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Georg Elser umgibt bis heute etwas Anarchisches, Einsames, ja Unwirkliches. Obwohl seine Verhörprotokolle seit 1964 bekannt sind und damit das misslungene Hitler-Attentat vom 8. November 1939 minutiös rekonstruiert werden konnte, dauerte es bis in die 1990er Jahre, bis sich die Geschichtsschreibung ernsthaft mit ihm zu befassen begann. Erst 1989 erschien die erste Elser-Biographie, erst in der zweiten zehn Jahre später wurden die Namen aller Beteiligten genannt. Und noch 2003 kam es gegen die Benennung der Schule seines langjährigen Wohnorts Königsbronn zu Einwänden, war der Ort im „Dritten Reich“ doch als „Attentatshausen“ verunglimpft worden.

Das liegt zum einen an Elsers Person: Ein freiheitsliebender Frauenheld aus schwierigen Familienverhältnissen, der zwar talentierter, dennoch einfacher Arbeiter war, als Katholik dem Kommunismus nahestand und Volksmusik pflegte. Er gehörte nicht zu den „Offizieren, Adeligen und Studenten aus gutem Hause, legitimiert durch Herkunft, Familie und gesellschaftliche Stellung“, meint der Theologe Hartwig Grubel im SPIEGEL. Daher konnte der Verfemte, der selbst in seiner Familie lange ein Tabu sein musste, von keiner Seite als „Widerstandskämpfer“ vereinnahmt werden.

Das liegt zum anderen aber auch an der – überdies ethisch fragwürdigen – Spiegelfunktion seiner Tat, die weder in Ost- und erst recht nicht in Westdeutschland auf Gefallen stieß. Denn er war der Beweis, dass auch der „kleine Mann“, wenn er denn wollte, schon früh das Unrecht des Nazi-Regimes durchschauen und auch als Einzelner etwas dagegen unternehmen konnte – die oft bemühte Floskel vom Nichts-gewusst-haben führte er ad absurdum: „Ich wollte den Krieg verhindern“, begründete Elser schlicht sein Tun. Er habe schon „1938 den Mut und die Weitsicht gehabt, die sich bei anderen erst eingestellt hatte, als der Krieg schon verloren“ war, erklärt Grubel.

Georg Elser. Quelle: https://www.dw.com/image/15506354_401.jpg

Dazu mussten Elsers Ansicht nach Hitler, Göring und Goebbels verschwinden, gab er im Verhör zu Protokoll: „Durch meine Überlegungen kam ich zu der Überzeugung, dass durch die Beseitigung dieser drei Männer andere Männer an die Regierung kommen, die an das Ausland keine untragbaren Forderungen stellen, die kein fremdes Land einbeziehen wollen und die für eine Verbesserung der sozialen Verhältnisse der Arbeiterschaft Sorge tragen werden.“ Eine selbstgebaute Bombe schien ihm das geeignete Mittel dazu.

Prompt stellt sich seit Jahren die Frage, ob die deutsche Geschichte im Falle des Gelingens seines tödlichen Plans tatsächlich anders verlaufen wäre, und wenn ja, wie. „Deutschland wäre bei einem gelungenen Attentat vermutlich keine Demokratie geworden, sondern ein autoritärer Staat geblieben“, glaubt Johannes Tuchel, Elser-Biograph und Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin. „Doch die Grundzüge der NS-Politik hätten sich mit Sicherheit verändert.“

„die Löhne niedriger und die Abzüge höher“

Der älteste Sohn einer Bauerstochter wird am 4. Januar 1903 in Hermaringen bei Heidenheim unehelich geboren. Im Jahr darauf zieht die Familie zum Vater, ebenfalls Bauer, nach Königsbronn um, wo Elser bis 1925 wohnt. Er hat noch 5 Geschwister, gilt als mittelmäßiger Schüler mit überdurchschnittlichen Leistungen in Rechnen, Zeichnen und Schönschreiben und beendet nach einem halben Jahr Landwirtschaftsgehilfe bei den Eltern und einer aus gesundheitlichen Gründen abgebrochenen Ausbildung zum Eisendreher 1922 eine Schreinerlehre.

Nach wechselnden Tätigkeiten in verschiedenen Schreinereien zieht Elser 1925 nach Konstanz, wo er vor allem in Uhrenfabriken beschäftigt ist. Er tritt in verschiedene Trachtenvereine ein, wird Mitglied im Zitherclub Konstanz sowie 1928/1929 auch des Roten Frontkämpferbundes sowie der Holzarbeitergewerkschaft. Seit dieser Zeit sind wechselnde Liebschaften nachgewiesen, zuerst mit der Zuschneiderin Hilde Lang, dann mit der Kellnerin Mathilde Niedermann, die 1930 den nichtehelichen (und nachgewiesenermaßen einzigen) Sohn Manfred zur Welt bringt. Bis Frühjahr 1932 bei der Uhrenfabrik Rothmund in Meersburg angestellt, erhält er bei deren Konkurs anstelle ausstehenden Lohns mehrere Uhrwerke. Zwei davon wird er für seine Zeitbombe im Bürgerbräukeller verwenden.

Elser auf einem Ausflug. Quelle: https://www.swr.de/swr2/leben-und-gesellschaft/Der-Hitler-Attentaeter-Georg-Elser-zweiter-von-rechts-auf-einem-Ausflug-mit-Freunden%2C1563003919538%2Cimage-swr-144098~v-16×9@2dM-ad6791ade5eb8b5c935dd377130b903c4b5781d8.jpg

Anschließend geht Elser zurück nach Königsbronn, wo er in den Zitherclub eintritt und ein Verhältnis mit der verheirateten Elsa Härlen unterhält, die ihm möglicherweise einen unehelichen Sohn, eventuell gar zwei Kinder geboren haben könnte. Von 1936 bis 1939 arbeitet er als Hilfsarbeiter in der Armaturenfabrik Waldenmaier und erhält Kenntnis von einer geheimen Sonderabteilung für Rüstungsproduktion. Nach dem Abschluss des Münchner Abkommens und einer ersten Reise 1938 nach München mit dem Besuch der Gedenkveranstaltung zum gescheiterten Hitler-Putsch von 1923 im Bürgerbräukeller reift in ihm der Entschluss, ein Jahr später dort ein Attentat auf Hitler zu begehen.

In den Verhörprotokollen wird er sich als früher Gegner des Nationalsozialismus bezeichnen, der nach 1933 den Hitlergruß verweigerte und nach Augenzeugenberichten den Raum verließ, wenn Hitler-Reden im Rundfunk übertragen wurden. Der Hauptgrund seiner Abneigung war zunächst die Verschlechterung der Lebensbedingungen: „So z. B. habe ich festgestellt, dass die Löhne niedriger und die Abzüge höher wurden. […] Der Stundenlohn eines Schreiners hat im Jahr 1929 eine Reichsmark betragen, heute wird nur noch ein Stundenlohn von 68 Pfennigen bezahlt. […] Der Arbeiter kann z. B. seinen Arbeitsplatz nicht mehr wechseln, wie er will; er ist heute durch die HJ nicht mehr Herr seiner Kinder, und auch in religiöser Hinsicht kann er sich nicht mehr so frei betätigen.“

Er entwendet bei Waldenmaier Pulver und Zünder, erwirbt im Frühjahr 1939 als Hilfsarbeiter in einem Steinbruch Kenntnisse in der Sprengtechnik und stiehlt hier 105 Dynamit-Sprengpatronen und 125 Sprengkapseln. Nach seinem Umzug nach München im August ging Elser 30 Abende in den Bürgerbräukeller, bestellte immer das einfachste Gericht für 60 Pfennige und wartete, bis er unbemerkt in der Besenkammer verschwinden konnte. Dort harrte er aus, bis das Lokal schloss, stieg auf die Empore und kniete sich vor die tragende Säule direkt hinter dem Rednerpult.

Minutengenau und doch zu spät explodiert

Die höhlte Elser Stück für Stück aus, um Platz für die Bombe zu schaffen. Um nicht durch Geräusche auf sich aufmerksam zu machen, musste er jeweils für zehn Minuten seine Arbeit unterbrechen, bis die automatische Toilettenspülung des Bürgerbräukellers einsetzte. Den anfallenden Schutt versteckte er in einem selbstgefertigten Sack, den er unter den Augen der Kellnerinnen tagsüber hinaustrug und in der Isar entleerte. Parallel arbeitete er tagsüber am Zeitzünder.

Elsers Sohn Manfred mit seiner Mutter Mathilde Bühl, geb. Niedermann, um 1939. Quelle: https://www.swr.de/swr2/wird-referenziert/00-redaktion/07-fernsehen/01-swr-fernsehen/geschichte-entdeckungen/Georg-Elser-mit-seiner-Mutter%2C1564057526947%2Cimage-swr-139624~v-16×9@2dM-ad6791ade5eb8b5c935dd377130b903c4b5781d8.jpg

Anfang November baute er mit inzwischen zerschundenen Knien seine „Höllenmaschine“ samt Dynamitpatronen, Sprengkapseln und Schwarzpulver ein. Am 6. November stellte er bei seiner Schwester Maria in Stuttgart seine Habe unter, am 7. prüfte er durch Horchen das Ticken des Uhrwerks. Danach fährt er über Friedrichshafen nach Konstanz und wird 20.45 Uhr durch eine Zollstreife wenige Meter vor der Grenze zur Schweiz gestoppt. Bei seiner Festnahme trug er unter anderem eine Ansichtskarte des Bürgerbräukellers sowie Teile des Zeitzünders bei sich. Der damals 26jährige deutsche Grenzschützer Waldemar Zipperer, der ihn festnahm, erhielt noch 1978 das Bundesverdienstkreuz.

Explodieren sollte die Bombe um 21.20 Uhr – während Hitlers Rede. Und minutengenau tat sie das auch. Doch der Zufall namens Wetter verhinderte, dass die NS-Führungsspitze an diesem Abend ausgelöscht wurde: wegen Nebels konnte Hitler nicht wie geplant mit dem Flugzeug zurück nach Berlin reisen, sondern musste den Zug nehmen. Deshalb sprach er viel kürzer als sonst und verließ die Veranstaltung schon um 21.07 Uhr. 13 Minuten später wären er und seine Gefolgsleute entweder direkt durch die Explosion oder durch die herabstürzende Decke getötet worden. Acht Menschen starben, darunter sieben Altnazis und eine Serviererin, 63 wurden verletzt. Elser wird derweil in der Konstanzer Gestapo-Zentrale bis in den frühen Morgen verhört und tags darauf nach München verlegt.

Aufräumarbeiten nach dem Bombenattentat. Quelle: https://www.swr.de/swr2/wird-referenziert/migration/bilder/abgelaufen/Aufraeumarbeiten-im-November-1939-nach-dem-Bombenattentat-auf-Adolf-Hitler-im-Muenchner-Buergerbraeukeller%2C1562973939491%2Cimage-swr-136576~v-16×9@2dM-ad6791ade5eb8b5c935dd377130b903c4b5781d8.jpg

Als „Vergeltungsmaßnahme“ ließ der Kommandant des KZ Buchenwald Karl Otto Koch bereits am Tag nach dem Attentat 21 jüdische Häftlinge erschießen. Am 11. November  drückte die sowjetische Regierung dem deutschen Botschafter Friedrich-Werner Graf von der Schulenburg „ihr Bedauern und ihre Entrüstung über den ruchlosen Anschlag von München, ihre Freude über die glückliche Errettung Adolf Hitlers aus der Lebensgefahr und ihr Beileid für die Opfer des Attentats“ aus.

„in absolut unauffälliger Weise zu liquidieren“

Nach tagelangen Verhören mit Misshandlungen legt Elser ein Geständnis ab und wird ab 22. November offiziell als Attentäter präsentiert. Als Sonderhäftling erst im KZ Sachsenhausen, dann unter dem Decknamen Eller im KZ Dachau wurde er vergleichsweise gut behandelt, hatte eine eigene Zelle, eine eigene Werkbank und eine Zither. Nach dem „Endsieg“ sollte er in einem Schauprozess abgeurteilt werden. Die Heimatgemeinde Königsbronn wurde nach dem Attentat durch die Gestapo durchforscht, Elsers Eltern wurden vier Monate lang inhaftiert, Neffe Franz Hirth kam ins Waisenhaus.

Am 5. April 1945 ordnete Hitler parallel die Hinrichtung von Admiral Canaris und des „besonderen Schutzhäftlings“ Georg Elser an. Gestapo-Chef Heinrich Müller ließ den Auftrag am selben Tag dem Dachauer Kommandanten Eduard Weiter übermitteln: „ Bei einem der nächsten Terrorangriffe auf München bzw. auf die Umgebung von Dachau ist angeblich ‚Eller‘ tötlich [sic!] verunglückt. Ich bitte, zu diesem Zweck ‚Eller‘ in absolut unauffälliger Weise nach Eintritt einer solchen Situation zu liquidieren. Ich bitte besorgt zu sein, dass darüber nur ganz wenige Personen, die ganz besonders zu verpflichten sind, Kenntnis erhalten“.

Am Abend des 9. April vollstreckte der SS-Oberscharführer Theodor Bongartz heimlich und ohne Gerichtsurteil den Tötungsbefehl gegen 23.00 Uhr am Hinrichtungsplatz beim Krematorium in Dachau mit einem Genickschuss. Elsers Leiche wurde anschließend im Krematorium verbrannt. Zwanzig Tage später wurde Dachau durch US-Truppen befreit. Bongartz starb am 15. Mai 1945 in amerikanischer Gefangenschaft. Über Elser wurde in seiner Familie 50 Jahre lang nicht gesprochen. Sein Schicksal blieb für die Familie unbekannt, ein Grab gab es nicht, 1950 wurde er für tot erklärt.

Erfolgsmeldung. Quelle: https://www.welt.de/img/kultur/mobile101495808/9032502057-ci102l-w1024/georg-elser-zeitung-DW-Vermischtes-Frankfurt-Main-Archiv-jpg.jpg

Niemand konnte sich vorstellen, dass ein Schreiner ganz allein dieses Attentat begangen haben sollte. Hitler selbst drängte darauf herauszufinden, wer dahinterstecke. Die NS-Propaganda machte den britischen Geheimdienst für den Anschlag verantwortlich. Regimegegner im In- und Ausland vermuteten hingegen, die Nationalsozialisten selbst hätten den Anschlag mit Elsner als Marionette inszeniert, um zu zeigen, dass die „Vorsehung“ den „Führer“ beschütze.

Dabei war Elser ein selbstbewusster Mensch mit klarem Blick und verschmitztem Lächeln. Etwas Unternehmungslustiges und Unabhängiges lag in seinen Zügen: Der Mut eines unsteten Alleingängers, der dennoch so fest war, dass er selbst die Nazis verwirrte. Niemandem hatte Elser von seinem Vorhaben erzählt. Allein Gott im Gebet vertraute sich der gläubige Katholik an, so steht es in seinen Verhörprotokollen, die keine Hinweise auf irgendwelche Hintermänner zutage förderten.  Vielmehr konnte Elser seinen Vernehmern bis ins kleinste Detail beschreiben, wie er seine „Höllenmaschine“, wie er sie fast liebevoll selbst nannte, konstruiert und im Bürgerbräukeller versteckt hatte. Auf deren Wunsch baute er die Bombe sogar nochmals nach. Die Gestapo-Beamten kamen zu dem Schluss, dass Elser tatsächlich ohne fremde Hilfe das Attentat geplant und durchgeführt haben musste.

Trotzdem gab es noch lange nach dem Krieg massive Zweifel an der Alleintäterschaft Elsers. Sie begannen erst allmählich zu verstummen, nachdem der Historiker Lothar Gruchmann die verschollenen Verhörprotokolle der Gestapo 1970 veröffentlicht hatte. Zuvor verbreiteten selbst der als Vertreter der Bekennenden Kirche im KZ Sachsenhausen inhaftierte Martin Niemöller und später auch der KZ-Aufseher Walter Usslepp das Gerücht, Elser sei SS-Unterscharführer gewesen und handelte auf Hitlers persönlichen Befehl. Viele weitere Gerüchte kamen in Umlauf und sind es zum Teil bis heute.

„einsame Entscheidung eines Menschen“

Ein eigenes Kapitel ist die Frage, ob Elsers Tat moralisch zu rechtfertigen ist. Das Dresdner Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung HAIT ist 1999 darüber fast zerbrochen. Denn in einem Artikel zum 60. Jahrestag des Attentats in der Frankfurter Rundschau verurteilte Lothar Fritze, Mitarbeiter am HAIT, den versuchten Tyrannenmord aus einer paternalistischen Perspektive. Elser hätte im Raum bleiben müssen, um unschuldige Anwesende nach der Abfahrt des „Führers“ zu warnen, oder eine Anschlagsmethode wählen müssen, bei der nur Hitler getroffen worden wäre.

Ein Dogma auf dem Prüfstand. Quelle: https://encrypted-tbn0.gstatic.com/images?q=tbn:ANd9GcTnkEWLpi2QFPc3HBd7DtnmuXn6G–mXiL8_NCMbHNuxFL38uZt

Auch bemängelt er, Elser habe „seine politische Beurteilungskompetenz überschritten“, indem er ein solches Attentat unternahm. Fritzes Vorwurf des leichtfertigen Entfernens Elsers vom Tatort würde sich ebenso auf Stauffenberg und dessen Attentat von 1944 beziehen lassen, entgegneten Kritiker. Eine Reihe von Philosophen und Politikwissenschaftlern unterstützte Fritze. Der israelische Historiker Saul Friedländer hingegen verließ aus Protest den wissenschaftlichen Beirat des HAIT. Elser stehe „für die einsame Entscheidung eines Menschen, der sich in einer ethischen Notsituation befindet und einer Verantwortung folgt, die die eigene Existenz geringer achtet als Recht und Gerechtigkeit und das allgemeine Wohl“, meint auch Gruber. Aber ob das die getötete Kellnerin auch so gesehen hätte?

Dem bereits 1972 durch die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes VVN eher unbeachtet eingeweihten Denkmal in Schnaitheim schloss sich erst nach Elsers Erwähnung durch Bundeskanzler Helmut Kohl 1983 in seiner Rede zum 20. Juli ein Paradigmenwechsel in der Gedenkkultur an – der inzwischen allerdings ins Gegenteil zu kippen droht: 2017 waren schon 64 Straßen und Plätze in Deutschland nach Elser benannt. Büsten, Installationen und Denkmäler folgten, so 2011 in Berlin ein 17 Meter hoher Stahlmast. Seit 2001 wird alle zwei Jahre ein Georg-Elser-Preis für Zivilcourage verliehen. Anlässlich seines 100. Geburtstags gab die Deutsche Post eine Sondermarke heraus.

Brandauer-Version. Quelle: https://film-retro-shop.de/media/image/16/f3/cb/Georg-Elser-Einer-aus-Deutschland-Hartbox_600x600.jpg

Elsers Leben wurde in Hörspielen, Bühnenstücken und Filmen dramatisiert, darunter 1989 von Klaus Maria Brandauer, der auch die Titelrolle übernahm und mit „Mephisto“ sowie „Hanussen“ weitere Filmadaptionen der NS-Zeit lieferte. Zuletzt drehte Oliver Hirschbiegel „Elser – Er hätte die Welt verändert“, der 2015 den Bayerischen Filmpreis als „Bester Film“ erhielt. Pikant: Hirschbiegel hatte zehn Jahre zuvor „Der Untergang“ mit dem jüngst verstorbenen Bruno Ganz gedreht, der die letzten Tage jenes Mannes beschreibt, den Elser eigentlich töten wollte: Adolf Hitler.

Es war kein so großer Aufreger wie erwartet: Marta Rafael, Witwe des Journalisten Karl Eduard von Schnitzler, gestattete dem vormaligen FDJ-Kampfblatt Junge Welt, unter dem Titel der einstigen Fernsehsendung „die Tradition aufklärerischer Medienkritik im Geiste ihres Mannes fortzusetzen“. Die sozialistische Tageszeitung stellt seit August zunächst monatlich einen Video- und Audio-Podcast mit medienkritischen Inhalten online bereit; später soll das Format wöchentlich laufen. „In Berlin ersteht die DDR wieder auf“, titelte Bild prompt.

„Der Schwarze Kanal“, den das DDR-Fernsehen ab 21. März 1960 jeden Abend nach dem Montagsfilm 1519 Mal für rund 20 Minuten ausstrahlte, wurde zum Inbegriff der SED-Propaganda. Er zeigte Sendeausschnitte aus dem Westfernsehen, die Schnitzler anschließend sarkastisch im Sinne des DDR-Regimes kommentierte: für die Junge Welt „Aufklärung über die westliche antikommunistische Propaganda“. Schnitzlers erste Worte waren:

„Der Schwarze Kanal, den wir meinen, meine lieben Damen und Herren, führt Unflat und Abwässer; aber statt auf Rieselfelder zu fließen, wie es eigentlich sein müßte, ergießt er sich Tag für Tag in hunderttausende westdeutsche und Westberliner Haushalte. Es ist der Kanal, auf welchem das westdeutsche Fernsehen sein Programm ausstrahlt: Der Schwarze Kanal. Und ihm werden wir uns von heute an jeden Montag zu dieser Stunde widmen, als Kläranlage gewissermaßen.“

Schnitzler vor Sendungslogo. Quelle: tagesspiegel.de

Die Sendung war über fast dreißig Jahre hinweg nicht nur fester Bestandteil des ostdeutschen Fernsehprogramms, sondern ein agitatorisches und politisches Instrument der SED-Machthaber. Der Name Schnitzlers, der die Sendung 1322 Mal moderierte,  und der Titel „Der Schwarz Kanal“ sind untrennbar miteinander verbunden, ebenso wie mit der gesamtdeutschen Geschichte, denn die wöchentlich ausgestrahlte Sendung hatte mindestens ebenso viele Zuschauer im Westen (wenn nicht noch mehr) als im eigenen Land. Am 30. Oktober 1989 verabschiedete er sich:

„Ich werde meine Arbeit als Kommunist und Journalist für die einzige Alternative zum unmenschlichen Kapitalismus fortsetzen. Als Waffe im Klassenkampf (…) Auf Wiederschauen“.

Die Sendung war schon einmal im Internet lebendig geworden: Zum 40. Jahrestag des Mauerbaus hatte das Deutsche Rundfunkarchiv Potsdam-Babelsberg Sendemanuskripte und Unterlagen unter www.sk.dra.de zugänglich gemacht, wo sie bis heute abrufbar sind. Der Berliner Historiker Clemens Escher hält die aktuelle Wiederbelebung für wenig originell. Das „geraunt Verschwörerische“ von Moderator Schnitzler habe dessen Sendung überlebt – „ebenso das Misstrauen gegen westliche Medien und das Establishment“, so Escher in der NWZ. „Der Antikapitalismus ging und geht dabei eine Melange ein mit dem als Antizionismus nur notdürftig getarnten Antisemitismus.“ Um diese Hintergründe solle jeder wissen, der den „Schwarzen Kanal“ reanimiere.

„Entlarvung der politischen Manipulation“

Die Sendung galt als Antwort auf die zwischen 1958 und 1960 quartalsweise ausgestrahlte ARD-Sendung „Die rote Optik“, in der der Westberliner NDR-Studioleiter Thilo Koch anhand von Sendungsausschnitten die DDR-Fernsehpropaganda analysierte: Der Titel war eine Anspielung darauf. Später galt das zwischen 1969 und 1988 ausgestrahlte ZDF-Magazin mit Gerhard Löwenthal wegen seiner ähnlich polarisierenden Wirkung als Pendant. Intention der Sendung war, Multiplikatoren wie  Offizieren der NVA, denen der Konsum westlicher Fernsehsendungen untersagt war, Lehrern, Journalisten und interessierten Bürgern ausgewählte westliche Nachrichten nebst ideologischer Interpretation zu präsentieren: Statt Zahn um Zahn Propaganda um Propaganda.

Löwenthal mit Sendungslogo. Quelle: dra.de

Torsten Hampel spricht im Tagesspiegel von wortmächtigen Monologen, „unterfüttert mit einem historischen Wissen, von Preußen, Kaiserreich, den beiden Weltkriegen und Umständen der beiden deutschen Staatsgründungen – überhaupt einer Informiertheit über nahezu alles und jeden –, das aus dem heutigen Fernsehen nahezu unbekannt ist. Eingewebt aber auch in eine Einschüchterung: Wer so viel weiß, muss recht haben.“ So sollte die „systematische Enthüllung des menschen- und fortschrittsfeindlichen Charakters der imperialistischen Klassenherrschaft” durch eine „scheinbare Entlarvung der politischen Manipulation seitens des Westfernsehens” geschehen.

Nach außen hin begründete Schnitzler die aggressive Form der Auseinandersetzung mit dem sich „objektiv verändernden Kräfteverhältnis zugunsten des Sozialismus” und der „subjektiv organisierten psychologischen Kriegsführung des Imperialismus“. Allein diese Begründung entblößt sich bei genauerem Hinsehen als eine Anti-Begründung. Denn wenn sich das Kräfteverhältnis zugunsten des Sozialismus entwickelt hätte, wäre wohl kaum eine solch propagandistische Form der medialen Nachrichtenaufbereitung vonnöten gewesen.

Die beeinflussende Wirkung seiner Hetztiraden gegen den Westen war Schnitzler nicht nur bewusst, sondern sogar Ziel seiner Agitation. Noch 1985 erklärte er anlässlich der Verleihung des Ehrentitels „Held der Arbeit“, „der Adressat des ‚Schwarzen Kanals‘ ist der DDR-Bürger. Und die Zuschauer sind Multiplikatoren, die das Gesehene und Gehörte auf vielfältige Weise weitertragen – in Schulen und Versammlungen, in die Zirkel des Partei- und FDJ-Lehrjahres, die es nutzen in persönlichen Gesprächen“.

Wie dieser Nutzen auszusehen hatte, war eindeutig: Die Bürger der DDR sollten gegen den Westen aufgestachelt und aggressiv gestimmt werden. Schnitzler betrachtete, das schrieb er später auf, „den Journalismus als ein Mittel der Machtausübung“. Ein Schelm, der heute Arges dabei denkt… Es verwundert nicht, dass bei Facebook seit geraumer Zeit sein Bild mit der Überschrift „Meckert nicht, ich habe euch jeden Montag gewarnt“ kursiert und auf Zustimmung stößt.

Schnitzler, Ulbricht, Sendermann. Quelle: bpb.de

Die Sendung wurde zeitweise, vor allem Mitte der 1960er bis Anfang der 1970er Jahre, in einigen sozialen Bereichen als eine Art Pflichtveranstaltung betrachtet, so im Politunterricht bei der Armee oder, lehrerabhängig, im Staatsbürgerkundeunterricht in der Schule. Vor allem im DDR-Bezirk Dresden (umgangssprachlich „Tal der Ahnungslosen“) bot „Der schwarze Kanal“ zwar die Möglichkeit, Ausschnitte aus Nachrichten von ARD und ZDF zu sehen, doch taugten die natürlich nicht als neutrale Informationsquelle, da sie stark gekürzt und aus dem Zusammenhang gerissen waren. Das Deutsche Rundfunkarchiv wirft Schnitzler vor, durch sinnentstellende Kürzungen von Szenen und speziell geordnete Abfolgen von Ausschnitten Aussagen manipuliert zu haben.

„verschmilzt die Privatperson mit dem Moderator“

Damit ist klar, dass Sendung und Moderator auch politisch nicht zu trennen waren: „Niemals wird im demokratischen Rundfunk ein Volksfeind, ein Friedensfeind Gelegenheit haben, die Redefreiheit zu missbrauchen. (…) Und darum können wir auch nicht objektiv sein, sondern wir sind parteiisch”, sagte Schnitzler zur Feier des zehnjährigen Bestehens des DDR-Rundfunks. Den Vorwurf, er sei ein parteikonfomer Journalist gewesen, der im Grunde genommen immer auf der Regierungslinie gelegen habe, kontert er lapidar mit der Tatsache, dass sich seine Auffassung lediglich mit der Linie seiner Partei und Regierung gedeckt habe. Allerdings deckte Regina Mönch in der FAZ auf, dass Schnitzler abhängig von der jeweiligen politischen Großwetterlage weisungsgebunden agieren musste: So war er zur Zeit der Anbahnung des Milliardenkredits 1983 gehalten, sich wegen der Darstellung des bisherigen Lieblingsfeindes Franz Josef Strauß (CSU) als „Kommunistenfresser“ zurückzuhalten.

Der am 28. April 1918 in Berlin geborene Sohn eines preußischen Legationsrats erzählte gern, dass er das Adelsprädikat bei Gründung der DDR ablegen wollte, aber von Walter Ulbricht hierzu mit den Worten überredet worden ist: „Du bist wohl verrückt, die Leute sollen wissen, woher man überall zu uns kommt.“ Schnitzlers Großmutter war eine außereheliche Tochter des „99-Tage-Kaisers“ Friedrich III., er selbst mithin ein Urenkel des Kaisers. Welchen Stellenwert diese Verwandten im Dritten Reich innehatten, schilderte von Schnitzler in einem Interview:

„Mein Vetter, Dr. Georg von Schnitzler, war Verkaufsdirektor des IG-Farbenkonzerns. Seine Unterschrift steht unter den Lieferverträgen Zyklon-B, des Giftgases für die Konzentrationslager; und ich habe noch ein paar von der Sorte.“

Schnitzler-Protest 1989. Quelle: bundesregierung.de

Bereits mit 14 trat Schnitzler in die Sozialistische Arbeiter-Jugend ein und begann sich entgegen seiner familiär gutsituierten Ausgangslage mit dem Kommunismus zu beschäftigen. Er brach 1937 nach zwei Semestern ein Medizinstudium ab, lernte in Köln Kaufmann und wurde 1939 einberufen. Zweimal verwundet und einmal wegen antinazistischer Propaganda mit dem Strafbataillon 999 im Afrikafeldzug eingesetzt, kam er 1944 in britische Kriegsgefangenschaft, wo er als verantwortlicher Redakteur für die tägliche BBC-Sendung „Hier sprechen deutsche Kriegsgefangene zur Heimat” ab 10. Juni Propagandaarbeit für die Briten leistete. „Von diesem Tag an verschmilzt die Privatperson mit dem Moderator bzw. Kommentator von Schnitzler“, erklärt sein Biograph Horst Rörig.

Im Juni 1945 schickten ihn die Engländer zum damaligen NWDR. Dort zuerst als Kommentator tätig, wurde der überzeugte Kommunist am 1. Januar 1946 als erster amtierender Intendant und Leiter der politischen Abteilung in Köln eingesetzt. Am Anfang wegen seiner Arbeit in London und seiner „sauberen“ Denkweise als Journalist geschätzt, urteilte der britische Chief Controller des NWDR, Hugh Carleton Greene, rückblickend über ihn: „…er war ein guter Rundfunkpublizist und ein gescheiter Kopf, den ich nicht unbedingt verlieren wollte.“ Als er mit der britischen Besatzungsmacht auf Grund seiner extrem linken Denk- und Arbeitsweise in unlösbaren Konflikt geriet, wurde Schnitzler im Frühjahr 1947 fristlos entlassen. Logische Folge war seine Emigration nach Ost-Berlin, wo er von Michael Storm, dem journalistischen Pseudonym des späteren Auslands-Spionagechefs Markus Wolf, beim Berliner Rundfunk empfangen wurde. Wahrscheinlich über diese Beziehungen wurde Schnitzler nach eigenen Angaben sofort Festangestellter.

Zunächst leitete er neben seiner Kommentatorentätigkeit die Diskussionsrunde „Treffpunkt Berlin“ mit westlichen Journalisten und dreht Dokumentarfilme, bevor er mit dem „Schwarzen Kanal“ auf Sendung geht. Rasch zum Chefkommentator berufen, bezeichnete er später den 18-jährigen Maurergesellen Peter Fechter, der bei einem unbewaffneten Fluchtversuch am Checkpoint Charlie vor laufender Kamera verblutete, als „einen angeschossenen Kriminellen“. Nicht allein der kommunistische Gedanke war richtungsweisend für seinen agitativen „Journalismus“, sondern auch seine Verachtung der westlichen – seiner Meinung nach imperialistischen und kapitalistischen – Gesellschaftsformen, im Besonderen der Westdeutschlands.

Auch ein „schwarzer Kanal“. Quelle: freitag.de

So gab er kurz nach der Einstellung seiner Sendung als Anspruch an seine Arbeit in der Stuttgarter Zeitung, an, „er habe immer nur zur ‚Hygiene im Äther‘ beitragen wollen, um der ‚Hetze‘ der westlichen Medien gegen den Sozialismus und speziell den auf deutschem Boden etwas entgegenzusetzen“. Rörig nannte das eine „überzeugte Verblendung“. Die AfD Niedersachsen hat inzwischen vorgeschlagen, einen „Karl-Eduard-von-Schnitzler-Preis“ an Redaktionen zu verleihen, in denen gegen journalistische Prinzipien verstoßen, das Trennungsprinzip von Sachberichterstattung und Meinung nicht realisiert wird.

„Nervensäge der Nation“

Die Resonanz in der Bevölkerung gab Schnitzler zu Anfang mit 50% und mehr Einschaltquote an, die wegen schwindendem Interesse sich dann bei rund 30% eingependelt habe. Dabei fällt zusätzlich ins Gewicht, dass in den ersten Jahren lediglich ein bzw. zwei Programme zur Verfügung standen und die Einschaltquoten in der DDR niemals offiziell bekannt waren. Eine objektive Bewertung dieser Zahlen ist also nicht möglich. Auch die Aussage von Schnitzlers, er „habe nie 3% gehabt wie Herr Höfer in seinem ‚Frühschoppen‘ mittags um zwölf. Mit 3% Prozent gibt es bei uns keine Sendung, die wäre abgesetzt worden”, ist vorsichtig zu betrachten. In jedem Fall nahm die Sehbeteiligung rapide ab: Ende der 1970er Jahre waren es kaum noch zweistellige Werte, die kontinuierlich mit durchschnittlichen Quoten um drei bis fünf Prozent bis zur Einstellung sanken.

Zuletzt gehörte der in der Bevölkerung „Sudel-Ede“ titulierte zu den meistgehassten Systemvertretern. So wurde auf Demonstrationen 1989 gefordert: „Schnitzler weg von Bild und Ton, der besudelt die Nation!“, oder „Versetzt die alte Lügensau schnellstens in den Tagebau“, oder „Schnitzler weg – Lügendreck“. Der Spiegel nannte ihn „Nervensäge der Nation“ und kommentierte: „Neben dem Unterangebot an Südfrüchten war es das Überangebot an Schnitzler-Kommentaren, das die Leute 1989 auf die Straßen trieb.“ Denn noch im Frühherbst polemisierte er in gewohnt ungehobelter, arroganter und überlegenheitsschwangerer Art gegen die westliche Welt, ohne auch nur im geringsten die Zeichen der Zeit im eigenen Land zu erkennen.

Für ihn war die Bürgerbewegung in der DDR vom Westfernsehen organisiert, um die Struktur des ostdeutschen Staates von innen auszuhöhlen. Nachdem bei den Montagsdemonstrationen seine Absetzung gefordert worden war und ihn das SED-Blatt Neues Deutschland als „Nessie-ähnliches Fossil“ geschmäht hatte, war die Absetzung der Sendung folgerichtig. Einem Parteiausschlussverfahren kam er mit seinem Austritt zuvor und ging in die DKP.

Schnitzlers Grab. Quelle: in-berlin-brandenburg.com

Nach dem Ende der DDR war Schnitzler Kolumnist, darunter der Satirezeitschrift Titanic, und Autor. 1994 veröffentlicht er die Schrift „Provokation“, die mit dem Satz beginnt: „Die Deutsche Demokratische Republik war das Beste, was in der Geschichte den Deutschen, den Völkern Europas und der Welt aus Deutschland begegnet ist“. Der in der DDR vielfach geehrte, viermal verheiratete kalte Krieger – aus seiner zweiten Ehe ging die Schauspielerin Barbara Schnitzler hervor – erlag am 20. September 2001 in Zeuthen einer Lungenentzündung. Als ein „Phänomen“ bezeichnet ihn Rörig:

„Die teilweise Unmöglichkeit, seiner Gedankenführung rationales Verständnis entgegenzubringen, mindert dabei nicht die Faszination seiner Person.“

Dieser Faszination erlagen etwa vier Hamburger Punkrocker namens „Der Schwarze Kanal“. Daraus ging die Intellektuellenband „Blumfeld“ hervor, die sich 2004 in einem „Manifest“ von jedem Künstler distanzierte, der „es billigend in Kauf nimmt, die in deutschem Namen begangenen Verbrechen und (Un-) Taten der Vergangenheit und Gegenwart zu ignorieren und vergessen zu machen, um seine Zielgruppe zu erreichen.“ Und ihr erlag auch der Journalist Jan Fleischhauer, der achteinhalb Jahre lang „unter unzähligen Aufforderungen an die Chefredaktion, dem Autor zu kündigen“, 438 konservative Spiegel-Kolumnen namens „Der schwarze Kanal“ schrieb. Sowohl die Kolumne als auch die Ergüsse des Namensgebers gibt’s heute wieder: erstere neuerdings im Focus, zweitere im Onlineshop des RBB. Hier kann der geneigte Kunde eine 6er-DVD-Box „Der schwarze Kanal“ erwerben und sich an den messianischen Tiraden ergötzen. Oder erschrecken, je nach Perspektive.

Goethe war in manchen Briefen wahrlich nicht zimperlich: „Zillbach ist ein böses Nest“ beschrieb er 1780 seinen Eindruck vom kleinen Flecken in der Vorderrhön nahe Wasungen, und: „Zillbacher sind wie Katzen, vorne lecken, hinten kratzen“. Aus diesem Nest nun stammt ein Mann, der aus Sachsens Naturgeschichte nicht wegzudenken ist und als Begründer der Forstwissenschaft in Deutschland gilt: Heinrich Cotta. Am 25. Oktober vor 175 Jahren starb er hochgeachtet in Tharandt.

Seine Studenten hatten ihm zum 80. Geburtstag 80 Eichen auf der Burghöhe „Heinrichseck“ im Tharandter Wald gepflanzt, seinem „grünen Hörsaal“, in dem er nun Monate später begraben wurde. Seine schon in der Kindheit angelegte mineralogisch-geologische „Versteinerungssammlung“ war eine der bedeutendsten ihrer Zeit und zog auch andere Naturwissenschaftler wie 1830 Alexander von Humboldt in das Städtchen zwischen Dresden und Freiberg. Er war es auch, der nach Cottas Tod den Ankauf dieser rund 5.000 pflanzlichen und tierischen Fossilien für 3000 Taler für das „Berliner Kabinett“ durchsetzte. Die Sammlung ist heute zwischen Freiberg und London verstreut.

Ansichtskarte aus Anlass des 110. Jahrestags der Forstlichen Hochschule Tharandt 1926. Quelle: oldthing.de

Dabei gilt Cottas Geschichte auch Genealogen für interessant: Kaiser Sigismund hatte der Familie 1420 einen Adelsbrief ausgestellt, dessen Original 1752 bei einem Brand vernichtet wurde. Die Cottas waren da längst in einen süddeutschen und einen sächsisch-thüringischen Stamm ohne verwandtschaftliche Beziehungen geteilt und führten den Titel nicht mehr. Goethes Verleger Johann Friedrich Cotta hatte 1817 Heinrich Cotta aufgefordert, gemeinschaftliche Schritte zur Erneuerung des Adels zu unternehmen – was dieser aufgrund seiner demokratischen und ganz bewusst bürgerlichen Einstellung ablehnte. So wurde nur ein Teil des süddeutschen Familienstammes 1817 in den Adels- und 1822 in den Freiherrnstand erhoben. Doch nach Heinrich Cottas Tod bekamen auch seine drei Söhne auf Antrag 1858 den Adelstitel neu verliehen.

„die Ausführung macht hierbei den Meister“

Das Forsthandwerk war dem am 30. Oktober 1763 geborenen Heinrich in die Wiege gelegt: Sein Vater Nicolaus Heinrich war der erste bürgerliche Fürstlich-Weimarische Förster, bildete ihn selbst aus und sprach ihn später als Jägerbursche frei. 1784/1785 studierte Heinrich in Jena Mathematik und Kameralwissenschaften, war danach als Vermesser im nahen Fischbach tätig und begann gemeinsam mit seinem Vater, forstlichen Unterricht zu erteilen. 1789 wurde er Herzoglich-Weimarischer Forstläufer mit einem Jahresgehalt von 12 Talern. Fünf Jahre später legte er, inzwischen Unterförster, dem Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach, Carl August, den Plan einer Forstlehranstalt vor. Dazu hatte er bereits die „Cotta-Plantage“ am Rande von Zillbach mit über 400 Baumarten angelegt.

Jagdschloss und Kirche Zillbach. Quelle: wikipedia.

1795 heiratete er seine langjährige Freundin Christel Ortmann, mit der er sechs Kinder hatte, von denen vier das Erwachsenenalter erreichten, erhielt als Forstmeister die Stelle seines Vaters in Zillbach und bekam vom Großherzog nicht nur grünes Licht für seinen Plan, sondern auch die Erlaubnis, Jagdschloss und Garten für seinen Unterricht zu nutzen. Er berief u.a. seinen Jenaer Studienfreund Friedrich Mosengeil als Lehrer für deutsche Sprache und Mathematik, der als Begründer der Stenografie gilt und 1796 in Eisenach sein Schriftsystem veröffentlichte.

1801 wurde Cotta zum Forstmeister in Eisenach und zugleich zum Mitglied des dort neu errichteten Forstcollegiums ernannt. Der Ruf der Lehranstalt verbreitete sich rasch und ließ Cotta als hervorragenden Lehrer bekannt werden. Ab 1809 stand er dann mit der königlich-sächsischen Verwaltung unter Friedrich August I. in Kontakt, die einen neuen Leiter ihrer Forstvermessungsanstalt suchte. Am 12. Dezember 1810 kam Cotta als Direktor der Forstvermessung und Forstrat nach Dresden. 1811 verlegte er die Einrichtung nach Tharandt, wo er am 24. Mai sein privates Forstlehrinstitut eröffnete.

„Der Beruf des Forstmanns ist halb Kunst, halb Wissenschaft, und nur die Ausführung macht hierbei den Meister“, schrieb er im selben Jahr. Sein Vorlesungsmanuskript „Grundriss zu einem System der Forstwissenschaft“ von 1813 galt jahrzehntelang als Standardwerk, das der Disziplin feste, schulgerechte Regeln gab, sie von der Jagd löste, den forstmännischen Beruf vom Berufsjägertum und die waldwirtschaftlichen Interessen von den Jagdinteressen trennte.

Christel Cotta. Quelle: Wikipedia

Nachdem das Institut als Kriegsfolge in finanzielle Schwierigkeiten geraten war, bemühte sich Cotta erfolgreich um eine staatliche Trägerschaft. Die Einrichtung wurde am 12. März eine staatliche Anstalt und am 17. Juni 1816 als Königlich-Sächsische Forstakademie im Range einer Fachhochschule eröffnet, die jährlich rund 50 Studenten besuchten. Im Jahr darauf legte er mit der „Anweisung zum Waldbau“ das nächste Standardwerk vor, in dem sich der bemerkenswerte Satz fand „Wenn die Menschen Deutschland verließen, so würde dieses nach 100 Jahren ganz mit Holz bewachsen sein.“  In seiner Anweisung unterschied Cotta erstmals zwischen Nieder-, Mittel- und Hochwald und trat für Bestandspflege ein, so für „Durchforstungen“: Gezielte Entnahmen alter, kleiner und toter Bäume.

Hintergrund war, dass gerade in Sachsen die Notwendigkeit eines effizienten Waldbaus bestand: Mehrere Kriege im 18. Jahrhundert und der Holzbedarf im Erzbergbau und in der sächsischen Industrie hatten einen Raubbau an den heimischen Wäldern bewirkt. Friedrich August I. erkannte die Bedeutung einer systematischen und von wissenschaftlichen Gesichtspunkten geleiteten Aufforstung. Der Holzmangel wurde so zum „Geburtshelfer“ einer Wissenschaftsdisziplin, die gerade in Sachsen zur Blüte kam: Die Dresdner Heide legt noch heute Zeugnis ab, wie Cotta die Wälder mit einem Schneisensystem systematisch umgestaltete, um sie wirtschaftlich besser nutzen zu können. Er ist aber auch der Begründer einer nachhaltigen Bewirtschaftung des Waldes und war sich stets der Verantwortung für nachkommende Generationen bewusst.

„nicht reich an aufregenden Momenten“

1819 stirbt Cottas geliebte Christel, und Heinrich geht danach ganz in seiner Lehre auf. Von den 1.030 Studenten bis 1844 waren knapp die Hälfte Nichtsachsen. Vor allem russische Studenten kamen gern an die Forstakademie – Zar Nikolaus I. verlieh ihm zur Anerkennung seiner Bemühungen um diese 1841 den St.-Wladimir-Orden. „Sein Leben war im allgemeinen nicht reich an aufregenden Momenten. Die Grundzüge des Charakters dieses ausgezeichneten Mannes: Humanität, vollendete Herzensgüte, Friedfertigkeit, Milde im Urtheil über Andere, große Liebenswürdigkeit ließen ja kaum einen Feind erstehen“, meinte Biograph Richard Heß 1876.

Cotta-Biographie. Quelle: Amazon

Unter Cotta erlangte die sächsische Forstwissenschaft Weltgeltung und wurde zum Vorbild für viele Staaten. Er leitete die Akademie über 30 Jahre und prägte sie entscheidend. Unter seiner Leitung hatte sie eine Direktorialverfassung erhalten, die bis 1904 gültig blieb: In diesem Jahr wurde sie mit der Erhebung in den Rang einer Hochschule gewürdigt; seit 1929 ist sie Bestandteil der Dresdner Universität – heute als eigene Fachrichtung.

Cottas Bücher erzielten im 19. Jahrhundert  viele Auflagen. Neben dem Waldbau war die Forsteinrichtung einer seiner Schwerpunkte: er hatte in kurzer Zeit die ausgedehnten Waldungen Sachsens vermessen und Forsteinrichtungswerke aufgestellt. Seine Hilfstafeln für Forstwirte und Forsttaxatoren, aber auch die Tafeln zur Bestimmung des Inhalts und Wertes unverarbeiteter Hölzer wurden wichtige Arbeitsinstrumente der gesamten Forstwirtschaft und auch immer wieder neu aufgelegt. Zudem war er der erste forstliche Klassiker, der sich, wenn auch noch sehr vorsichtig, für die Begründung von Mischbeständen aussprach. Zu seiner Zeit waren, wenn überhaupt, bestenfalls gemischte Bestände aus Buchen und Eichen oder Buchen und Edellaubholz geduldet.

Cotta-Medaille. Quelle: ebay

Innerhalb von nur zwei Jahrzehnten gelang es Cotta, der neben Humboldt auch von Goethe und vielen anderen Geistesgrößen besucht und gewürdigt wurde, die stark herabgewirtschafteten sächsischen Wälder einer geordneten Forstwirtschaft zuzuführen. Die Zahl seiner Denkmäler und ihm gewidmeten Straßen zumal in Sachsen übersteigt ein Dutzend. Er war der erste namhafte deutsche Forstmann, über den eine eigenständige Biographie in Buchform verfasst wurde: die Habilitationsschrift „Heinrich Cotta. Leben und Werk eines deutschen Forstmannes“ von Albert Richter von 1950. Für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Forstwissenschaft verleiht die TU Dresden bis heute die Heinrich-Cotta-Medaille.

Doris Lessing bekam 2007 mit fast 88 Jahren als ältester Mensch und elfte Frau nach 93 Männern den Nobelpreis für Literatur. Begründet wurde die Entscheidung mit ihrem Wirken als „Epikerin weiblicher Erfahrung, die sich mit Skepsis, Leidenschaft und visionärer Kraft eine zersplitterte Zivilisation zur Prüfung vorgenommen hat.” In diese „zersplitterte Zivilisation“ wurde Doris geb. Tayler kurz nach dem ersten Weltkrieg, am 22. Oktober 1919, in Persien hineingeboren, wo ihr verbitterter Vater, der im Krieg ein Bein verloren hatte und es in England nicht mehr aushielt, Filialleiter einer Bank war.

Doris’ Mutter war Krankenschwester; sie hatte den traumatisierten Soldaten in einem Lazarett gepflegt und ihn aus Mitleid und Verzweiflung geheiratet, weil ihre große Liebe im Krieg gefallen war: „Die Wut meines Vaters auf den Grabenkrieg griff auf mich über und hat mich nie verlassen. Hier sitze ich und versuche noch immer, von der Last dieser grauenvollen Hinterlassenschaft freizukommen“, erklärte Lessing zu ihrem autobiographischen Buch „Alfred and Emily“ (2008). Als Doris fünf war, brach die Familie auf nach Südrhodesien (heute Zimbabwe), wo der Vater ein Stück Land gekauft hatte und sein Glück als Maisfarmer zu machen hoffte. Er scheiterte kläglich.

Lessing besuchte eine katholische Klosterschule und die Girls High School in der Hauptstadt Salisbury, dem heutigen Harare. Die isolierte Farm ihrer Eltern machten der Tochter neben Fluchten in Bücher lange, einsame Wanderungen zur Gewohnheit und bestärkten sie in ihrer Unabhängigkeit. Die Familie laborierte immer verzweifelter am Rande des Ruins. Doris’ Mutter war verbittert, sie vermisste ihre Heimat und ein bürgerliches Leben. Ihre rebellische Tochter Doris ließ sie für ihre Enttäuschung büßen, während der jüngere Bruder Harry geliebt und verhätschelt wurde. Diese frühen Verletzungen und das Kriegstrauma der Eltern haben Lessings Leben und Werk geprägt – zentrale Themen sind einerseits ihre Suche nach Liebe und Geborgenheit und andererseits die nicht leicht gelingende Liebe zwischen Mutter und Kindern, aber auch einerseits das inhaltsleere, schwere Dasein der britischen Siedler wie auch andererseits die trostlose Lage der einheimischen Bevölkerung.

Die junge Lessing. Quelle: https://www.newstatesman.com/sites/default/files/styles/lead_image/public/new_image_6.jpg?itok=_d705LQf

Mit vierzehn Jahren brach Lessing die Schule ab und arbeitete erst als Nanny und Schwesternhelferin und dann als Telefonistin. Sie konnte auch kleine Texte bei Zeitungen unterbringen und schrieb später zwei Romane, die sie vernichtete. Mit 19 Jahren heiratete sie den Kolonialoffizier Frank Wisdom und gebar einen Sohn und eine Tochter. Schon 1943 wurde die Ehe geschieden, die Kinder blieben beim Vater: „Lange habe ich das für eine gute Sache gehalten. Nichts ist langweiliger für eine intelligente Frau als endlose Zeit mit kleinen Kindern zu verbringen. Ich merkte, dass ich nicht die erste Wahl für Kindererziehung war…“, sagte sie 2010 Newsweek. Sie verabschiedete sich von ihnen mit den Worten, sie werde nun am Aufbau einer besseren Welt arbeiten. Im Scheidungsjahr begann ihre 20 Jahre währende Überwachung durch den britischen Security Service.

„Ehen haben nicht zwangsläufig etwas mit Liebe zu tun, oder?“

In zweiter Ehe heiratete sie 1945 den deutschen Emigranten Gottfried Lessing, den sie als Mitglied der „Südrhodesischen Arbeiterpartei“ kennen lernte und der als jüdischer Kommunist den Nationalsozialisten entkommen war. Mit ihm bekam sie 1947 einen weiteren Sohn namens Peter. Er sollte sein ganzes Leben lang bei ihr bleiben; in ihren letzten Jahren sorgte sie während seiner schweren Diabetes für ihn; er starb drei Wochen vor ihr. Auch die Ehe zerbrach, zumal an der Politik: „Ehen haben nicht zwangsläufig etwas mit Liebe zu tun, oder“, meinte sie später. Gottfried, ein politischer Fanatiker, ging in die DDR und machte dort Karriere u.a. als Botschafter in Uganda, wo er 1979 erschossen wurde.

Seine Frau aber blieb mit ihrem Sohn in England, wo sie inzwischen lebte, sich als alleinerziehende Mutter durchschlug und 1950 ihren Erstling „Afrikanische Tragödie“ publizierte. Das Buch ist sowohl ein Schicksalsdrama vor dem Hintergrund einer tödlich scheiternden Liebe zwischen einer weißen Farmersfrau und ihrem schwarzen Diener als auch eine Studie über unüberbrückbare Rassengegensätze. Für viele begründet der Roman den sogenannten „Postkolonialismus“. Wegen ihrer Kritik an der Rassentrennung durfte sie jahrzehntelang nicht nach Rhodesien und Südafrika reisen. Von 1952 bis zum sowjetischen Einmarsch in Ungarn 1956 war sie auch Mitglied der britischen Kommunisten („die neurotischste Handlung meines Lebens“), weil das damals „fast die einzigen Intellektuellen waren“, begründete sie das im SPIEGEL. Später kritisierte sie die Kommunisten als bigott, als „entmenschlicht im Dienste der Menschheit“.

Nach der Bekanntgabe des Nobelpreises. Quelle: https://www.dw.com/image/17233243_401.jpg

Ihr Interesse an Ideologien verlor sie, die nie eine stromlinienförmige Zeitgeistlinke war, in gleichem Maße, wie sie sich zur unberechenbaren, unbequemen und scharfzüngigen Individualistin mit gnostisch-mystischen Interessen entwickelte. Der „Tragödie“ folgte der von Lessings afrikanischen Jahren inspirierte Romanzyklus „Kinder der Gewalt“, eine Art weiblicher Bildungsroman, und „Rückzug in die Unschuld“, der mit kommunistischen Illusionen abrechnete. Sie sollte fast jedes Jahr ein neues Buch vorlegen – über 50 werden es am Ende sein: Romane, Prosabände, später auch Sachliteratur und Lyrik. „Ich schreibe nun mal gern“, erklärte sie 2004 lapidar.

Erster Höhepunkt: „Das goldene Notizbuch“ von 1961. Die brillante, mit avantgardistischen Mitteln und bisweilen hypnotisch fesselnd erzählte Geschichte zweier Frauen, die sich in den Wirren machistisch durchtränkter Machtspielchen der kommunistischen Bewegung auch sexuell zu behaupten versuchen, gilt als „Bibel der Frauenbewegung“ zumindest im angelsächsischen Sprachraum – wurde sie doch rezipiert als identitätsstiftender weiblicher Selbsterfahrungstrip im gerade ausbrechenden Geschlechterkrieg. Das hält die Autorin bis heute für ein Missverständnis. Als Feministin sah sie sich nie, eher als „Botschafterin der Einsamkeit“, als eine, die „wie wenige andere die atemberaubenden Freiheiten und seelischen Verstümmelungen des zwanzigsten Jahrhunderts erkundet hat“, bilanziert Ingeborg Harms in der FAZ geschlechterübergreifend.

„Exposition einer vitalen Schizophrenie“

Dieses Buch machte ihren Namen Ende der sechziger Jahre schließlich auch in Deutschland bekannt. Die Autorin verzichtet auf eine erzwungene Einheit, lässt Träume, Zitate, Zeitungsausschnitte einfließen und teilt den Stoff auf fünf Notizbücher ihrer Protagonistin auf. „Die klassischen weiblichen Rollen, an denen Doris Lessing sich in ihren ersten Büchern abarbeitete, weichen einem Multiperspektivismus und der Exposition einer vitalen Schizophrenie, die politische Interessen, philosophische Ideen und romantische Verwicklungen nicht länger auf einen Nenner zu bringen versucht“, resümiert Harms.

Canopus in Argos. Quelle: http://kipple.dk/wp-content/uploads/2012/04/LESSING1.jpg

Zweiter Höhepunkt: der 1979 begonnene Romanzyklus „Canopus in Argos: Archive“, der sein Handlungszentrum im weit entfernten Planeten Canopus hatte, der Herrschaftszentrale eines künftigen galaktischen Imperiums. Das Schicksal der Erde ist da längst besiegelt, und es ist kein freundliches. Lessing interpretiert vor allem im ersten Band Fakten und Mythen der Erd- und Menschheitsgeschichte wie Sintflut und Eiszeit, Evolution und Religion von einem sufistisch-analytischen Grundansatz, der auch noch stark buddhistisch beeinflusst ist. Demnach sind sinkendes Mitgefühl und steigende Gier sowie der Mangel an Bewusstsein, Teil eines größeren Ganzen zu sein, und die daraus resultierende Beschränktheit des eigenen Standpunktes Ursachen des desaströsen Zustands der Erde, die sich scheinbar unabwendbar auf den eigenen Untergang zubewegt.

Als „Space Fiction“ bezeichnete sie die Pentalogie, die sie für ihr wichtigstes Werk hielt und die in England ein Super-Bestseller war: Auf die jeweils neuste Folge wartete die Lesegemeinde fast so begierig wie auf einen neuen Harry Potter. Sie halte nichts von der Unterscheidung zwischen „seriöser“ und Science-Fiction-Literatur, sagt sie selbstbewusst. „Space- und Science-Fiction bilden den frischesten Zweig der heutigen Literatur“. In der neuen Blüte dieses Genres sieht sie ein Zeichen dafür, dass der menschliche Verstand wieder einmal „zu expandieren gezwungen“ sei: „Diesmal sternenwärts, galaktisch, und wer weiß wohin das nächste Mal“, zitiert sie der SPIEGEL. Zwei Bücher des Zyklus wurden von Philip Glass als Oper adaptiert, wobei Lessing selbst die Bühnenfassungen schrieb.

Endzeitmotive griff Lessing noch häufiger auf. In den „Memoiren einer Überlebenden“ malt sie 1974 eine nahe Zukunft des zivilisatorischen Zerfalls an die Wand. Zeitgenössische Krisenphänomene wie Umweltverpestung und Jugendkriminalität werden in ein Katastrophen-Futur fortgeschrieben: Ende der „Epoche des Überflusses“. In dem Band „Der Mann, der auf und davon ging“ (1979) handelt eine Erzählung von Abgesandten eines anderen Planeten, die die Einwohner einer irdischen Großstadt vor einer kommenden Erdbebenkatastrophe zunächst vergebens zu warnen versuchen.

„Eine Tante als Nobelpreisträgerin“

Lessing ist eine globale Autorin. Die Liste ihrer Themen, die sie oft aus ihrer Biografie schöpfte – die Situation von Frauen, das Elend Afrikas, Kommunismus, Rassismus – lesen sich wie ein Stichwortverzeichnis der Konflikte, die das vergangene Jahrhundert bestimmten und auch teilweise heute nichts von ihrer Brisanz verloren haben. In ihrer ersten Pentalogie „Children of Violence“ (1952-69) schilderte sie die Lebensgeschichte ihres alter ego Martha Quest bis zur Abreise nach England. Zum Liebling der Feministen wurde sie nicht zuletzt durch „Der Sommer vor der Dunkelheit“ 1973, einen Roman, dessen nicht mehr junge Heldin ihre erotischen Wünsche auszuleben gelernt hat. Der Thriller „Das fünfte Kind“ (1988) wählt eine allegorische Form, um in einem Monsterkind die unterdrückten Aggressionen seiner bürgerlich gefesselten Mutter zu studieren.

Werkauswahl. Quelle: http://www.hoffmann-und-campe.de/typo3temp/pics/5644d80569.jpg

Nach der Stationierung der amerikanischen Pershing-Raketen in der Bundesrepublik war sie davon überzeugt, nun komme es zum Atomkrieg, und Deutschland werde dabei vernichtet. Prompt fordert sie ihre deutschen Verwandten auf, die DDR zu verlassen – ihren Neffen Gregor Gysi, den sie selbst als „romantischen Sozialisten“ bezeichnete. Gottfried Lessing war der Bruder von Gysis Mutter Irene, doch die Beziehung der beiden ist eher lose, wie Gysi-Biograph Jens König in der WELT berichtet, gerade auch wegen der Sprachbarriere: „Sie spricht kein Deutsch und er so gut wie kein Englisch.“ Dennoch rief Gysi 2007 stolz in die Mikrofone:

„Eine Tante als Nobelpreisträgerin – mehr geht nicht“.

Oft bearbeitete die „Tante“, die aussah wie eine robuste Farmersfrau, Themen, die erst Jahre danach aktuell wurden. Für ihren Anspruch auf Ganzheitlichkeit, der aus ihren Werken einzeln und insgesamt spricht, ist Doris Lessing oft kritisiert worden: Ihre Literatur verströme einen Humanismus, der etwas altfränkisch Lavendelparfümiertes habe. Mit intellektueller Schärfe und nötigem Sarkasmus schuf sie eine reiche Parallelwelt zum Aktualitätenwahn der Gegenwart.

Ihre Bücher bleiben im Gespräch mit einer literarischen Tradition, die für Jahrhunderte Maßstab des geistigen Lebens war. In den 1990er Jahren zog sie mit den zwei Autobiografie-Bänden „Unter der Haut“ und „Schritte im Schatten“ eine selbstkritische Bilanz ihres Lebens und legte zugleich eine kritische Geschichte des intellektuellen England nach dem Zweiten Weltkrieg vor. In ihrem Reportageband „Rückkehr nach Afrika“ (1992) beschreibt sie diese Rückkehr dann vor allem als Enttäuschung.

„noch kurz vor ihrem Tod erwischen“

Sie hatte viele meist zermürbende Liebschaften, u.a. Ende der 50er Jahre mit dem Schriftsteller Nelson Algren („Der Mann mit dem Goldenen Arm“), dem 10 Jahre zuvor bereits die andere Ikone des Feminismus, Simone de Beauvoir, verfallen war. Das Credo vieler später Texte von Doris Lessing lautet, dass Veränderung beim Individuum beginnt. Das wiederum war eine Lehre, die sie verallgemeinert sehen wollte. Doch nicht alle dieser Bücher sind von literarisch hoher Qualität. Sie hat sich zeitlebens als eine politische Schriftstellerin verstanden, der die Message wichtiger war als der Stil und die aus den Versäumnissen Gleichgesinnter Konsequenzen zog, die sie auch von anderen erwartete.

Lessing im Alter. Quelle: https://images03.oe24.at/lessing_apa_96515a.jpg/bigStory/169.569

Dass sie den Nobelpreis erhielt, hat sie selbst als eine Art späten Witz verstanden, war sie doch als Kandidatin dafür vor allem in den siebziger Jahren gehandelt worden. Sie wusste um die zwiespältige Tradition der höchsten Auszeichnung in ihrem Fach, als sie spottete, man habe sie mit dem Nobelpreis wohl noch kurz vor ihrem Tod erwischen wollen. Ihre Dankensrede war ein Plädoyer für Literatur als Lebens- und Herzensbildung – und eine Verdammung des Internets. Immerhin wurde sofort danach mit der Publikation einer deutschen Werkausgabe begonnen. Die Auszeichnung als „Dame of the British Empire“ lehnte sie ab und starb am 17. November 2013 in London.

Seine rhetorischen Entgleisungen waren legendär, vor allem die beim 44. Liebesmahl des Ostasiatischen Vereins im Hamburger Atlantic-Hotel am 13. März 1964. „Herr Schah, Sie verstehen nichts von Wirtschaft“, verlautbarte er da in Richtung Iran, oder „Indonesien besteht aus Inseln, die liegen teils nördlich, teils südlich vom Äquator, und dazwischen ist eine Menge Wasser“, erteilte er Geographie-Unterricht. Seine legendärste, die Anrede „Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger!“ bei einem Staatsbesuch in Liberia, war dagegen eine Erfindung des SPIEGEL. Die Rede ist von Bundespräsident Heinrich Lübke, der 14. Oktober 1894 im sauerländischen Enkhausen geboren wurde.

Belegt ist, dass Lübke in Tananarive, der Hauptstadt Madagaskars, den Präsidenten Philibert Tsiranana und seine Frau Justine mit den Worten „Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Frau Tananarive“ grüßte. Die echten und vermeintlichen Fehlleistungen begeisterten die deutsche Kabarett-Szene. Aufgrund des dem Bundespräsidenten entgegenschlagenden Spotts entschied der Bayerische Rundfunk, die Vorstellungen der Münchner Lach- und Schießgesellschaft nicht weiterhin live zu übertragen. Ausschnitte von Lübke-Reden wurden von der Zeitschrift „pardon“ auf der erfolgreichen Langspielplatte „Heinrich Lübke redet für Deutschland“ verarbeitet.

Lübke im Arbeitszimmer. Quelle: http://www.bundespraesident.de/DE/Die-Bundespraesidenten/Heinrich-Luebke/heinrich-luebke-node.html#-gallery

Dass er gern von den für ihn vorbereiteten Manuskripten abwich und improvisierte, war sowohl bekannt als auch Kündigungsgrund für manche Redenschreiber. An die Presse verteilt wurden immer nur die Textentwürfe, nie die tatsächlich gehaltenen Reden. Als weiterer Grund aber ist heute auch seine Krankheit anerkannt: Lübke litt schon seit den frühen 1960er Jahren an schweren Durchblutungsstörungen des Gehirns, die auf Arterienverkalkung beruhten und immer unerbittlicher voran schritten. Am Ende seiner Präsidentschaft war Heinrich Lübke ein schwer kranker Mann.

„Verantwortung für andere tragen“

Der Sohn eines Schumachers, der sich nebenberuflich landwirtschaftlich betätigte, war das zweitjüngste von acht Geschwistern – „kleine Verhältnisse“, auf die Lübke zeitlebens rekurrierte. In der Schule half ihm der katholische Ortsgeistliche. Sein Abitur 1913 am Gymnasium Petrinum in Brilon ließ keine sonderlichen Begabungen erkennen – „genügend“ hieß es in den meisten Fächern. Er begann ein Studium der Geodäsie, Landwirtschaft und Kulturbautechnik an der Landwirtschaftlichen Akademie in Bonn und meldete sich im August 1914 als Kriegsfreiwilliger.

Überliefert ist, dass er keiner Gefahr aus dem Weg ging, was seine Kameraden beeindruckte, und mit einer Gasvergiftung im Lazarett lag. Ausgezeichnet mit dem EK I und II, war sein letzter Dienstgrad 1918 Leutnant der Reserve. Er war Zeuge des Sterbens bei Langemarck und sagte später, er habe gelernt, „Verantwortung für Leben und Gesundheit anderer zu tragen“. Seine Treffen mit den alten Kameraden schilderte er als fröhliche Veranstaltungen.

Nach Kriegsende nahm er sein Studium wieder auf, beendete es 1921 als Vermessungs- und Kulturingenieur und begann im selben Jahr Nationalökonomie in Münster und Berlin zu studieren. Seit 1923 war Lübke in Berlin im kleinbäuerlichen Organisations- und Siedlungswesen tätig und 1925 an der Gründung des Reichsverbandes landwirtschaftlicher Klein- und Mittelbetriebe beteiligt, den er als Geschäftsführer betreute. Daraus entstand, durch Zusammenschluss mit einer Reihe anderer mittelbäuerlicher Verbände, 1927 die Deutsche Bauernschaft. Neben deren Geschäftsführung leitete Lübke die im selben Jahr gegründete Siedlungsgesellschaft Bauernland. Durch weitere Mitgliedschaften in Vorständen und Aufsichtsräten landwirtschaftlicher Organisationen und Kreditinstitute wurde der vielbeschäftigte Verbandspolitiker zu einem erfolgreichen Agrar- und Siedlungsexperten. Die großbäuerlichen Interessenvertreter bekämpften ihn als „Bodenreformer“ und „roten Lübke“.

Ehepaar Lübke. Quelle: http://www.bundespraesident.de/DE/Die-Bundespraesidenten/Heinrich-Luebke/heinrich-luebke-node.html#-gallery

1929 heiratete er die Lehrerin Wilhelmine Keuthen, die Ehe blieb kinderlos. Im April 1932 in den Preußischen Landtag gewählt (Zentrum), und am 5. März 1933 wiedergewählt, verlor Lübke nach Hitlers Machtübernahme alle Ämter und wurde 1934 unter dem Vorwand der „Korruption“ verhaftet. Nach 20 Monaten kommt er frei und erholt sich, zunächst arbeitslos, bei Flensburg auf dem Bauernhof seines älteren Bruders Friedrich Wilhelm Lübke, des späteren Ministerpräsidenten Schleswig-Holsteins. Nach Wehrübungen zum Hauptmann d.R. befördert, wurde er nicht zum Kriegsdienst einberufen, sondern dienstverpflichtet und als Vermessungsingenieur dem Ingenieurbüro Walter Schlempp in Berlin zugewiesen.

Das unterstand als Baugruppe der Verfügung des Generalbauinspektors für die Reichshauptstadt Albert Speer, war mit dem Bau von zivilen und militärischen Anlagen in Peenemünde, später in Sachsen-Anhalt beschäftigt und errichtete auch Unterkünfte für ausländische Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge. Lübkes Unterschrift findet sich nicht nur unter Papieren, die ihn als Leiter der Baugruppe Schlempp ausweisen, der in eigener Regie ein KZ-Häftlings-Kommando dirigierte, sondern auch unter Bauzeichnungen eines Lagers – ein weiterer Grund für die vorzeitige Aufgabe seines Amts. Heute weiß man, dass die entsprechenden Pausen für jede Art von Baracke geeignet gewesen wären.

„Sie sind ganz einfach kleinkariert“

Seit 1945 CDU-Mitglied und bis 1946 mit einem eigenen Baubüro in Höxter selbständig, gehörte er von Anbeginn dem Landtag von Nordrhein-Westfalen an und amtierte als Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Von 1949 bis 1959 war er mit einer Unterbrechung CDU-Bundestagsabgeordneter und wurde am 20. Oktober 1953 als Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in die Adenauer-Regierung berufen.

Auf der Grundlage jährlich entwickelter „Grüner Pläne“ gelang es ihm seit 1955, die Landwirtschaft zu modernisieren und ihren strukturellen Anpassungsprozess ohne soziale Erschütterungen vorzunehmen. Sein Mitarbeiterstab beschrieb ihn als tüchtigen Experten, gründlich, gewissenhaft, korrekt, allerdings ohne jegliches rhetorisches Talent. Wo andere unterhielten, da wollte Lübke belehren, was eine Datenflut nach sich zog, die kein Zuhörer nachvollziehen konnte.

Lübke mit Queen Elisabeth II. Quelle: http://www.bundespraesident.de/DE/Die-Bundespraesidenten/Heinrich-Luebke/heinrich-luebke-node.html#-gallery

Nach dem überraschenden Rückzug Adenauers von der Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten Anfang Juni 1959 wurde Lübke am 15. Juni in Bonn als „Ersatzmann“ der Unionsparteien nominiert und am 1. Juli 1959 als Nachfolger von Theodor Heuss gewählt. Er setzte sich im zweiten Wahlgang gegen Carlo Schmid von der SPD und Max Becker von der FDP durch.

Die Presse verfuhr ungnädig mit ihm, lobte allerdings seine Frau Wilhelmine dafür, dass sie sechs Fremdsprachen beherrschte, und ein Staatssekretär namens Sonnemann gab zu Protokoll, Lübke sei doch eine gute Wahl für Frauen, „weil er in einer unauffälligen Eleganz immer wie aus dem Ei gepellt“ daherkomme. Er war bis zur Wahl von Christian Wulff 2010 der einzige römisch-katholische Bundespräsident.

„Viel intellektuell Neues präsentierte er nicht, er war stramm antikommunistisch, als alter Reserveoffizier nah bei der Bundeswehr und mochte die Oder-Neiße-Grenze nicht anerkennen“, bilanzierte Philip Cassier in der WELT. Lübke glaubte unbeirrbar an die Wiedervereinigung des getrennten Deutschland. 1963 proklamierte er den 17. Juni, den „Tag der deutschen Einheit“, zum „Nationalen Gedenktag des deutschen Volkes“.

Zudem verstand er sich in der Rolle des „nationalen Hüters historischer Bildung“. Er gehörte zu den Bundespräsidenten, die nicht alle Gesetze des Bundestags unterzeichneten, so das Gesetz gegen den Betriebs- und Belegschaftshandel, da es seiner Ansicht nach gegen die im Grundgesetz garantierte Freiheit der Berufswahl und der Berufsausbildung verstoße.

Lübke machte von Anfang an die Entwicklungshilfe zu einem Hauptanliegen seiner Präsidentschaft. Schon in seiner Antrittsrede von 1959 konstatierte er die dringende Notwendigkeit internationaler Hilfe und Verantwortlichkeit in Anbetracht weltweiten Hungers. 1962 initiierte er die Gründung der Welthungerhilfe als erster deutscher konfessionell nicht gebundener Entwicklungshilfeorganisation.  

Den Kampf gegen „Hunger, Krankheit und Unwissenheit“ sah er als größte Herausforderung überhaupt an. So bereiste er 37-mal das Ausland, Afrika zumal, war da aber gezwungen, Englisch zu sprechen, was furchtbar schiefging, und wurde den Habitus des weißen Mannes, der armen Schwarzen milde Gaben zukommen ließ, nie ganz los. In Niamey, der Hauptstadt des Niger, ist eine Hauptstraße nach ihm benannt.

Lübke mit de Gaulle und Adenauer. Quelle: Quelle: http://www.bundespraesident.de/DE/Die-Bundespraesidenten/Heinrich-Luebke/heinrich-luebke-node.html#-gallery

Seine Wiederwahl war wegen seines Gesundheitszustands, der inzwischen auffällig und selbst in der CDU diskutiert wurde, umstritten. 1968 begann seine Demontage.  Schon 1964 und 1966 hatte der oberste SED-Propagandist Albert Norden versucht, eine öffentliche Kampagne gegen Lübke vom Zaun zu brechen mit Vorwürfen, der Bundespräsident sei im Zweiten Weltkrieg ein Günstling der Gestapo gewesen und habe an der Errichtung von KZ mitgewirkt. Die Lage änderte sich erst, als die auflagenstärkste Illustrierte Europas Stern Anfang 1968 ein „Gutachten“ eines US-Schriftexperten veröffentlichte, der einige stasiverfälschte Dokumente für echt erklärte.

Stern-Chef Henri Nannen ließ nun eine Reihe von Artikeln und selbst verfasste Editorials folgen, in denen er die Tonlage verschärfte, und bemitleidete den Bundespräsidenten schließlich für die „bedauernswerte Figur, die Sie in Ihrem Amt bieten. Sie sind ganz einfach kleinkariert.“ Die Süddeutsche diagnostizierte der Bundesrepublik ein „Leiden an Lübke“, die Neue Rhein-Zeitung legte ihm den Rücktritt nahe. Der SPIEGEL attackierte Lübke nicht ganz so scharf, doch auch Rudolf Augstein konstatierte auf seiner Titelseite die „Präsidenten-Krise“ und zeigte bitter-böse Lübke-Karikaturen.

Schließlich entschied sich Lübke für eine Fernsehansprache – und tat sich damit als ungelenker Redner keinen Gefallen, so dass seine Argumentation in der Öffentlichkeit als teilweises Schuldeingeständnis ankam. Ende März 1968 versetzte ein SPD-Bundestagsabgeordneter dem Präsidenten den finalen Schlag: Franz Marx weigerte sich, das ihm verliehene Bundesverdienstkreuz anzunehmen. Er hatte im Dritten Reich im KZ Dachau gelitten und gab als Begründung für das Ausschlagen des Ordens an, Lübkes „Beteiligung an KZ-Bauten“ sei nicht geklärt.

„redlich und gewissenhaft“

Mit der Begründung, das Amt aus dem bevorstehenden Bundestagswahlkampf herauszuhalten, kündigte Lübke am 14. Oktober 1968 seinen Amtsverzicht zum 30. Juni 1969 an, sodass die Wahl eines Nachfolgers zweieinhalb Monate früher als turnusmäßig erforderlich bereits im März 1969 stattfinden konnte. Er wich dem Sozialdemokraten Gustav Heinemann, die Große Koalition unter Kanzler Kurt-Georg Kiesinger wich dann dem sozialliberalen Bündnis unter Willy Brandt.

Lübke mit Brandt und Wehner. Quelle: http://www.bundespraesident.de/DE/Die-Bundespraesidenten/Heinrich-Luebke/heinrich-luebke-node.html#-gallery

Heinrich Lübke hat zweimal eine Genehmigung zur Strafverfolgung wegen Verunglimpfung des Bundespräsidenten erteilt. Ein 45jähriger Redner der „Deutschen Reichspartei“ hatte 1960 vor fünfzig Zuhörern erklärt, der Bundespräsident sei gewählt worden „wie der Vorsitzende eines Kaninchenzucht-Vereins“, und die rhetorische Frage angeschlossen, welcher Charakter dazu gehöre, ein derart entwertetes Amt anzunehmen. Die Strafkammer Dortmund sprach den Angeklagten frei. Der Bundesgerichtshof hat das Urteil aufgehoben, weil Kritik zwar hart sein dürfe, aber vor herabsetzenden Äußerungen über den Bundespräsidenten haltzumachen habe. Im zweiten Fall, gegen den Simplicissimus wegen einer Lübke-Karikatur mit Ulbricht-Spitzbart, lehnte das zuständige Landgericht München die Eröffnung des Verfahrens ab.

Ihm verblieb keine Aufgabe, und neue Pflichten konnte er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr übernehmen. Seine Parteifreunde ignorierten ihn, wenn sie ihn nicht gar mieden; Heinemann hielt jedoch Kontakt zu ihm. Neben der fortschreitenden Zerebralsklerose wurde 1972 auch ein weit fortgeschrittener Magenkrebs festgestellt. Am 6. April 1972 starb Lübke im Alter von 77 Jahren in Bonn und wurde in seinem Heimatdorf begraben. Seine Frau überlebte ihn um neun Jahre.

Lübke habe andere Bevölkerungskreise als sein Amtsvorgänger Heuss angesprochen und das Amt des Staatsoberhaupts „redlich und gewissenhaft, aber ohne Glanz und Ausstrahlung“ geführt, meint sein Biograph Rudolf Morsey, der den Begriff des „vergessenen Präsidenten“ prägte. Die „Modernität“ des mehrfachen Ehrenbürgers und Ehrendoktors sei erst im Nachhinein deutlich geworden. Dazu gehörten seine hohe Einschätzung der Wissenschaft und sein frühes Eintreten zugunsten von Umweltschutz und Entwicklungshilfe, aber auch sein Bekenntnis zum „einfachen Leben“ in überschaubaren Verhältnissen. Das Gerücht, Lübke sei ein „KZ-Baumeister“ gewesen, hält sich dank der einst massiven SED-Propaganda zum Teil bis heute.

https://www.tumult-magazine.net/post/thomas-hartung-erodierende-streitkultur

Einst war die Universität als akademischer Ort ein Raum, in dem es nicht nur darum geht, was gedacht wird, sondern auch wie, kritisch nämlich; ein Raum, in dem grundsätzlich jede Position verhandelt werden kann. Dazu gehört auch, eigene Überzeugungen immer wieder herauszufordern, zu hinterfragen, Reibungen und Dissens zuzulassen. Das ist offenkundig vorbei.

Wie die meisten wissen, habe ich bei „Tumult“ inzwischen eine eigene Kolumne, in der ich mich aktuell über die immer weiter fortschreitende akademische Einengung der Lehr- und Redefreiheit ausgelassen habe. Darf gern weiter verbreitet werden.

Kein anderes Land in Europa hat im 17. Jahrhundert eine so lang andauernde wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit durchlebt wie die Niederlande. In rund einhundert Jahren arbeiteten hier mehr als 700 Maler, die – inspiriert vom Alltag und von Seemännern mitgebrachten Exotika aus aller Welt – mehr Gemälde fertigstellten als im Italien der Renaissance und in Frankreich zur Zeit des Impressionismus. Rembrandt Harmenszoon van Rjin ist der wohl bedeutendste Vertreter dieses „Goldenen Zeitalters“. Am 4. Oktober vor 350 Jahren starb er in Amsterdam – das Land hat 2019 aus diesem Anlass kurzerhand zum Rembrandt-Jahr erklärt.

Geboren am 15. Juli 1606 in Leiden als achtes von neun Kindern eines Müllers und einer Bäckerstochter, besuchte er erst vier Jahre die Grundschule und dann weitere vier die calvinistische Lateinschule, wo er u.a. in Biblischer Geschichte unterrichtet wurde. Für das Studium der Philosophie in seiner Heimatstadt hat er sich vermutlich nur eingeschrieben, um wie alle Studenten steuerfrei Bier verköstigen zu dürfen, vermuten manche Biographen. Denn seine wahre Leidenschaft gilt schon damals der Malerei. Von 1620 bis 1624 war er Schüler von Swanenburgh, im Anschluss volontierte er bei dem Historienmaler Pieter Lastman. 1625 eröffnete er mit seinem Freund Jan Lievens in Leiden eine eigene Werkstatt und begann drei Jahre später, Schüler aufzunehmen. Erste Erfolge stellen sich auf Vermittlung des Diplomaten Constantijn Huygens ein: Er kann zwei Bilder nach England verkaufen.

Selbstbildnis mit 63. Quelle: artinwords.de

1631 verlässt er seine Heimat und kauft sich beim Amsterdamer Kunsthändler Hendrik Uylenburgh ein. Amsterdam ist im 17.Jahrhundert die Handels- und Finanzmetropole Europas: Uylenburgh kennt den Markt und besorgt ihm Aufträge. Die wohlhabenden Kaufleute der Stadt lassen sich ein Porträt aus der Hand Rembrandts einiges kosten, erzählt die Amsterdamer Kunsthistorikerin Bregtje Viergever im DLF. „Da haben die Leute bis zu 500 Gulden pro Stück für bezahlt. Das war sehr viel. Gute Handwerker verdienten damals 200 Gulden im Jahr. Und eigentlich hatte Rembrandt gar keinen Spaß daran, das zu machen. Das war nicht das, was er wollte.“ 1632 wird sein bislang erfolgreichstes Jahr: Er stellte 30 Gemälde fertig, darunter „Die Anatomie des Dr. Tulp“.

Nach seiner Heirat mit Uylenburghs Nichte Saskia 1634 kauft Rembrandt 1639 in der Breestraat ein repräsentatives Stadthaus, das bis heute als Rembrandthuis zu besichtigen ist. Fortan hat er es nicht mehr nötig, vermögende Amsterdamer zu porträtieren. Er widmet sich endlich den Motiven, die er malen möchte: das sind dramatische Historienbilder, Bibelszenen und Alltagsdarstellungen. Doch das Schicksal meint es keinesfalls nur gut mit ihm. Drei der vier Kinder, die Saskia zur Welt bringt, sterben schon als Säuglinge. Nur Sohn Titus überlebt. Nach dem plötzlichen Tod Saskias 1642 kümmert sich die Haushälterin Geertje Dircx um Titus und um den jungen Witwer.

„die vernünftige Ausbildung in den Akademien bekämpft“

Seine Produktivität lässt nach dem Tod seiner geliebten Frau deutlich nach, er identifizierte sich stark mit seiner Vaterrolle, kümmerte sich in besonderem Maße um seinen Sohn und griff seine familiäre Situation auch in Kunstwerken auf. Trotz der guten Auftragslage, den Erlösen aus dem Verkauf von Radierungen und den Honoraren aus seiner Lehrtätigkeit konnte er seine Schulden nicht abtragen und musste sich weiterhin Geld leihen. Zwar hatte er in dem Dienstmädchen Hendrikje Stoffels eine neue Liebe und Muse gefunden, doch die wurde 1654 vor den Amsterdamer Kirchenrat geladen, der sie wegen unzüchtigen Zusammenlebens mit Rembrandt rügte. Sie gebar die Tochter Cornelia.

Bildnis von Mutter und Tochter. Quelle: twitter

Da ihm Geertje bei der Beziehung zu Hendrickje im Weg stand, lässt er sie auf juristisch fragwürdige Weise in eine Besserungsanstalt in Gouda stecken. Er wird mitunter als unangenehmer Mensch empfunden, als Egoist, Streithammel, ja richtiger Stinkstiefel: beleidigend, verletzend, unnachgiebig. 25 Rechtsstreitigkeiten hat er in seinem Leben geführt, von vielen Amsterdamern wurde er für seine Starrköpfigkeit und Unverschämtheit verachtet. Der so einfühlsame Bilder malen konnte, war auch ein skrupelloser Mensch, der nur für seine Kunst lebte und mit der Bewältigung des Alltags oft überfordert war, so sein Biograph Christoph Driessen.

Kurz bevor er 1656 für zahlungsunfähig erklärt wurde, überschrieb Rembrandt sein Haus auf seinen Sohn Titus. Als mit dem Erlös aus der Versteigerung seines Hauses und seiner Sammlung die Schulden nicht vollständig beglichen werden konnten, musste der Meister in ein sozial schwaches Viertel umziehen und führte dort ein abgeschiedenes Leben. Vier Jahre später stellten ihn Titus und Hendrickje in ihrer Kunsthandlung an, wodurch er Geschäftskontakte aufrecht halten, Aufträge annehmen und Schüler unterrichteten konnte. 1663 verstarb Hendrickje, 1668 Titus, kurz nachdem er geheiratet hatte. Rembrandt zog zu seiner schwangeren Schwiegertochter. Sie gebar ihm seinen Enkel, dem er im März 1669 Pate wurde.

Ein halbes Jahr später stirbt er krank und mittellos. Da war seine Kunst schon aus der inzwischen klassizistisch geprägten Mode: Zu dunkel, zu realistisch, zu hässlich. Doch Kompromisse hätte der eigensinnige und rebellische Meister nie gemacht. In der 1675 erschienen „Teutschen Akademie“ warf ihm der deutsche Maler Joachim von Sandrart vor, „die Regeln der Kunst – Anatomie, Proportion, Perspektive, die Norm der Antike und die Zeichenkunst Raffaels – nicht beachtet und die vernünftige Ausbildung in den Akademien bekämpft“ zu haben.

Das berühmteste Bild der Niederlande: „Die Nachtwache“ (1642). Quelle: dw.com

Der Kunstschriftsteller Arnold Houbraken ging in „Groote Schouburgh“ 1718 noch weiter, indem er angebliche Zitate Rembrandts und unzutreffende biographische Informationen erfand sowie Legenden verbreitete. Zu diesem Zeitpunkt waren die Fakten über Rembrandts Leben zu großen Teilen in Vergessenheit geraten. Deshalb schloss man aus seinen Bildern auf einen niedrigen sozialen Stand und einen schlechten Charakter. Dies wurde auf seine künstlerische Auffassung übertragen.

Als sich aber die Flamen und Wallonen 1830 abgespaltet hatten, zu einem eigenen Staat namens Belgien wurden und Rubens als Nationalmaler behielten, besannen sich die Niederländer, entdeckten Rembrandt wieder und enthüllten 1853 ein Denkmal für ihn in Amsterdam. Seither gilt er als künstlerisches Nationalheiligtum.

 „Ausgezeichnet fotografiert und gespielt“

Rembrandt wurde in mehreren Romanen und Filmen gewürdigt, unter anderem von Charles Laughton und Klaus Maria Brandauer verkörpert. 1942 filmt Hans Steinhoff für die „Terra“ in Anlehnung an den Roman „Zwischen Hell und Dunkel“ von Valerian Tornius „Ewiger Rembrandt“ mit Ewald Balser in der Titelrolle. Darin wurde die Entstehung des Gemäldes „Die Nachtwache“ erzählt, von Richard Angst („Die Geierwally“) gedreht und von Walter Röhrig ausgestattet, der schon für „Das Kabinett des Dr. Caligari“ verantwortlich zeichnete. Damals mit dem Prädikat „künstlerisch wertvoll“ versehen, erkennt das „Lexikon des internationalen Films“ 2017 zwar „Einflüsse der nationalsozialistischen Kulturlenkung“, muss aber selbst mit 75 Jahren Abstand zugeben: „Ausgezeichnet fotografiert und gespielt“.

Brandauer als Rembrandt. Quelle: imdb.com

„Rembrandts Motive des Alltags, der präzise Einsatz von Licht und Schatten und die Vielfalt seiner Selbstporträts haben ihn zum Geschichtenerzähler und Vermittler des Humanismus gemacht“, so Moritz Gauditz im DLF. Er war auch ein Chronist seiner Zeit, sagt der Amsterdamer Konservator Erik Hinterding RTL, „Schnappschüsse wie heute auf Instagram“, lacht er und spricht gar von über 80 „Selfies“. Schönheit interessierte den Maler nicht, sondern die Wirklichkeit. Gerade das Unvollkommene faszinierte ihn, Spuren in Gesichtern und auf Körpern. Malte er eine nackte junge Frau, dann zeigte er auch noch die Abdrücke ihrer Strümpfe an den Waden.

Seit 1968 nimmt eine im Rembrandt Research Project zusammengefasste Expertengruppe die Bewertung der Bilder vor, die ihm zugeschrieben werden: Mit technische Hilfsmitteln wie Farbanalysen, Röntgenverfahren und einer dendrochronologische Datenbank mit allen Eichenholzbrettern, auf denen Rembrandt gemalt hat. Heute gilt er als Urheber von rund 350 Gemälden, 300 Radierungen und 1000 Zeichnungen; letztere waren vor allem Etüden für seine ca. 50 Schüler, von denen einige nach dem Ende ihrer Lehrzeit als Assistenten in Rembrandts Werkstatt blieben und viele Werke gestalteten, die eigentlich ihm zugeschrieben wurden. Gerard Douw als Begründer der Leidener Feinmalerei wurde von seinen Eleven am bedeutendsten.

Versteigerung in London. Quelle: Göttinger Tageblatt

Das bei Christie’s in London versteigerte Porträt „Ein Mann mit den Armen in der Hüfte“ von 1658 erzielte 2009 mit über 33 Millionen Dollar den bisher höchsten jemals für ein Werk Rembrandts gezahlten Preis. Im Juli diesen Jahres begann das Rijksmuseum Amsterdam in einem international bislang einmaligen Schritt die Weltöffentlichkeit live an der Restaurierung der „Nachtwache“ teilhaben zu lassen: In Echtzeit im Internet.

„Ich brech‘ die Herzen der stolzesten Frau‘n, weil ich so stürmisch und so leidenschaftlich bin…“ So ironisch kann sich nur besingen, wer seine Rolle gefunden hat. Seine Rolle war: er selbst. Ein kleiner Mann, der seinem physiognomischen oder sozialen Schicksal mindestens einen Moment der Würde abtrotzte und manchmal auch das Glück, selbst wenn es nur ein kleines war. Als er am 3. Oktober 1994 starb, war er über 60 Jahre lang ein Liebling der Deutschen geblieben: als Lausejunge, Mustergatte, Biedermann mit durchaus autoritären Zügen, braver Sünder – und Clown.

Geboren am 7. März 1902 in Wanne, hatte er schon im Alter von ungefähr fünf Jahren seine ersten Auftritte, die er selbst als Urszenen seiner Karriere bezeichnete: Vater Hermann, Betreiber der Bahnhofsgaststätte, holte zum Amüsement seiner Stammgäste seinen Sohn regelmäßig abends aus dem Bett, um ihn auf der Theke Gedichte rezitieren zu lassen. Heinz spielte seine Rolle und genoss den Applaus seines Publikums. Auch die Küche der Mutter war legendär: „Es gehörte zum guten Ton der Wanner Bürger, Samstagabends oder Sonntagmittags zu den Rühmanns in die Gaststätte zu gehen und dort sein Essen einzunehmen“, erzählt Wanne-Eickels Stadtarchivar Jürgen Hagen im DLF.

Als „Pfeiffer mit 3 f“ in seiner Paraderolle. Quelle: rbb-online

Schließlich entdeckt er die Leidenschaft, die ihn 30 Jahre später zum Publikumsliebling im Kino machte: Den Flugplatz Wanne-Herten, zu Pfingsten 1912 eingeweiht. In seinen Erinnerungen meinte er: „Ich bin immer glücklich gewesen, wenn ich bei Mechanikern und Piloten sein durfte, wenn sie an etwas herumbastelten. Es roch so schön nach Öl und Benzin“. Später machte er selbst den Flugschein und übernahm bei den Dreharbeiten zu „Quax der Bruchpilot“ sogar die spektakulären Kunstflugszenen. Präzision wird zeitlebens seine Arbeitsweise prägen: „Wer beim Fliegen einen Fehler macht, der stürzt ab. Das hat er auf seine Rollen übertragen. Hoch fliegen darf nur, wer gut vorbereitet ist“, meint Produzentin Katharina Trebitsch in der Hörzu.

Prototyp des schüchtern-lausbübischen Kleinbürgers

Im Jahr darauf endete die Idylle. Familie Rühmann zog nach Essen, weil der als großspurig beschriebene Vater Chef des mondänen „Hotel Handelshof“ wurde. Doch er übernahm sich finanziell, musste Insolvenz anmelden und beging, als darüber die Ehe zerbrach, 1915 in Berlin Selbstmord. Die Mutter musste jetzt mit einer knappen Witwenrente auskommen und zog mit den drei Kindern nach München. Rühmann verlässt nach der Mittleren Reife die Luitpold-Oberrealschule, nimmt Schauspielunterricht bei Hofschauspieler Friedrich Basil und wird anschließend von Richard Gortner für 80 Mark Monatsgage nach Breslau verpflichtet, wo er 1920 in „Rose Bernd“ von Gerhart Hauptmann und „Die Büchse der Pandora“ von Frank Wedekind zu sehen ist.

Nach einer Odyssee über Hannover, Bremen, Braunschweig, Düsseldorf und die Bayerische Landesbühne landete er bei den Münchner Kammerspielen. Er galt lange als zu klein, zu jungenhaft, um Heldenrollen zu übernehmen. Durch Zufall entdeckt er 1922 im Residenztheater Hannover sein komisches Talent: Weil er „nur“ einen Oberkellner spielt, latscht er schlecht gelaunt über die Bühne – und erhält dafür Szenenapplaus. In Bremen findet er im Schwank „Der Mustergatte“ eine der Rollen seines Lebens – über 2000-mal sollte er sie spielen. Und an der Bayrischen Landesbühne trifft er die erste Liebe seines Lebens: Maria Bernheim, über vier Jahre älter und gut zehn Zentimeter größer als Rühmann, wurde, wie er es selbst nannte, seine „Privatregisseurin“ und 1924 seine Frau.

Der Pilot als Bruchpilot. Quelle: ln-online.de

Parallel dazu bekam er sein erstes Filmangebot: Für den Stummfilm „Das deutsche Mutterherz“. Obwohl anfangs nicht sehr begeistert von den laufenden Bildern, überzeugten ihn die 500 Mark Gage für zehn Drehtage. 1927 geht er zu Max Reinhardt ans Deutsche Theater in Berlin und reift zum erfolgreichen Bühnenschauspieler. Nachdem den Ufa-Produktionschef Erich Pommer ein erstes Vorsprechen für einen Tonfilm noch nicht überzeugte, nutzte er seine zweite Chance und wurde mit der Rolle des „Hans“ in der Filmoperette „Die drei von der Tankstelle“ besetzt. Mit einer Einspielsumme von 4,3 Millionen Reichsmark wurde der Streifen zum erfolgreichsten Film des Jahres 1930.

Mit darauf folgenden Produktionen wie „Einbrecher“, „Bomben auf Monte Carlo“ oder „Der Mann, der seinen Mörder sucht“ wird er trotz modulationsarmer, abgehackter Sprechweise neben Hans Albers zum beliebtesten und bestbezahlten deutschen Filmschauspieler. Als Prototyp des schüchtern-lausbübischen Kleinbürgers, der es durch naive Pfiffigkeit und Frechheiten zu etwas bringt, spielt er in zahlreichen Komödien und Tragikomödien jene leisen und selten wagemutigen Figuren, mit denen sich die Mehrzahl der Zuschauer offenbar identifizieren kann. Wirtschaftlich so abgesichert, erfüllte sich Rühmann seinen Jugendtraum vom Pilotenschein, kaufte sich ein eigenes Flugzeug und wurde zum Fan von Luftkampflegende Ernst Udet. 1932 schloss die Ufa einen Dauervertrag mit ihm.

„Ich wurde gebraucht“

Das Jahr 1933 sieht ihn in einer so gefestigten Position, dass er als „unersetzbar“ gilt: für Kriegsdienste u.k. (unabkömmlich) gestellt, steht er ab 1944 gar auf der legendären „Gottbegnadeten-Liste“ der Nazis. Während viele seiner Kollegen das Land verlassen, baut er, der sich als strikt neutral und unpolitisch versteht, seine Karriere aus. „Ich wurde gebraucht“, rechtfertigt Rühmann später sein Verhalten. „Man sah von hoher Stelle ein, dass ein gewisser Humor unter die Menschen getragen werden muss.“ „Er mogelte sich durch, er lavierte und war deshalb schwer einzuordnen“, betont Biograf Torsten Kröner. Rühmann kam wie viele Prominente des Dritten Reiches in den Genuss von teilweise jährlichen Sonderzahlungen aus einem Geheimfonds Hitlers in Höhe von bis zu 60.000 Reichsmark.

Rühmann mit seiner zweiten Frau Hertha Feiler

Als sich seine jüdische Frau als Karrierekiller zu entpuppen droht und er vor der Wahl „Karriere oder Emigration“ steht, handelt er pragmatisch, nachdem er vier Jahre die Entscheidung vor sich her schob, und stimmt einer Scheidung zu. Gleichzeitig organisiert er die Wiederverheiratung seiner Ex-Frau mit einem schwedischen Kollegen, der ihr so die Emigration nach Schweden ermöglicht. Dabei besteht die Ehe längst nur noch auf dem Papier: Seit 1935 ist Rühmann mit einer Kollegin, der Schauspielerin Leny Marenbach, liiert. Als „Freikauf“ sehen es viele bis heute, auch der jüdische Film-Produzent Arthur Brauner, für den Rühmann ein „charakterlich schwacher Mann“ bleibt.

Im Scheidungsjahr 1938 lernte Rühmann bei Dreharbeiten die Wiener Schauspielerin Hertha Feiler kennen, nach den Nürnberger Rassegesetzen eine „Vierteljüdin“, die er 1939 heiratete. In diesem Jahr wurde er auch wieder in die Reichsfilmkammer aufgenommen. 1942 kam als einziges Kind der Ehe der Sohn Peter auf die Welt. Noch in den späten Kriegsjahren dreht er einen Film nach dem anderen, zuletzt den unsterblichen Pennälerklamauk „Die Feuerzangenbowle“ – eine einzige Heile-Welt-Gaukelei, aber ein filmischer Geniestreich.

Als Reichserziehungsminister Bernhard Rust die Freigabe des Streifens verhindern wollte, weil der Film die Autorität der Schule und der Lehrer geradezu gefährden würde, fährt Rühmann persönlich zu Reichsmarschall Hermann Göring ins Führerhauptquartier. Göring sah den Film im Kreise seines Stabes, ergötzte sich köstlich und bejahte die Frage Hitlers, ob der Film zum Lachen sei. „Dann ist dieser Film sofort für das deutsche Volk freizugeben“, dekretiert der prompt. Joseph Goebbels notiert am 25. Januar 1944 in sein Tagebuch: „Der neue Rühmann-Film ‚Feuerzangenbowle‘ soll unbedingt aufgeführt werden. Der Führer gibt mir den Auftrag, mich nicht durch Einsprüche von Lehrerseite oder von Seiten des Erziehungsministeriums einschüchtern zu lassen.“ Einige Oberprimaner-Statisten erlebten die Premiere des Films schon nicht mehr.

Rühmann als „Charleys Tante“. Quelle: cinema.de

„Sein Anteil am großen Nazi-Verbrechen war die Arbeit für die Ufa-Unterhaltungsmaschine, die explizit das Politische gerade vermied“, dekretiert Beatrix Novy im DLF. Rühmann sei ein „durch und durch deutscher Schauspieler“ mit „vielen Masken“ gewesen, schreibt der Filmregisseur und Freund der Rühmann-Familie Michael Verhoeven; ein unpolitischer Künstler, was ihm manchmal „den vernichtenden Vorwurf des Opportunismus“ eingebracht habe. „Künstler, die das System nicht bekämpft haben, haben das System bestärkt. Auch mit harmlosesten Komödien. Und auch, wenn sie glaubten, mit Harmlosigkeiten dem System zu entgehen.“ In Rühmann könne man sein Publikum wieder erkennen.

„Mit Rühmann oder gar nicht“

Nach einigen Notumzügen im Kriegsberlin begibt sich Rühmann nach erfolgreicher „Entnazifizierung“ durch die russischen Behörden mit „Der Mustergatte“ auf Theatertournee durch die sowjetische Besatzungszone, bevor er nach München geht. Er lebt mit Hertha in einem Behelfsheim auf dem Gelände der Bavaria-Filmstudios. Die von Rühmann 1947 gegründete Produktionsfirma „Comedia“ geht Pleite und reißt das Paar fast in den Ruin. Sohn Peter muss für vier Jahre ins Internat, sieben Jahre zahlen Rühmanns ihre Millionenschulden ab. Auch als es später aufwärts geht, hat er mit Rückschlägen zu kämpfen: Ausgerechnet der Erfolg mit „Charleys Tante“ erweist sich als Falle, denn die Charakterrolle im „Hauptmann von Köpenick“ traut man ihm daraufhin nicht zu. Regisseur Helmut Käutner muss 1956 ein Machtwort sprechen: „Mit Rühmann oder gar nicht.“

Der Schuster als Hauptmann. Quelle: 3sat.de

Die Rolle des Schusters Voigt in der Verfilmung von Carl Zuckmayers Stück begrenzt Rühmanns Fähigkeiten nicht, wie so oft, auf harmlos-schmunzelnden Humor, sondern fordert ihn als den Charakterschauspieler, zu dem er im Alter immer mehr wurde. Wie der zarte 1,65-Meter-Mann mit schnarrender Stimme und klappernden Sporen die preußische Obrigkeitshörigkeit lächerlich macht, gehört zu den Kabinettstücken der Filmgeschichte. Zuckmayer beschrieb ihn fast ehrfürchtig: „Wenn er, nach gelungener ‚Köpenickiade‘, auf der Treppe des Rathauses die Soldaten entlässt ‚Für jeden Mann ein Bier und eine Bockwurst‘ – geht eine so fundamentale Traurigkeit von ihm aus, dass man sich der Vergeblichkeit aller Fluchtversuche des Menschen aus seinem Schicksal schaudernd bewusst wird.“ Auch seine Adaption von „Der brave Soldat Schwejk“ lässt sich so einordnen.

Rühmann überzeugt inzwischen in Stücken wie „Warten auf Godot“ von Samuel Beckett oder Filmen wie „Es geschah am helllichten Tag“. Daneben bemüht er auch seine Sangeskarriere wieder. Als 1955 „Wenn der Vater mit dem Sohne“ in die Kinos kam, wurde sein Wiegenlied „La-Le-Lu“ berühmt  und gelangte, neu arrangiert und mit zeitgemäßem Rhythmus unterlegt, fast 30 Jahre später in die deutschen Single-Charts. 1965 dreht er an der Seite von Vivien Leigh mit „Das Narrenschiff“ seinen einzigen Film in Hollywood. Im Jahr darauf erhält er das Große Bundesverdienstkreuz. 1968 beginnt Rühmann mit dem „Tod eines Handlungsreisenden“ von Arthur Miller seine Arbeit fürs Fernsehen, in den 70ern gastiert er als „Frosch“ in Strauß‘ „Fledermaus“ gar an der Wiener Staatsoper. In seinen letzten Lebensjahren entdeckte Rühmann die Rezitation als neue Leidenschaft, etwa bei den Weihnachtslesungen des ZDF. Die Lesungen im Hamburger Michel sind Monate im Voraus ausverkauft.

1970 stirbt Hertha Feiler in München an Krebs. Da hatte er bereits ein Auge auf seine letzte Liebe geworfen: die schöne Witwe des Verlegers Willy Droemer, die auch Hertha heißt. 1971 lädt sie Rühmann zu einem Alpenrundflug in seinem Sportflugzeug ein – und es funkt. Sie ist 48, er 61, künftig sind sie unzertrennlich. Sie leben ein erfülltes Leben, mit Enkel und Hund. Aus Liebe ändert sie sogar ihren Rhythmus, geht mit ihm jeden Abend zeitig zwischen 21 und 22 Uhr ins Bett, weil er sie immer dabei haben will. „Ich hab mir nie erlaubt, auch nur eine Tasse Kaffee irgendwo zu trinken, weil ich wusste, dass er wartet und unglücklich ist und dass man so schnell wie möglich heim muss“, erzählt sie später.

„Rühmann war nicht komisch“

Nach dem Kinofilm „Gefundenes Fressen“ zieht sich Rühmann 1977 langsam ins Privatleben zurück. 1982  erscheint seine Autobiographie „Das war‘s“. Die frühere Hörzu-Chefreporterin Karin von Faber trifft ihn 1989 zu einem seiner raren Interviews. Ihre Analyse:

„Die permanente Unzufriedenheit mit sich selbst ist der Schlüssel zum Phänomen Rühmann. Seine Rollen glänzen wie Hochkaräter – da schleift einer so lange, bis es perfekt ist. Am Ende dieses Prozesses steht anrührende Einfachheit, durchsichtig wie ein Wassertropfen und ebenso verletzlich.“

Letzter Auftritt. Quelle: gala.de

1993 übernimmt er seine letzte Kinorolle in Wim Wenders „In weiter Ferne, so nah“. Seinen letzten Auftritt hatte Rühmann am 15. Januar 1994 in Linz bei „Wetten, dass…?“ – das Publikum feierte den bereits zur lebenden Legende gewordenen Schauspieler mit minutenlangem stürmischem Beifall und rührte ihn zu Tränen. Er stirbt 92jährig als der Mann, den Wenders „das lebende Denkmal des kleinen Mannes im deutschen Film“ nannte. Hertha hält seine Hand und streichelt sie zärtlich. „Es war das Letzte, was ich für ihn tun konnte“, schreibt sie später in ihrem Buch „Meine Jahre mit Heinz“. 1995 erhielt er posthum die „Goldene Kamera“ als „Größter deutscher Schauspieler des Jahrhunderts“; zuvor hatte er u.a. 13 Bambis gewonnen.

Bei den „Stars in der Manege“ 1980 war er im Circus Krone mit Oleg Popow aufgetreten: In einem Wettstreit zweier Clowns, die sich um einen Flecken Sonnenlicht balgen – bis sie erkennen, dass der Himmelsglanz für alle reicht. Was für die Clownskunst gilt, stimmt auch für ihn: Bereite dich minutiös vor. Nimm ernst, was du tust. Und: Verrate dein Spiel nie durch ironische Distanz. Diese Gratwanderung beim In-Eins-Fallen von Kunst und Leben – das war es, was das Publikum an ihm schätzte, wofür es ihn feierte; und was nichts so treffend auf den Punkt bringt wie sein vielzitiertes Chanson „Der Clown“:

„Er wollte alle Menschen immer lachen machen 
Und machte er selber auch ein trauriges Gesicht.
Und er konnte die komischsten Sachen machen
Aber selber gelacht hat er nicht.

Und hinter ihm liegt nun ein langes Leben 
Bald wird sie verstummt sein, die Zirkusmelodie
Er hat Millionen das Lachen gegeben
Aber selber gelacht hat er nie.“

Rühmanns Grab. Quelle: Wikipedia

Die Bandas sind eine der schönsten und faszinierendsten Inselgruppen Indonesiens inmitten des Archipels der Molukken – und vor 500 Jahren der einzige Ort, wo Muskatbäume wuchsen, deren Nüsse damals eines der wertvollsten Handelsgüter der Welt waren. Mit Muskat wurden Aphrodisiaka gemischt, schale Biere aufgepeppt und natürlich Speisen gewürzt. Der Preis lag bei einer halben Kuh – pro Nuss! Sie wurden auf den Schiffen und Kamelen vor allem muslimischer Händler nach Europa gebracht, die gut daran verdienten. Kein Wunder, dass die christlichen Herrscher Europas so begierig darauf waren, den direkten Weg zu den sagenhaften „Gewürzinseln“ zu finden.

Allerdings hat einer der mächtigsten dieser Herrscher seit 1494 ein Problem. In diesem Jahr wurden, natürlich ohne die Einheimischen zu fragen, die Einflussgebiete der beiden konkurrierenden Mächte Portugal und Spanien durch einen Schiedsspruch von Papst Alexander VI. im Vertrag von Tordesillas festgelegt: Alle neu entdeckten Gebiete westlich der Demarkationslinie von 46 Grad westlicher Länge sollen Spanien gehören. Auf das Land östlich davon können die Portugiesen Anspruch geltend machen. Die Molukken lagen genau da.

Tordesillas-Verhandlungen, dargestellt durch einen unbekannten Künstler. Quelle: http://www.ulrich-menzel.de/odw/tordesillas_gross.jpg

Der portugiesische Seefahrer Fernando Magellan vermutet nun, dass die Inselgruppe westlich der Tordesillaslinie liegt und daher Spanien, nicht Portugal, ein Anrecht darauf hätte. Vielleicht seien die Inseln sogar leichter von Osten nach Westen zu erreichen. Man müsse dazu vom Atlantik in das große Meer auf der anderen Seite segeln, das Vasco Nuñez de Balboa bereits 1513 entdeckt hat. Dass es eine Verbindung zwischen den beiden Ozeanen gibt, ist bisher bloße Spekulation. Magellan will sie für Spanien entdecken und macht König Karl I., als Karl V. später auch deutscher Kaiser, ein Angebot.

geheime Karte gefunden?

Die Geschichte bis zu diesem Angebot ist vor allem eine gekränkter Eitelkeit. Der am 3. Februar 1480 in Sabrosa (Portugal) als Fernão de Magalhães geborene Bürgermeistersohn wurde mit zehn Jahren Waise und erhielt als Page am Hof von König João (Johann) II. eine umfassende Ausbildung. Daran soll auch Martin Behaim als Lehrer beteiligt gewesen sein, ein Nürnberger Tuchhändler und portugiesischer Ritter, der als Anreger des ältesten erhaltenen Globus gilt.

1505 absolvierte er, inzwischen zum Knappen befördert, in Indien seine militärische Ausbildung, nahm an verschiedenen Feldzügen teil und wurde 1510 auf einer Expedition zu den Gewürzinseln zum Kapitän ernannt. Da sich Magellan allerdings mit seinem Schiff heimlich von der Flotte entfernte, um weiter nach Osten zu segeln, wurde ihm das Kapitänspatent wieder abgenommen. Ein Jahr später kehrte er nach Portugal zurück und kämpfte 1513 in Marokko in der Schlacht von Azamor, wo er am Knie verwundet wurde.

Danach fiel Magellan bei König Manuel I. in Ungnade: Er hatte sich beim illegalen Handeln mit den Mauren erwischen lassen. Statt für seine treuen Verdienste für Portugal in Indien und Marokko in den Adelsstand erhoben zu werden, wird er am 15. Mai 1514 aus dem portugiesischen Staatsdienst entlassen. Zutiefst verletzt verlässt er, ebenso wie zuvor Christoph Kolumbus, Portugal und bietet seine Dienste der spanischen Krone an.

Magellans Route. Quelle: https://centrici.hypotheses.org/files/2015/12/World-Map-Magellan-Journey-Victoria-Scherer-c1700-Keilo-Jack-site-Centrici.jpg

Biographen vermuten, dass Magellan im portugiesischen Seefahrtsarchiv eine geheime Karte mit einer Durchfahrt in Südamerika, einem Paso zum Pazifik, gefunden habe. Er schlug also König Karl 1517 eine Entdeckungsfahrt in Richtung Gewürzinseln vor, ohne das Land oder das Meer des portugiesischen Königs zu berühren. Unterstützung fand Magellan beim Astronomen Ruy Faleiro sowie beim Kardinal von Burgos. Im selben Jahr heiratet er eine spanische Beamtentochter und zeugt mir ihr den Sohn Rodrigo, wodurch sein gesellschaftliches Ansehen in Spanien steigt.

Am 22. März 1518 schloss Magellan in Valladolid mit Karl I. einen Vertrag, der die Bereitstellung und Finanzierung von fünf Schiffen vorsah. Ihm als Generalkapitän und Faleiro wurde ein Fünftel der Reichtümer versprochen, die die Reise zu den Gewürzinseln bringen sollte, sowie die Gouverneursposten für sie und ihre Erben in allen von ihnen entdeckten Ländern. Dazu kam die Zusicherung, dass kein anderer außer ihnen in den nächsten zehn Jahren für Spanien eine solche Expedition unternehmen dürfe. Finanziert wurde die Reise durch die spanische Krone, den Reeder Cristobal de Haro und teilweise auch das Bankhaus der Augsburger Fugger.

Nach Patagonien und Feuerland

Zentnerweise Zwieback, getrockneter Fisch, Käse, Öl und sogar ein paar lebende Kühe hatte Magellan an Bord der Karavellen bringen lassen, mit denen er am 20. September 1519 von Sanlucar in See stach. Auch 253 Fässer Wein landeten in den Schiffsbäuchen, dazu 50 Kugelgewehre, 1000 Lanzen und 200 Piken. Für die kostbaren Gewürze wurde Tauschware geladen, billiger Tand wie Schellen und Glöckchen, kleine Spiegel, Messingschmuck und 40 Säcke mit Glasperlen.

Magellans Aufbruch. Quelle: http://www.brechtel-folkers.de/magellan/magellan7/f04.jpg

Flaggschiff war die 120 Tonnen schwere „Trinidad“, die Mannschaft bildeten über 230 Seeleute, darunter Magellans malaiischer Sklave Enrique Melaka, den er 1511 mitgebracht und dem er beim Erfolg der Expedition die Freiheit versprochen hatte. Mit an Bord ist auch der Italiener Antonio Pigafetta, der eine Chronik der Reise schreibt. Die Vorbereitungen waren Manuel I. nicht verborgen geblieben, weshalb er Geschwader nach Brasilien und ans südliche Afrika schickte, um der spanischen Flotte den Weg zu versperren, was jedoch nicht gelang.

Im Dezember ankert Magellan in der Bucht von Rio de Janeiro und erreicht im Januar 1520 die Mündung des Río de la Plata. Fluss oder die gesuchte Durchfahrt – systematisch erkunden die Seeleute das Gewässer, bis Magellan verkündet, dass es sich um einen Fluss handele. Nicht alle Offiziere teilen diese Meinung. Südlich des Río de la Plata fahren sie auf unerforschtes Meer. Niemand weiß, wie lange die Reise dauern wird. Niemand weiß, ob die Suche nach der Passage überhaupt einen Sinn hat. Zwischen den spanischen Kapitänen nebst Besatzung und ihrem portugiesischen Befehlshaber kommt es immer wieder zu Spannungen.

Am 31. März 1520 lässt Magellan die Anker vor der Bucht von San Julián werfen, wo die Expedition den Winter verbringen soll, und macht den Fehler, die Essens- und auch die Weinration zu kürzen. Das führte innerhalb von nur zwei Tagen unter den von Ungewissheit und Kälte zermürbten Männern zur Meuterei: Sie fordern die Rückkehr. Magellan reagiert mit eiserner Faust, lässt zwei Kapitäne köpfen, weitere Meuterer aussetzen und seinen Vertrauten Juan Rodriguez Serrano die weitere Küste mit seinem Schiff „Santiago“ erforschen. Das verliert Serrano und kämpft sich mit seiner Besatzung wochenlang an Land zurück zum Lager: Magellan tauft es Patagonien, Land der Großfüßer (spanisch patagón), denn die Einheimischen kamen den Europäern wie Riesen vor. Zwei von ihnen lockte man mit Geschenken an Bord, um sie später in Spanien vorzuführen. Sie überlebten die Reise nicht.

Im Oktober bricht Magellan wieder gen Süden auf und erreicht einen Küstenvorsprung – er nennt ihn Kap der 11000 Jungfrauen – von dem aus es nach Westen geht. Nach dreitägiger Erkundung die erlösende Nachricht: das Wasser bleibt salzig, es muss eine Meeresstraße sein.  Stürmische See, Nebel, Meerengen und Einschnitte, dazu hohe Gezeiten – die Navigation erfordert alle Seemannskunst. Wieder schickt Magellan zwei Schiffe auf Erkundungsfahrt – eins nutzt die Gelegenheit zur Desertation und segelt nach Spanien zurück.

Magellan-Denkmal in Punta Arenas/Feuerland. Quelle: https://i2.wp.com/magazin.ctour.de/wp-content/uploads/2016/01/Feuerland-2-Denkmal-P1170846.jpg?resize=672%2C372&ssl=1

Die verbliebenen drei aber durchfahren die knapp 600 Kilometer lange Meeresstraße, die später nach dem großen Seefahrer benannt werden wird. Da das Fest in die Zeit der Durchfahrt fiel, nennt er sie selbst Allerheiligenstraße. Am linken Ufer sehen die Matrosen nachts den Schein von Lagerfeuern – das Gebiet heißt seither Feuerland. Am 28. November 1520 ist es soweit, Magellan erreicht das Südmeer, das zunächst so ruhig ist, dass es der Generalkapitän „Mar Pacífico“ nennt – das Friedliche. Als sich nach 38 Tagen Fahrt durch die stürmische Meerenge endlich die Weite des Ozeans öffnete, soll er weinend zusammengebrochen sein.

Reingewinn von etwa 500 Golddukaten

Doch noch steht der schlimmste Teil bevor: Tausende Kilometer durch den Pazifik – erst nach 98 Tagen wird die noch für viele Jahrzehnte längste bekannte Seereise ohne Unterbrechung nach einer Distanz von 1300 Kilometern zu Ende gehen. Magellan hatte mit gerade einem Monat gerechnet. Die Fahrt wird zur Tortur: Kein Frischwasser kann an Bord geholt werden, die Vorräte schwinden, Skorbut macht sich breit. Zu Essen gibt es nur noch Zwieback, doch der ist von Würmern und Maden befallen und mit Rattenkot verschmutzt. Die Seeleute beginnen Leder zu rösten oder in Salzwasser zu dünsten und kochen Suppe aus Sägespannen. Wer so geschickt war, eine Ratte zu fangen, konnte sie selbst essen oder gewinnbringend verkaufen: Für einen halben Dukaten! Mindestens 19 Menschen starben, und um keinen Kannibalismus zu riskieren, lässt Magellan die Leichen sofort ins Meer werfen.

Wie sich später herausstellte, muss die Expedition an hunderten fruchtbaren Inseln vorbeigesegelt sein, ohne eine zu sichten. Am 6. März 1521 erreicht sie schließlich Guam. Von der Besatzung sind zu jenem Zeitpunkt noch 150 am Leben. Die Inselgruppe, die heutigen Marianen, bekam von Magellan den wenig schmeichelhaften Namen „Diebesinseln“: Die Bewohner begannen, sich freimütig am Hab und Gut der Eroberer zu bedienen, und stahlen gar ein Beiboot. Deswegen lässt Magellan einige Ureinwohner hinrichten. 10 Tage später entdeckt er die erste Insel der Philippinen, Homonhon, nimmt sie für die Krone Spaniens in Besitz und beginnt, die Einwohner zum christlichen Glauben zu bekehren.

Humabon wird getauft. Quelle: https://i2.wp.com/magazin.ctour.de/wp-content/uploads/2016/01/Feuerland-2-Denkmal-P1170846.jpg?resize=672%2C372&ssl=1

Auf der Insel Cebu mit König Radscha Humabon gelingt das zunächst, auf der Nachbarinsel Lappu-Lapu (Mactan) dagegen nicht. Als Magellan am 27. April 1521 versucht, die Insel gewaltsam in spanischen Besitz zu bringen, werden die zahlenmäßig unterlegenen Spanier von den Einheimischen noch am Ufer zurückgedrängt. Mehrere Seeleute sterben, darunter auch Magellan. Pigafetta berichtet, dass der Generalkapitän als einer der letzten, noch im Wasser stehend, gekämpft habe, um den Rückzug seiner Leute zu decken. Ein vergifteter Pfeil habe erst seinen Oberschenkel durchbohrt, danach sei er von zwei Lanzenstößen niedergestreckt worden. Magellans Sklave Melaka kann fliehen.

Ein Grab erhält Ferdinand Magellan nicht. Zwar bemühen sich die Spanier um die Herausgabe ihres Anführers. Die Einheimischen denken aber nicht daran, die wertvolle Leiche herauszurücken. Der eben erst bekehrte König von Cebu sagt sich wieder vom Glauben los und lässt die Spanier angreifen. 35 Seeleute kommen ums Leben. Die dezimierte Expedition versenkt das dritte Schiff, macht sich mit den beiden übrigen auf die Weiterreise nach Borneo und erreicht am 6. November die Molukkeninsel Tidore, wo sie mit dem Sultan handeln konnte und endlich an die ersehnte Ware kam.

Magellans Tod. Quelle: https://i2.wp.com/magazin.ctour.de/wp-content/uploads/2016/01/Feuerland-2-Denkmal-P1170846.jpg?resize=672%2C372&ssl=1

Da die „Trinidad“ noch überholt werden musste, segelt am 21. Dezember die „Victoria“ allein los und erreichte mit ca. 26 Tonnen Gewürzen nach zwei Jahren, elf Monaten und zwei Wochen sowie vielen Widrigkeiten am 6. September 1522 Sanlúcar, den spanischen Ausgangshafen: Lediglich 18 Überlebende waren noch übrig. Vom Schwesternschiff, das von den Portugiesen gekapert wurde, kehrten erst im Sommer 1527 gerade weitere drei zurück. Nach Abzug aller Kosten, darunter auch der Schiffsverluste, blieb ein Reingewinn von etwa 500 Golddukaten. Der „Victoria“-Kapitän Juan Sebastián Elcano, der als Steuermann die Fahrt begonnen hatte, erhielt vom König ein Wappen mit der Inschrift: „Als erster hast du mich umrundet“.

Die erste Weltumseglung hatte vielerlei Folgen. Die Kugelgestalt der Erde war endgültig nachgewiesen. Dann wurde deutlich, dass der Erdumfang viel zu gering geschätzt worden war. Pigafettas Reisebeschreibung wies einen Tag zu wenig auf, was die Notwendigkeit einer Datumsgrenze unterstrich. Spanien brach mit der Reise auch das Handelsmonopol der Portugiesen; überhaupt stieß der Welthandel in völlig neue Dimensionen vor. Die Magellanstraße hatte ihre größte Bedeutung vor dem Bau des Panamakanals: An ihren Ufern konnten sich die Seefahrer bequem mit Proviant und Trinkwasser versorgen und waren nicht den unberechenbaren Naturgewalten vor Kap Hoorn ausgesetzt.

Magellan. Quelle: https://www.history.com/.image/ar_16:9%2Cc_fill%2Ccs_srgb%2Cfl_progressive%2Cg_faces:center%2Cq_auto:good%2Cw_768/MTU3ODc5MDg1MzYxODAwNTIx/portrait-of-ferdinand-magellan.jpg

Der europäische Rat legte anlässlich des 500. Jubiläums im Sommer eine Zwei-Euro-Gedenkmünze auf, von der insgesamt 770.000 Stück ausgegeben wurden. Verblüffend ist, dass Magellan im Übrigen weniger in der Nautik, sondern eher der Astronomie gewürdigt wird: Er beschrieb als erster die zwei irregulären Zwerggalaxien außerhalb der Milchstraße, die am Südhimmel mit bloßem Auge sichtbar sind – und nach ihm Magellansche Wolken genannt wurden. Auch eine amerikanische Raumsonde, zwei Mond- und ein Marskrater tragen für immer seinen Namen.

Der Antje Kunstmann Verlag München hat mit „Käpt*in Rakete” jetzt einen realitätsfernen Indoktrinationshöhepunkt der Kinderliteratur verlegt. Wer eigene Kuschel- und Haustiere im Kinderzimmer gleichsetzt mit sogenannten „geflüchteten Menschen auf dem Mittelmeer“, wie es die Autoren tun, muss sich schon fragen lassen, ob er die richtige Pille eingeworfen hat. Aber ein Verlag, der diesem Unsinn auch noch ein Podium bietet, ist mindestens als verantwortungslos, ja infantil zu kritisieren.

Buchseite. Quelle: https://www.hogesatzbau.de/rakete/

So muss das – auch noch genderbesternte – Mädchen bei Unwetter ihren Teddybären retten, der in der Regenrinne zu ertrinken beginnt, sowie ihren Hund Bernhard, dem im Garten die Hütte wegzuwehen droht, anstatt in der Küche duftende Pfannkuchen zu futtern. So heißt schüttelreimend:

„Kapuze auf und Stiefel an, 
so kämpft sie mutig sich voran.
Der Bollerwagen, in der Not,
wird so ganz schnell zum Rettungsboot.”

Im Buch heißt Salvini übrigens Saltini und ist ein miesepetriger Kater, der sich dem Rettungsbollerwagen in den Weg stellt. Die vorgebliche Botschaft, dass sich auch Kinder einbringen könnten, „wenn etwas schief läuft“, sich gegen „Missstände engagieren“ und „die Welt ein kleines bisschen besser machen“, wie Björn Trautwein in der BZ befindet, reduziert rationale Politik auf das Kinderzimmerniveau aktionistischer Handlungen im Namen einer universalistischen Hypermoral, für die man sogar gern seine Grundbedürfnisse vernachlässigt. Dass damit nicht nur Asylbewerber mit Wirtschaftsflüchtlingen und Terroristen in einen Topf geworfen werden, sondern auch das vorgebliche Retten mit dem Straftatbestand des Schleppens, ja das eigene Land das ferne Meer umfassen und Fluchtursachen von Klima bis Krieg ebenso ungewichtet wie unerwähnt bleiben sollen, wird in dieser sozialistisch-absurden Gleichmacherei völlig ausgeblendet.

Dass diese Gleichmacherei weithin akzeptiert ist, beweisen nicht nur die vielen hämischen Kommentare unter einem kritischen, aber verkaufsfördernd interpretierten Text der AM Sachsen, auf dem dieser Essay fußt, sondern auch, dass die Seite „Volksverpetzer“ unter allen „Fans“ der AM-Seite, die diesen Beitrag liken, teilen und mit dem Hinweis kommentieren, dass sie dabei mitmachen wollen, fünf Freiexemplare des Buchs verlost.

Aufruf der „Volksverpetzer“. Quelle: eigener Screenshot

Dabei ist bemerkenswert, dass die Buchautoren anonym bleiben wollen und nur maskiert an die Öffentlichkeit treten. Es handelt sich um die „Hooligans gegen Satzbau“ (das gekaperte „HoGeSa“), die zu feige sind, mit ihrem Gesicht für ihre totalitäre Zwangsbeglückung einzustehen, die sie „selbstverständlich“ nennen: „Ist jemand in Not, dann muss geholfen werden.“ Nun hat mit verdrehten Welten schon Monty Python in den 1970ern für Lacher gesorgt. Dieses Machwerk ist jedoch nicht von irgend einer Spaßguerilla als Volksbelustigung gedacht, sondern im Gegenteil von einer linken Propagandaguerilla als didaktisches Werkzeug zur realitätsblinden Emotionalisierung der Jüngsten – und ihrer Eltern, die ihnen das vorlesen sollen. Selbst Bundespräsident Gauck musste bereits im Oktober 2015 zugeben: „Unser Herz ist weit. Aber unsere Möglichkeiten sind endlich“.

„Geist der Solidarität“

Das Buch steht damit in der Tradition einer ganzen Reihe volkspädagogischer Medienprodukte, die den Bürgern, koste es was es wolle, nicht nur die vorgebliche Seenotrettung, sondern auch die Aufnahme hunderttausender minderqualifizierter Menschen mit anderem kulturellen Hintergrund als alternativlosen Humanismus schmackhaft machen und zugleich deren Gegner als rechtsextreme Menschenfeinde brandmarken wollen. Neben dem ARD-Degeto-Machwerk „Aufbruch ins Ungewisse“, angelehnt an Janne Tellers Jugendbuch „Krieg. Stell Dir vor, er wäre hier“, waren das etwa Martin Schäubles holzschnitthafte Soldatendystopie „Endland“ oder Christian Linkers NPD-Jugendkrimi „Der Schuss“, aber auch die KiKa-Reihe „Schau in meine Welt“.

Es verwundert nicht, dass jüngst gerade die in die Schlagzeilen geriet: war im Januar 2018 „Malvina, Diaa und die Liebe“ noch die Vorzeigebeziehung zwischen einer Deutschen und einem Ausländer, hat sich jetzt Malvina wieder gemeldet – mit einem verstörenden Poetry-Slam-Text, der mit den Worten „Danke, Vergewaltiger“ endet. Von Hilferuf über Traumaverarbeitung, Mädchenfantasie oder Exempel eines Stockholm-Syndroms bis bedauerliches Opfer der Willkommensideologie reichten die Mutmaßungen. Zwar habe Malvina laut HR versichert, dass das Gedicht Fiktion und der Inhalt erfunden sei. Doch nicht nur Alexander Wallasch meldet auf Tichys Einblick berechtigte Zweifel an: „So etwas erwartet man in Therapiesitzungen, wenn Vergewaltigungsopfer ihre Qualen in einem langwierigen Prozess verarbeiten.“

Malvina 2018/2019. Collage: eigene Darstellung

Andere zumal für Kinder gemittelte Texte waren unter dem Rubrum von „Einfühlung“, „Mitgefühl“ oder „Empathie“ – die Literaturwissenschaft spricht von „kognitiver Perspektivenübernahme“ – etwa  Claude Dubois‘ „Akim rennt“ oder Francesca Sannas „Die Flucht“, in der die kindliche Protagonistin beim Anblick von Vögeln sagt:

„Sie sind unterwegs wie wir. Auch ihre Reise ist lang, doch für sie gibt es keine Grenzkontrollen. Ich hoffe, eines Tages anzukommen wie diese Vögel. In einer neuen Heimat, wo wir in Sicherheit sind und neu anfangen können.“

Lukas Ruegenberg und Christel Neudeck beschrieben mit „Khalil – Die Flucht aus Syrien“ gar nach einer wahren Geschichte die Odyssee eines Jungen über das Mittelmeer und die Balkanroute bis nach Deutschland. Nicht nur, dass Rainer Maria Kardinal Woelki ein Vorwort beisteuerte, zu allem Übel werden auf dem Titelbild ausschließlich schwache Kinder, Frauen und Familien auf der Flucht gezeigt, dafür aber keine starken, wehrhaften jungen Männer, die der Realität entsprächen. „Dieses Werk dient nicht zur Aufklärung, sondern soll auf plumpste Art eine ideologische Indoktrinierung der Kinder ermöglichen“, rezensiert auf Amazon ein Leser.

Da verwundert nicht mehr, dass vom Verkaufspreis von „Käpt*in Rakete” in Höhe von 10 Euro prompt ein Euro an die Organisation Sea Watch gehen soll – mit „Kapitänin Rackete“. Nach deren Festnahme riefen die ZDF-Komiker Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf zu Spenden für Sea Watch auf. Die Sammelaktion der Moderatoren ging Anfang August zu Ende – mit einem siebenstelligen Betrag. An Bord des Kahns war nicht nur ein NDR-Team, das rein zufällig den inkriminierten Rettungseinsatz live begleitete, sondern auch noch Rapper „2Nasty“, der mit den „notleidenden Flüchtlingen“ ein Musikvideo drehte. Sea-Watch-Pressesprecher Chris Grodotzki rechtfertigte das Singen und Tanzen der teilnehmenden Personen

„als Ausdruck ihrer Selbst, auf dem Schiff aus freien Stücken und von sich aus eingebracht, … weil sie den Geist der Solidarität an Bord unseres Schiffes sichtbar machen und die Stärke und Würde der Menschen viel besser darstellen als ein einseitiger Foto-Stream von Traurigkeit und Verzweiflung“.

Buchtitel. Collage: eigene Darstellung

Der Politikwissenschaftler Peter Graf Kielmansegg sprach in der FAZ von einem unauflösbaren moralischen Dilemma, verursacht durch die permanente moralische Erpressung von kriminellen Schleuserbanden: „Wenn Rettung aus Seenot die Eintrittskarte nach Europa ist, dann werden Menschen sich ohne Ende in vorgeplante Seenot begeben.“ Doch wer auf diese erpresserische Unmoral mit organisierten „Rettungsmissionen“ reagiert, macht sich de facto zum Komplizen der Schleuserbanden, erkannte Björn Schumacher in der Jungen Freiheit. Denn niemand käme auf die Idee, „nachts am Berliner Kurfürstendamm vorsorglich Rettungshubschrauber und Krankenwagen zu stationieren, weil dort hin und wieder illegale Autorennen veranstaltet werden.“

„menschenrechtlicher Imperativ“

23.000 seit 2013 im Mittelmeer ertrunkene Menschen haben einen furchtbaren Preis für ihren naiven Traum vom Leben im gelobten Land bezahlt. Die meisten Toten waren junge Männer, keine Flüchtlinge im Sinne des Art. 16a GG oder der Genfer Konvention, nicht einmal subsidiär schutzberechtigt und gewiss nicht die ärmsten Bürger ihrer Herkunftsländer. Mitte August plädierte Angela Merkel für die Wiederaufnahme staatlicher „Rettungsmissionen“. Doch der komplette „menschenrechtliche Imperativ“ (Kielmansegg) muss dann lauten: Seenotrettung ja! Weitertransport nach Europa nein! Das Buch blendet wie die anderen auch diese Feinheiten völlig aus, es ist ein ideologisches Produkt, das verordnete Gesinnungs- über selbstbestimmte Verantwortungsethik stellt. „Man könnte auch sagen: wer die Moral hat, hat das Recht. Das ist der Rückbau des Rechtsstaats zu einem Moralstaat der Mächtigen“, ärgert sich Ex-Verfassungsschützer Hans-Georg Maassen auf Twitter.

Böswillig könnte man sogar von einem „religiösen“ Produkt sprechen, denn für den EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm hat Not keine Nationalität, und „egal, aus welchen Gründen Menschen in Not sind, wir haben die Pflicht, sie zu unterstützen und ihnen zu helfen.“ Das sagte er diese Woche bei der Vorstellung des Plans, ein eigenes Schiff zur Seenotrettung von Flüchtlingen ins Mittelmeer zu schicken. Nach gründlicher Prüfung habe man beschlossen, eine entsprechende Resolution des Kirchentages umzusetzen: „Es ist mehr als Symbolik, es geht um exemplarisches Handeln.“

Damit hat sie den Konsens, „die Kirche wolle nicht selbst Politik machen, sondern Politik möglich machen“, verlassen, kritisiert Ulrich Körtner, Professor für Systematische Theologie aus Wien, auf dem evangelischen Portal Zeitzeichen. Auch er betont: „Zivile Seenotretter und ihre Unterstützer rechtfertigen ihr Handeln keineswegs nur mit dem Willen, Menschen aus unmittelbarer Lebensgefahr zu retten, sondern auch damit, dass jeder Mensch das Recht habe, in ein Land seiner Wahl zu flüchten oder zu migrieren. Da es ein solches Recht juristisch nicht gibt, begründen sie es moralisch. De facto wird Rettung aus Seenot zum Eintrittsticket nach Europa“.

In genau diese quasichristliche Kerbe schlug schon Ende August Florian Westphal, Geschäftsführer bei „Ärzte ohne Grenzen“, in einem DLF-Interview: „Man sollte sich mal vorstellen, Seenotrettung auf der Nordsee oder Ostsee liefe so. Es werden Menschen gerettet und dann wird erst mal verhandelt mit jedem Hafen, ob sie dann dahin in Sicherheit gebracht werden. Das darf nicht die neue Normalsituation werden.“ Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen, ärgerte sich Roger Letsch auf achgut. Denn Menschen, die auf Nord- oder Ostsee in Seenot geraten (und sich nicht absichtsvoll in dieselbe begeben), wollen jeden Hafen, in den sie sich gerettet hätten, so schnell wie möglich wieder in Richtung Heimat verlassen, weswegen ihnen überall Gastfreundschaft sicher wäre, einerlei ob in Stralsund oder Stockholm.

Die besonderen Gäste von Shuttles wie der „Sea Watch“ werden aber vor allem deshalb zum Verhandlungsgegenstand, weil sie nach der Anlandung eben nicht wieder nach Hause wollen. „Lassen Sie sich nicht einreden, dass es sich um Seenotrettung handelt. Diese Migranten sind keine Schiffbrüchigen und keine Flüchtlinge. Sie haben als einwanderungswillige Ausländer die Schleuserboote bestiegen, um von einem Shuttle-Service nach Europa gebracht zu werden“, weiß Maassen.

TS-Bericht. Quelle: eigener Screenshot

Aber auch dies wird inzwischen kinderliterarisch normalisiert: in Titeln wie „Vielleicht dürfen wir bleiben“ (Ingeborg Kringeland Hald) oder „Zuhause kann überall sein“( Irena Kobald/Freya Blackwood) oder Texten, in denen es heißt „Freunde müssen nicht dieselbe Sprache sprechen, um einander verstehen zu können“ („Mein Freund Salim“, Uticha Marmon). Rafik Schami publizierte schon 2003 „Wie ich Papa die Angst vor Fremden nahm“. Lustig darf das Ganze manchmal auch noch sein: der Held aus „Nusret und die Kuh“ (Anja Tuckermann/Mehrdad Zaeri/Uli Krappen) nimmt das überdimensionierte Haustier mit nach Deutschland, damit es auch lesen und schreiben lernt… Von da ist es dann nur ein kleiner Schritt hin zu Büchern wie „Bestimmt wird alles gut“ (Kirsten Boie/Jan Birck) oder „Ramas Flucht“ (Margriet Ruurs/Ali Badr), die gleich zweisprachig deutsch und arabisch verlegt wurden.

„Das ist auch eine Entwertung!“

Diese neue migrationsliterarische Strömung für Kinder ist aus mehreren Gründen zu problematisieren. Zum einen liegt natürlich der Schluss einer tagespolitisch konfektionierten Literatur nahe, die bestehende, überdies falsche Narrative legitimiert – statt kräftiger junger Männer etwa tauchen plötzlich Kinder und Familien auf. In der DDR-Forschung nannte man das „weltanschauliche Funktion“ von Literatur, vielleicht sollte man den Begriff reanimieren. Zum zweiten ist die völlig unkritische, mit Emotionalisierung gepaarte Heroifizierung ausländischer Gleichaltriger heikel, legt sie doch den Schluss nahe, dass es hierzulande solche Figuren nicht oder nicht mehr gibt. „Kinder lechzen nach Andersartigkeit, das ist Futter für ihre Fantasie“, sagt der Münchner Entwicklungspsychologe Hartmut Kasten der Zeit.

„Je weniger die Personen und Szenarien mit ihrem Alltag zu tun haben, umso intensiver setzen sie sich damit auseinander. Das liegt am Orientierungsreflex: Kinder richten ihre Aufmerksamkeit auf alles, was sie nicht kennen.“

Zum dritten werden mit solchen literarischen Handlungen einseitige Ordnungs- (bzw. Chaos-) vorstellungen transportiert: während bei Heimatthemen wie in Bauernhof-Büchern eine Rückkehr zum Ausgangszustand stattfindet, in der Menschen (und Tiere) ihren festen Platz haben, erklärt Hartmut Hombrecher von der Sammlung historischer Kinder- und Jugendliteratur der Uni Göttingen im Spiegel, führt hier oft ein neuer Zustand zu einem guten, aber eben fiktionalisierten, idealisierten Ende, dessen Realitätsgehalt unüberprüft bleiben muss. Damit hängt ein Rollenklischee sowohl auf Seiten der ausländischen Ankömmlinge als auch der inländischen Gastgeber zusammen, das der Kinderarzt und Buchautor Herbert Renz-Polster im DLF als Subjekt-Objekt-Zielverschiebung bezeichnete:

„Als ‚Ich muss dich fördern, ich muss dich schieben, ich muss dich ziehen, so wie du bist, nein, das reicht mir noch nicht, du musst der werden, der du sein sollst‘. Das ist auch eine Entwertung!“

Viele dieser Texte lassen überdies ästhetisch zu wünschen übrig: zeichnen sich Kinderbücher aus dem skandinavischen und englischen Raum oft dadurch aus, Unterhaltung ernst zu nehmen und Ernsthaftes unterhaltsam zu machen, kommt hier das Ernsthafte meist auch (zu) ernst daher. Damit verbunden ist die Eindimensionalität, ja platte Oberflächlichkeit von Welt und Charakteren: Verfremdet wird selten, zur Vorsicht gemahnt oder gar gewarnt kaum.

Die Literaturwissenschaft nennt das „unzuverlässiges Erzählverhalten“, damit wird die Potenz von Literatur, nicht nur schwarz-weiß, sondern alle Farben und Nuancen wahrzunehmen, ins Gegenteil verkehrt. In der DDR-Kinderliteratur waren die erfolgreichsten Bücher jene, in denen ebenso konservativ wie zuverlässig das dramaturgische Prinzip der Heldenreise mit erfolgreicher Rückkehr im Alltag gestaltet wurde, etwa Benno Pludras „Bootsmann auf der Scholle“, Gerhard Holtz-Baumerts „Alfons Zitterbacke“ oder Bernd Wolffs „Alwin auf der Landstraße“; die allesamt auch verfilmt wurden.

DDR-Kinderbücher. Collage: eigene Darstellung.

Und zum weiteren trägt diese Strömung zur Verstärkung kognitiver Dissonanzen bei: den literarischen Erfahrungen vom armen, traumatisierten Flüchtlingskind als Kümmerfaktor stehen die realen Erfahrungen zunehmenden Mobbings, ja von Schulgewalt durch Flüchtlingskinder gegenüber. Allein in Sachsen, wo es keine Mobbing-Definition gibt (ein entsprechender AfD-Antrag wurde einstimmig abgelehnt) und darunter stattdessen Delikte wie Bedrohung (§ 241 StGB), Beleidigung (§ 185 StGB), üble Nachrede (§ 186 StGB), Verleumdung(§ 187 StGB) oder Körperverletzung (§ 223 StGB) subsummiert werden, gab es nur 2017 laut Antwort auf eine Grünen-Anfrage insgesamt 4 570 solcher Straftaten mit Opfern unter 18 Jahren. Eine Einzelfallprüfung etwa nach Delikt und Täter, mit der, selbst wenn sie auf 30 Minuten beschränkt bliebe, bei einer 40-Stunden-Woche ein Sachbearbeiter über 57 Wochen befasst wäre, lehnte die Staatsregierung unter Verweis auf die Gewährleistung der Funktionsfähigkeit der Polizeibehörden ab.

„Tendenz der Wirklichkeitsflucht“

Die mediale Thematisierung bundesweiter Gewalttaten durch Flüchtlinge ist da noch gar nicht berücksichtigt. Allein 2018 wurden insgesamt 265.930 Straftaten registriert, bei denen Asylbewerber, Geduldete oder Personen, die sich unerlaubt in Deutschland aufhalten, als Tatverdächtige ermittelt wurden, ergab eine AfD-Bundestagsanfrage. Davon 98-mal Mord, 261-mal Totschlag, 1082-mal Vergewaltigungen und sexuelle Nötigung/Übergriffe, inklusive 153 Versuche, diese Straftaten auszuführen, 3477-mal räuberische Erpressung und räuberischer Angriff auf Kraftfahrer sowie 16.929-mal gefährliche und schwere Körperverletzung. Bei diesen Zahlen sind ausländerrechtliche Verstöße wie illegale Einreisen nicht berücksichtigt. Die Länderrangliste der Herkunft der Tatverdächtigen wird angeführt von Syrien (25.328), gefolgt von Afghanistan (16.687) und dem Irak (10.225). Die Morde an Maria, Mia oder Susanna waren die traurigen Höhepunkte.

„Die Gefahr der modernen Gesellschaften ist heute nicht die Entgleisung ins Bestialische, sondern die ins Humanitäre“, weiß Alexander Meschnig. „Sie gehorcht einer tiefgreifenden Tendenz der Wirklichkeitsflucht – der Verdrängung und Verleugnung menschlicher Wirklichkeit aus Angst und Unvermögen im Umgang mit der Negativität des Seins.“ Und er orakelt spenglerhaft:

„Aber dies ist nicht nur ein Missverständnis von ‚Humanität‘, sondern ihre Selbstpreisgabe. Eine Gemeinschaft, die ihre Selbstachtung verliert, hat auch den Grund ihrer geschichtlichen Existenz verwirkt“.

Wie jede Literatur bietet auch Kinderliteratur, die sich spätestens seit der Wiedervereinigung von einer Sozialisations- zu einer kindgemäßen Literatur wandelte, „einen Anlass über die Welt und sich selbst nachzudenken, die Welt als Entwurf zu verstehen. Auf Ideen zu kommen, wie man auch denken oder fühlen kann“, meint die Frankfurter Literaturdidaktikerin Helene Becker in der Welt. Die Vereinseitigung dieser Perspektive erzeugt aber Entwürfe, die zu gleichem Denken führen. Das kann nicht im Sinne von Demokratie sein. „Einige Bücher soll man kosten, andere verschlingen und nur wenige kauen und verdauen“, schrieb einst Francis Bacon. Flüchtlingsfreundliche Kinderliteratur in Deutschland gehört zu den schwerverdaulichen, von deren Verkostung man mindestens eine Magenverstimmung davontragen mag.

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