{"id":1269,"date":"2011-11-27T16:19:10","date_gmt":"2011-11-27T15:19:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=1269"},"modified":"2011-11-28T21:03:28","modified_gmt":"2011-11-28T20:03:28","slug":"zwischen-geschichtsklitterung-und-wahrnehmungsstorung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=1269","title":{"rendered":"Zwischen Geschichtsklitterung und Wahrnehmungsst\u00f6rung"},"content":{"rendered":"<p>Nach einigen stressigen Tagen und Erlebnissen, die (noch) nicht nach Ent\u00e4u\u00dferung dr\u00e4ngten, las ich diese Woche einen Artikel, der zu vielerlei Reaktion provoziert. Mich bspw. wieder einmal zum Reflektieren.<\/p>\n<p>Vorab \u2013 schon die Formalia der Publikation sind einigerma\u00dfen dubios. Ich konstatiere sie hier nur, recherchieren und werten k\u00f6nnen sie andere: B\u00fcrgerrechtlerin <a href=\"http:\/\/www.freya-klier.de\/\" target=\"_blank\">Freya Klier<\/a> \u2013 mit der ich, ehrlich gesagt, bis heute wenig anfangen kann \u2013 hat auf Welt online einen kruden Artikel publiziert, der in 2 Fassungen vorliegt: einer stark und polarisierend kommentierten vom <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/debatte\/kommentare\/article13727979\/Neger-Fidschis-und-die-Heuchelei-der-Linken.html?wtmc=plista\" target=\"_blank\">21.11.<\/a> und einer wenig kommentierten, daf\u00fcr verlinkten vom <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/print\/die_welt\/debatte\/article13728976\/Das-braune-Erbe-des-Sozialismus.html\" target=\"_blank\">22.11.<\/a> F\u00fcr beide ist die Kommentarfunktion geschlossen.<\/p>\n<p>Die Quintessenz des Artikels lautet: \u201eDie DDR-B\u00fcrger misstrauten Normabweichungen. Und die SED bereitete den N\u00e4hrboden f\u00fcr Rassismus und Ausl\u00e4nderfeindlichkeit.\u201c Das ist nun weder eine nobelpreisw\u00fcrdige Erkenntnis noch in dieser Pauschalisierung gerechtfertigt, aber abgesehen von der Unsch\u00e4rfe des Nomens \u201eNorm\u201c kann (soll \/ muss?) man das mal als Diskussionsgrundlage nehmen &#8211; die braune Schm\u00e4h aus Sachsen dr\u00e4ngt nach Erkl\u00e4rung, nach Hintergrund.\u00a0 Das nichts\u00e4chsische Problem dabei: Klier mischt verschiedene soziale, ideologische und \u00f6konomische Sachverhalte so holzh\u00e4mmernd persuasiv, dass die Wahrheit auf der Strecke bleibt und ich mich nach der Lekt\u00fcre zun\u00e4chst fragte, ob ich in demselben Land gro\u00df wurde wie sie oder ob sie in einer Parallelwelt lebte.<\/p>\n<p>An den Kommentaren unter der ersten Essayfassung wird deutlich, dass viele ihrer faktischen Aussagen (Absonderung, Sprachlernverbot, Abtreibungszwang\u2026) schlicht gelogen sind. Und perspektivenabh\u00e4ngig k\u00f6nnte man auch meinen, dass Vietnamesen und Mosambikaner hier lernen konnten und sollten, um sp\u00e4ter die fachliche und intellektuelle Basis ihrer Heimatl\u00e4nder zu st\u00e4rken. Aber darum soll es mir gar nicht gehen. Ich st\u00f6re mich vor allem an dem konstruierten Zusammenhang, wonach \u201eden Linken\u201c Menschenleben nur dann wichtig seien, \u201ewenn sie sich politisch instrumentalisieren lassen\u201c; und der Behauptung, dass das ausl\u00e4nderfeindliche Klima in den neuen L\u00e4ndern dem \u201ejahrzehntelangen Aderlass glaubw\u00fcrdiger und bitter notwendiger Autorit\u00e4ten\u201c geschuldet sei, da sich \u201eunter den drei Millionen (in die BRD, TH) vergraulten DDR-B\u00fcrgern fast unsere gesamte kritische Intelligenz befand. Hier sind Generationen abgetragen worden.\u201c<\/p>\n<p>Ja, Freya Klier, es sind Generationen abgetragen worden. Aber weit mehr als die 3 Millionen mehr oder weniger autorit\u00e4rer Anti-Autorit\u00e4ten sind es die DDR-Generationen, die mit jenem Gedanken aufwuchsen, der auch heute wieder Mode ist: Leistung bestimmt \u00fcber den Platz in der Gesellschaft. Und genau das hat sich seit der Deutschen Einheit ins Gegenteil verkehrt, denn: Leistungen zu erbringen, in einem und f\u00fcr ein Gemeinwesen t\u00e4tig zu sein setzt voraus, dass man sie erbringen kann; dass Leistung gewollt und entsprechend honoriert wird. Beides ist seitdem nicht mehr der Fall.<\/p>\n<p>Uwe Hassbecker hat das in die erschreckend-bezeichnende Metapher gebracht \u201e\u2026so richtig wollen sie uns nicht an ihrem Tisch Platz nehmen lassen\u2026\u201c In meinem <a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=602\" target=\"_blank\">Post<\/a> dazu hatte ich das erg\u00e4nzt: sie wollen Platz nehmen, aber d\u00fcrfen es nicht. Sie wollen gut sein und brauchen es nicht. Sie wollen wirken und werden abgew\u00fcrgt. Und hier liegt das Problem, das der Begriff \u201estrukturelle Gewalt\u201c auf den Punkt bringt. Seit <a href=\"http:\/\/www.franzkafka.de\/franzkafka\/home\/\" target=\"_blank\">Kafka<\/a> ahnen wir, wie sich das anf\u00fchlt. Aber seit der Einheit erleben wir es: der Ossi ist Ausl\u00e4nder in Deutschland.<\/p>\n<p>Ein simples Beispiel: Wenn ein studierter Volkswirt mit griechischen Wurzeln wie Apostolos  Tsalastras mit dem entsprechenden Parteibuch Finanzdezernent wird, kann  man 2011 dar\u00fcber parteipolitisch lamentieren oder eurom\u00fcde l\u00e4stern &#8211;  keinesfalls aber sich an der Unkenntnis des Kandidaten st\u00f6ren. Aber wenn jemand wie ich &#8211; 46, zwei akademische Grade, 15 Jahre Berufserfahrung in \u2013zig Funktionen, \u00fcber 20 Semester Lehrerfahrung an Hochschulen\u2026- im Sommer 2008 in der Dresdner Arbeitsagentur vorstellig werden muss und von einem blonden, wolgadeutschen Herzchen von Ende 20 \u201efallgemanaged\u201cwerden sollte, das die Sprache, in der ich promoviert habe, noch mal nicht fehlerfrei beherrschte, vom Beherrschen des ihr zur Verf\u00fcgung stehenden Instrumentariums gleich ganz zu schweigen\u2026 dann ist das Leistungsprinzip pervertiert, dann liegt ein prinzipieller Systemfehler vor, den Klier zu erkennen offenbar ebenso unf\u00e4hig wie unwillig ist.\u00a0\u00a0<em> <\/em><\/p>\n<p>Die Kehrseite dieses Systemfehlers ist die Instrumentalisierung \u2013 nein, nicht durch die Linken, sondern die dilettierende Berliner Koalition. Neben den Zumutungen f\u00fcr Ein-Euro-Jobber denke ich vor allem an die \u201eBufdis\u201c.<\/p>\n<div id=\"attachment_1270\" style=\"width: 558px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/11\/gebraucht.jpeg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1270\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-1270\" title=\"Plakat Bundesfreiwilligendienst\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/11\/gebraucht.jpeg\" alt=\"\" width=\"548\" height=\"759\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/11\/gebraucht.jpeg 548w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/11\/gebraucht-216x300.jpg 216w\" sizes=\"(max-width: 548px) 100vw, 548px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1270\" class=\"wp-caption-text\">Werbeplakat der Bundesregierung 2011<\/p><\/div>\n<p>Unter dem bezeichnenden Slogan \u201eNichts erf\u00fcllt mehr, als gebraucht zu werden\u201c wirbt Kristina Schr\u00f6ders Ministerium um Freiwillige jeden (!) Alters, die f\u00fcr h\u00f6chstens 330,- Euro Taschengeld Leistungen erbringen sollen wie \u201emit Kindern spielen, Biotope pflegen, Seniorinnen und Senioren aus der Zeitung vorlesen, Bio\u00e4pfel verkaufen oder Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler durchs Theater f\u00fchren\u2026\u201c &#8211; Leistungen also, die normalerweise von Erziehern, G\u00e4rtnern, Altenpflegern, Verk\u00e4ufern oder Theaterp\u00e4dagogen geleistet werden. Was f\u00fcr ein Hohn! Man stelle sich vor: eine DDR-Facharbeiterin mittleren Alters, die nach der Einheit ihre Leistung weiter bringen wollte, aber nicht mehr durfte, weil sie weder von Staat noch Privatwirtwirtschaft mehr gebraucht wurde, die sich dann m\u00fchsam von Monat zu Monat hangelte, hat jetzt als Seniorin \u201eZeit, das Richtige zu tun\u201c (wie der zweite Werbeslogan suggeriert) , darf jetzt, ohne Aussicht auf eine halbwegs reichende Rente, von dem Gef\u00fchl gebraucht zu werden wieder erf\u00fcllt sein? Am Ende ihrer Berufskarriere einen neuen Vollberuf ausf\u00fcllen, den der Staat nicht finanzieren will, und daf\u00fcr mit l\u00e4cherlichem Entgelt abgespeist werden? Denn alles, was sie vorher geleistet hatte und weiter leisten wollte, war ja keine Leistung, sondern falsch?<\/p>\n<p>Dieses Land hat ein Transmissionsproblem. Leistung &#8211; was ist das? Und wenn &#8211;\u00a0 ja, aber bitte umsonst. Hier sind s\u00e4mtliche Relationen au\u00dfer Kraft gesetzt.<br \/>\n<iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D1269&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach einigen stressigen Tagen und Erlebnissen, die (noch) nicht nach Ent\u00e4u\u00dferung dr\u00e4ngten, las ich diese Woche einen Artikel, der zu vielerlei Reaktion provoziert. Mich bspw. wieder einmal zum Reflektieren. Vorab \u2013 schon die Formalia der Publikation sind einigerma\u00dfen dubios. 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