{"id":3857,"date":"2019-03-14T12:11:28","date_gmt":"2019-03-14T11:11:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=3857"},"modified":"2021-02-08T10:25:11","modified_gmt":"2021-02-08T09:25:11","slug":"an-ein-ganz-anderes-land-gedacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=3857","title":{"rendered":"\u201e\u2026an ein ganz anderes Land gedacht\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Hunderttausende jubelten ihr am 4. November 1989 auf dem Berliner Alex begeistert zu: W\u00e4hrend der friedlichen Revolution wurde Christa Wolf gar das Amt des ersten freigew\u00e4hlten Staatsoberhaupts der DDR angetragen. Sie lehnte ab, unterschrieb aber mit anderen Autoren den Aufruf \u201e<em>F\u00fcr unser Land\u201c<\/em>, den viele als Rettungsversuch f\u00fcr die DDR verstanden: \u201eWir hatten f\u00fcr einen sehr kurzen geschichtlichen Augenblick an ein ganz anderes Land gedacht, das keiner von uns je sehen wird\u201c. Die sehr pr\u00e4zis formulierte Pr\u00e4ambel f\u00fcr den Verfassungsentwurf des Runden Tisches, in der noch ein letztes Mal die \u201erevolution\u00e4re Erneuerung\u201c der DDR angemahnt wurde, stammt von ihr.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<div id=\"attachment_3859\" style=\"width: 496px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/wolf-alex.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3859\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3859  \" title=\"Wolf am 4.11.1989 auf dem Alex. Quelle: https:\/\/www.tagesspiegel.de\/images\/heprodimagesfotos82320111202wolf-jpg\/5910620\/2-format140.jpg\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/wolf-alex.jpg\" alt=\"Wolf am 4.11.1989 auf dem Alex. Quelle: https:\/\/www.tagesspiegel.de\/images\/heprodimagesfotos82320111202wolf-jpg\/5910620\/2-format140.jpg\" width=\"486\" height=\"316\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/wolf-alex.jpg 600w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/wolf-alex-300x195.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 486px) 100vw, 486px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3859\" class=\"wp-caption-text\">Wolf am 4.11.1989 auf dem Alex. Quelle: https:\/\/www.tagesspiegel.de\/images\/heprodimagesfotos82320111202wolf-jpg\/5910620\/2-format140.jpg<\/p><\/div>\n<p>Zweiundzwanzig Jahre sp\u00e4ter, am 13. Dezember 2011, stehen dreihundert Trauernde dicht beieinander auf dem Dorotheenst\u00e4dtischen Friedhof in Berlin: Keine sechstausend, die ihr Verlag erwartet hat. Eine Weltliteratin wird zwei Wochen nach ihrem Tod zu Grabe getragen, von der politischen F\u00fchrung der Bundesrepublik ist bis auf Linken-Chef Gregor Gysi niemand gekommen. Bundespr\u00e4sident und Regierender B\u00fcrgermeister haben einen Kranz geschickt. Als Ernst J\u00fcnger (\u201eIn Stahlgewittern\u201c, \u201eDer Waldgang\u201c) starb, waren neben dem damaligen Ministerpr\u00e4sident Erwin Teufel (CDU) auch Regierungsvertreter und f\u00fcnf Bundeswehrgener\u00e4le bei der Beisetzung dabei. Wo waren die vielen Leser, Bewunderer, die idealistisch jubelnden Retter einer selbstst\u00e4ndigen DDR von einst?<\/p>\n<p>\u201eStellvertretend f\u00fcr viele in Ost und auch in West, die an der Utopie einer gerechten Gesellschaft festhielten, bleibt Christa Wolf auch im vereinten Land Dissidentin\u201c, brachte es im <em>Freitag<\/em> Daniela Dahn auf den Punkt. Das war manchen vielleicht zu unbequem, vielleicht auch zu altbacken: Wolf verk\u00f6rperte eine Welt, in der B\u00fccher noch etwas galten. In der Autoren ihren Lesern mehr waren als nur Verfasser von Texten. In der literarische Figuren weniger durch ihr Aussehen, ihre Hobbys, ihren Tonfall bedeutsam wurden. Es war nicht wichtig, wie eine Figur etwas sagte, sondern was sie sagte; nicht wichtig, wer es sagte, sondern dass es gesagt wurde \u2013 diesem Credo hing sie bis zuletzt an.<\/p>\n<p><strong>\u201eWo du nicht bist, da ist das Gl\u00fcck\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Geboren als Christa Ihlenfeld am 18. M\u00e4rz 1929 in Landsberg an der Warthe, besuchte die Kaufmannstochter dort bis kurz vor Kriegsende die Schule. Ihre erste neue Heimat fand die Familie nach der Flucht vor den anr\u00fcckenden Truppen der Roten Armee 1945 in Mecklenburg; Christa arbeitete als Schreibhilfe bei einem Dorfb\u00fcrgermeister. Sie beendete die Oberschule 1949 mit dem Abitur in Bad Frankenhausen und trat im selben Jahr in die SED ein, die sie erst im Juni 1989 wieder verlie\u00df. Von 1949 bis 1953 studierte sie Germanistik in Jena und Leipzig und heiratete 1951 ihren Studienfreund, den sp\u00e4teren Lektor Gerhard Wolf, mit dem sie 1952 und 1956 je eine Tochter bekam.<\/p>\n<p>In den f\u00fcnfziger Jahren probierte sie sich als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Deutschen Schriftstellerverband, als Verlagslektorin und als Redakteurin aus. 1961 deb\u00fctierte Christa Wolf mit ihrer \u201eMoskauer Novelle\u201c \u00fcber die Liebesbeziehung einer Ostberliner \u00c4rztin zu einem russischen Dolmetscher. In dieser Zeit lebte sie mit ihrer Familie in Halle und leitete im Waggonbauwerk Ammendorf einen \u201eZirkel Schreibender Arbeiter\u201c: so viele Werkt\u00e4tige wie m\u00f6glich sollten an Literatur herangef\u00fchrt bzw. unter dem Motto \u201eGreif zur Feder, Kumpel\u201c selbst zum Autor werden. Seit 1962 arbeitete sie als freie Schriftstellerin: bis 1976 in Kleinmachnow, danach in Berlin &#8211; insgesamt neunmal zieht sie um. Von einer \u201eChronik fortgesetzter Verabschiedungen\u201c schreibt Biograph J\u00f6rg Magenau, die DDR wird zu den Verabschiedeten geh\u00f6ren \u2013 was sie damals freilich noch nicht wei\u00df.<\/p>\n<p>Ihre Hallenser Erfahrungen verarbeitet sie in der Erz\u00e4hlung \u201eDer geteilte Himmel\u201c (1963), in der eine Liebe an der deutschen Teilung scheitert: den Mann treibt es in den Westen, die Frau bleibt hier und unternimmt einen Suizidversuch. Sp\u00e4ter von Konrad Wolf verfilmt, war es damals eins der meistdiskutierten B\u00fccher in der DDR. Ungl\u00fccklich endet auch die gr\u00fcblerische, philosophisch-tiefsinnige Collage \u201eNachdenken \u00fcber Christa T.\u201c (1968), in die ihre niederschmetternden Erfahrungen von Aufm\u00fcpfigkeit beim k\u00fcnstlerischen \u201eKahlschlagsplenum\u201c der SED 1965 einflie\u00dfen und der bis zur Ver\u00f6ffentlichung ein langer Zensurprozess vorausgeht.<\/p>\n<p>Fast 50 B\u00fccher \u2013 von Romanen \u00fcber Essays bis hin zu ihren 15.000 Briefen \u2013 wird sie am Ende geschrieben und editiert haben, dazu H\u00f6rspiele und Filme. Seit den Siebzigern Mitglied der Akademie der K\u00fcnste sowie der Deutschen Akademie f\u00fcr Sprache und Dichtung, kann sie ungehindert auf Studien- und Lesereisen gehen, so nach Frankreich, Skandinavien oder in die USA, wo sie die Ohio State University zum Ehrendoktor machte.<\/p>\n<p>1976 dann eine doppelte Z\u00e4sur. Erst bricht sie mit dem autobiographisch gef\u00e4rbten Roman \u201eKindheitsmuster\u201c ein Tabu: In der DDR war damals die Besch\u00e4ftigung mit Flucht und Vertreibung der Deutschen von 1944 bis 1950 mit R\u00fccksicht auf die Sowjetunion und die sozialistischen Bruderstaaten ein absolutes No Go. Im selben Jahr geh\u00f6rt sie zu den Unterzeichnern des \u201eoffenen Briefes gegen die Ausb\u00fcrgerung Wolf Biermanns\u201c, wird aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen und erh\u00e4lt in einem SED-Parteiverfahren eine \u201estrenge R\u00fcge\u201c. Aber Wolf verlie\u00df nie die DDR und lie\u00df auch nicht zu, \u201edass ihr Land sie verl\u00e4sst\u201c, meint Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berk\u00e9wicz. Zur DDR gab es f\u00fcr Wolf keine Alternative. Und doch f\u00fchlte sie sich immer mehr heimatlos, wie sie es in der grandiosen Novelle \u201e<em>Kein Ort. Nirgends\u201c<\/em> (1979) zusammenfasste.<\/p>\n<div id=\"attachment_3861\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/Wolf+Kein-Ort-Nirgends-EA.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3861\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3861\" title=\"Erstausgabe &quot;Kein Ort. Nirgends&quot; Quelle: https:\/\/images.booklooker.de\/s\/00qRdB\/Christa-Wolf+Kein-Ort-Nirgends-EA.jpg\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/Wolf+Kein-Ort-Nirgends-EA.jpg\" alt=\"Erstausgabe &quot;Kein Ort. Nirgends&quot; Quelle: https:\/\/images.booklooker.de\/s\/00qRdB\/Christa-Wolf+Kein-Ort-Nirgends-EA.jpg\" width=\"300\" height=\"462\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/Wolf+Kein-Ort-Nirgends-EA.jpg 300w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/Wolf+Kein-Ort-Nirgends-EA-194x300.jpg 194w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3861\" class=\"wp-caption-text\">Erstausgabe &#8222;Kein Ort. Nirgends&#8220; Quelle: https:\/\/images.booklooker.de\/s\/00qRdB\/Christa-Wolf+Kein-Ort-Nirgends-EA.jpg<\/p><\/div>\n<p>Darin verhandelt sie anhand einer fiktiven Begegnung der deutschen Dichter Heinrich von Kleist und Karoline von G\u00fcnderrode bei einer Teegesellschaft eines Kreises romantischer Dichter existentielle Fragen von K\u00fcnstlertum und Scheitern, ja wie entfremdeten Verh\u00e4ltnissen Sinn abzuringen ist &#8211; beide Protagonisten schieden im wirklichen Leben kurz nach der ins Jahr 1804 gelegten Begegnung unabh\u00e4ngig voneinander durch Selbstmord aus dem Leben. Ein \u201eJahrhundertgef\u00fchl von transzendentaler Obdachlosigkeit\u201c konstatiert Iris Radisch in der <em>ZEIT<\/em>. Wer S\u00e4tze hinwirft wie \u201eWo du nicht bist, da ist das Gl\u00fcck\u201c, konnte Unbehaustheit knapper nicht artikulieren. Woran noch glauben? Woraufhin leben? Viele DDR-Leser projizierten in Christa Wolfs Werk und ihre Pers\u00f6nlichkeit einen Mut, den sie sich erhofften und oft selbst nicht aufbrachten: die Erde bewohnbarer zu machen. Ihr Hauptthema war das Leiden an einer Gesellschaft, die weit hinter den Entw\u00fcrfen einer besseren Welt zur\u00fcckbleibt. Als Romantikerin wohnte sie zeitlebens im irreparablen Dissens zum Status quo.<\/p>\n<p><strong>\u201edieser gr\u00fcbelnde, rauschende Bewusstseinsstrom\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Sp\u00e4testens seit dieser Novelle hat sie einerseits ihre Stoffe gefunden, die wohl mit \u201eFrauen und Frieden\u201c auf den Punkt zu bringen sind, als auch andererseits ihre ganz eigene unverwechselbare Stimme. Radisch spricht von einem \u201ein die Magengrube fahrenden, immer ein bisschen wehen Moll-Ton\u201c, ja einem \u201ekeuschen pfarrh\u00e4uslichen Sehnsuchtston\u201c, und Christoph Dieckmann gar von einem Christa-Wolf-\u201eSound\u201c: \u201edieser gr\u00fcbelnde, rauschende Bewusstseinsstrom der Selbst- und Welterkundung\u201c. Ihr Schreiben war kein Behaupten, sondern ein Suchen, Fragen, Sichvorantasten im scheinbar Ungewissen. Ein so dichtes, dabei rhythmisches Schreiben hat auch etwas Sperriges, manchmal schmerzlich Sentimentalisches: der Leser wird gezwungen, genau zu lesen. Sich einzulassen auf den Gedanken- und Gef\u00fchlskosmos, in den er da eintaucht.<\/p>\n<p>Es ist dieser pers\u00f6nliche Erfahrungsweg, der allen sozialistischen Schreibdoktrinen zuwider lief und mit dem Wolf eine aufmerksame Leserschaft auch im Westen fand, der literarisch gerade auf die sogenannte \u201eNeue Subjektivit\u00e4t\u201c zusteuerte. Stand das Authentische und Individuelle im Osten gegen die Repressionen des Systems, stand im Westen dieselbe Haltung f\u00fcr Kritik an Konsumismus und Hedonismus. Wolf wurde seither in beiden Deutschlands als widerst\u00e4ndig gelesen, als Oppositionelle, die allerdings bis zur Friedlichen Revolution f\u00fcr einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz eintrat. So \u00fcberlagern sich die Urteile \u00fcber ihr Werk und \u00fcber sie als Person, Autorin, SED-Genossin.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<div id=\"attachment_3862\" style=\"width: 552px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/wolf-kassandra.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3862\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3862  \" title=\"Kassandra-Ausgaben Ost und West. Quelle: http:\/\/christa-wolf-gesellschaft.de\/wp-content\/uploads\/Cover-doppel\/O_Kassandra_DPL.jpg\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/wolf-kassandra.jpg\" alt=\"Kassandra-Ausgaben Ost und West. Quelle: http:\/\/christa-wolf-gesellschaft.de\/wp-content\/uploads\/Cover-doppel\/O_Kassandra_DPL.jpg\" width=\"542\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/wolf-kassandra.jpg 752w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/wolf-kassandra-300x249.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 542px) 100vw, 542px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3862\" class=\"wp-caption-text\">Kassandra-Ausgaben Ost und West. Quelle: http:\/\/christa-wolf-gesellschaft.de\/wp-content\/uploads\/Cover-doppel\/O_Kassandra_DPL.jpg<\/p><\/div>\n<p>1980 wird sie als erste in der DDR lebende Autorin mit dem Georg-B\u00fcchner-Preis ausgezeichnet &#8211; kaum ein Preis \u00fcbrigens, den sie in beiden deutschen Staaten nicht bekommen hat. Wolfs Texte waren 1982, da sie ihre \u201ePoetikvorlesungen\u201c zum Kassandrastoff im hoffnungslos \u00fcberf\u00fcllten Frankfurter H\u00f6rsaal h\u00e4lt, bereits kanonisch, gelesen als geschichtspessimistische Erz\u00e4hlungen, als Auseinandersetzung eines Individuums mit einem die Bed\u00fcrfnisse des Einzelnen einschr\u00e4nkenden Staats. Diese Konfrontation ist bei Wolf immer und vielleicht vornehmlich eine mit dem eigenen Ich: \u201eIch schreibe, um mich selber kennenzulernen, soweit es geht. Da kann man sich nicht schonen.\u201c<\/p>\n<p>1983 wird \u201eKassandra\u201c gleichzeitig in der DDR und der BRD ver\u00f6ffentlicht \u2013 ein Novum. In der Erz\u00e4hlung werden die Ereignisse des Trojanischen Krieges aus der Perspektive der trojanischen K\u00f6nigstochter und Seherin Kassandra reflektiert, die mit dem Fluch geschlagen ist, dass niemand ihren Prophezeiungen glaubt \u2013 eine Parabel auf sich als machtfern und einflusslos empfindende Intellektuelle. \u201eIch wartete gespannt, ob sie es wagen w\u00fcrden, die Botschaft der Erz\u00e4hlung zu verstehen, n\u00e4mlich dass Troja untergehen muss. Sie haben es nicht gewagt und die Erz\u00e4hlung ungek\u00fcrzt gedruckt. Die Leser in der DDR verstanden sie.\u201c 13 Jahre sp\u00e4ter wird sie im Roman \u201eMedea: Stimmen\u201c erneut eine starke Frauenfigur aus der griechischen Mythologie aufnehmen und anhand der Themen Flucht, Fremdenhass und S\u00fcndenbock-Werdung das Kindsm\u00f6rdermotiv antipatriarchalisch umdeuten \u2013 die Reaktionen darauf waren umstritten.<\/p>\n<p>1987 unternimmt sie in \u201eSt\u00f6rfall. Nachrichten eines Tages\u201c den n\u00e4chsten Tabubruch: am selben Tag im April 1986 wird der j\u00fcngere Bruder der Erz\u00e4hlerin am Gehirn operiert &#8211; und ereignet sich der Reaktorunfall von Tschernobyl. Der Kunstgriff erm\u00f6glichte, sich sowohl mit den schlechten als auch den guten Seiten von Technik auseinanderzusetzen \u2013 anhand eines in der DDR weitgehend verschwiegenen Themas. Im selben Jahr beginnt ihr gesamtdeutsches Image zu wanken. Wolf hatte zur Verleihung des Kleistpreises an Thomas Brasch, der 1976 aus der DDR ausgewandert war, die Behauptung aufgestellt, die DDR mit ihren Widerspr\u00fcchen habe Brasch erst kreativ gemacht. Marcel Reich-Ranicki widersprach in der <em>FAZ<\/em> vehement, nannte Wolfs k\u00fcnstlerische und intellektuelle M\u00f6glichkeiten \u201ebescheiden\u201c, sprach ihr Mut und Charakterfestigkeit ab und pr\u00e4gte den Titel \u201eDDR-Staatsdichterin\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<div id=\"attachment_3864\" style=\"width: 563px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/wolf-sommer.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3864\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3864  \" title=\"BRD-Erstausgabe. Quelle: https:\/\/juergenuhlendorf.files.wordpress.com\/2017\/08\/img_0473-kopie.jpg\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/wolf-sommer.jpg\" alt=\"BRD-Erstausgabe. Quelle: https:\/\/juergenuhlendorf.files.wordpress.com\/2017\/08\/img_0473-kopie.jpg\" width=\"553\" height=\"383\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/wolf-sommer.jpg 1024w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/wolf-sommer-300x208.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 553px) 100vw, 553px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3864\" class=\"wp-caption-text\">BRD-Erstausgabe. Quelle: https:\/\/juergenuhlendorf.files.wordpress.com\/2017\/08\/img_0473-kopie.jpg<\/p><\/div>\n<p>Dann die Erz\u00e4hlung, die Wolf parallel zu \u201eKein Ort. Nirgends\u201c begann, aber erst \u201ein der Windstille zwischen zwei Epochen\u201c 1989 freigab: \u201eSommerst\u00fcck\u201c. Fritz J. Raddatz fordert daf\u00fcr in der <em>ZEIT<\/em> explizit den Nobelpreis f\u00fcr die Autorin, den sie \u2013 nach Hertha M\u00fcllers Ehrung \u2013 absehbar nicht mehr erhalten w\u00fcrde. Eine faszinierende Endzeitnovelle, ein Abschiedsspiel mit autobiographischen Z\u00fcgen, eine Midlife-Party der verlorenen Tr\u00e4ume. Portr\u00e4tiert werden anspruchsvolle Selbstverwirklicher, die einst dachten, ihnen st\u00fcnde mehr Welt als je zuvor offen, und nun desillusioniert an ihren verbliebenen Sehns\u00fcchten laborieren: \u201eGanz deutlich, bedr\u00e4ngend sogar, sp\u00fcrten sie doch bei aller Lebensf\u00fclle einen Vorrat in sich, der niemals angefordert wurde \u2026 Sie waren es, die nicht gebraucht wurden.\u201c<\/p>\n<p><strong>\u201eder immer wieder versuchte Rufmord\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Als die Wende aus dem Ruf \u201eWir sind das Volk\u201c den Ruf \u201eWir sind ein Volk\u201c werden lie\u00df, verstummte Wolf kurz und ging dann mit der novellistischen Erz\u00e4hlung \u201eWas bleibt\u201c in die Offensive. Die Handlung rankt sich um einen Tag im Leben einer Ostberliner Schriftstellerin, deren Wohnung und berufliche Aktivit\u00e4ten von der Stasi ganz offen observiert werden, und thematisiert monologisch die emotionalen Folgen der Beobachtung im allt\u00e4glichen Leben der Frau. Der Text wurde nach Wolfs Angaben schon Ende 1979 verfasst. Das versp\u00e4tete Erschienen wurde zum Anlass einer medienwirksamen Auseinandersetzung um die politische Glaubw\u00fcrdigkeit und den literarischen Rang der Autorin.<\/p>\n<p>Unter Missachtung von Sperrfristen erschienen h\u00e4mische Rezensionen in der <em>ZEIT<\/em> von Ulrich Greiner und in der <em>FAZ <\/em>von Frank Schirrmacher. Greiner zweifelte die Glaubw\u00fcrdigkeit der Erz\u00e4hlung an. Schirrmacher machte der Autorin den Vorwurf, die Erz\u00e4hlung zu sp\u00e4t ver\u00f6ffentlicht zu haben, n\u00e4mlich zu einem Zeitpunkt, in der sie ihre Brisanz verloren habe. Er vermutete sogar, der Text h\u00e4tte zehn Jahre zuvor \u2013 auf Grund der Prominenz und Unangreifbarkeit Wolfs \u2013 dem \u00dcberwachungssystem der DDR geschadet, und legte damit nahe, Christa Wolf habe aus Angst um ihre Privilegien geschwiegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<div id=\"attachment_3863\" style=\"width: 555px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/wolf-margarete.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3863\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3863  \" title=\"SPIEGEL-Text zu IM Margarete. Quelle: http:\/\/magazin.spiegel.de\/EpubDelivery\/spiegel\/pdf\/13680284\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/wolf-margarete.jpg\" alt=\"SPIEGEL-Text zu IM Margarete. Quelle: http:\/\/magazin.spiegel.de\/EpubDelivery\/spiegel\/pdf\/13680284\" width=\"545\" height=\"661\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/wolf-margarete.jpg 757w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/wolf-margarete-247x300.jpg 247w\" sizes=\"(max-width: 545px) 100vw, 545px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3863\" class=\"wp-caption-text\">SPIEGEL-Text zu IM Margarete. Quelle: http:\/\/magazin.spiegel.de\/EpubDelivery\/spiegel\/pdf\/13680284<\/p><\/div>\n<p>Danach begannen zahlreiche Intellektuelle aus Ost und West, sich im Kampf um die Deutungshoheit auch der eigenen Biographie als politisch engagierte Schriftsteller gegenseitig anzugreifen. Wolf selbst gab in der <em>BZ<\/em> Anfang 1993 zu, dass sie in ihrer Hallenser Zeit von 1959 bis 1962, da sie viele Betriebskontakte hatte, als \u201eIM Margarete\u201c bei der Stasi gef\u00fchrt worden war. Neben 42 Aktenordnern (!) \u00fcber ihre \u00dcberwachung gab es auch ein sage und schreibe 130 Seiten (!) langes Faksimile \u00fcber ihre eigene Stasit\u00e4tigkeit mit sieben Treffen und drei ausschlie\u00dflich positiven (!) Berichten.<\/p>\n<p>\u201eDie vorschnelle Verurteilung von Schriftstellern jedenfalls, sie w\u00e4re das Fatalste, was jetzt passieren kann\u201c, positionierte sich Schirrmacher flugs um. Spektakul\u00e4r war die Forderung der M\u00fcnchner CSU, der Stadtrat m\u00f6ge der Autorin den 1987 f\u00fcr den \u201eSt\u00f6rfall\u201c verliehenen Geschwister-Scholl-Preis wieder aberkennen, was nicht zuletzt die \u00e4ltere Schwester von Hans und Sophie Scholl, Inge Aicher-Scholl, abwehrte. Wolf empfand die Kritik als Hexenjagd, ja ungerechtfertigte Abrechnung mit ihrem Wunsch nach einem demokratischen Sozialismus sowie ihrer DDR-Biographie und verglich ihre Situation mit ihrer Unterdr\u00fcckung in der DDR. Sie ging f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit in die USA und ver\u00f6ffentlichte 1993 ihre vollst\u00e4ndige IM-Akte unter dem Titel \u201eAkteneinsicht Christa Wolf\u201c.<\/p>\n<p>Von ihrer Diskreditierung erholte sich die wohl bedeutendste deutschsprachige Prosa-Autorin nach 1945 nicht mehr. So war fast zwangsl\u00e4ufig die DDR, der gescheiterte Entwurf einer anderen Gesellschaftsordnung, bis zu ihrem letzten Buch \u201eStadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud\u201c (2010), das ihr \u201eUSA-Exil\u201c in Los Angeles thematisierte, das Brennglas, durch das ihr Schreiben Genauigkeit und Sch\u00e4rfe gewonnen hatte. G\u00fcnter Grass beklagte zu ihrem Tod bitter \u201eWas ihr im eigenen, trotz allem geliebten Land von Staats wegen zugef\u00fcgt worden war, wurde nun in \u00e4hnlicher Praxis fortgesetzt, sozusagen gesamtdeutsch und hinterm Schutzschild \u201aMeinungsfreiheit\u2018: Verleumdungen, verf\u00e4lschte Zitate, der immer wieder versuchte Rufmord. Als Schande wird auch das bleiben.\u201c<\/p>\n<p>In seiner ber\u00fchrend-tiefsinnigen Grabrede sagte Volker Braun \u201eSie ging bis an die Grenze, an der man sich als Fremde entgegenkommt.\u201c Ein \u201eSich-Heranarbeiten an die innere Grenzlinie\u201c nannte Wolf ihr Schreiben selbst. Radisch erkannte eine romantisch erweiterte Politikauffassung, \u201edie das Pers\u00f6nliche \u00f6ffentlich und das \u00d6ffentliche pers\u00f6nlich verstehen m\u00f6chte\u201c. Zu Zeiten von Grenzen, die ja in Deutschland seit 1990 offenbar nur noch zum \u00dcberschreiten gut sind, gaben ihre Texte Antworten auf dr\u00e4ngende Fragen: die Zukunft einer bipolaren Welt, die Krise der Moderne, Perspektiven von \u00d6kologie, sozialen Bewegungen und vor allem von Gerechtigkeit. Antworten auf viele dieser Fragen w\u00e4ren heute vonn\u00f6ten. Ihre Stimme fehlt.<\/p>\n<p><iframe style=\"border: none; overflow: hidden; width: 450px; height: 80px;\" src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D3857&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\" frameborder=\"0\" scrolling=\"no\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Vorzeige-Intellektuelle der DDR galt als einzige ostdeutsche Nobelpreiskandidatin und wurde nach einer sch\u00e4ndlichen Rufmord-Kampagne doch still begraben: Christa Wolf. Jetzt w\u00fcrde sie 90 Jahre alt.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5,4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3857"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3857"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3857\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5562,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3857\/revisions\/5562"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3857"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3857"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3857"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}