{"id":3717,"date":"2019-01-02T17:17:51","date_gmt":"2019-01-02T16:17:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=3717"},"modified":"2019-01-01T20:22:39","modified_gmt":"2019-01-01T19:22:39","slug":"%e2%80%9e%e2%80%a6ist-das-sofort-unverzuglich%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=3717","title":{"rendered":"\u201e\u2026ist das sofort, unverz\u00fcglich\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Wenn sich je ein Politiker in die Weltgeschichte stammelte, geb\u00fchrt ihm der Thron: \u201eDas tritt nach meiner Kenntnis \u2026 ist das sofort, unverz\u00fcglich\u201c sagte G\u00fcnter Schabowski am 9. November 1989 auf die Journalistenfrage, wann die neue Reiseverordnung der DDR in Kraft trete. \u201eMorgen fr\u00fch\u201c, h\u00e4tte er sagen sollen. Er selbst \u201eahnte in diesem Augenblick nicht\u201c, schrieb der immer etwas schwammig und farblos wirkende Funktion\u00e4r sp\u00e4ter, dass er \u201eim Namen der SED-F\u00fchrung der DDR gerade das endg\u00fcltige Verfallsdatum aufdr\u00fcckte\u201c. Mit seiner Antwort l\u00f6ste er die \u00fcberraschendste V\u00f6lkerwanderung der Neuzeit aus \u2013 obwohl man sie seit Herbst 2015 vielleicht zur zweit\u00fcberraschendsten zur\u00fcckstufen m\u00fcsste.<\/p>\n<p>Der am 4. Januar 1929 in Anklam geborene Sohn eines Klempners wuchs in der preu\u00dfischen Provinz Pommern auf und brachte es in der Hitlerjugend bis zum Scharf\u00fchrer. Nach Abitur und Volontariat in Berlin arbeitete er ab 1947 als Redakteur der Gewerkschaftszeitung <em>Trib\u00fcne<\/em> und wurde 1953 deren stellvertretender Chefredakteur. Als Mitglied in FDGB, FDJ und SED und erfolgreicher Absolvent eines Fernstudiums als Diplomjournalist an der Universit\u00e4t Leipzig war sein politischer Aufstieg fast vorprogrammiert. Nach der Ausbildung an der Parteihochschule der KPdSU in Moskau arbeitete Schabowski beim SED-Zentralorgan Neues Deutschland (ND), von 1978 bis 1985 als Chefredakteur. Stationen als Mitglied des Zentralkomitees (ZK) der SED und Chef der SED-Bezirksleitung Ost-Berlin folgten.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<div style=\"width: 449px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/G%C3%BCnter_Schabowski#\/media\/File:Bundesarchiv_Bild_183-1982-0504-421,_G%C3%BCnter_Schabowski.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" \" title=\"G\u00fcnter Schabowski. Quelle:  https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/G%C3%BCnter_Schabowski#\/media\/File:Bundesarchiv_Bild_183-1982-0504-421,_G%C3%BCnter_Schabowski.jpg \" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/7\/7d\/Bundesarchiv_Bild_183-1982-0504-421%2C_G%C3%BCnter_Schabowski.jpg\" alt=\"G\u00fcnter Schabowski. Quelle:  https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/G%C3%BCnter_Schabowski#\/media\/File:Bundesarchiv_Bild_183-1982-0504-421,_G%C3%BCnter_Schabowski.jpg \" width=\"439\" height=\"560\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">G\u00fcnter Schabowski. Quelle:  https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/G%C3%BCnter_Schabowski#\/media\/File:Bundesarchiv_Bild_183-1982-0504-421,_G%C3%BCnter_Schabowski.jpg <\/p><\/div>\n<p>Seit 1986 Sekret\u00e4r des ZK, unterstand er direkt Generalsekret\u00e4r Erich Honecker und war zeitweise als sein Nachfolger im Gespr\u00e4ch. Von 1981 bis 1990 war Schabowski zudem Abgeordneter der Volkskammer. Befragt, wie er auf die kommunistische Ideologie hereinfallen konnte, sagte Schabowski: \u201eWer sich einmal auf den geistigen Holzweg einer politischen Sekte begeben hat und mit seinesgleichen in Klassenschlachtordnung marschiert ist, kommt so schnell nicht wieder davon los.\u201c Prompt vertrat er diesen Holzweg mit schneidender \u00dcberzeugung und diskreditierte jene, die ihn nicht unbeirrt mitgehen wollten.<\/p>\n<p>So kritisierte ihm gegen\u00fcber der Generaldirektor des Kombinats Schienenfahrzeugbau die Vorschrift, jeder Betrieb m\u00fcsse einen bestimmten Prozentsatz an Konsumg\u00fctern produzieren, als unsinnig \u2013 sie hatte dazu gef\u00fchrt, dass selbst Schwermaschinenbetriebe W\u00e4schest\u00e4nder und Partygrills herstellten. Der Mann wurde kurz darauf strafversetzt. Als 1988 einige Sch\u00fcler der Berliner Ossietzky-Oberschule sich auf Transparenten gegen Neonazis in der DDR und gegen die traditionellen Milit\u00e4rparaden der Nationalen Volksarmee sowie zu Gunsten der Solidarno\u015b\u0107 aussprachen, bef\u00fcrwortete er den Ausschluss der Sch\u00fcler. Und Christa Wolf berichtete im <em>Naumburger Tageblatt<\/em>: \u201eIch erinnere mich an einige der wenigen Auftritte Schabowskis im Schriftstellerverband. Vor dem hatte man Angst\u201c, er sei \u201ewirklich einer der Schlimmsten vor der Wende\u201c gewesen\u201c.<\/p>\n<p>\u201e<strong>f\u00fcr einen Sozialismus, der stark macht\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Seine Front war die der Agitation. Letztlich gab er die Richtlinien f\u00fcr die Medien vor, die von willf\u00e4hrigen Adlaten in der Agitationskommission an die SED-Presse und vom Presseamt bei der Regierung an die Zeitungen der Blockparteien \u201edurchgestellt\u201c wurden. Seine \u00dcberzeugung von der Rolle der Medien fu\u00dfte stets auf der Lenin\u2018schen Pr\u00e4misse von der Presse als kollektivem Agitator, Propagandist und Organisator: Die Zeitungen haben der Sache des Sozialismus zu dienen, basta. In einem Brief an Honecker regte er sich beispielsweise dar\u00fcber auf, dass immer mehr B\u00fcrger den \u201eDrecksender Sat 1\u201c empfangen wollten und sich deshalb gr\u00f6\u00dfere Fernsehantennen w\u00fcnschten.<\/p>\n<div style=\"width: 554px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/a\/a7\/Bundesarchiv_Bild_183-1989-1104-041%2C_Berlin%2C_Demonstration%2C_Rede_G%C3%BCnter_Schabowski.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" title=\"Schabowski am 4.11.89 auf dem Alex. Quelle: https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/a\/a7\/Bundesarchiv_Bild_183-1989-1104-041%2C_Berlin%2C_Demonstration%2C_Rede_G%C3%BCnter_Schabowski.jpg\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/a\/a7\/Bundesarchiv_Bild_183-1989-1104-041%2C_Berlin%2C_Demonstration%2C_Rede_G%C3%BCnter_Schabowski.jpg\" alt=\"Schabowski am 4.11.89 auf dem Alex. Quelle: https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/a\/a7\/Bundesarchiv_Bild_183-1989-1104-041%2C_Berlin%2C_Demonstration%2C_Rede_G%C3%BCnter_Schabowski.jpg\" width=\"544\" height=\"784\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Schabowski am 4.11.89 auf dem Alex. Quelle: https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/a\/a7\/Bundesarchiv_Bild_183-1989-1104-041%2C_Berlin%2C_Demonstration%2C_Rede_G%C3%BCnter_Schabowski.jpg<\/p><\/div>\n<p>Gleichwohl geh\u00f6rte er zu dem kleinen Kreis von \u201eVerschw\u00f6rern\u201c, die 1989 den langj\u00e4hrigen Staats- und Parteichef Honecker st\u00fcrzen wollten &#8211; nicht als konterrevolution\u00e4re Abrechnung mit dem System, sondern vielmehr zur Stabilisierung und Reformierung der DDR: Sie opferten Honecker, um sich selbst zu retten. 2009 nennt er Egon Krenz, den damaligen Karl-Marx-St\u00e4dter SED-Bezirkschef Siegfried Lorenz und sich selbst als jene Politb\u00fcromitglieder, die \u201ebei geheimen Treffen \u00fcberein\u201c gekommen seien, weitere Meinungsf\u00fchrer zu gewinnen, um Honecker auf einer der n\u00e4chsten Sitzungen zu st\u00fcrzen. Am 17. Oktober 1989 war es dann so weit \u2013 kurioserweise stimmte Honecker selbst seiner Absetzung zu. Hauptziel war, Reiseerleichterungen durchzusetzen, die eine Generalentlastung f\u00fcr Partei und Regierung bringen sollten. Damit w\u00fcrde, so das Konzept, der Druck herausgenommen, um in Ruhe Ver\u00e4nderungen einleiten zu k\u00f6nnen. Es ging bekanntlich nicht auf.<\/p>\n<p>So hatte sich Schabowski zwar innerhalb und au\u00dferhalb der Partei Feinde geschaffen, die den bisweilen cholerischen \u201eSchah Bowski\u201c nun \u201eab ins Exil\u201c w\u00fcnschten \u2013 aber die Kurve bekam er flinker als alle anderen. Als erstes Mitglied des Politb\u00fcros ging er auf die Stra\u00dfe und diskutierte mit emp\u00f6rten Demonstranten. Als erster aus der Parteispitze empfing er demonstrativ zwei Abgesandte des \u201eNeuen Forum\u201c, den Biologen Jens Reich und den Physiker Sebastian Pflugbeil &#8211; und verhalf so der Opposition zu einer gewissen Anerkennung. Und er lie\u00df sich neben dem vom pensionierten Agentenf\u00fchrer zum SED-Vordenker gewendeten Markus Wolf am 4. November bei der K\u00fcnstler-Demo auf dem Alexanderplatz als opportunistischer Anpasser ausbuhen: \u201eRegen wir heute die H\u00e4nde f\u00fcr unser Land, f\u00fcr einen Sozialismus, der stark macht, weil die Menschen ihn wollen!\u201c, lautete der letzte Satz seiner kurzen, ausgepfiffenen Rede.<\/p>\n<p>Zwei Tage sp\u00e4ter wurde die Position eines Sekret\u00e4rs des ZK der SED f\u00fcr Informationswesen geschaffen &#8211; in etwa vergleichbar mit einem Regierungssprecher &#8211; und mit Schabowski besetzt, der wiederum drei Tage sp\u00e4ter Geschichte machte. Nicht ganz freiwillig. Riccardo Ehrmann, Korrespondent der italienischen Nachrichtenagentur Ansa mit 20-j\u00e4hriger Erfahrung im DDR-Propaganda- und Nachrichtenverhinderungsbetrieb fragt 18.57 Uhr nach einer kurzen Zeit atemloser Stille nach, ab wann das neue Reisegesetz gelte &#8211; mit der epochalen Reaktion Schabowskis.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<div style=\"width: 570px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dw.com\/image\/18028489_303.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" \" title=\"Live-PK. Quelle: https:\/\/www.dw.com\/image\/18028489_303.jpg\" src=\"https:\/\/www.dw.com\/image\/18028489_303.jpg\" alt=\"Live-PK. Quelle: https:\/\/www.dw.com\/image\/18028489_303.jpg\" width=\"560\" height=\"315\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Live-PK. Quelle: https:\/\/www.dw.com\/image\/18028489_303.jpg<\/p><\/div>\n<p>Er sei aber etwa eine Stunde vor der Pressekonferenz \u201evon einem hohen SED-Funktion\u00e4r, einem Mitglied des Zentralkomitees\u201c aus dem \u201eUnterseeboot\u201c, dem fensterlosen B\u00fcro des Chefs der amtlichen DDR-Nachrichtenagentur ADN angerufen und dringend gebeten worden, bei der Pressekonferenz nach dem Reisegesetz zu fragen, offenbarte Ehrmann 2009 dem <em>MDR<\/em>. Ob der Chef der DDR-Nachrichtenagentur ADN G\u00fcnter P\u00f6tschke, seit 1986 Mitglied des Zentralkomitees, selbst dieser Tippgeber war, wollte Ehrmann mit R\u00fccksicht auf den Informanten und dessen Familie nicht verraten. P\u00f6tschke kann dar\u00fcber nicht mehr Auskunft geben, er ist 77-j\u00e4hrig im September 2006 gestorben.<strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong>\u201evor der Wirklichkeit versagt\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Nahezu live den Medien der ganzen Welt verk\u00fcndet, f\u00fchrte der gestammelte Satz noch am selben Abend zur Mauer\u00f6ffnung, weil er tausende Berliner veranlasste, an die Grenz\u00fcbergangsstellen zu kommen und unter Bezugnahme auf Schabowskis \u00c4u\u00dferungen massiv deren \u00d6ffnung zu verlangen. Die Grenzer am \u00dcbergang Bornholmer Stra\u00dfe kamen dieser Forderung zuerst nach &#8211; eine Kettenreaktion an allen Grenz\u00fcberg\u00e4ngen in und um Berlin kam in Gang. \u201eIch war eher \u00fcberrascht davon, dass sich das alles so relativ vern\u00fcnftig entwickelte. Das war ja noch alles verbunden mit der Vorstellung, die DDR bleibe erhalten, Kapitalismus und Sozialismus w\u00fcrden sich vertragen, es gibt eine M\u00f6glichkeit des Arrangements zwischen beiden Systemen\u201c, kommentierte Schabowski sp\u00e4ter den Abend. Tonaufnahmen der Pressekonferenz geh\u00f6ren inzwischen zum Weltdokumentenerbe der UNESCO. Im Jahr 2015 erwarb das Bonner Haus der Geschichte den originalen Notizzettel der Pressekonferenz.<\/p>\n<p>\u201eMit erstaunlichem Geschick\u201c, wie Norbert F. P\u00f6tzl im <em>SPIEGEL<\/em> anerkannte, mutierte der gelernte Partei-Propagandist dann zum PR-Manager: \u201eEr arrangierte Homestories mit den neuen Regenten, vermarktete die Abrechnung mit dem alten Regime und inszenierte publikumswirksam \u2013 \u201aKrenz zieht aus Wandlitz aus\u2018 &#8211; den Verzicht der Nachfolger auf ihre Privilegien.\u201c Da hatte Schabowski allerdings noch die Illusion, ein DDR-Reformsozialismus k\u00f6nne \u00fcberleben. Erst sp\u00e4ter merkte er, dass \u201edas System, dessen politischer Klasse und F\u00fchrung\u201c er angeh\u00f6rte, \u201evor dem Leben, vor der Wirklichkeit versagt\u201c hatte. Seinen Umdenkprozess leitete die erste Fernsehrede des neu gew\u00e4hlten Generalsekret\u00e4rs Egon Krenz ein: \u201eDas war noch die blecherne Diktion des SED-Zeitalters, allenfalls geeignet, die konservativen Genossen zu beruhigen.\u201c<\/p>\n<div style=\"width: 518px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/images\/schabows_oliver-berg_dpa_6\/11645072\/2-format1012.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"  \" title=\"PK-Notizzettel. Quelle https:\/\/www.tagesspiegel.de\/images\/schabows_oliver-berg_dpa_6\/11645072\/2-format1012.jpg\" src=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/images\/schabows_oliver-berg_dpa_6\/11645072\/2-format1012.jpg\" alt=\"PK-Notizzettel. Quelle https:\/\/www.tagesspiegel.de\/images\/schabows_oliver-berg_dpa_6\/11645072\/2-format1012.jpg\" width=\"508\" height=\"710\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">PK-Notizzettel. Quelle https:\/\/www.tagesspiegel.de\/images\/schabows_oliver-berg_dpa_6\/11645072\/2-format1012.jpg<\/p><\/div>\n<p>Als Gregor Gysi die F\u00fchrung der SED\/PDS \u00fcbernahm, fiel er zugleich mit seinem Verb\u00fcndeten Krenz aus allen \u00c4mtern, verlor seinen Sitz in der Volkskammer und wurde aus der Partei ausgeschlossen. Die Schiedskommission vermerkte, dass Schabowski zwar versucht h\u00e4tte, \u201eeine Ver\u00e4nderung im Politb\u00fcro herbeizuf\u00fchren\u201c, sei aber an Inkonsequenz gescheitert: \u201eDieses Zaudern und Z\u00f6gern hat mit zu jener Krise gef\u00fchrt, die unser Volk zwang, die Wende auf der Stra\u00dfe durchzusetzen.\u201c Sp\u00e4ter gab Schabowski an, diese Vorw\u00fcrfe und den Ausschluss zun\u00e4chst mit Entt\u00e4uschung und Wut \u00fcber die Heuchelei, sp\u00e4ter allerdings als Beginn seiner geistigen Freiheit empfunden zu haben.<\/p>\n<p>Von 1992 an wirkte der gelernte Journalist wieder in seinem alten Metier: als Mitgesellschafter eines Anzeigenblatts im s\u00fcdhessischen Rotenburg. Danach lebt er als Rentner in Berlin. Er schreibt eine Autobiografie, in der er kompromisslos mit seiner Vergangenheit und dem Kommunismus abrechnet. Damit und in zahlreichen Interviews zieht er einen Schlussstrich unter seine sozialistische Sozialisation und einen Trennstrich zu den einstigen Kampfgef\u00e4hrten \u2013 und geh\u00f6rt zu denen, die aufrichtig zu bereuen vorgeben, zumal w\u00e4hrend des 1996 begonnenen Prozesses wegen Totschlags auf Grund des Todes von DDR-Fl\u00fcchtlingen: \u201eAls einstiger Anh\u00e4nger und Protagonist dieser Weltanschauung empfinde ich Schuld und Schmach bei dem Gedanken an die an der Mauer Get\u00f6teten\u201c, betont der fr\u00fchere ND-Chefredakteur. \u201eIch bitte die Angeh\u00f6rigen der Opfer um Verzeihung.\u201c<\/p>\n<p>Den Vorwurf des Totschlags weist der 68j\u00e4hrige zur\u00fcck. \u201eWir haben keine T\u00f6tungen gefordert und gebilligt&#8220;, betont er. Er sei immer davon ausgegangen, dass die Sch\u00fcsse gesetzlich geregelt gewesen seie. Bei Toten habe er geglaubt, die Grenzsoldaten h\u00e4tten in Notwehr gehandelt. Einstigen Kampfgef\u00e4hrten gilt Schabowski als Verr\u00e4ter. So hat er sich unbequem zwischen alle St\u00fchle gesetzt: Er wird, so sein Anwalt im Pl\u00e4doyer, \u201evon den Kommunisten als Schwein, vom Solidarit\u00e4tskomitee als Ratte, von gro\u00dfen Teilen der Bev\u00f6lkerung als Wendehals, von der Nebenklage als Waschlappen beschimpft\u201c.<\/p>\n<p><strong>\u201eEs gibt keine ideale Gesellschaft\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Obwohl Schabowski erst ins Politb\u00fcro aufgenommen wurde, als das Grenzregime l\u00e4ngst beschlossen war, wird er zu drei Jahren Haft wegen Totschlags verurteilt. Unmittelbar vor Weihnachten 1999 tritt er die Strafe in Hakenfelde an, sitzt ein unter Betr\u00fcgern, R\u00e4ubern und Vergewaltigern &#8211; und verl\u00e4sst das Gef\u00e4ngnis ein Jahr sp\u00e4ter, nachdem er von Berlins Regierendem B\u00fcrgermeister Eberhard Diepgen begnadigt worden ist. In der sich anschlie\u00dfenden dreij\u00e4hrigen Bew\u00e4hrungszeit muss er sich w\u00f6chentlich bei der Polizei melden. Er lebte nach mehreren Infarkten und Schlaganf\u00e4llen in einem Berliner Pflegeheim, starb dort am 1. November 2015 im Alter von 86 Jahren und wurde auf dem Waldfriedhof Dahlem beerdigt. Seine russische Frau hatte die Todesnachricht verbreitet.<\/p>\n<div style=\"width: 576px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/www.rbb-online.de\/content\/dam\/rbb\/rbb\/fernsehen\/kontraste\/ueber_den_tag_hinaus\/2010\/vor_dem_urteil__der.jpg.jpg\/size=708x398.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" \" title=\"Schabowski mit seinem Anwalt. Quelle: https:\/\/www.rbb-onli-ne.de\/content\/dam\/rbb\/rbb\/fernsehen\/kontraste\/ueber_den_tag_hinaus\/2010\/vor_dem_urteil__der.jpg.jpg\/size=708x398.jpg\" src=\"https:\/\/www.rbb-online.de\/content\/dam\/rbb\/rbb\/fernsehen\/kontraste\/ueber_den_tag_hinaus\/2010\/vor_dem_urteil__der.jpg.jpg\/size=708x398.jpg\" alt=\"Schabowski mit seinem Anwalt. Quelle: https:\/\/www.rbb-onli-ne.de\/content\/dam\/rbb\/rbb\/fernsehen\/kontraste\/ueber_den_tag_hinaus\/2010\/vor_dem_urteil__der.jpg.jpg\/size=708x398.jpg\" width=\"566\" height=\"318\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Schabowski mit seinem Anwalt. Quelle: https:\/\/www.rbb-onli-ne.de\/content\/dam\/rbb\/rbb\/fernsehen\/kontraste\/ueber_den_tag_hinaus\/2010\/vor_dem_urteil__der.jpg.jpg\/size=708x398.jpg<\/p><\/div>\n<p>\u201eMir war klar, dass wir uns in dem Augenblick, in dem die B\u00fcrger der DDR in die Bundesrepublik reisen konnten, mit der Bundesrepublik vers\u00f6hnen w\u00fcrden\u201c, sagte er kurz vor seinem Tod dem <em>Tagesspiegel<\/em>. Und ihm war klar, dass sich eine Gesellschaft von selbst entwickelt und dabei Fortschritte und Fehler macht: \u201eWenn man ihr Vorschriften machen wollte, wie sie zu existieren hat, w\u00fcrde das fr\u00fcher oder sp\u00e4ter zum Scheitern f\u00fchren \u2026 Es gibt keine ideale Gesellschaft. Es gibt nur eine mit mehr oder weniger Einw\u00e4nden. Die Konsequenz ist: Jeder Versuch, eine sozialistische Gesellschaft, eine Gesellschaft nach einer Rezeptur zu bilden, ist zum Scheitern verurteilt.\u201c<\/p>\n<p>Mit Blick auf die Linke, denen er den Abschied von sozialistischen Vorstellungen vorwirft, weil sie nur das absch\u00f6pfen m\u00f6chte, was von den sozialistischen Tr\u00e4umen \u00fcbrig geblieben ist, um daraus politischen Gewinn zu ziehen, erkl\u00e4rte er die DDR zum Experiment, das \u201eich bis zum Exzess ausgekostet\u201c habe. \u201eWir hatten die Zeit und die M\u00f6glichkeiten, dieses sozialistische Experiment einzugehen. Und nicht nur wir. Man kann sagen: Von der Oder bis nach Kamtschatka, dieses ungeheure Gebiet mit all seinen \u2013 auch materiellen \u2013 M\u00f6glichkeiten war der Ansatz f\u00fcr eine sozialistische Gesellschaft. Und sie ist von Kamtschatka bis an die Oder gescheitert. 80 Jahre hat der Kommunismus existiert und herausgekommen ist die Pleite, die wir erlebt haben.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<div style=\"width: 548px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/9\/91\/G%C3%BCnter_Schabowski_-_Mutter_Erde_fec.JPG\/1280px-G%C3%BCnter_Schabowski_-_Mutter_Erde_fec.JPG\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"  \" title=\"Grab in Dahlem. Quelle: https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/9\/91\/G%C3%BCnter_Schabowski_-_Mutter_Erde_fec.JPG\/1280px-G%C3%BCnter_Schabowski_-_Mutter_Erde_fec.JPG\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/9\/91\/G%C3%BCnter_Schabowski_-_Mutter_Erde_fec.JPG\/1280px-G%C3%BCnter_Schabowski_-_Mutter_Erde_fec.JPG\" alt=\"Grab in Dahlem. Quelle: https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/9\/91\/G%C3%BCnter_Schabowski_-_Mutter_Erde_fec.JPG\/1280px-G%C3%BCnter_Schabowski_-_Mutter_Erde_fec.JPG\" width=\"538\" height=\"403\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Grab in Dahlem. Quelle: https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/9\/91\/G%C3%BCnter_Schabowski_-_Mutter_Erde_fec.JPG\/1280px-G%C3%BCnter_Schabowski_-_Mutter_Erde_fec.JPG<\/p><\/div>\n<p><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D3717&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>G\u00fcnter Schabowski war der SED-Parteisoldat, der vor 30 Jahren die Mauer \u00f6ffnete. Und einer der Wenigen, der sich zu moralischer Schuld bekannte und daf\u00fcr mit Gef\u00e4ngnis b\u00fc\u00dfte. 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