{"id":1220,"date":"2011-08-24T14:48:56","date_gmt":"2011-08-24T13:48:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=1220"},"modified":"2013-03-10T22:26:00","modified_gmt":"2013-03-10T21:26:00","slug":"1220","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=1220","title":{"rendered":"Ein Buch, dringend und n\u00f6tig"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Christoph_Hein\" target=\"_blank\">Christoph Hein<\/a> war immer unbequem. Man denke an die Novelle \u201e<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/fremde-Freund-Drachenblut-suhrkamp-taschenbuch\/dp\/3518399764\/ref=sr_1_1?ie=UTF8&amp;qid=1314193843&amp;sr=8-1\" target=\"_blank\">Der fremde Freund<\/a>\u201c (1982) und deren gef\u00fchlskalte \u00c4rztin Claudia: Seismograph f\u00fcr ein Land, das an Gleichf\u00f6rmigkeit litt, an einer Perspektive des Wartens, das nur noch wenige Erwartungen in sich trug. Und man denke erst recht an seine \u201eZensur\u201c-Rede auf dem X. Schriftstellerkongress der DDR 1987. Und jetzt also wieder: ein unbequemes Buch. Ein Roman, der schon fast als zeitgeschichtliches Dokument gelten kann.<\/p>\n<p>Die Hauptperson: ein Ost-Germanist an seinem 59. Geburtstag (und ein paar Herbstwochen danach), auf perspektivloser halber Stelle an der Ost-Uni, exotisches Forschungsgebiet nat\u00fcrlich (wer kennt den aus Sachsen geb\u00fcrtigen Wiener Barockschriftsteller Friedrich Wilhelm <a href=\"http:\/\/agso.uni-graz.at\/marienthal\/biografien\/weiskern_friedrich_wilhelm.htm\" target=\"_blank\">Weiskern<\/a>?); eine Figur also, deren Name \u201eR\u00fcdiger \u201aStolzenburg\u2018\u201c eine dreifache Karikatur ist: der Vorname (der sich aus germanisch <em>hroth \/ hruod<\/em> \u201eRuhm, Ehre\u201c und althochdeutsch <em>ger<\/em> \u201eGer, Speer\u201c zusammensetzt und so viel bedeutet wie <em>ruhmvoller Speerk\u00e4mpfer<\/em>) f\u00fchrt den Charakter ad absurdum, und der Nachname verweist darauf, dass er stolz ist auf Werte, die nichts mehr gelten, und darum eine Burg um sich gebaut hat, von deren Turm er die nichtakademische Realit\u00e4t distanziert betrachtet, ohne sie zu verstehen geschweige denn zu durchschauen \u2013 vom Dazugeh\u00f6ren gleich gar nicht zu reden. Ein Mann, der prompt das Pech magisch anzuziehen, ja sich im freien Fall zu befinden scheint, ein moderner Hiob.<\/p>\n<div id=\"attachment_1221\" style=\"width: 291px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/08\/Umschlag.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1221\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-1221\" title=\"Umschlag\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/08\/Umschlag.jpg\" alt=\"\" width=\"281\" height=\"467\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/08\/Umschlag.jpg 281w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/08\/Umschlag-180x300.jpg 180w\" sizes=\"(max-width: 281px) 100vw, 281px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1221\" class=\"wp-caption-text\">Quelle: http:\/\/www.suhrkamp.de\/buecher\/weiskerns_nachlass-christoph_hein_42241.html<\/p><\/div>\n<p>Dass er von seinem Gehalt mehr schlecht als recht am Rande des Existenzminimums siecht, sich mit Nebenjobs \u00fcber Wasser halten und trotzdem mit dem Finanzamt streiten muss, das es sich offenkundig nicht vorstellen kann, wie ein Mann seines Bildungsniveaus derart bescheiden lebt &#8211; geschenkt. Dass seine Tochter nur anruft, wenn sie Geld braucht, und seine Eltern, um ihn mit den \u201e\u00fcblichen Klagen\u201c zu \u00fcbersch\u00fctten &#8211; geschenkt. Dass er bindungsunwillig bis -unf\u00e4hig ist und ab und zu neben ungeliebten Freundinnen, die er auf Distanz h\u00e4lt (\u201egew\u00f6hnlich fl\u00fcchtet er sich in eine unverbindlichere, allgemeine Anrede, meine Liebe zum Beispiel, oder Schatz oder Sp\u00e4tzchen, das erspart \u00c4rger\u201c), auch mit Studentinnen ins Bett steigt &#8211; ebenfalls geschenkt, selbst wenn dieses charakterliche Gewordensein biographisch vielfach interpretierbar ist. Und dass der Ex-Dramatiker Hein eine Kriminalhandlung mit einbaut, um zwischen den vielen unbequemen Aussagen ein paar Ablenkungen zu schaffen, braucht ebenso nur erw\u00e4hnt zu werden wie die Einrahmung des Stoffs im ersten und letzten Kapitel mit dem wolkenversperrten, weltabgewandten Blick durch das Fenster eines ausgebuchten Billigfliegers \u2013 und dem Eindruck eines stehenden Propellers.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich legt dieser lapidare, tiefpessimistische Roman, dessen unbarmherzige Gesellschaftskritik so allumfassend ist, dass die FAZ schon ein neues Ausloten der Formen realistischen Erz\u00e4hlens in einer Welt des halbvollen Glases konstatiert, seine Schwerpunkte auf die Bildungsmisere dieses Landes. Den ersten, f\u00fcr mich wichtigsten, aus hochschulischer Perspektive. So wundert sich die \u201eM\u00e4rkische Allgemeine\u201c \u00fcber die \u201egnadenlose Sch\u00e4rfe, mit der Christoph Hein die Zust\u00e4nde im deutschen Universit\u00e4tsmilieu entlarvt\u201c, \u00fcber den \u201eUngest\u00fcm, den mentalen und physischen Verschlei\u00df anzuprangern, dem Lehrkr\u00e4fte momentan hierzulande im akademischen Mittelbau unterliegen\u201c.<\/p>\n<p>Stolzenburg dient &#8222;dem Gegengl\u00fcck, dem Geist\u201c (G. Benn), und tut sich damit in der illiteraten kapitalistischen Gegenwart schwer. Denn f\u00fcr Geisteswissenschaften ist kein Geld mehr da. Wo Lehre und Forschung, Kunst und Bildung waren, herrscht Marketing: das Diktat von Nachfrage und Gewinn. Man fragt nach den Kosten, nicht mehr nach dem Sinn einer Aktion. Das sticht mitten hinein in die neudeutsche Gegenwart, in eine Gesellschaft, die ihr Gelingen nach marktwirtschaftlichen Kriterien beurteilt. Die mit ihrem Geist arbeiten, werden zwangsl\u00e4ufig zynisch und deprimiert. Da mutet der Einwand der FAZ \u201eMan wundert sich, was er davor gemacht hat. H\u00e4tte es nicht einen anderen als den universit\u00e4ren Weg gegeben?\u201c eher weltfremd an: selbst wer andere Wege ging, bleibt in seiner Herkunft gefangen \u2013 zum ersten Durchstarten kam es in der DDR nicht mehr, jedes zweite und weitere dagegen wird der Logik einer materialistisch orientierten Gesellschaft geopfert, die selbst von profilierten Intellektuellen erwartet, dass sie sich \u00fcber abrechenbare Leistungen definieren. Sinnfragen sind unerw\u00fcnscht, Nachfragen sowieso. Als Gradmesser gesellschaftlicher Anerkennung gilt allein der finanzielle Erfolg. Das hatte vor wenigen Tagen schon Frank Schirrmacher in der FAZ konstatiert: &#8222;Eine \u00c4ra b\u00fcrgerlicher Politik sah die Deklassierung geistiger Arbeit, die schleichende Zerst\u00f6rung der deutschen Universit\u00e4t, die \u00f6konomische Unterh\u00f6hlung der Lehrberufe&#8220; &#8211; man kann das fast als journalistische Zugabe zum Roman lesen.<\/p>\n<div id=\"attachment_1224\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/08\/fwf-info-67-karikatur3.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1224\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-1224\" title=\"fwf-info-67-karikatur3\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/08\/fwf-info-67-karikatur3.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"296\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/08\/fwf-info-67-karikatur3.jpg 500w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/08\/fwf-info-67-karikatur3-300x177.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1224\" class=\"wp-caption-text\">Quelle: http:\/\/www.fwf.ac.at\/de\/public_relations\/printprodukte\/info\/info67-08-04.pdf<\/p><\/div>\n<p>\u201eZu meinem Helden geh\u00f6rt, dass er bestens ausgebildet ist und schlecht bezahlt wird\u201c, erkl\u00e4rte Hein in einem Interview f\u00fcr den \u00f6sterreichischen Rundfunk. Und bemerkt gallig weiter: \u201eDie Alma Mater ist auf dem Markt gelandet\u2026 Ein Mathematikprofessor vor f\u00fcnfzig Jahren stand in einem Verh\u00e4ltnis von f\u00fcnf zu seinen Studenten. Jetzt k\u00f6nnen Sie bei der Zahl der Studenten eine Null anh\u00e4ngen. Bei den Medizinern k\u00f6nnen Sie zwei Nullen anh\u00e4ngen \u2026 Ich kenne Dozenten, die davon ausgehen, dass 80 Prozent der Hausarbeiten zusammenkopiert sind.\u201c<\/p>\n<p>Entsprechend hat Stolzenburg Motivation und Elan aufgebraucht. Im Seminar \u201etaucht kein einziger Gedanke auf, der, wie unausgegoren auch immer, es wert w\u00e4re, entfaltet zu werden\u2026\u201c.\u00a0 Die Illusionen sind verraucht, inzwischen glimmt die Routine: \u201eEr riss seine Stunden herunter, er arbeitete mit uralten, vor Jahren erstellten Manuskripten, er lebte von der Wiederholung und scheute sich auch nicht, wie ein Stadttheaterbuffo die erfolgreichsten St\u00fccke seines Repertoires immer wieder anzusetzen und, am Pult stehend, einen unendlich oft durchgekauten Gedanken auf eine Art zu pr\u00e4sentieren, als w\u00fcrde ihm dieser Geistesblitz gerade in jenem Moment einfallen.\u201c<\/p>\n<p>Vielleicht gab es zu Beginn seiner Hochschullaufbahn noch Studenten, die seinen Vorlesungen interessiert folgten, doch die Ma\u00dfst\u00e4be haben sich ge\u00e4ndert, in der Gesellschaft und an der Universit\u00e4t. Waren es in Vorzeiten Bildung und Geist, die den Platz eines Menschen oder auch eines Lehrfachs zumindest mitbestimmten, ist der einzig g\u00fcltige, verbliebene Ma\u00dfstab das finanzielle Verm\u00f6gen. Hollert, einer seiner Studenten, die er in der Mehrzahl f\u00fcr lustlos, verw\u00f6hnt, faul und dumm h\u00e4lt, ja als Vertreter der Generation \u201ewillig und billig\u201c als leidenschafts- und ideenlos verachtet, verf\u00fcgt, da von Beruf Sohn, \u00fcber viel mehr Geld als er. Und bei Stolzenburg, der ihn hasst, blitzt wenigstens sporadisch die Wahrnehmung sozialer Wirklichkeit auf, wenn er anmerkt: \u201eEs w\u00e4re vern\u00fcnftiger, das Verh\u00e4ltnis umzudrehen, sein Sch\u00fcler zu werden statt seinen Lehrer zu spielen.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_1225\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/08\/bildung_621945.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1225\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-1225\" title=\"bildung_621945\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/08\/bildung_621945.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"303\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/08\/bildung_621945.jpg 500w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/08\/bildung_621945-300x181.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1225\" class=\"wp-caption-text\">Quelle: http:\/\/de.toonpool.com\/user\/43\/files\/bildung_621945.jpg<\/p><\/div>\n<p>Aber Hollert muss sein Studium unbedingt erfolgreich abschlie\u00dfen, um die Firma seines Vaters erben zu k\u00f6nnen. Stolzenburgs \u201eHilfe\u201c w\u00fcrde er sich 25.000 Euro kosten lassen. Diesem moralischen Haken, der in seinem Leben bisher ein Garant f\u00fcr Halt war, kann er nicht entkommen. Denn wie immer er sich entscheidet, f\u00fcr das geschrumpfte Sein der letzten Jahre oder f\u00fcr ein kleines Abenteuer mit fremdem Geld, er wird verlieren: Entweder sein Selbstbild oder sich selbst im traurigen Niedergang der Wissenschaften. Das bunte, neue Deutschland h\u00e4lt, so Heins Buch, weniger Alternativen bereit, als viele ihm zu Wendezeiten zugetraut hatten.<\/p>\n<p>Gleichzeitig bl\u00fchen die auf, die ihr vieles Geld beispielsweise an den B\u00f6rsen verdienen und mit Werten jonglieren, \u201evon denen Sie nicht wissen, wie sie entstehen, wer sie festlegt und ver\u00e4ndert oder manipuliert, was sie in der wirklichen Welt darstellen\u201c. Jener fast sympathisch gezeichnete Steuerberater etwa, der als Studienabbrecher sein Geld in den fr\u00fchen Morgenstunden mit B\u00f6rsentransaktionen in Asien verdient und sich wundert, dass ein gebildeter Mensch wie Stolzenburg ein so bescheidenes Sal\u00e4r erh\u00e4lt. Auch Stolzenburg steht fr\u00fch auf, er bereitet seine Seminare vor, unterrichtet, betreut Abschlussarbeiten, korrigiert Klausuren\u2026 und erkl\u00e4rt dem Aktienjongleur unger\u00fchrt: \u201eDie Bewegungen der B\u00f6rsennotierungen zu verfolgen, auf Anzeigetafeln mit Zahlen zu starren, mit Rohstoffen und fiktiven Werten zu spekulieren, das w\u00fcrde mich in Depressionen st\u00fcrzen.\u201c<\/p>\n<p>Als zweiten Schwerpunkt identifiziere ich f\u00fcr mich die charakterliche Perspektive auf die Bildungsmisere. Eine Perspektive, die sich aus einem bestimmten Ma\u00df oder eben Nicht-Ma\u00df an Bildung ergibt, oder besser, ihrem (stetig fallenden) Wert, den ihr verschiedene Figuren beimessen. Dass Studienabbrecher B\u00f6rsenf\u00fcchse werden, rhetorisch, historisch und grafisch Begabte einen offenbar europaweiten F\u00e4lscherring aufziehen und mit gef\u00e4lschtem Wissen Gesch\u00e4fte machen, kann Stolzenburg noch in seinen Kosmos einf\u00fcgen \u2013 zumal er als Kurzzeitverd\u00e4chtiger zur punktuellen Aufkl\u00e4rung des F\u00e4lscherrings wenn auch gezwungenerma\u00dfen beitr\u00e4gt. Jene Gang dreizehnj\u00e4hriger M\u00e4dchen, die Stolzenburg mit einer Schlagkette zu Leibe r\u00fccken, \u00fcberschreitet diesen Kosmos dagegen komplett. Er, der Kulturvolle, Gebildete, der die Halbw\u00fcchsigen als Kinder ansieht, deren Gef\u00e4hrlichkeit er bis zuletzt nicht wahrnimmt, reflektiert selbst gr\u00fcn und blau geschlagen sein p\u00e4dagogisches Bem\u00fchen, \u201egegen die aggressiven M\u00e4dchen nicht Gewalt anwenden zu m\u00fcssen\u201c, und die Ursachen f\u00fcr dieses \u201eLeben mit geballten F\u00e4usten\u201c. Das mag das Klischee der verwahrlosten, gewaltbereiten Jugend bedienen (der Roman nutzt in Ma\u00dfen noch weitere), aber es spiegelt vor allem Stolzenburgs zwischen Am\u00fcsement und Fassungslosigkeit pendelnde Gem\u00fctsverfassung, als er sp\u00fcrt, wie Freiheit in neoliberale Grenzenlosigkeit umschl\u00e4gt. Die Konsequenz wird bereits am Ende des ersten Romandrittels pr\u00e4sentiert und liest sich wie eine Synopse seines Lebens: \u201eEr bleibt liegen und wartet. Wartet, was passiert, unf\u00e4hig, sich zu wehren, aufzustehen, zu fl\u00fcchten.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_1222\" style=\"width: 566px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/08\/Hein-Bauer.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1222\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-1222 \" title=\"Hein-Bauer\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/08\/Hein-Bauer.jpg\" alt=\"\" width=\"556\" height=\"419\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/08\/Hein-Bauer.jpg 794w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/08\/Hein-Bauer-300x226.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 556px) 100vw, 556px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1222\" class=\"wp-caption-text\">Quelle: http:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?title=Datei:Christoph_Hein.jpg&amp;filetimestamp=20070211135603<\/p><\/div>\n<p>Welche \u00dcberlebensstrategien, Machtstrukturen, Denkweisen und Phantasien ein desillusionierter Mensch entwickelt, um die t\u00e4glichen Verbitterungen, Erniedrigungen zu ertragen, um W\u00fcrde und Lebensform zu wahren, das interessiert Hein. Und spiegelt in diesem Einzelschicksal aus dem \u201egeisteswissenschaftlichen Prekariat\u201c pr\u00e4zise den Zustand der Gesellschaft. Stolzenburg steckt in einer Welt fest, die nur noch den unmittelbaren Gebrauchswert einer Leistung anerkennt. Alles muss zu Geld werden. Oder zu einer \u201egeldwerten\u201c Leistung. Hein macht vom Besonderen aus das Allgemeine sichtbar, denn die Irritation wirkt fl\u00e4chendeckend: an mehreren Stellen k\u00f6nnte dieser Roman eine Wendung zum Albtraum oder Thriller nehmen \u2013 er l\u00e4sst es. Hein erz\u00e4hlt geheimnislos, gnadenlos, sehr gegenw\u00e4rtig, sehr schlicht, lakonisch, ja karg.<\/p>\n<p>Ich habe mit Hein anl\u00e4\u00dflich der &#8222;Dresdner Taschenbergespr\u00e4che&#8220; Ende der 90er ein wunderbares Interview (er las sein &#8222;Napoleonspiel&#8220;) f\u00fchren d\u00fcrfen. Einen Kernsatz vermittle ich meinen Studenten bis heute weiter: &#8222;Abends schreibt man mehr, aber man muss morgens auch mehr wegschmei\u00dfen. Das etwas unfreundliche Licht der Fr\u00fche hilft bei der Konzentration auf das N\u00f6tige.&#8220;<\/p>\n<p>Er hat ein dringendes, ein n\u00f6tiges Buch geschrieben. Sehr dringend, und sehr n\u00f6tig. Ich w\u00fcrde ihm gern danken. Aber ich kann es gerade nicht. Vielleicht bin ich selbst so ein Phantast, so ein Lebensreformer, Irritierter, Besonderer. So einer, der sich dem N\u00f6tigen nicht konzentriert widmen mag.<\/p>\n<p>Christoph Hein, Weiskerns Nachlass. Suhrkamp Verlag Frankfurt 2011. 319 Seiten, 24,90.<\/p>\n<p><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D1220&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Hein war immer unbequem. Man denke an die Novelle \u201eDer fremde Freund\u201c (1982) und deren gef\u00fchlskalte \u00c4rztin Claudia: Seismograph f\u00fcr ein Land, das an Gleichf\u00f6rmigkeit litt, an einer Perspektive des Wartens, die nur noch wenige Erwartungen in sich trug. Und man denke erst recht an seine \u201eZensur\u201c-Rede auf dem X. Schriftstellerkongress der DDR 1987. Und jetzt also wieder: ein unbequemes Buch. Ein Roman, der schon fast als zeitgeschichtliches Dokument gelten kann. Und den ich f\u00fcr sehr dringend, und sehr n\u00f6tig halte.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1,6,5],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1220"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1220"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1220\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1567,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1220\/revisions\/1567"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1220"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1220"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1220"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}