{"id":3748,"date":"2019-01-18T20:28:49","date_gmt":"2019-01-18T19:28:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=3748"},"modified":"2019-01-04T20:46:53","modified_gmt":"2019-01-04T19:46:53","slug":"%e2%80%9eer-zeigt-menschen-wie-baume-und-baume-wie-menschen%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=3748","title":{"rendered":"\u201eEr zeigt Menschen wie B\u00e4ume und B\u00e4ume wie Menschen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Wenn man einen DDR-Autor \u201eVolksschriftsteller\u201c nennen kann, dann Erwin Strittmatter: urb\u00e4urisch, knorrig, humorig, mit Schieberm\u00fctze und Vollbart, inmitten seiner Araber im brandenburgischen Schulzenhof. Eine oft bem\u00fchte Anekdote geht so: Vor einer Lesung in Leipzig hatten junge Leute erkundet, dass jemand unweit auf dem Lande einen Hengst besa\u00df, den er vom Pferdehof des Schriftstellers gekauft hatte. W\u00e4hrend der Signierstunde rief ein Begleiter Strittmatter heraus: Ein Besucher warte auf ihn. Es war der Hengst. Der Dichter herzte ihn, meinte aber, das Tier habe ihn nicht erkannt. Die Presse, die anderer Ansicht war, komplimentierte das Pferd hinein. Es kam dieser Bitte auch nach. Weitere Pferdebesuche in DDR-Buchhandlungen sind nicht \u00fcberliefert.<\/p>\n<p>Doch der deutsche Autor mit sorbischen Wurzeln hatte auch andere, dunkle Seiten, die erst nach seinem Tod am 31. Januar 1994 vollst\u00e4ndig offen gelegt wurden. So wurde 1996 bekannt, dass er einerseits von 1958 bis 1964 als Geheimer Informator \u201eDollgow\u201c der Staatssicherheit arbeitete, sp\u00e4ter wurden daraus die Inoffiziellen Mitarbeiter (IM). Noch in den 1970er Jahren bef\u00fcrwortete er laut Stasi-Akte des Schriftstellers Reiner Kunze (\u201eDeckname Lyrik\u201c) dessen Ausweisung aus der DDR. Andererseits verschwieg er, dass er 1941 als Freiwilliger zur Schutzpolizei ging, die sp\u00e4ter der SS angegliedert wurde. 1942 musste er auf dem Balkan als Oberwachtmeister des \u201eGebirgsj\u00e4ger-Regiment 18\u201c im Rahmen der \u201eOperation Enzian\u201c mindestens Kenntnis vom Massaker in Bistrica pri Kranju gehabt haben \u2013 wenn er nicht gar daran beteiligt war.<\/p>\n<div style=\"width: 574px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\" https:\/\/www.berliner-kurier.de\/image\/23730466\/2x1\/940\/470\/7c8a7332323b495dd92843687817f07\/xf\/digas-102685355-mds-bez-201.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" \" title=\"Erwin Strittmatter. Quelle: https:\/\/www.berliner-kurier.de\/image\/23730466\/2x1\/940\/470\/7c8a7332323b495dd92843687817f07\/xf\/digas-102685355-mds-bez-201.jpg\" src=\" https:\/\/www.berliner-kurier.de\/image\/23730466\/2x1\/940\/470\/7c8a7332323b495dd92843687817f07\/xf\/digas-102685355-mds-bez-201.jpg\" alt=\"Erwin Strittmatter. Quelle: https:\/\/www.berliner-kurier.de\/image\/23730466\/2x1\/940\/470\/7c8a7332323b495dd92843687817f07\/xf\/digas-102685355-mds-bez-201.jpg\" width=\"564\" height=\"281\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Erwin Strittmatter. Quelle: https:\/\/www.berliner-kurier.de\/image\/23730466\/2x1\/940\/470\/7c8a7332323b495dd92843687817f07\/xf\/digas-102685355-mds-bez-201.jpg<\/p><\/div>\n<p>\u201eEndlich einer aus dem Osten!\u201c, frohlockte Oliver Jungen am 09.06.2008 in der <em>FAZ<\/em>, als die Recherche \u00f6ffentlich wurde, und hielt Strittmatters literarisches Schicksal l\u00e4ngst f\u00fcr besiegelt. Aus dem Nachlass wurden Briefe bekannt, die ihm im Mai 1971 eine fr\u00fchere Geliebte schickte &#8211; einst zur Aufbewahrung \u00fcberlassen und l\u00e4ngst \u201everloren und vernichtet\u201c geglaubt. Der Schriftsteller hielt in seinem Tagebuch fest, es handle sich um \u201eabgesto\u00dfene Seelenh\u00e4ute, die man halb neugierig, halb \u00e4ngstlich betrachtet\u201c. Wie aber die Wiederentdeckung auf ihn gewirkt, ob er sich \u00fcberhaupt in den Fund vertieft hat, ist nicht zu erfahren. So schrieb Strittmatter Anfang Januar 1942 seinen Eltern aus der Oberkrain in Slowenien \u201eDann nehmen wir es (das Dorf) endlich und brannten alles nieder\u201c. Und weiter: \u201eNun holen wir zum Hauptschlag aus. Die Banden sind immer noch nicht ganz aufgerieben.\u201c Was Strittmatter dabei genau getan hat, ist bis heute nicht bekannt.<\/p>\n<p><strong>\u201eaus Lust und innerlichem Zwang\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Seitdem knirscht es im literarischen Erinnerungsgeb\u00e4lk. Der 1994 vom Potsdamer Landwirtschaftsministerium gestiftete \u201eErwin-Strittmatter-Preis\u201c wird seit 2008 nur noch als \u201eBrandenburgischer Literaturpreis Umwelt\u201c verliehen. Und im Januar 2012 beschloss die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Spremberg, von einer offiziellen W\u00fcrdigung aus Anlass des 100. Geburtstages ihres Ehrenb\u00fcrgers abzusehen. Rechnet man nun noch hinzu, dass ihm einige seiner acht S\u00f6hne, die er mit drei Frauen hatte, sowie eine Enkelin vorwarfen, er sei ein hartherziger, pr\u00fcgelnder Egomane und Familientyrann gewesen, der zwar die Geburtstage seiner Pferde, nicht aber die seiner Kinder kennt, wird deutlich, dass der \u201eNationalautor einer halben Nation\u201c (<em>SPIEGEL<\/em>) gerade eine Persona non grata wird.<\/p>\n<div style=\"width: 546px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\" https:\/\/www.tagesspiegel.de\/images\/heprodimagesfotos82320120814stritt-jpg\/6996298\/5-format1012.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" \" title=\"Strittmatter als Pferdez\u00fcchter. Quelle: https:\/\/www.tagesspiegel.de\/images\/heprodimagesfotos82320120814stritt-jpg\/6996298\/5-format1012.jpg\" src=\" https:\/\/www.tagesspiegel.de\/images\/heprodimagesfotos82320120814stritt-jpg\/6996298\/5-format1012.jpg\" alt=\"Strittmatter als Pferdez\u00fcchter. Quelle: https:\/\/www.tagesspiegel.de\/images\/heprodimagesfotos82320120814stritt-jpg\/6996298\/5-format1012.jpg\" width=\"536\" height=\"637\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Strittmatter als Pferdez\u00fcchter. Quelle: https:\/\/www.tagesspiegel.de\/images\/heprodimagesfotos82320120814stritt-jpg\/6996298\/5-format1012.jpg<\/p><\/div>\n<p>Der am 14. August 1912 geborene B\u00e4ckersohn verbringt seine Kindheit in Bohsdorf nahe Spremberg (Niederlausitz), wo seine Eltern eine B\u00e4ckerei mit Kolonialwarenhandlung betrieben &#8211; Laden und Dorf wurden sp\u00e4ter in seiner Romantrilogie \u201eDer Laden\u201c unsterblich. Strittmatter verl\u00e4sst das Realgymnasium ohne Abschluss, lernt B\u00e4cker und ist auch als Kellner, Hilfsarbeiter und Tierpfleger t\u00e4tig. Er schloss sich noch vor 1933 der SPD an, heiratet 1937 erstmals und arbeitet in der Th\u00fcringischen Zellwolle-AG in Rudolstadt-Schwarza. 1939 meldet er sich als Alternative zum Kriegsdienst bei besagter Schutzpolizei. Im Sommer 1944 wurde Strittmatter, der auch als einer der Schreiber seines Bataillons fungierte, zur Film- und Bildstelle des Hauptamtes der Ordnungspolizei nach Berlin versetzt.<\/p>\n<p>Nach Kriegsende arbeitete Strittmatter zuerst wieder als B\u00e4cker, sp\u00e4ter als Lokalredakteur der <em>M\u00e4rkischen Volksstimme<\/em> in Senftenberg, heiratet erneut, wird 1947 Amtsvorsteher mehrerer Gemeinden in der Niederlausitz sowie SED-Mitglied. In seiner Freizeit \u00fcbt er sich als Schriftsteller, der \u201eaus Lust und innerlichem Zwang\u201c niederschrieb, was er \u201eerlebt, gesehen und gef\u00fchlt hatte\u201c. 1950 erschien sein Erstlingswerk \u201eOchsenkutscher\u201c, ein Roman \u00fcber einen heranwachsenden Dorfjungen, der sich mit dem Zustand seiner Welt nicht abfinden will. Bis 1953 ist er am Berliner Ensemble Assistent bei Bertolt Brecht, der sogar sein St\u00fcck \u201eKatzgraben\u201c auff\u00fchrt. Darin findet sich das damals bekannte \u201eLPG-Lied\u201c: \u201eWenn Melk-Marie in k\u00fchler Fr\u00fch\u2018 \/ Huscht zu den K\u00fch\u2018n und Ochsen \/ Dann \u00f6ffnen wir auf der Station \/ Geschwind die Traktorboxen.\u201c Eine \u201eS\u00fcnde wider die Kunst\u201c sagt er sp\u00e4ter.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\n<div style=\"width: 602px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.moz.de\/fileadmin\/_processed_\/6\/5\/csm_1025812768_ef50c4e5c4.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"  \" title=\"Strittmatter-Grundst\u00fcck in Schulzenhof. Quelle: https:\/\/www.moz.de\/fileadmin\/_processed_\/6\/5\/csm_1025812768_ef50c4e5c4.jpg\" src=\"https:\/\/www.moz.de\/fileadmin\/_processed_\/6\/5\/csm_1025812768_ef50c4e5c4.jpg\" alt=\"Strittmatter-Grundst\u00fcck in Schulzenhof. Quelle: https:\/\/www.moz.de\/fileadmin\/_processed_\/6\/5\/csm_1025812768_ef50c4e5c4.jpg\" width=\"592\" height=\"394\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Strittmatter-Grundst\u00fcck in Schulzenhof. Quelle: https:\/\/www.moz.de\/fileadmin\/_processed_\/6\/5\/csm_1025812768_ef50c4e5c4.jpg<\/p><\/div>\n<p>Seit 1954 lebte er in Schulzenhof im Ruppiner Land als Schriftsteller und Pferdez\u00fcchter, seit 1956 gemeinsam mit seiner dritten Ehefrau, der 18 Jahre j\u00fcngeren Dichterin Eva Strittmatter, die auch seine Lektorin wird. Sie fand von Anfang an den richtigen Ton: \u201eDeine Arbeit wird immer der Mittelpunkt unserer Tage und Quelle f\u00fcr unsere Liebe sein\u201c. Wie ihr Mann Auflagenmillion\u00e4r, r\u00e4umt sie nach Erwins Tod massive Eheprobleme ein und stirbt 2011 tablettens\u00fcchtig. Beide zogen vier Kinder auf, davon drei gemeinsame S\u00f6hne. Die Kinderb\u00fccher \u201eTinko\u201c und \u201ePony Pedro\u201c entstehen.<\/p>\n<p>Der erstgeborene Sohn, der homosexuelle Autor und Schauspieler Erwin Berner (* 1953) ist es dann, der in seinen \u201eErinnerungen an Schulzenhof\u201c (2016) die Landidylle als \u201eAlbtraum in sch\u00f6ner Landschaft\u201c dekonstruiert, um seine in Suizidversuchen gipfelnden Traumata aufzuarbeiten. Er und seine Br\u00fcder durften erst als Halbw\u00fcchsige zu den Eltern ziehen. Vorher hatten sie \u2013 gegen Bezahlung \u2013 bei der Gro\u00dfmutter in Neuruppin wohnen m\u00fcssen, weil der Vater lieber in Ruhe arbeiten wollte. Die bedr\u00fcckende Atmosph\u00e4re auf dem Schulzenhof umschreibt er mit den Verben schweigen (\u00fcber alles Pers\u00f6nliche), drohen (mit Schl\u00e4gen und Kontaktabbruch) und l\u00fcgen (\u00fcber Familie und Geld): Das war \u201eein System, das der Herrschsucht Raum gab\u201c. J\u00e4he Wutausbr\u00fcche, Z\u00fcchtigungen, die Erwin selbst in seinen Tageb\u00fcchern thematisiert, und Dem\u00fctigungen bestimmen den Alltag.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\n<div style=\"width: 579px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/media101.tlz.de\/content\/59\/91\/91\/5I\/5991915ITOMV4DB_V4RHRGTRYAXAWHGDHCPTTN529042016202\/D0R0004280240.JPG\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" \" title=\"Strittmatter-S\u00f6hne Ilja, Erwin und Jakob (v.\u200al.) 2011. Quelle: https:\/\/media101.tlz.de\/content\/59\/91\/91\/5I\/5991915ITOMV4DB_V4RHRGTRYAXAWHGDHCPTTN529042016202\/D0R0004280240.JPG\" src=\"https:\/\/media101.tlz.de\/content\/59\/91\/91\/5I\/5991915ITOMV4DB_V4RHRGTRYAXAWHGDHCPTTN529042016202\/D0R0004280240.JPG\" alt=\"Strittmatter-S\u00f6hne Ilja, Erwin und Jakob (v.\u200al.) 2011. Quelle: https:\/\/media101.tlz.de\/content\/59\/91\/91\/5I\/5991915ITOMV4DB_V4RHRGTRYAXAWHGDHCPTTN529042016202\/D0R0004280240.JPG\" width=\"569\" height=\"221\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Strittmatter-S\u00f6hne Ilja, Erwin und Jakob (v.\u200al.) 2011. Quelle: https:\/\/media101.tlz.de\/content\/59\/91\/91\/5I\/5991915ITOMV4DB_V4RHRGTRYAXAWHGDHCPTTN529042016202\/D0R0004280240.JPG<\/p><\/div>\n<p>Dabei galt der Schulzenhof viele Jahrzehnte als vielfach thematisiertes \u00d6ko-Refugium des gefeierten Paares. Generationen von Journalisten pilgerten auf das entlegene Vorwerk und schrieben salbungsvolle Reportagen \u00fcber das gl\u00fcckliche Landleben: \u201eDer Schulzenhof schien alles auf sich zu vereinen: DDR-Identit\u00e4t und Geselligkeit, Poesie und Erfolg, Weisheit und SED-Politik, Kreativit\u00e4t und Liebe, Kultur und Natur, Familie und eine eintr\u00e4gliche Ponyzucht\u201c, meint Karim Saab in der <em>MAZ<\/em>.<\/p>\n<p>Enkelin Judka Strittmatter stie\u00df parallel in dasselbe Horn. Sie beschrieb Strittmatter in der <em>Berliner Zeitung <\/em>als fremden, herzlosen Opa und rechnete mit ihm in ihrem Roman \u201eDie Schwestern\u201c ab: \u201eWie musste es ihm gutgegangen sein, dem Onkel Kurt, so geliebt zu werden. Er musste sich gro\u00df und einzigartig gef\u00fchlt haben. Und warum hatte ihn das nicht abgehalten, ein schlechter Vater zu sein?\u201c Im Roman ist der Onkel kein Schriftsteller, sondern Schauspieler \u2013 noch eine Rache, wurde Strittmatter doch oft mit dem Schauspieler Erwin Geschonnek verwechselt, was den durchaus eitlen Autor nicht am\u00fcsierte. Knut Strittmatter, ein Sohn aus erster Ehe, erkl\u00e4rte ebenfalls, dass sein Vater auch nach Jahren \u201ekeine Toleranz f\u00fcr Schwiegertochter und Enkelkinder aufbringen konnte\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\n<div style=\"width: 573px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/biblog.fh-zwickau.de\/wp-content\/uploads\/strittmatter.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"  \" title=\"Erwin und Eva. Quelle: https:\/\/biblog.fh-zwickau.de\/wp-content\/uploads\/strittmatter.jpg\" src=\"https:\/\/biblog.fh-zwickau.de\/wp-content\/uploads\/strittmatter.jpg\" alt=\"Erwin und Eva. Quelle: https:\/\/biblog.fh-zwickau.de\/wp-content\/uploads\/strittmatter.jpg\" width=\"563\" height=\"476\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Erwin und Eva. Quelle: https:\/\/biblog.fh-zwickau.de\/wp-content\/uploads\/strittmatter.jpg<\/p><\/div>\n<p>Nach einem Intermezzo als 1. Sekret\u00e4r des Deutschen Schriftstellerverbandes erscheint 1963 \u201eOle Bienkopp\u201c, eins der meistgelesenen B\u00fccher der DDR, das auch Schulstoff wurde. Anfangs trug das Werk dem Verfasser scharfe Parteikritik ein, da Strittmatters Held auf eigene Faust und gegen den Willen der Funktion\u00e4re eine \u201eNeue Bauerngemeinschaft\u201c gr\u00fcndet und schlie\u00dflich am Starrsinn der Parteib\u00fcrokratie zerbricht. Es wurde 1964 mit dem Nationalpreis ausgezeichnet \u2013 vier weitere Nationalpreise, mehrere Vaterl\u00e4ndische Verdienstorden, Kunstpreise und andere Ehrungen folgen. Daran schlie\u00dft sich das sogenannte \u201enovellistische Jahrzehnt\u201c an: kleine naturverbundene Prosast\u00fccke wie in \u201eSchulzenhofer Kramkalender\u201c, \u201eEin Dienstag im September\u201c und \u201e3\/4 hundert Kleingeschichten\u201c.<\/p>\n<p><strong>\u201eich gehe umher wie ein M\u00f6rder\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Sp\u00e4ter wird seine Kurzprosa vor allem aus Reflexionen (\u201eSelbstermunterungen\u201c, \u201eWie ich meinen Gro\u00dfvater kennenlernte\u201c) und Tiergeschichten (\u201ePonyweihnacht\u201c, \u201eFlikka\u201c) bestehen. Sein umfangreichstes Werk neben dem \u201eLaden\u201c ist die ebenfalls autobiographisch gepr\u00e4gte Trilogie \u201eDer Wundert\u00e4ter\u201c, die den dornenreichen Weg des Stanislaus B\u00fcdner aus Waldwiesen vom poetisierenden B\u00e4ckergesellen zum kritischen Schriftsteller nachzeichnet und an der er von den 50er Jahren bis ins Fr\u00fchjahr 1978 schreibt. \u201eDer Roman ist abgegeben, aber ich gehe umher wie ein M\u00f6rder, der bangt, dass man seine Tat bald entdecken wird\u201c, notiert Strittmatter im April \u00fcber den dritten Band.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<div style=\"width: 572px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"  \" title=\"Strittmatter auf der 1. Bitterfelder Konferenz. Quelle: https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Erwin_Strittmatter#\/media\/File:Bundesarchiv_Bild_183-63679-0006,_1._Bitterfelder_Konferenz,_Strittmatter.jpg\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/a\/a4\/Bundesarchiv_Bild_183-63679-0006%2C_1._Bitterfelder_Konferenz%2C_Strittmatter.jpg\" alt=\"Strittmatter auf der 1. Bitterfelder Konferenz. Quelle: https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Erwin_Strittmatter#\/media\/File:Bundesarchiv_Bild_183-63679-0006,_1._Bitterfelder_Konferenz,_Strittmatter.jpg\" width=\"562\" height=\"576\" \/><p class=\"wp-caption-text\">Strittmatter auf der 1. Bitterfelder Konferenz. Quelle: https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Erwin_Strittmatter#\/media\/File:Bundesarchiv_Bild_183-63679-0006,_1._Bitterfelder_Konferenz,_Strittmatter.jpg<\/p><\/div>\n<p>Zwei Jahre lang wird er mit Vorladungen, \u201estilistischen\u201c Ver\u00e4nderungsw\u00fcnschen und Versprechungen, mit lauten Lobspr\u00fcchen und leisen Sabotagema\u00dfnahmen hingehalten: Strittmatter hatte die Vergewaltigung einer jungen Ostdeutschen durch einen Rotarmisten geschildert und damit gegen ein DDR-Tabu versto\u00dfen. Als das Buch schlie\u00dflich gedruckt wird, kauft die Nationale Volksarmee fast die gesamte Auflage, einige 10 000 Exemplare, vom Markt weg. Nur ein kleiner Teil wird an die \u201eVolksbuchhandlungen\u201c mit der strikten Anweisung ausgeliefert, das skandal\u00f6se Werk lediglich unter dem Ladentisch und an ausgew\u00e4hlte Parteikader abzugeben.<\/p>\n<p>Danach begann er sein Alterswerk, das 1992 zu beenden er sich mit dem Erlebnis der Wende qu\u00e4len musste: die drei B\u00e4nde des \u201eLaden\u201c. Die Trilogie wurde fast 800.000-mal verkauft, mit Martin Benrath 1998 als Dreiteiler verfilmt und sowohl mit dem Deutschen Fernsehpreis als auch dem Adolf-Grimme-Preis gew\u00fcrdigt. Strittmatter verwickelt darin in Lausitzer Dialekten und sorbischen Versatzst\u00fccken Menschen, Natur und Gegenst\u00e4nde zu unentwirrbaren Kn\u00e4ueln. Alles ist in Bewegung, beseelt von eigenartigen Energien. \u201eIn der Backstube vergart das Brot, der Teig verl\u00e4sst die h\u00f6lzernen Brotmulden und l\u00e4uft, sich die Welt anzusehen\u201c, hei\u00dft es darin, oder: \u201eIm Fahrrad, zeigt sich, sammelt sich w\u00e4hrend des langen Stillstehens \u00dcbermut an.\u201c Seine Lesereise mit dem 3. Band wird ein Sensationserfolg. Wochenlang f\u00fcllt der Achtzigj\u00e4hrige zwischen Rostock und Chemnitz die S\u00e4le, liest der r\u00fcstige Greis verhalten und ohne rhetorischen Aufwand.<\/p>\n<div style=\"width: 387px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/images-na.ssl-images-amazon.com\/images\/I\/514kRw%2Bi5vL.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" title=\"Laden-DVD. Quelle: https:\/\/images-na.ssl-images-amazon.com\/images\/I\/514kRw%2Bi5vL.jpg\" src=\"https:\/\/images-na.ssl-images-amazon.com\/images\/I\/514kRw%2Bi5vL.jpg\" alt=\"Laden-DVD. Quelle: https:\/\/images-na.ssl-images-amazon.com\/images\/I\/514kRw%2Bi5vL.jpg\" width=\"377\" height=\"500\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Laden-DVD. Quelle: https:\/\/images-na.ssl-images-amazon.com\/images\/I\/514kRw%2Bi5vL.jpg<\/p><\/div>\n<p>Schriftstellerkollege Erich Loest rezensierte: \u201eViel ist von sch\u00f6nen Frauenz\u00e4hnen die Rede und von D\u00f6rflerbrunst, das Land der G\u00fcter wird verteilt, ,Espede\u2018 und ,Kapede\u2018 vereinigen sich; aber das kommt wie von ferne her, wird hingenommen wie das Geschehen der ,adolfinischen\u2018 Zeiten, wird nicht moralisch gewertet, wird aufgesogen vom Dorf.\u201c Gewiss war Strittmatter nie Dissident, aber ebenso wenig diente er dem Regime als willf\u00e4hriger literarischer Propagandist.<\/p>\n<p>Wenn er lange an die Verhei\u00dfungen eines preu\u00dfischen Sozialismus glaubte, so irrte er, wie nicht wenige seiner Landsleute, in gutem Glauben. Strittmatters politische Desillusionierung bezeugen Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 1973 bis 1980, die er unter dem Titel \u201eDie Lage in den L\u00fcften\u201c ver\u00f6ffentlichte. Selbstkritisch beklagt der Autor darin die zahlreichen \u201eDenkschranken\u201c, die er in den langen Jahren seiner Parteizugeh\u00f6rigkeit verinnerlicht habe. Schon 1978 trat er als Vizepr\u00e4sident des Schriftstellerverbandes zur\u00fcck und bekleidete danach keine \u00c4mter mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\n<div style=\"width: 502px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.moz.de\/uploads\/tx_templavoila\/strittmatter-kopf-dpa_02.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"   \" title=\"Cover-Collage. Quelle: https:\/\/www.moz.de\/uploads\/tx_templavoila\/strittmatter-kopf-dpa_02.jpg\" src=\"https:\/\/www.moz.de\/uploads\/tx_templavoila\/strittmatter-kopf-dpa_02.jpg\" alt=\"Cover-Collage. Quelle: https:\/\/www.moz.de\/uploads\/tx_templavoila\/strittmatter-kopf-dpa_02.jpg\" width=\"492\" height=\"210\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Cover-Collage. Quelle: https:\/\/www.moz.de\/uploads\/tx_templavoila\/strittmatter-kopf-dpa_02.jpg<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Sein Sujet wurde die Natur, seine Themen Ackerbau und Viehzucht, Land und Landleute, Partei und Boden, seine Personage Kinder und K\u00e4uze, Sonderlinge und Einzelg\u00e4nger &#8211; aus der Erkundung der Nischen zog er Kraft und Popularit\u00e4t. \u201eEr zeigt Menschen wie B\u00e4ume und B\u00e4ume wie Menschen\u201c, hat ihn sein Freund Lew Kopelew gelobt. Dabei war er kein Sprachartist, \u201eeher ein guter Handwerker. Der B\u00e4ckerssohn knetete die Sprache, bis sie sich f\u00fcgte \u2013 dem Gegenstand und dem Leser. Dabei kamen dann immer wieder Spracherneuerungen zum Vorschein, keine \u201aErfindungen\u2018, sondern Worte, die sich ergaben, weil sie fehlten\u201c, meint Martin Ahrends in der <em>ZEIT<\/em>. Marcel Reich-Ranicki charakterisiert den \u201evolkst\u00fcmlich-urw\u00fcchsigen\u201c Heimatdichter in der <em>FAZ<\/em> so:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\">\u201eHandfest ist sein Humor, simpel und hausbacken. Er verschm\u00e4ht weder geschmacklose noch vulg\u00e4re Scherze &#8230; aber zuweilen &#8211; am h\u00e4ufigsten im \u201aWundert\u00e4ter\u2018 &#8211; wartet er auch mit treffenden satirischen Akzenten auf.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n<p><strong>\u201eeine Mauer aus Ignoranz und Herablassung&#8220;<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>In seiner Biographie kristallisiert ein St\u00fcck deutscher Geschichte, und in seinem Werk haben die Hoffnungen und Entt\u00e4uschungen, die kleinen Siege und die gro\u00dfen Niederlagen eines ganzen \u201ehalben\u201c Volkes unverwechselbaren Ausdruck gefunden. Die Erfahrung, in der Bundesrepublik jahrzehntelang fast vollst\u00e4ndig \u00fcbersehen worden zu sein und nach der Wende gegen \u201eeine Mauer aus Ignoranz und Herablassung\u201c anzulesen, hatte Spuren bei ihm hinterlassen: \u201eIch bin in einige Dutzend Sprachen \u00fcbersetzt, nur ins Westdeutsche nicht.\u201c 38 Sprachen waren es, um genau zu sein. Als er starb und sein Tod den Tagesthemen keinen Nachruf wert war, musste sich Ulrich Wickert nach massiven Protesten entschuldigen. Begraben ist Strittmatter, nat\u00fcrlich, in Schulzenhof.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\n<div style=\"width: 538px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"  \" title=\"Eva und Erwin Strittmatters Grab. Quelle: https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schulzenhof#\/media\/File:Grabstelle_Strittmatter_Schulzenhof_Wiki.jpg\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/8\/8f\/Grabstelle_Strittmatter_Schulzenhof_Wiki.jpg\" alt=\"Eva und Erwin Strittmatters Grab. Quelle: https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schulzenhof#\/media\/File:Grabstelle_Strittmatter_Schulzenhof_Wiki.jpg\" width=\"528\" height=\"352\" \/><p class=\"wp-caption-text\">Eva und Erwin Strittmatters Grab. Quelle: https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schulzenhof#\/media\/File:Grabstelle_Strittmatter_Schulzenhof_Wiki.jpg<\/p><\/div>\n<p>Was bleibt: Das Bild eines Mannes, der nach dem Krieg seine Soldatenzeit so darstellte, dass sie ins Bild des antifaschistischen DDR-B\u00fcrgers passte. Der versuchte, als Genosse bei den neuen Machthabern nicht anzuecken. Der vor den Frauen floh, wenn seine Leidenschaft Folgen hatte. Es ist das Bild eines Mannes, der seine Ruhe haben wollte. Ruhe, um zu schreiben. Ruhe, um sich seinen Tieren zu widmen. Ruhe vor dem L\u00e4rm der Stadt und den eigenen Kindern. Er wollte im Grunde auch von den Funktion\u00e4ren der SED in Ruhe gelassen werden. Und von den Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg.<\/p>\n<p>Im \u201eLaden\u201c schreibt er: \u201eDer Stein unter der Birke hat sich in den Probe-Sommertagen durchw\u00e4rmt. Er arbeitet und nutzt die Hitze, Regen und K\u00e4lte, um sich zu sprengen und Erde zu werden. Wenn er redselig w\u00e4re wie wir, w\u00fcrde er sagen: Ich m\u00fche mich um mein Fortkommen\u201c. Strittmatter hat sich gem\u00fcht. Aber er kommt nicht mehr fort. Er kommt weg. Das ist schade. Sehr schade.<\/p>\n<p><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D3748&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 25 Jahren starb der hochdekorierte DDR-Volksschriftsteller Erwin Strittmatter. Danach wurde er grausam enttarnt: als SS-Mann, Stasi-Spitzel und Familientyrann. 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