{"id":3054,"date":"2017-04-29T13:34:20","date_gmt":"2017-04-29T12:34:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=3054"},"modified":"2017-04-29T14:05:43","modified_gmt":"2017-04-29T13:05:43","slug":"%e2%80%9efur-alle-reicht-es-nicht%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=3054","title":{"rendered":"\u201eF\u00fcr alle reicht es nicht\u201c"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>\u201eIm Meer der \u00dcberfremdung ist Deutschsein die letzte Illusion von Identit\u00e4t.\u201c (1992)<\/p><\/blockquote>\n<p>Heiner M\u00fcller (1929 \u2013 1995) war f\u00fcr mich die Verk\u00f6rperung des philosophisch-literarischen Dialektikers. Gema\u00dfregelt trotz Erfolgs in dem einen System, stand der unorthodoxeste aller Brecht-Sch\u00fcler dem anderen nicht minder skeptisch gegen\u00fcber. Unvergessen seine kurze Rede am 4. November 1989 auf dem Alex &#8211; der Dramatiker hatte einen seiner d\u00fcsteren Orakel-Auftritte, als er, leicht angetrunken, nach vielen k\u00e4mpferischen Optimisten an der Reihe war und den Hunderttausenden S\u00e4tze zuwarf wie:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDie n\u00e4chsten Jahre werden f\u00fcr uns kein Zuckerschlecken. Die Daumenschrauben sollen angezogen werden. Die Preise werden steigen und die L\u00f6hne kaum. Wenn Subventionen wegfallen, trifft das vor allem uns. Der Staat fordert Leistung. Bald wird er mit Entlassung drohen. Wir sollen die Karre aus dem Dreck ziehen.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>\u201eIch hatte das ungute Gef\u00fchl, dass da ein Theater inszeniert wird, das von der Wirklichkeit schon \u00fcberholt ist, das Theater der Befreiung von einem Staat, der nicht mehr existiert\u201c, wird M\u00fcller sp\u00e4ter \u00fcber diesen Tag sagen.  W\u00e4hrend andere sich auf die neue Freiheit freuten, ahnte er, dass die Zukunft nicht nur nett werden wird. Er war nicht besonders \u00fcberrascht, dass er ausgepfiffen wurde: \u201eAls mir am Fu\u00df der improvisierten Trib\u00fcne eine Welle von Hass entgegenschlug, wusste ich, dass ich an Blaubarts verbotene T\u00fcr geklopft hatte, die T\u00fcr zu dem Zimmer, in dem er seine Opfer aufbewahrt\u201c, kommentierte er sp\u00e4ter die w\u00fctende Reaktion auf seinen Beitrag zur friedlichen Revolution.<\/p>\n<p>F\u00fcnf Tage vor dem Mauerfall zu sagen, dass die Befreiung von der Diktatur und der Planwirtschaft auch Wende- und Modernisierungsverlierer produzieren wird, war ein Stimmungskiller in der Euphorie der Wendetage. Falsch aber war es offenkundig nicht. M\u00fcller neigte nicht dazu, die Zust\u00e4nde zu romantisieren, weder in der DDR noch im Westen. \u201eUnd jetzt hei\u00dft es in den reichen L\u00e4ndern, mit Blick auf die wachsenden, \u00fcberv\u00f6lkerten und n\u00e4her r\u00fcckenden Armutszonen: \u201aF\u00fcr alle reicht es nicht.\u2018 Daraus folgt die Selektion\u201c, formulierte er prompt ein paar Monate vor seinem Tod.<\/p>\n<div id=\"attachment_3055\" style=\"width: 560px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/02.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3055\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3055\" title=\"Berlin, Demonstration; Rede Heiner M\u00fcller\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/02.jpg\" alt=\"M\u00fcller spricht bei der Berliner Gro\u00dfdemonstration am 4. November 1989\" width=\"550\" height=\"762\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/02.jpg 577w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/02-216x300.jpg 216w\" sizes=\"(max-width: 550px) 100vw, 550px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3055\" class=\"wp-caption-text\">M\u00fcller spricht bei der Berliner Gro\u00dfdemonstration am 4. November 1989<\/p><\/div>\n<p>Seine Prognose heraufziehender Verteilungsk\u00e4mpfe wurde im Taumel der Wende ebenso oft bel\u00e4chelt wie zur\u00fcckgewiesen. Mit dem Ausbrechen barbarisch gef\u00fchrter Terrorkriege und den daraus resultierenden Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6men ist sie allerdings Realit\u00e4t geworden. Die Fragen, die sich damit stellen, lauten: Reicht es wirklich nicht f\u00fcr alle? Soll es \u00fcberhaupt f\u00fcr alle reichen? Wie weit klaffen die politischen Gegebenheiten und die Hoffnung auf eine gerechte Welt auseinander? Sind Verteilungsfragen nicht Kraftquelle von linkem wie rechtem \u201ePopulismus\u201c? Denn schon 1991 prophezeite M\u00fcller:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDas [Horkheimers Vision der Zukunft als total verwalteter Welt und AldousHuxleys Sch\u00f6ne neueWelt] ist die pessimistische Variante der Hoffnung, dass die Festung Europa auf Dauer gehalten werden kann. All diese Visionen unterschlagen, dass die dritte Welt eine Macht ist; dass die, auf deren Kosten man lebt, dem nicht ewig tatenlos zusehen werden. Dazu bedarf es keiner milit\u00e4risch-\u00f6konomischen St\u00e4rke. Es reicht v\u00f6llig, wenn sich Millionen Verelendeter in Bewegung setzen.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Ein Vierteljahrhundert danach k\u00f6nnte es also durchaus an der Zeit sein, Heiner M\u00fcllers Texte neu zu lesen, da sie an Relevanz und Aktualit\u00e4t nichts verloren haben. \u201eZu entdecken sind prophetische Analysen, die Elend und Schrecken des triumphierenden Kapitalismus im Voraus zur Sprache bringen\u201c verhei\u00dft der <a href=\"http:\/\/www.suhrkamp.de\/buecher\/fuer_alle_reicht_es_nicht_-heiner_mueller_12711.html\" target=\"_blank\">Suhrkamp-Verlag<\/a>, der der \u201eChance\u201c, die Heiner M\u00fcller als Dialektiker noch in der v\u00f6lligen \u201eRatlosigkeit des Denkens\u201c erkannt hat, einen \u201eDenkraum\u201c geben will. Der Band mit eben jenem Titel \u201eF\u00fcr alle reicht es nicht\u201c legt eine Auswahl bekannter und weniger bekannter Texte M\u00fcllers zum Kapitalismus vor.<\/p>\n<p>Die Gliederung orientiert sich an f\u00fcnf grundlegenden Aspekten der Kritik, die das Gesamtwerk durchziehen: Im Einzelnen geht es um die kapitalismuskritische Analyse der Konfrontation der Bl\u00f6cke, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind, um den Affekt des Ekels angesichts der unmenschlichen Verelendung und des kannibalischen Konsums, die der Kapitalismus erzeugt,um die kapitalistisch instrumentalisierte Sprache, um die nach wie vor virulente Frage der Religion und schlie\u00dflich um die kontinuierliche  Gegenwart des Krieges.<\/p>\n<p>Zu den \u201eBl\u00f6cken\u201c und damit den sozialen Macht \u2013 und Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen, die alles andere als harmonisch und friedlich sind, war M\u00fcller schon 1994 erstaunlich hellsichtig: \u201eEs gab keinen Feind mehr. Wenn das Reich des B\u00f6sen weg ist, ist der Teufel pl\u00f6tzlich \u00fcberall. Die Barbaren sind etwas Diffuses, Jugoslawien, Armenien, Georgien, \u00fcberall gibt es diese kleinen Barbarenst\u00e4mme. Es gibt das Problem, wie h\u00e4lt man die davon ab, in die Wohnstube zu kommen, in der man sich einigerma\u00dfen eingerichtet hat. Man braucht Mauern. Es dauert immer eine Zeit, bis man merkt, was n\u00f6tig ist. Man kann nicht sofort wieder eine Mauer bauen. Man wei\u00df nur, und erf\u00e4hrt jede Woche neu: Man braucht sie. Aber man kann sie in der Form nicht wieder bauen. Man muss sich Zeit lassen und andere Architekturformen entwickeln. Es darf nicht mehr so einfach aussehen, aber eigentlich braucht man es schon.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_3057\" style=\"width: 560px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/03.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3057\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3057\" title=\"03\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/03.jpg\" alt=\"Heiner M\u00fcller. Quelle: http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buecher\/20-todestag-von-heiner-mueller-was-haette-er-in-dieser-zeit-geschrieben-13982555.html\" width=\"550\" height=\"315\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3057\" class=\"wp-caption-text\">Heiner M\u00fcller. http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buecher\/20-todestag-von-heiner-mueller-was-haette-er-in-dieser-zeit-geschrieben-13982555.html<\/p><\/div>\n<p>Stichwort Ekel: Der Zeitdiagnostiker M\u00fcller hat als genuiner Marxist vor allem in den letzten Jahren vor seinem Krebstod als gefragter Interviewpartner dem Kapitalismus unbarmherzig die Leviten gelesen. Die eigent\u00fcmliche Dialektik seines Denkens begreift man erst mit Blick auf seine lebensgeschichtliche Situation mit der Allgegenw\u00e4rtigkeit des Krebses: im K\u00f6rper, im System, in der Zeit. Prompt gilt sein ganzer Hass der Allgegenw\u00e4rtigkeit des Kapitals und dessen Verwertungsgesetzen. Wer aber sein Vertrauen auf die Rechtsordnung der liberalen Demokratie setzt, kann laut M\u00fcller auch nicht frei sein. Die Wirklichkeit: f\u00fcr ihn \u201edas Unm\u00f6gliche\u201c, was mit Blick auf eine k\u00fcnftige klassenlose Gesellschaft abzuschaffen ist. Umgekehrt enth\u00e4lt sein dichterisches Werk eine l\u00fcckenlose Abfolge von Gr\u00e4ueln und Bluttaten. Ungl\u00fcck ist das A und das O in der M\u00fcller&#8217;schen Welt.  Von der Tr\u00fcmmerhalde der Geschichte liest er Begebenheiten auf, um die gewaltsame Einwirkung abstrakter Ideen auf die wehrlosen K\u00f6rper der Menschen nachzuweisen. Fazit: nur wer auf die untergegangenen Hoffnungen der Toten setzt und deren Utopien mit frischer Stimmkraft belebt, besitzt eine einigerma\u00dfen begr\u00fcndete Aussicht auf Zukunft.<\/p>\n<p>Zur Sprache: Seine Dichtung \u2013 eine der wortgewaltigsten nach 1945 \u2013 tendiert oft zur unwandelbaren F\u00fcgung. Wie behauene Bl\u00f6cke ragen seine h\u00e4ufig in Blankvers verfassten Texte aus der Masse der politischen Gebrauchsliteratur hervor. In ihnen h\u00e4lt M\u00fcller Zwiesprache: \u201eICH HAB ZUR NACHT GEGESSEN MIT GESPENSTERN \/ Jetzt holt Journaille meinen Schatten heim\u201c. Umgekehrt resultiert das deutsche Ungl\u00fcck laut M\u00fcller aus der Unf\u00e4higkeit, eine Revolution nach franz\u00f6sischem Vorbild zu entfesseln. In seinen St\u00fccken und Gedichten beklagt er die Versteinerung der Verh\u00e4ltnisse, an der auch der Epochenwechsel von 1990 nichts ge\u00e4ndert habe. Die \u201ein R\u00e4tseln redende Sphinx mit der Davidoff-Zigarre\u201c, wie er k\u00fcrzlich tituliert wurde, setzte gegen den Kapitalismus, die Bestie \u201emit der Blutbahn der Banken\u201c, zwar auf die Unduldsamkeit der Unterdr\u00fcckten \u2013 und hatte dennoch ein ambivalentes Verh\u00e4ltnis zu ihnen. Dirk Baecker brachte das 2017 auf den Punkt:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eWir haben Revolutionen, die sich damit \u00fcberraschen, dass sie in neuem Gewand Verh\u00e4ltnisse best\u00e4rken, die sie \u00fcberwinden wollten. Und wir haben Protestbewegungen, die sich in der Illusion wiegen, selber nicht den Bedingungen zu unterliegen, gegen die sie protestieren.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>F\u00fcr den desillusionierten M\u00fcller forderte die Bev\u00f6lkerung ab 1989 die \u201eRealit\u00e4t der Phrase\u201c ein, da die \u201eDiskrepanz zwischen der Phrase und der Realit\u00e4t\u201c zu gro\u00df wurde. Und weiter: \u201eDer vers\u00e4umte Angriff auf die Intershops m\u00fcndete in den Kotau vor der Ware\u201c, komplettiert durch den jahrelangen \u201eVersuch, die Kolonisierten durch die Suggestion einer Kollektivschuld niederzuhalten. Die Narben schreien nach Wunden, das unterdr\u00fcckte Gewaltpotential bricht sich Bahn im Angriff auf die Schw\u00e4cheren, Asylanten und Ausl\u00e4nder; keinem Immobilienhai, gleich welcher Nation, wird ein Haar gekr\u00fcmmt.\u201c Und bereits ein Jahr sp\u00e4ter postulierte er<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDas Gute will selektieren, also Minderheiten produzieren. \u2026 Es geht um Vereinzelung und nicht um Solidarisierung. Die Tendenz des Kapitalismus ist die Vereinheitlichung, die sich auch auf der Oberfl\u00e4che der Technisierung abzeichnet und zur Nivellierung f\u00fchrt. Es ist der allgemeine Grundirrtum, dass der Kapitalismus den Individualismus f\u00f6rdert. Das Gegenteil ist der Fall. Der Kommunismus vereinzelt, der Kapitalismus uniformiert.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<div id=\"attachment_3058\" style=\"width: 624px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Tombstone_Heiner_Mueller.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3058\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3058\" title=\"Tombstone_Heiner_Mueller\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Tombstone_Heiner_Mueller.jpg\" alt=\"Grab von Heiner M\u00fcller auf dem Dorotheenst\u00e4dtischen Friedhof in Berlin\" width=\"614\" height=\"819\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Tombstone_Heiner_Mueller.jpg 614w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Tombstone_Heiner_Mueller-224x300.jpg 224w\" sizes=\"(max-width: 614px) 100vw, 614px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3058\" class=\"wp-caption-text\">Grab von Heiner M\u00fcller auf dem Dorotheenst\u00e4dtischen Friedhof in Berlin, CC BY-SA 3.0, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=612946<\/p><\/div>\n<p>Religion und Krieg: In Anlehnung an Ronald Pohl (2017) kann man M\u00fcllers Haltung mit dem Satz \u201eSolange es Herren und Sklaven gibt, sind wir aus unserem Auftrag nicht entlassen\u201c auf den Punkt bringen. Freiheit ohne Gleichheit auf der einen Seite, Gleichheit auf Kosten der Freiheit auf der anderen, erkannte er schon 1987. Auch hierzu trefflich Dirk Baecker: \u201eDenn frei, gleich und br\u00fcderlich ist es nirgendwo und kann es nirgendwo sein. Die Formel versorgt sich laufend neu mit Anl\u00e4ssen, sie nach wie vor f\u00fcr berechtigt zu halten. Ihrem Blick auf die Wirklichkeit h\u00e4lt keine Wirklichkeit stand.\u201c<\/p>\n<p>Frappierend dabei sind die nach heutigem Verst\u00e4ndnis \u201erechtsextremen\u201c Ans\u00e4tze, die M\u00fcller bspw. zur Jugend 1992 so formulierte: \u201eNach der Zerst\u00f6rung einer Infrastruktur, die wesentlich auf ihre Beruhigung ausgerichtet war, \u00fcbergangslos in die Freiheit des Marktes entlassen,  der sie mehrheitlich ausspuckt, weil er nur an Gegenwart und nicht an Zukunft interessiert sein kann, ist sie jetzt auf die Wildbahn verwiesen.\u201c Die \u201eRandalierer\u201c von Rostock und anderen Orten sind f\u00fcr ihn prompt<\/p>\n<blockquote><p>\u201edie Sturmabteilung der Demokratie, die radikalen Verteidiger der Festung Europa, gerade weil ihnen auf kurze oder lange Sicht nur der Dienstboteneingang offensteht. \u2026 Auf der Tagesordnung steht der Krieg um Schwimmwesten und Pl\u00e4tze in den Rettungsbooten, von denen niemand wei\u00df, wo sie noch landen k\u00f6nnen, au\u00dfer an kannibalischen K\u00fcsten. Mit der Frage, wie man diese Lage seinem Kind erkl\u00e4rt, ist jeder allein.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Was bleibt? Es wird nie ganz reichen f\u00fcr alle, ganz gleich, wie viel \u00dcberfluss vorhanden ist.Das Lebensprinzip des Kapitalismus ist gerade nicht die Befriedigung der sogenannten Bed\u00fcrfnisse. Es ist ihre auf Dauer gestellte Nichtbefriedigung, die allein die Dynamik der fortgesetzten Wertsch\u00f6pfung gew\u00e4hrleisten soll. M\u00fcllers lakonische Wendungen formulieren keine frohe Botschaft, widersprechen sie doch dem Optimismus eines politisch-\u00f6konomischen Systems, das sich selbst als emanzipatorische Fortschrittsdynamik, den Garanten individueller Freiheit, des friedlichen Tauschhandels und des allgemeinen Wohlstands beschreibt. \u201eAus der Geschichte lernen hei\u00dft das Nichts lernen\u201c w\u00e4re eine Option. Eine andere:<\/p>\n<blockquote><p>Politik ist das Machbare Ein M\u00e4nnertraum<br \/>\nAus dem kein Kind schreit In allen Sprachen<br \/>\nHei\u00dft die Zukunft Tod<\/p><\/blockquote>\n<p>Und eine dritte, die ich gern entkr\u00e4ften w\u00fcrde: \u201eEs gibt keinen Dialog zwischen Kunst und Politik. Das ist ein Irrsinn, bei dem es nur zu wechselseitigen Besch\u00e4digungen kommen kann.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_3056\" style=\"width: 400px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/01.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3056\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3056\" title=\"01\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/01.jpg\" alt=\"Titelbild\" width=\"390\" height=\"639\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/01.jpg 390w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/01-183x300.jpg 183w\" sizes=\"(max-width: 390px) 100vw, 390px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3056\" class=\"wp-caption-text\">Titelbild. Quelle: Suhrkamp.de <\/p><\/div>\n<p><em>Herausgegeben und (schlecht) editiert wurde der Band von Helen M\u00fcller und Clemens Pornschlegel, Literaturwissenschaftler am Institut f\u00fcr deutsche Philologie der LMU M\u00fcnchen: manche Texte doppeln sich unkommentiert (was die Lesart &#8222;Funktionalisierung&#8220; nach sich zieht), die einleitenden Kapita lesen sich oft wie mit dem Holzhammer gezimmert, auf dass der Leser ja unbedingt die Kapitalismuskritik erkennen m\u00f6ge. Betreutes Lesen mag ich aber ebensowenig wie betreutes Denken.<\/em><\/p>\n<h5>Heiner M\u00fcller: \u201eF\u00fcr alle reicht es nicht.\u201c Texte zum Kapitalismus. Herausgegeben von Helen M\u00fcller, Clemens Pornschlegel und Brigitte Maria Mayer. Edition Suhrkamp 2017. 390 Seiten. 16,50 Euro.<\/h5>\n<p><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D3054&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heiner M\u00fcllers Prognose heraufziehender Verteilungsk\u00e4mpfe wurde im Taumel der Wende ebenso oft bel\u00e4chelt wie zur\u00fcckgewiesen. Mit dem Ausbrechen barbarisch gef\u00fchrter Terrorkriege und den daraus resultierenden Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6men ist sie allerdings Realit\u00e4t geworden. Ein Vierteljahrhundert danach k\u00f6nnte es also durchaus an der Zeit sein, Heiner M\u00fcllers Texte neu zu lesen, da sie an Relevanz und Aktualit\u00e4t nichts verloren haben. \u201eZu entdecken sind prophetische Analysen, die Elend und Schrecken des triumphierenden Kapitalismus im Voraus zur Sprache bringen\u201c verhei\u00dft der Suhrkamp-Verlag. Ich habe den Band gelesen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1,5,4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3054"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3054"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3054\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3066,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3054\/revisions\/3066"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3054"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3054"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3054"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}