dreiteiler verfilmt und sowohl mit dem Deutschen Fernsehpreis als auch dem Adolf-Grimme-Preis gewürdigt. Strittmatter verwickelt darin in Lausitzer Dialekten und sorbischen Versatzstücken Menschen, Natur und Gegenstände zu unentwirrbaren Knäueln. Alles ist in Bewegung, beseelt von eigenartigen Energien. „In der Backstube vergart das Brot, der Teig verlässt die hölzernen Brotmulden und läuft, sich die Welt anzusehen“, heißt es darin, oder: „Im Fahrrad, zeigt sich, sammelt sich während des langen Stillstehens Übermut an.“ Seine Lesereise mit dem 3. Band wird ein Sensationserfolg. Wochenlang füllt der Achtzigjährige zwischen Rostock und Chemnitz die Säle, liest der rüstige Greis verhalten und ohne rhetorischen Aufwand.

Laden-DVD. Quelle: https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/514kRw%2Bi5vL.jpg

Laden-DVD. Quelle: https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/514kRw%2Bi5vL.jpg

Schriftstellerkollege Erich Loest rezensierte: „Viel ist von schönen Frauenzähnen die Rede und von Dörflerbrunst, das Land der Güter wird verteilt, ,Espede‘ und ,Kapede‘ vereinigen sich; aber das kommt wie von ferne her, wird hingenommen wie das Geschehen der ,adolfinischen‘ Zeiten, wird nicht moralisch gewertet, wird aufgesogen vom Dorf.“ Gewiss war Strittmatter nie Dissident, aber ebenso wenig diente er dem Regime als willfähriger literarischer Propagandist.

Wenn er lange an die Verheißungen eines preußischen Sozialismus glaubte, so irrte er, wie nicht wenige seiner Landsleute, in gutem Glauben. Strittmatters politische Desillusionierung bezeugen Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 1973 bis 1980, die er unter dem Titel „Die Lage in den Lüften“ veröffentlichte. Selbstkritisch beklagt der Autor darin die zahlreichen „Denkschranken“, die er in den langen Jahren seiner Parteizugehörigkeit verinnerlicht habe. Schon 1978 trat er als Vizepräsident des Schriftstellerverbandes zurück und bekleidete danach keine Ämter mehr.

Cover-Collage. Quelle: https://www.moz.de/uploads/tx_templavoila/strittmatter-kopf-dpa_02.jpg

Cover-Collage. Quelle: https://www.moz.de/uploads/tx_templavoila/strittmatter-kopf-dpa_02.jpg

Sein Sujet wurde die Natur, seine Themen Ackerbau und Viehzucht, Land und Landleute, Partei und Boden, seine Personage Kinder und Käuze, Sonderlinge und Einzelgänger – aus der Erkundung der Nischen zog er Kraft und Popularität. „Er zeigt Menschen wie Bäume und Bäume wie Menschen“, hat ihn sein Freund Lew Kopelew gelobt. Dabei war er kein Sprachartist, „eher ein guter Handwerker. Der Bäckerssohn knetete die Sprache, bis sie sich fügte – dem Gegenstand und dem Leser. Dabei kamen dann immer wieder Spracherneuerungen zum Vorschein, keine ‚Erfindungen‘, sondern Worte, die sich ergaben, weil sie fehlten“, meint Martin Ahrends in der ZEIT. Marcel Reich-Ranicki charakterisiert den „volkstümlich-urwüchsigen“ Heimatdichter in der FAZ so:

„Handfest ist sein Humor, simpel und hausbacken. Er verschmäht weder geschmacklose noch vulgäre Scherze … aber zuweilen – am häufigsten im ‚Wundertäter‘ – wartet er auch mit treffenden satirischen Akzenten auf.“

„eine Mauer aus Ignoranz und Herablassung“

In seiner Biographie kristallisiert ein Stück deutscher Geschichte, und in seinem Werk haben die Hoffnungen und Enttäuschungen, die kleinen Siege und die großen Niederlagen eines ganzen „halben“ Volkes unverwechselbaren Ausdruck gefunden. Die Erfahrung, in der Bundesrepublik jahrzehntelang fast vollständig übersehen worden zu sein und nach der Wende gegen „eine Mauer aus Ignoranz und Herablassung“ anzulesen, hatte Spuren bei ihm hinterlassen: „Ich bin in einige Dutzend Sprachen übersetzt, nur ins Westdeutsche nicht.“ 38 Sprachen waren es, um genau zu sein. Als er starb und sein Tod den Tagesthemen keinen Nachruf wert war, musste sich Ulrich Wickert nach massiven Protesten entschuldigen. Begraben ist Strittmatter, natürlich, in Schulzenhof.

Eva und Erwin Strittmatters Grab. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Schulzenhof#/media/File:Grabstelle_Strittmatter_Schulzenhof_Wiki.jpg

Eva und Erwin Strittmatters Grab. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Schulzenhof#/media/File:Grabstelle_Strittmatter_Schulzenhof_Wiki.jpg

Was bleibt: Das Bild eines Mannes, der nach dem Krieg seine Soldatenzeit so darstellte, dass sie ins Bild des antifaschistischen DDR-Bürgers passte. Der versuchte, als Genosse bei den neuen Machthabern nicht anzuecken. Der vor den Frauen floh, wenn seine Leidenschaft Folgen hatte. Es ist das Bild eines Mannes, der seine Ruhe haben wollte. Ruhe, um zu schreiben. Ruhe, um sich seinen Tieren zu widmen. Ruhe vor dem Lärm der Stadt und den eigenen Kindern. Er wollte im Grunde auch von den Funktionären der SED in Ruhe gelassen werden. Und von den Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg.

Im „Laden“ schreibt er: „Der Stein unter der Birke hat sich in den Probe-Sommertagen durchwärmt. Er arbeitet und nutzt die Hitze, Regen und Kälte, um sich zu sprengen und Erde zu werden. Wenn er redselig wäre wie wir, würde er sagen: Ich mühe mich um mein Fortkommen“. Strittmatter hat sich gemüht. Aber er kommt nicht mehr fort. Er kommt weg. Das ist schade. Sehr schade.

In der DDR-Literatur wurde Anfang der achtziger Jahre ein Begriff zum geflügelten Wort, der in Besinnung auf Immanuel Kant das Bild eines freien, gleichberechtigten und nicht bevormundenden Diskurses zwischen Autor, Text und Empfänger verbreitete: der des „mündigen Lesers“. In der BRD–Kulturpolitik gibt ein SPD-Kultursenator vor, auf die Mündigkeit der Bibliotheksnutzer in Bremen zu vertrauen, und erklärt zugleich, dass Medien, die „eindeutig dem rechten Spektrum zuzuordnen“ sind, weder „aktiv über das Lektorat bestellt noch auf Kundenwunsch für die Stadtbibliothek erworben“ werden: Gemeint sind die Verlage Antaios, Manuscriptum, Orion-Heimreiter, Jungeuropa und Kopp. Hat sich unsere Demokratie auf dem Niveau der DDR-Diktatur anno 1970 eingependelt?

JF-Stand auf der Buchmesse Frankfurt. Quelle: http://www.taz.de/picture/3085463/948/Anne-Dedert-rechte-verlage-frankfurter-messe-hinten-im-rechten-eckchen-dpa.jpeg

JF-Stand auf der Buchmesse Frankfurt. Quelle: http://www.taz.de/picture/3085463/948/Anne-Dedert-rechte-verlage-frankfurter-messe-hinten-im-rechten-eckchen-dpa.jpeg

Ruchbar wurde die Zensur nach einer Anfrage des Grünen Kulturdeputierten Robert Hodonyi, der den Bremer Kultursenator Carsten Sieling bereits im August aufgefordert hatte, den Umgang der Bibliothek mit den Publikationen „rechter Verlage“ zu untersuchen. Darin fragt er auch, ob und wie Publikationen aus rechten Verlagen „kontextualisiert“ sprich gekennzeichnet werden. Als der Bericht, zugleich eine Sitzungsvorlage, drei Monate später vorliegt, springt nur ein einziges und natürlich linkes Medium drauf an: die taz, bei der Hodonyi selbst zwei Jahre Redakteur war (was der normale Leser nicht erfährt). Und die thematisiert natürlich nicht, dass sich Bremens Grüne damit aus dem demokratischen Grundkonsens verabschiedet haben. Im Gegenteil: unter Schlagzeilen wie „Gehören Bücher aus rechten Verlagen ins Bibliotheksregal?“ oder „Wird so eine demokratische Diskussion ermöglicht oder gefährliche Ideologie erst verbreitet?“ macht sie sich mit solch offenkundigem Gesinnungsfaschismus auch noch gemein.

„nicht einmal das kleine Einmaleins der Demokratie beherrschen“

Der Bericht legt zunächst drei Dinge offen. Zum ersten gibt es keinen entsprechenden „Umgang“: unter den rund 550.000 Titeln in der Stadtbibliothek hat es lediglich der Kopp-Verlag geschafft, vier seiner Bücher in das Angebot der Bremer Gesinnungsfestung zu schleusen; darunter Stefan Schuberts „Die Destabilisierung Deutschlands“. Darin würden „krude Verschwörungstheorien als kritische Recherche“ verkauft. Dass das Buch überhaupt zu haben ist, liegt aber an seinem Erscheinen auf der Spiegel-Bestseller-Liste. Denn damit Kunden gefragte Titel möglichst schnell in den Regalen fänden, gelte für diese und andere Listen die sogenannte „Standing Order“, eine Art Dauerauftrag, auf dessen Grundlage gelistete Bücher direkt an die Bibliothek geliefert werden.

Zum zweiten wird der totalitären Forderung der Grünen zwar eine klare Absage erteilt: „Eine Kennzeichnung ‚rechter‘ oder ‚linker‘ Literatur erfolgt nicht. Die Stadtbibliothek Bremen wird keine Extra-Präsentationen einführen, da dies die Kontextualisierung durch den Fachbestand ad absurdum führt“, heißt es in dem Bericht. „Die Medien aus den o.g. rechten Verlagen stehen im Fachbestand der Bibliotheken in einem hinreichenden Kontext anderer Titel zur Politik, Geschichte und Soziologie und Sozialwissenschaften.“

Zum dritten aber wird eben erklärt: „Für den Umgang mit rechten Publikationen und anderen fragwürdigen Inhalten gibt es kein Patentrezept und keine Norm.“ Ein umfassendes Informationsangebot schließe auch kontrovers diskutierte Titel ein. Das Statement bestätigt zwar jenes der Bibliotheksverbände vom Mai 2016, die sich für Meinungsvielfalt und Informationsfreiheit in Bibliotheken einsetzen und „insbesondere die Bereitstellung von gesellschaftlich und politisch kontrovers diskutierten Werken in ihren Mitgliedsbibliotheken, die einen politisch, weltanschaulich und religiös ausgewogenen Bestand und ein vielfältiges Spektrum an Meinungen gewährleisten“, befürworten.

Kopp-Buch. Quelle: https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/51QqrlGzSxL._SX318_BO1,204,203,200_.jpg

Kopp-Buch. Quelle: https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/51QqrlGzSxL._SX318_BO1,204,203,200_.jpg

Auf einer Podiumsdiskussion im Rahmen des Bibliothekartags im Juni bekräftigen die progressiven Verbandskräfte im Juni, das Bibliotheken die informationelle Grundversorgung garantieren müssten, wozu auch Werke aus rechten Verlagen gehörten. So schaffte beispielsweise die Stadt- und Landesbibliothek Potsdam einen großen Schwung an „rechten Büchern“ an, darunter Werke von Kopp und Antaios.

Das Statement bestätigt aber auch, dass die Stadtbibliothek Bremen meint, sie könnte die Mündigkeit der Bürger im Mund führen und dennoch für sich entscheiden, welche Publikationen sie gerade einmal für fragwürdig oder rechts erklären will. Oder darüber, dass dieselben Personen der Ansicht sind, individuelle Wünsche an das Sortiment stellten eine Gefährdung von Meinungsfreiheit „im Grundsatz“ dar. Wie wirr kann man eigentlich sein, zumal bei der taz, die sich für diese Agenda instrumentalisieren lässt, ohne die zur Rede stehenden, angeblich verschwörungsideologischen Bücher überhaupt gelesen zu haben?

Denn in der Annotation der Stadtbibliothek wird zu Schuberts Buch informiert: Mit Beispielen unterstreiche der Autor seine Überzeugung, dass Deutschland „islamistisch unterwandert“ wäre. „Die Ursache sieht er in der angeblichen Tatenlosigkeit der Bundesregierung, die sich amerikanischen Interessen gebeugt habe“, heißt es dann aber in der linken Zeitung. Diese Aussage ist inhaltlich jedoch vollkommen falsch, da in dem Buch keinerlei Zusammenhang zwischen Islamisierung und dem Handeln der Bundesregierung nach amerikanischen Interessen hergestellt wird. „Gesinnungskontrolle, durchgeführt von Leuten, die offenkundig nicht einmal das kleine Einmaleins der Demokratie beherrschen“, empört sich Stefan Klein auf sciencefiles.de.

„Weniger Anmaßung tut hier dringend not“

In Bremen finanzieren die Steuerzahler somit eine Bibliothek, in der sich die Angestellten, die von den Steuerzahlern gleich mit finanziert werden, dazu aufschwingen, denen, die sie finanzieren, vorzuschreiben, was sie zu lesen und was sie vor allem nicht zu lesen haben. In der Kultursitzung Ende November behauptet Barbara Lison, Direktorin der Bremer Stadtbibliothek, keck: „Eine Zensur findet nicht statt“. Warum außer den vier Kopp-Werken kein Text sonst entleihbar ist, verschwieg sie aber. Bibliotheken sind aber nicht dazu gegründet worden und werden mit Sicherheit auch nicht dazu finanziert, Zensur auszuüben und die Bevölkerung zur richtigen Lektüre zu erziehen.

Bibliothek Bremen. Quelle: https://www.weser-kurier.de/cms_media/module_img/5584/2792217_1_articledetailpremium_FTK3046.jpg

Bibliothek Bremen. Quelle: https://www.weser-kurier.de/cms_media/module_img/5584/2792217_1_articledetailpremium_FTK3046.jpg

Und in Bremen finanzieren die Steuerzahler einen grünen Kulturdeputierten, für den jedes Buch aus einem rechten Verlag „ein Buch zu viel“ ist und der sich lieber in der Bibliothek informieren will, als einen rechten Verlag durch Buchkauf finanziell zu unterstützen. Denn Hodonyi erklärt, die Stadtbibliothek gehe einen „nachvollziehbaren, sehr guten Weg“, weil keine Selbstverständlichkeit sei, dass sie „rechte Titel nicht selbstständig einkaufe“. Und überhaupt gehöre es zur Strategie der neuen Rechten, in den politischen Kanon einzusickern – also auch in Bibliotheken präsent zu sein. Seine Parteikollegin Kai Wargalla regte gar an, Titel nicht ungeprüft in den Bestand zu übernehmen.

Aber „warum sollten im Gegenzug nicht auch Publikationen irgendwie linksgerichteter Verlage auf den Prüfstand, und welche würden die Grünen als solche betrachten?“, fragt Iris Hetscher im Weserkurier und kritisiert die herablassende Haltung, die „Nutzerinnen und Nutzer offenbar für nicht besonders helle“ zu halten: „Ein merkwürdiges Menschenbild offenbart sich da, eins, das anderen abspricht, kritisch lesen und denken zu können. Weniger Anmaßung tut hier dringend not.“ Solche Abschottungsaktionen seien geradezu Dünger für Verschwörungstheorien.

Sie merkte völlig zu Recht an, dass es niemand etwas angehe, dass gerade diese vier Titel gut nachgefragt werden: „Auch die Grünen und andere Berufs-Besorgte nicht, die immer gleich den Satz ‚wehret den Anfängen‘ im Mund führen, wenn es um Publikationen geht, die ‚rechts‘ oder ‚populistisch‘ sind – und diese Vokabeln werden ja immer häufiger, immer schneller, immer lauter als Urteil gesprochen. Genau definiert sind sie schon lange nicht mehr, sie sind in einen schwammartigen Zustand übergegangen.“

Bücher in Gesinnungsketten. Quelle: https://ef-magazin.de/media/assets/article/2018/11/shutterstock_50695834.jpg.940x450_q75_box-0%2C487%2C4288%2C2542_crop_detail.jpg

Bücher in Gesinnungsketten. Quelle: https://ef-magazin.de/media/assets/article/2018/11/shutterstock_50695834.jpg.940x450_q75_box-0%2C487%2C4288%2C2542_crop_detail.jpg

Was kommt als Nächstes – eine grüne Landesschrifttumskammer, die zu jedem Buch ihr „Imprimatur” geben muss? Gar eine neue Bücherverbrennung? Denn: „Es geht weder die taz noch die Grünen etwas an, was in Bücherregalen öffentlicher Bibliotheken steht“, schimpft Klein berechtigt weiter. „So lautet die einzige Antwort, mit der man diesem prätentiösen Anspruch, den Lesestoff von Bürgern kontrollieren zu wollen, begegnen kann. Wo leben wir eigentlich, wenn Halbgebildete aus einer grünen Partei meinen, sie könnten darüber entscheiden, welche Bücher andere zu lesen bekommen? Im Faschismus.“ Das klingt beängstigend. Und ist es auch.

Beim deutschen Kunst-Guru Joseph Beuys spielte die Blutwurst eine große Rolle. Seit den mittleren 1960er Jahren hat er das Samurai-Schwert als Symbol für die Kultur des Ostens häufig in Gestalt einer Blutwurst gestaltet und so zu einem Mischobjekt mit Bezügen zur asiatischen Kampfkultur und einem europäischen Lebensmittel gemacht. In dieser Verschmelzung steckt Beuys’ Eurasia-Gedanke – seine Vorstellung einer Verbindung zwischen der europäischen und der asiatischen Gesellschaft, in der das rationalistische und materialistische Denken Europas in der intuitiven und geistig geprägten Lebensweise Asiens aufgehoben werden soll. Und zur Zeitgeist-Ausstellung 1982 hängte er an einen Mast von der Höhe eines Maibaums eine Blutwurst und schrieb einen Essay mit dem berühmten Zitat „Die Wurst ist Ausdruck für das Ganze“.  Er wurde dann von einem Journalisten gefragt, wie er das meine. Beuys antwortete lachend: „Schneiden Sie mal ein Stück ab, dann ist sie nicht mehr ganz.“

Beuys' Blutwurst. Quelle: https://www.randomhouse.de/leseprobe/Es-geht-um-die-Wurst/leseprobe_9783813507102.pdf

Beuys' Blutwurst. Quelle: https://www.randomhouse.de/leseprobe/Es-geht-um-die-Wurst/leseprobe_9783813507102.pdf

Ob das Innenministerium, ja Minister Horst Seehofer (CSU) selbst diesen artifiziellen Hintergrund parat hat, sei dahingestellt. Ob das Angebot von Blutwurst neben 12 weiteren beschilderten Speisen – sowohl halal und vegetarisch als auch mit anderem Fleisch und Fisch – der Versuch war, in Beuys‘ Sinne eine Verbindung zwischen der europäischen und der islamischen Gesellschaft zu schaffen, sei auch dahingestellt: Insgesamt waren immerhin rund 250 Personen auf der 4. Deutschen Islam-Konferenz (DIK) geladen. Entsprechend gab es bei der Abendveranstaltung verschiedenste Speisen zur Auswahl, die sich laut dem Ministerium nach der „religiös-pluralen Zusammensetzung“ der Konferenz richtete. Und erst recht sei dahingestellt, ob Seehofer damit Verachtung oder Gedankenlosigkeit bewies, wie Alan Posener in der WELT unterstellte – oder Provokation und Respektlosigkeit, wie der Redakteur der deutsch-türkischen Online-Zeitung Daily Sabah, Burak Altun, mutmaßte.

Fakt ist: Der WDR-Reporter Tuncay Özdamar hatte die Causa auf Twitter kritisiert – sonst wäre sie gar nicht bekannt geworden. „Es wurde Blutwurst serviert. İnşallah halal. Welches Zeichen will Seehofers Innenministerium damit setzen? Ein wenig Respekt vor Muslimen, die kein Schweinefleisch essen, wäre angebracht.” Einige pflichteten Özdamar bei, unter anderem Grünen-Politiker Volker Beck: „Vielfalt wahrnehmen heißt auch unterschiedliche Gewohnheiten berücksichtigen“, twitterte er.

Blutwurst-Tweet. Quelle: Twitter

Blutwurst-Tweet. Quelle: Twitter

Mehrere deutsche Medien griffen den „Fall“ prompt auf, warfen der deutschen Politik „Unsensibilität“ und mangelndes „Feingefühl“ vor: das „Blutwurst-Gate“ war geboren. Der Focus etwa schreibt unter Berufung auf den SWR: „Es ist nicht der erste Häppchen-Eklat bei der Islamkonferenz. Bereits 2006, bei der ersten Tagung seien Schinkenstücke gereicht worden“. Dabei sei an der Blutwurst nicht nur das Fleisch problematisch, bekräftigt der Tagesspiegel: Das umstrittene Schächten soll sichern, dass die Tiere möglichst komplett ausbluten, da Muslimen auch Tierblut zu essen untersagt ist.

„Jeder konnte selbst entscheiden“

Blamabel daran ist nicht nur die Tatsache, dass die meisten deutschen Dönerbuden nicht zertifiziert halal sind und nicht einmal das Restaurant im Jüdischen Museum Berlin, das Zehntausende jüdische Besucher hat, koscher kocht. Blamabel daran ist vor allem die Tatsache, dass überhaupt darüber diskutiert wird, dass es in Deutschland Schweinefleisch-Produkte auf einer offiziellen Veranstaltung gibt, an der auch Nichtmoslems teilnehmen. Für die halbgare Rechtfertigung des Bundesinnenministeriums, man bedaure, „sollten sich einzelne Personen in ihren religiösen Gefühlen gekränkt gesehen haben“, müsste man sich fast fremdschämen – zudem das Buffet deutlich ausgezeichnet und das Personal entsprechend instruiert gewesen sei.

Laut dem Ahlener Grünen-Politiker Ali Baş sei das aber gerade bei den Blutwursthäppchen nicht der Fall gewesen: „Das Fingerfood war nicht gekennzeichnet und bei den schlechten Lichtverhältnissen schwer zu erkennen“, erzählte er dem Online-Magazin Watson. Einige Teilnehmer hätten bereits zugreifen wollen, als Baş erst auf Nachfrage erfahren habe, worum es sich bei der Speise handelte. Am zweiten Tag der Konferenz sei das Buffet dann laut Baş frei von Schweinefleisch gewesen. Aber: „Niemand wurde gezwungen, etwas zu essen oder zu trinken. Jeder konnte selbst entscheiden, ob und was er zu sich nahm“, zitiert die Sächsische Zeitung die muslimische SPD-Frau Lale Akgün. „Also was soll der Quatsch mit den Gefühlen der Muslime?“

Die nordrhein-westfälische Integrations-Staatssekretärin Serap Güler (CDU) reagierte eher genervt: „Lese nur noch Blutwurst, Blutwurst“, schrieb sie auf Twitter. Aber schließlich sei niemand gezwungen worden, sie zu essen: „Wie wäre es denn mit Nachsicht statt Hetze?“ „Was wir brauchen, ist eine Debatte, wie man fundamentalistische Strukturen möglichst effizient zurückdrängt. Was wir bekommen, ist eine Debatte, ob man in Anwesenheit von Muslimen #Blutwurst essen darf“, twitterte die Berliner Frauenrechtlerin Seyran Ates verärgert.

Ein anderer Twitterer schrieb: „Große Aufregung über Speck und Blutwurst bei der #Islamkonferenz – wäre schön, wenn sich die Islam-Verbände mal ähnlich über Ehrenmorde, Unterdrückung von Frauen, Todesdrohungen gegen Apostaten, islamischen Antisemitismus etc. aufregen würden.“ Auch der Hamburger CDU-Politiker Ali Ertan Toprak kritisierte, dass die mediale Debatte über den Umstand, dass auch Blutwurst und Häppchen mit Schweinefleisch zur Speisenauswahl zählten, die Wahrnehmung der Tagung dominierte.

Blutwurst-Gate. Quelle: https://video-images.vice.com/articles/5bffdc725c8de400065b4fff/lede/1543494874256-blutwurst.jpeg?crop=1xw%3A0.9997037914691943xh%3Bcenter%2Ccenter&resize=2000%3A*

Blutwurst-Gate. Quelle: https://video-images.vice.com/articles/5bffdc725c8de400065b4fff/lede/1543494874256-blutwurst.jpeg?crop=1xw%3A0.9997037914691943xh%3Bcenter%2Ccenter&resize=2000%3A*

Mehmet Ünal (CDU), türkischstämmiger Beirat im Bremer Ausschuss für Integration, sorgte am Wochenende nach der DIK auf Twitter für einen Eklat, als er Toprak dafür als „islamophobe Ratte” bezeichnete, welche „den Ball flach” halten solle. Für zahlreiche Twitter‐User ging der Ausfall Ünals entschieden zu weit; sie forderten teilweise sogar die CDU auf, den Mann aus der Partei zu werfen. Die Bremer CDU stellte auf Facebook klar, Ünals Äußerungen „in keiner Weise” zu billigen und „scharf” zu kritisieren. Auf mehrfache Aufforderung zur Rücknahme seiner Aussagen sei Ünal der Parteiaustritt nahegelegt worden. Ünal leistete Folge.

„unterdurchschnittlich intelligente Schimpansen“

Apropos „Wahrnehmung der Tagung“: zum ersten Mal war die DIK mehr als nur eine Schauveranstaltung, bei der die Vertreter der Muslime vage Erklärungen abgaben und sich ansonsten über Islamfeindlichkeit aufregten. Zum ersten Mal wurde unter Muslimen darüber gestritten, was Integration bedeutet. Dass man sich nicht einig wurde, gehört zu den Leistungen der Konferenz, auf der Innenminister Seehofer mit seinem Bekenntnis zu einem „Islam für Deutschland“ mal wieder eine Volte hinlegte: Die zentrale Frage der Islamkonferenz in dieser Wahlperiode sei für ihn, wie ein Islam in Deutschland gefördert werden könne, „der in unserer Gesellschaft verwurzelt ist“.

Zwischen Muslimen und Nichtmuslimen gebe es viele Beispiele für harmonisches Miteinander, aber auch „Fremdheit und Konflikte“, sagte Seehofer. Muslime und Nichtmuslime stünden vor der Herausforderung, islamische Bräuche mit der deutschen Kultur „in Einklang zu bringen“. Die Bundesregierung wolle künftig gezielt Projekte fördern, die den „gelebten Alltag“ von Muslimen in der deutschen Gesellschaft und die Begegnung mit Nichtmuslimen unterstütze. Wie viel Geld für das Programm „Moscheen für Integration – Öffnen, Kooperieren, Vernetzen“ zur Verfügung stehen werden, sagte er nicht, bekräftigte aber seine Absicht, ausländische Einflüsse auf Moscheen in Deutschland zu ersetzen durch eigene Strukturen, auch bei der praktischen Imam-Ausbildung. Es sei Angelegenheit muslimischer Gemeinschaften, das zu organisieren.

Seehofer betonte, dass Muslime gleichberechtigt zu Deutschland gehörten: „Daran kann es wohl keinen vernünftigen Zweifel geben.“ Die Bundesregierung wolle Brücken bauen, damit Muslime besser in Deutschland heimisch werden können. Sollte man „Blutwurst-Gate“ nun als ersten Pflock ansehen – der prompt ins islamische Herz traf? Es geht dabei nicht um Blut und Schweinefleisch in der Wurst. Es geht um Souveränität und behauptete Identität. Hätte sich die Politik auch entschuldigt, hätte irgendeine vegetarische Interessenvertretung einen derartigen Zirkus veranstaltet? Im arabisch-orientalischen Raum gilt es übrigens als ungeheuerlicher Affront, die Speisen seines Gastgebers abzulehnen oder gar zu kritisieren. Umgekehrt nimmt man sich dieses Recht gerne heraus.

Fehlende Sensibilität wird den Veranstaltern der Islamkonferenz vorgeworfen. Das Gegenteil aber ist richtig: Wir leben in einer Kultur der Hypersensibilität, die nur Folge einer starken kollektiven Verunsicherung sein kann. Es gibt starkes Schuldbewusstsein, das die Deutschen zu einer Überservilität, einem ständig vorauseilenden Gehorsam verleitet, ja zu einer Überanpassung: es immer allen Recht zu machen – als ob man das ganze Land und alle Aspekte des Lebens zu einem „Safe-Space“ für muslimische Befindlichkeiten machen, ja an Ramadan mitfasten will.

"Akademiker"-Post. Quelle: https://scontent-ber1-1.xx.fbcdn.net/v/t1.0-9/47249485_10155905712561198_587033711950692352_n.jpg?_nc_cat=107&_nc_ht=scontent-ber1-1.xx&oh=730b6f92ce0916f7310a4c34aeeea784&oe=5CF8FAC0

"Akademiker"-Post. Quelle: https://scontent-ber1-1.xx.fbcdn.net/v/t1.0-9/47249485_10155905712561198_587033711950692352_n.jpg?_nc_cat=107&_nc_ht=scontent-ber1-1.xx&oh=730b6f92ce0916f7310a4c34aeeea784&oe=5CF8FAC0

Wer daran etwas auszusetzen hat, gilt inzwischen als islamophober Rassist. Wenn dieser angebliche Eklat etwas gezeigt hat, dann die Integrationsunwilligkeit von Islamvertretern auf der Konferenz. Die ungefilterte deutsche Realität ist für Muslime unzumutbar. Aber wer sich an einer Blutwurst abarbeitet, um die vermeintliche Wichtigkeit seiner als Staatsform verstandenen Religion zu demonstrieren, führt in Wahrheit einen Kulturkampf mit dem Ziel, die Gesellschaft, in der er lebt, radikalen religiösen Vorstellungen zu unterwerfen – die bösen Rechten sagen „Islamisierung“ dazu. Niemand wurde zwangsernährt.

Denn wer in Deutschland leben möchte, hat sich anzupassen und nicht umgekehrt.  Wie wichtig diese Forderung ist, bewies die Gruppierung „Deutsch-Türkische Akademiker“ e.V. (DTA), die auf Facebook ein gepfeffertes Statement zur Islamkonferenz veröffentlichte. In diesem Posting und den Kommentaren sprengen die „Akademiker“ sämtliche Tabus der feinen Integrationsdebatte und hetzen unter anderem gegen Frauen, Schwule, liberale Muslime, Polizeibeamte und die Institutionen der Bundesrepublik Deutschland. Roger Letsch schreibt auf seinem Blog Unbesorgt von einem „Konvolut aus Beleidigungen, schlechtem Deutsch und pubertären Unverschämtheiten“.

So wurde gemutmaßt, dass Seehofer „die Organisation des Caterings einem unterdurchschnittlich intelligenten Schimpansen überlassen“ habe, und Islamkritiker wie Hamed Abdel Samet als „obskure Gestalten“, „rassistisch und islamophob“ bezeichnet. Nimmt man an, dass die Autoren einigermaßen diplomatisch formuliert haben dürften, zeichnet dieser Brief ein geradezu vernichtendes Bild von seinen Autoren und der Organisation, die sie repräsentieren. Hätten sich „Akademiker mit Migrationshintergrund“ aus einem nicht-muslimischen Kulturraum zu ähnlich primitiven Respektlosigkeiten gegen alles und jeden hinreißen lassen? Das Posting war Stunden später wieder verschwunden – im Gegensatz zu dessen Urhebern: Die bleiben. Die Blutwurst hoffentlich auch.

337 Mal flimmert das Quiz von 1955 bis 1989 über die Bildschirme. Mit Millionen Zuschauern: vor genau fünf Jahrzehnten war die Sendung mit 75 % eingeschalteter Geräte die beliebteste im deutschen Fernsehen. „Was bin ich“, das „heitere Beruferaten“ mit Robert Lembke, ist ein Stück Fernsehgeschichte, ein immer wiederkehrendes Ritual, „gegen das ein katholischer Gottesdienst spontan erscheint: Jeder Zuschauer kennt die Tafel, an die der Gast seinen Namen schreibt und angibt, ob er selbständig ist oder angestellt“, bilanziert Sven Stillich im SPIEGEL.

Dabei war Lembke, der die Lizenzrechte am US-amerikanischen Ursprungsformat „What‘s my line“ 1954 erworben hatte, gar nicht als Moderator geplant. „Niemand wollte das damals machen“, erinnert er sich, „die Leute vom Radio wollten ihr Millionenpublikum nicht aufgeben für die Spinner vom Fernsehen. Ich war eigentlich nur eine Übergangslösung.“ Aus dieser Übergangslösung wurde der gute „Rateonkel dreier Nationen“ (Deutschlands, Österreichs und der Schweiz), der keine Skandale brauchte, um im Gespräch zu sein. „Wenn ich König von Deutschland wär“, singt Rio Reiser damals: „im Fernsehen gäb‘ es nur noch ein Programm: Robert Lembke, 24 Stunden lang“.

„eine Kirchensendung Samstagnachmittag aus dem Programm zu heben“

Lembke wurde als Robert Emil Weichselbaum 1913 in München als Sohn eines Herrenmode-Händlers geboren. Die Ehe hält nicht lange. Seine Mutter, deren Geburtsnamen „Lembke“ der Sohn annahm, betreibt ein Wäschereigeschäft. Der Vater, der ein Jurastudium für Robert vorsah, emigrierte aufgrund seiner jüdischen Herkunft 1936 nach Großbritannien. Der Sohn brach das Studium ab, heiratete und sammelte erste journalistische Erfahrungen als freier Mitarbeiter bei der satirischen Zeitschrift Simplicissimus und dem Berliner Tageblatt. Er will Journalist werden und über seine Leidenschaft Fußball schreiben. Von seinem ersten Honorar schenkt er seiner Mutter Blumen. 1938 wird er Vater eines Jungen. Weil er sich weigerte, während der Naziherrschaft eine „Loyalitätserklärung“ abzugeben, wurde er mit einem Berufsverbot belegt und arbeitete bis 1945 bei der I.G. Farben.

Lembke 1971. Quelle: https://www.t-online.de/unterhaltung/tv/id_65476766/si_1/robert-lembke-seine-schweinderl-machten-ihn-beruehmt-.html

Lembke 1971. Quelle: https://www.t-online.de/unterhaltung/tv/id_65476766/si_1/robert-lembke-seine-schweinderl-machten-ihn-beruehmt-.html

Nach dem Krieg beginnt seine „schönste Zeit“. Er baut mit Erich Kästner und Stefan Heym die Neue Zeitung in München auf, geht 1949 zum Bayerischen Rundfunk und macht dort schnell Karriere als Hörfunk-Chef, als Fernsehdirektor und schließlich als Chefredakteur. Und jetzt darf er ganz nah am Fußball sein: Bei der Weltmeisterschaft 1954 ist er beim „Wunder von Bern“ Assistent von Herbert Zimmermann. 1961 initiierte Lembke die „Sportschau“, die allerdings erst vier Jahre später auf den Samstag rücken konnte:

„Das war sehr schwierig, denn um diese Zeit lag eine Kirchensendung. Und jeder, der das Geschäft einigermaßen kennt, weiß, was das bedeutet, eine Kirchensendung Samstagnachmittag aus dem Programm zu heben.“

Er ließ es sich nicht nehmen, ab und zu aus dem Nähkästchen zu plaudern: „Bei den regelmäßigen Sitzungen der Hörfunkdirektoren, der Programmdirektoren hat sich halt dann herausgestellt, dass von den höheren Hierarchien der Rundfunkanstalten die meisten einen Tischtennisball nicht von einem Medizinball unterscheiden konnten.“ In den kommenden Jahren koordiniert er die Fernsehberichterstattung von den Olympischen Spielen, wird stellvertretender Programmdirektor der ARD und organisiert die Übertragungen von der Fußballweltmeisterschaft 1974 in Deutschland. Nebenher schreibt er Bücher mit Aphorismen, Gedichten und Erzählungen, macht teure Werbung, raucht wie ein Schlot und erleidet wie im Vorbeigehen einen Kreislaufkollaps wegen Überarbeitung.

Lembke mit Gong und Schweinderln- Quelle: https://img.nwzonline.de/rf/image_online/NWZ_CMS/Altdaten/2009/01/13/KULTUR/FERNSEHEN/Bilder/_heprod_images_fotos_1_5_22_20090113_0lnera00_c8_1896405.jpg

Lembke mit Gong und Schweinderln- Quelle: https://img.nwzonline.de/rf/image_online/NWZ_CMS/Altdaten/2009/01/13/KULTUR/FERNSEHEN/Bilder/_heprod_images_fotos_1_5_22_20090113_0lnera00_c8_1896405.jpg

Er erhält das Bundesverdienstkreuz erster Klasse, den Bambi und zweimal die Goldene Kamera. Vor allem aber führt er ebenso humorvoll wie souverän durch „seine“ Sendung, in der nach der einleitenden Xylophon-Erkennungsmelodie die staunenden Zuschauer von Berufen wie Fliegenbinder, Gasballonbauerin oder Schmetterlingsbetreuer erfuhren. Das Prinzip war simpel: ein semiprominentes, fast jahrzehntelang unverändertes Team aus je zwei männlichen und weiblichen „Ratefüchsen“ musste mit maximal 10 Entscheidungsfragen, auf die nur die Antworten „ja“ oder „nein“ zulässig waren, den Beruf von drei „Menschen wie du und ich“ sowie, mit verbundenen Augen, einen Promi erraten.

Die Gäste betreten jeweils nacheinander das Studio, stellen sich vor oder im Falle des Promis auch nicht, machen eine berufstypische Handbewegung und nehmen neben Lembke Platz, der seine in den Alltagsgebrauch übernommene Frage stellt: „Welches Schweinder’l hätten’S denn gern?“ Gemeint waren verschiedenfarbige Sparschweine, die Lembke für jedes „Nein“ bei der Raterunde mit einem Fünfmarkstück fütterte. Nach jedem „Nein“ wechselte der Ratefuchs, bei einem „Ja“ durfte er weiter fragen. Alle Versuche, etwas an der Sendung zu ändern, scheitern am Widerstand der Zuschauer. Selbst der Hauptgewinn wird in 34 Jahren nicht erhöht.

Rateteam. Quelle: https://www.br.de/service/programm/br-magazin/50-bfs-marianne-koch-102~_v-img__16__9__xl_-d31c35f8186ebeb80b0cd843a7c267a0e0c81647.jpg?version=1ff0d

Rateteam. Quelle: https://www.br.de/service/programm/br-magazin/50-bfs-marianne-koch-102~_v-img__16__9__xl_-d31c35f8186ebeb80b0cd843a7c267a0e0c81647.jpg?version=1ff0d

Die Sendung funktionierte, weil die Zuschauer zuvor, mit einem akustischen Signal für Mitrater gewarnt, den Beruf erfuhren und die Versuche des Rateteams belustigt verfolgen konnten: das Prinzip Schadenfreude aufgrund überlegenen Wissens. Als es einmal galt, auf den Beruf der Hausfrau zu kommen, und eine Frage lautete: „Könnte Ihr Beruf von einem Mann ausgeführt werden?“, blickt Lembke kurz zögernd zu der Dame neben sich und entscheidet dann grinsend: „Sagen wir nein.“ Die Hausfrau geht mit einem vollen Schwein nach Hause.

Bei einer Umfrage des Stern sieben Jahre vor seinem Tod gaben 96,5 Prozent der Deutschen an, ihn zu kennen – von solchen Werten trauen sich manche Politiker nochmal nicht zu träumen. Einmal nur lief er Gefahr, übertrumpft zu werden – von seinem Drahthaar-Foxterrier-Weibchen „Struppi“, die von Anbeginn mit dabei war und für die Gage von einer Wurst pro Sendung die 5-Mark-Stücke und die „Schweinderl“ bewachte. Struppi hatte nämlich einen Promi-Rategast in die Hand gebissen: den damaligen Bundesfinanzminister Fritz Schäffer. Mehr Fanpost bekam selbst Lembke nie, der das hinterher so kommentierte:

„Alle Steuerzahler empfanden, dass hier jemand etwas für sie getan hatte – und sie überhäuften Struppi mit Anerkennungsschreiben und Geschenken.“

„…ein bisschen Spaß gemacht“

Mit durchschnittlich 8,496 „Nein“ kam das Rateteam den Berufen auf die Spur, die Trefferquote lag bei 60 Prozent. Monatlich erreichen die Redaktion bis zu 6000 Briefe mit Vorschlägen origineller Berufe; bis zu 30 kommen für eine Sendung in die engere Wahl. „Wir könnten 4000 Jahre weitermachen“, sagt Lembke, und wenn „biologisch nichts dazwischenkommt, mache ich weiter.“ Dazwischen kommt am 14. Januar 1989 eine schwere Bypassoperation am offenen Herzen, die er nicht überlebt. Drei Tage vorher hatte er mit dem Rauchen aufgehört.

Lembke mit Struppi. Quelle: https://www.flickr.com/photos/mechtholdjin/5959070433

Lembke mit Struppi. Quelle: https://www.flickr.com/photos/mechtholdjin/5959070433

„Die Wahrheit über einen Menschen liegt auf halbem Wege zwischen seinem Ruf und seinem Nachruf“, hat Robert Lembke einmal gesagt. Seinem Ruf als Kopf der langlebigsten Quizsendung des deutschen Fernsehens wurde er bis heute gerecht: kein öffentlich-rechtliches oder privates Nachfolgeformat erreichte auch nur annähernd seinen Sende- und erst recht seinen Unterhaltungswert geschweige seine Quoten – trotz teilweise sehr prominenter Ratefüchse wie Feministin Alice Schwarzer, Torwartlegende Sepp Maier oder Ex-Arbeitsminister Norbert Blüm.

Lembke sagte aber auch „Mit der Fernsehgebühr erwirbt der Zuschauer ein Recht auf meine Arbeit, nicht auf mein Privatleben“. Wie schmerzhaft diese Wahrheit sein sollte, erwies sich am Tag der Beerdigung: BILD trat los, was man heute als „Schmutzkampagne“ verurteilen sollte. Das Blatt enthüllt nicht nur anklagend die jüdischen Wurzeln Lembkes, als hätte er das doch wohl sagen müssen. Noch schlimmer: der „Tele-Gott“ soll seit 20 Jahren nicht mehr mit seiner Frau zusammengelebt haben, sondern einer Sekretärin. Er habe ihr nur die Treue gehalten, weil sie ihn durch die Nazi-Zeit gebracht habe. Auch Monate später stürzt sich der Boulevard immer wieder auf die Geschichte. Die Familie leidet.

Während Lembke von vielen Menschen die Frage „Was bin ich“ zu beantworten half, nahm er für sich selbst das Recht heraus, die Frage nach „Wer bin ich?“ nicht zu beantworten. Worum es ihm gegangen ist, hat er am Ende jeder Folge seiner Sendung selbst formuliert: „Ich hoffe, es hat ihnen ein bisschen Spaß gemacht.“

Familiengrab in München. Quelle: http://www.oliverbarchewitz.de/ALLE%20BILDER/Westfriedhof%204.jpgheight=“800″ />

Familiengrab in München. Quelle: http://www.oliverbarchewitz.de/ALLE%20BILDER/Westfriedhof%204.jpg

„Wieviel politisches Engagement ist gut für die Marke“ – unter dieser Schlagzeile sah sich jetzt auch die führende Marketing-Fachzeitschrift Absatzwirtschaft (AW) genötigt, Stellung zu beziehen. Anlass war die aktuelle Verpackung der bunten „Erdnuß Chocs“ der REWE-Eigenmarke „ja“, auf der unter dem Slogan „ja! zu Vielfalt und Toleranz“ die Nascherei einen bunten Erdkreis samt bunter Kontinente bildet. Damit warb das Unternehmen zum UNESCO-Welttag für Toleranz am 16. November für Vielfalt, Respekt und ein friedliches Miteinander. Beim Kauf der limitierten Beutel gingen automatisch 40 Cent an die Organisation „Über den Tellerrand“. Die engagiert sich für das „Kennenlernen und den Aufbau von nachhaltigen Freundschaften zwischen Menschen mit und ohne Fluchterfahrung als Grundlage für Integration“ mit gemeinsamen Aktivitäten wie beispielsweise Kochen und Essen. In Deutschland arbeiten 254.000 Menschen aus über 140 Nationen bei der Handelsgruppe.

Das Echo auf die Aktion in sozialen Medien war erwartbar ambivalent: allein bei Facebook fast 1.000.000 Mal aufgerufen und über 700 Mal kommentiert, reicht das Spektrum von „Solche plumpe Agitation gab es ja nicht mal in der DDR!“ bis „Wir sind alle Menschen, egal wo wir herkommen“. Einer erbost sich gar: „Im Dritten Reich gab es überall Hitlerbildchen dabei! Wir sollten uns freuen, dass auf der Packung keine Bilder der Kanzlerin zu sehen sind“. Lukas Steinwandter verwies in der Jungen Freiheit darauf, dass das Unternehmen mit seinen Supermärkten und Discountern 2017 fast 29 Milliarden Euro einnahm und also einen stattlichen Betrag hätte spenden können – „auch ohne plumpe Polit-Slogans auf Süßigkeitenverpackungen zu drucken und seine Kunden mit links-grünen Botschaften zu ködern.“

rewe-Kampagne. Quelle: https://assets.jungefreiheit.de/2018/11/Bildschirmfoto-2018-11-08-um-15.37.44.png

rewe-Kampagne. Quelle: https://assets.jungefreiheit.de/2018/11/Bildschirmfoto-2018-11-08-um-15.37.44.png

Ein hartes politisches Statement sei das allerdings nicht, meint Anne-Kathrin Velten in der AW und erkennt in der Einmischung in die aktuelle Diskussion zumeist wirtschaftliche Gründe. Zum einen sei eine solche Kampagne aufgrund internationaler Mitarbeiterschaft und Kundschaft eine Chance, sich positiv zu positionieren. Zum anderen zwinge der demografische Wandel Rewe und Co., sich als attraktiver Arbeitgeber für Flüchtlinge zu positionieren: Andernfalls bekämen sie mittelfristig kein Personal. Dass der Grat zwischen Nicht-Einmischen, positiver Positionierung und Marken-Authentizität schmal ist, beweise Drogeriechef Dirk Rossmann, der sich als Privatmann mit politischen Statements nicht zurückhält. Stelle sein Unternehmen sich aber öffentlich gegen die AFD, hätte es 13 Prozent weniger Kunden.

„Gegen braune Flaschen“

Explizit politisch verhielt sich bspw. sixt. Der Autovermieter kreierte 2016 eine Kampagne gegen Alexander Gauland „Für alle, die einen Gauland in der Nachbarschaft haben“. Der AfD-Vorsitzende meinte, dass man neben jemandem wie dem farbigen Fußballer Boateng „nicht leben wolle“. Die Berliner Metallfirma Mutanox erlangte im September 2015 zweifelhaften Ruhm, als sie ein 500.000-Euro-Geschäft mit der ungarischen Regierung ablehnte und keinen Stacheldraht zur Grenzsicherung lieferte. Aber schon 2001 hatten Mitarbeiter der Softwarefirma Nextra die Initiative „IT-Unternehmen gegen rechte Gewalt und Ausländerfeindlichkeit“ ins Leben gerufen.

Auch im Verlagswesen gibt es seit der Frankfurter Buchmesse 2017 die Initiative „Verlage gegen rechts“. Und kürzlich brachte der FC St. Pauli gemeinsam mit seinem Partner Budni das neue Duschgel „Anti-Fa – die wilde Frische der Straße“ heraus: „In Zeiten, in denen Nazis auf ihren Demos ungehindert und unbehelligt rechtsextreme Parolen schreien dürfen und in denen geflüchtete Menschen bedroht und gejagt werden, ist es wichtiger denn je, Haltung zu zeigen.“ Der Verein preist es als „Das erste Duschgel mit Haltung“ auf seiner Homepage und teilt als Verwendungszweck der Erlöse aus dem Verkauf mit, dass die Initiative „Laut gegen Nazis“ unterstützt wird.

Anti-Fa-Kampagne. Quelle: https://www.horizont.net/news/media/26/St.-Pauli-Anti-Fa-256189-detailnp.jpeg

Anti-Fa-Kampagne. Quelle: https://www.horizont.net/news/media/26/St.-Pauli-Anti-Fa-256189-detailnp.jpeg

Doch die Hamburger bekommen Ärger. „Unsere Marke Fa ist in vielen Ländern weltweit erhältlich, und als internationales Unternehmen stehen Henkel und seine Marken von jeher für Vielfalt, Toleranz und Weltoffenheit“, schrieb Henkel, Hauptsponsor von Erstligist Fortuna Düsseldorf, bei Twitter. „Der Verkauf eines Duschgels mit dem Produktnamen „Anti-Fa“ beziehungsweise die Verbindung des Begriffs „Anti“ mit einem unserer Markennamen ist grundsätzlich nicht in unserem Sinne – ganz unabhängig davon, in welchen Kontext dies gestellt wird oder welche politische Haltung damit verbunden ist.“

Der weltweit erfolgreiche Konsumgüterriese fühlt sich vom FC St. Pauli hintergangen – und wehrt sich gegen die Kritik der eigenen Kunden. „Das Feedback von Konsumenten und die Diskussionen in sozialen Netzwerken zeigen, dass der Produktname ‚Anti-Fa‘ für ein Duschgel Irritation und Unverständnis auslöst. Auch vor diesem Hintergrund ist es uns wichtig zu betonen, dass diese Aktion ohne unser Wissen erfolgte“, heißt es in der Stellungnahme. „Wir behalten uns vor, gegebenenfalls auch rechtlich gegen diese Anlehnung an unseren Markennamen vorzugehen.“

In ähnlicher „Gegen“-Tradition steht seit Herbst auch die Initiative „Brands gegen rechts“ (im Original in Fraktur) der Berliner Fair Fashion-Designerin Natascha von Hirschhausen. Nach ihren Worten setzten sich damit „Unternehmen gemeinsam für Demokratieförderung und gegen Faschismus ein. Durch das Spenden von Produkten soll Geld gesammelt werden, um politische Bildung zu unterstützen.“ 20 Marken beteiligen sich, darunter „Dzaino“, ein Berliner Zwei-Frau-Unternehmen, das Taschen und Accessoires aus gebrauchten Textilien entwickelt, seine Produktion als „lokal, fair, transparent, sozial und umweltfreundlich“ preist und als Unternehmenswerte „klar, strukturiert, minimalistisch und achtsam“ angibt: Materialien werden von der Berliner Stadtmission gekauft, die Produktion findet in Berliner Werkstätten für Menschen mit Beeinträchtigung statt, und alle Transportwege innerhalb Berlins werden per Fahrradkurier zurückgelegt. Im Rahmen eines ersten Testlaufs wurde für den „City Point“ in der „NSU-Stadt Zwickau“ gesammelt, der mit Kindern und Jugendlichen aus mehr als 30 Nationen arbeitet. Über das Ergebnis der Aktion hüllen sich die Beteiligten bislang in Schweigen.

Brands gegen Rechts. Quelle: https://scontent-ams.cdninstagram.com/vp/ee03db17bd7af856ca7ad1f0df1efdd8/5CD0FF10/t51.2885-15/e35/43816531_167248307563768_5100428931569190064_n.jpg?_nc_ht=instagram.fdtm2-1.fna.fbcdn.net&se=7&ig_cache_key=MTkwMzYyNzYyNDY3MDc5MTAyMg%3D%3D.2

Brands gegen Rechts. Quelle: https://scontent-ams.cdninstagram.com/vp/ee03db17bd7af856ca7ad1f0df1efdd8/5CD0FF10/t51.2885-15/e35/43816531_167248307563768_5100428931569190064_n.jpg?_nc_ht=instagram.fdtm2-1.fna.fbcdn.net&se=7&ig_cache_key=MTkwMzYyNzYyNDY3MDc5MTAyMg%3D%3D.2

Andere Unternehmen agieren zwar einmischend-positionierend, aber nicht so heftig, dass sie Shitstorms oder gar messbare Einbußen erleiden. So wollte die Brauerei Becks im August als „Label der Woche“ im Rahmen der „deinbecks“-Kampagne mit dem Spruch „Gegen braune Flaschen“ ein Zeichen setzen – und nahm damit in Kauf, dass sie gegen etwaige Konkurrenz stichelt: Becks Flaschen sind traditionell grün. Denselben Slogan nutzte im selben Kontext auch „Happiness Naturradler“. „fritz-kola“ entwarf im Mai unter dem Slogan „lieber fritz als horst“ eine Kampagne gegen Heimatminister Horst Seehofer (CSU), in dem sie ihre bunten Getränke („Heimat“) uniformierten schwarz-weißen Flaschen gegenüberstellte („Heimatministerium“).

Fritz-Kampagne. Quelle: https://scontent-ber1-1.xx.fbcdn.net/v/t1.0-9/31949786_10156332860372460_2422557942323609600_n.jpg?_nc_cat=105&_nc_eui2=AeHLH3khnZCoshtE-uyKxc70oXrtJ0wjvniLG7mZCBTyr2pHw2W33CuLmAFqybC20NYlEhbTsjXMcved6RTRUQvvKlH7FHXpfCkxKm4WVRXKDw&_nc_ht=scontent-ber1-1.xx&oh=4fc707f57281e6838579832168169307&oe=5C8CDC06

Fritz-Kampagne. Quelle: https://scontent-ber1-1.xx.fbcdn.net/v/t1.0-9/31949786_10156332860372460_2422557942323609600_n.jpg?_nc_cat=105&_nc_eui2=AeHLH3khnZCoshtE-uyKxc70oXrtJ0wjvniLG7mZCBTyr2pHw2W33CuLmAFqybC20NYlEhbTsjXMcved6RTRUQvvKlH7FHXpfCkxKm4WVRXKDw&_nc_ht=scontent-ber1-1.xx&oh=4fc707f57281e6838579832168169307&oe=5C8CDC06

Eine weitere Gruppe von Unternehmen liefert eher Statements mit Aktionen, die im weiten Sinn der Corporate Social Responsibility (CSR: Unternehmerische Gesellschafts- oder auch Sozialverantwortung) angehören und in Sachsen wirken sollen. So hat sich der Energieversorger Vattenfall eine Null-Toleranz-Politik gegen Rassismus verordnet und veranstaltet Integrationskurse für eingewanderte Arbeitnehmer sowie einen Jugend-Austausch mit polnischen Azubis.

Der Autobauer Porsche sponsert die Konzertreihe „Courage zeigen“ und unterstützt den Leipziger Flüchtlingsrat. Die Uhrenmanufaktur Nomos im sächsischen Glashütte hat am Firmensitz ein Plakat aufgehängt „Nein zu rechtem Gedankengut. Ja zu Toleranz und Weltoffenheit“ und bietet der Belegschaft steuergeldfinanzierte Seminare an, wie sie mit Pegida und „Rechten“ umgehen könne. Der Bass-Gitarrenbauer Warwick aus dem Vogtland vertreibt in seinem Online-Shop T-Shirts mit der Aufschrift „Bassists against racists“.

politisches Engagement ist produktabhängig

Noch freier ist die deutsche Agenturszene: So gaben „Scholz & Friends“ (S&F) und „TLGG“ den Mitarbeitern beispielsweise „nazifrei“, um in Chemnitz gegen „rechts“ zu demonstrieren. Die Agenturchefs betonten zwar, dass dies keine Dienstverpflichtung wäre, machten aber zugleich deutlich, dass die Teilnahme willkommen sei, fertigten Plakate und rührten die Medientrommel.

Nun sollte man allerdings wissen, dass zu den aktuellen Kunden von S&F zahlreiche Verbände und Bundesministerien gehören und sie schon im Dezember 2016 auf Grund der privaten Kampagne „#KeinGeldFürRechts“ des damaligen Strategy Directors Gerald Hensel in der Kritik stand. Die Kampagne versuchte Werbetreibende zu beeinflussen, Werbebannerschaltungen auf Webseiten zu unterlassen, die Hensel als „rechts“ bewertete. Darunter war der Blog Achgut mit Autoren wie Henryk M. Broder, Vera Lengsfeld oder Thilo Sarrazin. Der Mann betrieb damals auch eine Website, die unter einem roten Sowjetstern und dem Namen davaidavai.com firmierte – mit dem Ruf trieben die russischen Wachmannschaften die Gefangenen in den Gulags zur Arbeit.

Positionierung TLGG. Quelle: http://www.absatzwirtschaft.de/wp-content/uploads/2018/11/TLGG.jpg

Positionierung TLGG. Quelle: http://www.absatzwirtschaft.de/wp-content/uploads/2018/11/TLGG.jpg

Andererseits ist die sehr seltene, gegenteilige Positionierung noch nicht als geschäftsschädigend bekannt geworden – im Gegenteil. So organisiert der Bautzner Bauunternehmer Jörg Drews in der Initiative „Wir sind Deutschland“ Demonstrationen gegen die Asylpolitik, was seiner Firma „Hentschke Bau“ nicht im Geringsten schadet. Auch TRIGEMA-Chef Wolfgang Grupp lehnte von Anbeginn Angela Merkels Flüchtlingskurs ab und wird dafür hochgeachtet.

Eine klare Antwort, wie stark sich Unternehmen positionieren dürfen, gibt es für Velten nicht: Die Größe entscheide, und das politische Engagement sei stark vom Produkt abhängig. So sei für Unternehmen aus der Nachhaltigkeitsbranche eine Haltung zu Umweltthemen Pflicht. Bei Themen wie Migration, Rechts- oder Linksextremismus bleibe Zurückhaltung der Königsweg. Laut Meinungsforschungsinstitut Civey will fast jeder zweite Konsument zwar Produkte häufiger kaufen, wenn sich die politischen Äußerungen von Unternehmen mit den eigenen Auffassungen decken. Letztlich wünsche sich aber nur jeder dritte Konsument (31,4 %) eine klare Haltung von Unternehmen; 58,6 % dagegen sprechen sich für Neutralität aus.

Befragung. Quelle: http://www.absatzwirtschaft.de/wp-content/uploads/2018/11/Bildschirmfoto-2018-11-08-um-09.51.39.png

Befragung. Quelle: http://www.absatzwirtschaft.de/wp-content/uploads/2018/11/Bildschirmfoto-2018-11-08-um-09.51.39.png

Rauchprodukte auf Grabstätten sind als Trauergaben verbreiteter als man denkt. Bei Jim Morrison und Bob Marley sammeln sich Joints, bei Altkanzler Helmut Schmidt Mentholzigaretten. An Heiner Müllers Grab auf dem Dorotheenstädtischen Kirchhof an der Berliner Chausseestraße sind es Zigarren, abgelegt in einer Schale innerhalb der steinernen Umrandung, eine Art Aschenbecher für die Ewigkeit. Wenn es regnet, sammelt sich toxische braune Brühe zwischen den Stumpen und sickert, überlaufend, dann hinunter auf seine morschen Knochen.

Das hätte ihm sicher gefallen, dem „Katastrophenliebhaber und hellseherischen Schwarzmaler“ (Peter von Becker), ja dem „letzten Apokalyptiker von Format“ (Matthias Matussek). „Das Massengrab geht mit der Zukunft schwanger“, ließ er Stalin in seinem letzten Stück „Germania 3 – Gespenster am toten Mann“ sagen, das lange als unspielbar galt. Es ist diese geradezu prophetische Gabe, die sich oft unvermutet in seinen Texten ausdrückt, die häufig fragmentarischen Szenenfolgen, Traktaten, Demonstrationen, ja Vexierspielen gleichen. „Schwierig, ideologisch und verdammt düster sind die meisten seiner Werke, und deshalb spielen viele Theater sie am liebsten gar nicht mehr“, befand Anke Dürr schon vor Jahren im SPIEGEL.

Müllers Grab. Quelle: https://seitenfluegel.files.wordpress.com/2014/11/mueller_2.jpg?w=700&h=

Müllers Grab. Quelle: https://seitenfluegel.files.wordpress.com/2014/11/mueller_2.jpg?w=700&h=

Dass der am 9. Januar 1929 im sächsischen Eppendorf als Beamtensohn geborene Junge überdurchschnittlich begabt war, wurde auf der Mittelschule klar, wo er infolge guter Noten eine Freistelle in der Oberschule bekam. Nach eigener Aussage war Müller ab 1940 in der Hitlerjugend und wurde kurz vor Kriegsende zum Reichsarbeitsdienst und zum Volkssturm eingezogen. 1946 trat er in die SPD ein, der sein Vater auch angehörte, wurde aber wegen fehlenden Engagements und nicht gezahlter Mitgliedsbeiträge bald wieder ausgeschlossen. Müllers Vater wurde nach der Zwangsvereinigung mit der KPD SED-Mitglied und Bürgermeister in Frankenberg/Sachsen, verließ jedoch 1951 aus Protest zusammen mit seiner Frau und dem zweiten Sohn, Heiner Müllers zwölf Jahre jüngerem Bruder Wolfgang, die DDR.

Müller arbeitete, nachdem er das Abitur nachgeholt hatte, als Hilfsbibliothekar in Frankenberg, nahm an einem Schriftstellerlehrgang bei Dresden teil und beginnt 1950 journalistisch als Literaturkritiker bei der Zeitschrift „Sonntag“, ab 1953 bei der Zeitschrift „Neue deutsche Literatur“ zu arbeiten. 1954 wurde er Mitglied des Deutschen Schriftstellerverbandes und heiratet ein Jahr später, nachdem er bereits in eine doppelte Ehe samt doppelter Scheidung mit derselben Frau gestolpert war, die schon zweimal verheiratete Autorin Inge Schwenkner. Biographen sprechen von einem prekären Leben.

„unzureichende Darstellung der Wirklichkeit“

Nach weiteren Stationen als Wissenschaftlicher Mitarbeiter bspw. am Gorki-Theater Berlin arbeitet er ab 1958 als freischaffender Autor und erlebt im selben Jahr die Uraufführung der Stücke „Der Lohndrücker“ und „Die Korrektur“, die sich mit dem sozialistischen Aufbau befassen. Sie schildern einerseits den Konflikt zwischen Partei und Arbeiterschaft und andererseits den zwischen Sachzwängen der Produktion und privaten Interessen. Bekommt er dafür 1959 noch den Heinrich-Mann-Preis, wird er bereits zwei Jahre später aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen und erst 1988 wieder aufgenommen.

Grund ist das Stück „Die Umsiedlerin“, das sich mit der Landwirtschaft zwischen Bodenreform und Kollektivierung befasst. Es wird nach der ersten Aufführung abgesetzt und Müller „unzureichende Darstellung der Wirklichkeit“ vorgeworfen. Jahre später schreibt er das Stück um, erst 1976 feiert es als „Die Bauern“ in der DDR wirklich Premiere. In dieser Zeit beginnt sich ein Grundzug seines Wirkens zu manifestieren: Staatsdichter und Dissident zugleich zu sein. Fremdheit und Selbstentfremdung, die überzeitliche Kraft des Scheiterns, dazu die Absurdität einer Existenz ohne Utopie und höhere Heilsgewissheit, verursacht durch die Unfähigkeit, aus der Geschichte Lehren zu ziehen – das waren Müllers Themen, die er aus konsequent linker, fast vulgärmarxistischer Perspektive anfasste.

Müller-Texte. Quelle: https://pictures.abebooks.com/TAUTENHAHN/30014641485.jpg

Müller-Texte. Quelle: https://pictures.abebooks.com/TAUTENHAHN/30014641485.jpg

Seine These war, dass die Kunst, vor allem die des Theaters, ohne Gewalt und Tragik oder zumindest jene blutige Komik, die er „Humor des Fleischers“ nannte, gar nicht zur Blüte kommen könne. „Müller war ganz vernarrt in eine dialektische Bildsprache, die im Kessel von Stalingrad bereits die Erstarrung des real existierenden Sozialismus erkennt, den Pyrrhussieg des Bolschewismus. Seine Besessenheit galt einer mythengetränkten Logik, die noch den Hitler-Stalin-Pakt mit Kriemhilds Rache in Verbindung bringt: ‚Die Vergangenheit aufheben‘ nannte er das in schwerdeutsch-Hegelscher Tradition“, dekretiert Reinhard Mohr im SPIEGEL.

Es folgten Arbeiten für Rundfunk, DEFA und Fernsehen, meist unter dem Pseudonym „Max Messer“ – die Alliteration verweist auf operieren, sezieren, Skalpell, Rohheit, Gewalt. 1965 wurde Müller auf dem 11. SED-Plenum erneut kritisiert, dem „Kahlschlagsplenum“, in dessen Folge zahlreiche Filme, Theaterstücke, Bücher und Musikgruppen verboten wurden. Die Partei ließ auch die Aufführung von Müllers „Der Bau“ absetzen, das sich mit dem schwierigen Aufbau des Sozialismus befasst. In dieser Zeit kommt sein Bruder Wolfgang hinüber, um im Auftrag der Eltern herauszufinden, wie es seinem großen Bruder geht. Es kommt zu einer Dreiecksbeziehung mit Inge.

„Und dann habe ich noch lange auf einem U-Bahnsteig mit Adolf Dresen über die Zukunft oder Nicht-Zukunft des Marxismus diskutiert. Als ich nach Hause kam, war sie tot“, schildert Heiner in seinen Memoiren „Krieg ohne Schlacht. Leben in zwei Diktaturen“ den Selbstmord der kriegstraumatisierten Frau am 1. Juni 1966. Bruder Wolfgang wird später Katja Lange heiraten, die ungehorsame Tochter von Inge Lange, Mitglied des Politbüros der SED, die sich dann Lange-Müller nennt, später in den Westen geht und Heiners Memoiren schreibt. Man flüstert erneut von einer Dreiecksbeziehung.

1970 heiratet er die bulgarische Regisseurin Ginka Tscholakowa und wird festangestellter Dramaturg am Berliner Ensemble – die verspätete Erfüllung eines Lebenstraums. Sein Drama „Mauser“, das sich an Bertolt Brechts „Maßnahme“ anlehnt und nach der Rechtfertigung von Grausamkeit als politisches Mittel für eine Revolution fragt, wird für DDR-Aufführungen verboten, 1975 in den USA ur- und erst 1980 in Köln auf Deutsch erstaufgeführt. Die Aufführung weiterer eigener Stücke oder Übersetzungen, bspw. Sophokles‘ „Ödipus Tyrann“, verdankte er vor allen Dingen Benno Besson, dem Leiter der Berliner Volksbühne, und Ruth Berghaus, der Intendantin des Berliner Ensembles.

Probe zu Ödipus, Tyrann, 1967. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Heiner_M%C3%BCller#/media/File:Bundesarchiv_Bild_183-P0131-0202-004,_Berlin,_Proben_%22%C3%96dipus_Tyrann%22,_Besson,_D%C3%BCren,_Hiemer.jpg

Probe zu Ödipus, Tyrann, 1967. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Heiner_M%C3%BCller#/media/File:Bundesarchiv_Bild_183-P0131-0202-004,_Berlin,_Proben_%22%C3%96dipus_Tyrann%22,_Besson,_D%C3%BCren,_Hiemer.jpg

1976 wechselt er als Dramaturg an die Volksbühne, gehört zu den Mitunterzeichnern der Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns und widmet sich nun verstärkt mythischen Stoffen aus der Antike, um der SED-Kritik zu entgehen. Zudem werden viele seiner Stücke im Ausland uraufgeführt, so „Germania Tod in Berlin“ 1978 an den Münchner Kammerspielen. Darin wird Geschichte als Schlachthaus dargestellt, Frühphasen der DDR werden mit Rückgriffen auf die germanisch-preußische Historie verbunden, um die Kontinuität zerstörerischer Kräfte zu verdeutlichen. „Die Hamletmaschine“ wird 1979 in Paris ur- und dann in Essen erstaufgeführt: Das Stück stellt eine Absage an jedes vernunftorientierte Geschichtsmodell dar. In „Der Auftrag“, 1982 in Bochum inszeniert, richtet sich Müllers revolutionäre Hoffnung auf die ausgebeuteten Völker der Dritten Welt.

„an Blaubarts verbotene Tür geklopft“

Seit den 80er Jahren kann sich Müller ungehindert in beiden deutschen Staaten bewegen und profiliert sich auch zunehmend als Regisseur – was verstärkte künstlerische und nun auch politische Anerkennung nach sich zieht. Er wird Mitglied der Akademie der Künste der DDR und West-Berlins, erhält den Georg-Büchner-Preis und den Nationalpreis I. Klasse für Kunst und Kultur – diesen von Erich Honecker persönlich. Die späte Rehabilitierung sah Müller selbst als Zeichen des nahenden Untergangs des Staates, in dem zu leben ihm für sein Schreiben Bedingung war: „Die DDR ist mir wichtig, weil alle Trennlinien der Welt durch dieses Land gehen. Das ist der wirkliche Zustand der Welt, und der wird ganz konkret in der Berliner Mauer.“ Eine Kompilation mit Stücken, die erstmals auch diejenigen Dramen enthielt, die Müllers internationalen Ruhm begründet hatten, erschien in der DDR erst 1988. Im Oktober 1989 ist er Mitinitiator der Initiative für unabhängige Gewerkschaften.

Müller auf dem Alex, 4.11.1989. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Heiner_M%C3%BCller#/media/File:Bundesarchiv_Bild_183-1989-1104-047,_Berlin,_Demonstration,_Rede_Heiner_M%C3%BCller.jpg

Müller auf dem Alex, 4.11.1989. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Heiner_M%C3%BCller#/media/File:Bundesarchiv_Bild_183-1989-1104-047,_Berlin,_Demonstration,_Rede_Heiner_M%C3%BCller.jpg

Unvergessen seine kurze Rede am 4. November 1989 auf dem Alex – der Dramatiker hatte einen seiner düsteren Orakel-Auftritte, als er, leicht angetrunken, nach vielen kämpferischen Optimisten an der Reihe war und den Hunderttausenden Sätze zuwarf wie: „Die nächsten Jahre werden für uns kein Zuckerschlecken. Die Daumenschrauben sollen angezogen werden. Die Preise werden steigen und die Löhne kaum.“ Später wird Müller über diesen Tag sagen: „Ich hatte das ungute Gefühl, dass da ein Theater inszeniert wird, das von der Wirklichkeit schon überholt ist, das Theater der Befreiung von einem Staat, der nicht mehr existiert“.

Er war nicht besonders überrascht, dass er ausgepfiffen wurde: „Als mir am Fuß der improvisierten Tribüne eine Welle von Hass entgegenschlug, wusste ich, dass ich an Blaubarts verbotene Tür geklopft hatte, die Tür zu dem Zimmer, in dem er seine Opfer aufbewahrt“, kommentierte er die wütende Reaktion auf seinen Beitrag zur friedlichen Revolution – und beklagt weiter die Versteinerung der Verhältnisse, an der auch der Epochenwechsel von 1990 nichts geändert habe.

1980 von Tscholakowa geschieden, lernt er auf der Frankfurter Buchmesse 1990 die Fotografin Brigitte Maria Mayer kennen. Zwei Monate später zieht sie zu ihm in seine Ost-Berliner Plattenbauwohnung. Fünf Jahre „Liebe ohne Bedingung“ (Mayer) bleiben den beiden, genug, um 36 Jahren Altersunterschied, den deutschen Einigungswirren und Müllers Todkrankheit Speiseröhrenkrebs zum Trotz zu heiraten, durch die Welt zu reisen und ein Kind zu bekommen – sein viertes. Wie getrieben von dem Drang, das Gemeinsame festzuhalten, dokumentiert das Paar von Anfang an auf Polaroidfotografien Liebe, Sex, Familienleben und das Sterben des krebsgezeichneten Mannes: publiziert in Mayers Bildband „Der Tod ist ein Irrtum“.

Müllers mit Tochter. Quelle: https://www.bz-berlin.de/data/uploads/2017/04/332479_1492293345-1920x1080.jpg

Müllers mit Tochter. Quelle: https://www.bz-berlin.de/data/uploads/2017/04/332479_1492293345-1920x1080.jpg

In diesen fünf Jahren veranstaltet Frankfurt das 6. Festival „Experimenta“ zu Ehren Heiner Müllers mit zahlreichen Gast-Produktionen seiner Stücke aus dem In- und Ausland, wird er zum Präsidenten der Akademie der Künste gewählt, übernimmt er zunächst in einem Fünferteam und später allein die Leitung des Berliner Ensembles, bekommt er den Europäischen Theaterpreis und feiert er in Bayreuth seine Premiere als Opernregisseur mit „Tristan und Isolde“, die in der Fachwelt als „genial“ gerühmt wird. Seine letzte Inszenierung, Brechts „Arturo Ui“, läuft bis heute im Berliner Theater am Schiffbauerdamm und kommt inzwischen auf über 400 Vorstellungen.

Allerdings muss Müller auch mit der Nachricht leben, dass ihn das Ministerium für Staatssicherheit als „Inoffiziellen Mitarbeiter“ geführt hat. Er gibt regelmäßigen Kontakt zu, eine tatsächliche Zusammenarbeit zum Schaden Dritter bestätigt sich aber nicht. Am 30. Dezember 1995 stirbt er in Berlin: „Krebs, mein Geliebter“ hatte er schon 1982 in „Quartett“ getextet. Als „Totenfeier“ veranstaltete das Berliner Ensemble 1996 einen achttägigen „Müller-Marathon“.

„der letzte große Konservative“

„Er fehlt heute, wo die Linke nur noch vom Kündigungsschutz redet und die Rechte von der Pendlerpauschale. Müller dachte planetarisch“ klagt Matussek im SPIEGEL.

„Für ihn war der Kommunismus ja kein utopisches Projekt, sondern lediglich die Verlangsamung auf unserm Weg in die Katastrophe. Nun sah Müller den Wegfall aller kommunistischen Bremsen, er sah die Zunahme des Tempos, die Überhitzung, das Verglühen. Man könnte sagen, dass der Linke Heiner Müller der letzte große Konservative war. Er begriff den Verlust der alten Welt als globales Verhängnis.“

Die Tendenz des Kapitalismus sei die Vereinheitlichung, die sich auch auf der Oberfläche der Technisierung abzeichnet und zur Nivellierung führt, erklärte Müller: „Es ist der allgemeine Grundirrtum, dass der Kapitalismus den Individualismus fördert. Das Gegenteil ist der Fall. Der Kommunismus vereinzelt, der Kapitalismus uniformiert.“ Seine Prognose heraufziehender Verteilungskämpfe wurde im Taumel der Wende ebenso oft belächelt wie zurückgewiesen. Mit dem Ausbrechen barbarisch geführter Terrorkriege und den daraus resultierenden Flüchtlingsströmen ist sie allerdings Realität geworden. „Es reicht völlig, wenn sich Millionen Verelendeter in Bewegung setzen“, schrieb er schon 1991. „Man kann nicht sofort wieder eine Mauer bauen. Man weiß nur, und erfährt jede Woche neu: Man braucht sie“, wusste er 1994.

Performance „Die Müller-Matrix“ 2016. Quelle: http://www.interrobang-performance.com/wp-content/uploads/2016/02/NEUHeiner_Gulli.jpg

Performance „Die Müller-Matrix“ 2016. Quelle: http://www.interrobang-performance.com/wp-content/uploads/2016/02/NEUHeiner_Gulli.jpg

Die eigentümliche Dialektik seines Denkens begreift man erst mit Blick auf seine lebensgeschichtliche Situation mit der Allgegenwärtigkeit des Krebses: im Körper, im System, in der Zeit. Prompt gilt sein ganzer Hass der Allgegenwärtigkeit des Kapitals und dessen Verwertungsgesetzen: „Der versäumte Angriff auf die Intershops mündete in den Kotau vor der Ware … das unterdrückte Gewaltpotential bricht sich Bahn im Angriff auf die Schwächeren, Asylanten und Ausländer; keinem Immobilienhai, gleich welcher Nation, wird ein Haar gekrümmt.“ Folglich ruft er seinem Publikum schon in „Der Lohndrücker“ zu: „Schlagt euch nicht die Schädel ein, zerbrecht euch lieber den Kopf!“

Frappierend sind seine nach heutigem Verständnis „rechtsextremen“ Perspektiven, mit denen Müller auf die Welt blickt; bspw. 1992 auf die Jugend: „Nach der Zerstörung einer Infrastruktur, die wesentlich auf ihre Beruhigung ausgerichtet war, übergangslos in die Freiheit des Marktes entlassen, der sie mehrheitlich ausspuckt, weil er nur an Gegenwart und nicht an Zukunft interessiert sein kann, ist sie jetzt auf die Wildbahn verwiesen.“ Die „Randalierer“ von Rostock und anderen Orten sind für ihn prompt „die Sturmabteilung der Demokratie, die radikalen Verteidiger der Festung Europa, gerade weil ihnen auf kurze oder lange Sicht nur der Dienstboteneingang offensteht.“

Starke Worte. Sicherheitshalber hatte Müller auch noch an den vierten Weltkrieg geglaubt. Eine friedliche Welt vermochte er sich jenseits der – gescheiterten – Utopien kaum vorzustellen. Und als nach der Wende manche vom Ende aller Konflikte und der Geschichte fabulierten, konnte Müller nur den schwarzbebrillten Schädel schütteln. Auf der Tagesordnung stünde jetzt

„der Krieg um Schwimmwesten und Plätze in den Rettungsbooten, von denen niemand weiß, wo sie noch landen können, außer an kannibalischen Küsten. Mit der Frage, wie man diese Lage seinem Kind erklärt, ist jeder allein.“

Mal war er unerhört hellsichtig: Den weißen Südafrikanern drohe, „wenn sie zur ewigen Minderheit verdammt“ würden, das „Los der Juden in Deutschland“. Mal war er einfach nur provokant: er erwog, den Berliner Bürgermeister Willy Brandt, der wenig später auf „Wandel durch Annäherung“ setzte, wegen Landesverrats anzuzeigen. Mal war er für und mal gegen ein einheitliches Deutschland; mal glühender Antikommunist, und mal verklärte er die DDR; mal verehrte er Preußen und mal verdammte er es. Mal verglich er den „widerwärtigen“ Ulbricht mit Hitler und nannte ihn einige Jahre später einen „Politiker ersten Ranges“; mal bezeichnete er die Bundesrepublik als Bastion der Rechtsstaatlichkeit und dann als ein Gemeinwesen, das nach „Peitschenleder“ und „Pogrom“ roch.

Dass er sein Millionenpublikum oftmals in die Irre führte, hat ihn kaum gestört. Er hatte die Chuzpe, historische Bücher, die er im Alter von weit über 50 Jahren veröffentlichte, als „Jugendsünden“ abzutun. Für alles, was noch weiter zurücklag, nahm er das „Prinzip der Verjährung“ in Anspruch: Ein Achtzigjähriger könne nicht mehr für das verantwortlich gemacht werden, was er als Dreißigjähriger getan habe. „Das sind zwei verschiedene Menschen, obwohl sie denselben Namen tragen.“

Unerreicht bis heute sind seine sarkastischen Schilderungen Hitlers, bspw. die in der postum erschienen „Geschichte eines Deutschen“:

„Die Zuhälterfrisur; die Talmieleganz; der Wiener Vorstadtdialekt; das viele und lange Reden überhaupt, das Epileptikergehaben dazu, die wilde Gestikulation, der Geifer, der abwechselnd flackernde und stierende Blick … Kein Mensch hätte sich gewundert, wenn dieses Lebewesen bei seiner ersten Rede von einem Schutzmann am Kragen genommen und irgendwo abgestellt worden wäre, wo man nie wieder etwas von ihm sah und wohin es ohne Zweifel gehörte.“

Sebastian Haffner. Quelle: https://www.tagesspiegel.de/images/bildnummer-56648098-datum-01-11-1984-copyright-imago-teutopresssebastian-haffner-autor-11-84-ries-mann-autor-buch-auto-biografie-autobiografie-geschichte-eines-deutschen-erinnerungen-1914-1933-dunkelhaarig-kurzhaarig-halbglatze-serioes-jackett-strick-jacke-strickjacke-hemd-krawatte-sitzend/14002708/2-format1007.jpg

Sebastian Haffner. Quelle: https://www.tagesspiegel.de/images/bildnummer-56648098-datum-01-11-1984-copyright-imago-teutopresssebastian-haffner-autor-11-84-ries-mann-autor-buch-auto-biografie-autobiografie-geschichte-eines-deutschen-erinnerungen-1914-1933-dunkelhaarig-kurzhaarig-halbglatze-serioes-jackett-strick-jacke-strickjacke-hemd-krawatte-sitzend/14002708/2-format1007.jpg

Der Mann, der das schrieb, liebte zwar sein Land, wusste aber mit dem Volk wenig anzufangen, von dem nur eine Minderheit etwas vom Leben verstünde:

„Ungefähr zwanzig Jahrgänge junger und jüngster Deutscher waren daran gewöhnt worden, ihren ganzen Lebensinhalt, allen Stoff für tiefere Emotionen, für Liebe und Hass, Jubel und Trauer, aber auch alle Sensationen und jeden Nervenkitzel sozusagen gratis aus der öffentlichen Sphäre geliefert zu bekommen – sei es auch zugleich mit Armut, Hunger, Tod, Wirrsal und Gefahr … So empfanden sie das Aufhören der öffentlichen Spannung und die Wiederkehr der privaten Freiheit nicht als Geschenk, sondern als Beraubung …

Und sie warteten schließlich geradezu gierig auf die erste Störung … um die ganze Friedenszeit zu liquidieren und neue kollektive Abenteuer zu starten“, so sein Befund über die Stresemann-Jahre der Weimarer Republik.

„Es ist mir lieb, wenn das vergessen wird“

Zu dieser Zeit war der 1907 als Raimund Pretzel in Berlin geborene Lehrersohn Gymnasiast und erfuhr eine lebenslang anhaltende schulische Prägung von Vorurteilsfreiheit, ja aristokratischer Vornehmheit: Er besuchte zuerst das Königstädtische Gymnasium nahe dem Alexanderplatz, viele seiner Klassenkameraden waren jüdische Deutsche, begabte Söhne von Geschäftsleuten. Unter ihnen, so Haffner, war „ich ziemlich links“. Dann wurde der Vater versetzt, sein Sohn wechselte ans Schillergymnasium in Lichterfelde, wo viele Militärs wohnten. Hier, so Haffner, „wurde ich rechts“. Für die Nazis hatten die Soldatensöhne nichts übrig, für die Weimarer Republik allerdings auch nichts. Er studiert dann Jura, entscheidet sich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Frühjahr 1933, mit der für ihn Rechtsstaat gestorben war, aber gegen eine juristische Laufbahn. Um seine Doktorarbeit zu schreiben, ging Haffner 1934 ein paar Wochen nach Paris.

Der junge Jurist, der nur noch gelegentlich, meist als Vertreter anderer Anwälte, in seinem Metier arbeitet, sucht eine Nische und findet sie im Feuilleton von Frauenzeitschriften des Ullstein-Verlags, wo er hofft, dass der braune Spuk bald vorbei ist. Doch 1938 erwartet seine Freundin, die aus einer zum Protestantismus konvertierten jüdischen Familie stammt, ein Kind. Nach den Rassegesetzen war die Liebesbeziehung strafbar. So ließ er sich im Sommer mit einem Auftrag der Ullstein-Presse nach England schicken und bat dort mit Verweis auf seine schwangere Verlobte, die ihm nach England vorausgereist war, um Asyl. Das Paar heiratete, Pretzel erhielt eine zunächst für ein Jahr gültige Aufenthaltserlaubnis. In der Frist brach der Zweite Weltkrieg aus – er durfte bleiben.

Britisches Cover. Quelle: https://exlibris.azureedge.net/covers/9781/8421/2660/8/9781842126608xxl.jpg

Britisches Cover. Quelle: https://exlibris.azureedge.net/covers/9781/8421/2660/8/9781842126608xxl.jpg

Da er seine Jurakenntnisse im britischen Rechtssystem nicht anwenden kann, beschließt der 31-Jährige, ein Buch über Nazi-Deutschland zu schreiben, das den Briten den kommenden Feind erklären soll, und beginnt seine „Geschichte eines Deutschen“. Der Verleger Frederic Warburg war von den ersten Seiten so angetan, dass er Haffner wöchentlich einen kleinen Vorschuss zahlte. Dabei blieb es auch, als er sich nach dem deutschen Angriff auf Polen 1939 entschloss, ein anderes Buch zu schreiben: „Germany: Jekyll & Hyde“. Dafür wählte der geborene Pretzel sein später berühmtes musikalisches Pseudonym: Sebastian nach Johann Sebastian Bach, und Haffner nach Mozarts Haffner-Musiken, von denen die Symphonie D-Dur (KV 385) in Großbritannien beliebt war. Das Erstlingswerk begeisterte die Kritiker und öffnete dem Autor die Karrieretür, Leitartikler des neu gegründeten deutschsprachigen Blatts Die Zeitung zu werden, das vom britischen Informationsministerium finanziert und kontrolliert wurde.

1942 stellt ihn die einflussreiche britische Sonntagszeitung Observer ein. In einem seiner ersten Texte schlug er vor, man solle nach Kriegsende über eine halbe Million SS-Männer einfach hinrichten. Dem gelernten Juristen Haffner waren solche Äußerungen im hohen Alter peinlich: „Es ist mir lieb, wenn das vergessen wird.“ In einer Charakterisierung des Autors, die aus unbekannten Gründen die polnische Botschaft in London 1943 dem Foreign Office zukommen ließ, hieß es bereits, Haffner zeige „eine starke Verworrenheit und ein Schwanken von einem Extrem ins andere“. Die Polen erklärten sich das damit, dass er „weltfremd, nicht bösartig“ sei.

„mit einer seltsam kalten Flamboyance“

Nach dem Krieg ließ sich Haffner in Großbritannien einbürgern und kehrte schließlich 1954 als Korrespondent des Observer nach Berlin zurück. 1961 verließ er die Zeitung, schrieb frei für die Welt und steuerte von 1962 bis 1975 eine wöchentliche Kolumne im Stern bei. In der deutschen Öffentlichkeit wird der unter Kollegen hochgeachtete Mann mit der hohen, knarzigen Stimme durch Werner Höfers „Internationalen Frühschoppen“ bekannt. Joachim Fest beschrieb den deutschen Gast-Briten in seinem launigen Porträt-Essay „Der fremde Freund“ als „Gentleman mit Weste und Einstecktuch, der das Publikum in seinen Bann zwingt. Er spricht langsam und eindringlich, und egal, was er sagt, es klingt einleuchtend und selbstverständlich“.

Nach dem Mauerbau schimpft Haffner auf die Amerikaner, sie seien wie ein „überzahmer Pudel“, der sich vom Kreml-Chef Chruschtschow „den Knochen aus dem Maul nehmen ließ“. Seiner Regierung in London wirft er sogar vor, wie einst in München 1938 gegenüber Hitler in der Sudetenfrage, gekuscht zu haben. Nie war Haffner so sehr Kalter Krieger wie nach der Errichtung des „antifaschistischen Schutzwalls“. Und er will unbedingt die Wiedervereinigung; fordert sogar einen „entschlossenen Partisanenkrieg“ in der DDR, „bis der große Aufstand kommt“, und ein eigenes Atomwaffenpotenzial für die Bundesrepublik. Dann wieder mal eine Kehrtwende: Um bei den Bundestagswahlen 1972 für Willy Brandt stimmen zu können, nimmt Haffner wieder die deutsche Staatsangehörigkeit an.

Haffner in der ZDF-Sendung „Literarisches Colloquium“. Quelle: https://www.welt.de/img/kultur/literarischewelt/mobile101835101/7081627827-ci23x11-w1136/zel-haffner2-DW-Kultur-Aschaffenburg-jpg.jpg

Haffner in der ZDF-Sendung „Literarisches Colloquium“. Quelle: https://www.welt.de/img/kultur/literarischewelt/mobile101835101/7081627827-ci23x11-w1136/zel-haffner2-DW-Kultur-Aschaffenburg-jpg.jpg

Den streitbaren Querdenker, den es lebenslang immer auch ins Rampenlicht drängte, charakterisierte Fest so: „Nicht selten schien es, er wende sich nicht nur den Anwesenden zu, sondern plädiere vor dem eigenen Innern, um die Widerstandsfähigkeit eines fast absurd waghalsigen Einfalls zu erproben. Mit einem souveränen Überblick, der die Beweisführungen gern mit historischen Ereignissen schmückte und stützte, trug er zunächst die Lage vor, wog dann die materiellen wie die psychischen Kräfte der Parteien ab und zog anschließend mit einer seltsam kalten Flamboyance die politischen Folgerungen.“ Womöglich war die oftmals radikale Vehemenz seiner Äußerungen, etwa die RAF als „Steigbügelhalter des heraufziehenden Faschismus“ zu sehen, nicht zuletzt der Versuch, „im Wald des Lebens das Misstrauen gegen sich selbst wegzupfeifen“, vermutet Fest.

Auch als Sachbuchautor befasst er sich mit zeithistorischen Themen, so mit den „Sieben Todsünden des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg“, dem „Teufelspakt: 50 Jahre deutsch-russische Beziehungen“ oder mit Winston Churchill. Kontrovers diskutiert wurde „Die verratene Revolution – Deutschland 1918/19“: Darin warf er als einer der ersten namhaften westdeutschen Publizisten einen kritischen Blick auf die Rolle der „Mehrheits-SPD“ um Ebert, Noske und Scheidemann als Blockierer der Revolution. Schon in diesen Werken trat seine Fähigkeit zutage, komplizierte geschichtliche Zusammenhänge einem breiten Publikum verständlich zu machen.

„nicht einmal Hass, nur Ekel“

1978 dann der große Wurf: die „Anmerkungen zu Hitler“. Fünf Jahre nach dem 1000-Seiten-Spektakel seines Freundes Joachim Fest, das aber, vielkritisiert, das Judenthema nur randständig würdigte, gelang Haffner auf gerade mal 200 Seiten ein allgemeinverständlicher Essay, der, ruhig und kühl geschrieben, trotzdem nicht vereinfacht und auch keine bedeutenden Aspekte aus Hitlers Leben und Wirken unberücksichtigt lässt.

Der Autor wurde dafür mit dem Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf und dem Friedrich-Schiedel-Literaturpreis ausgezeichnet. Golo Mann würdigte im SPIEGEL den Text: „Sehr klar bringt Haffner die Beispiellosigkeit des Phänomens heraus: in der Weltgeschichte so viel angerichtet zu haben – ‚ausgerichtet‘ allerdings nichts – und doch für sich selbst kein Interesse, nicht Sympathie, nicht Respekt, nicht einmal Hass, nur Ekel zu erwecken.“ Das Buch hielt sich 43 Wochen lang auf Platz 1 der SPIEGEL-Bestsellerliste.

Zwei Jahre später erregte er nochmal Aufmerksamkeit mit seinen „Überlegungen eines Wechselwählers“. Später wurde es stiller um Haffner, der die Rolle des hochgebildeten, einzelgängerischen Querkopfs, die er so lange Zeit mit provokanter Laune gespielt hatte, im Fortgang der Jahre zusehends hinter sich ließ. Zeitlebens aber unterschied er zwischen „moderner“ und „richtiger“ Literatur: Thomas Mann, Fontane, Stendhal, Tolstoi… – „ich bin nun einmal hoffnungslos konservativ.“ Er war so gern „umstritten“ gewesen: „Das ist der Lauf der Welt – Man beginnt als Genie und endet als Redakteur für die Rätselecke.“

Cover 1980. Quelle:  https://www.welt.de/img/kultur/literarischewelt/mobile101835541/2482507827-ci102l-w1024/zel-haffner5-DW-Kultur-Hamburg-jpg.jpg

Cover 1980. Quelle: https://www.welt.de/img/kultur/literarischewelt/mobile101835541/2482507827-ci102l-w1024/zel-haffner5-DW-Kultur-Hamburg-jpg.jpg

Den Fall der Mauer empfand Haffner als verheerend: er fühle sich „lächerlich“ gemacht und müsse mit der „entsetzlichsten Niederlage“ zurechtkommen, die ihm je widerfahren sei. Was jetzt ende, sei die Möglichkeit politischen Urteilens: „Ich bin überflüssig. Das hat nicht einmal Hitler erreicht. Aber der Herr Generalsekretär, den alle Welt so sympathisch und umgänglich findet – dem ist es gelungen“ – gemeint ist Gorbatschow. Zu Kohl kein Wort.

Am  2. Januar 1999 stirbt er im Alter von 91 Jahren. Seine Urne wurde im Familiengrab auf dem Parkfriedhof Berlin-Lichterfelde West beigesetzt; es gehört zu den Ehrengräbern des Landes Berlin. An vorderster Stelle bleibt von ihm, so Fest,

„gewiss seine rhetorische Brillanz. Dann aber auch die Radikalität seiner Auffassungen mitsamt der Neigung, selbst im Abseitigen weiterzulaufen. Die Vorliebe für das Denken in sozusagen freier Luft und ohne die Kettengewichte der Realität an den Füßen. Zuletzt immer wieder die großen Brüche mit dem Ableugnen oder Vergessen dessen, was gestern war. […] Nicht selten hatte man den Eindruck, Haffner begrüße jeden politischen Szenentausch schon deshalb, weil er dadurch die Maske abwerfen und das alte Textbuch loswerden konnte, das ihn allmählich zu langweilen begann.“

Auch wegen dieser Schwankungen wollte er seine alten Schriften zu Lebzeiten lieber nicht noch einmal veröffentlicht sehen. Doch schon drei Jahre nach seinem Tod steht der Name Haffner für ein Millionengeschäft. Da wird schon mal ein Haffner-Buch einfach umbenannt und mit einem neuen Vorwort versehen – flugs lässt es sich abermals verkaufen. Haffners Geschichte der Revolution von 1918/19 stand unter vier verschiedenen Titeln in den Bibliotheken.

Die Verlage warfen auf den Markt, was sie finden konnten – knapp zwei Dutzend Veröffentlichungen in 18 Monaten. Seit der spektakulären Entdeckung seiner Erinnerungen „Geschichte eines Deutschen“ überzog ein beispielloser Haffner-Boom die Republik. Innerhalb von gerade drei Jahren wurden allein von diesem Buch über 500 000 Exemplare verkauft. Er wurde gefeiert als ein „Solitär unter Historikern“ (WamS), „politischer Ästhet“ (taz), weitsichtiger Prophet und unbestechlicher Analytiker, gar als „Publizist und Mensch ein Vorbild“ (Guido Knopp).

Spiegel-Nachruf. Quelle: http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/28210137

Spiegel-Nachruf. Quelle: http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/28210137

Im Blick aufs Ganze gleicht das Leben Sebastian Haffners einem Puzzle, dessen Teile nicht zusammenpassen. Klaus Wiegrefe nannte ihn im SPIEGEL den „umstrittensten Infotainer Deutschlands“ – und lag damit sicher am nächsten.

Wenn sich je ein Politiker in die Weltgeschichte stammelte, gebührt ihm der Thron: „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich“ sagte Günter Schabowski am 9. November 1989 auf die Journalistenfrage, wann die neue Reiseverordnung der DDR in Kraft trete. „Morgen früh“, hätte er sagen sollen. Er selbst „ahnte in diesem Augenblick nicht“, schrieb der immer etwas schwammig und farblos wirkende Funktionär später, dass er „im Namen der SED-Führung der DDR gerade das endgültige Verfallsdatum aufdrückte“. Mit seiner Antwort löste er die überraschendste Völkerwanderung der Neuzeit aus – obwohl man sie seit Herbst 2015 vielleicht zur zweitüberraschendsten zurückstufen müsste.

Der am 4. Januar 1929 in Anklam geborene Sohn eines Klempners wuchs in der preußischen Provinz Pommern auf und brachte es in der Hitlerjugend bis zum Scharführer. Nach Abitur und Volontariat in Berlin arbeitete er ab 1947 als Redakteur der Gewerkschaftszeitung Tribüne und wurde 1953 deren stellvertretender Chefredakteur. Als Mitglied in FDGB, FDJ und SED und erfolgreicher Absolvent eines Fernstudiums als Diplomjournalist an der Universität Leipzig war sein politischer Aufstieg fast vorprogrammiert. Nach der Ausbildung an der Parteihochschule der KPdSU in Moskau arbeitete Schabowski beim SED-Zentralorgan Neues Deutschland (ND), von 1978 bis 1985 als Chefredakteur. Stationen als Mitglied des Zentralkomitees (ZK) der SED und Chef der SED-Bezirksleitung Ost-Berlin folgten.

Günter Schabowski. Quelle:  https://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%BCnter_Schabowski#/media/File:Bundesarchiv_Bild_183-1982-0504-421,_G%C3%BCnter_Schabowski.jpg

Günter Schabowski. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%BCnter_Schabowski#/media/File:Bundesarchiv_Bild_183-1982-0504-421,_G%C3%BCnter_Schabowski.jpg

Seit 1986 Sekretär des ZK, unterstand er direkt Generalsekretär Erich Honecker und war zeitweise als sein Nachfolger im Gespräch. Von 1981 bis 1990 war Schabowski zudem Abgeordneter der Volkskammer. Befragt, wie er auf die kommunistische Ideologie hereinfallen konnte, sagte Schabowski: „Wer sich einmal auf den geistigen Holzweg einer politischen Sekte begeben hat und mit seinesgleichen in Klassenschlachtordnung marschiert ist, kommt so schnell nicht wieder davon los.“ Prompt vertrat er diesen Holzweg mit schneidender Überzeugung und diskreditierte jene, die ihn nicht unbeirrt mitgehen wollten.

So kritisierte ihm gegenüber der Generaldirektor des Kombinats Schienenfahrzeugbau die Vorschrift, jeder Betrieb müsse einen bestimmten Prozentsatz an Konsumgütern produzieren, als unsinnig – sie hatte dazu geführt, dass selbst Schwermaschinenbetriebe Wäscheständer und Partygrills herstellten. Der Mann wurde kurz darauf strafversetzt. Als 1988 einige Schüler der Berliner Ossietzky-Oberschule sich auf Transparenten gegen Neonazis in der DDR und gegen die traditionellen Militärparaden der Nationalen Volksarmee sowie zu Gunsten der Solidarność aussprachen, befürwortete er den Ausschluss der Schüler. Und Christa Wolf berichtete im Naumburger Tageblatt: „Ich erinnere mich an einige der wenigen Auftritte Schabowskis im Schriftstellerverband. Vor dem hatte man Angst“, er sei „wirklich einer der Schlimmsten vor der Wende“ gewesen“.

für einen Sozialismus, der stark macht“

Seine Front war die der Agitation. Letztlich gab er die Richtlinien für die Medien vor, die von willfährigen Adlaten in der Agitationskommission an die SED-Presse und vom Presseamt bei der Regierung an die Zeitungen der Blockparteien „durchgestellt“ wurden. Seine Überzeugung von der Rolle der Medien fußte stets auf der Lenin‘schen Prämisse von der Presse als kollektivem Agitator, Propagandist und Organisator: Die Zeitungen haben der Sache des Sozialismus zu dienen, basta. In einem Brief an Honecker regte er sich beispielsweise darüber auf, dass immer mehr Bürger den „Drecksender Sat 1“ empfangen wollten und sich deshalb größere Fernsehantennen wünschten.

Schabowski am 4.11.89 auf dem Alex. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/a7/Bundesarchiv_Bild_183-1989-1104-041%2C_Berlin%2C_Demonstration%2C_Rede_G%C3%BCnter_Schabowski.jpg

Schabowski am 4.11.89 auf dem Alex. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/a7/Bundesarchiv_Bild_183-1989-1104-041%2C_Berlin%2C_Demonstration%2C_Rede_G%C3%BCnter_Schabowski.jpg

Gleichwohl gehörte er zu dem kleinen Kreis von „Verschwörern“, die 1989 den langjährigen Staats- und Parteichef Honecker stürzen wollten – nicht als konterrevolutionäre Abrechnung mit dem System, sondern vielmehr zur Stabilisierung und Reformierung der DDR: Sie opferten Honecker, um sich selbst zu retten. 2009 nennt er Egon Krenz, den damaligen Karl-Marx-Städter SED-Bezirkschef Siegfried Lorenz und sich selbst als jene Politbüromitglieder, die „bei geheimen Treffen überein“ gekommen seien, weitere Meinungsführer zu gewinnen, um Honecker auf einer der nächsten Sitzungen zu stürzen. Am 17. Oktober 1989 war es dann so weit – kurioserweise stimmte Honecker selbst seiner Absetzung zu. Hauptziel war, Reiseerleichterungen durchzusetzen, die eine Generalentlastung für Partei und Regierung bringen sollten. Damit würde, so das Konzept, der Druck herausgenommen, um in Ruhe Veränderungen einleiten zu können. Es ging bekanntlich nicht auf.

So hatte sich Schabowski zwar innerhalb und außerhalb der Partei Feinde geschaffen, die den bisweilen cholerischen „Schah Bowski“ nun „ab ins Exil“ wünschten – aber die Kurve bekam er flinker als alle anderen. Als erstes Mitglied des Politbüros ging er auf die Straße und diskutierte mit empörten Demonstranten. Als erster aus der Parteispitze empfing er demonstrativ zwei Abgesandte des „Neuen Forum“, den Biologen Jens Reich und den Physiker Sebastian Pflugbeil – und verhalf so der Opposition zu einer gewissen Anerkennung. Und er ließ sich neben dem vom pensionierten Agentenführer zum SED-Vordenker gewendeten Markus Wolf am 4. November bei der Künstler-Demo auf dem Alexanderplatz als opportunistischer Anpasser ausbuhen: „Regen wir heute die Hände für unser Land, für einen Sozialismus, der stark macht, weil die Menschen ihn wollen!“, lautete der letzte Satz seiner kurzen, ausgepfiffenen Rede.

Zwei Tage später wurde die Position eines Sekretärs des ZK der SED für Informationswesen geschaffen – in etwa vergleichbar mit einem Regierungssprecher – und mit Schabowski besetzt, der wiederum drei Tage später Geschichte machte. Nicht ganz freiwillig. Riccardo Ehrmann, Korrespondent der italienischen Nachrichtenagentur Ansa mit 20-jähriger Erfahrung im DDR-Propaganda- und Nachrichtenverhinderungsbetrieb fragt 18.57 Uhr nach einer kurzen Zeit atemloser Stille nach, ab wann das neue Reisegesetz gelte – mit der epochalen Reaktion Schabowskis.

Live-PK. Quelle: https://www.dw.com/image/18028489_303.jpg

Live-PK. Quelle: https://www.dw.com/image/18028489_303.jpg

Er sei aber etwa eine Stunde vor der Pressekonferenz „von einem hohen SED-Funktionär, einem Mitglied des Zentralkomitees“ aus dem „Unterseeboot“, dem fensterlosen Büro des Chefs der amtlichen DDR-Nachrichtenagentur ADN angerufen und dringend gebeten worden, bei der Pressekonferenz nach dem Reisegesetz zu fragen, offenbarte Ehrmann 2009 dem MDR. Ob der Chef der DDR-Nachrichtenagentur ADN Günter Pötschke, seit 1986 Mitglied des Zentralkomitees, selbst dieser Tippgeber war, wollte Ehrmann mit Rücksicht auf den Informanten und dessen Familie nicht verraten. Pötschke kann darüber nicht mehr Auskunft geben, er ist 77-jährig im September 2006 gestorben.

„vor der Wirklichkeit versagt“

Nahezu live den Medien der ganzen Welt verkündet, führte der gestammelte Satz noch am selben Abend zur Maueröffnung, weil er tausende Berliner veranlasste, an die Grenzübergangsstellen zu kommen und unter Bezugnahme auf Schabowskis Äußerungen massiv deren Öffnung zu verlangen. Die Grenzer am Übergang Bornholmer Straße kamen dieser Forderung zuerst nach – eine Kettenreaktion an allen Grenzübergängen in und um Berlin kam in Gang. „Ich war eher überrascht davon, dass sich das alles so relativ vernünftig entwickelte. Das war ja noch alles verbunden mit der Vorstellung, die DDR bleibe erhalten, Kapitalismus und Sozialismus würden sich vertragen, es gibt eine Möglichkeit des Arrangements zwischen beiden Systemen“, kommentierte Schabowski später den Abend. Tonaufnahmen der Pressekonferenz gehören inzwischen zum Weltdokumentenerbe der UNESCO. Im Jahr 2015 erwarb das Bonner Haus der Geschichte den originalen Notizzettel der Pressekonferenz.

„Mit erstaunlichem Geschick“, wie Norbert F. Pötzl im SPIEGEL anerkannte, mutierte der gelernte Partei-Propagandist dann zum PR-Manager: „Er arrangierte Homestories mit den neuen Regenten, vermarktete die Abrechnung mit dem alten Regime und inszenierte publikumswirksam – ‚Krenz zieht aus Wandlitz aus‘ – den Verzicht der Nachfolger auf ihre Privilegien.“ Da hatte Schabowski allerdings noch die Illusion, ein DDR-Reformsozialismus könne überleben. Erst später merkte er, dass „das System, dessen politischer Klasse und Führung“ er angehörte, „vor dem Leben, vor der Wirklichkeit versagt“ hatte. Seinen Umdenkprozess leitete die erste Fernsehrede des neu gewählten Generalsekretärs Egon Krenz ein: „Das war noch die blecherne Diktion des SED-Zeitalters, allenfalls geeignet, die konservativen Genossen zu beruhigen.“

PK-Notizzettel. Quelle https://www.tagesspiegel.de/images/schabows_oliver-berg_dpa_6/11645072/2-format1012.jpg

PK-Notizzettel. Quelle https://www.tagesspiegel.de/images/schabows_oliver-berg_dpa_6/11645072/2-format1012.jpg

Als Gregor Gysi die Führung der SED/PDS übernahm, fiel er zugleich mit seinem Verbündeten Krenz aus allen Ämtern, verlor seinen Sitz in der Volkskammer und wurde aus der Partei ausgeschlossen. Die Schiedskommission vermerkte, dass Schabowski zwar versucht hätte, „eine Veränderung im Politbüro herbeizuführen“, sei aber an Inkonsequenz gescheitert: „Dieses Zaudern und Zögern hat mit zu jener Krise geführt, die unser Volk zwang, die Wende auf der Straße durchzusetzen.“ Später gab Schabowski an, diese Vorwürfe und den Ausschluss zunächst mit Enttäuschung und Wut über die Heuchelei, später allerdings als Beginn seiner geistigen Freiheit empfunden zu haben.

Von 1992 an wirkte der gelernte Journalist wieder in seinem alten Metier: als Mitgesellschafter eines Anzeigenblatts im südhessischen Rotenburg. Danach lebt er als Rentner in Berlin. Er schreibt eine Autobiografie, in der er kompromisslos mit seiner Vergangenheit und dem Kommunismus abrechnet. Damit und in zahlreichen Interviews zieht er einen Schlussstrich unter seine sozialistische Sozialisation und einen Trennstrich zu den einstigen Kampfgefährten – und gehört zu denen, die aufrichtig zu bereuen vorgeben, zumal während des 1996 begonnenen Prozesses wegen Totschlags auf Grund des Todes von DDR-Flüchtlingen: „Als einstiger Anhänger und Protagonist dieser Weltanschauung empfinde ich Schuld und Schmach bei dem Gedanken an die an der Mauer Getöteten“, betont der frühere ND-Chefredakteur. „Ich bitte die Angehörigen der Opfer um Verzeihung.“

Den Vorwurf des Totschlags weist der 68jährige zurück. „Wir haben keine Tötungen gefordert und gebilligt“, betont er. Er sei immer davon ausgegangen, dass die Schüsse gesetzlich geregelt gewesen seie. Bei Toten habe er geglaubt, die Grenzsoldaten hätten in Notwehr gehandelt. Einstigen Kampfgefährten gilt Schabowski als Verräter. So hat er sich unbequem zwischen alle Stühle gesetzt: Er wird, so sein Anwalt im Plädoyer, „von den Kommunisten als Schwein, vom Solidaritätskomitee als Ratte, von großen Teilen der Bevölkerung als Wendehals, von der Nebenklage als Waschlappen beschimpft“.

„Es gibt keine ideale Gesellschaft“

Obwohl Schabowski erst ins Politbüro aufgenommen wurde, als das Grenzregime längst beschlossen war, wird er zu drei Jahren Haft wegen Totschlags verurteilt. Unmittelbar vor Weihnachten 1999 tritt er die Strafe in Hakenfelde an, sitzt ein unter Betrügern, Räubern und Vergewaltigern – und verlässt das Gefängnis ein Jahr später, nachdem er von Berlins Regierendem Bürgermeister Eberhard Diepgen begnadigt worden ist. In der sich anschließenden dreijährigen Bewährungszeit muss er sich wöchentlich bei der Polizei melden. Er lebte nach mehreren Infarkten und Schlaganfällen in einem Berliner Pflegeheim, starb dort am 1. November 2015 im Alter von 86 Jahren und wurde auf dem Waldfriedhof Dahlem beerdigt. Seine russische Frau hatte die Todesnachricht verbreitet.

Schabowski mit seinem Anwalt. Quelle: https://www.rbb-onli-ne.de/content/dam/rbb/rbb/fernsehen/kontraste/ueber_den_tag_hinaus/2010/vor_dem_urteil__der.jpg.jpg/size=708x398.jpg

Schabowski mit seinem Anwalt. Quelle: https://www.rbb-onli-ne.de/content/dam/rbb/rbb/fernsehen/kontraste/ueber_den_tag_hinaus/2010/vor_dem_urteil__der.jpg.jpg/size=708x398.jpg

„Mir war klar, dass wir uns in dem Augenblick, in dem die Bürger der DDR in die Bundesrepublik reisen konnten, mit der Bundesrepublik versöhnen würden“, sagte er kurz vor seinem Tod dem Tagesspiegel. Und ihm war klar, dass sich eine Gesellschaft von selbst entwickelt und dabei Fortschritte und Fehler macht: „Wenn man ihr Vorschriften machen wollte, wie sie zu existieren hat, würde das früher oder später zum Scheitern führen … Es gibt keine ideale Gesellschaft. Es gibt nur eine mit mehr oder weniger Einwänden. Die Konsequenz ist: Jeder Versuch, eine sozialistische Gesellschaft, eine Gesellschaft nach einer Rezeptur zu bilden, ist zum Scheitern verurteilt.“

Mit Blick auf die Linke, denen er den Abschied von sozialistischen Vorstellungen vorwirft, weil sie nur das abschöpfen möchte, was von den sozialistischen Träumen übrig geblieben ist, um daraus politischen Gewinn zu ziehen, erklärte er die DDR zum Experiment, das „ich bis zum Exzess ausgekostet“ habe. „Wir hatten die Zeit und die Möglichkeiten, dieses sozialistische Experiment einzugehen. Und nicht nur wir. Man kann sagen: Von der Oder bis nach Kamtschatka, dieses ungeheure Gebiet mit all seinen – auch materiellen – Möglichkeiten war der Ansatz für eine sozialistische Gesellschaft. Und sie ist von Kamtschatka bis an die Oder gescheitert. 80 Jahre hat der Kommunismus existiert und herausgekommen ist die Pleite, die wir erlebt haben.“

Grab in Dahlem. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/9/91/G%C3%BCnter_Schabowski_-_Mutter_Erde_fec.JPG/1280px-G%C3%BCnter_Schabowski_-_Mutter_Erde_fec.JPG

Grab in Dahlem. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/9/91/G%C3%BCnter_Schabowski_-_Mutter_Erde_fec.JPG/1280px-G%C3%BCnter_Schabowski_-_Mutter_Erde_fec.JPG

Dass ihm Hemingway bei einer Kriegsbegegnung 1944 in Paris „teuflisches Talent“ bescheinigte und aus lauter Begeisterung sogleich einem Huhn den Kopf abschoss, ist eine der besseren Legenden, die sich um Jerome David (J.D.) Salinger ranken. Dass sich einige seiner Fans als Mörder und Attentäter hervortaten, darunter Satanist Charles Manson und Mark Chapman, der nach dem Mord an John Lennon mit dem „Fänger im Roggen“ in der Hand festgenommen wurde, ist eine der schlechteren. Und dass er seinen unsterblichen Romanhelden Holden Caulfield seine rote Mütze verkehrt herum tragen ließ, was letztlich einen Jugendtrend begründete, ist gar keine Legende, sondern Realität.

Hemingway und Salinger. Quelle: https://pbs.twimg.com/media/Cn6PmTfUMAElW4f.jpg

Hemingway und Salinger. Quelle: https://pbs.twimg.com/media/Cn6PmTfUMAElW4f.jpg

Selten hat eine „Lebensbibel für Generationen“, so Marc Pitzke im Spiegel, junge Menschen derart beeinflusst wie „The Catcher in the Rhy“. Mit mehr als 65 Millionen verkauften Exemplaren war der Roman noch 2013 der drittgrößte US-Bestseller aller Zeiten (nach Henry Rider Haggards „She: A History of Adventure“ und Dan Browns „The Da Vinci Code“). Der Roman war zumal in der Übersetzung von Nobelpreisträger Heinrich Böll einer der wenigen Texte, die Gymnasiasten dies- und jenseits der Elbe lasen und der bis heute mehrfach adaptiert wurde: Der DDR-Longseller „Die neuen Leiden des jungen W.“ von Ulrich Plenzdorf (1973) ist ebenso wenig ohne das Salinger-Vorbild zu denken wie die Romane „Faserland“ von Christian Kracht (1995) oder „Crazy“ von Benjamin Lebert (1999).

Bis heute könne es bestenfalls Tom Sawyer an Popularität mit dem Teenager Holden Caulfield aufnehmen, der sich schnoddrig und munter-vulgär – allein 44-mal sagt er „Fuck“ – über seine Adoleszenzprobleme auslässt, meint Wolfgang Höbel im Spiegel. Obwohl Salinger nur diesen einen Roman und 35 Kurzgeschichten veröffentlichte, gilt er bis heute als einer der größten und meistrezensierten US-Autoren der Nachkriegszeit, der oft mit „feierlichem Ernst“ verehrt wird, so Höbel. Sein literarischer Mythos wirkte so stark, dass manche Kritiker gleich ein ganzes Jahrzehnt der amerikanischen Literaturgeschichte – die Jahre von 1948 bis 1959 – als „Ära Salinger“ bezeichnet haben.

egal wie lange du lebst“

Diese Berühmtheit war nicht absehbar, als Salinger am 1. Januar 1919 als einziger Sohn eines wohlhabenden jüdischen Käsehändlers litauischer Herkunft in New York City geboren wurde. Seine Mutter, eine irisch-schottische Katholikin, war wegen des Vaters zum Judentum konvertiert. Biographen schreiben von einer „verwöhnten Kindheit“. Erste Versuche als Autor unternahm er als junger Kadett in einer Militärschule, als Student veröffentlichte er Kurzgeschichten und Filmkritiken und bereitete sich 1937 in Europa vor, das väterliche Geschäft zu übernehmen. Den Uni-Abschluss erwarb er nicht.

Jerome D. Salinger. Quelle: https://img.thedailybeast.com/image/upload/c_crop,d_placeholder_euli9k,h_1439,w_2560,x_0,y_0/dpr_2.0/c_limit,w_740/fl_lossy,q_auto/v1492718071/articles/2013/09/02/15-revelations-from-new-j-d-salinger-biography/130901-salinger-tease_iqjaxj

Jerome D. Salinger. Quelle: https://img.thedailybeast.com/image/upload/c_crop,d_placeholder_euli9k,h_1439,w_2560,x_0,y_0/dpr_2.0/c_limit,w_740/fl_lossy,q_auto/v1492718071/articles/2013/09/02/15-revelations-from-new-j-d-salinger-biography/130901-salinger-tease_iqjaxj

1941 durchlebte er eine traumatische Beziehung mit der noch minderjährigen Tochter des Dramatikers Eugene O’Neill, Oona, seiner großen Liebe, die ihn verließ, um 1943 mit 18 Jahren lieber den 54-jährigen Charlie Chaplin zu heiraten. Sicher auch daher schmerzte den Vater zweier Kinder, der dann doch dreimal verheiratet war, darunter kurzzeitig mit einer deutschen Ärztin, jede biografische Annäherung an seine Person. Nach Oona zeitlebens der Pädophilie verdächtigt, weil er junge Geliebte hatte und mit weiblichen Teenagern Brieffreundschaften pflegte, wird er zum stillen Exzentriker, dessen Texte in zunehmendem Maße introvertiert wie die eines Mannes scheinen, „der für immer auf seine Kindheit zurückblickt“, so der Guardian.

Viele Stories zeigen eine Vorliebe für nahezu ausschließlich kindliche und pubertäre Helden und Heldinnen, beschreiben die Erlebnisse von Kindern, Studentinnen, Schülern und jugendlichen Ehefrauen und bemühen sich dennoch, hinter profanem Jargon und hinter Alltagshandlungen subtilere psychische Regungen erkennbar zu machen. Es sind Figuren, denen oft zum Heulen ist, deren Nerven gefährlich zerrüttet sind und deren Welt bevölkert ist mit heuchlerischen Erwachsenen, abstoßenden Gleichaltrigen und mit toten oder weit entfernten oder hilflosen oder unendlich geliebten Geschwistern. Die jugendlichen, oft störrischen Verbündeten, die hier zusammenfinden, seien „jedoch beseelt von einem anrührenden Glauben an die Möglichkeit einer freundlicheren, klügeren, helleren Welt“, befand Höbel.

1942 trat Salinger in die US-Army ein, nahm an fünf Feldzügen in Frankreich teil, erlebte die berüchtigte deutsche Ardennen-Offensive mit – und seine nächsten Traumata: Die Qual des Krieges zog sich später als Motiv durch viele durchaus düstere Geschichten Salingers. Das erste verursachte die Schlacht im Hürtgenwald, die wegen ihres blutigen Gemetzels und mindestens 22.000 gefallenen US-Soldaten traurige Berühmtheit erlangte. „Ein Soldat und Autor, der im Zweiten Weltkrieg dem Tod entkam, doch das Überleben nie vollends annahm“, erklärt sein Biograph David Shields. Sein Leben sei „eine Selbstmordmission in Zeitlupe“.

Salinger im Krieg. Quelle: https://img.zeit.de/kultur/literatur/2015-03/salinger-jerome-d/wide__820x461__desktop

Salinger im Krieg. Quelle: https://img.zeit.de/kultur/literatur/2015-03/salinger-jerome-d/wide__820x461__desktop

Das zweite Trauma folgte Ende April 1945, als er das eben befreite Konzentrationslager Kaufering IV besuchte und dort offenbar erlebte, dass die nicht gehfähigen Insassen vor dem Heranrücken der alliierten Streitkraft bei lebendigem Leib verbrannt worden waren. Nach dem Krieg war Salinger infolge eines Nervenzusammenbruchs in psychotherapeutischer Behandlung; seine Tochter Margaret schrieb in ihren Erinnerungen, dass ihr Vater einmal gesagt haben soll: „Du bekommst nie wirklich den Geruch von brennendem Fleisch aus deiner Nase, egal wie lange du lebst“.

„Er war emotional und warmherzig“

Direkt nach Kriegsende war Salinger, der gut Deutsch sprach, für sechs Monate im fränkischen Gunzenhausen als ziviler „Investigator“ für eine Abteilung des Nachrichtendienstes tätig und begann spätestens hier mit den Arbeiten am „Fänger im Roggen“, der 1951 erscheint. Eine literarische Sensation, die William Faulkner später das „beste Buch der gegenwärtigen Schriftstellergeneration“ nennen sollte. Es war zwei Jahre auf dem Markt, als Salinger eine Flucht ähnlich seinem Romanhelden Caulfield antrat: in die waldigen Hügel Neu-Englands, nach Cornish. Überwältigt und – nach eigenem Eingeständnis – eingeschüchtert von seinem eigenen Erfolg zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück, lebte in seinem abgelegenen, geräumigen Holzhaus im Staat New Hampshire.

Von hier setzte er gegen Biografen und Plagiatoren wie den nicht minder geheimnisvollen Schwedenamerikaner John D. California, der eine Fortsetzung von Caulfields Leben schreiben wollte, teure Anwälte in Gang. Gegen Neugierige, die in seinem Müll wühlten, soll er manchmal gar zur Schrotflinte gegriffen haben. Dem Buddhismus stand er ebenso nahe wie Ron L. Hubbards Scientology. Seit 1965 kam keine Zeile mehr von ihm auf den Markt – Briefe allerdings schrieb er noch: Mit trockenem Witz, eleganter Syntax und klarem Rhythmus. Etwa an seinen Armeefreund Werner Kleeman, die melancholisch, fast sanft klingen: „Er war sehr bescheiden“, zitiert der Spiegel Kleeman. Und: „Er war emotional und warmherzig.“

Werner Kleeman mit Briefen. Quelle: http://cdn2.spiegel.de/images/image-64229-860_poster_16x9-dysm-64229.jpg

Werner Kleeman mit Briefen. Quelle: http://cdn2.spiegel.de/images/image-64229-860_poster_16x9-dysm-64229.jpg

1974 brach Salinger einmal sein Schweigen, er telefonierte mit einem Reporter und sagte: „Ich schreibe gerne. Ich liebe das Schreiben. Aber nur für mich und zu meinem eigenen Vergnügen.“ Eine ehemalige Geliebte etwa wusste von zwei fertigen Büchern zu berichten und davon, dass er täglich bis zu 100 Seiten zu Papier bringe. „Ich will alleingelassen werden“, murrte der Eremit 1980 in einem allerletzten, widerspenstigen Zeitungsinterview, „absolut.“ 2010 starb er eines natürlichen Todes als rätselumwobene Legende, laut New York Times berühmt dafür, nicht berühmt sein zu wollen. Nach Salingers Tod gab es Vermutungen, denen zufolge bis zu 15 unveröffentlichte Romane existieren – ein Geheimnis, das Salingers Erben bis heute nicht gelüftet haben. Lange hielt sich auch die Hypothese, er veröffentliche unter dem Pseudonym seines Kollegen Thomas Pynchon.

„so verdammt deprimiert und einsam“

„Ein üblicher Roman würde über einem solchen Stoff verhungern“, rezensierte die Süddeutsche Zeitung 1962 die damals neue Böll-Übersetzung des „Fängers“. „Nicht was er mitzuteilen hat, sondern wie er es mitteilt, das macht seine Geschichte und seinen Fall aus.“ Getrieben von Fantasie, Sehnsucht, unbestechlicher Beobachtungsgabe und von bisweilen gnadenlosem Frust, changierend zwischen Sarkasmus und Selbstmitleid, Selbsthass und Überheblichkeit berichtet ein Schulversager lakonisch, wie er an der Welt zu zerbrechen droht. „Mit ihm sprach endlich jemand aus, was wir dachten – nur besser“, so Philip Meinhold im Spiegel.

Salingers Anti-Held rebelliert gegen Zivilisation, Respektabilität und Langeweile, die Konventionen der Erwachsenen sowieso, gegen alles, was „phony“ (unecht) ist und Holdens Gerechtigkeitssinn widerspricht. Nachdem er bereits von drei Schulen verwiesen worden ist, bekundet er auch in Pencey, einem exklusiven Internat, sein Desinteresse durch mangelhafte Leistungen und soll mit Beginn der Weihnachtsferien ausgeschlossen werden. Er flieht jedoch und treibt sich, hinreichend mit Geld versehen, aus Furcht vor seinen Eltern zwei Tage und zwei Nächte lang in New York herum.

US-Einbände. Quelle: https://d1u4oo4rb13yy8.cloudfront.net/article/38075-riaohdhcpg-1469203755.jpg

US-Einbände. Quelle: https://d1u4oo4rb13yy8.cloudfront.net/article/38075-riaohdhcpg-1469203755.jpg

Trotz weltmännischer Attitüde und Schlagfertigkeit fühlt sich Holden in der nächtlichen Großstadt allerdings recht verlassen. Er besucht Tanzsäle und Bars, streitet sich mit Taxifahrern, betrinkt sich, entgeht eben noch dem Abenteuer mit einer Prostituierten, beobachtet die Aktivität eines ergrauten Transvestiten, wird von einem Liftführer ausgeraubt und gesteht sich ein, das die Erwachsenenwelt ihm eher als ein Alptraum erscheint: „Ich fühlte mich so verdammt deprimiert und einsam.“ Vor allem pädagogischen Domestizierungsbemühungen gilt Holdens Abneigung: „Man braucht nicht allzu sehr nachzudenken, wenn man sich mit einem Lehrer unterhält.“ Und: „Sogar die paar netten Lehrer waren Heuchler.“ Dass er auswandern will und ein neues Leben anfangen möchte, ist da folgerichtig.

Aber was sollte aus jemandem werden, der so konsequent und unbeugsam war? Wie kam er durchs Leben, welchen Beruf wählte er? Holden hatte selbst keinen Schimmer: „Wie soll man denn wissen, was man tun wird, bevor man es wirklich tut?“ Merkwürdig alterslos kommt die Geschichte daher, erzählt von der Suche nach einem Platz in der Welt, von einer „fast rührenden Rebellion“ (Marcel Reich-Ranicki). Zu bewundern ist Holden für seine Kompromisslosigkeit: in seinem Urteil, seinen Träumen, seinem Anspruch an sich und die Welt. Dabei sind die Grundthemen des Romans bis heute aktuell; und diese Aktualität lässt die Alterslosigkeit der Geschichte im Licht der immer gleichen Pubertät erstrahlen: Das mit der Liebe ist nicht leichter geworden, das mit der Schule auch nicht, und das mit der Scheinheiligkeit der Welt erst recht nicht.

« Neuere Artikel - Ältere Artikel »