{"id":3722,"date":"2019-01-05T19:04:19","date_gmt":"2019-01-05T18:04:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=3722"},"modified":"2019-01-06T07:05:36","modified_gmt":"2019-01-06T06:05:36","slug":"%e2%80%9ekrebs-mein-geliebter%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=3722","title":{"rendered":"\u201eKrebs, mein Geliebter\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Rauchprodukte auf Grabst\u00e4tten sind als Trauergaben verbreiteter als man denkt. Bei Jim Morrison und Bob Marley sammeln sich Joints, bei Altkanzler Helmut Schmidt Mentholzigaretten. An Heiner M\u00fcllers Grab auf dem Dorotheenst\u00e4dtischen Kirchhof an der Berliner Chausseestra\u00dfe sind es Zigarren, abgelegt in einer Schale innerhalb der steinernen Umrandung, eine Art Aschenbecher f\u00fcr die Ewigkeit. Wenn es regnet, sammelt sich toxische braune Br\u00fche zwischen den Stumpen und sickert, \u00fcberlaufend, dann hinunter auf seine morschen Knochen.<\/p>\n<p>Das h\u00e4tte ihm sicher gefallen, dem \u201eKatastrophenliebhaber und hellseherischen Schwarzmaler\u201c (Peter von Becker), ja dem \u201eletzten Apokalyptiker von Format\u201c (Matthias Matussek). \u201eDas Massengrab geht mit der Zukunft schwanger\u201c, lie\u00df er Stalin in seinem letzten St\u00fcck \u201eGermania 3 &#8211; Gespenster am toten Mann\u201c sagen, das lange als unspielbar galt. Es ist diese geradezu prophetische Gabe, die sich oft unvermutet in seinen Texten ausdr\u00fcckt, die h\u00e4ufig fragmentarischen Szenenfolgen, Traktaten, Demonstrationen, ja Vexierspielen gleichen. \u201eSchwierig, ideologisch und verdammt d\u00fcster sind die meisten seiner Werke, und deshalb spielen viele Theater sie am liebsten gar nicht mehr\u201c, befand Anke D\u00fcrr schon vor Jahren im <em>SPIEGEL<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<div style=\"width: 430px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/seitenfluegel.files.wordpress.com\/2014\/11\/mueller_2.jpg?w=700&amp;h=\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" \" title=\"M\u00fcllers Grab. Quelle: https:\/\/seitenfluegel.files.wordpress.com\/2014\/11\/mueller_2.jpg?w=700&amp;h=\" src=\"https:\/\/seitenfluegel.files.wordpress.com\/2014\/11\/mueller_2.jpg?w=700&amp;h=\" alt=\"M\u00fcllers Grab. Quelle: https:\/\/seitenfluegel.files.wordpress.com\/2014\/11\/mueller_2.jpg?w=700&amp;h=\" width=\"420\" height=\"560\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">M\u00fcllers Grab. Quelle: https:\/\/seitenfluegel.files.wordpress.com\/2014\/11\/mueller_2.jpg?w=700&amp;h=<\/p><\/div>\n<p>Dass der am 9. Januar 1929 im s\u00e4chsischen Eppendorf als Beamtensohn geborene Junge \u00fcberdurchschnittlich begabt war, wurde auf der Mittelschule klar, wo er infolge guter Noten eine Freistelle in der Oberschule bekam. Nach eigener Aussage war M\u00fcller ab 1940 in der Hitlerjugend und wurde kurz vor Kriegsende zum Reichsarbeitsdienst und zum Volkssturm eingezogen. 1946 trat er in die SPD ein, der sein Vater auch angeh\u00f6rte, wurde aber wegen fehlenden Engagements und nicht gezahlter Mitgliedsbeitr\u00e4ge bald wieder ausgeschlossen. M\u00fcllers Vater wurde nach der Zwangsvereinigung mit der KPD SED-Mitglied und B\u00fcrgermeister in Frankenberg\/Sachsen, verlie\u00df jedoch 1951 aus Protest zusammen mit seiner Frau und dem zweiten Sohn, Heiner M\u00fcllers zw\u00f6lf Jahre j\u00fcngerem Bruder Wolfgang, die DDR.<\/p>\n<p>M\u00fcller arbeitete, nachdem er das Abitur nachgeholt hatte, als Hilfsbibliothekar in Frankenberg, nahm an einem Schriftstellerlehrgang bei Dresden teil und beginnt 1950 journalistisch als Literaturkritiker bei der Zeitschrift \u201eSonntag\u201c, ab 1953 bei der Zeitschrift \u201eNeue deutsche Literatur\u201c zu arbeiten. 1954 wurde er Mitglied des Deutschen Schriftstellerverbandes und heiratet ein Jahr sp\u00e4ter, nachdem er bereits in eine doppelte Ehe samt doppelter Scheidung mit derselben Frau gestolpert war, die schon zweimal verheiratete Autorin Inge Schwenkner. Biographen sprechen von einem prek\u00e4ren Leben.<\/p>\n<p><strong>\u201eunzureichende Darstellung der Wirklichkeit\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Nach weiteren Stationen als Wissenschaftlicher Mitarbeiter bspw. am Gorki-Theater Berlin arbeitet er ab 1958 als freischaffender Autor und erlebt im selben Jahr die Urauff\u00fchrung der St\u00fccke \u201eDer Lohndr\u00fccker\u201c und \u201eDie Korrektur\u201c, die sich mit dem sozialistischen Aufbau befassen. Sie schildern einerseits den Konflikt zwischen Partei und Arbeiterschaft und andererseits den zwischen Sachzw\u00e4ngen der Produktion und privaten Interessen. Bekommt er daf\u00fcr 1959 noch den Heinrich-Mann-Preis, wird er bereits zwei Jahre sp\u00e4ter aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen und erst 1988 wieder aufgenommen.<\/p>\n<p>Grund ist das St\u00fcck \u201eDie Umsiedlerin\u201c, das sich mit der Landwirtschaft zwischen Bodenreform und Kollektivierung befasst. Es wird nach der ersten Auff\u00fchrung abgesetzt und M\u00fcller \u201eunzureichende Darstellung der Wirklichkeit\u201c vorgeworfen. Jahre sp\u00e4ter schreibt er das St\u00fcck um, erst 1976 feiert es als \u201eDie Bauern\u201c in der DDR wirklich Premiere. In dieser Zeit beginnt sich ein Grundzug seines Wirkens zu manifestieren: Staatsdichter und Dissident zugleich zu sein. Fremdheit und Selbstentfremdung, die \u00fcberzeitliche Kraft des Scheiterns, dazu die Absurdit\u00e4t einer Existenz ohne Utopie und h\u00f6here Heilsgewissheit, verursacht durch die Unf\u00e4higkeit, aus der Geschichte Lehren zu ziehen &#8211; das waren M\u00fcllers Themen, die er aus konsequent linker, fast vulg\u00e4rmarxistischer Perspektive anfasste.<\/p>\n<div style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"M\u00fcller-Texte. Quelle: https:\/\/pictures.abebooks.com\/TAUTENHAHN\/30014641485.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" title=\"M\u00fcller-Texte. Quelle: https:\/\/pictures.abebooks.com\/TAUTENHAHN\/30014641485.jpg\" src=\"https:\/\/pictures.abebooks.com\/TAUTENHAHN\/30014641485.jpg\" alt=\"M\u00fcller-Texte. Quelle: https:\/\/pictures.abebooks.com\/TAUTENHAHN\/30014641485.jpg\" width=\"500\" height=\"512\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">M\u00fcller-Texte. Quelle: https:\/\/pictures.abebooks.com\/TAUTENHAHN\/30014641485.jpg<\/p><\/div>\n<p>Seine These war, dass die Kunst, vor allem die des Theaters, ohne Gewalt und Tragik oder zumindest jene blutige Komik, die er \u201eHumor des Fleischers\u201c nannte, gar nicht zur Bl\u00fcte kommen k\u00f6nne. \u201eM\u00fcller war ganz vernarrt in eine dialektische Bildsprache, die im Kessel von Stalingrad bereits die Erstarrung des real existierenden Sozialismus erkennt, den Pyrrhussieg des Bolschewismus. Seine Besessenheit galt einer mythengetr\u00e4nkten Logik, die noch den Hitler-Stalin-Pakt mit Kriemhilds Rache in Verbindung bringt: \u201aDie Vergangenheit aufheben\u2018 nannte er das in schwerdeutsch-Hegelscher Tradition\u201c, dekretiert Reinhard Mohr im <em>SPIEGEL<\/em>.<\/p>\n<p>Es folgten Arbeiten f\u00fcr Rundfunk, DEFA und Fernsehen, meist unter dem Pseudonym \u201eMax Messer\u201c \u2013 die Alliteration verweist auf operieren, sezieren, Skalpell, Rohheit, Gewalt. 1965 wurde M\u00fcller auf dem 11. SED-Plenum erneut kritisiert, dem \u201eKahlschlagsplenum\u201c, in dessen Folge zahlreiche Filme, Theaterst\u00fccke, B\u00fccher und Musikgruppen verboten wurden. Die Partei lie\u00df auch die Auff\u00fchrung von M\u00fcllers \u201eDer Bau\u201c absetzen, das sich mit dem schwierigen Aufbau des Sozialismus befasst. In dieser Zeit kommt sein Bruder Wolfgang hin\u00fcber, um im Auftrag der Eltern herauszufinden, wie es seinem gro\u00dfen Bruder geht. Es kommt zu einer Dreiecksbeziehung mit Inge.<\/p>\n<p>\u201eUnd dann habe ich noch lange auf einem U-Bahnsteig mit Adolf Dresen \u00fcber die Zukunft oder Nicht-Zukunft des Marxismus diskutiert. Als ich nach Hause kam, war sie tot\u201c, schildert Heiner in seinen Memoiren \u201eKrieg ohne Schlacht. Leben in zwei Diktaturen\u201c den Selbstmord der kriegstraumatisierten Frau am 1. Juni 1966. Bruder Wolfgang wird sp\u00e4ter Katja Lange heiraten, die ungehorsame Tochter von Inge Lange, Mitglied des Politb\u00fcros der SED, die sich dann Lange-M\u00fcller nennt, sp\u00e4ter in den Westen geht und Heiners Memoiren schreibt. Man fl\u00fcstert erneut von einer Dreiecksbeziehung.<\/p>\n<p>1970 heiratet er die bulgarische Regisseurin Ginka Tscholakowa und wird festangestellter Dramaturg am Berliner Ensemble \u2013 die versp\u00e4tete Erf\u00fcllung eines Lebenstraums. Sein Drama \u201eMauser\u201c, das sich an Bertolt Brechts \u201eMa\u00dfnahme\u201c anlehnt und nach der Rechtfertigung von Grausamkeit als politisches Mittel f\u00fcr eine Revolution fragt, wird f\u00fcr DDR-Auff\u00fchrungen verboten, 1975 in den USA ur- und erst 1980 in K\u00f6ln auf Deutsch erstaufgef\u00fchrt. Die Auff\u00fchrung weiterer eigener St\u00fccke oder \u00dcbersetzungen, bspw. Sophokles\u2018 \u201e\u00d6dipus Tyrann\u201c, verdankte er vor allen Dingen Benno Besson, dem Leiter der Berliner Volksb\u00fchne, und Ruth Berghaus, der Intendantin des Berliner Ensembles.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<div style=\"width: 577px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/b\/ba\/Bundesarchiv_Bild_183-P0131-0202-004%2C_Berlin%2C_Proben_%22%C3%96dipus_Tyrann%22%2C_Besson%2C_D%C3%BCren%2C_Hiemer.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"  \" title=\"Probe zu \u00d6dipus, Tyrann, 1967. Quelle: https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heiner_M%C3%BCller#\/media\/File:Bundesarchiv_Bild_183-P0131-0202-004,_Berlin,_Proben_%22%C3%96dipus_Tyrann%22,_Besson,_D%C3%BCren,_Hiemer.jpg\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/b\/ba\/Bundesarchiv_Bild_183-P0131-0202-004%2C_Berlin%2C_Proben_%22%C3%96dipus_Tyrann%22%2C_Besson%2C_D%C3%BCren%2C_Hiemer.jpg\" alt=\"Probe zu \u00d6dipus, Tyrann, 1967. Quelle: https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heiner_M%C3%BCller#\/media\/File:Bundesarchiv_Bild_183-P0131-0202-004,_Berlin,_Proben_%22%C3%96dipus_Tyrann%22,_Besson,_D%C3%BCren,_Hiemer.jpg\" width=\"567\" height=\"365\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Probe zu \u00d6dipus, Tyrann, 1967. Quelle: https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heiner_M%C3%BCller#\/media\/File:Bundesarchiv_Bild_183-P0131-0202-004,_Berlin,_Proben_%22%C3%96dipus_Tyrann%22,_Besson,_D%C3%BCren,_Hiemer.jpg<\/p><\/div>\n<p>1976 wechselt er als Dramaturg an die Volksb\u00fchne, geh\u00f6rt zu den Mitunterzeichnern der Petition gegen die Ausb\u00fcrgerung Wolf Biermanns und widmet sich nun verst\u00e4rkt mythischen Stoffen aus der Antike, um der SED-Kritik zu entgehen. Zudem werden viele seiner St\u00fccke im Ausland uraufgef\u00fchrt, so \u201eGermania Tod in Berlin\u201c 1978 an den M\u00fcnchner Kammerspielen. Darin wird Geschichte als Schlachthaus dargestellt, Fr\u00fchphasen der DDR werden mit R\u00fcckgriffen auf die germanisch-preu\u00dfische Historie verbunden, um die Kontinuit\u00e4t zerst\u00f6rerischer Kr\u00e4fte zu verdeutlichen. \u201eDie Hamletmaschine\u201c wird 1979 in Paris ur- und dann in Essen erstaufgef\u00fchrt: Das St\u00fcck stellt eine Absage an jedes vernunftorientierte Geschichtsmodell dar. In \u201eDer Auftrag\u201c, 1982 in Bochum inszeniert, richtet sich M\u00fcllers revolution\u00e4re Hoffnung auf die ausgebeuteten V\u00f6lker der Dritten Welt.<\/p>\n<p><strong>\u201ean Blaubarts verbotene T\u00fcr geklopft\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Seit den 80er Jahren kann sich M\u00fcller ungehindert in beiden deutschen Staaten bewegen und profiliert sich auch zunehmend als Regisseur \u2013 was verst\u00e4rkte k\u00fcnstlerische und nun auch politische Anerkennung nach sich zieht. Er wird Mitglied der Akademie der K\u00fcnste der DDR und West-Berlins, erh\u00e4lt den Georg-B\u00fcchner-Preis und den Nationalpreis I. Klasse f\u00fcr Kunst und Kultur \u2013 diesen von Erich Honecker pers\u00f6nlich. Die sp\u00e4te Rehabilitierung sah M\u00fcller selbst als Zeichen des nahenden Untergangs des Staates, in dem zu leben ihm f\u00fcr sein Schreiben Bedingung war: \u201eDie DDR ist mir wichtig, weil alle Trennlinien der Welt durch dieses Land gehen. Das ist der wirkliche Zustand der Welt, und der wird ganz konkret in der Berliner Mauer.\u201c Eine Kompilation mit St\u00fccken, die erstmals auch diejenigen Dramen enthielt, die M\u00fcllers internationalen Ruhm begr\u00fcndet hatten, erschien in der DDR erst 1988. Im Oktober 1989 ist er Mitinitiator der Initiative f\u00fcr unabh\u00e4ngige Gewerkschaften.<\/p>\n<div style=\"width: 587px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/5\/50\/Bundesarchiv_Bild_183-1989-1104-047%2C_Berlin%2C_Demonstration%2C_Rede_Heiner_M%C3%BCller.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" title=\"M\u00fcller auf dem Alex, 4.11.1989. Quelle: https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heiner_M%C3%BCller#\/media\/File:Bundesarchiv_Bild_183-1989-1104-047,_Berlin,_Demonstration,_Rede_Heiner_M%C3%BCller.jpg\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/5\/50\/Bundesarchiv_Bild_183-1989-1104-047%2C_Berlin%2C_Demonstration%2C_Rede_Heiner_M%C3%BCller.jpg\" alt=\"M\u00fcller auf dem Alex, 4.11.1989. Quelle: https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heiner_M%C3%BCller#\/media\/File:Bundesarchiv_Bild_183-1989-1104-047,_Berlin,_Demonstration,_Rede_Heiner_M%C3%BCller.jpg\" width=\"577\" height=\"800\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">M\u00fcller auf dem Alex, 4.11.1989. Quelle: https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heiner_M%C3%BCller#\/media\/File:Bundesarchiv_Bild_183-1989-1104-047,_Berlin,_Demonstration,_Rede_Heiner_M%C3%BCller.jpg<\/p><\/div>\n<p>Unvergessen seine kurze Rede am 4. November 1989 auf dem Alex \u2013 der Dramatiker hatte einen seiner d\u00fcsteren Orakel-Auftritte, als er, leicht angetrunken, nach vielen k\u00e4mpferischen Optimisten an der Reihe war und den Hunderttausenden S\u00e4tze zuwarf wie: \u201eDie n\u00e4chsten Jahre werden f\u00fcr uns kein Zuckerschlecken. Die Daumenschrauben sollen angezogen werden. Die Preise werden steigen und die L\u00f6hne kaum.\u201c Sp\u00e4ter wird M\u00fcller \u00fcber diesen Tag sagen: \u201eIch hatte das ungute Gef\u00fchl, dass da ein Theater inszeniert wird, das von der Wirklichkeit schon \u00fcberholt ist, das Theater der Befreiung von einem Staat, der nicht mehr existiert\u201c.<\/p>\n<p>Er war nicht besonders \u00fcberrascht, dass er ausgepfiffen wurde: \u201eAls mir am Fu\u00df der improvisierten Trib\u00fcne eine Welle von Hass entgegenschlug, wusste ich, dass ich an Blaubarts verbotene T\u00fcr geklopft hatte, die T\u00fcr zu dem Zimmer, in dem er seine Opfer aufbewahrt\u201c, kommentierte er die w\u00fctende Reaktion auf seinen Beitrag zur friedlichen Revolution \u2013 und beklagt weiter die Versteinerung der Verh\u00e4ltnisse, an der auch der Epochenwechsel von 1990 nichts ge\u00e4ndert habe.<\/p>\n<p>1980 von Tscholakowa geschieden, lernt er auf der Frankfurter Buchmesse 1990 die Fotografin Brigitte Maria Mayer kennen. Zwei Monate sp\u00e4ter zieht sie zu ihm in seine Ost-Berliner Plattenbauwohnung. F\u00fcnf Jahre \u201eLiebe ohne Bedingung\u201c (Mayer) bleiben den beiden, genug, um 36 Jahren Altersunterschied, den deutschen Einigungswirren und M\u00fcllers Todkrankheit Speiser\u00f6hrenkrebs zum Trotz zu heiraten, durch die Welt zu reisen und ein Kind zu bekommen \u2013 sein viertes. Wie getrieben von dem Drang, das Gemeinsame festzuhalten, dokumentiert das Paar von Anfang an auf Polaroidfotografien Liebe, Sex, Familienleben und das Sterben des krebsgezeichneten Mannes: publiziert in Mayers Bildband \u201eDer Tod ist ein Irrtum\u201c.<\/p>\n<div style=\"width: 563px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.bz-berlin.de\/data\/uploads\/2017\/04\/332479_1492293345.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" title=\"M\u00fcllers mit Tochter. Quelle: https:\/\/www.bz-berlin.de\/data\/uploads\/2017\/04\/332479_1492293345-1920x1080.jpg\" src=\"https:\/\/www.bz-berlin.de\/data\/uploads\/2017\/04\/332479_1492293345-1920x1080.jpg\" alt=\"M\u00fcllers mit Tochter. Quelle: https:\/\/www.bz-berlin.de\/data\/uploads\/2017\/04\/332479_1492293345-1920x1080.jpg\" width=\"553\" height=\"311\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">M\u00fcllers mit Tochter. Quelle: https:\/\/www.bz-berlin.de\/data\/uploads\/2017\/04\/332479_1492293345-1920x1080.jpg<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">In diesen f\u00fcnf Jahren veranstaltet Frankfurt das 6. Festival \u201eExperimenta\u201c zu Ehren Heiner M\u00fcllers mit zahlreichen Gast-Produktionen seiner St\u00fccke aus dem In- und Ausland, wird er zum Pr\u00e4sidenten der Akademie der K\u00fcnste gew\u00e4hlt, \u00fcbernimmt er zun\u00e4chst in einem F\u00fcnferteam und sp\u00e4ter allein die Leitung des Berliner Ensembles, bekommt er den Europ\u00e4ischen Theaterpreis und feiert er in Bayreuth seine Premiere als Opernregisseur mit \u201eTristan und Isolde\u201c, die in der Fachwelt als \u201egenial\u201c ger\u00fchmt wird. Seine letzte Inszenierung, Brechts \u201eArturo Ui\u201c, l\u00e4uft bis heute im Berliner Theater am Schiffbauerdamm und kommt inzwischen auf \u00fcber 400 Vorstellungen.<\/p>\n<p>Allerdings muss M\u00fcller auch mit der Nachricht leben, dass ihn das Ministerium f\u00fcr Staatssicherheit als \u201eInoffiziellen Mitarbeiter\u201c gef\u00fchrt hat. Er gibt regelm\u00e4\u00dfigen Kontakt zu, eine tats\u00e4chliche Zusammenarbeit zum Schaden Dritter best\u00e4tigt sich aber nicht. Am 30. Dezember 1995 stirbt er in Berlin: \u201eKrebs, mein Geliebter\u201c hatte er schon 1982 in \u201eQuartett\u201c getextet. Als \u201eTotenfeier\u201c veranstaltete das Berliner Ensemble 1996 einen achtt\u00e4gigen \u201eM\u00fcller-Marathon\u201c.<\/p>\n<p><strong>\u201eder letzte gro\u00dfe Konservative\u201c<\/strong><\/p>\n<p>\u201eEr fehlt heute, wo die Linke nur noch vom K\u00fcndigungsschutz redet und die Rechte von der Pendlerpauschale. M\u00fcller dachte planetarisch\u201c klagt Matussek im <em>SPIEGEL<\/em>.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eF\u00fcr ihn war der Kommunismus ja kein utopisches Projekt, sondern lediglich die Verlangsamung auf unserm Weg in die Katastrophe. Nun sah M\u00fcller den Wegfall aller kommunistischen Bremsen, er sah die Zunahme des Tempos, die \u00dcberhitzung, das Vergl\u00fchen. Man k\u00f6nnte sagen, dass der Linke Heiner M\u00fcller der letzte gro\u00dfe Konservative war. Er begriff den Verlust der alten Welt als globales Verh\u00e4ngnis.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Tendenz des Kapitalismus sei die Vereinheitlichung, die sich auch auf der Oberfl\u00e4che der Technisierung abzeichnet und zur Nivellierung f\u00fchrt, erkl\u00e4rte M\u00fcller: \u201eEs ist der allgemeine Grundirrtum, dass der Kapitalismus den Individualismus f\u00f6rdert. Das Gegenteil ist der Fall. Der Kommunismus vereinzelt, der Kapitalismus uniformiert.\u201c Seine Prognose heraufziehender Verteilungsk\u00e4mpfe wurde im Taumel der Wende ebenso oft bel\u00e4chelt wie zur\u00fcckgewiesen. Mit dem Ausbrechen barbarisch gef\u00fchrter Terrorkriege und den daraus resultierenden Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6men ist sie allerdings Realit\u00e4t geworden. \u201eEs reicht v\u00f6llig, wenn sich Millionen Verelendeter in Bewegung setzen\u201c, schrieb er schon 1991. \u201eMan kann nicht sofort wieder eine Mauer bauen. Man wei\u00df nur, und erf\u00e4hrt jede Woche neu: Man braucht sie\u201c, wusste er 1994.<\/p>\n<div style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.interrobang-performance.com\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/NEUHeiner_Gulli.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"  \" title=\"Performance \u201eDie M\u00fcller-Matrix\u201c 2016. Quelle: http:\/\/www.interrobang-performance.com\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/NEUHeiner_Gulli.jpg\" src=\"http:\/\/www.interrobang-performance.com\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/NEUHeiner_Gulli.jpg\" alt=\"Performance \u201eDie M\u00fcller-Matrix\u201c 2016. Quelle: http:\/\/www.interrobang-performance.com\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/NEUHeiner_Gulli.jpg\" width=\"630\" height=\"480\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Performance \u201eDie M\u00fcller-Matrix\u201c 2016. Quelle: http:\/\/www.interrobang-performance.com\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/NEUHeiner_Gulli.jpg<\/p><\/div>\n<p>Die eigent\u00fcmliche Dialektik seines Denkens begreift man erst mit Blick auf seine lebensgeschichtliche Situation mit der Allgegenw\u00e4rtigkeit des Krebses: im K\u00f6rper, im System, in der Zeit. Prompt gilt sein ganzer Hass der Allgegenw\u00e4rtigkeit des Kapitals und dessen Verwertungsgesetzen: \u201eDer vers\u00e4umte Angriff auf die Intershops m\u00fcndete in den Kotau vor der Ware \u2026 das unterdr\u00fcckte Gewaltpotential bricht sich Bahn im Angriff auf die Schw\u00e4cheren, Asylanten und Ausl\u00e4nder; keinem Immobilienhai, gleich welcher Nation, wird ein Haar gekr\u00fcmmt.\u201c Folglich ruft er seinem Publikum schon in \u201eDer Lohndr\u00fccker\u201c zu: \u201eSchlagt euch nicht die Sch\u00e4del ein, zerbrecht euch lieber den Kopf!\u201c<\/p>\n<p>Frappierend sind seine nach heutigem Verst\u00e4ndnis \u201erechtsextremen\u201c Perspektiven, mit denen M\u00fcller auf die Welt blickt; bspw. 1992 auf die Jugend: \u201eNach der Zerst\u00f6rung einer Infrastruktur, die wesentlich auf ihre Beruhigung ausgerichtet war, \u00fcbergangslos in die Freiheit des Marktes entlassen, der sie mehrheitlich ausspuckt, weil er nur an Gegenwart und nicht an Zukunft interessiert sein kann, ist sie jetzt auf die Wildbahn verwiesen.\u201c Die \u201eRandalierer\u201c von Rostock und anderen Orten sind f\u00fcr ihn prompt \u201edie Sturmabteilung der Demokratie, die radikalen Verteidiger der Festung Europa, gerade weil ihnen auf kurze oder lange Sicht nur der Dienstboteneingang offensteht.\u201c<\/p>\n<p>Starke Worte. Sicherheitshalber hatte M\u00fcller auch noch an den vierten Weltkrieg geglaubt. Eine friedliche Welt vermochte er sich jenseits der \u2013 gescheiterten \u2013 Utopien kaum vorzustellen. Und als nach der Wende manche vom Ende aller Konflikte und der Geschichte fabulierten, konnte M\u00fcller nur den schwarzbebrillten Sch\u00e4del sch\u00fctteln. Auf der Tagesordnung st\u00fcnde jetzt<\/p>\n<blockquote><p>\u201eder Krieg um Schwimmwesten und Pl\u00e4tze in den Rettungsbooten, von denen niemand wei\u00df, wo sie noch landen k\u00f6nnen, au\u00dfer an kannibalischen K\u00fcsten. Mit der Frage, wie man diese Lage seinem Kind erkl\u00e4rt, ist jeder allein.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D3722&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus Brechts \u201eSo wie es ist, bleibt es nicht\u201c machte er \u201eSo wie es bleibt, ist es nicht\u201c: Heiner M\u00fcller. Der wichtigste deutsch-deutsche Dramatiker der zweiten H\u00e4lfte des 20. 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