{"id":1531,"date":"2013-02-06T22:35:04","date_gmt":"2013-02-06T21:35:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=1531"},"modified":"2013-02-24T20:42:41","modified_gmt":"2013-02-24T19:42:41","slug":"wutburger-war-gestern-dumpfburger-ist-heute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=1531","title":{"rendered":"Wutb\u00fcrger war gestern, Dumpfb\u00fcrger ist heute"},"content":{"rendered":"<p>Direktor Uwe Kammann hat auf der Internetpr\u00e4senz seines Instituts die Nominierung des DC versucht zu <a href=\"http:\/\/www.grimme-institut.de\/html\/index.php?id=1621\">verteidigen<\/a>. Halbherzig, wie ich finde, mit teilweise haneb\u00fcchenen Argumenten. Aus diesem Grund habe ich ihm geantwortet &#8211; in Form eines offenen Briefs.<\/p>\n<p>Sehr geehrter Herr Kammann,<\/p>\n<p>auf der Internetpr\u00e4senz des Grimme-Instituts haben Sie eine Rechtfertigung publiziert, mit der Sie die Nominierung des Formats \u201eDschungelcamp\u201c (DC, ich nenne es der K\u00fcrze halber so) f\u00fcr den Grimme-Preis 2013 in der Kategorie \u201eUnterhaltung\u201c verteidigten. Als Direktor des Grimme-Instituts sollen Sie das auch, ja m\u00fcssen es vielleicht sogar. Ich kenne Sie au\u00dfer von vielerlei klugen \u00c4u\u00dferungen vor allem beim Leipziger \u201eMedientreffpunkt Mitteldeutschland\u201c nicht pers\u00f6nlich. Umso mehr emp\u00f6rt mich Ihre Argumentation: teilweise haneb\u00fcchen, teilweise die von der Medienkritik vor allem im Netz aufgeworfenen Probleme ignorierend, teilweise auch schlicht falsch. Daher diese Entgegnung in Form eines Offenen Briefs. Ich publiziere ihn auch auf meiner Internetseite und den angeschlossenen sozialen Netzwerken; denen sowie vielen weiteren Internetquellen ich Argumente und Inspirationen verdanke, ohne diese im Folgenden explizit nachzuweisen.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst: wenn sich der Grimme-Preis um \u201eernsthafte Auseinandersetzung\u201c abseits des \u201eHerrschaftsanspruchs der Quote\u201c zu bem\u00fchen vorgibt, ja um den \u201eDiskurs \u00fcber Qualit\u00e4t\u201c, ist das hochl\u00f6blich. Aber: ist es da angemessen, ein qualit\u00e4tsstrittiges Format zu nominieren und zu warten, was passiert? W\u00e4re es nicht wirkungsvoller, die Auseinandersetzung dadurch zu bef\u00f6rdern, indem man es nicht nominiert \u2013 und begr\u00fcndet, warum es trotz \u201eKandidatur\u201c f\u00fcr eine Institution wie den Grimme-Preis \u2013 Stichworte \u201evorbildlich\u201c und \u201emodellhaft\u201c \u2013 nicht infrage kommen kann? \u201eJedes Ding hat drei Seiten: eine gute, eine schlechte und eine komische\u201c wusste schon Karl Valentin. Sie haben sich leider f\u00fcr die schlechte entschieden, die gleichzeitig f\u00fcr viele anfangs ironisch, bei tieferem Nachsinnen allerdings nur noch zynisch wirkte. Dieselbe Wirkung \u00fcbrigens, die die beiden nominierten Moderatoren eher bewusst (man denke an jene denkw\u00fcrdige, Dirk Bach zugeschriebene Aussage, wonach das \u201eDschungelcamp das Gorleben der Medienlandschaft\u201c sei) denn unbewusst verwechseln: Unzul\u00e4nglichkeiten der Kandidaten blo\u00dfzustellen bei kalkulierter \u00dcberschreitung ethischer und moralischer Grenzen war auch Kalk\u00fcl bei den Inszenierungen eines Dieter Bohlen. Mit dem Unterschied, dass dessen Format (noch?) nicht nominiert ist, sondern Bohlen im Gegenteil 2007 von der Landesanstalt f\u00fcr Medien Nordrhein-Westfalen wegen \u201eVerletzung der Menschenw\u00fcrde\u201c ebenso scharf kritisiert wurde wie vom Vorsitzenden des Rats der evangelischen Kirche, Bischof Wolfgang Huber. Von den Kirchen \u00fcbrigens war 2012\/13 zum Dschungelcamp noch gar nichts zu h\u00f6ren\u2026<br \/>\nEs mutet also seltsam an, dass Sie sich von der \u201eQuote\u201c abgrenzen wollen und zugleich die um die \u201eacht Millionen pendelnde\u201c Zuschauerzahl ins Feld f\u00fchren. Das ist bei 82 Millionen Einwohnern \u2013 richtig \u2013 eine \u201egro\u00dfe Anzahl\u201c von Menschen. Nicht weniger, aber eben auch nicht mehr. Eine \u2013 \u00fcberdies hochgerechnete \u2013 Zahl, die daneben \u2013 und das ist auch Ihnen bewusst \u2013 nur den Fakt \u201eeingeschaltet\u201c misst. \u00dcber das rezeptive \u201eWie\u201c (etwa Fernsehen als Hintergrundkulisse bei diversen anderen Prim\u00e4rt\u00e4tigkeiten\u2026) und erst recht das \u201eWarum\u201c (Wetter, mangelnde konkurrierende Freizeitangebote, f\u00fcr unattraktiv erachtete Konkurrenzprogramme, individuelle Pr\u00e4dispositionen wie Krankheit, Einsamkeit, Kulturfaulheit\u2026) trifft diese gemessene Zahl keinerlei Aussagen. Oder sollte damit das Klischee bedient werden, dass \u00f6ffentlich-rechtliche Sender quotenschwaches Intelligenz-TV machen, dessen qualitative Intention sowieso gew\u00fcrdigt werden muss, und private quotenstarkes Proll-TV, dessen quantitativen Erfolg man nicht (mehr) umhin kommt zu w\u00fcrdigen? Auf die Gefahren der Verwechslung von Demokratie und Demoskopie verwies u.a. Christoph St\u00f6lzl bereits zum Tutzinger Mediendialog 2004.<\/p>\n<p>Qualit\u00e4t also \u2013 ein Schl\u00fcsselbegriff. Der deutsche Normwille definierte in der DIN EN ISO 8402 diesen Begriff als \u201eGesamtheit von Merkmalen einer Einheit bez\u00fcglich ihrer Eignung, festgelegte und vorausgesetzte Erfordernisse zu erf\u00fcllen\u201c. Im Eignungsfall des Produkts DC reduzieren sich getreu der Logik privatwirtschaftlichen Fernsehens, dessen Oberziel die Gewinnmaximierung ist, diese Erfordernisse auf zwei: als prim\u00e4res Leistungsziel die Produktion mindestens zielgruppen-, besser massenattraktiver Programme, um als prim\u00e4res Sachziel der Werbewirtschaft ebenso maximale wie zielgenaue Rezipientenkontakte zur Verf\u00fcgung zu stellen. Da bislang der Grimme-Preis m.E. nicht die Erf\u00fcllung von Sach-, sondern von Leistungszielen gew\u00fcrdigt hat, geht es also um die Eignung des Formats, zugleich massenattraktiv und preisw\u00fcrdig in der Grimme-Kategorie \u201eUnterhaltung\u201c zu sein. Genauer: um die Eigenschaften, \u201edie f\u00fcr viele Menschen den Unterhaltungsreiz ausmachen\u201c. Richtig ist, dass diese Eigenschaften \u201enicht aus einer Tabelle abgelesen werden\u201c k\u00f6nnen. Und gut ist der Vorsatz, \u201eKerneigenschaften\u201c einzukreisen. Aber solche interindividuell abstrahierbaren Kerneigenschaften von Medienprodukten und deren Nutzung werden schon seit langem in der Scientific Community gebraucht, bspw. in Form \u201erespektiver Gratifikationen\u201c (McQuail 1983, um nur eine und eine der nachhaltigsten Publikationen zu nennen). Danach ist das Unterhaltungsbed\u00fcrfnis nur eins in einem Bed\u00fcrfnisensemble, das daneben auch noch Information, Integration und Identit\u00e4t umfasst. Wenn die Grimme-Kategorie \u201eUnterhaltung\u201c nun schon jenes Bed\u00fcrfnis verabsolutiert, ist u.a. zu fragen,\u00a0 in welchem Ma\u00dfe Kerneigenschaften ausgepr\u00e4gt sind wie \u201eWirklichkeitsflucht\u201c, \u201eAblenkung von Problemen\u201c, \u201eEntspannung\u201c, \u201ekulturelle oder \u00e4sthetische Erbauung\u201c, \u201eZeit f\u00fcllen\u201c, \u201eemotionale Entlastung\u201c oder \u201esexuelle Stimulation\u201c (McQuail ebd.). Kerneigenschaften, die bspw. Schenk 2002 noch erg\u00e4nzte um u.a. \u201eGeselligkeit\u201c, \u201eGewohnheit\u201c oder \u201eEskapismus\u201c (dessen Spektrum auch von Wirklichkeitsentpflichtung bis paralleler Wirklichkeitsherstellung reicht). Kerneigenschaften, deren Gewichtung im einzelnen Format zu ermitteln ist, um unterhaltende Qualit\u00e4t aus Rezipientensicht zu extrahieren. Leider fand ich bislang keinerlei Diskurs, der diese Aspekte auch nur ansatzweise thematisiert. Ich fand aber auch keinerlei andere Kerneigenschaften expliziert, die die Nominierung rechtfertigten. Insofern ist dieses Verfahren nicht nur intransparent, sondern indiziert auch eine offenbar zu umf\u00e4nglich eingeflossene Subjektivit\u00e4t, die nicht allein mit dem Prinzip des \u201eauthentischen, freien Urteils\u201c erkl\u00e4rt werden kann und mich am Sachverstand der Jury mindestens zweifeln l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Die neue Qualit\u00e4tsnorm DIN EN ISO 9000 nun geht einen Schritt weiter und beschreibt Qualit\u00e4t als \u201eVerm\u00f6gen einer Gesamtheit inh\u00e4renter Merkmale eines Produkts, eines Systems oder eines Prozesses zur Erf\u00fcllung von Forderungen von Kunden und anderen interessierten Parteien.\u201c W\u00e4re dem so, verb\u00f6te sich die o.g. Vereinseitigung; dann m\u00fcsste auch aus der Perspektive mindestens der Werbewirtschaft diskutiert werden \u2013 vom Einbezug der Politik, der P\u00e4dagogik, der Philosophie\u2026 ganz zu schweigen. Das l\u00e4sst nun mehrere Schl\u00fcsse zu. Unter anderem den, dass der diesj\u00e4hrigen Nominierung ein vermutetes Raster politischer Erw\u00fcnschtheit unterlegt wurde bei gleichzeitigem Ausblenden jeglicher philosophischer, p\u00e4dagogischer\u2026 Aspekte. Oder anders: unter kritikloser \u00dcbernahme von \u201eTabubr\u00fcchen\u201c oder konstatiertem Wertewandel. Chance verpasst zur Wertsetzung, zum (Um)denkansto\u00df, zum Sprung \u00fcber Teppichkantenniveau, ja zu neuem Benchmarking \u2013 im Gegenteil. Und hier, Herr Kammann, wird es kreuzgef\u00e4hrlich.<\/p>\n<p>Worum geht es? Um eine betrauernswerte Minderheit, deren Wertlosigkeit akzeptiert wird, ja deren gruppendynamische Prozesse sich kaum von einer Reality-Show mit Laiendarstellern auf RTL 2 unterscheiden, wie Daniel Martienssen im \u201eFreitag\u201c erkannte. Das kann auch nicht anders sein, denn von Dramaturgie immerhin verstehen die Formatmacher etwas; Aristoteles\u2018 Figurenlehre wird blendend umgesetzt: neben der \u00cath\u00ea, der Charakterisierung einer Figur durch Physis, Status\u2026 umfasst sie ja auch die Di\u00e1noia, die autorgewollte Intention der Figuren innerhalb der Handlungsanordnung in Form bestimmter \u201eRollen\u201c: als Haupt-\/Nebenfiguren, als Charaktere oder Typen\u2026 Wir haben den abgehalfterten Fu\u00dfballstar ebenso wie die abgehalfterte Schauspielerin, den Ex-Kinderstar und die Ex-S\u00e4ngerin, das Erotik-Model und das Lipgloss-Model\u2026 Als ob Shirley MacLaine dieses Format antizipierte, als sie erkl\u00e4rte: \u201eDas Fernsehen sorgt daf\u00fcr, dass man in seinem Wohnzimmer von Leuten unterhalten wird, die man nie einladen w\u00fcrde.\u201c<br \/>\nAber wer ins DC geht, hat Probleme: finanzieller, karrieristischer, exhibitionistischer, sozialer\u2026\u00a0 Art. Problembehafteten Mitmenschen mit eher minder denn mehr Promistatus zu unterstellen, sie w\u00fcssten, worauf sie sich (gegen Entgelt) einlie\u00dfen; und im Gegenzug \u201eNormalsterblichen\u201c diese Entscheidungsf\u00e4higkeit abzusprechen, zeugt von einem gelinde geschrieben dubiosen Menschenbild. Den kalkulierten Gaffereffekt jener Normalsterblichen als \u201eUnterhaltung\u201c nun gegen die \u201eEigenschaften\u201c hochzurechnen, die den \u201eUnterhaltungsreiz\u201c der Vorgef\u00fchrten ausmachen, ist perfide. Schon Sloterdijk wusste, dass sich die Gesellschaft selbst an der Produktion von Verlierern beteiligt. Genau das trifft auf die Telefonabstimmung bei RTL zu, mit teuren Servicenummern \u00fcbrigens, was vor Jahren auch noch als mindestens unseri\u00f6s galt. Ich halte es f\u00fcr absolut unstatthaft, die subjektive Sportunterrichts-Erfahrung des aus einem Fu\u00dfballteam herausgew\u00e4hlt Werdens (die h\u00f6chstens eine Schulklasse betrifft) mit dem medial millionenfach vorgef\u00fchrten und &#8211; illusion\u00e4r &#8211; selbst beeinflussbaren Wahlakt zu vergleichen, dem sich Personen freiwillig aussetzen. Damit haben Sie die Nominierung nicht ansatzweise erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Wof\u00fcr aber sollen diese Vorgef\u00fchrten Vorbilder sein? F\u00fcr darwinistische Rollensozialisation, bislang unerlebte Realit\u00e4tsbew\u00e4ltigung, ekelbehaftete Verpflegungsextreme\u2026\u00a0 Nein, vor allem f\u00fcr zelebrierte und damit als erstrebenswert dargestellte Dummheit: ein paar \u201ePromis\u201c, die keiner kennt, veranstalten in einer Gegend, in die niemand hin will, Dinge, die keinen Sinn haben, reden \u00fcber Themen, die keinerlei Niveau aufweisen, und werden daf\u00fcr auch noch bezahlt. Mit honoriertem Ruhigstellen erkaufte geistige Erosion in Reinkultur, die im Gegenzug die Abwertung sinnvollen, dabei oft unhonorierten Tuns intendiert. Die bewundernswerte Katrin Sass hat genau diese Ambivalenz zu ihrem Ausbruch vor laufender Kamera getrieben, der zwar den nicht unbedingt Richtigen traf \u2013 aber der falscheste war Kusmagk (\u201eDas ist eine Grimme-Preis-nominierte Sendung!\u201c) auch nicht. Erst-, zweit-, selbst drittklassige Schauspieler haben keinen Job oder spielen f\u00fcr wenig Gage an Theatern, f\u00fcr die kein Interesse und vor allem kein Geld da ist und die st\u00e4ndig vom Damoklesschwert der Schlie\u00dfung bedroht sind. Andererseits produziert RTL mit viert-, f\u00fcnft- und sechstklassigen madenfressenden Unbekannten, die selbst \u201eDarsteller\u201c zu nennen sich meine Tastatur str\u00e4ubt, sowie viel Aufwand eine sinnentleerte Show, die Millionenreichweite und Millionenbetr\u00e4ge generiert. Das ist das eine.<\/p>\n<p>Das andere \u2013 hier ist eine klare Richtung erkennbar: weniger Empathie, mehr Gnadenlosigkeit. Logisch, Ekel, Erniedrigung, Zurschaustellung\u2026 ertragen bereits die meisten Zuschauer brav in Betrieben, B\u00fcros, \u00c4mtern&#8230; Nicht mehr \u201eEmp\u00f6rt Euch\u201c, sondern &#8222;Erniedrigt Euch&#8220;. Und erfreut euch, ja gew\u00f6hnt euch daran. Ist eh alternativlos. Und gesundheitsschonend. Wutb\u00fcrger war gestern, Dumpfb\u00fcrger ist heute. In Agambens \u201eHomo sacer\u201c (2002) ist von \u201eOrten\u201c zu lesen (vom Asylbewerberheim bis Guantanamo), an und in denen Personen f\u00fcr vogelfrei erkl\u00e4rt werden: Exklusion und Inklusion von Menschen wirken gesellschaftsstabilisierend. Es sind die emergenten Wechselwirkungen zwischen sozial Gelebtem, medial Gezeigtem und politisch Gew\u00fcnschtem, die hier in erschreckender Weise instrumentalisiert sind. Damit wird einem in der Tendenz mehrfach menschenverachtenden Format jene gesellschaftliche Relevanz verliehen, die die gegenw\u00e4rtige Neoliberalit\u00e4t, die uns vorregiert wird, perfekt television\u00e4r erg\u00e4nzt und best\u00e4tigt. Und nicht nur Menschenw\u00fcrde, auch Tierschutz, Ehrlichkeit, Bildung, ja sogar Intelligenz sind nichts mehr als nur noch Worth\u00fclsen. Was z\u00e4hlt: sich immer und \u00fcberall mit allen Mitteln durchzusetzen. Struktur statt Inhalt. Wer Dschungelk\u00f6nig wird, hat sicher das Potenzial zum Bundeskanzler. Ich gebe mein Abi, mein Diplom und meine Promotion zur\u00fcck, braucht man ja in der Welt von heute nicht mehr\u2026 Ganz abgesehen davon, dass man mit einer regul\u00e4ren Promotion gerade zu zeigen scheint, dass man sogar zum Abschreiben zu dumm war\u2026<br \/>\nEin Kommentator auf \u201eStern.de\u201c attestierte dieser Nominierung prompt Passgenauigkeit \u201eim Land des niveaulosen Herump\u00f6belns, fehlenden Anstands und Respekts, im Land der Analphabeten und des Mittelma\u00dfes, in einem Land, wo man Dieter Bohlen und Heidi Klum f\u00fcr nachahmenswert erachtet und bewundert, in einem Land, wo Jugendliche kaum wissen, wer sie regiert\u2026\u201c Eine Relevanz in Form eines Ritterschlags, von der es bis zu Suzanne Collins &#8222;Hunger Games&#8220; nicht mehr weit ist, wie auch Daniel Martienssen (ebd.) beschrieb: \u201eEin solches Fernsehformat hat nun alle M\u00f6glichkeiten zu expandieren, sich zu verselbstst\u00e4ndigen und fortzuentwickeln. Wer nicht erkennt, dass sich menschenfeindliche Strukturen nicht \u00fcber Nacht bilden, wer nicht erkennt, dass sich Ekel und Faszination immer steigern m\u00fcssen und bei der Genitalverspeisung von irgendwelchen Tieren keinen Halt machen, der darf sich auch nicht wundern, wenn am Ende dieser Entwicklung\u00a0 die Tribute von Panem mit ihren Hunger Games die bittere Normalit\u00e4t widerspiegeln. Die Gesellschaft verf\u00e4llt immer schleichend.\u201c Noch drastischer Tomasz Konicz (heise.de): \u201eDer Erfolg des Dschungelcamps verweist somit auf ein sich immer st\u00e4rker aufstauendes autorit\u00e4res Potenzial in der Bev\u00f6lkerung.\u201c<\/p>\n<p>Hinzu kommt, dass dieser Ritterschlag im Handstreich alle medienethischen Debatten der letzten Jahre ad absurdum f\u00fchrt. Was habe ich Anfang der 2000er in meinen Magdeburger Seminaren \u201eDeutsche Fernsehgeschichte unter soziologischen Aspekten\u201c mit den Studenten noch \u00fcber \u201eBig Brother\u201c und dessen Grenzwertigkeit diskutiert \u2013 Stichworte \u201eZurschaustellung privaten Lebens in der medialen \u00d6ffentlichkeit\u201c\u00a0 oder \u201eEingriff eines Fernsehsenders in das Privatleben der Kandidaten\u201c! Das innerhalb eines Jahrzehnts (!) als Moralverschiebung nicht nur distanzlos und unkritisch zu akzeptieren, sondern mit artifiziellen Ph\u00e4nomenen wie Koons (Pop Art), de Sade (Literatur; sowohl \u201eJustine\u201c als auch \u201eJuliette\u201c erschienen, wenn auch\u00a0 anonym, 1797 in 10 B\u00e4nden) oder gar einer H\u00e4ndel\u2018schen \u201eXerxes\u201c-Adaption (Oper!) zu erkl\u00e4ren, \u00fcbersteigt die Konnotationen von Zynismus. Blasphemie einzig ist erkl\u00e4rungsgeeignet \u2013 Herr Kammann, ich dachte, es geht Ihnen um ein Showformat eines Privatsenders? Wen wundert\u2019s also noch, dass die \u201eNYT\u201c j\u00fcngst fragte, warum Deutschland mit seinen gro\u00dfartigen Traditionen in Literatur, Theater und Film kein &#8222;herausforderndes, komplexes Fernsehen&#8220; mehr zustande bringt? Jedem guten Film, Buch, Theaterst\u00fcck\u2026 wohnt \u2013 selbst wenn das Schrecklichste gezeigt wird \u2013 stets eine Aussage inne, eine Moral, die den Rezipienten aus der miterlebten Realit\u00e4t des Geschehens wieder zur\u00fcckholt und ihn, Sinnfragen stellend, \u00fcber das Warum des Gezeigten aufkl\u00e4rt, ja erhebt. Doch Unterhaltung hei\u00dft so, weil sie nichts mit Ober- oder gar \u00dcberhaltung zu tun hat. Denn solchen Sinnfragen ist dieses wie auch alle anderen &#8222;Reality&#8220;-Formate v\u00f6llig enthoben; im Gegenteil: die Verh\u00e4ltnisse werden umgekehrt. Konnte man sonst bei Shows vielleicht mal einen Blick hinter die Kulissen werfen, so pr\u00e4sentiert uns dieses Format nur den Blick hinter die Kulissen. Ein Nachdenken dar\u00fcber, was noch authentisch ist und was schon gespielt, erweist sich dabei als sinnlos, setzte es doch voraus, es g\u00e4be ein Sein hinter dem Schein. Micaela Sch\u00e4fers st\u00e4ndige Nacktheit in der f\u00fcr preisw\u00fcrdig erachteten Staffel l\u00e4sst es offenbar werden: ich bin Oberfl\u00e4che, nicht mehr.<\/p>\n<p>Und \u2013 nur erw\u00e4hnt, aber in Semantik und Semiotik nicht gew\u00fcrdigt haben Sie in Ihrem artifiziellen Argumentationsversuch die Rolle der medialen Allgegenwart. Zur origin\u00e4ren Rezeption von Koons, de Sade, \u201eXerxes\u201c &amp; Co., ja zum \u201eErleben von Welt\u201c, muss der Rezipient einen bewussten Akt des Aufbruchs nach Au\u00dfen t\u00e4tigen, etwa in Form eines Buchkaufs, Opernbesuchs etc. F\u00fcr massenmediale Formate dagegen braucht er solche Exploration nicht mehr, er bet\u00e4tigt einen Schalter, und die Welt kommt zu ihm ins Haus. \u201eAber wenn der Mensch nicht mehr aufbrechen muss, liegt eine soziale Pathologie vor\u201c (Barloewen 1995). Und dieser Pathologisierung leistet das Format gleich doppelt Vorschub: aufgebrochen sind andere, Stellvertreter quasi, die daf\u00fcr bestraft werden \u2013 und vor dem Fernsehapparat erg\u00f6tzt sich der passive Rezipient \u00fcber die Stellvertreter und die Strafen, womit der Kreis zum Dumpfb\u00fcrger geschlossen ist. Diese medialen und sozialen Modalit\u00e4ten der Akzeptanz von Pathologisierung von 8 auf 82 Millionen hochzurechnen halte ich f\u00fcr ebenso anma\u00dfend wie hilflos. Denn dann h\u00e4tte das Format sein Ziel erreicht. Die einen schauen es, die anderen analysieren es, die dritten kritisieren das Analysieren\u2026 und alle sind besch\u00e4ftigt. Euro, Energiewende, BER\u2026? Man sieht vor lauter Dschungel den Wald nicht mehr. Wenn es noch eines Beweises f\u00fcr See\u00dflens Theorie der \u201eBl\u00f6dmaschinen\u201c bedurft h\u00e4tte \u2013 deutlicher k\u00f6nnte er nicht sein. Im Kontext der \u201e10 Strategien der Manipulation\u201c von Noam Chomsky indiziert das gleich die erste, die da lautet \u201eKehre die Aufmerksamkeit um\u201c. Entsprechend lesen wir: \u201eDas Schl\u00fcsselelement zur Kontrolle der Gesellschaft ist es, die Aufmerksamkeit der \u00d6ffentlichkeit auf Ereignisse umzulenken, damit man von wichtigen Informationen \u00fcber tats\u00e4chliche \u00c4nderungen durch die politischen und wirtschaftlichen F\u00fchrungsorgane auf unwesentliche Nachrichten ablenkt\u2026 Jene Strategie ist der Grundstein, der das Basisinteresse aus den Bereichen Bildung, Wirtschaft, Psychologie, Neurobiologie und Kybernetik verhindert. Somit kehrt die \u00f6ffentliche Meinung den wirklichen gesellschaftlichen Problemen den R\u00fccken zu, berieselt und abgelenkt durch unwichtige Angelegenheiten\u2026\u201c<br \/>\nWer so kurzschrittig denkt, im Hodengenuss au\u00dfer &#8222;Show-Wert&#8220; nichts weiter zu entdecken, hat die Hoden perfekt verdaut und damit den Fleischern (um nicht Schl\u00e4chtern zu schreiben) ein breites Grinsen beschert. Und das halte ich f\u00fcr das eigentlich Bedenkliche. Und mit mir eine Reihe von Kommentatoren, von denen es einer auf \u201eSpiegel online\u201c auf den Punkt bringt: \u201eWer am Abend Schaben und Anderes vorgesetzt bekommt, wem in Folge der \u201cN\u00e4hrwert\u201c durch begleitende Magazinsendungen eingeimpft wird, wer dann die eigentliche Inhaltslosigkeit der meisten Sendungen auf allen Privatkan\u00e4len nicht mehr erfassen kann, bei dem hat die Medizin volle Fr\u00fcchte getragen. Realit\u00e4tsverweigerung wird durch traumhafte Wunschwelten kompensiert, selbst die letzte Hohlnuss hat die Chance etwas zu werden \u2013 reich, nicht intelligent. Klappt es im Dschungel nicht, geht man eben zu Dieter und wird Superstar, oder versucht es als Topmodel bzw. h\u00fcpfender Gr\u00f6hleimer mit bisher unentdeckten Talenten. Wer braucht da noch Schulbildung, chillen und konsumieren ist das Lebensmotto. Sollte es auf diesem Wege einmal klemmen, \u201cMitten im Leben\u201c, so steht jederzeit Rat und Tat zur Seite: \u201cVerklag mich doch\u201c einfach, wirst schon sehen!\u201d\u2026 \u2013 Fernsehen als \u201eRealit\u00e4tspr\u00e4servativ zur Verhinderung von Lebenszwischenf\u00e4llen\u201c (Bernd Guggenberger).<\/p>\n<p>Bei all dem wird fast marginal, dass Ihr verlinktes Gutachten am Ende Ihrer Rechtfertigung den Titel tr\u00e4gt \u201eZur Qualit\u00e4tsdiskussion \u00f6ffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme\u201c. Mehr Ehre kann RTL wohl kaum zuteil werden\u2026 Und da Sie mit Kafka schlie\u00dfen: man kann sich auch seine Kino-Interpretationen anschauen (Fernsehen als Massenmedium gab es damals noch nicht, andernfalls h\u00e4tte er sich sicher auch dazu Gedanken gemacht). Und st\u00f6\u00dft dabei auf den nach einem Kinoabend hingeworfenen Satz \u201eBin ganz leer und sinnlos, die vor\u00fcberfahrende Elektrische hat mehr lebendigen Sinn.&#8220;<\/p>\n<p>Was bleibt, ist Unbehagen. Gewaltiges Unbehagen. Zun\u00e4chst ein Unbehagen ob des Textes des Direktors einer renommierten Einrichtung. Eines Direktors, der mit vielerlei schwammiger und bem\u00fchter Rhetorik eine Entscheidung seiner Einrichtung halbherzig zu positivieren sucht. Dann ein Unbehagen ob potentieller Prognosen privater TV-Formatentwicklung \u2013 von Antarktis- oder Weltraumshows (mit Red Bull-gesponserter R\u00fcckkunft der Herausgew\u00e4hlten) unter r\u00e4umlicher Perspektive bis hin zu Kampfspielen unter inhaltlicher, wegen sp\u00e4teren Promimangels gef\u00fchrt von jobcenterfinanzierten Umsch\u00fclern zum Berufsbild \u201eGladiator\u201c &#8211; wer sich weigert, bekommt Harz 4 gestrichen. Die Einschaltquoten solcherart Deintellektualisierungs-Programme, prophezeie ich, sind sicher h\u00f6her als die eines bundesdeutschen Kanzlers Neujahrsansprache. Und da auch aller schlechten Dinge drei sind: ein Unbehagen \u00fcber Wert und Unwert von Preisen, Medienpreisen zumal. Vielleicht wird bald \u201eGrimme\u201c mit \u201eBambi\u201c und \u201eGoldener Kamera\u201c zusammengelegt: Zwegat erh\u00e4lt das Tier, Katzenberger das Ger\u00e4t, und in 10 Jahren freuen sich \u00fcber den B\u00fcchnerpreis die Scriptschreiber von \u201eFrauentausch\u201c&#8230;<\/p>\n<p>Ich glaube nicht, dass man sich in einem solchen Land noch wohlf\u00fchlen geschweige das genie\u00dfen mag, was in diesem Land unter Kultur firmiert.<\/p>\n<p>\u201eDamit wir sehen, was wir h\u00f6ren,<br \/>\nErfand Herr Braun die Braunschen R\u00f6hren.<br \/>\nWir w\u00e4r&#8217;n Herrn Braun noch mehr verbunden,<br \/>\nH\u00e4tt&#8216; er was anderes erfunden.\u201c (Heinz Erhardt)<\/p>\n<p>Mit freundlichen Gr\u00fc\u00dfen<\/p>\n<p>Dr. Thomas Hartung<br \/>\n<iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D1531&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Direktor Uwe Kammann hat auf der Internetpr\u00e4senz seines Instituts die Nominierung des DC versucht zu verteidigen. 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