{"id":3396,"date":"2018-06-14T18:21:35","date_gmt":"2018-06-14T17:21:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=3396"},"modified":"2018-08-12T10:43:51","modified_gmt":"2018-08-12T09:43:51","slug":"wenn-selektion-mit-reprasentation-verwechselt-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=3396","title":{"rendered":"Wenn Selektion mit Repr\u00e4sentation verwechselt wird"},"content":{"rendered":"<p>In einem von Rankings und Quoten befeuerten \u201ekulturellen Kapitalismus\u201c habe die Gesellschaft ihre Bindungskraft verloren &#8211; im Gegenteil gehe es jedem Individuum um die narzisstische Anh\u00e4ufung von &#8211; \u00fcberdies versatzst\u00fcckhaftem &#8211; \u201eSingularit\u00e4tskapital\u201c. Gewandelt zu einer globalisierten und digitalisierten \u201eSuperstar-\u00d6konomie\u201c, die ihr Geld mit der Bewirtschaftung von Images und Narrativen macht, geh\u00f6rt in diesem Kapitalismus zu den Verlierern, wer oder was nicht als etwas Besonderes wahrgenommen wird. Im gnadenlosen Profilierungswettbewerb auf M\u00e4rkten, die sich also weniger nach Leistungs- denn nach Attraktivit\u00e4tskriterien definieren, leben die Gewinner, die eine hochqualifizierte, jedoch nicht klassisch verm\u00f6gende neue Mittelklasse bilden, das eigene Leben nicht mehr, sondern legen aus Statusgr\u00fcnden mehr Wert darauf, ihr Leben zu \u201ekuratieren\u201c.<\/p>\n<p>Die M\u00e4rkte, Marktakteure und Marktmechanismen eines so entworfenen zeitgen\u00f6ssischen Vergesellschaftungssystems zu beschreiben ist das Anliegen von Andreas Reckwitz\u2018 Pamphlet \u201eDie Gesellschaft der Singularit\u00e4ten\u201c. Dabei ist \u201ePamphlet\u201c bewusst gew\u00e4hlt, exerziert das Buch doch beispielhaft, was passiert, wenn ein Text auf einer falschen, aber politisch korrekt ausbeutbaren \u00a0Annahme gr\u00fcndet, die der Autor f\u00fcr wahr befindet und selbst bei deren Mehrfachversagen nicht revidiert, sondern blindlings zu Ende schreibt: hier in die Falschheit eines dekretierten Radikal-Individualismus hinein, der die psychische Gesundheit des Individuums unterminiert und damit letztendlich dessen Da-Sein als Mensch-Sein negiert.<\/p>\n<p>Diese falsche Annahme ist die Unterstellung, dass seit ca. den 70er Jahren das <strong>quantitative<\/strong> <em>Selektions<\/em>prinzip <em>medialer<\/em> Informations<em>pr\u00e4sentation<\/em> zum <strong>qualitativen<\/strong> <em>Existenz<\/em>prinzip <em>sozialer<\/em> Informations<em>repr\u00e4sentation<\/em> mutiert sei. Das Selektionsprinzip brachte ein Lokalredakteur der amerikanischen \u201eSun\u201c, John B. Bogart, schon 1880 so auf den Punkt: \u201eWhen a dog bites a man, that&#8217;s not news, but when a man bites a dog, that&#8217;s news.\u201c Oder, ebenfalls in Bogarts Worten: \u201eNews is what&#8217;s different\u201c. Das Existenzprinzip wiederum formuliert Reckwitz bereits im ersten Satz seines Buchs: \u201eWohin wir schauen in der Gesellschaft der Gegenwart: Was immer mehr erwartet wird, ist nicht das Allgemeine, sondern das Besondere.\u201c Ist die Realit\u00e4t zum Massenmedium verkommen, sind wir alle zu (schlechten) Journalisten, im BILD-Sprech \u201eLeserreportern\u201c degeneriert?<\/p>\n<p>Es scheint in Reckwitz\u2018 Logik formal zu passen, diesen Mutationsprozess zun\u00e4chst simpel als verabsolutierte Medialisierung zu begreifen: gerade Massenmedien transportieren inzwischen weniger Informationen denn Affekte. Das Buch offenbart da auch (ungewollt?) \u00a0kommunikationswissenschaftliche Gedankeng\u00e4nge, zumal man mit Bezug auf Novalis\u2018 Theorie des \u201eProze\u00df der Geschichte\u201c, den jener gleichsam als Verbrennungsprozess interpretiert, auch elegant das Burn-out-Potential seines \u201eAktivismus-Diktats\u201c und der damit einhergehenden \u201eVerzichtaversion\u201c mit seinen vielen Krisensymptomen (Depression als neue Volkskrankheit, Verlust von Gerechtigkeits- und anderen Ma\u00dfst\u00e4ben, Orientierungslosigkeit, \u00dcberforderung, ja Verabschiedung aus dem anstrengenden Dauerwettbewerb\u2026) erkl\u00e4rt h\u00e4tte, das der Autor seitenlang ausbreitet und dabei eine interessante psychologische These entwirft. Denn w\u00e4hrend gemeinhin gilt, dass eine Entt\u00e4uschung durch ein nicht erf\u00fclltes Erdachtes zur Depression f\u00fchrt, postuliert Reckwitz spezifischer ein \u201eEntt\u00e4uschungsrisiko, wenn man den hohen Anforderungen an sich selbst nicht gen\u00fcgt.\u201c<\/p>\n<p>Allerdings nimmt Reckwitz keine der g\u00e4ngigen Prozessdifferenzierungen vor (bspw. nach kausalen, deterministischen und zuf\u00e4lligen, stochastischen) noch erkl\u00e4rt er die Instanz des \u201ewas\u201c, die das Besondere erwartet. Dieses Weglassen alles Essentiellen, das die Gedankeng\u00e4nge und damit auch die Richtung des Textes beeinflussen k\u00f6nnte, ist ein leider immer wiederkehrender Aspekt des Buchs, das sich darin gef\u00e4llt, die eine Oberfl\u00e4chlichkeit mit der anderen zu ersetzen: wir treffen viele au\u00dfensichtige Schilderungen, die fast krampfhaft innensichtige Reflexionen zu vermeiden trachten.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kommen dem Bewanderten sofort die dialektischen Gesetze in den Kopf, insbesondere das vom Umschlagen von Quantit\u00e4ten in eine neue Qualit\u00e4t. Dass aber viele \u201eBesonderheiten\u201c zu einem neuen Speziellen aufsteigen, hatte Engels damit nicht gemeint. Mit andern Worten: Reckwitz h\u00f6rt immer dann auf zu schreiben, wenn es wehtun k\u00f6nnte. \u201eInsgesamt herrscht der Eindruck vor: Reckwitz bleibt erstaunlich gelassen angesichts seiner Diagnosen\u201c, findet auch Andreas Richartz auf dem <em>artblogcologne<\/em>.<\/p>\n<p>Ein Beispiel. Eine \u201edigitale Bewirtschaftung\u201c der Gesellschaft konstatierend, fragt der Autor, was und wie im Internet bewertet w\u00fcrde, welche B\u00fccher, Filme, Musikst\u00fccke als besonders und welche als blo\u00dfe Massenware g\u00e4lten. Da tobten Valorisierungs- und also Bewertungskonflikte, bei denen die Bedeutung der Gef\u00fchle nicht zu untersch\u00e4tzen sei: Das Besondere zeichne sich dadurch aus, dass es uns anziehe und ber\u00fchre. In diesem Sinne k\u00f6nne man von einem \u201eaffective turn\u201c, einem starken Bedeutungsgewinn der Affekte in der Sp\u00e4tmoderne sprechen. Zu verstehen sei der auch als Reaktion auf einen Affektmangel in der Massengesellschaft der klassischen Moderne. Erm\u00f6glicht worden sei dieser Strukturwandel hin zur Gesellschaft der Singularit\u00e4ten vor allem durch eine starke Kulturalisierung und Globalisierung der \u00d6konomie und einen Innovationsschub bei der digitalen Technologie.<\/p>\n<div id=\"attachment_3403\" style=\"width: 565px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/reckwitz.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3403\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3403\" title=\"Cover. Quelle: https:\/\/www.suhrkamp.de\/cover\/640\/58706.jpg\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/reckwitz.jpg\" alt=\"Cover. Quelle: https:\/\/www.suhrkamp.de\/cover\/640\/58706.jpg\" width=\"555\" height=\"923\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3403\" class=\"wp-caption-text\">Cover. Quelle: https:\/\/www.suhrkamp.de\/cover\/640\/58706.jpg<\/p><\/div>\n<p>All das ist zun\u00e4chst einleuchtend und folgerichtig dargestellt. Entscheidend ist aber nicht <strong>dass<\/strong>, sondern <strong>wie <\/strong>und<strong> warum<\/strong> B\u00fccher, Filme, Musikst\u00fccke\u2026 <strong>so<\/strong> positiv oder <strong>so<\/strong> negativ bewertet werden und von <strong>wem<\/strong> (Stichwort Fake-Accounts). Wer nur eine \u201eWertzuweisung\u201c konstatiert, ohne Werte, Wertende und Wertma\u00dfst\u00e4be in den Blick zu nehmen, kann notgedrungen nicht zu Tiefenbefunden gelangen. Man stelle sich vor, dass man bei einer halbst\u00fcndigen Fahrt durch eine vormitt\u00e4gliche, studentisch gepr\u00e4gte Gro\u00dfstadt 20 Ampelkreuzungen passiert, und bei 15 davon erlebt man junge m\u00e4nnliche Radfahrer, die rote Ampeln missachten. Am Nachmittag darauf sind es 3 an 13 Kreuzungen. Und zwei Tage sp\u00e4ter mittags wieder 7 an 16, und so geht das vielleicht ein paar Wochen fort. Nat\u00fcrlich kann man dann ein verkehrspsychologisches Buch \u00fcber die Aggressivit\u00e4t junger m\u00e4nnlicher Gro\u00dfstadt-Radler schreiben und darin behaupten, dass heute als normaler Verkehrsteilnehmer gilt, wer Rot f\u00fcr das neue Gr\u00fcn h\u00e4lt. Aber diese Behauptung \u00e4ndert halt nichts an der Bedeutung der Farben oder setzt gar die StVO au\u00dfer Kraft. Genau dieser Ansatz aber scheint der \u201eGesellschaft der Singularit\u00e4ten\u201c zugrunde zu liegen. \u201eIn seiner Theorie der Sp\u00e4tmoderne verkn\u00fcpft Reckwitz so ziemlich alle \u00e4rgerlichen und verwirrenden Ausw\u00fcchse der Gegenwart zu einem logischen System\u201c, tadelt Meredith Haaf in der <em>S\u00fcZ<\/em>. Mir f\u00e4llt kein Buch ein, w\u00e4hrend und nach dessen Lekt\u00fcre ich in den letzten Jahren so ratlos, ver\u00e4rgert, teilweise auch w\u00fctend war und dem Autor gedanklich mehrfach \u201eKehr um\u201c zugerufen habe.<\/p>\n<p><strong>Singularit\u00e4t als logischer Endpunkt der Standardisierung<\/strong><\/p>\n<p>\u201eWas heute als exzeptionell gilt, kann morgen schon entwertet und als konformistisch oder gew\u00f6hnlich eingestuft werden\u201c, lautet ein eher selbstverst\u00e4ndlicher Befund in der Einleitung, dem sich bereits auf Seite 11 Reckwitz\u2019 leitende These anschlie\u00dft:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIn der Sp\u00e4tmoderne findet ein gesellschaftlicher Strukturwandel statt, der darin besteht, dass die soziale Logik des Allgemeinen ihre Vorherrschaft verliert an die soziale Logik des Besonderen. Dieses Besondere, das Einzigartige, also das, was als nicht austauschbar und nichtvergleichbar erscheint, will ich mit dem Begriff der Singularit\u00e4t umschreiben.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>In der Folge \u00fcbertr\u00e4gt Reckwitz Ph\u00e4nomene singularistischer Lebensf\u00fchrung auf Lebensstile, Klassen sowie Subjekt- und Politikformen. Die Themenkreise, die jeweils einzelnen Kapiteln entsprechen, scheinen zun\u00e4chst keiner logischen Selektion oder Reihung zu folgen: soziale Moderne, postindustrielle \u00d6konomie, singularisierte Arbeitswelt, digitalisierte Kulturmaschine, singularistische Lebensf\u00fchrung und \u201edifferenzieller Liberalismus\u201c als Ausdruck des neuen \u201ePolitischen\u201c.<\/p>\n<p>Der Autor erl\u00e4utert zun\u00e4chst das Entstehen und die Ursachen der von ihm so bezeichneten Singularit\u00e4ten und stellt die Inhalte der einzelnen Kapitel vor. Auch im weiteren Verlauf des Buches werden den neuen Abschnitten kurze Zusammenfassungen des Vorhergesagten voran- sowie wichtige Kennw\u00f6rter und Formulierungen kursiv dargestellt. Den formalen Leseerleichterungen stehen allerdings manche Wortunget\u00fcme (\u201eAuthentizit\u00e4tsperformanz\u201c, S. 137, \u201eapertistisch-differenzieller Liberalismus\u201c, S. 373; oder \u201evernakul\u00e4re Kulturalisierung\u201c, S. 385), ja ganze Schwurbels\u00e4tze gegen\u00fcber: \u201eKultur im starken Sinne hat in ihrer Valorisierungs- und Affizierungsstruktur immer die Form eines Nichtrationalen beziehungsweise eines Mehr-als-Rationalen jenseits der produktiven oder intersubjektiven N\u00fctzlichkeit.\u201c Nun ja.<\/p>\n<p>\u201eProzesse der Singularisierung, Valorisierung und Kulturalisieriung\u201c w\u00fcrden in der Sp\u00e4tmoderne \u201eleitend und strukturbildend\u201c: Sie l\u00f6sen eine \u201eLogik des Allgemeinen\u201c ab, die noch f\u00fcr die alte, industrielle Moderne kennzeichnend war. Flie\u00dfbandfertigung, Massenkonsum und Sozialstaat, so Reckwitz, hemmten und eliminierten in der industriellen Moderne das Au\u00dfergew\u00f6hnliche zugunsten des Funktionellen, beg\u00fcnstigten das Kollektive zulasten des Individuellen &#8211; es herrsche der Geist einer normierten Normalit\u00e4t, in der \u201eau\u00dfengeleitete Charaktere\u201c, \u201esozial angepasste Pers\u00f6nlichkeiten\u201c (Riesman)\u00a0 ein regelhaftes Leben f\u00fchrten und an ihrer \u201eEinpassung\u201c in die \u201enivellierte Mittelstandsgesellschaft\u201c (Helmut Schelsky) arbeiteten. Das kann man so sehen.<\/p>\n<p>Die Orientierung am Besonderen k\u00f6nne allerdings f\u00fcr die Einzelnen auch zum Zwang werden. Durch die Abwertung des Mittelm\u00e4\u00dfigen und Konformen sei ein gro\u00dfer Profilierungsdruck entstanden, der nicht nur alle Lebensbereiche erfassen, sondern auch die Schere zwischen erfolgreichen und erfolglosen Menschen immer gr\u00f6\u00dfer werden lassen k\u00f6nne. Ein Grund daf\u00fcr sei, dass erbrachte Leistungen heute Erfolg nicht mehr garantierten. Auch das ist zun\u00e4chst nicht falsch.<\/p>\n<p>F\u00fcr Reckwitz ist der Wandel vom Allgemeinen zum Besonderen, vom \u201eStandardisierten\u201c zum \u201eEinzigartigen\u201c der Kulturalisierung des Sozialen aber die einzige Ursache, die zur Entstehung der von ihm bezeichneten Singularit\u00e4ten von Individuen, Dingen und Ereignissen f\u00fchrt. Diese Monokausalit\u00e4t negiert eine Vielzahl historischer Entwicklungen, die der Autor mit Ausnahme der amerikanischen B\u00fcrgerrechtsbewegung (warum gerade der?) so gut wie nicht anspricht: das Verschwinden von Adel und Gro\u00dfb\u00fcrgertum als richtungsweisender, kulturell-normativer Kraft;\u00a0 der Siegeszug der Popul\u00e4rkultur, die sich mit Beginn der f\u00fcnfziger Jahre sintflutartig ausbreitete; die Nachkriegsgeneration, die Entbehrungen nur vom H\u00f6rensagen kannte und f\u00fcr die Werte wie Pflichterf\u00fcllung und Aufopferungsbereitschaft keine Bedeutung mehr hatten; ein daraus resultierendes Hedonistentum, das einen Mangel an Lebensnotwendigem nicht kennt, da alles im \u00dcberfluss vorhanden war und ist \u2013 all das findet auf den \u00fcber 400 Seiten nicht statt, leider nicht statt.<\/p>\n<p>Denn wir haben es nicht nur mit einer Welt zu tun, in der zum Zwecke der Optimierung, Berechenbarkeit und Effizienzsteigerung normiert, typisiert, standardisiert und generalisiert wurde. Nein, systemische Abstraktion und Generalisierung ist zun\u00e4chst das Grundprinzip von Wissenschaft. Das wiederum wirft sofort die Frage auf, ob eine Gesellschaft w\u00fcnschenswert ist, die \u2013 \u00fcberdies k\u00fcnstlich \u2013 erzeugte individuelle Gef\u00fchle dem objektivierten, wissenschaftlichen Verstand unterordnet, ja die eine \u201eKlick\u00f6konomie der Wahrnehmung\u201c einer \u201eRelevanz\u00f6konomie der Verarbeitung\u201c vorzieht. Diese Frage, wie viele andere auch, stellt Reckwitz gar nicht geschweige beantwortet er sie.<\/p>\n<p>Generalisierung ist aber auch ein kognitiver Wahrnehmungsmodus: erworbene Erfahrungen geben der Informationsaufnahme und \u2013verarbeitung eine Richtung vor, um diese Informationen ins System einzuordnen und handhabbar zu machen, d.h. ad\u00e4quat zu handeln. Zu einer System\u00e4nderung kommt es erst, wenn zu viele neue Informationen mit der alten Regel nicht mehr handelbar sind und eine neue aufgestellt werden muss. Jedes Curriculum verallgemeinert Bildungsf\u00e4higkeiten, jede Krankenkasse Erkrankungen, jeder Versicherer Versicherungsf\u00e4lle, das ist ein v\u00f6llig normaler Vorgang \u2013 der in Reckwitz\u2018 Kosmos aber denormalisiert, oder neudeutsch: dekonstruiert wird.<\/p>\n<p>Der Autor spannt in der Einleitung auch ein kompliziertes Koordinatensystem auf, das den sechs Kapiteln eine nachvollziehbare Ordnung geben soll. So k\u00f6nnten zun\u00e4chst f\u00fcnf Einheiten des Sozialen zum Gegenstand von Prozessen der Singularisierung werden: Objekt und Dinge, menschliche Subjekte, Kollektive, R\u00e4umlichkeiten und Zeitlichkeiten &#8211; man kann durchaus von kompositorischer Singularit\u00e4t sprechen. Diese Prozesse lie\u00dfen sich in &#8211; auch mehrfach auftretende \u2013 Praktiken der Beobachtung, der Bewertung, der Hervorbringung und der Aneignung differenzieren, die die Praxis des blo\u00dfen \u201eLebensstandards\u201c als Ziel in der alten Industriegesellschaft deutlich \u00fcbersteige.<\/p>\n<p>Die Einheiten des Sozialen wiederum lie\u00dfen sich mit f\u00fcnf \u2013 nicht trennscharfen \u2013 Qualit\u00e4ten unterscheiden und qualifizieren: der \u00e4sthetischen, narrativ-hermeneutischen, ethischen, gestalterischen und ludischen (spielerischen). In jedem Kapitel werden dann pro Einheit, Praxis und Qualit\u00e4t die Ph\u00e4nomene aufgegriffen, die der Autor jeweils f\u00fcr relevant h\u00e4lt. Diese wiederholen sich nicht nur oft, es liegt auch in der Logik von Reckwitz\u2018 Kosmos, dass er alles mit allem verbindet, beschreibt, im Raum stehen l\u00e4sst, 2 oder 20 Seiten sp\u00e4ter wieder aufgreift\u2026 daher ist die Besprechung nach Kapiteln auch nur eine hilfsweise, die die Stofff\u00fclle b\u00e4ndigen und zu viel Redundanz verhindern mag.<\/p>\n<p><strong>1 Der Themenkreis \u201esoziale Moderne\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Die Industrie-Moderne war nach Reckwitz eine \u201eStandardisierungsmaschine\u201c, die Lebensl\u00e4ufe einander anglich \u2013 heute sei der Durchschnittsangestellte mit Durchschnittsfamilie eine \u201ekonformistisch erscheinende Negativfolie\u201c. Dass ausgerechnet dieses traditionelle, fast schon als \u00fcberkommen geltende Familienmodell aus wissenschaftlicher Sicht das Gl\u00fcck der Familie zu mehren scheint, wie die ZEIT jetzt, wissenschaftlich best\u00e4tigt, zugeben musste, ist da sicher eine l\u00e4ssliche S\u00fcnde. Der kulturelle Kapitalismus hingegen verlange von seinen Mitspielern, dass sich jeder als Besonderheit, als Singularit\u00e4t, als Individuum mit Alleinstellungsmerkmal vermarkte \u2013 man k\u00f6nnte auch \u201eseriell eingeforderte Einzigartigkeit\u201c sagen, der Autor nennt das \u201eSingularit\u00e4tsprestige\u201c. Allerdings: da nur dann in der Welt etwas gelte, wenn es interessant und wertvoll ist, herrsche in der von den sozialen Medien unterf\u00fctterten \u00dcberflussgesellschaft nicht mehr ein Mangel an G\u00fctern und Informationen, sondern an Aufmerksamkeit und Wertsch\u00e4tzung.<\/p>\n<p>Der fundamentale Strukturwandel unserer Zeit liege also in der Verschiebung der sozialen Logik: Das Singul\u00e4re \u2013 das Einzelne, Besondere, Hyperindividuelle \u2013 dominiere das Allgemeine. W\u00e4hrend also die Moderne mit all ihrer Normativit\u00e4t, ihren Standardisierungen von Abl\u00e4ufen, ihren Ideal-Typen, ihrer Formatierung und ihren sozialen Begrenzungsmechanismen eine einzige \u201eGeneralisierungsmaschine\u201c war (Reckwitz\u2018 Hang zu Maschinenmetaphorik f\u00e4llt durchaus auf), w\u00fcrden seit etwa den Achtzigerjahren die Global Player von Wirtschaft und Kultur daran arbeiten, G\u00fcter, Leistungen und Subjekte in den gegenteiligen Zustand zu bringen. Dazu k\u00f6nnte man fast \u201e\u00f6konomischer Machiavellismus\u201c sagen. Reckwitz spricht von der Kulturalisierung der Ungleichheit.<\/p>\n<p>Insofern f\u00e4nde in unseren zeitgen\u00f6ssischen Arbeits-, Konsum- und Kommunikationsstrukturen nur gut Platz, wer ein Einzelner sein kann \u2013 mit bestm\u00f6glich ausgebildeten Kapazit\u00e4ten und Kompetenzen. Gesellschaft ist in dieser Logik nicht mehr vorrangig dazu da, um Teil von ihr zu sein, sondern um vor ihr zu gl\u00e4nzen: man k\u00f6nnte das Zeitalter des Hyper-Individuums ausrufen. Reckwitz versteigt sich zu der These, dass wir das nicht der Selbstoptimierung wegen machen, sondern weil wir es auch so wollten. Wer uns umgibt, tut das nicht in erster Linie als potentieller Partner, Verb\u00fcndeter oder Kontrahent, es gehe gar nicht so sehr darum, sich in ein Verh\u00e4ltnis zum anderen zu setzen. Wer uns umgibt, dient eher dem eigenen Wertabgleich. Da kann man auch gleich das Ende jeder Beziehung ausrufen bzw., um in Reckwitz\u2018 Diktion zu bleiben, von Entzweiungsmaschine reden. Ein f\u00fcrchterliches Szenario: Schon Fortpflanzung ist auf eine (Zweier)Gemeinschaft gegr\u00fcndet, bei einer Familie sind es mindestens drei, die ein Verh\u00e4ltnis, auch ein Wertverh\u00e4ltnis, eingehen und leben, nicht aber sich in dasselbe \u201esetzen\u201c. Ein neues Entfremdungsbuch also? Ja, aber noch weit mehr.<\/p>\n<p>\u201eDas sp\u00e4tmoderne Subjekt\u201c, schreibt Reckwitz, strebe \u201ef\u00fcr sich und sein Leben nach Befriedigung im Besonderen\u201c. Wertsch\u00e4tzung ist dann eine Erfahrung, die \u2013 in beruflichen, politischen, aber auch privaten Kontexten \u2013 aber immer seltener etwas mit Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchlen oder Sicherheiten zu tun hat, sondern immer h\u00e4ufiger mit eher fl\u00fcchtigen Zuwendungen von Aufmerksamkeit. Auf dem Arbeitsmarkt ist das vor allem f\u00fcr diejenigen sp\u00fcrbar, die mit befristeten Vertr\u00e4gen oder als Sub-Unternehmer oder freie Mitarbeiter besch\u00e4ftigt sind.<\/p>\n<p>Denn: \u201eAls singul\u00e4r k\u00f6nnen dabei s\u00e4mtliche Eigenschaften und Aktivit\u00e4ten des Subjekts erscheinen: seine Handlungen und kulturellen Produkte, seine Charakterz\u00fcge, sein Aussehen und andere k\u00f6rperliche Eigenschaften, auch seine Biografie. Sie m\u00fcssen jedoch in irgendeiner Weise performt werden, um nicht blo\u00dfe Idiosynkrasie zu sein, sondern als Einzigartigkeit anerkannt zu werden\u201d (S. 80). Die entstandene neue Mittelklasse sei stark gepr\u00e4gt von einem doppelgesichtigen Liberalismus. Zum einen habe der Wirtschaftsliberalismus zu einer \u00d6ffnung und Deregulierung der M\u00e4rkte gef\u00fchrt. Zum anderen habe die Neue Mittelklasse sich aber auch kulturell und politisch ge\u00f6ffnet, einem linksliberal gepr\u00e4gten Kulturkosmopolitismus zugewandt. Im Gegenzug werde das Provinzielle stark abgewertet.<\/p>\n<p>Auf diese doppelte \u00d6ffnung gebe es nun verst\u00e4rkte Gegentendenzen. Reckwitz sieht hier ein Erstarken des \u201eKulturessenzialismus\u201c. Rechtspopulistische, nationalistische, religi\u00f6s-fundamentalistische, teilweise auch ethnische Gruppen w\u00fcrden kollektive Identit\u00e4ten wieder stark machen. Sie setzten auf das Eigene, das Heimische und eine in sich homogene wie abgeschlossene Gemeinschaft. Diese Reaktionen w\u00fcrden vor allem getragen von der Neuen Unterklasse und der alten Mittelschicht.<\/p>\n<p>Das liest sich wie eine soziologische Erkl\u00e4rung der Heimatbesinnung: den Ph\u00e4nomenen der Singularisierung wollen die singularisierungsunwilligen Neu- und Alt-Armen also eine erneute soziale, aber auch r\u00e4umliche \u201eKollektivierung\u201c entgegensetzen. Indirekt best\u00e4tigt das Reckwitz durch seine Feststellung, dass sich auch andere \u201eKollektive\u201c formierten, die unter den Begriff der \u201eNeogemeinschaften\u201c gebracht werden k\u00f6nnten. Was postmigrantische, regionale, aber auch nationalistische Kollektive verbinde, sei die starke Profilierung einer eigenen, besonderen Identit\u00e4t. Deutschland ist aber keine Neogemeinschaft!<\/p>\n<p>Teile der Gesellschaft aber erwarten und verlangen Regulierung. Zum einen wirtschaftspolitisch, das gilt als \u201elinks\u201c und hei\u00dft \u201eObergrenze f\u00fcr Managergeh\u00e4lter\u201c. Zum anderen gesellschaftspolitisch, das gilt als \u201erechts\u201c und hei\u00dft \u201eObergrenze f\u00fcr Einwanderung\u201c. Nun zeigen aber die populistischen W\u00e4hlerwanderungen in Frankreich und Italien, aber erst recht die von der Linkspartei oder der SPD zur AfD, dass diese Regulierungsbed\u00fcrfnisse nicht klar in gut\/links und b\u00f6se\/rechts zu trennen sind, sondern sich \u00fcberschneiden: Reckwitz spricht von \u201eKommunitariern\u201c. Es geht nicht nur um soziales Abgeh\u00e4ngtsein, sondern auch um das Gef\u00fchl kultureller Herabsetzung im Sinne von Ver\u00e4chtlichmachung alles Tradierten.<\/p>\n<p><strong>2 Der Themenkreis \u201epostindustrielle \u00d6konomie\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Dieses Kapitel kommt wie auch das n\u00e4chste ohne die Fundierung bedeutsamer wirtschaftspolitischer Machtakte wie zum Beispiel die Deregulierung des Finanzsektors aus, wirkt teilweise harmlos und bleibt insgesamt eher bei einer Analyse des Verhaltens von Konsumenten und Arbeitnehmern. Reckwitz betont zun\u00e4chst, dass \u201eSingularisierung\u201c unter \u00f6konomischer Perspektive ein funktionales Standardprodukt in ein Einzigartigkeitsgut verwandelt, indem sie dieses \u00e4sthetisch, affektiv und narrativ aufl\u00e4dt.<\/p>\n<div id=\"attachment_3404\" style=\"width: 565px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/reckwitz2.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3404\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3404\" title=\"Andreas Reckwitz. Quelle: http:\/\/www.thomasius-club.de\/wp-content\/gallery\/2016-05-andreas-reckwitz\/Reckwitz_2.jpg\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/reckwitz2.jpg\" alt=\"Andreas Reckwitz. Quelle: http:\/\/www.thomasius-club.de\/wp-content\/gallery\/2016-05-andreas-reckwitz\/Reckwitz_2.jpg\" width=\"555\" height=\"369\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/reckwitz2.jpg 800w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/reckwitz2-300x199.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 555px) 100vw, 555px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3404\" class=\"wp-caption-text\">Andreas Reckwitz. Quelle: http:\/\/www.thomasius-club.de\/wp-content\/gallery\/2016-05-andreas-reckwitz\/Reckwitz_2.jpg<\/p><\/div>\n<p>Er konstatiert einen systemischen Wandel der \u00d6konomie, einen Wandel von der Industriewirtschaft hin zu einem kulturellen Kapitalismus, der immer mehr zu einem Kapitalismus der Zeichen und Erlebnisse sowie der kreativen Objekte wird. Da dieser Wandel neue Konsumentenschichten und Absatzm\u00e4rkte erschlie\u00dfe, habe die \u00d6konomie selbst ein Interesse an ihm. Gegr\u00fcndet sei er zum einen auf der medientechnologischen Entwicklung der Digitalisierung: Das Internet sei eine Plattform zur Profilierung von Singularit\u00e4ten, denn nur diese z\u00f6gen Aufmerksamkeit auf sich. Gegr\u00fcndet sei er zum anderen auf der Tr\u00e4gergruppe der neuen Mittelklasse als Produkt von Bildungsexpansion und postmaterialistischem Wertewandel, die die Singularisierung als zentralen Antrieb ihres Lebensstils begreife. Das deutet zwei Problemkreise an: die mediale Aufmerksamkeitsschlacht und den personalen Wertewandel.<\/p>\n<p>\u201eNoch bevor sich die Frage der Kommerzialisierung und des finanziellen Profits stellt\u201c, bringt Reckwitz die Funktionsweise des \u201eKulturkapitalismus\u201c auf den Punkt, \u201ewird die Einzigartigkeit selbst kapitalisierbar, das hei\u00dft, sie kann zum akkumulierbaren Kapital werden, das Ertr\u00e4ge ganz ohne zus\u00e4tzliche Arbeit abwirft.\u201c Man k\u00f6nnte das auch \u201esoziale Fabrikation des Einzigartigen\u201c nennen. Denn G\u00fcter finden ihre Bewertung eher \u00fcber die Art, wie sie sich pr\u00e4sentieren, weniger \u00fcber die Frage ihrer tats\u00e4chlichen N\u00fctzlichkeit. Im alten Industriekapitalismus gab es Standardm\u00e4rkte und G\u00fcter, die leicht \u00fcber den Preis oder den Nutzen vergleichbar waren. Der kulturelle Kapitalismus lebt dagegen von G\u00fctern, die den Anspruch haben, einzigartig zu sein.<\/p>\n<p>Dieser Anspruch h\u00e4nge jedoch von teilweise unberechenbaren Formen des Erlebens und Bewertens ab. Das beginnt bei den traditionsreichen M\u00e4rkten f\u00fcr kulturelle G\u00fcter wie Kunstwerke, Literatur oder Musik: Hier herrscht, was \u00d6konomen als \u201ethe winner takes it all\u201c-M\u00e4rkte bezeichnen. Es gibt also G\u00fcter, die viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen und als einzigartig valorisiert werden &#8211; wie bekannte gro\u00dfe Musikst\u00fccke oder vielgelesene Romane. Und es gibt andere, denen die \u201eVermarktlichung\u201c ihrer G\u00fcter nicht gelingt, was dann eine Polarisierung nach sich zieht.<\/p>\n<p>Wenn das Publikum als Zertifizierungsinstanz auftritt, verh\u00e4lt es sich widerspr\u00fcchlich und unberechenbar. Die Unberechenbarkeit der Anerkennung, auf der der Erfolg von Singularit\u00e4tsg\u00fctern als ungewisse G\u00fcter auf Nobody-knows-M\u00e4rkten beruht, bedingt eine \u201e\u00dcberraschungs\u00f6konomie\u201c, da niemand vorhersagen kann, welcher neue Roman zum Bestseller oder welches Computerspiel zum Hit des Weihnachtsgesch\u00e4fts wird. Herausragende kreative Leistungen werden nicht immer erkannt und mit Wert bemessen, oft f\u00fchren sie nicht zum Erfolg. Wenn Kreativit\u00e4t gesellschaftliche Anerkennung erm\u00f6glicht, kann ein Nachlassen der F\u00e4higkeit die soziale Herabstufung oder den Ausschluss mit sich bringen.<\/p>\n<p>Fast ist man an das Bonmot des legend\u00e4ren Bundestrainers Sepp Herberger erinnert: \u201eDie Leute gehen ins Stadion, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht\u201c. Nicht mehr der Kampf um knappe G\u00fcter ist f\u00fcr die Sp\u00e4tmoderne konstitutiv, sondern der Kampf um die Aufmerksamkeit des Publikums und dessen Mobilisierung. Aufmerksamkeit muss gelenkt, intensiviert und gefiltert werden, ein h\u00f6chst dynamischer Prozess. In diesem Sinne ist die Singularit\u00e4tskultur im Unterschied zum auf Standardisierung und Marktf\u00f6rmigkeit ausgerichteten Sp\u00e4tkapitalismus eine h\u00f6chst riskante Kultur.<\/p>\n<p>So hat Klaus-Dieter Felsmann im <em>Bl\u00e4ttchen<\/em> richtig erkannt, dass einen h\u00f6heren Status erlangt, wer kulturelle Singularit\u00e4tsg\u00fcter verfertigt, als jene, die sich um das Profane, Nichtsingul\u00e4re k\u00fcmmern. Divergierende Lebensstile f\u00fchren dann aber auch zur Polarisierung sozialer R\u00e4ume. Die Orientierung am Wertvollen versuche die neue Mittelklasse in alle Bereiche ihres Alltags, weit \u00fcber die klassische Kunst hinaus, einzubauen. Aber diese Wertzuschreibung ist mitunter hochgradig umstritten. Was ist denn wertvoll? Vegane Ern\u00e4hrung, eine Netflix-Serie, ein Reiseziel? Die Dynamik der Valorisierung des Wertvollen und Singul\u00e4ren pr\u00e4gt das soziale Leben aber in gro\u00dfen Bereichen, wovon bspw. Bewertungsportale im Internet k\u00fcnden. Dass man Bewertungen aber auch kaufen kann, l\u00e4sst Reckwitz ebenso au\u00dfer acht auch wie Andersons Theorie vom \u201elong tail\u201c, wonach Anbieter virtualisierbarer Produkte den Gro\u00dfteil ihrer Ums\u00e4tze mit Nischenprodukten machen.<\/p>\n<p>Wenn also Einzigartiges von Aufmerksamkeit und Bewertungsdiskursen abh\u00e4ngt, sind das soziale Prozesse, die ein bestimmtes Zufallselement aufweisen, das zu ergr\u00fcnden ebenso spannend wie n\u00f6tig ist. Worauf richtet sich die Aufmerksamkeit, wem gelingt ihr Signalement, wie wird valorisiert? Mit industriegesellschaftlichen Kriterien der Leistungsgerechtigkeit sind diese Prozesse kaum mehr vereinbar. Das gilt f\u00fcr viele Bereiche der \u00d6konomie, ja der Gesellschaft insgesamt. Allerdings vermeidet Reckwitz sowohl die Frage, ob \u201eLeistungsgerechtigkeit\u201c ein nat\u00fcrlich empfundener oder ein imaginierter, erdachter Zustand ist, als auch die Ergr\u00fcndung an sich.<\/p>\n<p>Die Folgen allerdings thematisiert er sehr wohl: da im Unterschied zur organisierten Moderne, die Standardprodukte und (wachsenden) Lebensstandard zum Ziel hatte, die \u00d6konomie der Sp\u00e4tmoderne auf Singularit\u00e4t und Lebensqualit\u00e4t ausgerichtet sei, ist sie nicht leistungs-, sondern erfolgsorientiert und bringt f\u00fcr viele die frustrierende Erfahrung mit sich, dass sich Arbeitseinsatz und -erfolg entkoppelt haben. Es reiche nun nicht mehr, sein Arbeitspensum zu erf\u00fcllen &#8211; der \u201eSelbstverwirklichungsimperativ\u201c verpflichte zu einem interessanten und erf\u00fcllenden Beruf, andernfalls man als Langeweiler aus den Aufmerksamkeitsm\u00e4rkten aussortiert wird. Kein Wunder also, dass die Ersch\u00f6pfungsdepression zum \u201eemblematischen Krankheitsbild\u201c der Sp\u00e4tmoderne geworden ist. Es ist dies freilich ein Bessergestelltenleiden, quasi die Pathologie der Gewinner.<\/p>\n<p>Der Kult des Singul\u00e4ren, Abweichenden, Besonderen erweist sich als eine der erfolgreichsten Strategien im Kampf um eine Aufmerksamkeit, die auch \u00f6konomisch messbar ist: ein und dasselbe Tattoo etwa ziert nicht nur \u201eviele\u201c, sondern auch Fu\u00dfballspieler oder Rockstar, emblematischen Figuren des Wilden und Ungez\u00e4hmten, bei denen sich inszenierte Dissidenz und \u00f6konomischer Erfolg verbinden. Gerade solche Stars aus Sport und Pop k\u00f6nnte man als Speerspitze jener \u00d6konomie der Singularisierung begreifen, die s\u00e4mtliche Bereiche sp\u00e4tmoderner Gesellschaften durchziehen. Aber die Identifikation von Frustrierten mit Etablierten ist ebenso kurzfristig wie fraglich, und: Aufmerksamkeit setzt Reckwitz als Wert per se, vermeidet aber jede Diskussion dar\u00fcber, wof\u00fcr oder besser worin man diese investiert.<\/p>\n<p>Vor allem aber: Laut Reckwitz ist das sp\u00e4tmoderne Subjekt zur Performanz in Permanenz angehalten. Es muss sich als einzigartig und attraktiv inszenieren, und das auch noch glaubhaft. Das Einzigartige aber existiert nur, indem es aufgef\u00fchrt wird. Danach ist die Auff\u00fchrung ebenso wie die damit verbundene Einzigartigkeit vorbei, die Existenz Geschichte, der Mensch geschichtslos. Wie k\u00f6nnte er da noch \u201eExistenz\u201c beanspruchen? \u201eDas Rating ist die narzisstische Introspektion eines Systems, das sich nicht mehr entwickeln kann. So wie jemand, dem nichts mehr einf\u00e4llt, au\u00dfer das Angesammelte immer wieder neu zu sortieren.\u201c (Metz\/See\u00dflen 2012)<\/p>\n<p><strong>3 Der Themenkreis \u201esingularisierte Arbeitswelt\u201c <\/strong><\/p>\n<p>Der eben angedeutete personale Wertewandel wird in diesem Kapitel unter arbeitsweltlichen Aspekten vertieft. Die Krise der Entkopplung meint auch eine Abwertung von Arbeitsweisen, die nicht der Idee des Besonderen entsprechen: Sie w\u00fcrden nicht mehr ernst genommen und auf diese Weise der Anerkennung beraubt. Auch so verh\u00e4rten sich neue Grenzen zwischen Gruppen von Menschen. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die an der kreativen \u2013 und doch gar nicht so kreativen \u2013 Industrie mitwirken, eigene Vorstellungen guten Lebens produzieren, die soziomedial zur Norm erhoben werden. Auf der anderen Seite stehen weit abgeschlagen diejenigen, die nicht an dieser Form der Produktion mitwirken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>So wird das Besondere, was kreative und wissensproduzierende Berufe antreibt, zum Distinktionsmerkmal. Diejenigen, die nicht kreativ, besonders, innovativ sind, sondern \u201enur\u201c ihrer Arbeit nachgehen, verdienen in der Gesellschaft der Singularisierung keine Anerkennung:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eGrundlegend \u00a0ist nun ein Dualismus zwischen den hochqualifizierten T\u00e4tigkeiten in der Wissens- und Kultur\u00f6konomie einerseits und den einfachen Dienstleistungen sowie sonstigen standardisierten T\u00e4tigkeiten andererseits. Die qualifizierten Wissensberufe, die kulturelle Singularit\u00e4tsg\u00fcter verfertigen, k\u00f6nnen in der Sp\u00e4tmoderne Legitimit\u00e4t, Status und Ressourcen beanspruchen, w\u00e4hrend die funktionalen, \u201aprofanen\u2018 Arbeiten an Legitimit\u00e4t, Status und Ressourcen verlieren.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Das muss man erstmal sacken lassen.<\/p>\n<p>In den f\u00fcnfziger und sechziger Jahren dominierten sogenannte Pflicht- und Akzeptanzwerte: Es ging darum, so zu sein wie die anderen. Seit den siebziger Jahren werden Selbsterf\u00fcllung und Selbstverwirklichung immer wichtiger. Da spielt 68 eine Rolle, aber auch die lange historische Tradition der Romantik. Digitalisierung f\u00f6rdert die Singularisierung. Data-Tracking erm\u00f6glicht, den einzelnen Konsumenten zu adressieren. Vor allem aber ist das Internet ein Sichtbarkeitsmarkt in einer Radikalit\u00e4t, wie sie vorher nie da war. Man k\u00f6nnte sagen: Das Internet trainiert einen auf das Singul\u00e4re hin.<\/p>\n<p>\u201eKein Arbeitnehmer mehr, nirgends\u201c, erschrickt Berthold Vogel auf <em>soziopolis<\/em>. \u201eNur noch kulturalisierte Einzelk\u00e4mpfer, die ihre singularisierte Marke zu Markte tragen und zuvorderst an sich selbst zu denken haben\u201c, setzt er fort und zitiert &#8211; Schr\u00f6ders \u201eIch-AG\u2019s\u201c lassen gr\u00fc\u00dfen &#8211; das \u201eunternehmerische Selbst\u201c ebenso wie den \u201eArbeitskraftunternehmer\u201c oder das \u201eKreativsubjekt\u201c bis hin zum projektgebeutelten \u201eNetzwerker\u201c.<\/p>\n<p>Arbeit werde also nur noch nach dem Gelingen ihrer Performance und damit der Valorisierung durch das Publikum bewertet, nicht mehr unter dem Aspekt sachlicher Korrektheit. Indiz daf\u00fcr seien z.B. die neuen Instanzen des Casting und des Assessment, die klassische Pr\u00fcfungen nach formellen Korrektheits-Indizes abgel\u00f6st haben. Nicht das K\u00f6nnen, sondern der Erfolg ist das letztlich entscheidende Kriterium sowohl in der Arbeits- als auch in der Produktionswelt. Aber da er unberechenbar, unvorhersehbar, unprognostizierbar sei, sind Arbeit und Produktion um ein vielfaches risikobehafteter als in der traditionellen Industriewelt. Ob diese Risiken andere, schwerwiegendere sind als zu nicht-singularistischen Zeiten, diskutiert Reckwitz \u2013 wir ahnen es \u2013 nicht.<\/p>\n<p>Die Risiken seien gar unvermeidbar: Anders als im fordistischen Kapitalismus verlangt die neue junge Klasse des arrivierten Mittelstandes in ihrer Berufswelt mehr als das blo\u00dfe routinem\u00e4\u00dfige Anfertigen und Abliefern von standardisierten Produkten. Andererseits sei die Herstellung von G\u00fctern, die publikumswirksam sein wollen und damit in der Aufmerksamkeit mit vielen anderen Singularit\u00e4ts-G\u00fctern konkurrieren, ein hohes Wagnis. Gerade Individuen mit gesteigertem Selbstverwirklichungsanspruch bewegen sich in einer Spirale st\u00e4ndiger Auf- und Abwertung, in der sie sich nicht selten ersch\u00f6pfen, weil der schnelldrehende Plattformkapitalismus nur wenige Stars und Unternehmen pr\u00e4miert.<\/p>\n<p>Man \u00fcbersetze das mal in die Logik von \u201eDSDS\u201c (RTL): vorgeblich Singende wetteifern vor vorgeblich Sangeskundigen, um nicht in ihren (profanen?) Berufen, sondern in der von ihnen gef\u00fchlten bis gewollten Berufung jene auch materielle Anerkennung zu finden, die andererseits nur ein kulturkapitalistisches Unterhaltungssystem gew\u00e4hren kann, das sich der vorgenommenen Wertzuschreibung durch \u201eFremde\u201c sicher sein muss. Einem Gl\u00fccksgriff stehen dann Unmengen von Misserfolgen gegen\u00fcber; und da die L\u00e4nge dieses Erfolgs kaum planbar ist, muss nach einem Jahr der n\u00e4chste \u201eGl\u00fccksgriff\u201c her.<\/p>\n<p>So gewann 2011 eben diese Casting-Show mit \u201eCall My Name\u201c der damals 18j\u00e4hrige Pietro Lombardi, ein Schulabbrecher mit italienischen Wurzeln, der im Rahmen eines Minijobs auf 400-Euro-Basis als Swarovski-Steinleger in der Werkstatt eines Schmuckgesch\u00e4fts arbeitete. Seitdem macht er weniger Schlagzeilen mit vier teilweise verrissenen, eher erfolglosen Alben, sondern vor allem als Teilnehmer von Reality-Shows und Doku-Soaps sowie mit der multimedialen digitalen Vermarktung seiner Beziehung, Hochzeit, Vaterschaft und Scheidung (u.a. als Buchautor \u201eHeldenpapa im Kr\u00fcmelchaos: Mein neues Leben\u201c).<\/p>\n<p>Noch in den 70er Jahren w\u00e4re ein berufsloser Mittzwanziger wie er von der Gesellschaft als geschiedener und gescheiterter Hallodri wahrgenommen worden. Nach einer wenige Wochen dauernden mediengest\u00fctzten, singularisierenden Performance gilt er heute als deutscher TV-Star. W\u00e4hrend man fr\u00fcher in seinem Leben ein Ziel verfolgte und so dem Leben einen Sinn gab, ist man heute der Kurator der permanenten Ausstellung seiner eigenen Biografie und erhebt deren Perfektionierung zum eigentlichen Lebenssinn. Es ist eine sehr stark nach au\u00dfen gerichtete Lebensweise, die den Menschen in der Sp\u00e4tmoderne und durch ihre Faszination f\u00fcr das Singul\u00e4re gefangen h\u00e4lt. Sollten es tats\u00e4chlich solche Narrative wie die Lombardis sein, die der Autor unwidersprochen als kultur-, ja inzwischen gesellschaftsdeterminierend ansieht?<\/p>\n<div id=\"attachment_3405\" style=\"width: 566px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/lombardi.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3405\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-3405\" title=\"Pietro &amp; Sarah Lombardi. Quelle: https:\/\/image.gala.de\/20236164\/uncropped-0-0\/a8edbc88ed5abe6e005825c7d7f48716\/ut\/engels-ge--8970314-.jpg\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/lombardi-683x1024.jpg\" alt=\"Pietro &amp; Sarah Lombardi. Quelle: https:\/\/image.gala.de\/20236164\/uncropped-0-0\/a8edbc88ed5abe6e005825c7d7f48716\/ut\/engels-ge--8970314-.jpg\" width=\"556\" height=\"833\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/lombardi-683x1024.jpg 683w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/lombardi-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/lombardi.jpg 1366w\" sizes=\"(max-width: 556px) 100vw, 556px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3405\" class=\"wp-caption-text\">Pietro &amp; Sarah Lombardi. Quelle: https:\/\/image.gala.de\/20236164\/uncropped-0-0\/a8edbc88ed5abe6e005825c7d7f48716\/ut\/engels-ge--8970314-.jpg<\/p><\/div>\n<p>Die \u201eneue Unterklasse\u201c nun entwirft Reckwitz so, als sei sie erst durch den singularistisch-kulturalen Strukturwandel besonders beleidigt, befindet Richartz, und nicht etwa durch die Tatsache, dass sie durch die Dem\u00fctigungen z.B. des Hartz-IV-Systems permanent an ihre Minderwertigkeit erinnert wird. Interessanterweise r\u00e4umt der Wissenschaftler der Beschreibung eben dieser \u201eAbgeh\u00e4ngten\u201c mit ihrem Hang zu populistischen Kultur-Essentialismen und neo-gemeinschaftlichen Identit\u00e4ts-B\u00fcnden den geringsten Raum ein, obwohl es einem Soziologen innerhalb seines Entwurfs doch insbesondere um die Verantwortung einer Befriedung eben jener Gruppen als Vielheiten gehen sollte.<\/p>\n<p>Doch Reckwitz beschreibt die neue singularistische Mittelklasse so repetitiv, bis der Leser ahnt, dass sich der Autor mit ihr am besten auskennt, weil er ihr entstammt: Bei ihm erscheinen alle akademisierten Subjekte mit wie auch immer gearteten kulturellen Berufshintergrund als Gewinner der Stunde. Das blendet nicht nur die Massen arbeitsloser K\u00fcnstler, Musiker, Schauspieler und anderer Wettbewerber im Kreativ-Feld unserer Gesellschaft aus, sondern auch das Bildungs-Prekariat an sich. So absolut, wie Reckwitz den Einfluss der heutigen Akademikerklasse f\u00fcr den von ihm ausgemachten Strukturwandel der Moderne setzt, ist er faktisch wohl nicht. Ob da ein wenig private Rechtfertigung, gar Selbstgef\u00e4lligkeit dahinter steckt? Dass die Bildungsexpansion Akademisierung bedeutet, was umgekehrt die mittlere Ausbildung entwertet, bleibt ebenso unreflektiert wie die Tatsache, dass durch das \u00dcberangebot von Akademikern und das Fehlen angemessener Arbeitspl\u00e4tze die Unzufriedenheit innerhalb dieser Akademikerschicht zunimmt.<\/p>\n<p>Das Primat des singularistischen Strukturwandels fu\u00dft f\u00fcr Reckwitz also auf drei Faktoren:<\/p>\n<ul>\n<li>Die sozio-kulturelle Authentizit\u00e4tsrevolution (\u201eDie Sp\u00e4tmoderne erweist sich so als eine Kultur des Authentischen, die zugleich eine Kultur des Attraktiven ist\u201c \u2013 auch diese interessante Gleichsetzung wird leider nicht diskutiert),<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>die Transformation zu einer postindustriellen \u00d6konomie der Singularit\u00e4ten, die nicht nur die Sph\u00e4re der G\u00fcterproduktion umfasst, sondern auch \u201eevents\u201c wie etwa globale Sportereignisse, Konzerte, Filmfestivals mit ihrem mondialen Publikum (singul\u00e4re Ereignisse gestalten sich immer im Hinblick auf ein Publikum und ein Gesehenwerden \u2013 sie werden performt) und<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>die technische Revolution der Digitalisierung, die einerseits die Performance erst sichtbar macht und zur Geltung bringt, andererseits den (deutschen?) Arbeitsmarkt in Jobs f\u00fcr Hoch- und Niedrigqualifizierte spaltet.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Dabei sind Singularit\u00e4ten keine statischen Faktoren in der Kultur, sie m\u00fcssen immer wieder aufs Neue kreiert werden &#8211; durch die Praktiken Beobachten, Bewerten, Hervorbringen und Aneignen. Dadurch l\u00f6sen sie in ihrer Prominenz die traditionelle G\u00fcterproduktion ab: Nicht mehr die Warenwelt ist jetzt begrenzt, sondern die Aufmerksamkeit und Anerkennung des Publikums. G\u00fcter &#8211; im umfassenden Sinne &#8211; sind in der gegenw\u00e4rtigen Kultur nicht mehr knapp, sondern im \u00dcberfluss vorhanden. An ihnen herrscht kein Mangel, sondern eher Verschwendung, wie j\u00fcngst Berichte zeigen, wonach Amazon Ladenh\u00fcter und R\u00fcckl\u00e4ufer einfach vernichtet.<\/p>\n<p>Dieser kulturelle Paradigmenwechsel bringt viele neue Probleme mit sich, die Reckwitz im Vortrag \u201eDie Analyse des Kreativit\u00e4tsdispositivs\u201c auf Vimeo genauer beschrieb: Sobald Kreativit\u00e4t gesellschaftlich eingefordert wird, gehen damit Leistungszwang und dauerhafte Konkurrenz einher. Bei einer \u00dcberproduktion kultureller G\u00fcter kann davon nur ein kleiner Teil vom Publikum wahrgenommen werden, vieles bleibt unsichtbar. Wer regelm\u00e4\u00dfig \u00e4sthetische Leistungen konsumiert und darin Genuss und Befriedigung findet, verliert bei Reiz\u00fcberflutung seine Aufmerksamkeit und Konzentrationsf\u00e4higkeit. Es entsteht ein Gef\u00fchl, das Reckwitz eine \u201ewiderspr\u00fcchliche Unbefriedigtheit\u201c nennt: man leidet darunter, dass es gleichzeitig zu viel und zu wenig Neues gibt, dass im Meer des vermeintlich Neuartigen nichts wirklich Neues mehr nachkommt. Letztendlich hat es das Kreativit\u00e4tsdispositiv bisher nicht geschafft, tats\u00e4chlich neue Gesellschaftsmodelle zu entwickeln und durchzusetzen.<\/p>\n<p><strong>4 Der Themenkreis \u201edigitalisierte Kulturmaschine\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Ein Schl\u00fcsselbegriff von Reckwitz, den er schon in seinem Buch \u201eGesellschaft und \u00c4sthetik\u201c einf\u00fchrte, lautet \u201eKulturkapitalismus\u201c \u2013 der Prozess, an dessen Ende bestimmte Dienstleistungen oder Waren, Erfahrungen oder R\u00e4ume kulturalisiert worden sind: Eine Bar mit den richtigen G\u00e4sten, ein neues Hotel in einem besonderen Space, eine bestimmte Handtasche \u2013 Aufenthaltsr\u00e4ume und Gebrauchsgegenst\u00e4nde erhalten im Kulturkapitalismus eine sakrale Qualit\u00e4t, eine Art \u201eAura\u201c (Walter Benjamin). Ihnen wird Einzigartigkeit zugeschrieben, sie werden als optimaler Ausdruck des Besonderen aufgefasst \u2013 und hochwertiger als einzigartig geht nicht. In Zeiten der technischen Reproduzierbarkeit wird nicht nur das Kunstwerk zur Ware. Nein, die Ware wird, wenn sie geschickt genug mit Bedeutung angereichert und im aktuellen Attraktivit\u00e4tsdiskurs platziert wurde, zur Kunst.<\/p>\n<div id=\"attachment_3406\" style=\"width: 554px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/reckwitz3.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3406\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3406\" title=\"Gesellschaft und \u00c4sthetik. Quelle: https:\/\/www.suhrkamp.de\/cover\/640\/29718.jpg\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/reckwitz3.jpg\" alt=\"Gesellschaft und \u00c4sthetik. Quelle: https:\/\/www.suhrkamp.de\/cover\/640\/29718.jpg\" width=\"544\" height=\"891\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/reckwitz3.jpg 391w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/reckwitz3-183x300.jpg 183w\" sizes=\"(max-width: 544px) 100vw, 544px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3406\" class=\"wp-caption-text\">Gesellschaft und \u00c4sthetik. Quelle: https:\/\/www.suhrkamp.de\/cover\/640\/29718.jpg<\/p><\/div>\n<p>\u201eDie Gesellschaft der Singularit\u00e4ten betreibt eine tiefgreifende Kulturalisierung des Sozialen. Sie spielt ein gro\u00dfes soziales Spiel von Valorisierung und Singularisierung einerseits, von Entwertung und Entsingularisierung andererseits und l\u00e4dt Objekte und Praktiken mit einem Wert jenseits von Funktionalit\u00e4t auf\u201c, schreibt Reckwitz und beschreibt damit, dass auch Kunstwerke zu einmaligen und wertvollen werden k\u00f6nnen. Aber wie genau das vor sich geht, erkl\u00e4rt der Autor eben nicht. Sein Modell bleibt ein deskriptives. Daf\u00fcr \u00fcbertr\u00e4gt er es vom Kunstmarkt auf andere Bereiche: kreative Arbeit, tempor\u00e4re Projekte, pers\u00f6nliche Performance.<\/p>\n<p>Die \u201ecreative economy\u201c sei das Vorbild, die \u201ealte Mittelklasse\u201c der Angestellten und die Unterklasse der Dienstleister und Arbeiter g\u00e4lten nichts mehr. Auch wenn man die Bedeutung der Kultur\u00f6konomie nicht ganz so hoch veranschlagt, l\u00e4sst sich die mentalit\u00e4tspr\u00e4gende und gesellschaftlich polarisierende Kraft der beschriebenen Ph\u00e4nomene nicht abstreiten. Die creative economy ist nach Auffassung des Autors \u201evon jenem K\u00fcnstlerdilemma gepr\u00e4gt, das sich im 19. Jahrhundert ausgebildet hat\u201c: Ihre Arbeit soll ihr, wie dem K\u00fcnstler sein Werk, Sinn und Befriedigung geben. Gleichzeitig aber funktioniert dies nur, wenn sie den Bed\u00fcrfnissen des Marktes und der Konsumenten entspricht. In der Arbeitswelt erwirtschaftet die Kreativbranche wesentlich weniger als die Automobilbranche.<\/p>\n<p>Sozialer Tr\u00e4ger dieses kreativen Wandels ist bei Reckwitz die \u201eCreative Class\u201c, die er aber nur vage definiert. Kreativ ist hier alles: das kulinarische Gewerbe, die IT-Unternehmen, die Wissenschaft. Wie sehr Reckwitz ein spezielles Segment im Auge hat, wird deutlich, wenn er das Spitzenrestaurant als Beispiel der Kreativbranche nennt. Allerdings spricht er bei der Beschreibung dieser kulturtragenden Schicht die Sprache von Trendb\u00fcros und Eventmanagern: Man liest von einzigartigen Kompetenzb\u00fcndeln, einmaligen, gleichwohl seriellen Events, Kreativindividuen, die m\u00fchelos zwischen Schubert und Sneakers wechseln, und von Projektarbeitern, die ihre ganze Pers\u00f6nlichkeit in ihre T\u00e4tigkeit setzten. Die durchaus stupide Arbeit in diesen Branchen f\u00e4llt unter den Tisch, denn Reckwitz&#8216; Kulturbegriff zielt auf das, was von den Akteuren oder ihren Arbeitgebern selbst als besonders gewertet wird \u2013 ob auch originell, sei dahingestellt.<\/p>\n<p>Reckwitz h\u00e4lt daran fest, dass Wirtschaft und Gesellschaft fl\u00e4chendeckend dem \u00e4sthetischen Imperativ der Kultur\u00f6konomie unterstehen. Warum fortbestehende Routinen als blo\u00dfer Hintergrund der Singularisierung zu betrachten sind, begr\u00fcndet er nicht. Ebenso wenig, dass es eigentlich um eine Doppelbewegung von Standardisierung und Singularisierung geht, wie sie sich beispielhaft in den Rasterbildungen des Big-Data-Sektors ausdr\u00fcckt. Stattdessen f\u00fchrt er aus, dass die Selbstdarstellung als Mittel zum Zweck der Vermehrung des eigenen kulturellen und sozialen Kapitals das Zentrum dieses neuen Gesellschaftsspiels bildet. Wer nicht dabei sein will oder kann, muss sich letztlich auch politisch artikulieren. Reckwitz sieht in diesem schleichenden Prozess der Ausgrenzung der prek\u00e4ren oder eher konservativ eingestellten Bev\u00f6lkerungsanteile auch einen wichtigen Grund f\u00fcr das Erstarken neuer Parteien am rechten Rand des politischen Spektrums.<\/p>\n<p>Ein interessanter Gedankengang, denn auch Gemeinschaften bewegen sich zu gro\u00dfen Teilen auf kulturellen M\u00e4rkten: Identit\u00e4tspolitik, Kulturnationalismen, selbst religi\u00f6se Fundamentalismen sind alles andere als ausschlie\u00dflich mit sich selbst besch\u00e4ftigte Subkulturen, sondern konkurrieren mit G\u00fctern, Waren und anderen politischen Instanzen auf einem Sichtbarkeitsmarkt der Identit\u00e4ten um Attraktivit\u00e4t und Anh\u00e4nger. Da sind nun allerdings die Grenzen zur Gleichmacherei von allem und jedem flie\u00dfend; das ist weder kulturspezifisch noch politisch hilfreich.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem berge dieser Trend zur Selbstverwirklichung und permanenten Selbstdarstellung jede Menge Entt\u00e4uschungspotenzial: Wer den Sinn seines Lebens nicht in sich selbst, sondern in seinem Erscheinungsbild und dem schwankenden Urteil der Anderen sucht, muss sich auf R\u00fcckschl\u00e4ge gefasst machen. Die Welt der Sp\u00e4tmoderne ist aber eine Welt im Getriebensein durch einen Zwang zu Selbstvergewisserung und Bewertung, eine Welt der permanenten Sucht nach Anerkennung: durch Selfies, Kommentare und Facebook-Eintr\u00e4ge, Instagram-Feeds, Votes und Likes. Ohne diese permanenten Best\u00e4tigungs-Rituale fehle der Existenz die quantifizierbare R\u00fcckversicherung und der Selbstbest\u00e4tigung der Nachweis von au\u00dfen. Lieber Kinderbilder liken als selbst Kinder haben, ist man versucht zu behaupten.<\/p>\n<p>Indem man dem Zwang zu bewerten nachg\u00e4be, n\u00e4hme man teil an dem gro\u00dfen Spiel der gegenseitigen Best\u00e4tigungen, und indem man sich m\u00f6glichst schillernd, aufregend und singul\u00e4r pr\u00e4sentiert, sublimiere man den Verlust allgemeiner und gemeinschaftlicher Merkmale, die fr\u00fcher tragf\u00e4hig und Identit\u00e4t stiftend waren, heute jedoch nicht mehr ausreichen, um einen entsprechend hohen Preis f\u00fcr eine (imaginierte) Attraktivit\u00e4t zu erzielen. Daneben ist dieser neue urbane, kosmopolitische und auf neuen kulturellen Praktiken basierende Lebensstil nicht in allen Gesellschaftsschichten angekommen. Der Trend zum Besonderen wird bei Reckwitz von der Digitalisierung und der Kultur jener neuen Mittelklasse vorangetrieben, die ganz auf Selbstentfaltung setzt und im \u201eauthentischen\u201c Konsum zu sich selbst findet.<\/p>\n<p>Den Widerspruch zur Kuratierung sieht er nicht, wohl aber Thomas Steiner, der in der <em>Badischen Zeitung<\/em> v\u00f6llig zu Recht darauf verweist, dass es bspw. im Kino nicht darum geht, den neuesten Umweltfilm eines Ex-US-Vizepr\u00e4sidenten zu sehen, sondern vielleicht nur darum, sich einen sch\u00f6nen Abend zu machen: Thriller oder Kom\u00f6die ist keine Frage der Singularit\u00e4t, sondern des bevorzugten Genre. In allen diesen F\u00e4llen geht es nicht um das Besondere, sondern um das Gleiche, das Gemeinsame, das Gewohnte. Konformit\u00e4t statt Singularisierung.<\/p>\n<p>Im Kampf um Sichtbarkeit vor allem in den sozialen Medien wird zur Gretchenfrage, was die Menschen antreibt &#8211; oder ob sie vielmehr Getriebene sind. Eine interessante Ferienreise kann man machen, weil man selbst f\u00fcr sich neue Impulse und Erlebnisse sucht; andererseits kann man die Fotos davon auf Instagram verbreiten. Und nur wenn diese unvergleichlich sind, haben sie eine Chance auf Sichtbarkeit. Beide Motivationen k\u00f6nnen sich gegenseitig verst\u00e4rken, aber auch in einen Widerspruch m\u00fcnden. Denn in der gegenw\u00e4rtigen Hyperkultur gehe es nur um Versatzst\u00fccke, die man sich von au\u00dfen nimmt und dann anzueignen versucht, so Reckwitz in einem Interview. Die Singularisierung sei kein Spiel mit Etiketten, sondern eine Praxis, die einen die Dinge anders betrachten, in ihrer Komplexit\u00e4t wahrnehmen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Der Kampf um Absatz und Aufmerksamkeit in der globalen Konkurrenz und die Vermarktlichung des staatlichen Sektors machten dennoch den \u201ePerformer\u201c zum Leitbild, der, um seinen Markenwert zu halten, auf sich aufmerksam machen muss. Statt \u201enur\u201c eine bestimmte Qualifikation zu haben, sollte es ihm vielmehr darum gehen, \u201eunvergleichliche Profile und au\u00dfergew\u00f6hnliche Leistungen zu erbringen\u201c. Der Laufsteg der Besonderheiten ist das personalisierte Internet, das eine narzisstische Subjektbildung f\u00f6rdert und \u00fcber den digitalen Plattformkapitalismus eine Spirale st\u00e4ndiger Auf- und Abwertung am Laufen h\u00e4lt. Im Grau versinken dar\u00fcber die Tugenden der industriellen Moderne: Konstanz, Pflichtbewusstsein, Gewohnheitsethos.<\/p>\n<p><strong>5 Der Themenkreis \u201esingularistische Lebensf\u00fchrung\u201c<\/strong><\/p>\n<p>In diesem Kapitel, das durchaus als Verl\u00e4ngerung des Kulturkapitels und dramaturgischer H\u00f6hepunkt in einem Buch zu lesen ist, in dem insgesamt kaum ein Spannungsbogen angelegt scheint, kulminieren die Thesen von Reckwitz. Aus meiner Sicht stehen drei im wissenschaftlichen Fokus, die auch andere Rezensenten mehr oder minder \u00e4hnlich gewichtet wiederspiegelten:<\/p>\n<ul>\n<li>1) die auch demokratietheoretisch bedeutsame Begr\u00fcndung der Um- und Neu-Schichtung von Klassen mit Gewinnern und Verlierern,<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>2) der Diskurs um das \u201eKuratieren\u201c des eigenen Lebens, oft unter Einbezug der Touristik,<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>3) die Argumentation zur Um- und Abwertung tradierter Vorstellungen u.a. im Bildungssektor.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Zu 1) W\u00e4hrend bis etwa Mitte der 1970er Jahre die gesellschaftlichen Unterschiede so gering waren, dass\u00a0 Helmut Schelsky den Ausdruck der \u201enivellierten Mittelstandsgesellschaft\u201c pr\u00e4gen konnte, h\u00e4tten wir es heute mit einer diversifizierten, durch den Prozess der Digitalisierung befeuerten kulturellen Klassengesellschaft zu tun, in der eine singularistische, medial narzisstische Lebensf\u00fchrung ebenso erm\u00f6glicht wie erwartet wird, um einen Attraktivit\u00e4tsmarkt zu bedienen. Es entstehe eine kulturelle Klassengesellschaft, in der es Gewinner und Verlierer gibt.<\/p>\n<p>Gab es einst in der nivellierten Mittelstandsgesellschaft eine Art Fahrstuhleffekt, bei dem alle in gewisser Weise vom wirtschaftlichen Aufschwung profitierten und die Lebensstile eher konformistisch ausgerichtet waren, dominiert in der kulturellen Klassengesellschaft ein \u201ePaternostereffekt\u201c, d. h. es kommt zur Vergr\u00f6\u00dferung der Abst\u00e4nde zwischen einer neuen Mittelklasse mit hohen Bildungsabschl\u00fcssen als diffuse Summe von Einzelk\u00e4mpfern und einer neuen Unterklasse mit niedrigen formalen Abschl\u00fcssen, wie Reckwitz schon zuvor formuliert: \u201eDiese Polarisierung auf der Ebene von Bildung und kulturellem Kapital ist das zentrale Merkmal, welches die Sozialstruktur der sp\u00e4tmodernen Gesellschaft pr\u00e4gt\u201c (S. 280). Dabei bediene sich die neue Mittelklasse ungeniert im gesamten kulturellen Ressourcenhaushalt, inklusive der Vergangenheit, so Reckwitz in einem <em>Zeit-Interview<\/em>:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eMan wohnt in Altbauwohnungen, hat ein Tattoo und macht Tai-Chi \u2013 historische Tradition, geografische Fremdheit und fremde Klasse werden sich angeeignet, alles drei \u00fcbrigens ein sehr guter Fundus f\u00fcr das Singularisierungsspiel.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Neben diesen beiden Klassen unterscheidet Reckwitz noch eine sehr kleine Oberklasse und die \u201ealte\u201c, d. h. nicht-akademische Mittelklasse. Superreichtum ist zwar unter Gerechtigkeitsaspekten skandal\u00f6s, aber nicht das pr\u00e4gende Element f\u00fcr die Sozialstruktur der westlichen Gesellschaften. Mit einer Oberschicht m\u00fcsste allerdings \u00fcber eine Viertelgesellschaft gesprochen werden, was wiederum die wohlgeordneten Koordinaten im vorliegenden Theoriegeb\u00e4ude leicht durcheinander bringen w\u00fcrden, konstatiert Felsmann. Die Mittelklasse ist gekennzeichnet durch ein mittleres kulturelles und \u00f6konomisches Kapital und bildet ca. ein (tendenziell schrumpfendes) Drittel der Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Eingezw\u00e4ngt zwischen ca. je einem Drittel Unter- und einem Drittel neuer Akademikerklasse versucht die alte Mittelklasse wie ein soziales Auslaufmodell noch einen \u201enormalen\u201c Lebensstil zu f\u00fchren, der allerdings immer weniger \u201eallgemeing\u00fcltig ist, er ist nicht mehr Mitte und Ma\u00df, sondern lediglich Mittelma\u00df\u201c (S. 282). Einst etwas Positives, Allumfassendes, w\u00fcrde \u201eMitte\u201c heute eher mit dem Durchschnittlichen assoziiert. Diese Defensive der alten Mittelklasse greift er in seinen politischen Betrachtungen erneut auf, um damit Wahlerfolge populistischer Parteien zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Gesellschaftlich wirkt sich das Gebot des attraktiven Lebensstils als Kulturalisierung der Ungleichheit\u00a0 aus. Weniger Verm\u00f6gensverh\u00e4ltnisse als die soziale Norm der Auff\u00e4lligkeit f\u00fchren dazu, dass sich eine in der alten Pflichtethik gefangene Unterschicht m\u00fchsam durch ein als wertlos empfundenes Leben k\u00e4mpft. Der Lebensstil der \u201eKulturalisierungsverlierer\u201c ist defizit\u00e4r, ohne Perspektive auf Lebensqualit\u00e4t und Anerkennung. Sie leben ein Leben mit zerst\u00fcckelten kurzen Einzel-Zeithorizonten, bei dem es nur darum geht, St\u00f6rf\u00e4lle zu vermeiden bzw. zu \u00fcberwinden. Ein besonderer krasser Fall sind Attent\u00e4ter, die den gesteigerten Wert des Besonderen usurpieren und ins Makabre verkehren. Reckwitz versteht sie als Rache der Deklassierten an einer als erdr\u00fcckend empfundenen Meritokratie.<\/p>\n<p>Der Autor konzentriert sich \u2013 worauf er ausdr\u00fccklich hinweist \u2013 auf jene neue akademische Mittelschicht und deren Versuch, gegen\u00fcber den neuen Anforderungen an die individuelle Pers\u00f6nlichkeit (Identit\u00e4t, Authentizit\u00e4t), Performance im gesellschaftlichen Umfeld und in der Arbeitswelt zu bestehen. Gleichzeitig wird auf das sich \u00e4ndernde Verh\u00e4ltnis bzw. auf die wachsende Kluft der sozialen Schichten zueinander und deren Ursachen hingewiesen: Ein Drittel Akademiker \u2013 das gab es zuvor nicht. In den f\u00fcnfziger Jahren war das noch eine winzige Elite von f\u00fcnf Prozent der deutschen Gesellschaft. Diese gro\u00dfe neue Gruppe forciere einen Wertewandel, weg von Normen und Pflichten hin zu Selbstentfaltung und Liberalisierung.<\/p>\n<p>An dieser Stelle bereits kommen mindestens drei Schl\u00fcsse in den Sinn &#8211; dem Leser intensiver als Reckwitz. Zum ersten bedingt das Verschwinden der Mitte eine politische Krise: Eine Gesellschaft, die einer sozialen Logik der Besonderheit folgt, die permanent damit besch\u00e4ftigt ist, Eigenschaften zu bewerten, verliert die Dynamik der Gemeinsamkeit. Und ganz ohne die ist demokratische Handlungsf\u00e4higkeit nicht denkbar. Was h\u00e4lt da ein Gemeinwesen noch zusammen? Distinktion statt Solidarit\u00e4t \u2013 sollte das wirklich die Verhaltensmaxime der sp\u00e4tmodernen Gesellschaft sein, stehen wir am Anfang neuer Klassenk\u00e4mpfe. Zwar wurde in der Folge der emanzipatorischen Revolte von 1968 normierter gesellschaftlicher Pflicht- und Verbotskanon hinweggefegt, dabei aber auch das Allgemeine dereguliert und durch einen radikalen Selbstverwirklichungs- und Besonderheitsanspruch des Einzelnen ersetzt, der jetzt bittere Fr\u00fcchte tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Die extremen Unterschiede zwischen Arm und Reich versch\u00e4rfen die Entwicklung drastisch und lassen, was verbindet, immer mehr in den Hintergrund treten. Das ist Gift f\u00fcr eine soziale und politische Landschaft und eine reale Gefahr f\u00fcr die Demokratie \u2013 zumal Reckwitz an keiner Stelle die Grenze zwischen Individualismus und Egoismus thematisiert: aus dem Text l\u00e4sst sich eine solche ebenso wenig herausfiltern wie die negativ konnotierte Charaktereigenschaft. In der DDR lebte die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung ein \u201egesamtgesellschaftliches Verantwortungsgef\u00fchl\u201c, das sich zunehmend als v\u00f6lliger Gegenentwurf zum Egoismus entpuppt und seine populistisch-patriotische Anverwandlung nicht leugnen kann: wer asozial unverantwortlich handelt und nicht an die Zukunft der Kinder und des Landes denkt, gilt als End-Gegner.<\/p>\n<p>Die Kehrseite solcher Entwicklung ist das Risiko, dass die neue Mittelklasse, die alte Mittelklasse und die neue Unterklasse selbst wie Parallelgesellschaften nebeneinander existieren, weil es wenig gemeinsamen Erfahrungs- und Diskursraum mehr gibt, gesteht Reckwitz selbst ein. Aber ist die Idee wirklich ein \u201epopulistischer Mythos\u201c, das Rad zur\u00fcckzudrehen \u201ein die kulturell homogenen, staatlich regulierten Gesellschaften der industriellen Moderne\u201c? Der Autor relativiert selbst, dass in der Gesellschaft der Singularit\u00e4ten zwar immer mehr Besonderheiten, Au\u00dfergew\u00f6hnlichkeiten, kulturelle Partikularismen florieren, aber die Politik hier st\u00e4rker regulierend eingreifen sollte mittels einer Reform des Liberalismus: von einer auf Differenzen und \u00d6ffnung setzenden Variante zu einer st\u00e4rkeren Regulierung des Sozialen und Kulturellen, da \u00a0es letztlich darum gehe, \u201edas Allgemeine gegen\u00fcber dem Besonderen neu auszutarieren\u201c. Wie diese Regulierung aber vonstattengehen kann, ohne zugleich historisierend zu sein\u2026 An dieser Stelle dr\u00e4ngt sich dem Leser, wieder mal, der Begriff \u201eWunschbild\u201c auf.<\/p>\n<p>Zum zweiten die unausgesprochene Synonymit\u00e4t von \u201ebesonders\u201c und \u201eerfolgreich\u201c, deren abstruse Ausw\u00fcchse oben schon bei Lombardi gezeigt wurden. Ist der, der heraussticht, auch gut? Dass er der bessere Selbstdarsteller und -vermarkter und damit Aufmerksamkeitsf\u00e4nger ist \u2013 klar. Aber ist er auch der bessere Arbeiter, Angestellte, K\u00fcnstler, ja Politiker \u2013 oder ist es nicht eher so, dass Fristigkeit im Effekt auch Fristigkeit im Erfolg nach sich zieht? Denn das Singul\u00e4re wendet sich gegen Verallgemeinerungs- und Angleichungsbestrebungen einer routinisierten Arbeiter- und Angestelltent\u00e4tigkeit, wie sie in der fordistischen Moderne vorangetrieben wurden: Effizienz, Rationalit\u00e4t, Sachlichkeit, Standardisierung, Routine, Normativit\u00e4t und Affektarmut; ja kippt sie ins Gegenteil.<\/p>\n<p>Das zeitgen\u00f6ssische Subjekt, welches laut Reckwitz das Neue gegen\u00fcber dem Alten, das Abweichende gegen\u00fcber dem Standard, das Andere gegen\u00fcber dem Gleichen bevorzugt, bezieht aus der Arbeit an der Besonderheit das Gef\u00fchl einer Souver\u00e4nit\u00e4t, die es nicht n\u00f6tig hat, sich an \u00fcberkommene Regeln zu halten. Doch die neuen Sieger sollten nicht allzu fr\u00fch frohlocken, da sie der Paternoster-Effekt ganz schnell wieder nach unten f\u00fchren kann, wenn sie im gro\u00dfen Pr\u00e4sentationsspiel der Einzigartigen nicht dauernd am Ball bleiben.<\/p>\n<p>Zudem sind nach Reckwitz\u2018 Rechnung zwei Drittel gegen\u00fcber einem avantgardistischen Drittel in die Defensive geraten, d.h. die mediale Pr\u00e4senz dieses einen Drittels begr\u00fcndet deren kulturelle Dominanz \u2013 mit dem auch oben schon erw\u00e4hnten Ph\u00e4nomen erfahrener kultureller Entwertung und Herabsetzung. Denn w\u00e4hrend die alte Mittelklasse sich zwar materiell behauptet, ger\u00e4t sie kulturell ins Hintertreffen und empfindet dies in einem kulturalisierten Kapitalismus als Niederlage. Die \u201eneue Unterschicht\u201c, die weder durch Bildung noch durch Gesch\u00e4ft ihren Status festigen kann, ist es, die an allen Fronten verliert.<\/p>\n<p>Und zum dritten mag man vielleicht statistisch eine akademisches Drittel konstatieren \u2013 das aber sagt nichts \u00fcber das Niveau dieser Akademiker aus und erst recht nicht, dass damit oft die bestenfalls Mittelm\u00e4\u00dfigen zur Elite werden, die dazu nicht berufen sind. Die Klagen \u00fcber die Studierf\u00e4higkeit von Abiturienten samt ihren desastr\u00f6sen Deutschkenntnissen geh\u00f6rten hier ebenso hin wie die Trennung von Leistungs- und Funktionseliten: letztere ma\u00dfen sich als Verwalter die Rolle von Gestaltern an. Im Westen gibt es mehr Menschen mit akademischen Abschl\u00fcssen als je zuvor, und auch wenn sie nicht die materiell reichste Schicht bilden, so verf\u00fcgen sie aber \u00fcber Einfluss, Deutungshoheit und Geschmacksherrschaft. Es sind ihre Werte und Ideale, die in den Medien \u00fcberrepr\u00e4sentiert sind, ihre Interessen, die politisch geltend gemacht werden, ihre Ideen, die Diskurse pr\u00e4gen.<\/p>\n<p>Zu 2) \u201eDie neue Mittelklasse kann nicht nur auf berufliche Anerkennung z\u00e4hlen, sondern entfaltet eine kulturorientierte kuratierte Lebensf\u00fchrung, in der sie in allen Bereichen \u2013 von der Gesundheit bis zum Kosmopolitismus, von der Bildung und Erziehung bis zum Wohnumfeld \u2013 am hohen (ethischen und \u00e4sthetischen) Wert arbeitet und als Tr\u00e4gerin eines wertvollen \u201aguten Lebens\u2018 erscheint\u201c, lautet ein Diktum von Reckwitz. Ein anderes:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDie geschmackliche Dichte des Essens, die Vielseitigkeit eines Reiseziels, die Besonderheit des Kindes mit all seinen Begabungen, die \u00e4sthetische Gestaltung der eigenen Wohnung &#8211; \u00fcberall geht es um Originalit\u00e4t und Interessantheit, Vielseitigkeit und Andersheit\u201c.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das Gute wird zum guten Gewissen; das Sch\u00f6ne zum ethisch Korrekten, k\u00f6nnte man zusammenfassen. Diese Doppelhelix des ausgestellten Sch\u00f6nen und Guten, bspw. als gutes Gewissen in geschmackvollem Wohnumfeld, das Ineinssetzen des Satten und Selbstgerechten kann auch Abscheu hervorrufen. Den Sozialtypus identifizierte der amerikanische Essayist David Brooks schon vor \u00fcber 20 Jahren, in den Jugendjahren des kulturellen Kapitalismus, mit ironisch gebrochener Zustimmung als \u201eBobo\u201c: bourgeoise Bohemiens, deren anspruchsvoller (und preisintensiver) Lifestyle das ethisch Korrekte mit einschlie\u00dft und nach einer originellen Synthese des zugleich Saturierten und Liberal-Offenen sucht.<\/p>\n<p>Solche Originalit\u00e4t stellt sich allerdings nicht von selbst ein, sie muss \u201ekuratiert\u201c werden, ob es nun um Essen, Reisen, die Wohnung oder auch die Partnerschaft geht. Wo fr\u00fcher die Querschnittspraxis das Konsumieren als \u201eVerbrauchen\u201c war, ist heute die Querschnittspraxis das Kuratieren als \u201eGebrauchen\u201c. Fr\u00fcher befand sich der Konsument in der Rolle des W\u00e4hlenden, heute findet die Wahl nicht mehr nach zweckrationalen, sondern nach kulturellen Kriterien statt. Die Optionen sind nicht mehr vorgegeben oder normativ zwingend, sondern konkurrieren als M\u00f6glichkeiten zueinander, f\u00fcr die man sich nur unter bestimmten Umst\u00e4nden wirklich entscheiden muss.<\/p>\n<p>Eine der entscheidenden Erkl\u00e4rungen von Reckwitz lautet: \u201eSingularisierung meint aber mehr als Selbstst\u00e4ndigkeit und Selbstoptimierung. Zentral ist ihr das kompliziertere Streben nach Einzigartigkeit und Au\u00dfergew\u00f6hnlichkeit, die zu erreichen freilich nicht nur subjektiver Wunsch, sondern paradoxe gesellschaftliche Erwartung geworden ist. Markant ausgepr\u00e4gt ist dies in der neuen, der hochqualifizierten Mittelklasse, also in jenem sozialen Produkt von Bildungsexpansion und Postindustrialisierung, das zum Leitmilieu der Sp\u00e4tmoderne geworden ist. An alles in der Lebensf\u00fchrung legt man hier den Ma\u00dfstab der Besonderung an: Wie man wohnt, was man isst, wohin und wie man reist, wie man den eigenen K\u00f6rper oder den Freundeskreis gestaltet. Im Modus der Singularisierung wird das Leben nicht einfach gelebt, es wird kuratiert.\u201c Auff\u00e4llig ist erneut, dass bei der \u201eparadoxen gesellschaftlichen Erwartung\u201c kein Agens pr\u00e4sentiert wird.<\/p>\n<p>Hartmut Rosa hat zur Besonderung allerdings alles Wesentliche geschrieben: \u201eEtwa wenn ich von den B\u00fcchern, die ich kaufe, ein paar auch wirklich lese; wenn ich das Teleskop, das ich mir geleistet habe, auch wirklich benutze, oder von den Opernh\u00e4usern, die ich in Reichweite habe, auch eines besuche. Die Illusion gr\u00fcndet darin, dass viele Menschen inzwischen ihr Gl\u00fcck allein daran bemessen, wie viele Optionen sie haben. Ihre ganze Libido h\u00e4ngt mittlerweile am Erschlie\u00dfen von Optionen. Das aber ist ein kultureller Irrtum, denn das Leben wird erst dann gut, wo man eine M\u00f6glichkeit auch tats\u00e4chlich umsetzt.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_3408\" style=\"width: 475px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/reckwitz4.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3408\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3408\" title=\"Rosa's opus magnum. Quelle: https:\/\/images-na.ssl-images-amazon.com\/images\/I\/41UrgrhT7wL._SX299_BO1,204,203,200_.jpg\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/reckwitz4.jpg\" alt=\"Rosa's opus magnum. Quelle: https:\/\/images-na.ssl-images-amazon.com\/images\/I\/41UrgrhT7wL._SX299_BO1,204,203,200_.jpg\" width=\"465\" height=\"770\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3408\" class=\"wp-caption-text\">Rosa&#39;s opus magnum. Quelle: https:\/\/images-na.ssl-images-amazon.com\/images\/I\/41UrgrhT7wL._SX299_BO1,204,203,200_.jpg<\/p><\/div>\n<p>Apropos Reisen: auff\u00e4llig ist, wie oft Reckwitz \u2013 und auch seine Rezensenten \u2013 bei der Erkl\u00e4rung des Kuratierens Ph\u00e4nomene der Touristik in den Blick nehmen. \u201eVerreisen\u201c kann zwar aus der Perspektive des Reisenden entweder als oberfl\u00e4chlicher Besuch oder tiefenstrukturelles Erkunden des Fremden gefasst werden \u2013 aus der des Publikums dagegen \u201enur\u201c als bebilderter und\/oder kommentierter Aufenthalt im Fremden, den man so oder so wahrnimmt. F\u00fcr prim\u00e4r muss Reckwitz\u2018 Feststellung gelten, dass der Massentourismus in die Defensive ger\u00e4t. Menschen wollen immer mehr besondere Orte aufsuchen, die Reise zu einem besonderen Ereignis machen. Es geht nicht mehr um den Urlaub von der Stange, sondern um die einzigartige Erlebnistour.<\/p>\n<p>\u201eMenschen, Waren, St\u00e4dte, Reiseziele, Konsumg\u00fcter und Karrieren &#8211; schlicht alles ist f\u00fcr Reckwitz heutzutage einzigartig, authentisch, au\u00dferallt\u00e4glich und exzeptionell, aufgeladen mit \u00c4sthetik, Exklusivit\u00e4t und Eigensinn\u201c, befindet Dieter Schnaas in der <em>Wirtschaftswoche<\/em>. \u201eEntsprechend m\u00fcssen in der Sp\u00e4tmoderne der Arbeitsplatz und die Abendgestaltung, der distinktive Einkauf und die allgemeine Lebensf\u00fchrung f\u00fcr Bewunderungen und Ergriffenheiten offen sein &#8211; m\u00fcssen die Menschen jeweils selbst und ihre Mitmenschen affizieren, sei es nun ein Opernbesuch oder ein Er\u00f6ffnungsspiel, ein Bungee-Sprung oder eine St\u00e4dtereise, ein Sushi-Essen oder ein Facebook-Post.\u201c<\/p>\n<p>Im Kulturkapitalismus z\u00e4hle nicht das meiste Geld, sondern, was man Besonderes damit anstellt, befand Peter Unfried in der <em>taz<\/em>. Ging es in der aufsteigenden Industriegesellschaft darum, dass sich jeder von der Schrankwand \u00fcber den VW bis zum Adria-Urlaub \u00c4hnliches leisten konnte, m\u00fcsse heute alles singul\u00e4r sein:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDie Arbeit, der Bekanntenkreis mit Literaten und Schauspielern, der unvergessliche Iglu-Urlaub in Gr\u00f6nland, die Superschule der Kinder mit Bio-Catering, alles muss sorgsam kuratiert sein und einen hohen \u00e4sthetischen und ethischen Wert haben, bis hin zum einzigartigsten Kartoffelsalat, angemacht mit dem \u00d6l einer griechischen Biob\u00e4uerin namens Danae.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Es existiere also ein gewaltiger Unterschied zwischen \u201eUrlaub machen\u201c und \u201eVerreisen\u201c, Reckwitz versteigt sich gar \u00a0zur Formulierung \u201eImperativ zur Herausstellung von Einzigartigkeit\u201c. Denn w\u00e4hrend der Pauschalurlaub eine sichere Bank war, verlangt die Individualreise Eigeninitiative und Kraft, sie beansprucht schon im Voraus und kann doch leicht entt\u00e4uschen: Die au\u00dfergew\u00f6hnlichen Momente stellen sich nicht ein, die au\u00dferordentlichen Orte lassen einen unbeeindruckt. Die Verhei\u00dfung ist gro\u00df, die M\u00f6glichkeit des Scheiterns ebenso: Selbst das Reisen spiegelt eine Grunderfahrung des Individuums in der \u201eGesellschaft der Singularit\u00e4ten\u201c.<\/p>\n<p>Zu 3) Dass unter solcher Perspektive die Diversifizierung der Gesellschaft in ungez\u00e4hlte Reise-, aber eben auch Geschlechter-, Ern\u00e4hrungs- und Mobilit\u00e4tstypen als v\u00f6llig normal gilt, verwundert fast angesichts der Reckwitz\u2019schen Klassenstruktur, die sich weniger mit harten Grenzen wie Wohlstand und Einkommen messen lasse, sondern entlang der nur vermeintlich durchl\u00e4ssigen Bildungsmembran geschehe. Dabei macht f\u00fcr Reckwitz die Diversifizierung selbst vor den Bildungsst\u00e4tten nicht Halt: Viele Schulen versuchen, ein einzigartiges Profil, eine besondere Schulkultur und ein ausgewiesenes Spektrum an Bildungsangeboten auszubauen statt nur den allgemeinen Bildungskanon zu vermitteln.<\/p>\n<p>Dass der Autor als Tr\u00e4gerschicht des Wandels die neue \u201ehochqualifizierte Mittelklasse\u201c als \u201esoziales Produkt von Bildungsexpansion und Postindustrialisierung, das zum Leitmilieu der Sp\u00e4tmoderne geworden ist\u201c, stilisiert, der er selbst angeh\u00f6rt, wurde bereits angemerkt. Das zeitigt aber zwei interessante Konstellationen. Zum einen den auch verschiedentlich angemerkten Vorwurf, mit S\u00e4tzen wie \u201eWas diese Gruppe zusammenh\u00e4lt, ist weniger die H\u00f6he des Einkommens &#8211; die durchaus schwankt &#8211; als die Kultur ihres Lebensstils\u201c betreibe Reckwitz eine Homogenisierung dieser Akademikerschicht. Damit werden die sozio\u00f6konomisch Unzufriedenen unter den Akademikern und damit die Statusinkonsistenz einfach eliminiert. Oder anders formuliert: Dahinter steht die Vorstellung, dass das \u00f6konomische Kapital durch das kulturelle Kapital kompensiert werden soll.<\/p>\n<p>In der <em>Zeit <\/em>bekr\u00e4ftigte der Autor etwas plakativ, dass der sich prek\u00e4r f\u00fchlende Doktorand mit Freunden in Kalifornien, Paris und Barcelona heute in Wahrheit zur herrschenden Klasse geh\u00f6re. Trivial: ich habe zwar kaum Geld, gebe es aber f\u00fcr dieselben Dinge aus wie mein Professor. Wenn das nicht affirmativ ist, was dann? Reckwitz begr\u00fcndet das mit einem \u201ekosmopolitischen Gef\u00fchl kultureller Selbsterm\u00e4chtigung\u201c im Sinne einer \u201eanspruchsvollen Haltung gegen\u00fcber dem Leben\u201c: Man f\u00fchle sich nicht nur berechtigt, die Welt zu bereisen und sich Fremdes kulturell anzueignen.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eMan hat den Anspruch an das eigene Leben, es \u00e4sthetisch und ethisch durchzustrukturieren: das gesunde Essen, die Pflege des K\u00f6rpers, vielseitige Freizeit und interessanter Beruf, die guten Schulen f\u00fcr die Kinder, von denen man mehr erwartet, ebenso vom Partner.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Diese Sichtweise \u00fcbert\u00fcncht aber v\u00f6llig, dass der \u201eFirnis der Kultur\u201c sofort zu br\u00f6ckeln beginnt, wenn der Abstieg aus der \u201eKulturoberschicht\u201c droht, sich die eigene Lebensf\u00fchrung als L\u00fcge entpuppt, weil man sich Erwartungen ausdenkt und das Leben ein ganz anderes ist. Der Selbstverwirklichung folgt ihre Krise auf dem Fu\u00df. Denn wer dieses gesellschaftliche Spiel des Pr\u00e4sentierens und Optimierens nicht mitspielt, verliert schnell sein Restguthaben an sozialem Kapital und landet im Off (bzw. Offline) der digitalen Spiegelkabinette.<\/p>\n<p>Das kann sich auch darum sehr rasch vollziehen, weil es nach der singul\u00e4ren \u201ePerformance\u201c als Highlight oft nur noch abw\u00e4rts geht, wie Sebastian Engelmann auf <em>literaturkritik.de<\/em> diagnostiziert:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eWer sein Leben stets performativ als besonders, spannend, herausragend gestalten und hervorbringen soll, st\u00f6\u00dft schnell an die Grenzen der Leistungsf\u00e4higkeit. Das Primat der Selbstverwirklichung durch Besonderheit verurteilt die Subjekte regelrecht zum Scheitern. Immer attraktiv und interessant zu sein, l\u00e4sst alles, was vielleicht an der Langeweile positiv sein mag, verschwinden. Selbstverwirklichung wird somit zur stetigen Aufgabe, die zum Scheitern verurteilt ist, da die Ressourcen f\u00fcr den Umgang mit Entt\u00e4uschungen und dem Leiden an ungl\u00fccklichen Erfahrungen nicht mehr vorhanden sind \u2013 sie wurden bereits zur Aufrechterhaltung des Besonderen verbraucht.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Zum anderen ergibt sich, dass das neue Bildungsb\u00fcrgertum ebenfalls entt\u00e4uscht werden wird, wenn es am Trugschluss festh\u00e4lt, mit universit\u00e4ren Abschl\u00fcssen bleibe es automatisch im vorderen Drittel. Die Akademiker forcieren zwar den Wertewandel, verantworten aber gleichzeitig den Kulturkapitalismus. Und der macht die \u201eungebildeten\u201c Dienstleister zur neuen Unterklasse, die sich durch ein als wertlos empfundenes Leben wursteln muss und mit Umverteilungen, Steuerreformen und Solidarit\u00e4tsaufrufen nicht erreichen oder in ihrer Wut bes\u00e4nftigen lassen wird.<\/p>\n<p>Insofern m\u00fcsste man eigentlich von zwei Kulturalisierungen in der Sp\u00e4tmoderne sprechen. Die eine ist die Kulturalisierung der Lebensformen in Gestalt von \u201eLebensstilen\u201c, die sich nach dem Muster eines Wettbewerbs kultureller G\u00fcter auf einem kulturellen Markt zueinander verhalten, also um die Gunst der nach individueller Selbstverwirklichung strebenden Subjekte wetteifern. Die andere richtet sich, wie eben angedeutet, auf Kollektive und baut sie als moralische Identit\u00e4tsgemeinschaften auf, arbeitet mit einem strikten Innen-Au\u00dfen-Dualismus und gehorcht dem Modell homogener Gemeinschaften, die durch bestimmte, teilweise gewollte Gemeinsamkeiten als einzigartig gekennzeichnet sind \u2013 und sei es durch ein bestimmtes Bildungs-, Gehalts- oder Lebensniveau, ja selbst durch Schuluniformen. Stefan L\u00fcddemann spricht in der <em>NOZ<\/em> von einer Art Individualismus der Gemeinschaften, von denen jede anders sein will. Der Konflikt dieser beiden Kulturalisierungsregimes, die in einer widerspr\u00fcchlichen Konstellation von \u00d6ffnung und Schlie\u00dfung m\u00fcnden, d\u00fcrfte den k\u00fcnftigen \u201eKulturkampf\u201c ma\u00dfgeblich beeinflussen, wenn nicht gar dominieren.<\/p>\n<p>Mit einem extranationalen Blick differenziert Katrin Kruse in der <em>NZZ <\/em>auch die Kulturalisierung des Lebensstils als zweifachen Kulturkampf. Einerseits wolle man sich selbst entfalten, was sicherlich auch ein Freiheitsmodell bedeute. Hier sei es egal, was die anderen sagen. Andererseits m\u00fcsse die Selbstverwirklichung nach au\u00dfen dargestellt werden, dort k\u00e4men soziale Erwartungen dazu: Das Statusinteresse der neuen Mittelklasse ist ja nicht verschwunden. Idealerweise passten die zwei Ebenen der Selbstentfaltung und des Erfolghabenwollens zueinander.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eSie k\u00f6nnen das Subjekt aber auch in zwei verschiedene Richtungen treiben. Das macht die Problematik, aber auch die Dynamik aus. Es h\u00e4lt das Subjekt am Laufen, weil es zwischen diesen zwei Richtungen pendelt.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>6 Der Themenkreis \u201e\u201adifferenzieller Liberalismus\u2018 als Ausdruck des neuen \u201aPolitischen\u2018\u201c.<\/strong><\/p>\n<p>Die interessanteste Anmerkung zu diesem Komplex ist anonym auf <em>Amazon<\/em> zu finden: \u201eWie der neue Gesellschaftsvertrag im Kulturkapitalismus aussehen muss, steht nicht in diesem Buch. Aber wer die Analysen und Thesen von Andreas Reckwitz aufmerksam liest, wei\u00df danach wenigstens, wo er m\u00f6gliche Antworten suchen muss. Sicher nicht in den Parteiprogrammen der bisherigen Volksparteien \u2026 Ob es \u00fcberhaupt m\u00f6glich sein wird, das sp\u00e4tmoderne Subjekt f\u00fcr ein Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl zu gewinnen, wird sich zeigen.\u201c Damit ist der wichtigste politische Diskussionspunkt angerissen: Gesellschaftsvertrag oder auch \u201eZugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl\u201c (gleichwohl beides nicht identisch ist).<\/p>\n<p>Denn der Staat sei immer weniger Garant f\u00fcr die Erhaltung des Gemeinwohls: \u201eAngepasst an die Konsumbed\u00fcrfnisse der B\u00fcrger, versteht sich der sp\u00e4tmoderne Staat als Einrichtung der Erm\u00f6glichung privaten Konsums und weniger der Verfolgung gesamtgesellschaftlicher Ziele. (S. 435) Die gesellschaftspolitische Herausforderung f\u00fcr die Zukunft sieht Reckwitz unter anderem darin, innerhalb einer Gesellschaft der Singularit\u00e4ten wieder etwas zu rekonstituieren, das \u2013 zumindest provisorisch \u2013 allgemein anerkannt wird. Ebenso wichtig erscheint \u201eangesichts der Parzellierung von medialen Teil\u00f6ffentlichkeiten die Frage nach einer Rekonstitution allgemeiner \u00d6ffentlichkeit\u2026, in denen Subjekte aus den unterschiedlichen Klassen und Milieus der Gesellschaft aufeinandertreffen\u201c (S. 440).<\/p>\n<p>F\u00fcr die Milieus, die diesen Prozess tragen, ergeben sich neue Freiheits- und Befriedigungsgewinne ebenso wie man angesichts der neuen Polarisierungen, des Spiels der Besonderheiten auf individueller und kollektiver Ebene eine Krise des Allgemeinen ausmachen muss: Das Strukturprinzip der Besonderung l\u00e4sst eben dieses Allgemeine als das verbindende Element zwischen allen, auch das Gemeinwohl ins Hintertreffen geraten. Zu fragen ist also, ob es um die Freiheit von \u201eMilieus\u201c, von bestenfalls einem Drittel geht, oder um die Freiheit der vielen, der steuererwirtschaftenden Mehrheit?<\/p>\n<p>Zwar weist Reckwitz explizit auf die gesamtgesellschaftlichen und gesamtstaatlichen Auswirkungen seiner Singularit\u00e4ten und die dadurch hervorgerufenen Konflikte hin und erkennt Krisen der Anerkennung, der Selbstverwirklichung und des Politischen, wozu Kulturkonflikte, religi\u00f6ser Fundamentalismus, ja insgesamt eine zunehmende Fragmentierung der Gesellschaft geh\u00f6rten. Auf die verweist drastisch auch G\u00f6tz Kubitschek mit einer Kritik am Bundesverfassungsgericht, das in seiner neueren Rechtsprechung ein atomistisches, die Existenz eines Volkes leugnendes Menschenbild entwickle. Damit w\u00fcrde sich Karlsruhe auf juristischer Ebene einer seit Jahrzehnten herrschenden Politik anpassen, deren wesentliches Kennzeichen es sei, die Rechte des einzelnen gegen die Rechte der Gemeinschaft k\u00fcnstlich in Stellung zu bringen, was am Ende zu einer Aufl\u00f6sung aller Strukturen und Institutionen f\u00fchrt, in denen der Mensch Halt finden konnte (Ehe, Familie, Stamm, Volk usw.).<\/p>\n<p>Allerdings macht sich Reckwitz die Antwort \u2013 wie alle Idealisten \u2013 sehr leicht, viel zu leicht, wenn er sie in eine unbestimmte erdachte Zukunft verlagert und fragt, ob die Gesellschaft der Singularit\u00e4ten \u00fcberhaupt noch ein Teil der Moderne oder ob sie nicht vielmehr unterwegs zu etwas ganz anderem ist, n\u00e4mlich einer \u201enachmodernen Formation\u201c. Einen Gegenpol zu bspw. Fukuyama einnehmend, ist f\u00fcr ihn die Moderne keine Universalie, sondern selbst durch und durch geschichtlich; sie habe nicht nur eine Entstehungs- und Verlaufsgeschichte, sondern sie wird irgendwann auch eine Geschichte des Verschwindens und der Transformation in andere, ihr nachfolgende Gesellschaftsformationen haben.<\/p>\n<p>\u00dcbrig bleiben der Eindruck, dass die einen die anderen nicht verstehen k\u00f6nnen, ja wollen; und die Negierung, dass \u201ediversity\u201c &#8211; und die Toleranz daf\u00fcr &#8211; nicht ohne Individualismus und Differenzierung zu haben ist, kurz dass man keine Pluralit\u00e4t predigen, aber Singularit\u00e4t leben kann. Das ist mehr als ein Ausdruck der Schizophrenie der westlichen Rationalit\u00e4t. Es ist der Ausdruck der Krise des Allgemeinen im Politischen, der Verlust des Vertrauens in die Volksparteien, der sich geringstenfalls als Kulturnationalismus und schlimmstenfalls als Fundamentalismus \u00e4u\u00dfert, ja als Kritik am westlichen Universalismus, der die eigenen Werte als weltweit g\u00fcltig und richtig unterstellt.<\/p>\n<p>Reckwitz macht daf\u00fcr einen Liberalismus verantwortlich, der in Wirtschaft und Politik auf Deregulierung setzt und in der Gesellschaftspolitik die Identit\u00e4tsrechte s\u00e4mtlicher Minderheiten st\u00e4rkt, Kultur aber gleichzeitig als Ressource der globalen Wettbewerbsf\u00e4higkeit instrumentalisiert. Von allen geschlossenen Gemeinschaften, und das sind Minderheiten in der Regel, werden die Identit\u00e4tsangebote dankbar aufgegriffen und dogmatisch interpretiert. Und wenn nun bestimmte Minderheiten aufgrund kultureller Ungleichheit zugleich auch Verlierer sind, f\u00e4nden die sich mehr und mehr bei \u201ePopulisten\u201c wieder und vice versa.<\/p>\n<p>Ergo breiteten sich Parteien an den R\u00e4ndern aus, die jene ansprechen, die im knallharten Rennen um Aufmerksamkeit nicht mithalten k\u00f6nnen &#8211; und die sich in den etablierten Parteien nicht mehr zu Hause f\u00fchlen, weil diese sich ihrerseits mehr und mehr f\u00fcr Randgruppen interessieren. Sexuellen, konfessionellen, ethnischen Minderheiten ist die Aufmerksamkeit auch der etablierten Parteien sicher. Die Vielen, die sich ihnen bislang anvertrauten, finden sich und ihre Anliegen nicht mehr angemessen vertreten.<\/p>\n<p>Wohin diese Krise des Allgemeinen oder auch der Repr\u00e4sentanz f\u00fchrt, schreibt Reckwitz, ist alles andere als ausgemacht. Das stimmt und mag f\u00fcr die einen be\u00e4ngstigend, f\u00fcr die anderen hoffnungsfroh anmuten. Eine ganz besondere Illustration f\u00fcgte dieser Krisendiskussion das Koalitionshickhack nach dem 24. September 2017 zu. Felsmann schreibt lapidar:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eWer die hier vorliegende Charakterisierung einer neuen Mittelschicht, die deutlich wahrnehmbar den \u00f6ffentlichen Diskurs hierzulande bestimmt, ernst nimmt, dem muss Jamaika geradezu als logische Konstellation erscheinen.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<div id=\"attachment_3409\" style=\"width: 565px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/reckwitz5.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3409\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3409\" title=\"Koalitionspoker 2017. Quelle: https:\/\/image.stern.de\/7638230\/16x9-940-529\/1e39ffcb6e9ed80b17307c7566e549a7\/mW\/jamaika.jpg\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/reckwitz5.jpg\" alt=\"Koalitionspoker 2017. Quelle: https:\/\/image.stern.de\/7638230\/16x9-940-529\/1e39ffcb6e9ed80b17307c7566e549a7\/mW\/jamaika.jpg\" width=\"555\" height=\"312\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/reckwitz5.jpg 940w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/reckwitz5-300x168.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 555px) 100vw, 555px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3409\" class=\"wp-caption-text\">Koalitionspoker 2017. Quelle: https:\/\/image.stern.de\/7638230\/16x9-940-529\/1e39ffcb6e9ed80b17307c7566e549a7\/mW\/jamaika.jpg<\/p><\/div>\n<p>F\u00fcr Reckwitz setzt gerade ein Rechtspopulismus auch auf das Register des Besonderen, in dem er etwa das eigene Volk und die Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Nation betont, kehre dabei aber gleichzeitig die Ideale des Liberalismus der neuen Mittelklasse um, indem er auf Schlie\u00dfung und Regulierung pl\u00e4diere, zwischen innen und au\u00dfen trenne, das Eigene gegen\u00fcber dem Fremden betone, wo sie f\u00fcr Globalisierung, \u00d6ffnung der M\u00e4rkte und Identit\u00e4ten stehe. Er erkennt das durchaus richtig als Reaktion auf Entwertungstendenzen: Durch die kulturelle Entwertung und Kr\u00e4nkungserfahrung gerate die alte Mittelklasse gegen\u00fcber der neuen gebildeten kosmopolitischen Schicht in die Defensive und bef\u00fcrchte, nicht mehr mithalten zu k\u00f6nnen, woraus durchaus politische Sprengkraft erwachsen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Es sei eine Trauer um das Verlorene, das die Ideologie des Rechtspopulismus bediene, schlie\u00dft der Autor. Das aber ist zu simpel. Denn die Ausbreitung der Singularit\u00e4tskultur macht vor keiner Politik halt, allerdings weniger auf dem Markt konkurrierender Parteienangebote, sondern z.B. in Spannungsfeld zwischen urbanen und l\u00e4ndlichen R\u00e4umen (Metropolen und Provinz), auf dem Gebiet neuer gesellschaftlicher Ph\u00e4nomene wie dem religi\u00f6sen Fundamentalismus oder gar der Gewalt-Fokussierung mittels gezielter Terrorakte.<\/p>\n<p>Vogel verweist weiterhin darauf, dass die von Reckwitz beschriebene neue Mittelklasse der Kreativen und Akademiker, die nun den Takt in der Singularit\u00e4tsgesellschaft angibt, doch offensichtlich durch und durch ein Staatsprodukt ist. Das staatliche Bildungssystem habe sie gepr\u00e4gt, sie leben von und in den Bildungsapparaten, sie ern\u00e4hren sich von \u00f6ffentlich finanzierten Projekten. Staatlich finanzierte F\u00f6rdert\u00f6pfe treiben die \u201ekulturellen Singularit\u00e4tsm\u00e4rkte\u201c an. Denn zum guten Leben, zum richtigen Wohnen und zum korrekten Essen geh\u00f6rt ja auch ein ausk\u00f6mmliches Einkommen. Die von Reckwitz unter der \u00dcberschrift \u201eDie Politik des Besonderen\u201c verbuchten Schlagworte der \u201ekulturorientierten Gouvernementalit\u00e4t\u201c sowie des \u201eSingularit\u00e4tsmanagements\u201c (S. 388ff.) klingen f\u00fcr ihn nach einigem Aufwand an Steuergeldern.<\/p>\n<p>Zudem erkennt er, dass der Wohlfahrts- und Rechtsstaat heute immer st\u00e4rker partikulare Bed\u00fcrfnisse beachtet und bedient, ja dass Staatlichkeit heute sehr viel selektiver agiert als in der Vergangenheit. Das alles spr\u00e4che daf\u00fcr, dem Staat analytische Aufmerksamkeit zu schenken, wenn es um Prozesse der Singularisierung geht. Aber auch hier sch\u00e4tze Reckwitz die Schematisierung \u2013 der Staat erscheint als der Agent der Massenkultur, der Vereinheitlichung, des \u201edoing generality\u201c. Dabei gibt es gestern wie heute vermutlich keine erfolgreichere Institution der sozialen Logik des Besonderen und der Selektion als den modernen Staat und seine Institutionen und Beh\u00f6rden. Das zu erkennen, fiele aber der Soziologie insgesamt sehr schwer.<\/p>\n<p>Differenzen begrenzen, sollte die Devise lauten, womit Reckwitz einen \u201eregulativen Liberalismus\u201c meint. Ein Liberalismus, der die geschw\u00e4chten staatlichen Institutionen als Stellvertreter des Allgemeinen wieder aufwertet und an den richtigen Stellen &#8211; etwa in der Plattform\u00f6konomie &#8211; Regeln setzt. Allgemein h\u00e4lt Reckwitz eine Arbeit an geteilten Normen und G\u00fctern f\u00fcr notwendig, um dem irrationalen Sog der Singularisierung entgegenzuwirken. Die Beschreibungen dieses Liberalismus, zumal der Inhalte, die er leisten sollte, bleiben aber mehr als vage. Eine weitere von vielen verschenkten Potenzen des Textes, zumal Bernd Ulbrich in der <em>Zeit<\/em> inzwischen auch dieses ideologische System infrage stellt: \u201eIst der Liberalismus wirklich eine Lebensweise f\u00fcr alle oder doch blo\u00df die Herrschaftsideologie einer globalisierten Klasse?\u201c<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>In seinem abschlie\u00dfenden Res\u00fcmee kontrastiert Reckwitz das normative Ideal eines gesellschaftlichen Fortschritts, dass die klassische Moderne bis in die 70er Jahre gepr\u00e4gt hat, mit der neuen Gesellschaft der Singularit\u00e4ten. Pr\u00e4gend seien nun die \u201ekleinen Erz\u00e4hlungen\u201c des privaten Erfolges und guten Lebens, nicht mehr die \u201egro\u00dfe Erz\u00e4hlung\u201c der alten (kapitalistischen) Fortschrittsgesellschaft. Ma\u00dfgeblich ist nicht mehr die immer auf Zukunft rekurrierende Zeitperspektive der alten Fortschrittsgesellschaft, sondern in der Sp\u00e4tmoderne herrscht ein radikales Regime des Neuen, das \u201emomentanistisch\u201c ist, also nicht an langfristigen Innovationen, gar Revolutionen orientiert, sondern an der Affektivit\u00e4t des Hier und Jetzt. Was in der Sp\u00e4tmoderne \u201eFortschritt\u201c ist, l\u00e4sst sich weitaus weniger einfach beantworten als in fr\u00fcheren Zeiten: Fortschritt und Regression, Aufwertung und Entwertung verteilen sich ungleich zwischen kontr\u00e4ren gesellschaftlichen Gruppen: zwischen Kreativen und Arbeitern, Einheimischen und Emigranten, Kosmopoliten und Sesshaften\u2026<\/p>\n<p>Kulturalisierung, Singularisierung und Affektivierung gehen in Reckwitz\u2019 Ansatz Hand in Hand: Sie pr\u00e4gen eine soziale Logik des Besonderen aus, die im Kontrast zur rationalisierenden Logik des Allgemeinen steht. Beide zusammen bildeten die konstitutiven Strukturprinzipien einer Sp\u00e4tmoderne, in der sich das soziale Primat von der Logik des Allgemeinen zur Logik des Besonderen verschiebt. Wo Mittel zum Zweck st\u00e4rker wertgesch\u00e4tzt werden als die Zwecke selbst, herrscht nicht etwa keine, sondern eine andere Kultur, eben die Kultur des Technischen, Ingenieurhaften, B\u00fcrokratischen etc., zumal die (Un-)Kultur der Algorithmen.<\/p>\n<p>Im Raum steht damit, ob diese Entwicklung tats\u00e4chlich so und vor allem unumkehrbar eintritt, inwieweit sie nicht nur akademisch, sondern vor allem in der Bev\u00f6lkerung akzeptiert und willkommen gehei\u00dfen wird und welche weiteren &#8211; vor allem sozialen &#8211; Auswirkungen sie zeitigt. Wenn Anerkennung nur noch diejenigen finden, die Einzigartiges produzieren, und Verlierer diejenigen sind, die langweilige Routinejobs haben; aber auch die Gewinner auf den Singularit\u00e4tsm\u00e4rkten sich in einer Krise der Selbstverwirklichung gefangen sehen, da die Selbstoptimierung ihre Kinder frisst, da Singualisierung alleine nicht gl\u00fccklich macht. Schlie\u00dflich die Krise des Politischen, das jede Steuerungsm\u00e4chtigkeit, ja -f\u00e4higkeit eingeb\u00fc\u00dft hat und der Eigendynamik der \u00d6konomie, der Medientechnologie und die Kultur der Lebensstile Platz machen musste. \u00d6ffentlichkeit, Staat sowie Recht scheinen da nur noch etwas f\u00fcr notorische Melancholiker der Gesellschaftssteuerung zu sein.<\/p>\n<p>Von Siegern im neuen \u201eKlassenkampf der Mitte\u201c mag man da ebenso wenig sprechen wie vom Projekt Gesellschaftsgestaltung, das als gestrig daherkommt. Hierf\u00fcr steht nach vielen hundert Seiten die Conclusio von Reckwitz:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDie sozialen Asymmetrien und kulturellen Heterogenit\u00e4ten, welche dieser Strukturwandel der Moderne potenziert, seine nichtplanbare Dynamik von Valorisierungen und Entwertungen, seine Freisetzung positiver und negativer Affekte lassen Vorstellungen einer rationalen Ordnung, einer egalit\u00e4ren Gesellschaft, einer homogenen Kultur und einer balancierten Pers\u00f6nlichkeitsstruktur, wie sie manche noch hegen m\u00f6gen, damit als das erscheinen, was sie sind: pure Nostalgie.\u201c (S. 442)<\/p><\/blockquote>\n<p>\u201eDas Allgemeine hat immer weniger einen Ort innerhalb der Sp\u00e4tmoderne, auch die Frage nach dem, was Menschen gemeinsam haben, die Frage nach dem Allgemeinwohl, die Frage nach dem Universalen ist in diesem st\u00e4ndigen Wettbewerb um Einzigartigkeit, oder auch in dieser st\u00e4ndigen Profilierung von Gruppen besonders in den Hintergrund geraten. Wir m\u00fcssen uns fragen, wo wir wieder Orte des Allgemeinen, auch der Frage des Allgemeinen schaffen k\u00f6nnen\u201c, meint Reckwitz in einem DLF-Interview und bringt damit das wesentliche Dilemma seines Buchs auf den Punkt, das viele Rezensenten auch sahen.<\/p>\n<p>Dieter Schnaas fragt sich etwa in der <em>Wirtschaftswoche<\/em>, \u201eob Reckwitz nicht zuweilen zum Opfer seinen eigenen Diagnose wird &#8211; und dem Zwang zur \u00dcberakzentuierung seiner originellen These erliegt. Sein soziologisches Raster ist f\u00fcr die Erschlie\u00dfung der mannigfaltigen Singularit\u00e4ten etwa zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Kunst und Wissenschaft zu grob. Es schlie\u00dft einen historischen Zugang zur Wirklichkeit der Moderne nicht auf. Sondern verstellt ihn.\u201c Dirk Hohnstr\u00e4ter erg\u00e4nzt auf <em>Soziopolis<\/em>, \u201ewie die Sozial- und\/oder Kulturwissenschaft\/en der Logik des Besonderen gerecht werden k\u00f6nnen und wie ein sozusagen singularit\u00e4tenad\u00e4quater Wissenschaftsstil \u2013 bei der Wissenserzeugung ebenso wie beim wissenschaftlichen Sprechen \u2013 eigentlich auss\u00e4he.\u201c<\/p>\n<p>Eine \u201eBegriffsarchitektur mit immer wieder denselben Thesen\u201c, bem\u00e4ngelt Thomas Steiner in der <em>Badischen Zeitung<\/em>.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eWer so abstrakt bleibt, kann auch aus einer Tendenz umstandslos eine umfassende Gesellschaftstheorie machen: \u201aIn der Sp\u00e4tmoderne wird die soziale Logik der Singularisierungen, die zugleich eine der Kulturalisierung und der Affektintensivierung ist, zu einer f\u00fcr die gesamte Gesellschaft strukturbildenden Form.\u2018 So einfach ist das. Wenn man die einmal justierte Begrifflichkeit \u00fcber alles st\u00fclpt.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Engelmann macht darauf aufmerksam, dass desto mehr der beunruhigende Eindruck entstand, dass die Beharrungs- und Absicherungskr\u00e4fte des Verallgemeinernden an Boden gew\u00e4nnen, je schneller sich das Neue und Innovative in Allgemeines zur\u00fcckverwandelte. Aber<\/p>\n<blockquote><p>\u201eder Staat ist laut Reckwitz nicht mehr die Einrichtung, welche gesamtgesellschaftliche Ziele aushandelt, definiert und umsetzt. Stattdessen erm\u00f6gliche der Staat einen Rahmen, in dem Konsum stattfinden und damit auch Singularisierung hervorgebracht werden kann. Die sch\u00fctzende Funktion des Sozialstaates tritt dabei immer weiter zur\u00fcck \u2013 denn das besondere Leben braucht die Unterst\u00fctzung des Staates nicht mehr. Alle Krisen laufen \u2013 so die These \u2013 auf eine Krise des Allgemeinen hinaus. Statt einer Bew\u00e4ltigung von Krisen steuert die Gesellschaft jedoch in eine Dauerkrise, die selbst wiederum aufgrund der neuen normativen Ma\u00dfst\u00e4be in Bewegung gehalten werden muss.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Richartz geht mit dem Autor wohl am sch\u00e4rfsten ins Gericht:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDas Konzept der \u201aAuthentizit\u00e4t\u2018, das kritisch betrachtet als ein weiterer Modus der Selbstdarstellung gewertet werden k\u00f6nnte, welches eben Verschleierung und nicht Aufrichtigkeit zum Ziel hat, w\u00e4re eine Steilvorlage f\u00fcr eine tendenziell kritische Haltung gewesen. Reckwitz schl\u00e4gt allerdings jede kritische Autorendynamik aus, er will im Elfenbeinturm der Soziologie ankommen.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<div id=\"attachment_3410\" style=\"width: 566px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/reckwitz6.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3410\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3410\" title=\"Vereinzelung. Quelle: https:\/\/media-cdn.sueddeutsche.de\/image\/sz.1.968680\/860x860?v=1528252767000&amp;method=resize&amp;cropRatios=0:0-Zoom-www\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/reckwitz6.jpg\" alt=\"Vereinzelung. Quelle: https:\/\/media-cdn.sueddeutsche.de\/image\/sz.1.968680\/860x860?v=1528252767000&amp;method=resize&amp;cropRatios=0:0-Zoom-www\" width=\"556\" height=\"370\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/reckwitz6.jpg 849w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/reckwitz6-300x199.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 556px) 100vw, 556px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3410\" class=\"wp-caption-text\">Vereinzelung. Quelle: https:\/\/media-cdn.sueddeutsche.de\/image\/sz.1.968680\/860x860?v=1528252767000&amp;method=resize&amp;cropRatios=0:0-Zoom-www<\/p><\/div>\n<p>Den letzten Satz w\u00fcrde ich sogar noch steigern: Reckwitz hat eine subjektivistische Theorie der Vereinzelung vorgelegt, die in letzter Konsequenz bedeutet, dass wir statt Soziologie k\u00fcnftig eine Individuologie haben werden, in der jeder alles sagen kann und damit gleich richtig oder falsch liegt. Dass so ein anma\u00dfender Text just 130 Jahre nach Ferdinand T\u00f6nnies \u201eGemeinschaft und Gesellschaft\u201c erscheint, das als erstes sozialwissenschaftliches Grundlagenwerk Deutschlands gilt und untersuchte, wie aus den traditionellen Kleinst-Einheiten von Familie, Glaubensgemeinde oder Dorf der Zusammenhalt in dem entsteht, was man als \u201emoderne Gesellschaft\u201c begreifen kann, ist da ein zuf\u00e4lliger Lapsus, der die Destruktivit\u00e4t der entworfenen Theorie noch unterstreicht.<\/p>\n<p><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D3396&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf einer falschen Annahme fu\u00dfend, beschreibt ein Soziologe die Gesellschaft als singul\u00e4ren Haufen von Individuen, die nichts mehr eint. So wird die Wissenschaft zur Individuologie, in der jeder alles sagen kann und damit gleich richtig oder falsch liegt. Das ist ebenso anma\u00dfend wie destruktiv.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4,9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3396"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3396"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3396\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3526,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3396\/revisions\/3526"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3396"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3396"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3396"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}