{"id":2118,"date":"2014-08-31T13:21:32","date_gmt":"2014-08-31T12:21:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=2118"},"modified":"2014-09-01T19:26:21","modified_gmt":"2014-09-01T18:26:21","slug":"als-hohn-und-spott-den-zynismus-zeugten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=2118","title":{"rendered":"Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung 2014"},"content":{"rendered":"<p>Dieser ebenso kleine wie feine Exkurs soll dem viel zu ernsten deutschen Publikum die Klein- und Feinheiten teutonischen Humors etwas n\u00e4her bringen. \u201eSarkasmus ist die niedrigste Form des Witzes, aber die h\u00f6chste Form der Intelligenz\u201c, meinte Val McDermid in \u201eEin Ort f\u00fcr die Ewigkeit\u201c. Na, das kann ja heiter werden\u2026 \ud83d\ude09<\/p>\n<blockquote><p><a href=\"http:\/\/afdsachsen.de\/index.php?ct=kreis&#038;kreis=dresden\">Arndt Noack<\/a> ist Kreisvorstand der AfD Dresden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist ein sachlicher, wertfreier Satz.<\/p>\n<p>*Fiktionsmodus on* (schlimm, das betonen zu m\u00fcssen)<\/p>\n<blockquote><p>Arndt Noack &#8211; der bestangezogenste Mann der AfD Dresden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist Ironie (Verstellung, Vort\u00e4uschung), die verschiedene Graduierungen zwischen Sagen und Meinen ausdr\u00fcckt; im Extremfalle gar das Gegenteil dessen, was sie meint. Ihr wohnt eine gewisse Leichtigkeit, Gewaltlosigkeit in der Attit\u00fcde inne \u2013 was jetzt folgt, wird zunehmend gewaltsamer.<\/p>\n<blockquote><p>Herr Noack, wohnen Sie auf einer M\u00fcllkippe? Ihr Anzug, ihr Auto und ihre Frau sehen so aus.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist eine Beleidigung und damit ein <strong>justitiables Ehrdelikt<\/strong>, das mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr geahndet werden kann. Strafbar ist sie als Kundgabe von Miss- oder Nichtachtung gegen\u00fcber dem Beleidigten oder Dritten, die \u00fcber blo\u00dfe Unh\u00f6flichkeiten oder Taktlosigkeiten <em>hinausgeht<\/em>. Der ethische oder soziale Wert des Beleidigten wird geringer dargestellt als er ist.<\/p>\n<blockquote><p>Arndt Noack tr\u00e4gt gern T-Shirts mit AfD-Logo. Wenigstens das Logo sieht gut aus.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist Hohn, der das Aussehen eines Menschen absch\u00e4tziger beurteilt als ein Accessoire seiner Kleidung. Hohn kann verschiedene Anteile aufweisen von Verachtung, L\u00e4cherlichkeit oder Schadenfreude und wirkt in der sozialen Interaktion oft als Dem\u00fctigung.<\/p>\n<blockquote><p>Arndt Noack hat heute einen Anzug an. Er sagt, es sei sein bester. Dann will ich nie die anderen sehen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist Spott, der einem Menschen bestimmte usuelle Werte zu- oder abspricht; in diesem Falle Billigkeit bzw. Modebewusstsein. Im Gegensatz zum Hohn wird weniger Verachtung ausgedr\u00fcckt, eher H\u00e4me.<\/p>\n<blockquote><p>Herr Noack, Sie und ihre AfD werden morgen dasselbe anziehen, was Sie auch schon heute anzogen: Spinner, Idioten und Trottel.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist Zynismus, der als potenzierter Spott bewusst und tabulos die Gef\u00fchle anderer Personen oder gesellschaftliche Konventionen missachtet, ja deren Verletzung billigend in Kauf nimmt, in diesem Falle alle Parteimitglieder und Interessenten pauschal herabw\u00fcrdigt \u2013 ohne damit freilich neue Konventionen zu schaffen. Der wenig bis gar nichts ernst nehmende Zyniker verletzt vor allem, weil er die vermeintlich verletzenden Umst\u00e4nde ins Bewusstsein heben und damit Spie\u00dfern und Mitl\u00e4ufern einen Spiegel vorhalten will.<\/p>\n<blockquote><p>Leider sind wir nicht alle mit Blindheit geschlagen. Arndt Noack hat, wie wir also sehen m\u00fcssen, heute seinen besten Anzug im Schrank gefunden. Schade, dass er dazu nicht auch sein bestes Gehirn gefunden hat.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das endlich ist Sarkasmus (altgriechisch \u201esarkazein\u201c: sich das Maul zerrei\u00dfen, zerfleischen, verh\u00f6hnen), der zum Zeitpunkt des Sprechakts zerst\u00f6rerisch, ja vernichtend, t\u00f6dlich wirkt. Sarkasmus kann Elemente von Ironie, Zynismus, Spott usw. beinhalten, die aber nur punktuell wirken sollen \u2013 im Gegensatz zum Zynismus, der h\u00e4ufig charakterlich bedingt ist und verallgemeinert. Sarkasmus ist oft Ausdruck von Entt\u00e4uschung, Frustration und Verbitterung, die wiederum belegen, dass sarkastische Menschen sich von Normen und Werten innerlich noch nicht verabschiedet haben \u2013 im Gegensatz zu Zynikern. Aber selbst der Sarkasmus kann noch gesteigert werden.<\/p>\n<blockquote><p>Arndt Noack hat also seinen besten Anzug im Schrank gefunden. Schade, dass er dazu nicht auch sein bestes Gehirn gefunden hat. Aber da ist er in guter Gesellschaft. Merkel, Gauck und Tillich suchen auch noch.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist Sardonismus als potenzierter Sarkasmus: im Gegensatz zu den Aspekten von Hohn und H\u00e4me wird hier seine grimmige, schmerzvoll-sp\u00f6ttische Seite verallgemeinert, ja verabsolutiert.<\/p>\n<blockquote><p>Arndt Noack ist Kreisvorstand der AfD Dresden. Einst galt er als bester Mann der Landeshauptstadt, heute nur noch als bestangezogenster. Vor allem seine T-Shirts mit AfD-Logo sind legend\u00e4r. Keine Frage, das Logo sieht gut aus. Der Mann, der es tr\u00e4gt, dagegen, als wohne er auf einer M\u00fcllkippe. Auch Auto und Frau machen nicht den Eindruck, dass sie weit entfernt davon untergekommen sind. Nur selten noch sieht man Noack im Anzug. Wenn er dann sagt, das sei sein bester, will ich nie die anderen sehen. Aber einerlei, ob T-Shirt oder grobes St\u00f6ffchen: Arndt Noack und seine AfD werden morgen dasselbe anziehen, was beide auch schon heute anzogen: Spinner, Idioten und Trottel. Ein paar davon hatten ihn zur IceBucketChallenge nominiert, diesem geheimen IQ-Test der NSA. Noack spielte nicht mit. Das w\u00fcrde seine T-Shirts ruinieren und die Anz\u00fcge erst recht, sagte er dem ZDF. Im Anzug, nat\u00fcrlich. Offenbar dem besten, den er im Schrank gefunden hatte. Schade, dass er dazu nicht auch sein bestes Gehirn fand. Aber da ist er in guter Gesellschaft. Merkel, Gauck und Tillich suchen auch noch.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das nun ist <strong>Satire<\/strong>, eine Spottdichtung bzw. ein Spotttext, der Personen, Ereignisse, Zust\u00e4nde oder Missst\u00e4nde in sprachlich \u00fcberspitzter Form angeprangert. Satire bedient sich h\u00e4ufig der \u00dcbertreibung, kontrastiert Widerspr\u00fcche und Wertvorstellungen in \u00fcbertriebener Weise, verzerrt Sachverhalte, vergleicht sie h\u00f6hnisch mit einem vorgestellten Idealzustand und gibt ihren Gegenstand der L\u00e4cherlichkeit preis. Zu ihren Stilmitteln geh\u00f6ren Parodie, Travestie und Persiflage, zu ihren Tonalit\u00e4ten Ironie, Spott, Sarkasmus, ja manchmal sogar Pathos.<\/p>\n<p><em>*Fiktionsmodus off*<\/em><\/p>\n<p>Dieses je nach Perspektive literaturtheoretische bzw. stilistische Wissen hatten und haben alle Deutschlehrer, die in der DDR studierten. Und das Wissen um Ironie, Zynismus und Sarkasmus wurde mindestens bis 1990 von diesen Deutschlehrern an satirischen Tucholsky-Texten im Literaturunterricht der Oberstufe vermittelt, kann also als Allgemeinwissen vorausgesetzt werden.<\/p>\n<p>Dass dieses Wissen offenbar ausstirbt, befremdet und \u00e4rgert mich nat\u00fcrlich. Harald Martenstein gei\u00dfelte das in einer seiner k\u00f6stlichen <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/zeit-magazin\/2014\/28\/harald-martenstein-rassismus-marius-jung\">Kolumnen<\/a> mit dem bemerkenswert deutlichen Vorwurf: <\/p>\n<blockquote><p>Die Vorstellung, dass vermutlich zumeist schwanenwei\u00dfe Jungs und M\u00e4dels in Deutschland einen rabenschwarzen K\u00fcnstler wegen Rassismus an den Pranger stellen, nur weil dieser schwarze Bengel sich die Frechheit erlaubt, so etwas ihren deutschen Quadratsch\u00e4del \u00dcberforderndes wie Satire und Sarkasmus zum Einsatz zu bringen, hat etwas Gespenstisches, oder? Das Cover kann man missgl\u00fcckt finden, wer es rassistisch findet, hat vor allem ein Bildungsproblem.<\/p><\/blockquote>\n<p>Und eben dies befremdet mich noch viel mehr: dass sich Menschen offenbar aus dieser Unkenntnis heraus anma\u00dfen zu bestimmen, f\u00fcr bzw. gegen wen sich \u2013 auch problematische \u2013 sprachliche Mittel richten d\u00fcrfen. Aber wer \u201edazu geh\u00f6ren\u201c will, muss sich auch kommunikativen Unannehmlichkeiten aussetzen. Und wer dazu geh\u00f6ren <em>soll<\/em>, erst recht. Wenn Dummheit dort anf\u00e4ngt, wo Sarkasmus nicht mehr verstanden wird, dann h\u00f6rt Demokratie auf, wo sie nicht mehr alle betreffen soll.<\/p>\n<p><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D2118&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der folgende ebenso kleine wie wichtige literaturtheoretische Exkurs soll dem viel zu ernsten deutschen Publikum aus naheliegenden Gr\u00fcnden die Grob- und Feinheiten teutonischen Humors etwas n\u00e4her bringen. \u201eSarkasmus ist die niedrigste Form des Witzes, aber die h\u00f6chste Form der Intelligenz\u201c, meinte Val McDermid in \u201eEin Ort f\u00fcr die Ewigkeit\u201c. 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