{"id":1132,"date":"2011-06-04T19:36:41","date_gmt":"2011-06-04T18:36:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=1132"},"modified":"2012-07-09T18:05:17","modified_gmt":"2012-07-09T17:05:17","slug":"%e2%80%9cden-guten-steuermann-lernt-man-erst-im-sturme-kennen%e2%80%9d-seneca","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=1132","title":{"rendered":"\u201cDen guten Steuermann lernt man erst im Sturme kennen\u201d (Seneca)"},"content":{"rendered":"<p>Da ist es wieder passiert. Ein Totschlag, scheinbar wegen nichts. Ja, es war an einem bierseligen Feiertag, die Schlagenden konnten noch Stunden danach wegen Trunkenheit nicht vernommen werden. Aber Alkohol enthemmt nur, l\u00e4sst Hemmschwellen verschwinden&#8230; die Aggression selbst ruft er nicht hervor. Was muss in diesen Menschen brodeln, dass sie aus derart nichtigem Anlass \u00fcberhaupt gewaltt\u00e4tig werden? Ist in dieser Republik ein halbwegs stressfreier Umgang \u00fcberhaupt noch m\u00f6glich?<\/p>\n<p>Meine These: diese Art Gewaltbereitschaft spiegelt im &#8222;Kleinen&#8220; jene Art von Politik im Gro\u00dfen wieder, die da im schlechtesten Sinne &#8222;neoliberal&#8220; genannt wird &#8211; die Laissez-faire-Politik der Chicagoer Schule, die dem Staat nur eng begrenzte Aufgaben wie den Schutz des Privateigentums zuweist und den Sozialstaat als teures Monster sieht.<\/p>\n<p>Marion Gr\u00e4fin D\u00f6nhoff, die gro\u00dfe Konservative, meinte schon vor 11 Jahren (\u201eMacht und Moral\u201c, K\u00f6ln 2000), dass jede Gesellschaft ohne einen ethischen Minimalkonsens zerbr\u00f6seln muss. Ohne dieses Mindestma\u00df an Bindungen, Spielregeln, Tradition und ethischen Normen werde &#8222;unser Gemeinwesen genauso zusammenbrechen wie das sozialistische System&#8220;.  Wenn der Markt aber kritiklos idealisiert werde und keine ethischen Grenzen mehr kenne, entarte das Ganze zum catch-as-catch-can. Der Egoismus mache dann vor nichts mehr halt, unterminiere durch zunehmende Brutalit\u00e4t und Korruption die sittliche Grundlage der Gemeinschaft und m\u00fcnde letzten Endes in den &#8222;Ruf nach dem starken Mann&#8220; bzw. in den Totalitarismus.<\/p>\n<div id=\"attachment_1133\" style=\"width: 520px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/gewalt.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1133\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-1133\" title=\"gewalt\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/gewalt.jpg\" alt=\"\" width=\"510\" height=\"361\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/gewalt.jpg 510w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/gewalt-300x212.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 510px) 100vw, 510px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1133\" class=\"wp-caption-text\">Karikatur: G\u00f6tz Wiedenroth \u00a9 G\u00f6tz Wiedenroth, www.wiedenroth-karikatur.de<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Also: wenn sich der St\u00e4rkere und R\u00fccksichtslosere durchsetzt, dann ist das eben so? Zur\u00fcck zum Sozialdarwinismus? Dahin gebracht hat uns das entsolidarisierende, \u00f6konomistische Menschenbild jener Berliner Koalition, die offenbar ebenso unwillig wie unf\u00e4hig ist, Grenzen zu setzen und daf\u00fcr zu sorgen, dass sie eingehalten werden. Jene Grenzen, die sich im politischen Nirvana einer visionslosen Klientel-Regierung verfl\u00fcchtigt haben. Eine andere Perspektive desselben Problems beschreibt \u00fcbrigens die sperrige Vokabel der \u201eDienstleistungsmentalit\u00e4t\u201c: ja nicht selbst Grenzen setzen, sondern sich die der anderen zu Eigen machen &#8211; wie zweifelhaft selbige auch immer empfunden werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Sozialpsychologie spricht im R\u00fcckgriff auf Skinners Theorie des \u201eoperanten Konditionierens\u201c vom Mechanismus der \u201enegativen Verst\u00e4rkung\u201c: ein Verhalten, das sozial als aversiv, \u201eschlecht\u201c gilt und entsprechend sanktioniert ist, aber individuell als gratifizierend erlebt wird, etwa als affektiver Kick, angenehme Emotion, rationaler Erfolg\u2026 usf.; ein solches Verhalten also wird solange wiederholt, wie die Sanktionen nicht greifen. Ein Promovend wird solange plagiieren, wie ihm kein Plagiat nachgewiesen und sein Titel aberkannt wird. Auch ein Raser wird auf einer Bundesstra\u00dfe solange schneller als Tempo 100 fahren, wie er nicht geblitzt und dann um einiges Geld erleichtert und mit Fahrverbot nebst einigen Flensburger Punkten belastet wird. Danach hoffentlich schon. Erst recht Schl\u00e4ger, jugendliche zumal, werden Personen, die ihnen &#8211; wie in M\u00fcnchen bspw. &#8211; Grenzen setzen wollen (nicht Kleinere \u00fcberfallen, nicht auf dem Bahnhof rauchen), weiter pr\u00fcgeln, vielleicht totpr\u00fcgeln.<\/p>\n<p>Aber an ihrer postmodernen Sanktionslosigkeit muss diese Republik verzweifeln: was und wie will man auch sanktionieren, wenn mangels sozialer und \/ oder politischer Visionen keinerlei Standards, gar Normen mehr gesetzt werden, die diese Visionen umrei\u00dfen? Ich prophezeie, dass Merkel als \u201eKanzlerin der Beliebigkeit\u201c in die deutsche Geschichte zun\u00e4chst eingeht und dann noch schneller wieder daraus verschwindet. An den Folgen jedoch haben wir lange zu tragen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wieder:ein Totschlag, scheinbar wegen nichts. Trotz bierseligen Feiertags:Alkohol enthemmt nur, die Aggression selbst ruft er nicht hervor. Was muss in diesen Menschen brodeln, dass sie aus derart nichtigem Anlass \u00fcberhaupt gewaltt\u00e4tig werden? 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