{"id":3813,"date":"2019-02-17T17:22:20","date_gmt":"2019-02-17T16:22:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=3813"},"modified":"2019-02-17T17:22:20","modified_gmt":"2019-02-17T16:22:20","slug":"%e2%80%9eich-bin-durch-vererbung-von-eugenik-besessen%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=3813","title":{"rendered":"\u201eIch bin durch Vererbung von Eugenik besessen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Was mit einer Gutenachtgeschichte f\u00fcr den F\u00fcnfj\u00e4hrigen begonnen hatte, wurde zu seiner Obsession: Das Kinderm\u00e4dchen Resi hatte ihm die Geschichte von Nils Holgerssons Reise mit den Wildg\u00e4nsen vorgelesen &#8211; worauf Konrad beschloss, unbedingt ein Wasservogel zu werden. Er gab sich mit einem frisch geschl\u00fcpften Entenk\u00fcken zufrieden, das ihm \u00fcberallhin folgte &#8211; die wissenschaftliche Erkl\u00e4rung f\u00fcr dieses Ph\u00e4nomen fand Lorenz erst Jahre sp\u00e4ter, als er bei der jungen Graugans Martina das n\u00e4mliche Verhaltensmuster beobachtete. Sp\u00f6tter behaupten, das anh\u00e4ngliche G\u00e4nsekind in seinem fluffigen Daunenkleid habe im Gegenzug den jungen Lorenz auf das Federvieh festgelegt.<\/p>\n<p>Dieses Ph\u00e4nomen nannte er \u201ePr\u00e4gung\u201c: Einem nur kurze Zeit \u201eoffenen\u201c genetischen Programm folgend, fixiert der Jungvogel dasjenige Wesen zum Leittier, das sich ihm in dieser Lebensphase zuwendet &#8211; eine Verschr\u00e4nkung von Instinkt und Lernf\u00e4higkeit, die bis dahin kein Biologe f\u00fcr m\u00f6glich gehalten hatte. Diese Beobachtung f\u00fchrte Lorenz zu der damals revolution\u00e4ren Erkenntnis, dass nicht nur die k\u00f6rperlichen Merkmale einer Art, sondern auch ihre Verhaltensprogramme ein Ergebnis ihrer stammesgeschichtlichen Entwicklung sind. Nur wenn die Konstruktion des K\u00f6rpers und die Instruktion des Verhaltens optimal aufeinander abgestimmt sind, kann eine Spezies im evolution\u00e4ren Konkurrenzkampf \u00fcberleben.<\/p>\n<p>Auch viele der Spezies Mensch eigent\u00fcmliche Verhaltensweisen h\u00e4tten, so Lorenz, ihren Ursprung in einer fr\u00fcher einmal notwendig gewordenen biologischen Anpassung an diesen Selektionsdruck &#8211; die jeder Art offenkundig \u00a0aufgepr\u00e4gten Muster, nach denen geworben, gebr\u00fctet, erlernt, gef\u00fcttert, kommuniziert, gek\u00e4mpft und erobert wird. Damit begr\u00fcndete er die klassische vergleichende Verhaltensforschung (Ethologie), die er bis 1949 als \u201eTierpsychologie\u201c bezeichnete: \u201eEinstein der Tierseele\u201c nannte ihn der <em>SPIEGEL<\/em> ehrf\u00fcrchtig. Daneben gilt er als ein Urheber der \u201eEvolution\u00e4ren Erkenntnistheorie\u201c, wonach Erkenntnisstrukturen mit den realen Strukturen teilweise \u00fcbereinstimmen (m\u00fcssen), weil nur eine solche \u00dcbereinstimmung das \u00dcberleben erm\u00f6glicht. F\u00fcr seine Entdeckungen \u201ebetreffend den Aufbau und die Ausl\u00f6sung von individuellen und sozialen Verhaltensmustern\u201c bekam er mit zwei anderen Forschern 1973 den Nobelpreis f\u00fcr Medizin.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<div id=\"attachment_3814\" style=\"width: 419px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/csm_konrad-lorenz-gruenau_b66478c8df.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3814\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-3814 \" title=\"G\u00e4nsevater Lorenz. Quelle: https:\/\/klf.univie.ac.at\/fileadmin\/_processed_\/csm_konrad-lorenz-gruenau_b66478c8df.jpg\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/csm_konrad-lorenz-gruenau_b66478c8df-681x1024.jpg\" alt=\"G\u00e4nsevater Lorenz. Quelle: https:\/\/klf.univie.ac.at\/fileadmin\/_processed_\/csm_konrad-lorenz-gruenau_b66478c8df.jpg\" width=\"409\" height=\"614\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/csm_konrad-lorenz-gruenau_b66478c8df-681x1024.jpg 681w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/csm_konrad-lorenz-gruenau_b66478c8df-199x300.jpg 199w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/csm_konrad-lorenz-gruenau_b66478c8df.jpg 847w\" sizes=\"(max-width: 409px) 100vw, 409px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3814\" class=\"wp-caption-text\">G\u00e4nsevater Lorenz. Quelle: https:\/\/klf.univie.ac.at\/fileadmin\/_processed_\/csm_konrad-lorenz-gruenau_b66478c8df.jpg<\/p><\/div>\n<p>Erst bei dessen Verleihung bedauerte Lorenz in ziemlich gewundener Form bestimmte Studien, die er bis 1944 ver\u00f6ffentlicht hatte, aber \u201edie zur\u00fcckzunehmen seine Gr\u00f6\u00dfe nicht ausreichte und die sein Fach bis heute belasten\u201c, so die <em>ZEIT<\/em>. \u201eDas Wenige, was ich schon von Untaten und Gr\u00e4ueln des neuen Regimes wusste, konnte ich nicht glauben und wollte es vor allem nicht glauben. Der Vorgang, den Sigmund Freud \u201aVerdr\u00e4ngung\u2018 nannte, hat eine d\u00e4monische Macht \u00fcber den Menschen, von der man sich keine Vorstellung macht\u201c, rechtfertigte er sich lange danach. \u201eSeine Karriere ist eng mit der Rassenideologie der Nazis verkn\u00fcpft\u201c, begr\u00fcndete Karljosef Kreter, Leiter des Bereichs Erinnerungskultur der Stadt Hannover, in der <em>HAZ <\/em>den Beschluss, den erst 1991 nach Konrad Lorenz umbenannten Platz erneut umzubenennen. Er habe sich an nationalsozialistischen Propagandabegriffen wie der \u201eAusmerzung\u201c und \u201eAuslese\u201c von Rassen orientiert.<\/p>\n<p><strong>\u201eparadiesische Kindheit in einem zauberschlossartigen Geb\u00e4ude\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Diese Anschauungen seien ihm in die Wiege gelegt, erkl\u00e4rte Lorenz sp\u00e4ter: \u201eIch bin durch Vererbung von Eugenik besessen.\u201c Gemeint ist sein Vater, der weltber\u00fchmte\u00a0 Orthop\u00e4de Adolf Lorenz, der als Verfechter von \u201eErbgesundheit\u201c f\u00fcr \u201edie Sterilisierung weiblicher und m\u00e4nnlicher Idioten, Gewohnheitsverbrecher und Trinker\u201c stritt. Er war fast 50 \u2013 und seine Frau 41 \u2013 als Konrad 1903 in der elterlichen Villa in Altenberg bei Wien geboren wurde. Biographen schreiben von einem herrisch-unnahbaren Vater und einer hysterisch-gef\u00fchlsarmen Mutter, einer \u201eparadiesischen Kindheit in einem zauberschlossartigen Geb\u00e4ude\u201c, \u201eumgeben von Luxus\u201c, einem \u201eKometenschweif von Bediensteten\u201c und \u201ejeder Menge Tiere\u201c. Grenzenlose Verw\u00f6hnung und ein irreparables Defizit an emotionaler Geborgenheit h\u00e4tten ihn gesch\u00e4digt und zeitlebens die Welt durch die Augen eines \u201eextrem verw\u00f6hnten Kindes\u201c sehen lassen. Mit seiner sp\u00e4teren Frau Gretl &#8211; sie kannten sich seit seinem dritten Lebensjahr &#8211; spielte der kleine Konrad Dinosaurier im elterlichen Park. Als Schwanz zog er einen Gartenschlauch hinter sich her. Ein \u201ekindhafter Spieltrieb\u201c sei ihm auch als Wissenschaftler eigen geblieben. Als \u00c4rztin gab ihm Gretl sp\u00e4ter den finanziellen R\u00fcckhalt f\u00fcr seine Studien.<\/p>\n<p>Der Kindheitsfreund Karl Poppers begann 1922 auf Wunsch seines Vaters ein Medizinstudium in New York, kehrte jedoch schon ein Jahr sp\u00e4ter nach Wien zur\u00fcck, wo er 1928 promovierte, dann als Assistent am II. Anatomischen Institut der Universit\u00e4t besch\u00e4ftigt war und 1933 eine zweite Promotion ablegte. Danach beginnt er als Privatgelehrter seine tierischen Studien zu professionalisieren: Zeitweise hielt Lorenz in Altenberg 100 Dohlen, 20 Kolkraben, 32 Nacht- und 15 Seidenreiher sowie dutzendweise Enten, Graug\u00e4nse und ein paar Hunde, gar nicht zu reden von den vielen hundert Fischen in zahlreichen Aquarien. Unabl\u00e4ssig und mit spitzgeschliffener Neugier beobachtete er vor allem das Verhalten der G\u00e4nse, lebte schnatternd unter ihnen, schwamm mit ihnen an der Spitze ihrer famili\u00e4ren Geleitz\u00fcge und lie\u00df manche sogar, nach menschlichen Ma\u00dfst\u00e4ben sicher etwas taktlos, unter der Daunendecke bei sich im Bett schlafen. 1936 habilitiert, erhielt er 1938 ein Forschungsstipendium.<\/p>\n<p>Am 28. Juni 1938 stellte er, was er bis zu seinem Tode abstritt, handschriftlich sein Ansuchen auf Mitgliedschaft in der NSDAP. \u201eIch war als Deutschdenkender und Naturwissenschaftler selbstverst\u00e4ndlich immer Nationalsozialist\u201c, beteuert er darin. 1940 erhielt er eine Professur f\u00fcr Psychologie in K\u00f6nigsberg. Aus der Berufungsakte geht hervor, dass er schon kurz nach seinem Beitritt \u201eMitarbeiter des Rassenpolitischen Amtes RPA der NSDAP mit Redeerlaubnis\u201c war. In Aufs\u00e4tzen beklagte der Biologe etwa die \u201eVerhausschweinung\u201c des Menschen und verglich die \u201e\u00fcberzivilisierten Menschen\u201c der Gro\u00dfst\u00e4dte mit ihren \u201eMopsk\u00f6pfen\u201c und \u201eH\u00e4ngeb\u00e4uchen\u201c mit \u00fcberz\u00fcchteten Haustieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<div id=\"attachment_3815\" style=\"width: 552px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/pli02843.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3815\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-3815 \" title=\"Propaganda der RPA zur Akzeptanzbereitung f\u00fcr Eugenik und Euthanasie. Quelle: https:\/\/www.dhm.de\/fileadmin\/medien\/lemo\/images\/pli02843.jpg\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/pli02843-774x1024.jpg\" alt=\"Propaganda der RPA zur Akzeptanzbereitung f\u00fcr Eugenik und Euthanasie. 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Quelle: https:\/\/www.dhm.de\/fileadmin\/medien\/lemo\/images\/pli02843.jpg<\/p><\/div>\n<p>Der gleiche Prozess von Domestikation und Niedergang treffe auch auf den labilen, entwurzelten Stadtmenschen zu, weshalb &#8211; ganz im Duktus Spenglers &#8211; \u201edie Zivilisation sich in einem Prozess des \u201aVerfalls und Untergangs\u2018 befinde\u201c, die zunehmende Domestikation des Menschen seine Menschlichkeit bedrohe. \u201eWie die Zellen einer b\u00f6sartigen Geschwulst\u201c durchdr\u00e4ngen die \u201emit Ausf\u00e4llen behafteten Elemente\u201c den \u201eVolksk\u00f6rper\u201c, erreichten mit ihrem \u201emoralischen Schwachsinn eine sehr viel h\u00f6here Fortpflanzungsquote als Vollwertige\u201c und raubten ihnen den Lebensraum, erl\u00e4uterte Lorenz in seiner \u201eDomestikations-Arbeit\u201c von 1940. Da helfe nur \u201eein Rassepfleger\u201c, der \u201eauf eine noch sch\u00e4rfere Ausmerzung ethisch Minderwertiger bedacht\u201c sei.<\/p>\n<p><strong>\u201e\u00dcbereinstimmungen zwischen Psychoanalyse und Verhaltensphysiologie\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Bereits nach einem Jahr wurde er als Soldat zur Wehrmacht eingezogen, als Heerespsychologe einge- und ab 1942 als Milit\u00e4rarzt in ein Lazarett in Posen versetzt, wo ihm bis heute nicht v\u00f6llig gekl\u00e4rte Aufgaben \u00fcbertragen wurden. Er selbst hat sich \u00fcber diese Zeit nie ge\u00e4u\u00dfert. Belegt ist lediglich seine Mitarbeit an einer rassekundlichen \u201eStudie\u201c im Rahmen des Arbeitskreises \u201eEignungsforschung\u201c. Dabei sollten 877 im \u201eReichsgau Wartheland\u201c lebende Menschen auf ihre \u201eerbbiologische\u201c Eignung hin untersucht werden, weiterhin in ihrer Heimat verbleiben zu d\u00fcrfen &#8211; mit dem Ziel, eine Beziehung zwischen Charaktereigenschaften und \u201ev\u00f6lkischem Blutanteil\u201c nachzuweisen.\u00a0 1944 wurde Lorenz an die Ostfront versetzt, geriet in Kriegsgefangenschaft, wo er als verb\u00fcrgt heroische Leitfigur wirkte, die zahllosen Kameraden das Leben gerettet hat, und wurde 1948 nach \u00d6sterreich entlassen.<\/p>\n<p>Hier gr\u00fcndete der Enthusiast zun\u00e4chst ein \u201eInstitut f\u00fcr vergleichende Verhaltensforschung\u201c, das zur \u00d6sterreichischen Akademie der Wissenschaften geh\u00f6rte, und ver\u00f6ffentlicht zur Finanzierung seines Lebensunterhalts sein bis heute popul\u00e4res Buch \u201eEr redete mit dem Vieh, den V\u00f6geln und den Fischen\u201c, das in die engere Auswahl um das \u201ebeste popul\u00e4re Wissenschaftsbuch aller Zeiten\u201c kam. Nachdem 1950 eine Professur in Graz scheiterte, richtete die deutsche Max-Planck-Gesellschaft in Buldern f\u00fcr ihn eine \u201eForschungsstelle f\u00fcr Vergleichende Verhaltensforschung\u201c als Au\u00dfenstelle des Max-Planck-Instituts f\u00fcr Meeresbiologie Wilhelmshaven ein. F\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter begann der Bau der legend\u00e4ren \u201eSeewiesen\u201c: Das Max-Planck-Institut f\u00fcr Verhaltensphysiologie am E\u00dfsee in Oberbayern. Dort wurde Lorenz 1961 Direktor. Viele von ihm gepr\u00e4gte Begriffe wie Triebstau, Ausl\u00f6ser oder Instinkt wurden in dieser Zeit definiert, das Forschungsfach internationalisiert. In M\u00fcnster und M\u00fcnchen wurden ihm zwei Honorarprofessuren zuteil.<\/p>\n<div id=\"attachment_3816\" style=\"width: 426px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/s-l640.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3816\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3816\" title=\"Einer von vielen Bestsellern. Quelle: https:\/\/www.amazon.de\/redete-mit-Vieh-V%C3%B6geln-Fischen\/dp\/3492029175#reader_3492029175\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/s-l640.jpg\" alt=\"Einer von vielen Bestsellern. Quelle: https:\/\/www.amazon.de\/redete-mit-Vieh-V%C3%B6geln-Fischen\/dp\/3492029175#reader_3492029175\" width=\"416\" height=\"640\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/s-l640.jpg 416w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/s-l640-195x300.jpg 195w\" sizes=\"(max-width: 416px) 100vw, 416px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3816\" class=\"wp-caption-text\">Einer von vielen Bestsellern. Quelle: https:\/\/www.amazon.de\/redete-mit-Vieh-V%C3%B6geln-Fischen\/dp\/3492029175#reader_3492029175<\/p><\/div>\n<p>Bis in die siebziger Jahre setzte er seine Arbeit fort und erregte immer wieder Aufsehen mit vehementer Zivilisationskritik, die den fortschreitenden Werteverlust des Industriezeitalters anprangerte. Er wurde weit \u00fcber die Grenzen seines Fachgebietes hinaus bekannt, als er seine Studien in unterhaltsame und anekdotenreiche Tiergeschichten verpackte und damit auch f\u00fcr naturwissenschaftliche Laien, ja sogar f\u00fcr Kinder zug\u00e4nglich machte. Auch seine drei Hauptwerke fielen in diese Zeit. Gepr\u00e4gt sind diese Schriften von seiner kulturpessimistischen \u00dcberzeugung, dass auch das Verhalten des Menschen weitgehend durch biologische, stammesgeschichtliche Vorgaben bestimmt wird.<\/p>\n<p>Im Jahr 1963 erschien zun\u00e4chst sein Bestseller \u201eDas sogenannte B\u00f6se. Zur Naturgeschichte der Aggression\u201c, das ein schlechtes Licht auf den Menschen warf. In aller Ausf\u00fchrlichkeit schloss Lorenz hier von der Gans aufs Ganze: Der menschliche Geist, so sein provozierender Befund, sei nicht frei, sondern gekettet an ein ererbtes Instinkt-Programm. Damit griff er seine seit den 30er Jahren entwickelte Instinktlehre wieder auf. \u201eDiskussionen von Freuds Trieblehre ergaben unerwartete \u00dcbereinstimmungen zwischen den Ergebnissen der Psychoanalyse und der Verhaltensphysiologie\u201c, sagte er sp\u00e4ter. So meint er, dass Sport als phylogenetisch entstandener \u201eKommentkampf\u201c die gemeinschaftssch\u00e4digenden Wirkungen der Aggression mildert und damit arterhaltend wirkt.<\/p>\n<p>F\u00fcr Lorenz begann mit der Ver\u00f6ffentlichung ein neuer Lebensabschnitt als ums Wohl der Menschheit besorgten Predigers, ja als internationale Kultfigur. Das bedrohliche Missverh\u00e4ltnis zwischen ererbten Sicht- und Handlungsbeschr\u00e4nkungen und geistigen H\u00f6henfl\u00fcgen war fortan sein Lebensthema. Die Diskrepanz zwischen menschlichem Geist und nat\u00fcrlicher Veranlagung gipfelte in der Pointe, das \u201ebl\u00f6de Vieh\u201c Mensch sei \u201emit seinem Gehirn im Stande, sich selbst und alle anderen auszurotten\u201c.<\/p>\n<p><strong>\u201eGrundmuster faschistischer Menschenverachtung\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Im Jahr der Nobelpreisverleihung folgten zwei weitere Bestseller. In \u201eDie acht Tods\u00fcnden der zivilisierten Menschheit\u201c, das bis 2009 als Taschenbuch 34 Auflagen erlebte, analysiert er \u201eVorg\u00e4nge der Dehumanisierung\u201c. So gei\u00dfelte er neben der \u201e\u00dcberbev\u00f6lkerung\u201c und der \u201eVerw\u00fcstung des nat\u00fcrlichen Lebensraums\u201c Hedonismus, Traditionsverlust und den \u201egenetischen Verfall\u201c, den f\u00fcr ihn unter anderem die wachsende Jugendkriminalit\u00e4t indiziert. Lorenz wich allerdings der Frage aus, wie sich denn der Zivilisationsmensch von seiner offenbar destruktiven Erblast befreien k\u00f6nnte, ja, ob er dazu \u00fcberhaupt in der Lage w\u00e4re.\u00a0 Zur Bev\u00f6lkerungsentwicklung erg\u00e4nzte er 1988: \u201eEs zeigt sich, dass die ethischen Menschen nicht so viele Kinder haben und die Gangster sich unbegrenzt und sorglos weiter reproduzieren.\u201c \u201eGrundmuster faschistischer Menschenverachtung\u201c, ja \u201eUngeheuerlichkeiten\u201c h\u00e4tten sich abgezeichnet, klagte nach seinem Tod sein Sch\u00fcler Norbert Bischof, der den Text redigierte.<\/p>\n<div id=\"attachment_3817\" style=\"width: 429px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/konrad-lorenz-nobelpreis-uebergabe-100_v-img__3__4__xl_-f4c197f4ebda83c772171de6efadd3b29843089f.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3817\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3817\" title=\"Nobelpreis-\u00dcbergabe. Quelle: https:\/\/www.br.de\/themen\/wissen\/konrad-lorenz-nobelpreis-uebergabe-100~_v-img__3__4__xl_-f4c197f4ebda83c772171de6efadd3b29843089f.jpg\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/konrad-lorenz-nobelpreis-uebergabe-100_v-img__3__4__xl_-f4c197f4ebda83c772171de6efadd3b29843089f.jpg\" alt=\"Nobelpreis-\u00dcbergabe. 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Quelle: https:\/\/www.br.de\/themen\/wissen\/konrad-lorenz-nobelpreis-uebergabe-100~_v-img__3__4__xl_-f4c197f4ebda83c772171de6efadd3b29843089f.jpg<\/p><\/div>\n<p>In seinem Hauptwerk \u201eDie R\u00fcckseite des Spiegels \u2013 Versuch einer Naturgeschichte menschlichen Erkennens\u201c er\u00f6rtert Lorenz das Zusammenspiel von genetischen und zivilisatorischen Einfl\u00fcssen auf das Erkenntnisverm\u00f6gen des Menschen; er hatte es bereits im Krieg angelegt. \u201eWie galvanisierte Ganter zuckten vor allem die Soziologen und die Psychologen auf, als Lorenz mit der These hervortrat, Kulturgeschichte sei nichts anderes als die Fortsetzung der Evolution mit anderen Mitteln: Der menschliche Geist sei das Ergebnis eines langen Prozesses von Auslese und Anpassung, die F\u00e4higkeit des Menschen zu intelligentem Verhalten und wissenschaftlich-rationaler Erforschung der Natur eine stammesgeschichtliche Erwerbung\u201c, fasste der <em>SPIEGEL<\/em> das Buch zusammen.<\/p>\n<p>Sprachstruktur, begriffliches Denken, r\u00e4umliches Vorstellungsverm\u00f6gen sowie der Sinn f\u00fcr kausale und zeitliche Zusammenh\u00e4nge &#8211; all diese Grundlagen jedweden exakten Wissens hielt Lorenz f\u00fcr eine Art \u201eVorweg\u201c-Information \u00fcber die Struktur der Umwelt, die im Laufe erdgeschichtlicher Zeitr\u00e4ume in die Erbmasse der h\u00f6heren Arten eingegangen sei. Inzwischen hat die moderne Psychologie diese Hypothesen vom Erbwissen in manchem best\u00e4tigt. Bei S\u00e4uglingen beispielsweise stellten die Experten unmittelbar nach der Geburt stereotype Bewegungen fest, die darauf schlie\u00dfen lassen, dass Neugeborene \u00fcber ein r\u00e4umliches Vorstellungsverm\u00f6gen verf\u00fcgen.<\/p>\n<p>\u201eWird die Metaphysik dem Menschen gleichsam in die Wiege gelegt\u201c, fragt sich der <em>SPIEGEL<\/em> fast entsetzt. F\u00fcr die in den Geisteswissenschaften beliebte scharfe Grenzziehung zwischen Stammesgeschichte und Kultur hat Lorenz nur Hohn. Die Herrschaften, meint er, m\u00f6chten eben gern, dass alle \u201efeineren Strukturen des sozialen Verhaltens\u201c kulturbedingt seien, das sogenannte Niedrige hingegen auf \u201einstinktiven Reaktionen\u201c beruhe. Lorenz jedenfalls glaubte etwa in der Balz des Graug\u00e4nserichs das alberne Werbegebaren des Menschenm\u00e4nnchens um die Frau wiederzuerkennen.<\/p>\n<p>Zunehmend an Umweltfragen interessiert, wurde Lorenz unmittelbar vor seinem 75. Geburtstag zur Galionsfigur der erfolgreichen \u00f6sterreichischen Volksabstimmung gegen die Inbetriebnahme des Kernkraftwerks Zwentendorf. 1985 war er zudem Namensgeber des Konrad-Lorenz-Volksbegehrens gegen den Bau eines Wasserkraftwerks im Landschaftsschutzgebiet der Hainburger Auen und gilt damit als \u201enationales Gewissen\u201c \u00d6sterreichs. Am Ende war er ein hoch umstrittener Wertkonservativer, der aber wesentlichen Anteil an der Entstehung der gr\u00fcnen Partei in \u00d6sterreich hatte. 1988 erschien dann sein letztes gro\u00dfes Werk: \u201eHier bin ich \u2013 wo bist du?\u201c, eine genaue ethologische Beschreibung von Graug\u00e4nsen als Zusammenschau von rund 60 Jahren intensiver Verhaltensbeobachtung. Damit schloss sich der Lebenskreis des genialen Tier- und Menschenbeobachters: \u201eDie Graugans ist mir das liebste aller Tiere\u201c, schrieb er noch 1988.<\/p>\n<p>Noch im fortgeschrittenen Alter gefiel er sich in bubenhaften Despektierlichkeiten, indem er etwa die \u201eGesellschaft Deutscher Naturforscher und \u00c4rzte\u201c als eine von \u201eNaturforzern und \u00c4rschen\u201c veralberte. Selbst in seiner letzten Stunde, so berichtet Biograph Norbert Bischof, sei der 85j\u00e4hrige kauzig gewesen: \u201eSie st\u00f6ren mich\u201c, blaffte er eine Krankenschwester an, \u201eSie sehen doch, ich bin beim Sterben.\u201c Dann starb er, am 27. Februar 1989 in Wien. Am Ende bleibt das Kaleidoskop einer vielschichtigen und widerspr\u00fcchlichen Pers\u00f6nlichkeit. Als bahnbrechender Wissenschaftler, mutiger Mahner und Gr\u00fcnengr\u00fcnder gilt er den einen, als schlichter Biologist, noch dazu einer mit NS-Vergangenheit, den anderen. Dazwischen scheint je nach Perspektive zunehmend mehr oder weniger Platz zu sein.<\/p>\n<p><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D3813&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einst Nobelpreistr\u00e4ger als \u201eVater der Graug\u00e4nse\u201c &#8211; heute unw\u00fcrdig als Namenstr\u00e4ger eines deutschen Platzes: Konrad Lorenz gilt als Enfant terrible biologischer Forschung. 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