{"id":1348,"date":"2012-05-27T12:30:11","date_gmt":"2012-05-27T11:30:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=1348"},"modified":"2012-05-27T13:23:49","modified_gmt":"2012-05-27T12:23:49","slug":"studium-verwassert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=1348","title":{"rendered":"Studium, verw\u00e4ssert&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Alles begann im Wasser, stimmt, in diesem Falle aber mit Wasser, besser gesagt, Wasserflaschen, die von Studenten im Verlaufe von Lehrveranstaltungen mehr nuckelnd denn durstl\u00f6schend-trinkend geleert werden. Eine politikwissenschaftlich Dozierende nun, die Redaktionsleiterin \u201eChrist und Welt\u201c in der \u201eZeit\u201c, <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/christiane.florin\" target=\"_blank\">Christiane Florin<\/a>, \u00fcbersetzte dies nach mehrsemestrigem Nachdenken als Desinteresse und sprach (richtiger: schrieb) vor zwei Wochen ihren Z\u00f6glingen prompt ein <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2012\/21\/P-Politikwissenschaft\" target=\"_blank\">konstruktives Misstrauensvotum<\/a> mit kulturpessimistischem Unterton aus. Diese Woche nun geschahen zwei Reaktionen: in derselben Zeitung <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/studium\/hochschule\/2012-05\/Politikwissenschaft-Kritik\" target=\"_blank\">giftete<\/a> ein solcher Z\u00f6gling zur\u00fcck, und im Magazin dieser Zeitung solidarisierte sich <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Harald_Martenstein\" target=\"_blank\">Harald Martenstein<\/a> indirekt mit seiner (\u00fcbrigens promovierten) Kollegin, indem er seine Erfahrungen als germanistisch Dozierender behauptet kulturoptimistisch, aber wie ein Anarchomelanchozyniker <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2012\/22\/Martenstein\" target=\"_blank\">reflektierte<\/a>. Die Reaktionen darauf wiederum, sowohl in den Onlineauftritten der Medien als auch deren Social-Web-Ablegern, fordern mich zum Bloggen f\u00f6rmlich heraus: Bildungsmisere und Politikverdrossenheit lassen nicht nur gr\u00fc\u00dfen, sondern fallen hier faktisch in eins.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst: die Wasserflasche, die ich vor allem aus meinen Magdeburger Vorlesungen und Seminaren ebenfalls unangenehm in Erinnerung habe &#8211; auch weil sich diese Unsitte zu meinen Studienzeiten in derselben Stadt niemand getraut h\u00e4tte -, ist Metapher f\u00fcr viel mehr als nur Unh\u00f6flichkeit und Desinteresse. Florin beutet sie entsprechend aus: der von keinem Bildungsinhalt gestillte Durst, das 3-Liter-am-Tag-Diktat\u00fcrchen, der Wissenspegel, die S\u00fcffigkeit von Politik\u2026 Aber, und das zeigen manche Kommentare, das Wassertrinken legt weit bedenklichere Dimensionen frei: Nuckeln als Zeichen von Infantilit\u00e4t, Ich-Bezogenheit, die Nuckelflaschen als Synonym f\u00fcr Gedankenlosigkeit und Gleichrichtung, damit intellektuelle Bed\u00fcrfnislosigkeit indizierend\u2026 All diese Aspekte bekr\u00e4ftigt letztlich der Autorenz\u00f6gling in seiner haneb\u00fcchenen Pseudoargumentation selbst.<\/p>\n<p>Dieser Autor hei\u00dft \u00fcbrigens <a href=\"http:\/\/juliankirchherr.wordpress.com\/\" target=\"_blank\">Julian Kirchherr<\/a>, FDP (oh Gott, was f\u00fcr Promotion inkludiere ich hier :-(, ein gewesener M\u00fcnsteraner und gegenw\u00e4rtiger Londoner Politik-Masterstudent, der laut \u201e<a href=\"http:\/\/www.soester-anzeiger.de\/nachrichten\/kreis-soest\/werl\/fdp-julian-kirchherr-gibt-politische-mandate-zurueck-1417773.html\" target=\"_blank\">Soester Anzeiger<\/a>\u201c in Werl zuletzt vor allem f\u00fcr Wirbel durch seine mehrfache Abwesenheit im Rat gesorgt hat, da er \u2013 obwohl oft nicht zugegen \u2013 die Ratsmitgliedern zustehende Pauschale kassierte. Das habe f\u00fcr Unmut und Gespr\u00e4chsstoff auch bei den Liberalen selbst gesorgt, wobei das Doppelmandat als Kreistagsmitglied dabei nicht f\u00f6rderlich gewesen sei. Dass die Anti-Politikwissenschafts-Argumentation einem pseudoliberal verbildeten kommunalpolitischen Nachwuchshirn entsprang, erkl\u00e4rt schon manches. Wer regieren und nicht soviel nachdenken will, ist dem gegenw\u00e4rtigen Politikbetrieb im Gro\u00dfen und seiner Partei im Winzigen schon sehr nahe. Ein Kommentator mutma\u00dfte gar, \u201edass Julian Kirchherr ein Kunstprojekt ist und das Erbe von <a href=\"http:\/\/www.heinz-becker.de\/\" target=\"_blank\">Heinz Becker<\/a>, \u00e4h Gerd Dudenh\u00f6ffer, antreten will, in dem er seine Generation \u00fcberzeichnet.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_1349\" style=\"width: 578px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/3.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1349\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-1349\" title=\"3\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/3.jpg\" alt=\"\" width=\"568\" height=\"389\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/3.jpg 568w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/3-300x205.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 568px) 100vw, 568px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1349\" class=\"wp-caption-text\">http:\/\/mein.salzburg.com\/blog\/wizany\/assets_c\/2010\/06\/cartoon0206-thumb-568xauto-52864.jpg<\/p><\/div>\n<p>Es lohnt aber trotzdem zu entdecken, was die eine Seite der anderen vorwirft. Florins Kritik an der studentischen Motivation im Allgemeinen und dem Interesse am Fach Politikwissenschaft im speziellen dr\u00fcckt schon die \u00dcberschrift aus: \u201eIhr wollt nicht h\u00f6ren, sondern f\u00fchlen\u201c. Nach einigen Seitenhieben gegen \u201eStudieren nach Vorschrift\u201c (Referate nur f\u00fcr Scheine; nur lesen, was man soll, keine Zeile mehr \u2013 ich lasse mal das quantitative Zeitproblem vieler Bachelorstudenten beiseite) oder den <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bologna-Prozess\" target=\"_blank\">Bologna-Prozess<\/a>, durch den aus ihrem Fach ein \u201eOptionalmodul\u201c wurde, kommt sie zum Kern. \u201ePolitik ist das, was ihr dazu macht, weil es euch pers\u00f6nlich angeht. Ihr seid der Star, nicht der Minister, der EU-Kommissar, nicht einmal die Kanzlerin\u201c schreibt sie, und \u201eIhr wollt nicht die Macht verstehen, ihr wollt euch verstanden wissen. Damit seid ihr rebellischer als all die Jugendstudien behaupten, die euch zur unpolitischen Generation erkl\u00e4ren.\u201c Und sie untersetzt ihre Vermutung, dass sich unter der Oberfl\u00e4che etwas Substanzielles verschoben habe, u.a. mit S\u00e4tzen wie \u201e\u00dcber Misstrauensvoten, R\u00fccktritte, Skandale und Untersuchungsaussch\u00fcsse habt ihr mit einer Leidenschaft referiert, als ginge es um den 32. \u00c4nderungsantrag der Abwasserverordnung f\u00fcr die l\u00e4ndlichen Gebiete Sachsen-Anhalts.\u201c Ein Kommentator meinte, dass es von mehr als nur Egozentrik zeugt, \u201ewenn man es gerade noch schafft, sich um die eigene Hom\u00f6ostase zu k\u00fcmmern und ansonsten das Leben eines Wiederk\u00e4uers lebt.\u201c<\/p>\n<p>Ein anderer, und da wurde ich sehr hellh\u00f6rig, erkl\u00e4rt:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eWas die Frau Florin vermutlich sagen wollte, ist, dass der Politikstudent von heute im Gro\u00dfen und Ganzen ein Weichei ist. Die Dynamik von Macht und Verantwortung und die Chance, damit f\u00fcr die Menschheit einen positiven Beitrag zu leisten, interessiert ihn weniger als die Befriedigung seiner kleinen k\u00f6rperlichen und emotionalen Bed\u00fcrfnisse. Und es ist noch nicht mal Kritik, sondern einfach nur eine Wiederspiegelung dessen, was die Professorin so erleben muss in ihrem Alltag. Und schaut man heutzutage die Politiker an, was findet man? Weicheier, deren emotionale und k\u00f6rperliche Bed\u00fcrfnisse an oberster Stelle stehen und die die Politik vorherrschend als Mittel sehen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen und soziale Anerkennung zu erfahren.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Meine Hellh\u00f6rigkeit r\u00fchrt daher, dass genau dieses Verantwortungsgef\u00fchl, dieses pers\u00f6nliche Verzichtleisten zugunsten von sozialer Verantwortung und Ver\u00e4nderung vor rund 20 Jahren manche DDR-Autoren im neuen Gesamtdeutschland vermissten \u2013 <a href=\"http:\/\/www.wenzel-im-netz.de\/\" target=\"_blank\">H.E. Wenzel<\/a> etwa hatte damals DDR-r\u00fcckblickend formuliert \u201eDas Elend einer Proletarierfamilie aus dem 19. Jahrhundert stand ihm n\u00e4her als die Klagen der Gro\u00dfmutter \u00fcber fehlende Mandeln f\u00fcr die Weihnachtsstolle\u201c. Und nun (erst) wird genau diese Verantwortung vom deutschen Volk eingefordert! Dar\u00fcber kann man nun auch lange nachdenken\u2026<\/p>\n<p>Also: starker Tobak. Aber noch st\u00e4rker ist die Entgegnung, deren Titel \u201ePolitikwissenschaft ist Mist\u201c aus der Feder des Kommunalpolitikers schon B\u00e4nde spricht. Kirchherr wei\u00df schon zu Beginn, \u201ewarum wir nicht leidenschaftlich \u00fcber die Barschel-Aff\u00e4re diskutieren und warum uns Endlosgespr\u00e4che zu Themen wie Macht kalt lassen: Wir wollen in unseren Seminaren endlich etwas N\u00fctzliches lernen\u201c und erkl\u00e4rt sogleich, was er f\u00fcr n\u00fctzlich h\u00e4lt: \u201eAls ich ein Praktikum beim Umweltprogramm der Vereinten Nationen in Br\u00fcssel absolviert habe, sollte ich F\u00f6rderantr\u00e4ge schreiben, um Mittel des <a href=\"http:\/\/www.esf.de\/portal\/generator\/8\/startseite.html\" target=\"_blank\">Europ\u00e4ischen Sozialfonds<\/a> anzuzapfen. Mein Studium hat mich darauf nicht vorbereitet.\u201c Also gei\u00dfelt er, der sich nach \u201eRelevanz sehnt\u201c, prompt die Inhalte: \u201eWir Studenten wollen einen Kurs in <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/%C3%96konometrie\" target=\"_blank\">\u00d6konometrie<\/a> oder Spieltheorie, aber unsere Dozenten bieten uns nur das n\u00e4chste Seminar zu Adorno. Wir wollen nicht Bundeskanzler in die richtige Reihenfolge bringen, denn die Politikwissenschaft ist kein Geschichtsunterricht. Wir interessieren uns f\u00fcr Mechanismen und Wirkungszusammenh\u00e4nge: Mit welchen Instrumenten steuere ich den <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Demografischer_Wandel_in_Deutschland\" target=\"_blank\">demografischen Wandel<\/a>?&#8230;\u201c Die Argumentation des Studenten, der das Studium der Politikwissenschaft mindestens mit der Vorbereitung auf eine Politikerkarriere verwechselt und Florin nat\u00fcrlich den universit\u00e4ren \u201eElfenbeinturm\u201c vorwirft, gipfelt in der Aussage: \u201eW\u00e4hrend Sie beschreiben und beschreiben, wollen wir Studenten erkl\u00e4ren und analysieren, um dann Empfehlungen zu erarbeiten und umzusetzen.\u201c Das muss man erstmal sacken lassen.<\/p>\n<div id=\"attachment_1350\" style=\"width: 435px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/2.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1350\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-1350\" title=\"2\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/2.jpg\" alt=\"\" width=\"425\" height=\"359\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/2.jpg 425w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/2-300x253.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 425px) 100vw, 425px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1350\" class=\"wp-caption-text\">http:\/\/lehrerblog.jugend-und-bildung.de\/uploads\/2011\/02\/berufsorientierung.jpg<\/p><\/div>\n<p>Was hier aufscheint, ist weit mehr als eine Illustration des vor allem p\u00e4dagogischen <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Erfahrungsbasiertes_Lernen\" target=\"_blank\">Kognitivismus-Konstruktivismus-Streits<\/a>, in den manche Kommentatoren implizit durch die Entgegensetzung \u201eUniversit\u00e4t \u2013 Fachhochschule\u201c eingriffen. Es ist eine mehrfache Kapitulation: die des Denkens vor dem Handeln, die der Bildung vor der Karriere, die des Realismus vor dem Formalismus&#8230; Ein Kommentator resigniert bereits: \u201eDas geschilderte Desinteresse ist daher ein unglaubliches Kompliment an alle, die geholfen haben, dieses Deutschland zu einer Normalit\u00e4t werden zu lassen.\u201c Es sind, denke ich, zwei prim\u00e4re Problemkreise, die hier zu verhandeln sind. Der erste muss danach fragen, wozu und zu welchem Zwecke man eigentlich studiert. Der zweite, in welchem Verh\u00e4ltnis zueinander Studien- (vielleicht allgemeiner Denk-) und Lebenswelt stehen.<\/p>\n<p>F\u00fcr Kirchherr ist Studium \u201eein Mittel zum Zweck. Wir erwarten, dass die Dozenten uns die Werkzeuge an die Hand geben, die wir brauchen\u2026\u201c und z\u00e4hlt dann als m\u00f6glichen Wirkungskreis des Gebrauchtwerdens u.a. auch <a href=\"http:\/\/www.mckinsey.de\/html\/home\/index.asp\" target=\"_blank\">McKinsey<\/a> auf. Vor allem dies sowie die oben schon erw\u00e4hnte Werkzeugforderung sorgten f\u00fcr Emp\u00f6rung und H\u00e4me. \u201eDas Gejammer des Autors jedenfalls klingt in etwa wie ein Bauingenieur, der sich beschwert, dass man an der Uni nicht mauern lernt\u201c, meint einer, ein anderer \u201eDas ist genau das ingenieurswissenschaftlich-technokratische Politikverst\u00e4ndnis: Gebt mir ein Werkzeug und ich richte das schon!\u201c Vielleicht sollte man ad\u00e4quat zum Sozialarbeiter- ein Politarbeiterstudium einf\u00fchren, dann entf\u00e4llt wenigstens der Grund, das System anzufeinden, weil es sich nicht seinen Vorstellungen beugen will. Aber eigentlich passt Kirchherr perfekt ins Bild einer Generation, die nur noch darauf erpicht ist, m\u00f6glichst verwertbar f\u00fcr den Markt zu sein. Denken ist verp\u00f6nt, Zusammenh\u00e4nge herzustellen ebenfalls, Kritik zu \u00fcben erst recht. \u201eLauter kleine, perfekt ins System passende Lemminge werden da rangezogen\u201c res\u00fcmiert ein Kommentator. Ein anderer betont vor allem diesen Aspekt von \u201eKleinheit\u201c im, nun ja, sagen wir mal w\u00f6rtlichen Sinne: \u201eDer Unterschied im (Wunsch-) denken des Autors zu den Denkmustern vieler meiner pubertierenden Hauptsch\u00fcler ist hier allenfalls graduell. Ganz oben auf der Wunschliste steht auch dort der Spitzenjob, sich im Unterricht f\u00fcr seine Ziele anzustrengen ist oft weniger gefragt.\u201c<\/p>\n<p>Die andere Seite desselben Aspekts ist Kirchherrs Kritik, dass er keine \u201eFormularausf\u00fcllvorlesungen\u201c angeboten bekam. Noch schlimmer: die bisher besuchten Lehrveranstaltungen gaben dem Kommunalpolitiker Kirchherr keine Begr\u00fcndung an die Hand, \u201ewann eine Schule geschlossen, die Sportf\u00f6rderung gestrichen oder die Preise im Schwimmbad erh\u00f6ht werden m\u00fcssen\u201c. Abgesehen von Antisozialit\u00e4t der zitierten Sachverhalte (dass er gerade solch regressive herz\u00e4hlt statt progressive, wirft auch ein bezeichnendes Licht auf die liberalen Denkstrukturen des Herrn Stadtrat) &#8211; Verantwortungslosigkeit kann deutlicher kaum zu Tage treten: \u201eWas n\u00fctzt einem das Heranschaffen von Drittmitteln, F\u00f6rderungen etc., wenn man dann nur das ausf\u00fchrende Organ ist ohne den Einblick in die politischen, gesellschaftlichen Zusammenh\u00e4nge. Wenn man nicht in der Lage ist, sich eine Meinung zu verschaffen, wo man sich positioniert\u201c ist als Reaktion zu lesen, oder \u201eIch tue heute im Beruf ganz viele Dinge, die ich im Studium weder geh\u00f6rt noch gelesen habe. Aber ich habe im Studium gelernt, Probleme zu analysieren und selbst\u00e4ndig L\u00f6sungen zu finden. Und das ist die wesentliche Erkenntnis aus einem Studium. Und das ging an Ihnen offensichtlich komplett vorbei&#8230;\u201c Seine Meinung zum \u201eRebellischen\u201c dieser Studentengeneration packt ein Kommentator in den Satz \u201eDas ist nicht rebellisch&#8230; es ist einfach nur pure Egozentrik, die mangelnde Bereitschaft, sich f\u00fcr mehr als nur die Effekte auf das eigene direkte Lebensumfeld zu interessieren.\u201c Meine Beobachtungen sind nahezu vollst\u00e4ndig kongruent. Zum einen muss man in bestimmten Bereichen, die \u201enur\u201c bestimmte Spezialisten (drastisch: funktionierende Humanwerkzeuge) \u00a0suchen, bereits nachweisen, dass ein Studium tats\u00e4chlich dazu bef\u00e4higt, Arbeitstechniken anzuwenden, sich in Neues einzuarbeiten und f\u00fcr Abseitiges offen und bereit zu sein. Zum andern aber, das halte ich f\u00fcr problematischer, bezeugt Kirchherrs Kritik das Problem heutiger Politik: man mag vielleicht wissen, wie ein F\u00f6rderantrag so ausgef\u00fcllt wird, dass er bewilligt werden muss; wie politische Rituale vonstatten gehen und deren Potentiale f\u00fcr sich genutzt werden k\u00f6nnen; zugespitzt: dass man wei\u00df, wie man an die Macht kommt. Aber was man dann damit anstellt, wie Antr\u00e4ge und Rituale und Macht genutzt werden, um das Gemeinwesen zu verbessern, voranzubringen\u2026, kurz wie Politik inhaltlich gestaltet wird, davon hat niemand mehr Ahnung und will auch niemand mehr welche haben.<\/p>\n<div id=\"attachment_1351\" style=\"width: 509px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/1.jpeg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1351\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-1351\" title=\"1\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/1.jpeg\" alt=\"\" width=\"499\" height=\"314\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/1.jpeg 831w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/1-300x188.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 499px) 100vw, 499px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1351\" class=\"wp-caption-text\">http:\/\/www.uni-regensburg.de\/philosophie-kunst-geschichte-gesellschaft\/politikwissenschaft\/medien\/titel_powi.jpeg<\/p><\/div>\n<p>Bei solcherart Absolventen ist f\u00fcr die Berufspraxis, die politische zumal, Schlimmes zu bef\u00fcrchten. \u201eEs ist der verquere Anwendungs-Fanatismus, der nicht versteht, dass ohne solide theoretische Grundlage Praxis-Fanatiker letztendlich mehr schaden als n\u00fctzen, weil ihr Aktionismus eben wenig durchdacht ist &#8211; sie haben nie gelernt, mal einen Schritt zur\u00fcck zu machen und sich zu \u00fcberlegen, ob man wirklich versteht, was man da gerade tut\u201c, so ein w\u00fctender Kommentar. Ein anderer insistiert ebenfalls auf die Aktionismus-Vokabel: \u201eWie oft wurde denn in den letzten Jahren querbeet durch alle Medien und Fachbeitr\u00e4ge kritisiert, dass es zu viel \u201aAktionismus\u2018 in der Politik gibt? Dass die \u201aMacher\u2018 sich zu selten hinsetzen und sich mal eine Stunde Zeit nehmen, ein Problem grundlegend zu hinterfragen, um aus einer neuen Perspektive vielleicht auf einen ungew\u00f6hnlichen L\u00f6sungsweg abseits der Lehrbuchbackrezepte zu kommen?\u201c Und ein dritter schlussfolgert fast zynisch: \u201eDie Verh\u00e4ltnisse werden von ihnen derart hypostasiert und ontologisiert, dass nur noch bleibt, sich innerhalb dieser Verh\u00e4ltnisse zurechtzufinden und erfolgreich zu sein.\u201c<\/p>\n<p>Vor allem der von Florin positiv und von Kirchherr negativ konnotierte <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Theodor_W._Adorno\" target=\"_blank\">Adorno<\/a> hat es den Kommentatoren angetan: \u201eSp\u00e4ter ist doch, wenn der Herr es in verantwortliche Positionen schaffen sollte, noch genug Zeitdruck, jetzt w\u00e4re die Zeit zum Reflektieren, zum Diskutieren und &#8211; ja, f\u00fcr Theorie, denn ohne Theorie keine Kritik, ohne Kritik keine vernunftgeleitete Praxis, das k\u00f6nnte man bei Adorno lernen. Das dumpfe \u201ahab ich kein Bock\u2018 drauf, das dieser Artikel rhetorisch kaum verbr\u00e4mt, ist eine universit\u00e4re Katastrophe\u2026\u201c emp\u00f6rt sich einer, ein anderer bittet inst\u00e4ndig \u201edavon abzulassen, in Ihren Kommentaren hier auf Zeit-Online und auch anderswo noch einmal den Namen Adornos in den Mund zu nehmen. Ich bin mir n\u00e4mlich ziemlich sicher, dass die Erde auf seinem Grab jetzt schon ganz aufgew\u00fchlt ist, weil dieser kluge Mann ob ihrer peinlichen Selbstentlarvung h\u00f6chstwahrscheinlich bereits rotiert!!!\u201c<\/p>\n<p>Und genau da sind wir exakt beim Verh\u00e4ltnis von Studieren, ja Denken, und (Berufs)Leben angekommen.\u00a0 Dass ein Studium keine Berufsausbildung, sondern eine Lebenseinstellung ist, ist zwar abgedroschen, aber ebenso richtig wie die Tatsache, dass man nicht Neues aus dem Nichts erschaffen kann, sondern Grundlagen braucht: wer ein Problem nicht versteht, kann es nicht l\u00f6sen. Kirchherr offenbar schon, weswegen er hier am hitzigsten angegriffen wird: \u201eAlles Sperrige, alles, was zum Denken zwingt, scheint \u00e4rgerlich, \u00fcberfl\u00fcssig, Zeitverschwendung. Was f\u00fcr eine Verarmung des akademischen Milieus!\u201c emp\u00f6rt sich einer, ein anderer staunt \u201eSeit wann ist Nachdenken \u201aMist\u2018? Nachdenken, Infrage stellen, Selbstreflexion &#8211; all das sind ebenso Grundmotoren von Ver\u00e4nderung und aller Ehren wert.\u201c Und ein dritter bringt\u2018s sicher auf den Punkt: \u201eIch m\u00f6chte mir nicht ausmalen in welchem Zustand sich unsere Welt bef\u00e4nde, wenn sich Marx und Weber mehr f\u00fcr das Ausf\u00fcllen von Formularen und die Gr\u00fcnde f\u00fcr Schwimmbadschliessungen interessiert h\u00e4tten.\u201c Das scheint im \u00dcbrigen eine Universalerfahrung zu sein, denn schon Wilhelm von Humboldt erkl\u00e4rte: &#8222;Bildung ist kein Sein, sondern ein Trieb, und zwar nicht im Sinne eines Strebens nach einem vorgegebenen Ziel, sondern im Sinne einer Sehnsucht nach einem unbekannten Ziel.&#8220; Insofern muss Kirchherr trotz seines Abschlusses als ungebildet gelten.<\/p>\n<div id=\"attachment_1352\" style=\"width: 390px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/4.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1352\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-1352\" title=\"4\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/4.jpg\" alt=\"\" width=\"380\" height=\"380\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/4.jpg 380w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/4-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/4-300x300.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 380px) 100vw, 380px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1352\" class=\"wp-caption-text\">http:\/\/guitarcracker.files.wordpress.com\/2010\/02\/webcomic_230210.jpg<\/p><\/div>\n<p>Martenstein passt in genau diesen Diskurs, aber aus anderer Perspektive:\u00a0 ihm scheint bei Germanistik-Studenten jedes Grundlagenwissen verschwunden. Er zitiert und kommentiert folgenden Satz einer Seminararbeit des Jahres 2012: \u201e\u2018Ich glaube das viele menschen gahr nicht Wissen wie schlimm es, um Die Germanistik, Steht und das bei uns Germaitn Vieles verbessert werden, k\u00f6nnte??\u2018 Am Schlimmsten steht es um die Kommas, um Satzzeichen sowie Gro\u00df- und Kleinschreibung. Der Fortbestand der freilebenden sibirischen Tiger ist weniger bedroht als der Fortbestand des korrekt gesetzten deutschen Kommas.\u201c Entsprechend seine Conclusio:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eWas aber richtig lustig werden wird, hoffentlich erlebe ich das noch: Wenn die heute ausgebildeten Germanisten als Deutschlehrer und Germanistikprofessoren an den Start gehen, Hauptseminar \u201ader aufstieg, der Piratenpartei Und die literatur\u2018. Aber vielleicht sind ja die Unis bis dahin abgeschafft, mit der gleichen Begr\u00fcndung wie die Hauptschulen, der Abschluss bringt bei der Jobsuche irgendwie nichts.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Was f\u00fcr ein Szenario. Ich m\u00f6chte es gern steigern. Man stelle sich vor: Florian Kirchherr als Bildungsminister, der ein Fach \u201eFragebogenkunde\u201c einf\u00fchrt. Oder noch besser als Professor f\u00fcr\u00a0 Politikwissenschaft, der in seinen Vorlesungen das Ausf\u00fcllen von Frageb\u00f6gen erkl\u00e4rt\u2026 Zu weit hergeholt? Ein Kommentator \u00e4tzt: \u201eEs ist nicht schlimm, dass man nichts wei\u00df, aber nichts wissen zu wollen, das schon. Ein Banause und auch noch stolz drauf. Er wird&#8217;s vermutlich weit bringen.\u201c<\/p>\n<p>Dem ist nichts hinzuzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D1348&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Dozentin \u00e4rgert sich \u00fcber schweigende, wassertrinkende Studierende, ein Student klagt \u00fcber falsche Studieninhalte, und ein Kolumnist wundert sich \u00fcber das Wissensniveau von Studenten. 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