{"id":3518,"date":"2018-03-30T10:38:32","date_gmt":"2018-03-30T09:38:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=3518"},"modified":"2018-08-12T10:41:40","modified_gmt":"2018-08-12T09:41:40","slug":"zwischen-handhabung-und-%e2%80%9ean-die-hand-nehmen%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=3518","title":{"rendered":"Zwischen Handhabung und \u201eAn die Hand nehmen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Manipulation (latein. Zusammensetzung aus manus \u201eHand\u201c und plere \u201ef\u00fcllen\u201c) ist ein legitimes Machtmittel, wenn die Manipulierten respektvoll behandelt werden. So lautet das Credo von Alexander Fischers jetzt bei Suhrkamp publiziertem Text, mit dem er in Bamberg promovierte. Unter Respekt versteht Fischer, dass dem Betroffenen eine \u201egrundlegende Wahlfreiheit\u201c zugeschrieben und zugestanden wird. Die basale Annahme des Autors: Manipulation sei nicht wie T\u00e4uschung, L\u00fcge oder Gewalt grunds\u00e4tzlich moralisch verwerflich, sondern werde oft auf verwerfliche Weise benutzt.<\/p>\n<p>Als positives Beispiel f\u00fchrt Fischer die Einf\u00fchrung der Kartoffel in Preu\u00dfen unter Friedrich II. an. Nachdem Verordnungen nicht gewirkt hatten, wurden bewachte Kartoffelfelder eingerichtet, um den Wert des Gem\u00fcses zu erh\u00f6hen und die Bauern zum Stehlen der vermeintlich wertvollen Pflanzen f\u00fcr den eigenen Anbau zu verleiten. \u201eEine Elite bewahrt ihre Vorherrschaft, indem sie Symbole manipuliert, die Versorgung kontrolliert und Gewalt einsetzt\u201c, zitiert er negativ Harold D. Lasswell.<\/p>\n<p>\u201eMan kann nicht einfach Ja oder Nein in ethischer Hinsicht sagen, sondern: Es kommt drauf an\u2026 Oft wei\u00df der Manipulierte, dass er der Manipulation unterliegt. Zudem versuchen Mitmenschen h\u00e4ufig sogar, uns auch mit manipulativen Methoden vor Irrationalit\u00e4t zu bewahren. So ist das Ph\u00e4nomen der Manipulation eben ein zweischneidiges, das situativ bewertet werden muss, nicht grunds\u00e4tzlich\u201c, so Fischer in einem Interview.<\/p>\n<p>Seine zun\u00e4chst zweckfreie Einsch\u00e4tzung als \u201eMachtmittel\u201c steht jener der Kritischen Theorie entgegen, die den von Behavioristen neutral angelegten mechanistischen Begriff \u201eManipulation\u201c in der neomarxistischen Auseinandersetzung mit politischen Machstrukturen ins Negative, ja Normative hin vereinnahmt: \u201eManipulation wird zum b\u00f6sen Kern des Konzepts der Macht\u201c, so Fischer. Was f\u00fcr Pflicht- und Tugendethiker die Rationalit\u00e4t unterl\u00e4uft und also nichts Gutes sein kann, wird aber von Utilitaristen gar nicht als Problem wahrgenommen: Solange das gr\u00f6\u00dfte Gl\u00fcck f\u00fcr die gr\u00f6\u00dfte Zahl an Empf\u00e4ngern sichergestellt ist, w\u00e4re es auch in Ordnung zu manipulieren.<\/p>\n<p>Diese Einsch\u00e4tzung breitet der Autor in vier Abschnitten aus. Nachdem er im ersten Kapitel eine Definition der Manipulation herausarbeitet, befasst sich Fischer im zweiten mit dem historischen und anthropologischen Hintergrund des Ph\u00e4nomens und versucht, Manipulation im Koordinatensystem zwischen Affekt und Rationalit\u00e4t einzuordnen. Darauf aufbauend geht es im dritten Teil um die ethische Bewertung von Manipulation. Im vierten Kapitel schlie\u00dflich wird an Hand von Fallbeispielen vor allem aus der Literatur (Shakespeare, Orwell) aufgezeigt, wie Manipulation wirkt und wie sie unter welchen Umst\u00e4nden ethisch beurteilt wird. Die Handelspsychologie bleibt dabei ausgeklammert.<\/p>\n<p>Ein G\u2018schm\u00e4ckle entfaltet der Text auf S. 221: \u201eEine Regierung muss die Beeinflussungsm\u00f6glichkeiten und psychologischen Ansatzpunkte kennen, mittels derer die Bev\u00f6lkerung effizient angesprochen werden kann\u201c. Merkels \u201eNudging\u201c-Pl\u00e4ne erscheinen da leicht als Anwendung des Diktums von Herbert Marcuse, wonach in der Manipulation der Einzelne mit der Lebensform ausges\u00f6hnt werden solle, die ihm von der Gesellschaft aufgezwungen wird, und diese Auss\u00f6hnung insbesondere durch staatlichen Autorit\u00e4ten erfolge, die soziale und politische Bed\u00fcrfnisse in individuelle und libidin\u00f6s angetriebene umwandeln, damit Klassenkampf ausbleibt.<\/p>\n<p>Diese Gefahr, dass Manipulatoren die Menschen schlimmstenfalls in eine allgemeine Infantilisierung, einen quasi vor-tugendhaften Zustand st\u00fcrzen k\u00f6nnen, so dass sie niemals der eigentlichen Wesenheit des Menschseins, der \u201eAus\u00fcbung des logos\u201c (Aristoteles), angemessen nachkommen k\u00f6nnen, l\u00e4sst Fischer leider v\u00f6llig au\u00dfer Acht \u2013 das gro\u00dfe Manko des Bandes, der das Lesen trotzdem lohnt.<\/p>\n<p><strong>Alexander Fischer. Manipulation &#8211; Zur Theorie und Ethik einer Form der Beeinflussung. Pb., 256 S., \u20ac 18.00, Suhrkamp-Verlag. Frankfurt 2017 <\/strong><\/p>\n<p><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D3518&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manipulation (latein. Zusammensetzung aus manus \u201eHand\u201c und plere \u201ef\u00fcllen\u201c) ist ein legitimes Machtmittel, wenn die Manipulierten respektvoll behandelt werden. So lautet das Credo von Alexander Fischers jetzt bei Suhrkamp publiziertem Text, mit dem er in Bamberg promovierte. Meine Kurzrezension dazu.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5,4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3518"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3518"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3518\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3521,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3518\/revisions\/3521"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3518"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3518"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3518"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}