{"id":1281,"date":"2011-12-05T20:59:29","date_gmt":"2011-12-05T19:59:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=1281"},"modified":"2011-12-05T21:00:16","modified_gmt":"2011-12-05T20:00:16","slug":"1281","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=1281","title":{"rendered":"Wie die &#8222;Welt&#8220; weniger als Deutschland wird&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Langsam schie\u00dfe ich mich auf die \u201eWelt\u201c ein. Aber das Blatt f\u00e4hrt gegenw\u00e4rtig auch eine derart ungl\u00fcckliche Linie bei der Auswahl der Gastkommentatoren, dass au\u00dfer erbostem Wundern nicht viel sonst zur Alternative steht. Diese Woche also meinte ein \u201eUnternehmer und Kommunikationsberater\u201c, dass Deutschland zur \u201e<a href=\"http:\/\/www.welt.de\/debatte\/kommentare\/article13739759\/Deutschland-mutiert-zur-Blockfloetendemokratie.html\" target=\"_self\">Blockfl\u00f6tendemokratie<\/a>\u201c mutiere, die von Wendeh\u00e4lsen dominiert w\u00fcrde, \u201eegal, welche Partei federf\u00fchrend ist.\u201c Daraus erg\u00e4be sich die Notwendigkeit, \u201eein klares Programm\u201c entgegenzusetzen. Ach ja, und die Kommentarfunktion ist nat\u00fcrlich wieder geschlossen.<\/p>\n<p>Das gegenw\u00e4rtige Bundestags-Parteienunwesen als \u201eformal aufgespaltene Einheitspartei\u201c zu analysieren, halte ich mit Ausnahme der Linken sogar f\u00fcr zutreffend. Aber schon bei den n\u00e4chsten S\u00e4tzen f\u00fchle ich mich d\u00fcpiert. Dass die \u201eMetastudie der amerikanischen Arbeitsmarktforscher David Neumark und William L. Wascher\u201c mitnichten zu dem Ergebnis kam, \u201edass ein Mindestlohn unqualifizierte Arbeitskr\u00e4fte, die bisher noch Anstellung finden, rigoros vom Markt verdr\u00e4ngen w\u00fcrde\u201c, wurde in den Kommentaren ausgiebig widerlegt. Dass Positionen, die bisher nur in der SPD denkbar waren, in der CDU \u00fcber Nacht mehrheitsf\u00e4hig werden, ist (einzig) der Logik der Macht geschuldet: allein scheint derzeit nichts als die Flucht nach links zu bleiben, wollen sie bei der n\u00e4chsten Wahl nicht marginalisiert werden. Das erkennt der Autor \u00fcbrigens selbst: \u201eMan h\u00f6rt zu, welche Melodien auf der Stra\u00dfe gepfiffen werden, und spielt diese dann nach, so schief sie klingen m\u00f6gen. Was von Politik bleibt ist der Wille zur Macht, oder pr\u00e4ziser: Der Wille an der Macht zu bleiben.\u201c Genau. Aber: \u201eDie Bev\u00f6lkerung f\u00fchlt diffus links, und denkt diffus Gr\u00fcn.\u201c \u00a0Hier liegt der Hase im Pfeffer (dass der Schreiber ein Liberaler ist \u2013 geschenkt)!!!<\/p>\n<p>Links jedoch ist der Platz (noch) besetzt. Welche Alternativen bleiben? Keine. Die inzwischen machtversessenen, aber Wowereit z\u00fcrnenden Gr\u00fcnen, mit denen es nach Berlin und Stuttgart 21 \u00e4hnlich abw\u00e4rts geht wie seit langem mit den Liberalen, kuscheln mit der CDU, um wenigstens ansatzweise ihre Macht zu erhalten.\u00a0 Andernfalls laufen ihnen die \u201eJungen\u201c davon und entern die Piraten. Und die? Ich w\u00fcnsche mir, dass die Piraten professioneller werden, und f\u00fcrchte mich zugleich davor. Wieviel Schizophrenie kann ein Deutscher ertragen? Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen haben sie auf dem Bundesparteitag eine akzeptable, mit der Drogenfreigabe eine unsinnige Duftmarke gesetzt. Nebenbei: dass prompt schon Vokabeln wie \u201ephantasielose Umverteilungspartei\u201c die Runde machen, zeugt von der Phantasielosigkeit der Urheber.<\/p>\n<p>Weiter. \u201eUm nominell f\u00fcr Gerechtigkeit zu einzustehen, nimmt man in Kauf, dass Arbeiten, die bisher in Deutschland von niedrig qualifizierten erledigt wurden, ganz ins Ausland abwandern.\u201c Aha. Ich transportiere also das Fenster, das ich geputzt haben m\u00f6chte, nach Polen, wo ich keinen Fensterputzer mehr finde, da diese alle nach GB ausgewandert sind? Geht\u2019s noch, \u201eWelt\u201c, das habt ihr selbst erst k\u00fcrzlich<a href=\"http:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/article13468290\/Deutschland-fuer-polnische-Geringverdiener-unattraktiv.html \" target=\"_blank\"> ad absurdum<\/a> gef\u00fchrt? Volksvertreter bewegen sich in relativer Autonomie vom spontanen Volkswillen, auch \u201eeinen Fraktionszwang gibt es nicht\u201c. Wo lebt dieser Mensch?<\/p>\n<p>\u201eEine Regierung, die sich stets dem populistischen Volkswillen beugt, \u00f6ffnet einem Totalitarismus des herrschenden Meinens T\u00fcr und Tor.\u201c Ah, jetzt kommen wir dahin, wo wir hin m\u00fcssen! \u201eDer r\u00f6mische Philosoph Seneca sagte schon vor knapp 2000 Jahren: \u201eMan sollte sein Streben danach ausrichten, was das beste Handlungsziel ist und nicht nach dem, was allgemein \u00fcblich ist. Die Masse war schon immer der schlechteste \u00dcbersetzer der Wahrheit\u201c. Und damit hat er Recht.\u201c Nat\u00fcrlich hat er das! Aber an welchem Denkfehler liegt das? Masse (Populismus) und Wahrheit sind zwei unterschiedliche Dinge. Und genau hier liegt das derzeitige Problem aller westeurop\u00e4ischen Demokratien. Warum sollte das Empfinden der Vielen \u00fcber das Tun der Wenigen schlecht sein? Wie k\u00f6nnen sich die Wenigen anma\u00dfen, ein Handlungsziel zu verfolgen, dass die Vielen benachteiligt? Oder treffender: was f\u00fcr ein Handlungsziel au\u00dfer der Sicherung ihrer Pfr\u00fcnde haben diese Wenigen eigentlich? Was sollten sie aber auch f\u00fcr eins haben, da sie als Listenluschen nichts weiter k\u00f6nnen als verzweifelt den Status Quo zu sichern \u2013 denn \u201emehr\u201c k\u00f6nnen sie nicht! Die Blockfl\u00f6tendemokratie ist Ausdruck der geistigen Auszehrung unserer Gesellschaft. Weil wir eine zusehende Gesellschaft geworden sind, haben wir viel an kritischem, machendem Geist eingeb\u00fc\u00dft. Und gerade Funktionseliten wie \u00a0Parteimanager sehen in gebildeten Zeitgenossen eher eine Gefahr &#8211; die stromlinienf\u00f6rmige Politkarriere ist die Regel geworden.<\/p>\n<p>Was w\u00e4re also zu tun? Politiker und Parteien h\u00e4tten sich darauf zu besinnen, dass sie die Repr\u00e4sentanten, nicht die Verk\u00f6rperung des Volkswillens sind. \u201eWer versucht, f\u00fcr alle zu sprechen, wird am Ende alle g\u00e4ngeln.\u201c Eben nicht. Wer versucht, f\u00fcr die Mehrheit zu sprechen, muss die Minderheit g\u00e4ngeln \u2013 das trifft es! Und diese G\u00e4ngelung in Form von Mindestlohn sowie Reichen- und Erbschaftssteuer ist \u00fcberf\u00e4llig! Wenn im Mittelpunkt nicht mehr die Entfaltung jedes Einzelnen steht, so lange er der Freiheit niemandes anderem dabei Schaden zuf\u00fcgt, sondern die Entfaltung von Strukturen, die der Freiheit aller Schaden zuf\u00fcgen, dann muss eingegriffen werden. Wer nicht mehr arbeitet, sondern nur noch sein Geld arbeiten l\u00e4sst, musst wieder lernen, wie er Geld erh\u00e4lt \u2013 von verdienen kann in diesem Land schon lange niemand mehr sprechen.<\/p>\n<p>&#8222;Das allgemeine Wahlsystem in einem gleichg\u00fcltigen Land l\u00e4uft immer darauf hinaus, die Macht in die H\u00e4nde deklassierter Schw\u00e4tzer zu legen&#8220;, wusste schon Hippolyte Taine (franz\u00f6sischer Historiker und Philosoph, 1828 &#8211; 1893). Musss man da noch mehr sagen?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Langsam schie\u00dfe ich mich auf die \u201eWelt\u201c ein. Aber das Blatt f\u00e4hrt gegenw\u00e4rtig auch eine derart ungl\u00fcckliche Linie bei der Auswahl der Gastkommentatoren, dass au\u00dfer erbostem Wundern nicht viel sonst zur Alternative steht. Diese Woche also meinte ein \u201eUnternehmer und Kommunikationsberater\u201c, dass Deutschland zur \u201eBlockfl\u00f6tendemokratie\u201c mutiere, die von Wendeh\u00e4lsen dominiert w\u00fcrde, \u201eegal, welche Partei federf\u00fchrend ist.\u201c Daraus erg\u00e4be sich die Notwendigkeit, \u201eein klares Programm\u201c entgegenzusetzen. Das gegenw\u00e4rtige Bundestags-Parteienunwesen als \u201eformal aufgespaltene Einheitspartei\u201c zu analysieren, halte ich mit Ausnahme der Linken sogar f\u00fcr zutreffend. 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