{"id":3730,"date":"2019-01-04T19:42:40","date_gmt":"2019-01-04T18:42:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=3730"},"modified":"2023-12-07T06:38:52","modified_gmt":"2023-12-07T05:38:52","slug":"ich-bin-nun-einmal-hoffnungslos-konservativ","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=3730","title":{"rendered":"\u201eIch bin nun einmal hoffnungslos konservativ\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Mal war er unerh\u00f6rt hellsichtig: Den wei\u00dfen S\u00fcdafrikanern drohe, \u201ewenn sie zur ewigen Minderheit verdammt\u201c w\u00fcrden, das \u201eLos der Juden in Deutschland\u201c. Mal war er einfach nur provokant: er erwog, den Berliner B\u00fcrgermeister Willy Brandt, der wenig sp\u00e4ter auf \u201eWandel durch Ann\u00e4herung\u201c setzte, wegen Landesverrats anzuzeigen. Mal war er f\u00fcr und mal gegen ein einheitliches Deutschland; mal gl\u00fchender Antikommunist, und mal verkl\u00e4rte er die DDR; mal verehrte er Preu\u00dfen und mal verdammte er es. Mal verglich er den \u201ewiderw\u00e4rtigen\u201c Ulbricht mit Hitler und nannte ihn einige Jahre sp\u00e4ter einen \u201ePolitiker ersten Ranges\u201c; mal bezeichnete er die Bundesrepublik als Bastion der Rechtsstaatlichkeit und dann als ein Gemeinwesen, das nach \u201ePeitschenleder\u201c und \u201ePogrom\u201c roch.<\/p>\n<p>Dass er sein Millionenpublikum oftmals in die Irre f\u00fchrte, hat ihn kaum gest\u00f6rt. Er hatte die Chuzpe, historische B\u00fccher, die er im Alter von weit \u00fcber 50 Jahren ver\u00f6ffentlichte, als \u201eJugends\u00fcnden\u201c abzutun. F\u00fcr alles, was noch weiter zur\u00fccklag, nahm er das \u201ePrinzip der Verj\u00e4hrung\u201c in Anspruch: Ein Achtzigj\u00e4hriger k\u00f6nne nicht mehr f\u00fcr das verantwortlich gemacht werden, was er als Drei\u00dfigj\u00e4hriger getan habe. \u201eDas sind zwei verschiedene Menschen, obwohl sie denselben Namen tragen.\u201c<\/p>\n<p>Unerreicht bis heute sind seine sarkastischen Schilderungen Hitlers, bspw. die in der postum erschienen \u201eGeschichte eines Deutschen\u201c:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDie Zuh\u00e4lterfrisur; die Talmieleganz; der Wiener Vorstadtdialekt; das viele und lange Reden \u00fcberhaupt, das Epileptikergehaben dazu, die wilde Gestikulation, der Geifer, der abwechselnd flackernde und stierende Blick &#8230; Kein Mensch h\u00e4tte sich gewundert, wenn dieses Lebewesen bei seiner ersten Rede von einem Schutzmann am Kragen genommen und irgendwo abgestellt worden w\u00e4re, wo man nie wieder etwas von ihm sah und wohin es ohne Zweifel geh\u00f6rte.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<div style=\"width: 606px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/images\/bildnummer-56648098-datum-01-11-1984-copyright-imago-teutopresssebastian-haffner-autor-11-84-ries-mann-autor-buch-auto-biografie-autobiografie-geschichte-eines-deutschen-erinnerungen-1914-1933-dunkelhaarig-kurzhaarig-halbglatze-serioes-jackett-strick-jacke-strickjacke-hemd-krawatte-sitzend\/14002708\/2-format1007.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"   \" title=\"Sebastian Haffner. Quelle: https:\/\/www.tagesspiegel.de\/images\/bildnummer-56648098-datum-01-11-1984-copyright-imago-teutopresssebastian-haffner-autor-11-84-ries-mann-autor-buch-auto-biografie-autobiografie-geschichte-eines-deutschen-erinnerungen-1914-1933-dunkelhaarig-kurzhaarig-halbglatze-serioes-jackett-strick-jacke-strickjacke-hemd-krawatte-sitzend\/14002708\/2-format1007.jpg\" src=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/images\/bildnummer-56648098-datum-01-11-1984-copyright-imago-teutopresssebastian-haffner-autor-11-84-ries-mann-autor-buch-auto-biografie-autobiografie-geschichte-eines-deutschen-erinnerungen-1914-1933-dunkelhaarig-kurzhaarig-halbglatze-serioes-jackett-strick-jacke-strickjacke-hemd-krawatte-sitzend\/14002708\/2-format1007.jpg\" alt=\"Sebastian Haffner. Quelle: https:\/\/www.tagesspiegel.de\/images\/bildnummer-56648098-datum-01-11-1984-copyright-imago-teutopresssebastian-haffner-autor-11-84-ries-mann-autor-buch-auto-biografie-autobiografie-geschichte-eines-deutschen-erinnerungen-1914-1933-dunkelhaarig-kurzhaarig-halbglatze-serioes-jackett-strick-jacke-strickjacke-hemd-krawatte-sitzend\/14002708\/2-format1007.jpg\" width=\"596\" height=\"396\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Sebastian Haffner. Quelle: https:\/\/www.tagesspiegel.de\/images\/bildnummer-56648098-datum-01-11-1984-copyright-imago-teutopresssebastian-haffner-autor-11-84-ries-mann-autor-buch-auto-biografie-autobiografie-geschichte-eines-deutschen-erinnerungen-1914-1933-dunkelhaarig-kurzhaarig-halbglatze-serioes-jackett-strick-jacke-strickjacke-hemd-krawatte-sitzend\/14002708\/2-format1007.jpg<\/p><\/div>\n<p>Der Mann, der das schrieb, liebte zwar sein Land, wusste aber mit dem Volk wenig anzufangen, von dem nur eine Minderheit etwas vom Leben verst\u00fcnde:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eUngef\u00e4hr zwanzig Jahrg\u00e4nge junger und j\u00fcngster Deutscher waren daran gew\u00f6hnt worden, ihren ganzen Lebensinhalt, allen Stoff f\u00fcr tiefere Emotionen, f\u00fcr Liebe und Hass, Jubel und Trauer, aber auch alle Sensationen und jeden Nervenkitzel sozusagen gratis aus der \u00f6ffentlichen Sph\u00e4re geliefert zu bekommen &#8211; sei es auch zugleich mit Armut, Hunger, Tod, Wirrsal und Gefahr &#8230; So empfanden sie das Aufh\u00f6ren der \u00f6ffentlichen Spannung und die Wiederkehr der privaten Freiheit nicht als Geschenk, sondern als Beraubung &#8230;<\/p><\/blockquote>\n<p>Und sie warteten schlie\u00dflich geradezu gierig auf die erste St\u00f6rung &#8230; um die ganze Friedenszeit zu liquidieren und neue kollektive Abenteuer zu starten\u201c, so sein Befund \u00fcber die Stresemann-Jahre der Weimarer Republik.<\/p>\n<p><strong>\u201eEs ist mir lieb, wenn das vergessen wird\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Zu dieser Zeit war der 1907 als Raimund Pretzel in Berlin geborene Lehrersohn Gymnasiast und erfuhr eine lebenslang anhaltende schulische Pr\u00e4gung von Vorurteilsfreiheit, ja aristokratischer Vornehmheit: Er besuchte zuerst das K\u00f6nigst\u00e4dtische Gymnasium nahe dem Alexanderplatz, viele seiner Klassenkameraden waren j\u00fcdische Deutsche, begabte S\u00f6hne von Gesch\u00e4ftsleuten. Unter ihnen, so Haffner, war \u201eich ziemlich links\u201c. Dann wurde der Vater versetzt, sein Sohn wechselte ans Schillergymnasium in Lichterfelde, wo viele Milit\u00e4rs wohnten. Hier, so Haffner, \u201ewurde ich rechts\u201c. F\u00fcr die Nazis hatten die Soldatens\u00f6hne nichts \u00fcbrig, f\u00fcr die Weimarer Republik allerdings auch nichts. Er studiert dann Jura, entscheidet sich nach der Macht\u00fcbernahme der Nationalsozialisten im Fr\u00fchjahr 1933, mit der f\u00fcr ihn Rechtsstaat gestorben war, aber gegen eine juristische Laufbahn. Um seine Doktorarbeit zu schreiben, ging Haffner 1934 ein paar Wochen nach Paris.<\/p>\n<p>Der junge Jurist, der nur noch gelegentlich, meist als Vertreter anderer Anw\u00e4lte, in seinem Metier arbeitet, sucht eine Nische und findet sie im Feuilleton von Frauenzeitschriften des Ullstein-Verlags, wo er hofft, dass der braune Spuk bald vorbei ist. Doch 1938 erwartet seine Freundin, die aus einer zum Protestantismus konvertierten j\u00fcdischen Familie stammt, ein Kind. Nach den Rassegesetzen war die Liebesbeziehung strafbar. So lie\u00df er sich im Sommer mit einem Auftrag der Ullstein-Presse nach England schicken und bat dort mit Verweis auf seine schwangere Verlobte, die ihm nach England vorausgereist war, um Asyl. Das Paar heiratete, Pretzel erhielt eine zun\u00e4chst f\u00fcr ein Jahr g\u00fcltige Aufenthaltserlaubnis. In der Frist brach der Zweite Weltkrieg aus &#8211; er durfte bleiben.<\/p>\n<div style=\"width: 429px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/exlibris.azureedge.net\/covers\/9781\/8421\/2660\/8\/9781842126608xxl.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" title=\"Britisches Cover. Quelle: https:\/\/exlibris.azureedge.net\/covers\/9781\/8421\/2660\/8\/9781842126608xxl.jpg\" src=\"https:\/\/exlibris.azureedge.net\/covers\/9781\/8421\/2660\/8\/9781842126608xxl.jpg\" alt=\"Britisches Cover. Quelle: https:\/\/exlibris.azureedge.net\/covers\/9781\/8421\/2660\/8\/9781842126608xxl.jpg\" width=\"419\" height=\"648\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Britisches Cover. Quelle: https:\/\/exlibris.azureedge.net\/covers\/9781\/8421\/2660\/8\/9781842126608xxl.jpg<\/p><\/div>\n<p>Da er seine Jurakenntnisse im britischen Rechtssystem nicht anwenden kann, beschlie\u00dft der 31-J\u00e4hrige, ein Buch \u00fcber Nazi-Deutschland zu schreiben, das den Briten den kommenden Feind erkl\u00e4ren soll, und beginnt seine \u201eGeschichte eines Deutschen\u201c. Der Verleger Frederic Warburg war von den ersten Seiten so angetan, dass er Haffner w\u00f6chentlich einen kleinen Vorschuss zahlte. Dabei blieb es auch, als er sich nach dem deutschen Angriff auf Polen 1939 entschloss, ein anderes Buch zu schreiben: \u201eGermany: Jekyll &amp; Hyde\u201c. Daf\u00fcr w\u00e4hlte der geborene Pretzel sein sp\u00e4ter ber\u00fchmtes musikalisches Pseudonym: Sebastian nach Johann Sebastian Bach, und Haffner nach Mozarts Haffner-Musiken, von denen die Symphonie D-Dur (KV 385) in Gro\u00dfbritannien beliebt war. Das Erstlingswerk begeisterte die Kritiker und \u00f6ffnete dem Autor die Karrieret\u00fcr, Leitartikler des neu gegr\u00fcndeten deutschsprachigen Blatts <em>Die Zeitung<\/em> zu werden, das vom britischen Informationsministerium finanziert und kontrolliert wurde.<\/p>\n<p>1942 stellt ihn die einflussreiche britische Sonntagszeitung <em>Observer<\/em> ein. In einem seiner ersten Texte schlug er vor, man solle nach Kriegsende \u00fcber eine halbe Million SS-M\u00e4nner einfach hinrichten. Dem gelernten Juristen Haffner waren solche \u00c4u\u00dferungen im hohen Alter peinlich: \u201eEs ist mir lieb, wenn das vergessen wird.\u201c In einer Charakterisierung des Autors, die aus unbekannten Gr\u00fcnden die polnische Botschaft in London 1943 dem Foreign Office zukommen lie\u00df, hie\u00df es bereits, Haffner zeige \u201eeine starke Verworrenheit und ein Schwanken von einem Extrem ins andere\u201c. Die Polen erkl\u00e4rten sich das damit, dass er \u201eweltfremd, nicht b\u00f6sartig\u201c sei.<\/p>\n<p><strong>\u201emit einer seltsam kalten Flamboyance\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Nach dem Krieg lie\u00df sich Haffner in Gro\u00dfbritannien einb\u00fcrgern und kehrte schlie\u00dflich 1954 als Korrespondent des <em>Observer<\/em> nach Berlin zur\u00fcck. 1961 verlie\u00df er die Zeitung, schrieb frei f\u00fcr die <em>Welt<\/em> und steuerte von 1962 bis 1975 eine w\u00f6chentliche Kolumne im<em> Stern<\/em> bei. In der deutschen \u00d6ffentlichkeit wird der unter Kollegen hochgeachtete Mann mit der hohen, knarzigen Stimme durch Werner H\u00f6fers \u201eInternationalen Fr\u00fchschoppen\u201c bekannt. Joachim Fest beschrieb den deutschen Gast-Briten in seinem launigen Portr\u00e4t-Essay \u201eDer fremde Freund\u201c als \u201eGentleman mit Weste und Einstecktuch, der das Publikum in seinen Bann zwingt. Er spricht langsam und eindringlich, und egal, was er sagt, es klingt einleuchtend und selbstverst\u00e4ndlich\u201c.<\/p>\n<p>Nach dem Mauerbau schimpft Haffner auf die Amerikaner, sie seien wie ein \u201e\u00fcberzahmer Pudel\u201c, der sich vom Kreml-Chef Chruschtschow \u201eden Knochen aus dem Maul nehmen lie\u00df\u201c. Seiner Regierung in London wirft er sogar vor, wie einst in M\u00fcnchen 1938 gegen\u00fcber Hitler in der Sudetenfrage, gekuscht zu haben. Nie war Haffner so sehr Kalter Krieger wie nach der Errichtung des \u201eantifaschistischen Schutzwalls\u201c. Und er will unbedingt die Wiedervereinigung; fordert sogar einen \u201eentschlossenen Partisanenkrieg\u201c in der DDR, \u201ebis der gro\u00dfe Aufstand kommt\u201c, und ein eigenes Atomwaffenpotenzial f\u00fcr die Bundesrepublik. Dann wieder mal eine Kehrtwende: Um bei den Bundestagswahlen 1972 f\u00fcr Willy Brandt stimmen zu k\u00f6nnen, nimmt Haffner wieder die deutsche Staatsangeh\u00f6rigkeit an.<\/p>\n<div style=\"width: 556px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.welt.de\/img\/kultur\/literarischewelt\/mobile101835101\/7081627827-ci23x11-w1136\/zel-haffner2-DW-Kultur-Aschaffenburg-jpg.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"  \" title=\"Haffner in der ZDF-Sendung \u201eLiterarisches Colloquium\u201c. Quelle: https:\/\/www.welt.de\/img\/kultur\/literarischewelt\/mobile101835101\/7081627827-ci23x11-w1136\/zel-haffner2-DW-Kultur-Aschaffenburg-jpg.jpg\" src=\"https:\/\/www.welt.de\/img\/kultur\/literarischewelt\/mobile101835101\/7081627827-ci23x11-w1136\/zel-haffner2-DW-Kultur-Aschaffenburg-jpg.jpg\" alt=\"Haffner in der ZDF-Sendung \u201eLiterarisches Colloquium\u201c. Quelle: https:\/\/www.welt.de\/img\/kultur\/literarischewelt\/mobile101835101\/7081627827-ci23x11-w1136\/zel-haffner2-DW-Kultur-Aschaffenburg-jpg.jpg\" width=\"546\" height=\"261\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Haffner in der ZDF-Sendung \u201eLiterarisches Colloquium\u201c. Quelle: https:\/\/www.welt.de\/img\/kultur\/literarischewelt\/mobile101835101\/7081627827-ci23x11-w1136\/zel-haffner2-DW-Kultur-Aschaffenburg-jpg.jpg<\/p><\/div>\n<p>Den streitbaren Querdenker, den es lebenslang immer auch ins Rampenlicht dr\u00e4ngte, charakterisierte Fest so: \u201eNicht selten schien es, er wende sich nicht nur den Anwesenden zu, sondern pl\u00e4diere vor dem eigenen Innern, um die Widerstandsf\u00e4higkeit eines fast absurd waghalsigen Einfalls zu erproben. Mit einem souver\u00e4nen \u00dcberblick, der die Beweisf\u00fchrungen gern mit historischen Ereignissen schm\u00fcckte und st\u00fctzte, trug er zun\u00e4chst die Lage vor, wog dann die materiellen wie die psychischen Kr\u00e4fte der Parteien ab und zog anschlie\u00dfend mit einer seltsam kalten Flamboyance die politischen Folgerungen.\u201c Wom\u00f6glich war die oftmals radikale Vehemenz seiner \u00c4u\u00dferungen, etwa die RAF als \u201eSteigb\u00fcgelhalter des heraufziehenden Faschismus\u201c zu sehen, nicht zuletzt der Versuch, \u201eim Wald des Lebens das Misstrauen gegen sich selbst wegzupfeifen\u201c, vermutet Fest.<\/p>\n<p>Auch als Sachbuchautor befasst er sich mit zeithistorischen Themen, so mit den \u201eSieben Tods\u00fcnden des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg\u201c, dem \u201eTeufelspakt: 50 Jahre deutsch-russische Beziehungen\u201c oder mit Winston Churchill. Kontrovers diskutiert wurde \u201eDie verratene Revolution \u2013 Deutschland 1918\/19\u201c: Darin warf er als einer der ersten namhaften westdeutschen Publizisten einen kritischen Blick auf die Rolle der \u201eMehrheits-SPD\u201c um Ebert, Noske und Scheidemann als Blockierer der Revolution. Schon in diesen Werken trat seine F\u00e4higkeit zutage, komplizierte geschichtliche Zusammenh\u00e4nge einem breiten Publikum verst\u00e4ndlich zu machen.<\/p>\n<p><strong>\u201enicht einmal Hass, nur Ekel\u201c<\/strong><\/p>\n<p>1978 dann der gro\u00dfe Wurf: die \u201eAnmerkungen zu Hitler\u201c. F\u00fcnf Jahre nach dem 1000-Seiten-Spektakel seines Freundes Joachim Fest, das aber, vielkritisiert, das Judenthema nur randst\u00e4ndig w\u00fcrdigte, gelang Haffner auf gerade mal 200 Seiten ein allgemeinverst\u00e4ndlicher Essay, der, ruhig und k\u00fchl geschrieben, trotzdem nicht vereinfacht und auch keine bedeutenden Aspekte aus Hitlers Leben und Wirken unber\u00fccksichtigt l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Der Autor wurde daf\u00fcr mit dem Heinrich-Heine-Preis der Stadt D\u00fcsseldorf und dem Friedrich-Schiedel-Literaturpreis ausgezeichnet. Golo Mann w\u00fcrdigte im <em>SPIEGEL <\/em>den Text: \u201eSehr klar bringt Haffner die Beispiellosigkeit des Ph\u00e4nomens heraus: in der Weltgeschichte so viel angerichtet zu haben \u2013 \u201aausgerichtet\u2018 allerdings nichts \u2013 und doch f\u00fcr sich selbst kein Interesse, nicht Sympathie, nicht Respekt, nicht einmal Hass, nur Ekel zu erwecken.\u201c Das Buch hielt sich 43 Wochen lang auf Platz 1 der <em>SPIEGEL<\/em>-Bestsellerliste.<\/p>\n<p>Zwei Jahre sp\u00e4ter erregte er nochmal Aufmerksamkeit mit seinen \u201e\u00dcberlegungen eines Wechselw\u00e4hlers\u201c. Sp\u00e4ter wurde es stiller um Haffner, der die Rolle des hochgebildeten, einzelg\u00e4ngerischen Querkopfs, die er so lange Zeit mit provokanter Laune gespielt hatte, im Fortgang der Jahre zusehends hinter sich lie\u00df. Zeitlebens aber unterschied er zwischen \u201emoderner\u201c und \u201erichtiger\u201c Literatur: Thomas Mann, Fontane, Stendhal, Tolstoi\u2026 &#8211; \u201eich bin nun einmal hoffnungslos konservativ.\u201c Er war so gern \u201eumstritten\u201c gewesen: \u201eDas ist der Lauf der Welt &#8211; Man beginnt als Genie und endet als Redakteur f\u00fcr die R\u00e4tselecke.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\n<div style=\"width: 563px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.welt.de\/img\/kultur\/literarischewelt\/mobile101835541\/2482507827-ci102l-w1024\/zel-haffner5-DW-Kultur-Hamburg-jpg.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"  \" title=\"Cover 1980. Quelle:  https:\/\/www.welt.de\/img\/kultur\/literarischewelt\/mobile101835541\/2482507827-ci102l-w1024\/zel-haffner5-DW-Kultur-Hamburg-jpg.jpg\" src=\"https:\/\/www.welt.de\/img\/kultur\/literarischewelt\/mobile101835541\/2482507827-ci102l-w1024\/zel-haffner5-DW-Kultur-Hamburg-jpg.jpg\" alt=\"Cover 1980. Quelle:  https:\/\/www.welt.de\/img\/kultur\/literarischewelt\/mobile101835541\/2482507827-ci102l-w1024\/zel-haffner5-DW-Kultur-Hamburg-jpg.jpg\" width=\"553\" height=\"541\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Cover 1980. Quelle: https:\/\/www.welt.de\/img\/kultur\/literarischewelt\/mobile101835541\/2482507827-ci102l-w1024\/zel-haffner5-DW-Kultur-Hamburg-jpg.jpg<\/p><\/div>\n<p>Den Fall der Mauer empfand Haffner als verheerend: er f\u00fchle sich \u201el\u00e4cherlich\u201c gemacht und m\u00fcsse mit der \u201eentsetzlichsten Niederlage\u201c zurechtkommen, die ihm je widerfahren sei. Was jetzt ende, sei die M\u00f6glichkeit politischen Urteilens: \u201eIch bin \u00fcberfl\u00fcssig. Das hat nicht einmal Hitler erreicht. Aber der Herr Generalsekret\u00e4r, den alle Welt so sympathisch und umg\u00e4nglich findet &#8211; dem ist es gelungen\u201c \u2013 gemeint ist Gorbatschow. Zu Kohl kein Wort.<\/p>\n<p>Am\u00a0 2. Januar 1999 stirbt er im Alter von 91 Jahren. Seine Urne wurde im Familiengrab auf dem Parkfriedhof Berlin-Lichterfelde West beigesetzt; es geh\u00f6rt zu den Ehrengr\u00e4bern des Landes Berlin. An vorderster Stelle bleibt von ihm, so Fest,<\/p>\n<blockquote><p>\u201egewiss seine rhetorische Brillanz. Dann aber auch die Radikalit\u00e4t seiner Auffassungen mitsamt der Neigung, selbst im Abseitigen weiterzulaufen. Die Vorliebe f\u00fcr das Denken in sozusagen freier Luft und ohne die Kettengewichte der Realit\u00e4t an den F\u00fc\u00dfen. Zuletzt immer wieder die gro\u00dfen Br\u00fcche mit dem Ableugnen oder Vergessen dessen, was gestern war. [\u2026] Nicht selten hatte man den Eindruck, Haffner begr\u00fc\u00dfe jeden politischen Szenentausch schon deshalb, weil er dadurch die Maske abwerfen und das alte Textbuch loswerden konnte, das ihn allm\u00e4hlich zu langweilen begann.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Auch wegen dieser Schwankungen wollte er seine alten Schriften zu Lebzeiten lieber nicht noch einmal ver\u00f6ffentlicht sehen. Doch schon drei Jahre nach seinem Tod steht der Name Haffner f\u00fcr ein Millionengesch\u00e4ft. Da wird schon mal ein Haffner-Buch einfach umbenannt und mit einem neuen Vorwort versehen &#8211; flugs l\u00e4sst es sich abermals verkaufen. Haffners Geschichte der Revolution von 1918\/19 stand unter vier verschiedenen Titeln in den Bibliotheken.<\/p>\n<p>Die Verlage warfen auf den Markt, was sie finden konnten &#8211; knapp zwei Dutzend Ver\u00f6ffentlichungen in 18 Monaten. Seit der spektakul\u00e4ren Entdeckung seiner Erinnerungen \u201eGeschichte eines Deutschen\u201c \u00fcberzog ein beispielloser Haffner-Boom die Republik. Innerhalb von gerade drei Jahren wurden allein von diesem Buch \u00fcber 500 000 Exemplare verkauft. Er wurde gefeiert als ein \u201eSolit\u00e4r unter Historikern\u201c (<em>WamS<\/em>), \u201epolitischer \u00c4sthet\u201c (<em>taz<\/em>), weitsichtiger Prophet und unbestechlicher Analytiker, gar als \u201ePublizist und Mensch ein Vorbild\u201c (Guido Knopp).<\/p>\n<p>Im Blick aufs Ganze gleicht das Leben Sebastian Haffners einem Puzzle, dessen Teile nicht zusammenpassen. Klaus Wiegrefe nannte ihn im <em>SPIEGEL<\/em> den \u201eumstrittensten Infotainer Deutschlands\u201c &#8211; und lag damit sicher am n\u00e4chsten.<\/p>\n<p><iframe style=\"border: none; overflow: hidden; width: 450px; height: 80px;\" src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D3730&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\" frameborder=\"0\" scrolling=\"no\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der \u201eWendehals\u201c, 1989 f\u00fcr DDR-Karrieristen reserviert, w\u00e4re auch seine Paraderolle: Kein deutscher Intellektueller wechselte \u00f6fter die Seiten als Hitler-Biograph Sebastian Haffner. Vor 20 Jahren starb er.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3730"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3730"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3730\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6541,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3730\/revisions\/6541"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3730"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3730"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3730"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}