{"id":3430,"date":"2018-06-27T18:47:17","date_gmt":"2018-06-27T17:47:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=3430"},"modified":"2018-08-12T10:44:31","modified_gmt":"2018-08-12T09:44:31","slug":"%e2%80%9ewir-wollen-keine-barrieren-schaffen%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=3430","title":{"rendered":"\u201eWir wollen keine Barrieren schaffen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Die Nachricht las sich Ende Juni wie eine Verh\u00f6hnung aller Bildungsdebatten: mit der Deutschen Bahn verzichtet ein Staatskonzern k\u00fcnftig auf das Anschreiben von Lehrlingsbewerbern \u2013 vorgeblich aus Gr\u00fcnden der Vereinfachung. Ab Herbst m\u00fcssen Bewerber nur noch ihren Lebenslauf und Zeugnisse schicken \u2013 und das auch nur noch online. \u201eWir wollen es den Bewerbern so einfach wie m\u00f6glich machen\u201c, begr\u00fcndet die DB-Leiterin Talent Acquisition Baden-W\u00fcrttemberg, Carola Hennemann, das Vorgehen gegen\u00fcber der <em>dpa<\/em>. Da bei der Bahn in den kommenden Jahren Tausende Mitarbeiter in Rente gehen, will der Konzern pro Jahr knapp 20\u2009000 Mitarbeiter einstellen, darunter rund 3500 Azubis.<\/p>\n<p>\u201eF\u00fcr Sch\u00fcler ist das Verfassen von Motivationsschreiben besonders schwierig\u201c, sagt Hennemann. Auch andere seien froh, wenn sie weniger schreiben m\u00fcssten. Die Frage nach der Motivation stelle man dann im pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4ch. Bahnsprecher Achim Stauss erg\u00e4nzt in der <em>ARD<\/em>, dass Anschreiben immer standardisierter w\u00fcrden. Wenn das Verfahren gut funktioniert, will die Bahn pr\u00fcfen, bei welchen Berufsgruppen es ebenfalls gut passen w\u00fcrde. Doch damit nicht genug. In Regionen mit Vollbesch\u00e4ftigung wie in Bayern und Baden-W\u00fcrttemberg reicht auch eine Handykamera im ersten Schritt: Bewerben k\u00f6nne man sich dann mit einem 30-Sekunden-Video.<\/p>\n<p>Auch andere Unternehmen \u00fcberdenken das Anschreiben. Die Lufthansa verlangt es noch von Azubis, verzichtet darauf aber bei verschiedenen Berufsgruppen wie Flugbegleitern oder IT-Mitarbeitern. Auch bei der Drogeriemarktkette Rossmann brauchen es Azubis noch, manche Gruppen seit rund einem Jahr aber nicht mehr: \u201eLetztendlich liegt es beim Bewerber, ob er uns ein Anschreiben schicken m\u00f6chte\u201c, erkl\u00e4rt Sprecherin Nadine Leinewerber in der <em>Westfalenpost<\/em>. Nach eigenen Angaben legt auch der Softwarekonzern SAP weniger Wert auf alte Formalit\u00e4ten und achtet darauf, \u201ewas Kandidaten als Individuum\u201c ausmacht, so SAP-Personalchef Cawa Younosi ebenfalls in der <em>Westfalenpost<\/em>. \u201eDie Form, wie das transportiert wird, ist nachrangig. Wir wollen keine Barrieren schaffen, die besten Talente f\u00fcr uns zu gewinnen.\u201c<\/p>\n<p>Die Berliner Verkehrsbetriebe BVG pr\u00fcfen ebenfalls, ob sie bei Azubis das Anschreiben streichen. Henkel und Otto verzichten schon komplett auf den Begleitbrief. Andere Unternehmen halten dagegen am Bewerbungsschreiben fest, neben der Post etwa Daimler, die Berliner Stadtreinigung und der Medizinkonzern Fresenius. Die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverb\u00e4nde erkl\u00e4rte in der<em> Schw\u00e4bischen Post<\/em>: \u201eJeder Arbeitgeber muss seinen eigenen Weg finden, um sich gutes Personal zu sichern.\u201c<\/p>\n<p><strong>Will die Bahn die Dummen?<\/strong><\/p>\n<p>Nach Einsch\u00e4tzung der Marketingdirektorin Katrin Luzar von der Jobb\u00f6rse \u201eMonster.de\u201c nimmt aber nicht nur die Bedeutung des Anschreibens ab, sondern verschiebe sich mittlerweile auch das Machtverh\u00e4ltnis zwischen Bewerbern und Unternehmen. Denn die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist f\u00fcr viele Menschen gut wie seit Anfang der 1990er Jahre nicht mehr. \u201eDie Kandidaten wissen sehr gut, wie viel sie wert sind &#8211; sie werden passiver. Gerade in Bereichen wie IT und Ingenieurswesen herrscht bei den Bewerbern recht viel Zuversicht, dass man einen guten Job findet\u201c, so Luzar.<\/p>\n<div style=\"width: 435px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.karikatur-cartoon.de\/mobbing\/mobbing5_bwerbung.htm\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" title=\"Bewerbung. Quelle: http:\/\/www.karikatur-cartoon.de\/mobbing\/mobbing5_bwerbung.htm\" src=\"http:\/\/www.karikatur-cartoon.de\/bilder\/mobbing_bewerbung.jpg\" alt=\"Bewerbung. Quelle: http:\/\/www.karikatur-cartoon.de\/mobbing\/mobbing5_bwerbung.htm\" width=\"425\" height=\"455\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Bewerbung. Quelle: http:\/\/www.karikatur-cartoon.de\/mobbing\/mobbing5_bwerbung.htm<\/p><\/div>\n<p>Die Entscheidung wird allerdings auch kritisiert. So entgeht laut Maja Skubella von der Hamburger Beratungsfirma \u201eKarriere &amp; Entwicklung\u201c den Bewerbern dadurch eine M\u00f6glichkeit, im Vorfeld etwas \u00fcber sich zu erz\u00e4hlen. Sie sagt der <em>S\u00fcdwestpresse<\/em>: \u201eUm beurteilen zu k\u00f6nnen, ob eine Bewerbung passen k\u00f6nnte, geh\u00f6rt mehr dazu, als nur die Zahlen und Fakten zu kennen.\u201c Richtig sei: Das Texten des Anschreibens f\u00fcr viele das Schwierigste.<\/p>\n<p>Aber Anspr\u00fcche wegen des Fachkr\u00e4ftemangels so weit herunter zu schrauben, bis sie passen, ist einerseits zwar konsequent, andererseits mehr als bedenklich. Jugendliche sind es, leider, kaum noch gewohnt, in einer Art Aufsatz zu beschreiben, warum sie etwa Lokomotivf\u00fchrer werden wollen \u2013 im Gegenteil finden sie Spa\u00df daran, alles Wesentliche (und Unwesentliche) in Gruppenchats in Sekundenschnelle ohne R\u00fccksicht auf Stil und Rechtschreibung mitzuteilen. Da zugleich ihre Aufmerksamkeitsspanne schrumpft und darunter auch die F\u00e4higkeit leidet, die eigenen Gedanken zu ordnen, kann sich das bei einer Bewerbung um einen Ausbildungsplatz verheerend auswirken. Denn hier geht es um einen wohldurchdachten Start ins Berufsleben, nicht um die Alltagskommunikation von Befindlichkeiten.<\/p>\n<p>Die Radikall\u00f6sung der Bahn ist kein gutes Signal: weder f\u00fcr andere Firmen, mit denen damit ein Wettlauf um die niedrigsten H\u00fcrden f\u00fcr Bewerber er\u00f6ffnet wird, noch f\u00fcr den Bildungsstandort Deutschland und erst recht nicht f\u00fcr die Bewerber, die sich mit gutem Recht fragen, ob es noch auf Individualit\u00e4t ankommt oder nur noch auf Passgenauigkeit. Die wirklich Motivierten schreckt das Unternehmen damit n\u00e4mlich ab. Wieso sollte ich f\u00fcr einen solchen Konzern arbeiten, wenn der jeden nimmt, d\u00fcrften die sich fragen und eher einen Arbeitgeber w\u00e4hlen, wo Qualit\u00e4t mehr gesch\u00e4tzt wird.<\/p>\n<p>Kann jemand mit millionenschweren Maschinen umgehen und zugleich die Sicherheit hunderter Menschen anhand \u2013zigseiter Dienstvorschriften gew\u00e4hrleisten, wenn er keinen zusammenh\u00e4ngenden Text mit geordneten Gedanken mehr herstellen, kreative M\u00fche nachweisen kann? Die Bahn wertet sich als Arbeitgeber ab, indem sie das Image einer Firma kultiviert, bei der man sich nicht mal mehr richtig bewerben muss. Die Idee mag verf\u00fchrerisch sein, es allen so leicht wie m\u00f6glich zu machen. Doch die Realit\u00e4t ist es nicht. Wenn die Bahn die Dummen will, macht sie alles richtig. Aber will sie das?<\/p>\n<p><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D3430&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer mehr Unternehmen entlasten ihre Bewerber vom Verfassen eines Anschreibens, zuletzt mit der Bahn gar ein Staatskonzern. Das ist ein katastrophales Signal f\u00fcr den Bildungsstandort Deutschland.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1,4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3430"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3430"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3430\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3528,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3430\/revisions\/3528"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3430"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3430"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3430"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}