{"id":3739,"date":"2019-01-20T20:01:08","date_gmt":"2019-01-20T19:01:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=3739"},"modified":"2019-01-28T15:08:02","modified_gmt":"2019-01-28T14:08:02","slug":"%e2%80%9eda-stelle-mer-uns-ma-janz-dumm%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=3739","title":{"rendered":"\u201eDa stelle mer uns ma janz dumm\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Mitte Januar 1944 entsteigt ein kleiner Mann mit spitzb\u00fcbischem Gesicht und f\u00fcnf Kartons unter dem Arm dem Nachtzug nach Ostpreu\u00dfen und steht Minuten sp\u00e4ter am Schlagbaum des F\u00fchrerhauptquartiers: Heinz R\u00fchmann, Produzent und Hauptdarsteller der \u201eFeuerzangenbowle\u201c, deren Filmrollen er im Gep\u00e4ck hat. Am Tag zuvor hatte er erfahren, dass Reichserziehungsminister Bernhard Rust die Freigabe des Streifens verhinderte, weil durch den Krieg Lehrer an den Schulen fehlten und die ordnungsgem\u00e4\u00dfe Schulerziehung dadurch ohnehin schon erschwert sei: Ein solcher Film w\u00fcrde die Autorit\u00e4t der Schule und der Lehrer geradezu gef\u00e4hrden. Nicht mit R\u00fchmann, der prompt beginnt, seine Beziehungen spielen zu lassen.<\/p>\n<p>Ein Adjutant von Reichsmarschall Hermann G\u00f6ring nimmt dem Starschauspieler den Film ab und weist ihm eine Unterkunft in den Offiziersquartieren zu. Nach zwei Tagen erh\u00e4lt er die Nachricht, dass G\u00f6ring den Film im Kreise seines Stabes sich angesehen, dar\u00fcber k\u00f6stlich erg\u00f6tzt und mit Hitler gesprochen habe. Der soll lakonisch gefragt haben: \u201eIst dieser Film zum Lachen?\u201c Als G\u00f6ring bejahte, erwiderte Hitler nur: \u201eDann ist dieser Film sofort f\u00fcr das deutsche Volk freizugeben.\u201c Propagandaminister Joseph Goebbels notiert am 25. Januar in sein Tagebuch:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDer neue R\u00fchmann-Film \u201aFeuerzangenbowle\u2018 soll unbedingt aufgef\u00fchrt werden. Der F\u00fchrer gibt mir den Auftrag, mich nicht durch Einspr\u00fcche von Lehrerseite oder von Seiten des Erziehungsministeriums einsch\u00fcchtern zu lassen.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<div style=\"width: 522px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/photos.cinematreasures.org\/production\/photos\/165150\/1461081144\/large.jpg?1461081144\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" \" title=\"Tauentzienpalast. Quelle: http:\/\/photos.cinematreasures.org\/production\/photos\/165150\/1461081144\/large.jpg?1461081144\" src=\"http:\/\/photos.cinematreasures.org\/production\/photos\/165150\/1461081144\/large.jpg?1461081144\" alt=\"Tauentzienpalast. Quelle: http:\/\/photos.cinematreasures.org\/production\/photos\/165150\/1461081144\/large.jpg?1461081144\" width=\"512\" height=\"331\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Tauentzienpalast. Quelle: http:\/\/photos.cinematreasures.org\/production\/photos\/165150\/1461081144\/large.jpg?1461081144<\/p><\/div>\n<p>Nur drei Tage sp\u00e4ter feiert der Penn\u00e4lerklamauk in den beiden Berliner UFA-Kinos \u201eTauentzienpalast\u201c und \u201eK\u00f6nigstadt\u201c Premiere; letzterer war mit 1500 Pl\u00e4tzen eins der gr\u00f6\u00dften Lichtspielh\u00e4user Deutschlands. Die Zahl der Premierenbesucher ist nicht \u00fcberliefert, k\u00f6nnte aber durchaus stattlich gewesen sein: Wurden 1939 bereits erstaunliche 624 Millionen Besucher gez\u00e4hlt, l\u00f6sten 1943 &#8211; dem Jahr, in dem der Krieg mit Stalingrad seine Wende erlebt &#8211; insgesamt 1,116 Milliarden Zuschauer eine Kinokarte. W\u00e4hrend deutsche St\u00e4dte im Bombenkrieg in Schutt und Asche gelegt werden, sch\u00f6pfen die Zuschauer Hoffnung in der heilen Kinotraumwelt. Auch in Berlin, wo in der Nacht zuvor 1077 englische Flugzeuge 3715 Tonnen Bomben abwarfen.<\/p>\n<p>Nach dem Krieg sollte es Jahrzehnte dauern, bis der Streifen wieder aufgef\u00fchrt und auch im Fernsehen gespielt werden konnte: zu Weihnachten 1964 im DDR-Fernsehfunk, zu Weihnachten 1969 im ZDF. Dort erreichte er eine Einschaltquote von 53 %, das entsprach damals 20 Millionen Zuschauern. Nach einem umstrittenen Deal der Murnau-Stiftung, die seit 1966 das \u201ereichseigene Filmverm\u00f6gen\u201c der 1953 aufgel\u00f6sten deutschen Filmproduktionsgesellschaften auswertet, mit Medienmogul Leo Kirch behielt der zwar Fernseh- und DVD-Rechte, lizenzierte den Film aber f\u00fcr \u00f6ffentliche Auff\u00fchrungen an Dr. Cornelia Meyer zur Heyde, eine Kleinunternehmerin aus dem westf\u00e4lischen M\u00fcnster \u2013 die hier im Kreisvorstand der AfD sitzt. Ihre \u201eGoldie-Film\u201c verleiht den Streifen pro Stadt nur einmal im Jahr, weil sie \u201eihren Schatz nicht verschlei\u00dfen\u201c wolle, so zur Heyde in der <em>WELT<\/em>. \u201eWarum jede Vorf\u00fchrung des Klassikers einer AfD-Politikerin Geld bringt\u201c, schlagzeilt prompt der ver\u00e4rgerte juvenile <em>SPIEGEL<\/em>-Ableger <em>Bento<\/em>. Inzwischen ist er der meistgezeigte deutsche Film der Vierzigerjahre.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\n<div style=\"width: 528px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\" https:\/\/scontent-lhr3-1.cdninstagram.com\/vp\/079435848414dbac3e111b99d30e1edb\/5CCA8C49\/t51.2885-15\/e35\/46616780_374398819994877_2736351767328113577_n.jpg?_nc_ht=scontent-lhr3-1.cdninstagram.com\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"  \" title=\"Studentenparty. Quelle: https:\/\/scontent-lhr3-1.cdninstagram.com\/vp\/079435848414dbac3e111b99d30e1edb\/5CCA8C49\/t51.2885-15\/e35\/46616780_374398819994877_2736351767328113577_n.jpg?_nc_ht=scontent-lhr3-1.cdninstagram.com\" src=\" https:\/\/scontent-lhr3-1.cdninstagram.com\/vp\/079435848414dbac3e111b99d30e1edb\/5CCA8C49\/t51.2885-15\/e35\/46616780_374398819994877_2736351767328113577_n.jpg?_nc_ht=scontent-lhr3-1.cdninstagram.com\" alt=\"Studentenparty. Quelle: https:\/\/scontent-lhr3-1.cdninstagram.com\/vp\/079435848414dbac3e111b99d30e1edb\/5CCA8C49\/t51.2885-15\/e35\/46616780_374398819994877_2736351767328113577_n.jpg?_nc_ht=scontent-lhr3-1.cdninstagram.com\" width=\"518\" height=\"291\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Studentenparty. Quelle: https:\/\/scontent-lhr3-1.cdninstagram.com\/vp\/079435848414dbac3e111b99d30e1edb\/5CCA8C49\/t51.2885-15\/e35\/46616780_374398819994877_2736351767328113577_n.jpg?_nc_ht=scontent-lhr3-1.cdninstagram.com<\/p><\/div>\n<p>Und Geld bringt er besonders in Hochschulst\u00e4dten: Der Klamaukstreifen gilt noch immer als absoluter Studi-Kult. Jahr f\u00fcr Jahr finden sich in der Vorweihnachtszeit zehntausende Studenten in H\u00f6rs\u00e4len der ganzen Republik zusammen, um den Film zu sehen. Diese Vorf\u00fchrungen sind Event-Kino im \u201eRocky Horror\u201c-Format: Zeigt Pfeiffer verkleidet als Professor Crey anhand eines Feuerwerks, wie Radium im Dunkeln leuchtet, entz\u00fcndet auch die Studentenschaft Wunderkerzen. Verschl\u00e4ft Pauker Schnauz, weil Pfeiffer seine Uhren verstellt hat, klingeln im Auditorium die mitgebrachten Wecker. Wird im Chemieunterricht die Verg\u00e4rung von Alkohol anhand von selbstgebrautem Heidelbeerwein behandelt (\u201eAber j\u00e4hder nohr einen w\u00e4hnzigen Schlock\u201c), knallen im Publikum die Sektkorken. Und taucht der zackige Geschichtslehrer Dr. Brett auf, wird er als Nazi ausgebuht.<\/p>\n<p><strong>\u201eVertreter einer verlorenen Individualit\u00e4t\u201c<\/strong><\/p>\n<p>\u201eDas seltsame Gl\u00fcck dieses Films steckt in der vollst\u00e4ndigen R\u00fcckkehr des Helden in eine unschuldige Kindheit. Stellvertretend f\u00fcr sein Publikum unternimmt er den R\u00fcckzug aus der Wirklichkeit, indem er noch einmal jenen magischen Ort aufsucht, an dem alles noch einmal beginnen und sich vielleicht ganz anders entwickeln k\u00f6nnte\u201c, versucht sich Georg See\u00dflen in <em>epd Film<\/em> der Faszination zu n\u00e4hern, die dem Streifen bis heute innewohnt. Ein Faktor ist die Pr\u00e4senz des Hauptdarstellers, dem sein enger Freund Heinrich Spoerl das Drehbuch nach seinem eigenen Roman \u201eauf den Leib\u201c schrieb. Ein weiterer ist die Geschichte an sich, die in einer undatierten \u201eguten alten Zeit\u201c um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert spielt und Sch\u00fclerm\u00fctzen, Pickelhauben und Kutschen kennt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\n<div style=\"width: 492px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.prisma.de\/cdn\/img\/default\/13\/120298_b51194fb0606bcb73ff1c6b2d7777c69_1280re0.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" \" title=\"R\u00fchmann als Pfeiffer. Quelle: https:\/\/www.prisma.de\/cdn\/img\/default\/13\/120298_b51194fb0606bcb73ff1c6b2d7777c69_1280re0.jpg\" src=\"https:\/\/www.prisma.de\/cdn\/img\/default\/13\/120298_b51194fb0606bcb73ff1c6b2d7777c69_1280re0.jpg\" alt=\"R\u00fchmann als Pfeiffer. Quelle: https:\/\/www.prisma.de\/cdn\/img\/default\/13\/120298_b51194fb0606bcb73ff1c6b2d7777c69_1280re0.jpg\" width=\"482\" height=\"343\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">R\u00fchmann als Pfeiffer. Quelle: https:\/\/www.prisma.de\/cdn\/img\/default\/13\/120298_b51194fb0606bcb73ff1c6b2d7777c69_1280re0.jpg<\/p><\/div>\n<p>In der Rahmenhandlung tauscht eine Herrenrunde bei einer Feuerzangenbowle ger\u00fchrt und am\u00fcsiert Erinnerungen an Sch\u00fclerstreiche aus. Einer der Herren, der 41j\u00e4hrige Schriftsteller Dr. Johannes Pfeiffer (\u201eMit drei F &#8211; ein F vor dem Ei, zwei F hinter dem Ei\u201c), lernte allerdings als Privatsch\u00fcler die Freuden des \u00f6ffentlichen Schullebens nie aus eigener Anschauung kennen: \u201eDer arme Pfeiffer, er hat den besten Teil seiner Jugend verpasst.\u201c Die Runde beschlie\u00dft, ihn in die Oberprima eines Kleinstadtgymnasiums einzuschleusen. Hier darf er dann, so die Binnenhandlung, in steter Auseinandersetzung mit kauzig-komischen Lehrern seinen Nachholbedarf an Streichen und Penn\u00e4lervergn\u00fcgungen befriedigen.<\/p>\n<p>Der unzeitgem\u00e4\u00dfe Klassenclown bekommt am Ende, zur Belohnung f\u00fcr die R\u00fcckkehr in die Wirklichkeit, quasi zur Vers\u00f6hnung mit dem Leben noch die minderj\u00e4hrige Tochter des Direktors zur Braut, der nicht zuf\u00e4llig \u201eZeus\u201c genannt wird und genau wie der G\u00f6ttervater aussieht. Diese Passgenauigkeit der Schauspieler zu ihren Typen ist ebenfalls ein Erfolgsfaktor des Films, allen voran die drei Sachsen Erich Ponto als Professor Schnauz (\u201eS\u00e4tzen Se s\u00e4ch\u201c), Hans Leibelt als Direktor Knauer und Walter Werner als Pfeiffers Hausdiener. Hier spielt unbedingt das gezeichnete P\u00e4dagogenbild mit hinein: die Lehrer als unheldische, von altmodischer V\u00e4terlichkeit bestimmte Sachwalter einer vom Nationalsozialismus nicht infizierten Generation, die zugleich verspottet und geliebt werden. \u201eSie sind Vertreter einer verlorenen Individualit\u00e4t; jeder zelebriert seine gestischen, logischen und vor allem sprachlichen Macken mit einer Reinheit, die sozusagen bereits die vorweggenommene Parodie ist\u201c, meint See\u00dflen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\n<div style=\"width: 437px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/media1.faz.net\/ppmedia\/aktuell\/2813190580\/1.3812157\/article_multimedia_overview\/professor-schnauz-und-sein.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" \" title=\"Erich Ponto als Schnauz. Quelle: https:\/\/media1.faz.net\/ppmedia\/aktuell\/2813190580\/1.3812157\/article_multimedia_overview\/professor-schnauz-und-sein.jpg\" src=\"https:\/\/media1.faz.net\/ppmedia\/aktuell\/2813190580\/1.3812157\/article_multimedia_overview\/professor-schnauz-und-sein.jpg\" alt=\"Erich Ponto als Schnauz. Quelle: https:\/\/media1.faz.net\/ppmedia\/aktuell\/2813190580\/1.3812157\/article_multimedia_overview\/professor-schnauz-und-sein.jpg\" width=\"427\" height=\"241\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Erich Ponto als Schnauz. Quelle: https:\/\/media1.faz.net\/ppmedia\/aktuell\/2813190580\/1.3812157\/article_multimedia_overview\/professor-schnauz-und-sein.jpg<\/p><\/div>\n<p>Der Film stammt von einem \u201eRegisseur, dessen gro\u00dfes Verdienst es wohl war, den Schauspielern nicht im Weg zu stehen\u201c, mokiert sich See\u00dflen: Helmut Wei\u00df, ein guter Freund von R\u00fchmann. Der Streifen war Wei\u00df\u2018 Regiedeb\u00fct und ist bis auf den heutigen Tag seine bekannteste und erfolgreichste Arbeit geblieben. Er war auch der erste Regisseur, der nach Kriegsende in Westdeutschland wieder einen Film drehen durfte: \u201eSag\u2019 die Wahrheit\u201c, ebenfalls ein R\u00fchmann-Projekt, das dieser 1945 begonnen hatte, wegen des Krieges jedoch nicht zu Ende bringen konnte. Sein erfolgreichster Nachkriegsfilm als Regisseur war das Lustspiel \u201eDrei Mann in einem Boot\u201c, in dem Hans-Joachim Kulenkampff, Heinz Erhardt und Walter Giller drei Freunde spielen, die f\u00fcr ein paar Tage Rei\u00dfaus vor dem Alltag und ihren Frauen nehmen: in See\u00dflens Augen \u201ebelangloser Unfug\u201c.<\/p>\n<p>Und die \u201eFeuerzangenbowle\u201c wurde gefilmt von Ewald Daub: Ihm ist es zu verdanken, dass Heinz R\u00fchmann \u00fcberhaupt die Rolle Pfeiffers spielte, denn der fand sich zu alt, um einen Primaner glaubhaft darstellen zu k\u00f6nnen. Erst Daubs Probeaufnahmen \u00fcberzeugten ihn. Der Braunschweiger hatte eine Fotoausbildung absolviert, war Kriegsberichterstatter an der franz\u00f6sischen Front und arbeitete zwischen 1927 und 1934 mit dem Sensationsdarsteller und Regisseur Harry Piel zusammen. Nach dem Krieg f\u00fchrte er in Berlin ein Fotogesch\u00e4ft, seine Filmographie z\u00e4hlte \u00fcber 140 Filme. Da er Vollwaise war, unterstellen ihm Branchenkenner eine aktive Sehnsucht nach \u201esch\u00f6nen Bildern\u201c, die sich im Film durchaus vermittelt und auch zu seinem Erfolg beigetragen haben d\u00fcrfte.<\/p>\n<p><strong>\u201eSehnsucht nach Frieden und Vers\u00f6hnung\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Die nostalgische R\u00fcckkehr in die Jugendzeit hat dem Film freilich eine Debatte nicht erspart, die Mitte der Siebzigerjahre mit einem provozierenden Aufsatz Karsten Wittes begann. \u201eWie faschistisch ist die \u201aFeuerzangenbowle\u2019?\u201c fragte Witte, der sp\u00e4ter als Erster die neu geschaffene Professur f\u00fcr Filmwissenschaft an der Freien Universit\u00e4t Berlin \u00fcbernahm und die gesammelten Schriften Siegfried Kracauers herausgab. Mitte der Neunziger folgte Georg See\u00dflens Verdikt, sie sei kein guter und kein b\u00f6ser Film, aber \u201eleider auch kein unschuldiger\u201c.<\/p>\n<p>So hei\u00dft es im Begleittext des Deutschen Historischen Museums: \u201eNur wenige Wochen nach der Kapitulation der 6.\u00a0Armee in Stalingrad begannen die Dreharbeiten f\u00fcr \u201aDie Feuerzangenbowle\u2018. W\u00e4hrend immer neue Jahrg\u00e4nge von Sch\u00fclern zur Armee mussten, die Juden Europas deportiert und ermordet wurden und Bomben auf deutsche St\u00e4dte fielen, fl\u00fcchtete der Film aus der Gegenwart\u201c. F\u00fcr See\u00dflen geh\u00f6rt er<\/p>\n<blockquote><p>\u201ezu jenen schizophrenen Filmen aus der Sp\u00e4tzeit des Nationalsozialismus, die zugleich dem Regime dienen und \u00fcber sein Ende hinausblicken wollen, die voller offener oder unterschwelliger Nazi-Ideologeme sind, und zugleich von einer Sehnsucht nach Frieden und Vers\u00f6hnung zeugen, die sozusagen schon mit der Verdr\u00e4ngung der Schuld beginnt, w\u00e4hrend sie noch geschieht.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\">\n<div style=\"width: 571px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/3.bp.blogspot.com\/-CKAKnlILjxs\/UV1mJL8bAzI\/AAAAAAAAFdk\/aCYqsxOMujQ\/s1600\/vlcsnap-2013-04-04-13h19m48s143.png\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" \" title=\"Brett und B\u00f6mmel. Quelle: http:\/\/3.bp.blogspot.com\/-CKAKnlILjxs\/UV1mJL8bAzI\/AAAAAAAAFdk\/aCYqsxOMujQ\/s1600\/vlcsnap-2013-04-04-13h19m48s143.png\" src=\"http:\/\/3.bp.blogspot.com\/-CKAKnlILjxs\/UV1mJL8bAzI\/AAAAAAAAFdk\/aCYqsxOMujQ\/s1600\/vlcsnap-2013-04-04-13h19m48s143.png\" alt=\"Brett und B\u00f6mmel. Quelle: http:\/\/3.bp.blogspot.com\/-CKAKnlILjxs\/UV1mJL8bAzI\/AAAAAAAAFdk\/aCYqsxOMujQ\/s1600\/vlcsnap-2013-04-04-13h19m48s143.png\" width=\"561\" height=\"430\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Brett und B\u00f6mmel. Quelle: http:\/\/3.bp.blogspot.com\/-CKAKnlILjxs\/UV1mJL8bAzI\/AAAAAAAAFdk\/aCYqsxOMujQ\/s1600\/vlcsnap-2013-04-04-13h19m48s143.png<\/p><\/div>\n<p>Als ein solches \u201eNazi-Ideologem\u201c benennt Hanns-Georg Rodek vor sechs Jahren in der <em>WELT<\/em> die Erziehungsmethoden, wie sie Oberlehrer Dr. Brett Lehrer B\u00f6mmel (\u201eDa stelle mer uns ma janz dumm\u201c) erl\u00e4utert: \u201eJunge B\u00e4ume, die wachsen wollen, muss man anbinden, dass sie sch\u00f6n gerade wachsen, nicht nach allen Seiten ausschlagen, und genauso ist es mit den jungen Menschen. Disziplin muss das Band sein, das sie bindet \u2013 zu sch\u00f6nem geraden Wachstum!\u201c Allerdings, so der Autor unter der bezeichnenden Schlagzeile \u201eSchmunzelt! Lacht! Aber denkt nicht an Stalingrad!\u201c, lie\u00dfe sich das Ideal vom \u201esch\u00f6nen geraden Wachstum\u201c nicht nur mit der NS-Ideologie assoziieren, welche die Arier als \u00fcberlegen propagierte: Es lie\u00dfe sich auch assoziieren mit einem \u201egeraden Wirtschaftswachstum\u201c, in dessen Namen junge Leute \u201evom Sprachenlernen im Kindergarten \u00fcber das Zw\u00f6lfjahresabitur bis zum durchreglementierten Studium\u201c\u00a0 wieder rigoros angebunden w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Benjamin Maack hatte sich im <em>SPIEGEL<\/em> schon f\u00fcnf Jahre zuvor mit der Rolle Heinz R\u00fchmanns auseinander gesetzt, der 1940 zum Staatsschauspieler ernannt worden war und f\u00fcr den w\u00e4hrend der Herrschaft Hitlers &#8211; obwohl er nie in die NSDAP eintritt &#8211; die Zeit seiner gr\u00f6\u00dften Erfolge anbricht, w\u00e4hrend andere wie Billy Wilder und Marlene Dietrich dem Reich l\u00e4ngst den R\u00fccken gekehrt haben. R\u00fchmann selbst, so betonte er sp\u00e4ter stets, wollte immer nur Filme machen, die das Publikum erfreuen. Einige der jungen Schauspieler, die seine Klassenkameraden gespielt hatten, erlebten die Premiere nicht mehr &#8211; sie waren nach dem Dreh direkt an die Front geschickt worden und gefallen. Um das zu verhindern, hatte R\u00fchmann noch versucht, die Dreharbeiten m\u00f6glichst lange hinauszuz\u00f6gern &#8211; vergeblich.<\/p>\n<div style=\"width: 542px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/static.kino.de\/wp-content\/gallery\/die-feuerzangenbowle-1944\/feuerzangenbowle-die-heinz-rhmann-8-rcm950x0.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"  \" title=\"Im Chemieunterricht. Quelle: https:\/\/static.kino.de\/wp-content\/gallery\/die-feuerzangenbowle-1944\/feuerzangenbowle-die-heinz-rhmann-8-rcm950x0.jpg\" src=\"https:\/\/static.kino.de\/wp-content\/gallery\/die-feuerzangenbowle-1944\/feuerzangenbowle-die-heinz-rhmann-8-rcm950x0.jpg\" alt=\"Im Chemieunterricht. Quelle: https:\/\/static.kino.de\/wp-content\/gallery\/die-feuerzangenbowle-1944\/feuerzangenbowle-die-heinz-rhmann-8-rcm950x0.jpg\" width=\"532\" height=\"402\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Im Chemieunterricht. Quelle: https:\/\/static.kino.de\/wp-content\/gallery\/die-feuerzangenbowle-1944\/feuerzangenbowle-die-heinz-rhmann-8-rcm950x0.jpg<\/p><\/div>\n<p>\u201eVielleicht hat sich R\u00fchmann damals wirklich manchmal gew\u00fcnscht, noch einmal wie in der \u201aFeuerzangenbowle\u2018 einfach ein Sch\u00fcler zu sein, in einer heilen, \u00fcberschaubaren Welt und frei von jeder Verantwortung\u201c, mutma\u00dft Maack. F\u00fcr ihn hat der Sch\u00fclerklamauk seinen glaubw\u00fcrdigsten und wehm\u00fctigsten Moment in seiner letzten Szene, da sich Pfeiffers Ausflug zur\u00fcck in die Schulzeit als Traum entpuppt: \u201eWahr sind nur die Erinnerungen, die wir in uns tragen, die Tr\u00e4ume, die wir spinnen, und die Sehns\u00fcchte, die uns treiben. Damit wollen wir uns bescheiden.\u201c Solche Bescheidenheit h\u00e4tte auch den Urhebern gut gestanden, die sich 1970 an einer Neuverfilmung und 2004 an einem Musical versuchten \u2013 beide Werke blieben ebenso uncharmant wie erfolglos.<\/p>\n<p><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D3739&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDieser Film ist ein Loblied auf die Schule, aber es ist m\u00f6glich, dass die Schule es nicht merkt\u201c: so beginnt einer der kultigsten deutschen Spielfilme. Vor 75 Jahren kam \u201eDie Feuerzangenbowle\u201c ins Kino.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4,9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3739"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3739"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3739\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3760,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3739\/revisions\/3760"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3739"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3739"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3739"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}