{"id":3670,"date":"2018-12-05T15:46:10","date_gmt":"2018-12-05T14:46:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=3670"},"modified":"2018-11-21T16:00:06","modified_gmt":"2018-11-21T15:00:06","slug":"%e2%80%9ehurensohne-kuppler-stromer-und-spieler-mit-einem-wort-menschen%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=3670","title":{"rendered":"\u201eHurens\u00f6hne, Kuppler, Stromer und Spieler, mit einem Wort: Menschen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Nach diversen Skandalen verzichtet die schwedische Jury in diesem Jahr auf die Vergabe des Literaturnobelpreises. Das ficht John Steinbeck nicht mehr an: er wurde 1962 \u201ef\u00fcr seine einmalige realistische und phantasievolle Erz\u00e4hlkunst, gekennzeichnet durch mitf\u00fchlenden Humor und sozialen Scharfsinn\u201c ausgezeichnet. Der vor 50 Jahren verstorbene Romancier, Journalist und dreimal oscarnominierte Drehbuchautor geh\u00f6rt zu den erfolgreichsten US-amerikanischen Autoren des 20. Jahrhunderts, dessen B\u00fccher in Millionenh\u00f6he verkauft, verfilmt und in 40 Sprachen \u00fcbersetzt wurden.<\/p>\n<p>Steinbecks Gro\u00dfvater v\u00e4terlicherseits, Johann Adolf Gro\u00dfsteinbeck, war von Heiligenhaus im Niederbergischen Land in die USA ausgewandert und hatte dabei seinen Namen zu Steinbeck verk\u00fcrzt. Die Stadt bietet bis heute historische Wanderungen u.a. zum Familiengut \u201eGro\u00dfsteinbeck\u201c an. John wurde im Winter 1902 im kalifornischen Salinas rund 150 Kilometer s\u00fcdlich von San Francisco geboren und wuchs mit drei Schwestern in der l\u00e4ndlich-maritim gepr\u00e4gten Gegend auf, die heute \u201eJohn-Steinbeck-Country\u201c hei\u00dft und in der viele seiner Erz\u00e4hlungen und Romane spielen.<\/p>\n<div id=\"attachment_3671\" style=\"width: 564px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Steinbeck.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3671\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3671\" title=\"John Steinbeck. Quelle: https:\/\/secure.i.telegraph.co.uk\/multimedia\/archive\/01739\/JohnSteinbeck_1739580c.jpg\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Steinbeck.jpg\" alt=\"John Steinbeck. Quelle: https:\/\/secure.i.telegraph.co.uk\/multimedia\/archive\/01739\/JohnSteinbeck_1739580c.jpg\" width=\"554\" height=\"346\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Steinbeck.jpg 460w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Steinbeck-300x187.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 554px) 100vw, 554px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3671\" class=\"wp-caption-text\">John Steinbeck. Quelle: https:\/\/secure.i.telegraph.co.uk\/multimedia\/archive\/01739\/JohnSteinbeck_1739580c.jpg<\/p><\/div>\n<p>Bereits als Kind zeigte er gro\u00dfes Interesse an Literatur und begann zu schreiben. Seine Bewerbung zum Studium an der Stanford University 1919 war erfolgreich, Steinbeck belegte Literatur, Geschichte, Journalismus &#8211; und Meeresbiologie. Um sein Studium zu finanzieren, musste er nebenbei arbeiten: als Hilfsarbeiter, Maurer, Fischer, Butler, Nachtw\u00e4chter und Obstpfl\u00fccker. In seinen akademischen Erwartungen entt\u00e4uscht, dabei offenbar auch \u00fcberfordert, verlie\u00df er die Elite-Uni 1924 ohne Abschluss und ging zun\u00e4chst als Publizist nach New York, wo er keine Erfolge verbuchen konnte.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck in Kalifornien, schlug er sich wie in seiner Studentenzeit mit Gelegenheitsarbeiten durch, heiratete und ver\u00f6ffentlichte 1929 seinen ersten Roman \u201eEine Handvoll Gold\u201c, der das Leben des englischen Piraten Henry Morgan nacherz\u00e4hlte, aber ebenso wie die beiden n\u00e4chsten Werke unbeachtet blieb. Es dauerte bis \u201eTortilla Flat\u201c (1935), um das Publikum auf die neue Stimme aufmerksam zu machen: der episodische Schelmenroman wurde mit dem kalifornischen Kritikerpreis ausgezeichnet, von der Stadt Monterey als verlogen abgelehnt und in Irland als unmoralisch verboten.<\/p>\n<p>Nach der Darstellung eines Landarbeiterstreiks in \u201eSt\u00fcrmische Ernte\u201c (1936) beauftragte die <em>San Francisco News<\/em> Steinbeck mit einer Artikelserie \u00fcber die \u201eOkis\u201c, verarmte und entwurzelte Wanderarbeiter aus dem von D\u00fcrrekatastrophen geplagten Oklahoma, die in Scharen auf der Suche nach Jobs nach Kalifornien zogen. Steinbeck recherchierte selbst vor Ort, traf die Wanderarbeiter in ihren Camps, unterhielt sich mit ihnen, lernte ihren Jargon, sah Menschen verhungern und erfuhr ihre Geschichte aus erster Hand. Diese Erfahrungen m\u00fcndeten in seine beiden bis heute eindrucksvollsten Werke: die Novelle \u201eVon M\u00e4usen und Menschen\u201c (1937) und den Roman \u201eFr\u00fcchte des Zorns\u201c (1939), f\u00fcr den er 1940 den Pulitzer-Preis sowie den National Book Award bekam. Der Roman gilt inzwischen als historische Quelle, fand bis heute \u00fcber 14 Millionen K\u00e4ufer und geh\u00f6rt in vielen englischsprachigen L\u00e4ndern von Kanada bis Australien nach wie vor zur Schullekt\u00fcre.<\/p>\n<p><strong>\u201edie gierigen Bastarde mit Scham belegen\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Mit dem\u00a0Roman, der die verzweifelte Situation der\u00a0Bauern in der gro\u00dfen Wirtschaftskrise der 1930er Jahre mit Missernten, Depression und der Industrialisierung der Landwirtschaft beschreibt, wollte Steinbeck \u201edie gierigen Bastarde, die daf\u00fcr verantwortlich sind, mit Scham belegen\u201c. Mit diesem und weiteren zeitkritischen Texten engagierte sich der publikumsscheue Autor f\u00fcr die Rechtlosen am unteren Ende der gesellschaftlichen Leiter, macht an der Gesellschaft Scheiternde zu Helden und portr\u00e4tiert ihr Schicksal am Beispiel der Familie Joad. Doch ihr Traum vom Aufbau einer neuen Existenz zerbricht an Ausbeutung, Fremdenfeindlichkeit und dem Mangel an Solidarit\u00e4t, denen die Joads \u00fcberall begegnen. Aus Farmern werden Bettler, die dennoch verzweifelt versuchen, auch im Elend einen Rest von menschlicher W\u00fcrde zu bewahren.<\/p>\n<div id=\"attachment_3672\" style=\"width: 560px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Steinbeck-Fr\u00fcchte.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3672\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3672\" title=\"Filmcover &quot;Fr\u00fcchte des Zorns&quot;. Quelle: https:\/\/assets.cdn.moviepilot.de\/files\/f7b782d50f96646f892cfc98bd64004272aebde2a3eb6da7f044dd28db57\/5071.jpg\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Steinbeck-Fr\u00fcchte.jpg\" alt=\"Filmcover &quot;Fr\u00fcchte des Zorns&quot;. Quelle: https:\/\/assets.cdn.moviepilot.de\/files\/f7b782d50f96646f892cfc98bd64004272aebde2a3eb6da7f044dd28db57\/5071.jpg\" width=\"550\" height=\"765\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Steinbeck-Fr\u00fcchte.jpg 550w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Steinbeck-Fr\u00fcchte-215x300.jpg 215w\" sizes=\"(max-width: 550px) 100vw, 550px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3672\" class=\"wp-caption-text\">Filmcover &quot;Fr\u00fcchte des Zorns&quot;. Quelle: https:\/\/assets.cdn.moviepilot.de\/files\/f7b782d50f96646f892cfc98bd64004272aebde2a3eb6da7f044dd28db57\/5071.jpg<\/p><\/div>\n<p>Ein Nebeneffekt des Romans war die PR f\u00fcr die Route 66, die bei Steinbeck zur Stra\u00dfe der Hoffnung, zur \u201eMutter aller Stra\u00dfen\u201c wird: als Synonym f\u00fcr das ganz gro\u00dfe Gef\u00fchl von Freiheit verk\u00f6rpert sie Aufbruchstimmung und Ungebundenheit, denn auf ihr fl\u00fcchten in der Zeit der \u201eGro\u00dfen Depression\u201c die \u201eOkis\u201c nach Westen, einem vermeintlich besseren Leben entgegen. Zu den einpr\u00e4gsamsten Schlussszenen der Weltliteratur geh\u00f6rt, wie die bezaubernde Rose of Sharon nach der Totgeburt ihres Kindes in einem Akt der N\u00e4chstenliebe einem verhungernden alten Mann die Brust gibt.<\/p>\n<p>Das soziale und politische Engagement in diesem und weiteren B\u00fcchern rief ebenso Achtung bei den Lesern hervor wie das FBI auf den Plan. Denn dass Steinbeck in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit den amerikanischen Traum von Gl\u00fcck und Erfolg in Frage stellte und von den Niederlagen und dem Elend der Farmer schrieb, wurde als Provokation betrachtet. Als bittere Anklage an den entfesselten Kapitalismus hei\u00dft es im Roman: \u201eWenn man besitzt, ist man ewig im \u201aIch\u2018 eingefroren und ewig vom \u201aWir\u2018 abgetrennt.\u201c Das Werk, das rasch von John Ford mit Henry Fonda in der Hauptrolle verfilmt wurde, war zun\u00e4chst vielfach als klassenk\u00e4mpferisch abgelehnt und in Kalifornien sogar zeitweise verboten worden. Dabei verstand sich Steinbeck nie im dogmatischen Sinne als Sozialist, obwohl er Sympathien f\u00fcr die politische Linke hegte, mehrfach die Sowjetunion besuchte und ein \u00fcberzeugter Anh\u00e4nger der Politik des \u201eNew Deal\u201c von Pr\u00e4sident Franklin D. Roosevelt war.<\/p>\n<p>Nach der Trennung von seiner ersten und einer Krise mit seiner zweiten Frau lie\u00df sich Steinbeck als Kriegsreporter bei der <em>New York Herald Tribune<\/em> anstellen und nach Europa schicken. Er erlebte die Landung der Alliierten in Italien mit und von der Pressetrib\u00fcne auch den N\u00fcrnberger Hauptprozess. So einf\u00fchlsam er zuvor Arbeitermilieus schilderte, beschrieb Steinbeck jetzt das Alltagsleben der Soldaten nicht als Helden, sondern als verzweifelten Versuch, in st\u00e4ndiger Gefahr zu \u00fcberleben.<\/p>\n<div id=\"attachment_3673\" style=\"width: 409px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Steinbeck-Kreig.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3673\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3673\" title=\"Steinbecks Kriegstagebuch. Quelle: https:\/\/www.amazon.de\/den-Pforten-H%C3%B6lle-Kriegstagebuch-1943\/dp\/3423117125\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Steinbeck-Kreig.jpg\" alt=\"Steinbecks Kriegstagebuch. Quelle: https:\/\/www.amazon.de\/den-Pforten-H%C3%B6lle-Kriegstagebuch-1943\/dp\/3423117125\" width=\"399\" height=\"677\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Steinbeck-Kreig.jpg 279w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Steinbeck-Kreig-176x300.jpg 176w\" sizes=\"(max-width: 399px) 100vw, 399px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3673\" class=\"wp-caption-text\">Steinbecks Kriegstagebuch. Quelle: https:\/\/www.amazon.de\/den-Pforten-H%C3%B6lle-Kriegstagebuch-1943\/dp\/3423117125<\/p><\/div>\n<p>Parallel dazu gewann die bereits seit 1930 w\u00e4hrende Freundschaft mit dem Meeresbiologen Ed Ricketts an Bedeutung: einem unorthodoxen, eigensinnigen, gro\u00dfz\u00fcgigen Naturforscher, charismatisch, zuweilen skurril, der unter der Dusche einen S\u00fcdwester tr\u00e4gt, weil er es hasste, einen nassen Kopf zu haben, und der die Menschen im Allgemeinen und die Frauen im Besonderen liebte. Eine Reise f\u00fchrte Steinbeck 1940 gemeinsam mit Ricketts f\u00fcr sechs Wochen nach Baja California in Mexiko, in Form einer Mischung aus wissenschaftlicher Expedition und abenteuerlichem Ausflug zweier Kumpels. Das draus entstandene \u201eLogbuch des Lebens\u201c erschien allerdings erst 1951.<\/p>\n<p>Bereits zuvor setzte Steinbeck seinem Freund mit der Figur des \u201eDoc\u201c 1945 in dem Roman \u201eDie Stra\u00dfe der \u00d6lsardinen\u201c, einem der fr\u00f6hlichsten und optimistischsten Werke des Autors, und 1947 in dessen Fortsetzung \u201eWonniger Donnerstag\u201c ein literarisches Denkmal. Die kleine Welt rund um die Stra\u00dfe der Sardinenfabriken von Monterey fungiert als Schauplatz des zunehmend irrwitzigen Bem\u00fchens einer Gruppe liebenswerter Herumtreiber, Schnorrer und Lebensk\u00fcnstler, ihrem Freund und G\u00f6nner \u201eDoc\u201c eine Party zu geben. Sein Personal beschreibt Steinbeck so: \u201eHuren, Hurens\u00f6hne, Kuppler, Stromer und Spieler, mit einem Wort: Menschen. Man k\u00f6nnte mit gleichem Recht auch sagen: Heilige, Engel, Gl\u00e4ubige, M\u00e4rtyrer \u2013 es kommt nur auf den Standpunkt an.\u201c<\/p>\n<p><strong>furchtloser Ritter und ironischer Beobachter<\/strong><\/p>\n<p>1947 reiste Steinbeck, diesmal mit dem preisgekr\u00f6nten Fotografen Robert Capa, erneut nach Ru\u00dfland. Den beiden war aufgefallen, \u201edass es einige Dinge in Russland gab, \u00fcber die niemand schrieb, und dass es gerade diese Dinge waren, die uns am meisten interessierten. Was tragen die Leute dort? Was tischen sie zum Abendessen auf? Feiern sie Feste? Wie lieben sie, und wie sterben sie?\u201c Es entstand der Reisebericht \u201eRussisches Tagebuch\u201c, in dem der Leser \u201ediese mentale Melange aus Heimatliebe, sozialistisch-realutopisch motivierter Tatkraft und gleichzeitiger Neugier auf die Modernit\u00e4t und Liberalit\u00e4t Amerikas\u201c entdeckt, so Konstanze Kriese im <em>Freitag<\/em>. \u201eSteinbecks Text ist nicht russophil, nicht russophob und auch weder anti- noch prokommunistisch, er ist einfach realistisch, empathisch und nat\u00fcrlich auch voller Ironie gegen\u00fcber den erlebten propagandistischen und b\u00fcrokratischen Zumutungen.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_3674\" style=\"width: 566px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Steinbeck-Capa.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3674\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3674\" title=\"Steinbeck und Capa. Quelle: https:\/\/cdn.shopify.com\/s\/files\/1\/0543\/2189\/products\/PAR179906_640x.jpg?v=1486157671\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Steinbeck-Capa.jpg\" alt=\"Steinbeck und Capa. Quelle: https:\/\/cdn.shopify.com\/s\/files\/1\/0543\/2189\/products\/PAR179906_640x.jpg?v=1486157671\" width=\"556\" height=\"884\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3674\" class=\"wp-caption-text\">Steinbeck und Capa. Quelle: https:\/\/cdn.shopify.com\/s\/files\/1\/0543\/2189\/products\/PAR179906_640x.jpg?v=1486157671<\/p><\/div>\n<p>1948 durchlebte Steinbeck eine Krise. Zuerst starb Ed Ricketts bei einem tragischen Autounfall, dann trennte er sich von seiner zweiten Frau (und heiratete zwei Jahre sp\u00e4ter seine dritte), und insgesamt war er unzufrieden mit seinem Werk. Es fiel ihm zunehmend schwer, an die Erfolge der Vorkriegszeit anzukn\u00fcpfen, zudem erkannten viele Kritiker in \u201eDie Stra\u00dfe der \u00d6lsardinen\u201c und in \u201eWonniger Donnerstag\u201c nur Variationen des Themas von \u201eTortilla Flat\u201c. Es folgten bis in die 60er Jahre hinein lange Reisen durch Nordafrika sowie S\u00fcd- und Westeuropa bei zunehmend schlechterer Gesundheit.<\/p>\n<p>1952 dann gelang John Steinbeck noch einmal ein gro\u00dfer literarischer Wurf mit dem Roman \u201eJenseits von Eden\u201c: einer epischen Familiensaga um einen alleinerziehenden reichen Farmersvater und seine beiden S\u00f6hne, die \u00fcber mehrere Jahrzehnte reicht. Im selben Jahr kam \u201eViva Zapata!\u201c in die Kinos: ein Film \u00fcber den mexikanischen Revolutionshelden Emiliano Zapata, zu dem Steinbeck das Drehbuch geschrieben hatte. Inszeniert wurde er mit Marlon Brando in der Titelrolle von Elia Kazan, der dann auch \u201eJenseits von Eden\u201c mit dem jungen James Dean verfilmte. 1954 erhielt John Steinbeck, inzwischen B\u00fcrger New Yorks, die Freiheitsmedaille des US-Pr\u00e4sidenten.<\/p>\n<div id=\"attachment_3675\" style=\"width: 541px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Steinbeck-ricketts.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3675\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3675\" title=\"Steinbeck und Ricketts. Quelle: https:\/\/www.cornishrocktors.com\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/ed-ricketts-john-steinbeck_post-500x333.jpg\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Steinbeck-ricketts.jpg\" alt=\"Steinbeck und Ricketts. Quelle: https:\/\/www.cornishrocktors.com\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/ed-ricketts-john-steinbeck_post-500x333.jpg\" width=\"531\" height=\"353\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Steinbeck-ricketts.jpg 500w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Steinbeck-ricketts-300x199.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 531px) 100vw, 531px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3675\" class=\"wp-caption-text\">Steinbeck und Ricketts. Quelle: https:\/\/www.cornishrocktors.com\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/ed-ricketts-john-steinbeck_post-500x333.jpg<\/p><\/div>\n<p>Ein letzter Geniestreich gl\u00fcckte ihm 1962 mit dem literarischen Roadmovie \u201eDie Reise mit Charley: Auf der Suche nach Amerika\u201c. Darin erz\u00e4hlt Steinbeck von seiner Rundreise durch die Vereinigten Staaten, die er im Herbst 1960 allein mit seinem zehn Jahre alten franz\u00f6sischen Pudel Charley in einem eigens dazu angefertigten Pickup-Camper namens \u201eRosinante\u201c unternommen hatte. Der Name l\u00e4sst tief blicken: f\u00fcr Steinbecks Biograph Jay Parini ist der Held gleichzeitig Don Quijote und Sancho Pansa, der furchtlose Ritter und der ironische Beobachter \u2013 so wurde in den USA noch nie geschrieben. In drei Monaten absolvierte er eine Tour von Long Island hinauf bis zur Nordspitze von Maine, dann an der kanadischen Grenze entlang bis nach Seattle, die pazifische K\u00fcste hinunter bis in seine alte Heimat Salinas und Monterey, dann durch den S\u00fcden der USA zur\u00fcck nach New York.<\/p>\n<p>In den 60er Jahren unterst\u00fctzte Steinbeck Pr\u00e4sident Lyndon B. Johnson, angetan von dessen proklamierter Idee einer \u201eGreat Society\u201c, einer sozial gerechteren Gesellschaft. Die Aufhebung der Rassentrennung und eine verbesserte Sozialgesetzgebung waren Forderungen, f\u00fcr die er seit den 30er Jahren eingetreten war. Seine pers\u00f6nliche Freundschaft mit Johnson f\u00fchrte aber auch dazu, dass er zu den wenigen Bef\u00fcrwortern des Vietnamkriegs geh\u00f6rte. Deshalb kam es schlie\u00dflich zum Zerw\u00fcrfnis mit seinem Sohn John, der als Kriegsberichterstatter in Vietnam zum \u00fcberzeugten Pazifisten geworden war. 1967 unternahm er eine Reise nach S\u00fcdostasien, um sich selbst ein Bild zu machen, kehrte jedoch schwer krank zur\u00fcck und erlag am 20. Dezember 1968 in New York einem Herzversagen.<\/p>\n<p><strong>\u201ewas uns qu\u00e4lt, ist die Langeweile\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Gegenw\u00e4rtig spielen Steinbecks Werke mit den Ausnahmen \u201eFr\u00fcchte des Zorns\u201c und \u201eVon M\u00e4usen und Menschen\u201c nur noch eine Nebenrolle im angloamerikanischen Sprachraum. Aufgrund ihres naturalistischen Stils und ihrer expressionistischen Wortwahl wurden diese beiden Werke aber auch \u00f6fters aus \u00f6ffentlichen Bibliotheken entfernt, die American Library Association f\u00fchrt sie auf ihrer Liste der in Nordamerika am h\u00e4ufigsten verbotenen Klassiker. Manchen gilt Steinbeck bis heute als radikal, der zu vehement f\u00fcr die Armen und Entrechteten, f\u00fcr Landarbeiter und kleine Farmer eintrat. Von einigen Kritikern wurde ihm auch vorgeworfen, er schildere die Armen zu idealistisch und die Armut zu romantisch, was aber aus keinem Text explizit interpretierbar ist.<\/p>\n<div id=\"attachment_3676\" style=\"width: 564px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Steinbeck-charley.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3676\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3676\" title=\"Steinbecks Pickup Rosinante. Quelle: http:\/\/www.skaichannel.de\/wp-content\/gallery\/bookporn\/meine-reise-mit-charley.jpg\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Steinbeck-charley.jpg\" alt=\"Steinbecks Pickup Rosinante. Quelle: http:\/\/www.skaichannel.de\/wp-content\/gallery\/bookporn\/meine-reise-mit-charley.jpg\" width=\"554\" height=\"415\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Steinbeck-charley.jpg 800w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Steinbeck-charley-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 554px) 100vw, 554px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3676\" class=\"wp-caption-text\">Steinbecks Pickup Rosinante. Quelle: http:\/\/www.skaichannel.de\/wp-content\/gallery\/bookporn\/meine-reise-mit-charley.jpg<\/p><\/div>\n<p>Steinbecks Sichtweise auf die Natur ist stark gepr\u00e4gt vom Denken seines langj\u00e4hrigen Freundes Ed Ricketts, dessen Philosophie man heute \u201eganzheitlich\u201c oder \u201enachhaltig\u201c nennen w\u00fcrde. So hei\u00dft es im \u201eLogbuch des Lebens\u201c zum industriellen Garnelenfang: \u201eWarum die mexikanische Regierung die vollst\u00e4ndige Vernichtung\u00a0 einer wichtigen Nahrungsquelle zugelassen hat, ist eines der R\u00e4tsel, deren Urspr\u00fcnge wahrscheinlich in Taschen zu finden sind, die man sich besser nicht so genau anschaut.\u201c<\/p>\n<p>Nach Steinbecks tiefster \u00dcberzeugung ist der Mensch nicht Herr der Natur, sondern ein Teil von ihr. Prompt stellt er den Menschen oft als getriebenes, in seiner biologischen K\u00f6rperlichkeit befangenes Wesen dar, dem es als Glied eines \u00f6kologischen Ganzen nicht gelingt, sich selbstbestimmt-heroisch \u00fcber die Natur zu erheben. So erz\u00e4hlt er in \u201eDie Reise mit Charley\u201c im Kapitel \u00fcber die Mojave-W\u00fcste, wie er einmal in der Mittagshitze, im Schatten seines Wohnmobils sitzend, mit seinem neuen Pr\u00e4zisions-Jagdgewehr auf zwei Kojoten anlegt, sie lange durch das Zielfernrohr betrachtet, sich ihren Tod vorstellt und dann das Gewehr weglegt, um ihnen stattdessen zwei Dosen Hundefutter hinzustellen. Die W\u00fcste schildert er als m\u00f6glicherweise rettendes Ufer und Ort der Wiedergeburt des Lebens nach einer von Menschenhand gemachten finalen Katastrophe.<\/p>\n<p>F\u00fchrende Literaturkritiker der USA begegnen ihm ob solchen Menschenbilds bis heute reserviert bis offen ablehnend. An seinen Lektor Pascal Covici schrieb er im Juli 1961 mitten in der Arbeit an \u201eDie Reise mit Charley\u201c: \u201eImmer wieder ist mir durch den Kopf gegangen: Uns fehlt der Druck, der die Menschen stark macht, und das Leid, das sie gro\u00df macht. Was uns dr\u00fcckt, sind unsere Schulden, was wir uns w\u00fcnschen, sind noch mehr materielle Spielsachen, und was uns qu\u00e4lt, ist die Langeweile. Im Laufe der Zeit ist diese Nation ein missvergn\u00fcgtes Land geworden.\u201c Dar\u00fcber m\u00f6gen nicht nur Amerikaner nachdenken.<\/p>\n<p><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D3670&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nobelpreistr\u00e4ger, Ur-Gr\u00fcner, Erfinder des literarischen Roadmovies: vor 50 Jahren starb John Steinbeck. 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