{"id":3549,"date":"2018-09-18T18:41:16","date_gmt":"2018-09-18T17:41:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=3549"},"modified":"2018-09-18T19:18:15","modified_gmt":"2018-09-18T18:18:15","slug":"%e2%80%9ewenn-jemand-im-knast-geboren-wird-scheint-ihm-seine-biografie-vorgegeben-zu-sein%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=3549","title":{"rendered":"\u201eWenn jemand im Knast geboren wird, scheint ihm seine Biografie vorgegeben zu sein\u201c"},"content":{"rendered":"<p>\u201eWider die Republik der Opfer-Sortierer\u201c: unter diesem Titel h\u00e4lt Ulrich Schacht am 13. August 2005 eine bemerkenswerte Rede anl\u00e4sslich des sechzigsten Jahrestages der Errichtung des Sowjetischen Speziallagers Nr. 7 Oranienburg-Sachsenhausen. Sein Vorwurf richtete sich gegen die \u201eOpfer-Hierarchisierung\u201c, den Unterschied von Entsch\u00e4digungen gegen\u00fcber Gesch\u00e4digten aus dem j\u00fcdi-schen Volk oder aus der DDR. Es gehe um einen weiteren geistigen Gesundungsprozess dieses Landes, dessen Pathologie<\/p>\n<blockquote><p>\u201eeher ein Merkmal seiner Funktions-Eliten in Bildung, Politik und Medien ist. Aber vielleicht macht gerade das ja &#8211; seiner machtpathologischen Aspekte wegen &#8211; die Schwierigkeiten des notwendigen Heilungsprozesses aus. Bis dahin kann deshalb die durch uns zu verabreichende Medizin ebenso notwendig nur bitter sein.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Diese Medizin verabreichte er gern: als Redakteur, Lyriker, Romancier,  Essayist, Reisereporter und auch Herausgeber. Manchmal mit jener  Wirkung, die er selbst \u201eGl\u00fccksschmerz\u201c nannte, manchmal aber auch mit  ungeahnten Nebenwirkungen. Die <em>S\u00fcddeutsche <\/em>tadelte den  Publizisten ob einer \u201eHaltung des ethischen Rigorismus, der jegliches  politische und historische Denken negiert\u201c, ja gar \u201eeiner Sympathie f\u00fcr  totalit\u00e4re Gewalt\u201c. Heiner M\u00fcller dagegen attestierte dem Lyriker eine  \u201ekristalline Melancholie\u201c, die <em>FAZ<\/em> dem Romancier einen \u201egewissen Antiamerikanismus\u201c, verbunden mit einem \u201eZug ins Elit\u00e4re, philosophisch Informierte\u201c.<\/p>\n<div id=\"attachment_3550\" style=\"width: 566px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/01.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3550\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-3550\" title=\"Ulrich Schacht. Quelle: https:\/\/www.kulturfalter.de\/fileadmin\/_processed_\/csm_UlrichSchacht_fc_StefanieSchacht_8b60c3973c.jpg\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/01-1024x681.jpg\" alt=\"Ulrich Schacht. Quelle: https:\/\/www.kulturfalter.de\/fileadmin\/_processed_\/csm_UlrichSchacht_fc_StefanieSchacht_8b60c3973c.jpg\" width=\"556\" height=\"369\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/01-1024x681.jpg 1024w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/01-300x199.jpg 300w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/01.jpg 1060w\" sizes=\"(max-width: 556px) 100vw, 556px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3550\" class=\"wp-caption-text\">Ulrich Schacht. Quelle: https:\/\/www.kulturfalter.de\/fileadmin\/_processed_\/csm_UlrichSchacht_fc_StefanieSchacht_8b60c3973c.jpg<\/p><\/div>\n<p>Und laut <em>Ostsee-Zeitung<\/em> genie\u00dfe Schacht das leise Entsetzen der Zuh\u00f6rer, wenn er von Joschka Fischer als einem spricht, der mit \u201eSchaum vorm Maul\u201c gegen radikalen Kapitalismus gek\u00e4mpft habe und jetzt \u201efett darin etabliert\u201c sei. Es waren wohl die Br\u00fcche und Unbehaustheitserfahrungen vor allem seiner eigenen Biographie, die Schachts eigent\u00fcmlichen inneren Zwang begr\u00fcndeten, so und nicht anders zu sein, zu schreiben, zu provozieren.<\/p>\n<p><strong>\u201eVerleitung zum Landeshochverrat\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Geboren im Jahre Zwo der DDR, traf er erst nach 48 Jahren in Moskau seinen Vater: den russischen Leutnant Wladimir Fedotow, der noch vor der Geburt seines Sohnes aus Wismar strafversetzt wurde an die mongolische Grenze des Landes, aus dem er Anfang 1950 als Besatzungssoldat gekommen war. \u201eMein Vater existierte in meinem eigenen Raum-Zeit-Verh\u00e4ltnis wie ein Fixstern: unendlich weit entfernt, sichtbar nur mit einem Restlicht\u201c, schrieb er sp\u00e4ter in der Aufarbeitungsreportage \u201eVereister Sommer\u201c. Dass die wortlose, innige Umarmung am 4. April 1999 von einer Filmkamera aufgenommen wurde, mag etwas Voyeuristisches, Unangemessenes haben. F\u00fcr Vater und Sohn bleiben diese Aufnahmen, die der niederl\u00e4ndische Regisseur John Albert Jansen zu dem bewegenden Film \u201eDie Schacht-Saga\u201c verarbeitete, ein bleibendes Dokument des Gl\u00fccks.<\/p>\n<p>Schachts Geburt selbst geschah im Frauengef\u00e4ngnis Hoheneck im s\u00e4chsischen Stollberg: seine Mutter war im August 1950 schwanger verhaftet und nach monatelanger Odyssee durch die Gef\u00e4ngnisse der DDR von einem Milit\u00e4r-Tribunal zu zehn Jahren Arbeitslager wegen \u201eVerleitung zum Landeshochverrat\u201c verurteilt worden. Sie hatte dem Vater ihres Kindes gesagt, man k\u00f6nne ja in den Westen gehen, wenn man in der DDR nicht heiraten d\u00fcrfe. Ein Freundespaar, das davon erfuhr, war auch ein Denunziantenpaar. Anfangs hatte die Mutter den Vater selbst im Verdacht des Verrats.<\/p>\n<div id=\"attachment_3551\" style=\"width: 565px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/011.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3551\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-3551\" title=\"ehemaliges Frauengef\u00e4ngnis Hoheneck. Quelle: https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hoheneck_(Gef%C3%A4ngnis)#\/media\/File:Hoheneck-stollberg.jpg\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/011-1024x768.jpg\" alt=\"ehemaliges Frauengef\u00e4ngnis Hoheneck. Quelle: https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hoheneck_(Gef%C3%A4ngnis)#\/media\/File:Hoheneck-stollberg.jpg\" width=\"555\" height=\"416\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/011-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/011-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/011.jpg 1280w\" sizes=\"(max-width: 555px) 100vw, 555px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3551\" class=\"wp-caption-text\">ehemaliges Frauengef\u00e4ngnis Hoheneck. Quelle: https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hoheneck_(Gef%C3%A4ngnis)#\/media\/File:Hoheneck-stollberg.jpg<\/p><\/div>\n<p>Der wenige Wochen alte Ulrich wurde dann zu seiner Schwester und seiner Gro\u00dfmutter nach Wismar geschafft, dem \u201eQuellort meines \u00e4sthetischen Weltverh\u00e4ltnisses\u201c. Der Tod Stalins brachte 1954 eine Amnestie, so dass die Familie m\u00fctterlicherseits wieder vereint war. Von \u201epr\u00e4gender Harmonie mit drei starken Frauen\u201c spricht Schacht, der &#8211; angeregt durch seine Gro\u00dfmutter &#8211; mit 13 einen ersten Text geschrieben hatte. Durch die Erfahrung politischer Verfolgung seiner Eltern sei er \u201ezu einem besonders Wissenden\u201c geworden, ja fr\u00fch ein Oppositioneller im SED-Staat gewesen. Nach einer B\u00e4ckerlehre und einem Pflegepraktikum in psychiatrischen Anstalten der evangelischen Kirche studierte er 1969 &#8211; 1972 Religionsp\u00e4dagogik in Schwerin, sp\u00e4ter evangelische Theologie in Rostock und Erfurt, arbeitete am Schweriner Staatstheater und schrieb.<\/p>\n<p>Schon seit 1970 beobachtete ihn die Stasi und widmete ihm den Operativen Vorgang \u201eVereinigung\u201c: nach einer Demonstration in Prag am Grab von Jan Palach wurde er erstmals kurzzeitig inhaftiert. Pallach war ein tschechoslowakischer Student, der sich aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Fr\u00fchlings und gegen das Diktat der Sowjetunion selbst verbrannte und nach seinem Tod vielfach geehrt wurde. Bereits 1973 machte die DDR Schacht wegen \u201estaatsfeindlicher Hetze\u201c in Form von Gedichten, Geschichten und Essays den Prozess und verurteilte ihn zu sieben Jahren Haft.<\/p>\n<p>Anfangs in Brandenburg-G\u00f6rden untergebracht, wurde er 1976 in die Stasi-Haftanstalt Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) verlegt und am 17. November als \u201eFreikaufsfall\u201c in die Bundesrepublik entlassen, wo er sofort der SPD bei\u2013 und 1992 wieder austrat. Schacht lie\u00df sich in Hamburg nieder, studierte dort Politikwissenschaften und Philosophie und konnte 1979 auch seine Mutter in der Hansestadt begr\u00fc\u00dfen. Seit der Verleihung des Andreas-Gryphius-F\u00f6rderpreises 1981 wurde er regelm\u00e4\u00dfig mit Preisen und Stipendien geehrt. 1984 begann er als Feuilleton-Redakteur der <em>Welt<\/em> bzw. der <em>Welt am Sonntag<\/em> und stieg bis 1998 zum Leitenden Redakteur und Chefreporter Kulturpolitik auf.<\/p>\n<p>Seitdem wohnt und arbeitet er als freischaffender Autor und Publizist in Hamburg und seinem s\u00fcdschwedischen Refugium F\u00f6rsl\u00f6v. Geflohen vor dem \u201eAugiasstall\u201c, den die 68er als \u201eMenschen vom gleichen Typus wie die bei der Stasi\u201c hinterlassen h\u00e4tten, passe er als Typ \u201eNordischer Seeb\u00e4r\u201c durchaus gut dahin, so die <em>MAZ<\/em>. \u201eDie Generation 68 hat das Land geistig, moralisch und finanz\u00f6konomisch in einem Ausma\u00df ruiniert, das in seiner destruktiven Potenzialit\u00e4t an die bekannten historischen \u201aErfolge\u2018 des SED-Staats fast heranreicht\u201c, legte Schacht 2005 im <em>Cicero<\/em> nach.<\/p>\n<p><strong>\u201eGegen das Vergessen\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Dass er die \u201eWende\u201c kritisch sah, liegt auf der Hand. Sprach er anfangs von der \u201eeingreifenden Heils\u00f6konomie Gottes\u201c, fand er sp\u00e4ter den Vereinigungsprozess \u201ef\u00fcr Leute wie mich nur noch zum Kotzen\u201c. Schacht wurde in der und durch die DDR zu einem eisenharten Verfechter fundamentaler Freiheit, wozu f\u00fcr ihn auch die Freiheit des Suchens und Scheiterns geh\u00f6rt. Besonders deutlich wird das in einem langen Gespr\u00e4ch, das er kurz nach dem Mauerfall mit jenem Richter f\u00fchrte, der ihn f\u00fcr sieben Jahre ins Gef\u00e4ngnis geschickt hatte:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eAls Christ musste ich es ihm abnehmen, dass es ihm Leid tat. Aber als B\u00fcrger konnte ich nur hoffen, dass so einer nie wieder politische Macht bekommt.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Schacht brauchte bis 2017, bis zu seinem Roman \u201eNotre Dame\u201c, um seinem Unbehagen in Form einer gl\u00fccklosen Liebesgeschichte (!) g\u00fcltigen \u00e4sthetischen Ausdruck zu verleihen. Einer Geschichte, in der Skizzen von Freunden und Gegnern mindestens ebenso viel preisgeben wie Hauptfiguren und Handlung. So im Portr\u00e4t des fr\u00fcheren Dissidenz-Gef\u00e4hrten Falluhn, Dorfpfarrer, der auch in die Bundesrepublik gegangen war &#8211; obwohl er \u201eden Westen zutiefst verachtete, bis in den letzten Joghurt\u201c. Die BRD ist ihm \u201eein materialistisches Nirwana, das die Menschen nur blendete, ja bl\u00f6d machte\u201c. Was ihn dennoch wegtrieb, war die Angst, die Bedr\u00fcckung &#8211; die er auch in der weststaatlichen Freiheit nicht los wird.<\/p>\n<div id=\"attachment_3553\" style=\"width: 564px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/012.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3553\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3553\" title=\"Cover. Quelle: https:\/\/zeichenundzeiten.files.wordpress.com\/2017\/03\/img_-ydrhfc.jpg\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/012.jpg\" alt=\"Cover. Quelle: https:\/\/zeichenundzeiten.files.wordpress.com\/2017\/03\/img_-ydrhfc.jpg\" width=\"554\" height=\"311\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/012.jpg 700w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/012-300x168.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 554px) 100vw, 554px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3553\" class=\"wp-caption-text\">Cover. Quelle: https:\/\/zeichenundzeiten.files.wordpress.com\/2017\/03\/img_-ydrhfc.jpg<\/p><\/div>\n<p>Schacht schrieb nicht nur f\u00fcr Mainstream-Periodika wie <em>Focus<\/em>, <em>Zeit <\/em>oder <em>Cicero<\/em>, sondern auch f\u00fcr die <em>Preu\u00dfische Allgemeine Zeitung<\/em> oder die <em>Junge Freihei<\/em>t und gab mit Heimo Schwilk 1994 und 1997 zwei Essayb\u00e4nde heraus. Im ersten \u201eDie selbstbewusste Nation\u201c war auch der umstrittene Essay \u201eAnschwellender Bocksgesang\u201c von Botho Strau\u00df enthalten, der damals als \u201eAvantgarde des R\u00fcckschritts\u201c, wie Thomas Assheuer in der <em>FAZ<\/em> dekretierte, eine \u00f6ffentliche Kontroverse ausl\u00f6ste und heute von \u201ebrutaler Gegenw\u00e4rtigkeit\u201c zeugt, wie Alexander Grau im <em>Cicero<\/em> befindet.<\/p>\n<p>Ein Jahr sp\u00e4ter geh\u00f6rte Schacht mit Schwilk und Rainer Zitelmann zu den Initiatoren des Aufrufs \u201e8. Mai 1945 \u2013 Gegen das Vergessen\u201c, mit dem an die Unterdr\u00fcckung im sowjetisch besetzten Osteuropa nach der Befreiung durch die Alliierten erinnert werden sollte. Auch der zweite Sammelband \u201eF\u00fcr eine Berliner Republik\u201c zog Kontroversen nach sich, Schacht wurde im \u201eHandbuch des Deutschen Rechtsextremismus\u201c prompt als Akteur der \u201eNeuen Rechten\u201c gesehen. Der Grund: im Erscheinungsjahr kandidierte er auch auf der Liste des als rechtsnational verunglimpften \u201eBundes freier B\u00fcrger\u201c als Parteiloser f\u00fcr die Hamburger B\u00fcrgerschaft.<\/p>\n<p>Diese Einsch\u00e4tzung f\u00fchrte zehn Jahre sp\u00e4ter, nach seiner unter 90 Kandidaten einstimmig erfolgten Jury-Wahl zum Dresdner Stadtschreiber, zu Kritik seitens der SPD- und der Gr\u00fcnen-Stadtratsfraktion. So beschlich SPD-Stadtrat Wilm Heinrich laut <em>taz <\/em>ein \u201emulmiges Gef\u00fchl\u201c. Der Dresdner Autor Norbert Wei\u00df sagte als Jurymitglied ebenfalls der <em>taz<\/em>: \u201eDie Auswahl unter 90 Bewerbern erfolgte nach literarischer Qualit\u00e4t.\u201c Er bekomme seinerseits ein \u201emulmiges Gef\u00fchl\u201c, wenn der Stadtrat aus politischen Gr\u00fcnden erstmals eine Juryentscheidung f\u00fcr die Stadtschreiberstelle kippen w\u00fcrde. \u201eDas muss die Stadt aushalten!\u201c Schacht selbst hatte gegen\u00fcber den <em>DNN<\/em> erkl\u00e4rt, die SPD habe sich bei der \u201eInternet-Gestapo\u201c \u00fcber ihn informiert, anstatt ihn zu lesen. \u201eDem gener\u00f6sen Amt des Stadtschreibers wurde aus billiger Political Correctness heraus Schaden zugef\u00fcgt.\u201c<\/p>\n<p><strong>\u201eGro\u00dfe Maskerade des B\u00f6sen\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Seither hatte sich Schacht weiter politisiert: \u201eRechts und Links sind Stand-Punkte, auf die sich nur noch berufen kann, wer ein schlechtes Ged\u00e4chtnis hat.\u201c 2006 unterzeichnete er den \u201eAppell f\u00fcr die Pressefreiheit\u201c der<em> Jungen Freiheit <\/em>gegen deren Ausschluss von der Leipziger Buchmesse, 2018 die \u201eGemeinsame Erkl\u00e4rung\u201c von K\u00fcnstlern und Wissenschaftlern gegen eine \u201eBesch\u00e4digung Deutschlands\u201c durch \u201eillegale Masseneinwanderung\u201c. Doch bereits im Jahr zuvor unterschrieb er die \u201eCharta 2017\u201c: darin prangerte anl\u00e4sslich der Zerst\u00f6rung der Best\u00e4nde \u201erechter\u201c Verlage auf der Frankfurter Buchmesse die Dresdner Buchh\u00e4ndlerin Susanne Dagen an, \u201ewie unter dem Begriff der Toleranz Intoleranz gelebt, wie zum scheinbaren Schutz der Demokratie die Meinungsfreiheit ausgeh\u00f6hlt wird\u201c, und geschlussfolgert, dass \u201eunsere Gesellschaft nicht mehr weit von einer Gesinnungsdiktatur entfernt\u201c sei.<\/p>\n<p>Als das \u201eLiteraturhaus Dresden\u201c diese Charta in einem \u201eOffenen Brief\u201c, unterzeichnet von mehr als 100 Literatur- und Kulturschaffenden, verurteilte, w\u00fctete Schacht in der <em>S\u00e4chsischen Zeitung<\/em> gegen die<\/p>\n<blockquote><p>\u201eintellektuellen Wassertr\u00e4ger in Parteien, Massenmedien, Universit\u00e4ten und kulturellen Institutionen, die mit d\u00fcrren Worten Rechtsstaatsnormen verteidigen, aber mit ungleich mehr Vokabeln die so terrorisierten Kritiker der im blockparteilichen Gleichschaltungswahn dahintaumelnden deutschen Merkel-Gesellschaft ins moralische Unrecht zu versetzen suchen, gegen das (fast) alles erlaubt ist.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Schon zwei Jahre vorher erkl\u00e4rte er in \u201eGrimsey\u201c, einer poetisch-melancholischen Altersnovelle: \u201eDas gedankenlose Mitglauben der jeweils neuesten Wahrheit, wie siegreich auch immer sie sich geben mochte, f\u00f6rderte, wie er \u00fcberzeugt war, eine geistige Armut, die den Menschen zuletzt nur ungl\u00fccklich machte\u201c. Gerade seine Prosa, oft wie das Denken des Autors kaskadenhaft verschachtelt, lie\u00df Schacht in den letzten Jahren zu einem Schriftsteller und Chronist reifen, der mit einem Tonfall, der zwischen jovial und schneidend jongliert, in ebenso \u201eklarer wie kunstfertiger Sprache \u2026 den Blick \u00f6ffnet und das Herz dauerhaft hebt\u201c, so Katrin Schumacher im <em>mdr<\/em>.<\/p>\n<p>Schacht beriet in den letzten Jahren auch die Vierteljahresschrift <em>TUMULT<\/em>, in deren Winterheft 2015\/16 er dazu aufrief, das im Grundgesetz garantierte B\u00fcrgerrecht auf Widerstand in Anspruch zu nehmen, sollte der Verfassungsstaat als Schutzgarant des deutschen Volkes und der nationalen Identit\u00e4t versagen. Au\u00dferdem schrieb er f\u00fcr die<em> Achse des Guten<\/em> und warnte mit Blick auf die linksgr\u00fcn vereinheitlichte Migrationspolitik noch Ende August vor dem dritten deutschen Akt der \u201egro\u00dfen Maskerade des B\u00f6sen\u201c, einer \u201eschauerlichen Staats- und Gesellschaftsvision\u201c, die \u201ebislang eher Objekt musealer Vitrinen zur mahnenden Erinnerung an \u00fcble politische Zeiten war\u201c. Aktuell arbeitete er an einer Novelle mit dem Arbeitstitel \u201eDer Gerichtssaal, das M\u00e4dchen und die Zeit\u201c, in der es um eine Studentenliebe in einer nordostdeutschen Universit\u00e4tsstadt gehen sollte \u2013 mit einem moralischen Happyend, k\u00fcndigte er an.<\/p>\n<div style=\"width: 564px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" title=\"Schacht in F\u00f6rsl\u00f6v. Quelle: http:\/\/exhibits.btk-fh.de\/exhibits\/3f058571_1308304420\/SchwedenTRIP11.jpg\" src=\"http:\/\/exhibits.btk-fh.de\/exhibits\/3f058571_1308304420\/SchwedenTRIP11.jpg\" alt=\"Schacht in F\u00f6rsl\u00f6v. Quelle: http:\/\/exhibits.btk-fh.de\/exhibits\/3f058571_1308304420\/SchwedenTRIP11.jpg\" width=\"554\" height=\"452\" \/><p class=\"wp-caption-text\">Schacht in F\u00f6rsl\u00f6v. Quelle: http:\/\/exhibits.btk-fh.de\/exhibits\/3f058571_1308304420\/SchwedenTRIP11.jpg<\/p><\/div>\n<p>Das Happyend muss ausfallen, die Novelle unvollendet bleiben. Am 16. September ist Ulrich Schacht an den Folgen eines Herzinfarkts in F\u00f6rsl\u00f6v gestorben, \u201eim Lesesessel sitzend, mit dem Blick aufs Meer\u201c, wie Michael Klonowsky wei\u00df. Er wurde 67 Jahre alt.<\/p>\n<blockquote><p><em>Woher wir kommen<\/em><\/p>\n<p>Woher wir kommen, bleibt unerschlossen:<br \/>\nDie Daten sind reine Zahl auf Papier.<br \/>\nAm Anfang des Lebens wird Blut vergossen;<br \/>\nam Ende erschrickt ein verwundetes Tier.<\/p>\n<p>Auftauchen Verl\u00f6schen: Kometengewitter \u2013<br \/>\nim Raum aller Spiele besiegt uns der Kreis.<br \/>\nEs gibt kein Gestade f\u00fcr jenen Ritter,<br \/>\nvon dem unser Herz mit Gewi\u00dfheit wei\u00df.<\/p>\n<p>Schweigen herrscht zwischen verlorenen Welten:<br \/>\nihr Kreisen ist grundlose Trunkenheit.<br \/>\nWann immer wir in unser Leben schnellten,<br \/>\ngewannen wir nichts und verloren die Zeit.<\/p><\/blockquote>\n<p>(Aus: \u201ePlaton denkt ein Gedicht\u201c. Gedichte. Edition Rugerup, Berlin 2015)<\/p>\n<p><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D3549&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dissident, Aktionist, Publizist: Ulrich Schacht spielte zeitlebens viele Rollen. Schon \u00fcber 60, wurde dem Geburtssachsen noch eine gl\u00e4nzende literarische Zukunft prophezeit. Der Tod hat etwas dagegen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4,9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3549"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3549"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3549\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3561,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3549\/revisions\/3561"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3549"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3549"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3549"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}