{"id":3581,"date":"2018-09-24T18:13:56","date_gmt":"2018-09-24T17:13:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=3581"},"modified":"2018-09-23T18:15:03","modified_gmt":"2018-09-23T17:15:03","slug":"vernichten-ist-billiger-als-spenden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=3581","title":{"rendered":"Vernichten ist billiger als spenden"},"content":{"rendered":"<p>Die Meldung schaffte es im Juni in alle Medien: Der Onlineh\u00e4ndler Amazon vernichtet massenhaft Retouren und neuwertige Produkte, berichteten das ZDF-Magazin \u201eFrontal 21\u201c und die \u201eWirtschaftsWoche\u201c. Eine anonyme Amazon-Mitarbeiterin sagte, dass sie jeden Tag Waren im Wert von 23.000 \u20ac vernichtet habe: K\u00fchlschr\u00e4nke, Wasch- und Sp\u00fclmaschinen, Handys, Tablets, Matratzen und M\u00f6bel. Kollegen der Frau h\u00e4tten die Aussage best\u00e4tigt; dabei gehe es nicht nur um unbrauchbare, sondern auch funktionst\u00fcchtige, teilweise sogar neue Produkte.<\/p>\n<p>Das Unternehmen bestritt die Praxis nicht: \u201eWenn Produkte nicht verkauft, weiterverkauft oder gespendet werden k\u00f6nnen, arbeiten wir mit Aufk\u00e4ufern von Restbest\u00e4nden zusammen, die diese Waren weiterverwenden.\u201c Deutschlands gr\u00f6\u00dfter Onlineh\u00e4ndler bietet daneben externen Anbietern, die den Logistikservice \u201eVersand durch Amazon\u201c nutzen, die M\u00f6glichkeit, unverkaufte oder umgetauschte Ware zu vernichten: \u201eSie k\u00f6nnen Ihren Lagerbestand auf Wunsch von uns entsorgen lassen\u201c, hei\u00dft es in einer Angebots\u00fcbersicht. Nach internen Dokumenten wird der Service offenbar rege genutzt.<\/p>\n<div id=\"attachment_3582\" style=\"width: 564px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/amazon.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3582\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-3582\" title=\"Warenvernichtung. Quelle: eigene Darstellung\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/amazon-1024x403.jpg\" alt=\"Warenvernichtung. Quelle: eigene Darstellung\" width=\"554\" height=\"218\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/amazon-1024x403.jpg 1024w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/amazon-300x118.jpg 300w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/amazon.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 554px) 100vw, 554px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3582\" class=\"wp-caption-text\">Warenvernichtung. Quelle: eigene Darstellung<\/p><\/div>\n<p>Die Emp\u00f6rung lie\u00df nicht lange auf sich warten. Jochen Flasbarth, Staatssekret\u00e4r im Bundesumweltministerium, fordert Amazon in harschen Worten auf, die Vorw\u00fcrfe aufzukl\u00e4ren: \u201eDas ist ein riesengro\u00dfer Skandal, denn wir verbrauchen auf diese Weise Ressourcen mit allen Problemen auf der ganzen Welt. Ich bin \u00fcberzeugt, dass viele Verbraucher von einem solchen Verhalten schockiert sind und es auch nicht akzeptieren werden\u201c. Ex-Umweltminister Klaus T\u00f6pfer (CDU) nennt die Praxis \u201eunverantwortlich\u201c. Gar \u201eein gesetzliches Verschwendungs- und Vernichtungsverbot f\u00fcr neuwertige und gebrauchsf\u00e4hige Ware\u201c, forderte die Greenpeace-Konsumexpertin Kirsten Brodde.<\/p>\n<p>Tage danach wurden weitere Unternehmen identifiziert, die Waren vernichten: Modegr\u00f6\u00dfen wie Zalando, Otto, H&amp;M, Burberry\u2026 von Lebensmittelh\u00e4ndlern ganz zu schweigen, die abgelaufene Produkte nicht mehr verkaufen d\u00fcrfen. Abgesehen davon, dass 2017 eine Luxusmarke wie Burberry Mode- und Kosmetik-Produkte im Wert von etwa 32,5 Millionen Euro verbrannte, um exklusiv zu bleiben (hier w\u00e4re Flasbarths Kritik berechtigt), wird dabei \u00fcbersehen: H\u00e4ndler vernichten nicht aus Spa\u00df an der Freud, sondern wenn es keine andere Option mehr gibt. Wenn das Produkt nicht mehr verkaufsf\u00e4hig ist, wenn ein benutztes Produkt nicht mehr rabattiert verkauft werden kann \u2013 und wenn Restpostenaufk\u00e4ufer und Endkunden auch bei einem Schn\u00e4ppchen nicht mehr zugreifen wollen. Das hat neben Platz- auch etwas mit Steuergr\u00fcnden zu tun, also mit der Gesetzgebung und nat\u00fcrlich auch mit \u00d6konomie. Die Emp\u00f6rung sei nicht nur populistisch und naiv, sondern gar \u201eheuchlerisch, verlogen und entbehrt gr\u00f6\u00dftenteils einer sinnvollen Grundlage\u201c, kommentiert Jochen G. Fuchs auf <em>t3n.de<\/em>.<\/p>\n<p><strong>R\u00fccksendungen und Abschreibungen<\/strong><\/p>\n<p>Denn die angeprangerte Ressourcen-Verschwendung entsteht durch eine Konsumgesellschaft, deren Anspr\u00fcche an die Produkt-Qualit\u00e4t schneller gestiegen sind \u2013 und teilweise auch normiert wurden \u2013 als die Produkte, oft au\u00dferhalb Deutschlands, produziert werden. Wirtschaftlichkeit steht dabei als oberster Grundsatz. Viele Retouren sind Artikel, deren Reparatur und\/oder Wiederaufbereitung mehr kostet als die Herstellung. Das geschieht meist auf Anweisung des Herstellers, dessen Vereinbarung mit dem H\u00e4ndler vorsieht, dass defekte Ger\u00e4te nicht zur\u00fcckgeschickt, sondern vernichtet werden sollen. Dann erh\u00e4lt der H\u00e4ndler eine Gutschrift \u00fcber den Einkaufspreis des vernichteten Ger\u00e4tes. Wenn Instandsetzung, R\u00fcckversand und Fehlerpr\u00fcfung zusammengenommen teurer w\u00e4ren als der einfache Austausch eines Ger\u00e4tes, w\u00e4hlt der Hersteller oft diesen Weg.<\/p>\n<p>In der durchschnittlichen Service-Datenbank eines H\u00e4ndlers mit Elektroger\u00e4ten, sch\u00e4tzt Fuchs, sei mindestens ein hoher zweistelliger Prozentsatz solcher Vereinbarungen zu finden: Wenn etwa f\u00fcr den Onlineh\u00e4ndler die Reinigung, Pr\u00fcfung und Verpackung des Artikels bereits mehr Kosten verursachen w\u00fcrden als der erneute Verkauf einbr\u00e4chte. Wenn aber allein R\u00fccksendung und Wiederaufbereitung eines Artikels schon hohe Kosten verursachen, wird auch hier ein H\u00e4ndler seine Kunden eher um Entsorgung bitten und Ersatz oder Erstattung anbieten.<\/p>\n<p>Andere Produkte sind nicht mehr benutzbare Hygieneartikel sowie Lager\u00fcberh\u00e4nge warenwirtschaftlich unbewegter Artikel, deren Lagerplatz das Unternehmen j\u00e4hrlich Unsummen kosten w\u00fcrde. Die beiden gr\u00f6\u00dften Gruppen von Waren, deren Vernichtung branchenabh\u00e4ngig aber stark schwankt, sind zum einen klassische Retouren (\u201eR\u00fccksendungen\u201c) und zum anderen vollst\u00e4ndige Abschreibungen.<\/p>\n<p>Bei den R\u00fccksendungen praktiziert das Online-Modehaus Zalando, das 100 Tage R\u00fcckgaberecht bietet, branchenun\u00fcbliche Transparenz. Das Berliner Unternehmen hat 300.000 Artikel von 2000 verschiedenen Marken im Sortiment und verschickte 2017 \u00fcber 90 Millionen Sendungen in 15 europ\u00e4ische L\u00e4nder. Bekleidung und Schuhe werden besonders h\u00e4ufig zur\u00fcckgesandt:\u00a0 \u201e\u00dcber alle M\u00e4rkte liegt die Retourenquote bei durchschnittlich 50 Prozent\u201c, sagt eine Sprecherin dem <em>Stern<\/em> &#8211; die Retourenquote im Modebusiness ist h\u00f6her als bei anderen Produkten. Der Gro\u00dfteil kommt unbesch\u00e4digt zur\u00fcck und wird wieder verkauft. Leicht besch\u00e4digte Ware wird billiger abgegeben, manches gespendet. \u201eZalando vernichtet Waren nur in Ausnahmef\u00e4llen, z.B. wenn dies aus gesundheitlichen Gr\u00fcnden &#8211; Sch\u00e4dlingsbefall, Schadstoffbelastung oder \u00e4hnliches -notwendig ist. Dies betrifft etwa 0,05 Prozent aller Artikel\u201c, so die Sprecherin.<\/p>\n<div id=\"attachment_3583\" style=\"width: 564px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Zalando.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3583\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3583\" title=\"Zalando. Quelle: https:\/\/www.ksta.de\/image\/1703444\/2x1\/940\/470\/1e6371be6333f551850209b5cc1f2f30\/JK\/130301-docdata-g-jpg.jpg\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Zalando.jpg\" alt=\"Zalando. Quelle: https:\/\/www.ksta.de\/image\/1703444\/2x1\/940\/470\/1e6371be6333f551850209b5cc1f2f30\/JK\/130301-docdata-g-jpg.jpg\" width=\"554\" height=\"277\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Zalando.jpg 940w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Zalando-300x150.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 554px) 100vw, 554px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3583\" class=\"wp-caption-text\">Zalando. Quelle: https:\/\/www.ksta.de\/image\/1703444\/2x1\/940\/470\/1e6371be6333f551850209b5cc1f2f30\/JK\/130301-docdata-g-jpg.jpg<\/p><\/div>\n<p>Amazon und Otto nennen keine Zahlen, betonen aber, dass retournierte Ware nur in Ausnahmef\u00e4llen vernichtet werde. \u201eAlle Waren werden in so genannten Retourenbetrieben sorgf\u00e4ltig gepr\u00fcft. Die ganz gro\u00dfe Mehrheit der Waren kann sofort wieder zum Verkauf gestellt werden\u201c, teilte Otto dem <em>Stern<\/em> mit.\u00a0\u201eEin kleiner Teil der Waren muss optisch aufbereitet werden\u00a0&#8211; zum Beispiel\u00a0Entfernen von Fingerspuren an TV-Bildschirmen &#8211;\u00a0und wird dann ebenfalls zum Verkauf gestellt.\u201c\u00a0Ein \u201eganz geringer Prozentteil\u201c der Retouren k\u00f6nne nicht mehr in einen neuwertigen Zustand versetzt werden, erkl\u00e4rt Otto, das ebenso wie Amazon derlei besch\u00e4digte Ware an Verwertungsfirmen verkauft, die die Ware dann auf eigene Rechnung weiter vertreiben.\u00a0Amazon hat nach Unternehmensangaben mehrere Programme, um die Zahl der entsorgten Produkte zu reduzieren. Dazu geh\u00f6ren der verbilligte Verkauf von Retouren (\u201eWarehouse-Deals\u201c), Produktspenden an gemeinn\u00fctzige Organisationen, Recycling oder die Ver\u00e4u\u00dferung an Aufk\u00e4ufer: \u201eabsolut vorbildlich\u201c, urteilt Stefan Grimm, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Schn\u00e4ppchenplattform \u201erestposten.de\u201c, in einem Interview mit <em>Internet World Business<\/em>.<\/p>\n<p><strong>mehrere Millionen Artikel entsorgt<\/strong><\/p>\n<p>Mangels verl\u00e4sslicher Daten bleibt dennoch unklar, wie viel besch\u00e4digte oder retournierte Ware tats\u00e4chlich entsorgt wird. Nach Zahlen des Versandhandel-Fachverbands bevh verschickten die deutschen Online-H\u00e4ndler im vergangenen Jahr Waren f\u00fcr 58 Milliarden Euro. Die Zahl der Kurier-, Express- und Paketsendungen im Jahr 2015 sch\u00e4tzte die Unternehmensberatung MRU in einer Studie f\u00fcr die Bundesnetzagentur auf 2,8 Milliarden.<\/p>\n<p>Die Arbeitsgruppe Retourenforschung an der Universit\u00e4t Bamberg ging f\u00fcr das Jahr 2013 von 250 Millionen Retouren aus, eine neuere Sch\u00e4tzung gibt es noch nicht. Da der Online-Handel in den vergangenen f\u00fcnf Jahren stark zugelegt hat, ist auch mit einer zunehmenden Zahl der R\u00fccksendungen zu rechnen, so Bj\u00f6rn Asdecker, einer der Bamberger Retourenforscher, im <em>Stern<\/em>. Legt man die von Zalando angegebene sehr niedrige Entsorgungsquote von 0,05 Prozent als Sch\u00e4tzbasis f\u00fcr die Branche zugrunde, w\u00fcrde das europaweit die Entsorgung mehrerer Millionen Artikel j\u00e4hrlich bedeuten.<\/p>\n<p>Doch damit sticht der Online-Handel rein mengenm\u00e4\u00dfig keineswegs hervor, eher im Gegenteil. Die Umweltorganisation WWF sch\u00e4tzte 2017, dass allein in Deutschland jedes Jahr 18 Millionen Tonnen Lebensmittel im M\u00fcll landen. Produkte mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum bilden nur eine Teilmenge &#8211; die meisten Verbraucher wissen, dass \u201emindestens haltbar bis\u201c nicht \u201esofort t\u00f6dlich ab\u201c hei\u00dft. Im Onlinehandel setzt der Entsorgungsprozess bei diesen Produkten unter anderem aufgrund der Versandlaufzeiten fr\u00fcher ein.<\/p>\n<p>Dabei werden, obwohl noch genie\u00dfbar, Lebensmittel auf allen Stufen der Kette von Anbau bis Verkauf weggeworfen. Zu gro\u00dfe oder zu kleine Kartoffeln werden ebenso entsorgt wie krumme Karotten, weil der Verbraucher sie nicht so gut sch\u00e4len kann, oder krumme Gurken, weil sich die geraden leichter verpacken lassen. Auch f\u00fcr andere Obst- und Gem\u00fcsesorten gelten die Vermarktungsnormen der EU, die \u00e4sthetische Kriterien wie Gr\u00f6\u00dfe und Form festlegen.<\/p>\n<div id=\"attachment_3584\" style=\"width: 565px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Zalando.png\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3584\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3584\" title=\"MHD von Lebensmitteln. Quelle: https:\/\/static.lusini.de\/data\/_Infografiken\/speisenhaltbarkeit\/embed%20code\/lusini-infografik_haltbarkeit.png\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Zalando.png\" alt=\"MHD von Lebensmitteln. Quelle: https:\/\/static.lusini.de\/data\/_Infografiken\/speisenhaltbarkeit\/embed%20code\/lusini-infografik_haltbarkeit.png\" width=\"555\" height=\"404\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Zalando.png 705w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Zalando-300x218.png 300w\" sizes=\"(max-width: 555px) 100vw, 555px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3584\" class=\"wp-caption-text\">MHD von Lebensmitteln. Quelle: https:\/\/static.lusini.de\/data\/_Infografiken\/speisenhaltbarkeit\/embed%20code\/lusini-infografik_haltbarkeit.png<\/p><\/div>\n<p>In besonders gro\u00dfen Mengen werden Brot und andere Backwaren weggeworfen, denn hier erwartet der Kunde bis abends das volle Sortiment. Manche Supermarktketten schreiben den P\u00e4chtern der Backstuben deshalb vor, wie viele verschiedene Brote und Br\u00f6tchen sie bis zum Ladenschluss vorr\u00e4tig halten m\u00fcssen. Rund zehn Prozent der Tagesproduktion werfen B\u00e4ckereien deshalb im Schnitt weg, fand Felicitas Schneider f\u00fcr \u00d6sterreich heraus. In Deutschland sind es jedes Jahr etwa 500 000 Tonnen Brot &#8211; eine Menge, mit der ganz Niedersachsen versorgt werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><strong>Ursachen entlang der gesamten Wertsch\u00f6pfungskette<\/strong><\/p>\n<p>Bei den vollst\u00e4ndigen Abschreibungen nun sind die Ursachen vielf\u00e4ltig und lassen sich entlang der gesamten Wertsch\u00f6pfungskette beobachten, erkl\u00e4rt die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin des Sachspenden-Start-ups \u201eInnatura\u201c, Juliane Kronen, im <em>Spiegel<\/em>.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eEs sind falsch abgef\u00fcllte oder fehlerhaft beschriftete Produkte, Marktforschungsmuster, Waren mit Farbabweichungen und Webfehlern oder Reste von Sortimentswechseln, Saison- und Aktionsangebote oder einfach \u00dcbermengen. Eine andere Quelle sind sogenannte Relaunches: Wenn ein Markenhersteller seinen Schriftzug leicht \u00e4ndert, holt er zu einem Stichtag alle Artikel mit der alten Aufmachung aus den Regalen.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Ein weiteres Problem seien defekte Umverpackungen, erkl\u00e4rt Kronen an einem Beispiel: \u201eEin Lagerist f\u00e4hrt mit seinem Gabelstapler aus Versehen gegen eine mit Schrumpffolie umwickelte Palette Windeln. Die Ware bleibt unbesch\u00e4digt &#8211; trotzdem nimmt der Handel die Palette nicht an. Er m\u00fcsste sie n\u00e4mlich pr\u00fcfen und r\u00fcgen &#8211; und dazu ist er in den standardisierten Prozessen, die wir heute haben, nicht mehr in der Lage.\u201c Jedes Jahr w\u00fcrden hierzulande Konsumg\u00fcter im Wert von mehr als zwei Milliarden Euro vernichtet, sch\u00e4tzt sie. Und das in einem Land, in dem laut Armutsbericht der Bundesregierung mehr als zw\u00f6lf Millionen Menschen von Armut bedroht, drei Millionen arbeitslos und etwa 300\u2009000 obdachlos sind.<\/p>\n<p>Diesen unhaltbaren Zustand erkannte 1996 in England schon Prinz Charles und gr\u00fcndete das Unternehmen \u201eIn Kind Direct\u201c. Es sammelt \u00fcbersch\u00fcssige Ware bei mehr als 900 H\u00e4ndlern und Herstellern ein und verteilt sie nach Bestellung gegen eine Vermittlungsgeb\u00fchr an rund 7000 wohlt\u00e4tige und\/oder gemeinn\u00fctzige Organisationen. Diese Idee adaptierte 2013 Juliane Kronen mit \u201eInnatura\u201c f\u00fcr Deutschland. Inzwischen sind bei ihr mehr als 70 Spenderunternehmen gelistet, von denen in den ersten f\u00fcnf Jahren Produkte im Wert von 15 Millionen Euro vermittelt wurden. Darunter sind Branchenriesen wie Beiersdorf mit Marken wie Nivea und Hansaplast. Dem Gesch\u00e4ftsmodell steht allerdings ein gro\u00dfes Hindernis entgegen: das Finanzamt.<\/p>\n<p>Denn Sachspenden an gemeinn\u00fctzige Organisationen unterliegen der Umsatzsteuer, weshalb die Vernichtung neuwertiger Waren f\u00fcr Unternehmen in vielen F\u00e4llen billiger ist als sie zu spenden &#8211; eine unentgeltliche Wertabgabe, und das ist eine Sachspende, wird steuerlich behandelt wie ein Verkauf. Das bedeutet: Steuerrechtlich steigert eine Spende den Unternehmensertrag. F\u00fcr die Ertragsteuer spielt das keine Rolle, da durch die Spendenquittung der Umsatz um denselben Betrag reduziert wird. Anders bei der Umsatzsteuer. \u201eZwar erh\u00e4lt das spendende Unternehmen eine Spendenquittung in H\u00f6he des Warenwertes zuz\u00fcglich Umsatzsteuer. Die Umsatzsteuer kann das Unternehmen aber nur anteilig absetzen, es bleibt also auf dem gr\u00f6\u00dften Teil sitzen\u201c, erkl\u00e4rt Wolfgang Pfeffer von \u201evereinsknowhow.de\u201c <em>Brand eins<\/em>. Das Argument des Gesetzgebers: Der Unternehmer habe ja die Ware mit Vorsteuerabzug eingekauft.<\/p>\n<div id=\"attachment_3585\" style=\"width: 564px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Zalando1.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3585\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-3585\" title=\"Innatura. Quelle: https:\/\/www.nexteconomyaward.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/bild_innatura_1064x598px.png\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Zalando1-1024x575.jpg\" alt=\"Innatura. Quelle: https:\/\/www.nexteconomyaward.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/bild_innatura_1064x598px.png\" width=\"554\" height=\"311\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Zalando1-1024x575.jpg 1024w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Zalando1-300x168.jpg 300w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Zalando1.jpg 1064w\" sizes=\"(max-width: 554px) 100vw, 554px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3585\" class=\"wp-caption-text\">Innatura. Quelle: https:\/\/www.nexteconomyaward.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/bild_innatura_1064x598px.png<\/p><\/div>\n<p>Im selben Blatt rechnete Kronen vor: W\u00fcrde ein Unternehmen 80 Tonnen falsch etikettiertes Shampoo im Wert von 160\u2009000 Euro verschenken wollen, w\u00fcrden daf\u00fcr 19 Prozent Umsatzsteuer f\u00e4llig, also 30\u2009400 Euro, die das Unternehmen abf\u00fchren muss. F\u00fcr die Schenkung erh\u00e4lt das Unternehmen eine Spendenbescheinigung \u00fcber den Gesamtbetrag, also 190\u2009400 Euro. Doch absetzen l\u00e4sst sich nur die bezahlte Umsatzsteuer. Der Warenwert flie\u00dft nicht in die Berechnung ein. Das bedeutet, bei einem Durchschnittssteuersatz von 30 Prozent kann sich das Unternehmen nur 30 Prozent der bezahlten Umsatzsteuer zur\u00fcckholen, also 9120 Euro. Auf 21\u2009280 Euro bleibt das Unternehmen sitzen.<\/p>\n<p>W\u00fcrde das Shampoo vernichtet, kostete das gerade 3200 Euro. Kronens Fazit: \u201eEs ist g\u00fcnstiger, Waren zu vernichten, als sie an Bed\u00fcrftige zu geben. Bei manchen Produkten ist es sogar sieben- bis achtmal so teuer. Ich kenne Hersteller, die ihre Sachen Woche f\u00fcr Woche in die M\u00fcllverbrennung fahren, obwohl wir sie dringend ben\u00f6tigen. Sie sagen: Sorry, solange es mehr kostet, k\u00f6nnen wir nichts machen. Die Bereitschaft zu spenden ist gro\u00df. Aber wenn der Unternehmer selber noch Geld mitbringen muss, ist das ein Problem.\u201c Beiersdorf bspw., das sich dazu entschlossen hat, zu spenden statt wegzuwerfen, hatte ein internes Budget eingerichtet, aus dem die Steuerschuld beglichen wird, damit die zu entrichtende Umsatzsteuer nicht die Erfolgsrechnungen belastet.<\/p>\n<p><strong>\u201eSpenden nirgendwo in der EU teurer als Wegwerfen\u201c <\/strong><\/p>\n<p>Ein weiteres Problem ist die korrekte Bewertung der Sachspenden. Laut Umsatzsteuergesetz ist als Bemessungsgrundlage der Wiederbeschaffungswert heranzuziehen. Das hei\u00dft, neuwertige Waren k\u00f6nnen entweder zum Einkaufspreis (zuz\u00fcglich Nebenkosten wie etwa Lagerhaltung) oder zu den Herstellungskosten bewertet werden. Noch schwieriger wird es, wenn die Waren gebraucht sind. Denn wie l\u00e4sst sich da der korrekte Wiederbeschaffungswert ermitteln?<\/p>\n<p>Es geht aber auch anders. \u201eIn Gro\u00dfbritannien sind Sachspenden von der Umsatzsteuer befreit\u201c, sagt James William, Strategiechef von In Kind Direct, <em>Brand eins<\/em>. \u201eUnd in den USA kann man f\u00fcr Sachspenden in manchen F\u00e4llen sogar den zweifachen Betrag der Herstellungskosten steuerlich geltend machen.\u201c Das fordert auch Kronen:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIdealerweise sollte das Spenden nirgendwo in der EU teurer sein als das Wegwerfen. Auf EU-Ebene bekommt man das aber kurzfristig nicht durch. In Deutschland k\u00f6nnte man den Paragraf 3 des Einkommensteuergesetzes \u00e4ndern und sagen, dass die Umsatzsteuerpflicht bei Abgabe an gemeinn\u00fctzige Organisationen entf\u00e4llt.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Zu einer Ausnahme hat sich Deutschland allerdings doch durchgerungen: Als der s\u00e4chsische B\u00e4ckermeister Roland Ermer altes Brot an die \u201eTafeln\u201c verschenkte und daraufhin im Zuge einer Steuerpr\u00fcfung 2012 vom Finanzamt zu kr\u00e4ftigen Umsatzsteuernachzahlungen verdonnert wurde, hat diese Praxis das Bundesfinanzministerium mit dem sogenannten \u201eB\u00e4ckererlass\u201c gestoppt \u2013 der sich aber ausschlie\u00dflich auf verderbliche Backwaren bezieht. Warum dieser Erlass nicht auf den gesamten gemeinn\u00fctzigen Sektor ausgedehnt wird \u2013 dazu schweigt das Ministerium bislang.<\/p>\n<p><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D3581&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Amazon vernichtet nicht nur Retouren, und nicht nur Amazon vernichtet Produkte. 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