{"id":1285,"date":"2011-12-20T16:46:00","date_gmt":"2011-12-20T15:46:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=1285"},"modified":"2021-02-08T10:23:46","modified_gmt":"2021-02-08T09:23:46","slug":"man-versteht-nicht-was-man-nicht-mit-anderen-teilt-christa-wolf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=1285","title":{"rendered":"\u201eMan versteht nicht, was man nicht mit anderen teilt.\u201c (Christa Wolf)"},"content":{"rendered":"<p>Es waren keine guten Tage, die letzten; Vaclav<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/V%C3%A1clav_Havel\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"> Havels<\/a> Gehen beendet sie jetzt hoffentlich. &#8222;Wie sind wir so geworden, wie wir heute sind? Eine der Antworten w\u00e4re eine Liste mit Buchtiteln&#8220;, fragt und antwortet die Autorin der \u201eKindheitsmuster\u201c in denselben. Stimmt. Eine andere w\u00e4re eine Liste mit Filmen. Mir ist, als h\u00e4tte ohne Abl\u00f6sung in Sichtweite eine gleich zweifache Schildwacht f\u00fcr mich und meine Generation den Posten verlassen. Denn zwei, die meine Listen ma\u00dfgeblich pr\u00e4gten, sind nicht mehr.<\/p>\n<p>Der eine pr\u00e4gte meine Kindheit: Zdenek <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Zden%C4%9Bk_Miler\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Miler<\/a>. Oder besser: sein Maulwurf (denn von wem er gezeichnet war, erfuhr ich viel sp\u00e4ter). Der erste Film \u2013 jene legend\u00e4re maulw\u00fcrfische Hosenproduktion mit dem Krebs als Zuschneider \u2013 lief, wie die meisten anderen danach auch, Sonntagnachmittag als \u201eAbenteuer im M\u00e4rchenland\u201c, mit Meister Nadel\u00f6hr, Pitti und Schnatterinchen. Drei Dinge waren es, die mich faszinierten: die gro\u00dfen Hosentaschen (Schatzkammern auch meiner Kindheit), die gro\u00dfen Augen samt dem O-Mund (so staune ich auch immer, noch jetzt) und die vielen Tierfreunde, denen er ebenso half wie sie ihm. Rakete, Schneemann, Gro\u00dfstadt\u2026 &#8211; der Maulwurf erinnert mich bis heute daran, dass unser Wissen mit unserer Sehnsucht nie \u00fcbereinstimmt. Diese Projektion machte ihn so liebenswert \u2013 er erlebte jene Realit\u00e4t, aus der ich nie wegwollte.<\/p>\n<div id=\"attachment_1286\" style=\"width: 493px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/maulwurf.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1286\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-1286\" title=\"maulwurf\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/maulwurf.jpg\" alt=\"\" width=\"483\" height=\"322\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/maulwurf.jpg 483w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/maulwurf-300x199.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 483px) 100vw, 483px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1286\" class=\"wp-caption-text\">Der Meister und seine Sch\u00f6pfung. Quelle: http:\/\/www.welt.de\/multimedia\/archive\/01518\/ak_maulwurf_DW_Bay_1518281p.jpg<\/p><\/div>\n<p>Die andere \u2013 eben <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Christa_Wolf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Christa Wolf<\/a> \u2013 pr\u00e4gte mich vor allem als Germanistik-Student, aber eigentlich bis heute\u2026 Ingeborg Harms hat in ihrem Nachruf \u2013 unbewusst \u2013 das Gespinst benannt, das f\u00fcr mich zwischen Wolf und Miller besteht: \u201eLiteratur war f\u00fcr sie der Passierschein in eine M\u00f6glichkeitswelt: Christa Wolf suchte zeitlebens den Anschluss an das, was sie f\u00fcr wahr hielt.\u201c Mit ihr verschwindet eine Welt: die, in der B\u00fccher noch etwas galten. Die, in der Autoren ihren Lesern mehr waren als nur Verfasser von Texten. Und die, in der deren Figuren weniger durch ihr Aussehen, ihre Hobbys, ihren Tonfall bedeutsam wurden. Es war nicht wichtig, wie eine Figur etwas sagte, sondern was sie sagte, las ich j\u00fcngst. Es war nicht wichtig, wer es sagte, sondern dass es gesagt wurde.<\/p>\n<p>Noch einmal bl\u00e4ttern in ihren B\u00fcchern, die ich \u201everzierte\u201c mit vielen kleinen Eselsohren, Anmerkungen, Unterstreichungen; die Passagen abrufen, die ich auswendig wusste, weil sie einen Weg wiesen, wie &#8211; wenn auch m\u00fchsam &#8211; entfremdeten Verh\u00e4ltnissen Sinn abzuringen ist; die Bilder, mit denen ich mir und anderen Mut machte &#8211; selbst wenn wir von Sinn- und Mutlosigkeit sprachen. Es sind diese Fetzen, die Herkunft und Hoffnung des einen kriegsgeborenen Halbdeutschland erfahrbarer werden lie\u00dfen als aller Unterricht. Weil, wie Arno Widmann treffend formulierte, die Wahrheit nicht etwas ist, was wir irgendwo abholen und vertreten k\u00f6nnen, sondern dass etwas durch uns hindurch gegangen sein muss, um wahr zu sein.<\/p>\n<p>Der emotionalste und zugleich profundeste Nachruf stammt aus der Feder einer Kritikerin, von der ich ihn am wenigsten erwartete: <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Iris_Radisch\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Iris Radisch<\/a>. \u201eAber im Grunde hat sie alles, die Politik, die DDR, das Leben, romantisch gesehen\u201c, schrieb sie in der ZEIT. Ja, das war einer ihrer Grundz\u00fcge beim \u201eSich-Heranarbeiten an die innere Grenzlinie\u201c, wie Wolf ihr Schreiben nannte. Eine romantisch erweiterte Politikauffassung, die das Pers\u00f6nliche \u00f6ffentlich und das \u00d6ffentliche pers\u00f6nlich verstehen m\u00f6chte. Die Aufkl\u00e4rerin Christa Wolf war eine deutsche Romantikerin in dem Sinn, dass sie im irreparablen Dissens zum Status quo der Welt wohnte. Ihr Hauptthema war das Leiden an einer Gesellschaft, die weit hinter den Entw\u00fcrfen einer besseren Welt zur\u00fcckbleibt. \u00a0\u201eFreitag\u201c-Herausgeberin <a href=\"http:\/\/www.danieladahn.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Daniela Dahn<\/a> (die mit ihrem \u201eCoitus interruptus\u201c das f\u00fcr mich immer noch g\u00fcltigste Bild der Wiedervereinigung entwarf) brachte es auf den Punkt: \u201eStellvertretend f\u00fcr viele in Ost und auch in West, die an der Utopie einer gerechten Gesellschaft festhielten, bleibt Christa Wolf auch im vereinten Land Dissidentin.\u201c \u201eIch habe dieses Land geliebt\u201c, schrieb Wolf 1993 an G\u00fcnter Grass. \u201eDass es am Ende war, wusste ich, weil es die besten Leute nicht mehr integrieren konnte, weil es Menschenopfer forderte.\u201c Das mag man sich heute \u00f6fter durch den Kopf gehen lassen\u2026<\/p>\n<p>Der zweite Grundzug, untrennbar mit dem ersten verwoben: ihre Sprache, die fast unisono von allen Portr\u00e4tierenden und Erinnernden gew\u00fcrdigt wird. Radisch spricht von einer unverwechselbaren Stimme, einem in die Magengrube fahrenden, immer ein bisschen wehen Moll-Ton. Und <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Christoph_Dieckmann\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Christoph Dieckmann<\/a> gar von einem Christa-Wolf-Sound: \u201e\u2026dieser gr\u00fcbelnde, rauschende Bewusstseinsstrom der Selbst- und Welterkundung\u2026\u201c Ihr Schreiben war kein Behaupten, sondern ein Suchen, Fragen, Sichvorantasten im scheinbar Ungewissen. Oder zumindest die authentische Inszenierung einer solchen bedingungslosen Offenheit, wie Radisch mutmasst. Ein so dichtes, dabei rhythmisches Schreiben, das andere Prosa einfach nur platt wirken l\u00e4sst, hat auch etwas Sperriges: der Leser wird gezwungen, genau zu lesen. Sich einzulassen auf den Gedanken- und Gef\u00fchlskosmos, in den er da eintaucht. Dieser Moll-Ton \u00fcbrigens, dieser \u201ekeusche pfarrh\u00e4usliche Sehnsuchtston\u201c (Radisch) verweist auf einen sekund\u00e4ren Aspekt nicht nur ihres Schreibens. Das Bewusstsein, aus vielerlei Mangelerfahrung heraus sich zu artikulieren, kann Sperriges auch schmerzen lassen. \u201ePreu\u00dfisch dosiert und beherrscht, durchwaltet Christa Wolfs Werk ein schmerzlich sentimentalischer Zug. Ohne ihn ist keine Liebe, doch er muss erlitten werden, sonst w\u00fcrde er Kitsch\u201c, meint Dieckmann. Wolf selbst spricht von einem \u201enie sich abnutzenden Schuldgef\u00fchl, das uns, die wir den Mangel kennen, einen jeden Genuss durchdringt und erh\u00f6ht.\u201c <a href=\"http:\/\/www.wenzel-im-netz.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Hans-Eckart Wenzel<\/a> behauptet gar, sie akzeptiere \u201eeine Unfreiheit im weitesten Sinne, weil sie ihre Verankerungen in die Welt nicht kappte. Um keiner Mode, um keiner Macht willen.\u201c Vielleicht sind es aber solche Mangel- und Unfreiheitserfahrungen, dieses Wissen um die Einmaligkeit jedweden Genusses, die in einer Welt, in der alles \u201egleichg\u00fcltig, weil gleich g\u00fcltig\u201c sei (Peter Turrini), jene Art von Reflexivit\u00e4t zeitigt, die heutigen kurzlebigen Erfolgsautoren, und nicht nur ihnen, v\u00f6llig abgeht.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<div id=\"attachment_1288\" style=\"width: 430px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/portr\u00e4t.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1288\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-1288 \" title=\"picture-alliance\/ dpa\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/portr\u00e4t.jpg\" alt=\"\" width=\"420\" height=\"274\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/portr\u00e4t.jpg 600w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/portr\u00e4t-300x196.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 420px) 100vw, 420px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1288\" class=\"wp-caption-text\">Cnrista Wolf auf der Leipziger Buchmesse 2004. Foto: Peter Endig. Quelle: http:\/\/www.lima.diplo.de\/contentblob\/2192878\/Galeriebild_gross\/356378\/Christa_Wolf_2.jpg<\/p><\/div>\n<p>Der dritte Grundzug ist kein textimmanenter, sondern hat etwas mit Christa Wolfs vor allem rechtselbischer Rezeption zu tun. Als \u201etranszendierende Lebensmitschrift\u201c sah Radisch die Texte, die in diesem \u201eZustand zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit\u201c balancierten, ein Jahrhundertgef\u00fchl von transzendentaler Obdachlosigkeit trafen. Wer schon 1979 \u201eKein Ort. Nirgends\u201c titelte und darin S\u00e4tze schrieb wie \u201eWo du nicht bist, da ist das Gl\u00fcck\u201c, konnte Unbehaustheit knapper nicht artikulieren. Woran noch glauben? Woraufhin leben? Viele DDR-Leser projizierten in Christa Wolfs Werk und ihre Pers\u00f6nlichkeit einen Mut, den sie sich erhofften und oft selbst nicht aufbrachten: die Erde bewohnbarer zu machen. Ich stimme Radisch v\u00f6llig zu, die meint: \u201eModerne Literatur sorgt sich um den Einzelnen, mit dessen Einsamkeit sie sich abgefunden hat; die Literatur, f\u00fcr die Christa Wolf zu Recht ber\u00fchmt ist, sehnt sich nach der \u00dcberwindung seiner Einsamkeit. Sie hat, ob es gef\u00e4llt oder nicht, eine h\u00f6here Herzfrequenz und einen weiteren Horizont.\u201c \u00c4hnlich Dieckmann: \u201eDer verunfallte Staat wurde zum menschlichen Kontinent. Global war auch Christa Wolfs moralischer Horizont, ihr universales Fragen.\u201c Nebenbei: Dieckmann (der f\u00fcr die ZEIT schreibt) erkl\u00e4rte, und ich reihe mich da gern mit ein:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDiese Unterscheidung von Historie und Einzelgeschick wurde mir zur goldenen Regel des Reporterberufs: Vermittle zwischen Gro\u00dfgeschichte und Biografie. F\u00fcge beiden das wechselseitig Fehlende hinzu. Lass die Spannungen gelten. In den Br\u00fcchen nisten die Geschichten.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Aber genau diese ungebundenen Horizonte scheinen heute angesichts television\u00e4rer Krawallformate, historischer Unbildung und realpolitischer Simplifizierungsdramaturgie ein Problem zu sein, anders sind dummdreiste Erb\u00e4rmlichkeiten wie dieser Leserkommentar in der \u00a0\u201e<a href=\"http:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/article13745807\/Christa-Wolf-die-Leibhaftige-von-Weltrang.html?wtmc=google.editorspick\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Welt<\/a>\u201c kaum erkl\u00e4rbar: \u201eDie Frau hat drei Jahre f\u00fcr die Stasi gearbeitet. Eine Stunde ist schon ein Verbrechen an seinen Mitb\u00fcrgern. Die B\u00fccher, welche gr\u00f6sstenteils von Ex-Stasileuten und Parteigenossen gekauft wurden, sind hohles Geschwurbel und man darf fragen, was darin intellektuell oder nur lesenswert ist.\u201c Dass Nobelpreistr\u00e4ger <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/G%C3%BCnter_Grass\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">G\u00fcnter Grass<\/a> in einer leidenschaftlichen Rede inzwischen eine Entschuldigung von Wolfs westdeutschen Kritikern gefordert und f\u00fchrenden deutschen Zeitungen vorgeworfen hat, nach dem Fall der Mauer eine &#8222;\u00f6ffentliche Hinrichtung&#8220; an der Autorin zelebriert zu haben, nehmen solche Kleingeister offenbar gar nicht wahr. Und erinnern wir uns: als Ernst J\u00fcnger (&#8222;In Stahlgewittern&#8220;) starb, waren neben dem damaligen MP Erwin Teufel auch Regierungsvertreter und f\u00fcnf Bundeswehrgener\u00e4le bei der Beisetzung dabei.\u00a0 Hier waren es nur Ost-Politiker und gesamtdeutsche Kollegen. Vielleicht sollte man die Horizontfrage weiter fassen&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<div id=\"attachment_1289\" style=\"width: 458px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/tot.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1289\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-1289  \" title=\"tot\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/tot.jpg\" alt=\"\" width=\"448\" height=\"252\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/tot.jpg 800w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/tot-300x168.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 448px) 100vw, 448px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1289\" class=\"wp-caption-text\">Trauerzug in Berlin. Quelle: http:\/\/www.bz-berlin.de\/multimedia\/archive\/00334\/christa-wolf3_3346516.jpg<\/p><\/div>\n<p>\u201eDDR-Literatur muss auch ohne DDR funktionieren, sonst ist sie keine Literatur\u201c, postulierte Evelyn Finger, noch drastischer Egon Bahr: \u201eDie Spaltung darf nicht \u00fcber den Tod hinausreichen.\u201c F\u00fcr mich geh\u00f6ren vor allem zwei Texte zum Besten, was deutsche Literatur (nicht DDR-Literatur) nach 1945 hervorbrachte. Neben der schon genannten romantischen Novelle \u201eKein Ort. Nirgends\u201c ist es ein Prosast\u00fcck, das Wolf parallel dazu begann, aber erst \u201ein der Windstille zwischen zwei Epochen\u201c 1989 freigab: \u201eSommerst\u00fcck\u201c (Fritz J. Raddatz forderte damals in der ZEIT den Nobelpreis f\u00fcr die Autorin, den sie \u2013 nach Hertha M\u00fcllers Ehrung \u2013 absehbar nicht mehr erhalten w\u00fcrde).<\/p>\n<div id=\"attachment_1290\" style=\"width: 455px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/Sommerst\u00fcck.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1290\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-1290\" title=\"Sommerst\u00fcck\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/Sommerst\u00fcck.jpg\" alt=\"\" width=\"445\" height=\"634\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/Sommerst\u00fcck.jpg 445w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/Sommerst\u00fcck-210x300.jpg 210w\" sizes=\"(max-width: 445px) 100vw, 445px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1290\" class=\"wp-caption-text\">Original der Erstausgabe, Aufbau-Verlag Berlin 1989<\/p><\/div>\n<p>Eine faszinierende Endzeitnovelle, ein Abschiedsspiel mit autobiographischen Z\u00fcgen, eine Midlife-Party der verlorenen Tr\u00e4ume. Portr\u00e4tiert werden anspruchsvolle Selbstverwirklicher, die einst dachten, ihnen st\u00fcnde mehr Welt als je zuvor offen, und nun desillusioniert an ihren verbliebenen Sehns\u00fcchten laborieren. Die entscheidenden S\u00e4tze sind bis heute:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eGanz deutlich, bedr\u00e4ngend sogar, sp\u00fcrten sie doch bei aller Lebensf\u00fclle einen Vorrat in sich, der niemals angefordert wurde, ein Zuviel an F\u00e4higkeiten und Eigenschaften, die sie f\u00fcr n\u00fctzlich und brauchbar hielten, die eine Vergangenheit und, so hofften sie immer noch, eine Zukunft hatten, aber keine Gegenwart. Was eine Zeiterscheinung war, bezogen sie noch auf sich. Sie waren es, die nicht gebraucht wurden.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Wir \u2013 ein gutes Dutzend Magdeburger Germanistikabsolventen mit Kind und Kegel &#8211;\u00a0 lasen uns w\u00e4hrend des Augusts 1989 wechselseitig daraus vor. Das Diplom lag ein Jahr zur\u00fcck; eigentlich h\u00e4tten wir angekommen sein m\u00fcssen, uns gebraucht f\u00fchlen (dass wir Monate danach nochmals aufbrechen sollten, nahmen wir in dieser Sch\u00e4rfe noch nicht wahr). Wir hatten unser Sommercamp in der tiefsten Th\u00fcringer Rh\u00f6n bezogen, lebten wie eine insul\u00e4re Gemeinschaft und wollten gegen die ungelebten Tr\u00e4ume anleben: indem wir Wolfs Idee vom \u201eMalvenfest\u201c nachspielten. Es war alles da: M\u00e4nner und Frauen, Brot und Wein, Grillen und Mond. Aber es steht bis heute aus, das Fest. Die Malven, nur die Malven, die haben wir nicht gefunden am Weg.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\n<div id=\"attachment_1291\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/Malven.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1291\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-1291  \" title=\"Malven\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/Malven.jpg\" alt=\"\" width=\"490\" height=\"368\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/Malven.jpg 1000w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/Malven-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 490px) 100vw, 490px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1291\" class=\"wp-caption-text\">Malven. Quelle: http:\/\/img.fotocommunity.com\/fc-Monatsthema\/6-Juni-Blueten\/Malven-Blueten-a21452672.jpg<\/p><\/div>\n<p><iframe style=\"border: none; overflow: hidden; width: 450px; height: 80px;\" src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D1285&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\" frameborder=\"0\" scrolling=\"no\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es waren keine guten Tage, die letzten; Vaclav Havels Gehen beendet sie jetzt hoffentlich. &#8222;Wie sind wir so geworden, wie wir heute sind? Eine der Antworten w\u00e4re eine Liste mit Buchtiteln&#8220;, fragt und antwortet die Autorin der \u201eKindheitsmuster\u201c in denselben. Stimmt. Eine andere w\u00e4re eine Liste mit Filmen. Mir ist, als h\u00e4tte ohne Abl\u00f6sung in Sichtweite eine gleich zweifache Schildwacht f\u00fcr mich und meine Generation den Posten verlassen. Denn zwei, die meine Listen ma\u00dfgeblich pr\u00e4gten, sind nicht mehr. <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1,5],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1285"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1285"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1285\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5561,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1285\/revisions\/5561"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1285"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1285"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1285"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}