{"id":3872,"date":"2019-03-25T17:28:28","date_gmt":"2019-03-25T16:28:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=3872"},"modified":"2019-02-25T18:20:58","modified_gmt":"2019-02-25T17:20:58","slug":"%e2%80%9eselbsterlebtes-erschien-mir-nicht-immer-wichtig%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=3872","title":{"rendered":"\u201eSelbsterlebtes erschien mir nicht immer wichtig\u201c"},"content":{"rendered":"<p>\u201eParis darf nicht oder nur als Tr\u00fcmmerfeld in die Hand des Feindes fallen.\u201c So steht es im Befehl 772989\/44 zur \u201eVerteidigung des Br\u00fcckenkopfes Paris\u201c aus dem Oberkommando der Wehrmacht, den Stadtkommandant Dietrich von Choltitz am 23. August 1944 erhielt. Der General, 49 Jahre alt, ein Veteran schon des Ersten Weltkriegs, hat an nahezu allen Fronten gek\u00e4mpft, in Russland, in Italien und in der Normandie. Er will seine \u201ePflicht tun\u201c, wie er sagt, und benutzt die Ausrede aller Machtbeladenen, die vor der pers\u00f6nlichen Verantwortung fliehen: \u201eIch habe jetzt keine Wahl mehr.\u201c<\/p>\n<p>Der Verlust von Paris, so steht es im Befehl, habe in der Geschichte bisher immer den Fall von ganz Frankreich bedeutet. Aber was h\u00e4tte die Zerst\u00f6rung von Paris in der Geschichte bedeutet? Choltitz muss sich entscheiden, so oder so werden die Pariser, ja wird die Welt sich an ihn erinnern &#8211; als Henker oder als Retter der \u201eStadt des Lichts\u201c, die f\u00fcr die deutschen Soldaten vier Jahre lang der sch\u00f6nste Standort im ganzen Krieg war, ein Ruhepol und ein Erholungszentrum inmitten des in Ruinen zerfallenden Europa. Die 1525 Tage dauernde Besetzung der franz\u00f6sischen Hauptstadt durch die Deutschen neigt sich dem Ende zu.<\/p>\n<p>\u201eDiplomatie\u201c, das Historiendrama Volker Schl\u00f6ndorffs, das im Sp\u00e4tsommer 2014 in die deutschen Kinos kam, zeigt die letzten Stunden vor der Befreiung von Paris. Der Film besteht fast nur aus einem Dialog zwischen zwei M\u00e4nnern, den es in Wirklichkeit so sicher nicht gegeben hat, aber h\u00e4tte geben k\u00f6nnen: dem Stadtkommandanten Choltitz und seinem \u00dcberraschungsbesucher, dem schwedischen Konsul Raoul Nordling, der den deutschen General mit dessen Gewissenskonflikt konfrontiert und ihm die bequeme Berufung auf den Befehlsnotstand &#8211; die Entschuldigung unz\u00e4hliger Kriegsverbrechen &#8211; Zug um Zug verbaut. Am Ende setzt der Diplomat den Milit\u00e4r schachmatt: Choltitz l\u00e4sst sich am 25. August 1944 gegen 15\u2008Uhr im Hotel Meurice von den Siegern gefangen nehmen und abf\u00fchren. Paris brannte nicht. Als \u201eBrennt Paris?\u201c war die Geschichte schon 1966 unter anderem mit Gert Fr\u00f6be als Choltitz prominent verfilmt worden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<div id=\"attachment_3873\" style=\"width: 550px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/schl\u00f6ndorff-diplomatie.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3873\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3873 \" title=\"Schl\u00f6ndorff am &quot;Diplomatie&quot;-Set. Quelle: http:\/\/www.planet-interview.de\/wp-content\/uploads\/schl%C3%B6ndorff-2.jpg\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/schl\u00f6ndorff-diplomatie.jpg\" alt=\"Schl\u00f6ndorff am &quot;Diplomatie&quot;-Set. Quelle: http:\/\/www.planet-interview.de\/wp-content\/uploads\/schl%C3%B6ndorff-2.jpg\" width=\"540\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/schl\u00f6ndorff-diplomatie.jpg 600w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/schl\u00f6ndorff-diplomatie-300x200.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3873\" class=\"wp-caption-text\">Schl\u00f6ndorff am &quot;Diplomatie&quot;-Set. Quelle: http:\/\/www.planet-interview.de\/wp-content\/uploads\/schl%C3%B6ndorff-2.jpg<\/p><\/div>\n<p>Es war das einzige Mal, dass der frankophile Schl\u00f6ndorff einen bereits verfilmten Stoff erneut aufgriff \u2013 im Gegensatz zu weltliterarischen Vorlagen, die er detailverliebt und mit viel Engagement auf die Leinwand brachte, so bereits seinen Erstling \u201eDer junge T\u00f6rless\u201c. Nach dem Roman \u201eDie Verwirrungen des Z\u00f6glings T\u00f6rle\u00df\u201c von Robert Musil schrieb er 1963-65 das Drehbuch und realisierte den Streifen auch als Regisseur. Der Film wurde hochgelobt, in den Kategorien Drehbuch, Regie und Bester Film mit dem Deutschen Filmpreis und mit dem Kritikerpreis des Filmfestivals von Cannes ausgezeichnet; er gilt als der erste internationale Erfolg des jungen deutschen Films.<\/p>\n<p><strong>\u201eLeseerlebnisse waren dagegen Offenbarungen\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Ein Leben als Regisseur und Drehbuchautor war Volker Schl\u00f6ndorff als zweitem von drei S\u00f6hnen einer Arztfamilie nicht in die Wiege gelegt. Geboren am 31. M\u00e4rz 1939, verliert er seine Mutter 1944 bei einem K\u00fcchenbrand. Er w\u00e4chst in Schlangenbad im Taunus auf, war ein stilles Kind, gepr\u00e4gt von einer fr\u00fchen, universellen Liebe zum Fiktionalen, Erz\u00e4hlten, zu Geschichten und Charakteren: \u201eSelbsterlebtes erschien mir nicht immer wichtig, Leseerlebnisse waren dagegen Offenbarungen\u201c, zitiert ihn <em>kinofenster.de<\/em>. \u201eLesen\u201c, erz\u00e4hlt er in seiner Autobiografie \u201eLicht, Schatten und Bewegung\u201c, hie\u00df \u201ezu erfahren, wie andere Menschen sind und wie sie leben\u201c. Er besuchte erst das Gymnasium in seinem Geburtsort und setzte im Anschluss an einen Sch\u00fcleraustausch ab 1955 seine schulische Ausbildung in Frankreich fort, zuletzt an der Pariser Eliteschule \u201eLyc\u00e9e Henri IV\u201c mit dem sp\u00e4teren Regisseur Bertrand Tavernier als Sitznachbar.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend seine Br\u00fcder in die Fu\u00dfstapfen des Vaters traten und Mediziner wurden, studierte er in Paris zun\u00e4chst Jura und bereitet sich auf die Aufnahme an der Filmhochschule vor: in der Cin\u00e9ma-th\u00e8que fran\u00e7aise in Paris sah er sich allabendlich zwei bis drei Filme an und lernte wohl auch Regisseure der Nouvelle Vague kennen. Als einer von elf aus 300 Bewerbern ausgew\u00e4hlt, lie\u00df er das Studium verfallen, da er 1960 bei Louis Malle als Regieassistent arbeiten und sp\u00e4ter auch bei Ludwig Berger, Jean-Pierre Melville und Alain Resnais hospitieren konnte. Damit stand ihm die T\u00fcr zu einer Filmkarriere auch ohne akademische Ausbildung offen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<div id=\"attachment_3875\" style=\"width: 501px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/schl\u00f6ndorff-baal.jpeg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3875\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3875  \" title=\"Baal-Wiederauff\u00fchrung mit Trotta und H. Schygulla. Quelle: https:\/\/www.bz-berlin.de\/data\/uploads\/multimedia\/archive\/00471\/71643977_3e293ac4d_471729a-768x432.jpeg\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/schl\u00f6ndorff-baal.jpeg\" alt=\"Baal-Wiederauff\u00fchrung mit Trotta und H. Schygulla. Quelle: https:\/\/www.bz-berlin.de\/data\/uploads\/multimedia\/archive\/00471\/71643977_3e293ac4d_471729a-768x432.jpeg\" width=\"491\" height=\"277\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/schl\u00f6ndorff-baal.jpeg 768w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/schl\u00f6ndorff-baal-300x168.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 491px) 100vw, 491px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3875\" class=\"wp-caption-text\">Baal-Wiederauff\u00fchrung mit Trotta und H. Schygulla. Quelle: https:\/\/www.bz-berlin.de\/data\/uploads\/multimedia\/archive\/00471\/71643977_3e293ac4d_471729a-768x432.jpeg<\/p><\/div>\n<p>1967 stellt er in \u201eMord und Totschlag\u201c die Klischees des Kriminalfilms auf den Kopf, indem er nicht die Aufkl\u00e4rung des Verbrechens in den Mittelpunkt stellt, sondern die Bem\u00fchungen der T\u00e4terin, ihre Tat, den Mord an ihrem Freund, zu vertuschen. Der zwei Jahre sp\u00e4ter ertrunkene Rolling Stones-Gitarrist Brian Jones schrieb die Musik dazu, die FSK stufte die Altersfreigabe erst 2018 von 18 auf 16 Jahre herunter. 1969 und 1974 gr\u00fcndet Schl\u00f6ndorff mit verschiedenen Partnern zwei Produktionsfirmen. 1969 verfilmt er Kleists \u201eMichael Kohlhaas\u201c, 1970 Brechts \u201eBaal\u201c, der 44 Jahre verboten war und erst zur Berlinale 2014 wieder gezeigt wurde.<\/p>\n<p>1971 heiratet Volker Schl\u00f6ndorff die Schauspielerin und Regisseurin Margarethe von Trotta, die mit ihm als Schauspielerin, Regie-Assistentin, Co-Regisseurin und Co-Autorin arbeitet. Die Beziehung wird 20 Jahre halten und bereits 1975 im mehrfach ausgezeichneten Film \u201eDie verlorene Ehre der Katharina Blum\u201c nach der gleichnamigen Erz\u00e4hlung von Nobelpreistr\u00e4ger Heinrich B\u00f6ll einen k\u00fcnstlerischen H\u00f6hepunkt erreichen. Thematisiert wurde darin die negative, konfliktverst\u00e4rkende Rolle des Sensationsjournalismus im Zusammenhang mit dem RAF-Terrorismus der 1970er Jahre.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr wurde Schl\u00f6ndorff von der Springer-Presse massiv angegriffen und von der CSU als \u201ehauptverantwortlicher Informationsstratege der RAF\u201c diffamiert. Die Kritik zog seinen Ausstieg aus dem Verwaltungsrat der Filmf\u00f6rderungsanstalt nach sich, dem er auf Vorschlag der SPD-Bundestagsfraktion von 1974 bis 1978 angeh\u00f6rte. Der SPD stand Schl\u00f6ndorff \u00fcber Jahrzehnte nahe, ohne ihr Mitglied zu sein. 1999 nimmt er das RAF-Thema in \u201eDie Stille nach dem Schuss\u201c mit DDR- und Stasi-Bezug erneut auf und pl\u00e4diert 2007 in der Debatte um die Freilassung der Ex-Terroristen Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt f\u00fcr Gnade. Dieses Muster, bestimmte f\u00fcr ihn \u201eunabgeschlossene\u201c Geschichten abermals aufzugreifen, zieht sich menschlich wie k\u00fcnstlerisch durch sein Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<div id=\"attachment_3874\" style=\"width: 546px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/schl\u00f6ndorff-blum.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3874\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3874  \" title=\"Katharina-Blum-Cover. Quelle: https:\/\/gfx.videobuster.de\/archive\/v\/cp_OyaeQZexCy8cTY2HIr1Qcz0lMkawMDklMkYwOSUyRmltYZklMkZqcGVnJTJGY-JlqDNkzjBh_jRiZWbtMYs5ZTAzYThm2C5qcGcmcj137zg\/die-verlorene-ehre-der-katharina-blum.jpg\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/schl\u00f6ndorff-blum.jpg\" alt=\"Katharina-Blum-Cover. Quelle: https:\/\/gfx.videobuster.de\/archive\/v\/cp_OyaeQZexCy8cTY2HIr1Qcz0lMkawMDklMkYwOSUyRmltYZklMkZqcGVnJTJGY-JlqDNkzjBh_jRiZWbtMYs5ZTAzYThm2C5qcGcmcj137zg\/die-verlorene-ehre-der-katharina-blum.jpg\" width=\"536\" height=\"357\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/schl\u00f6ndorff-blum.jpg 838w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/schl\u00f6ndorff-blum-300x199.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 536px) 100vw, 536px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3874\" class=\"wp-caption-text\">Katharina-Blum-Cover. Quelle: https:\/\/gfx.videobuster.de\/archive\/v\/cp_OyaeQZexCy8cTY2HIr1Qcz0lMkawMDklMkYwOSUyRmltYZklMkZqcGVnJTJGY-JlqDNkzjBh_jRiZWbtMYs5ZTAzYThm2C5qcGcmcj137zg\/die-verlorene-ehre-der-katharina-blum.jpg<\/p><\/div>\n<p>Nach der schwerm\u00fctigen Verfilmung von Marguerite Yourcenars russischem B\u00fcrgerkriegsdrama \u201eDer Fangschu\u00df\u201c gelang Schl\u00f6ndorff 1979 der internationale Durchbruch mit der Verfilmung von G\u00fcnter Grass\u2019 gleichnamigem Weltkriegsepos \u201eDie Blechtrommel\u201c. Ausgezeichnet mit der Goldenen Palme in Cannes und dem Oscar f\u00fcr den besten fremdsprachigen Film markiert der Streifen den ersten H\u00f6hepunkt der internationalen Anerkennung des deutschen Films nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. \u201ePapas Kino, gegen das Alexander Kluge, Wim Wenders oder Rainer Werner Fassbinder dereinst angetreten waren, schien endlich abgeschafft\u201c, jubelt Thomas Winkler auf <em>kinofenster.de<\/em>.<\/p>\n<p><strong>\u201eIch wollte endlich mal \u00fcber mich reden\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Es war der Moment, in dem der Neue Deutsche Film aber auch erkennen musste, dass er nun selbst angekommen war in dem Establishment, das er doch eigentlich bek\u00e4mpft hatte. In die polnische Werftstadt Danzig, wo die Dreharbeiten unter anderem stattfanden, kehrt Schl\u00f6ndorff 2005 zur\u00fcck, um die Geschichte von Anna Walentynowicz zu verfilmen: einer auf der Werft beliebten, aber vom Schicksal gezeichneten Kranf\u00fchrerin und wichtigsten Mitgr\u00fcnderin der polnischen Solidarno\u015b\u0107. Der Film kam 2007 unter dem Titel \u201eStrajk \u2013 Die Heldin von Danzig\u201c in die Kinos.<\/p>\n<p>Nach dem Erfolg der Blechtrommel ging Schl\u00f6ndorff mit der Absicht in die USA, auch den Rest seines Lebens dort zu verbringen &#8211; mit dem Fall der Mauer sollte er seine Lebensplanung \u00e4ndern und von New York nach Potsdam ziehen. Zun\u00e4chst drehte er \u201eDie F\u00e4lschung\u201c (1981) nach dem Roman von Nicolas Born. Der medienkritische Streifen z\u00e4hlt zu seinen interessantesten Literaturverfilmungen und wurde mit Bruno Ganz und Hanna Schygulla w\u00e4hrend des libanesischen B\u00fcrgerkriegs in Beirut realisiert. \u201eEine Liebe von Swann\u201c, 1984 nach dem gleichnamigen Kapitel aus Marcel Prousts \u201eAuf der Suche nach der verlorenen Zeit\u201c verfilmt, bezeichnete er selbstkritisch als \u201eweitgehend gescheitert\u201c.<\/p>\n<p>1985 verpflichtete er Dustin Hoffman, Kate Reid und John Malkovich f\u00fcr seine preisgekr\u00f6nte Fernsehverfilmung \u201eTod eines Handlungsreisenden\u201c nach dem gleichnamigen Drama von Arthur Miller. 32 Jahre sp\u00e4ter nimmt er Hoffman gegen Vorw\u00fcrfe der sexuellen Bel\u00e4stigung in Schutz: Eine damals 17-j\u00e4hrige Praktikantin hatte dem Hollywood-Star vorgeworfen, sie am Set von Schl\u00f6ndorffs Film sexuell bel\u00e4stigt zu haben. Schl\u00f6ndorff nannte die Vorw\u00fcrfe in der <em>ZEIT<\/em> eine \u201el\u00e4cherliche Anklage\u201c.<\/p>\n<p>1990 schafft Schl\u00f6ndorff mit \u201eDie Geschichte der Dienerin\u201c, einer Verfilmung des dystopischen Romans \u201eDer Report der Magd\u201c von Margaret Atwood, einen weiteren k\u00fcnstlerischen H\u00f6hepunkt: In einer d\u00fcsteren Zukunftsvision werden Frauen von Fremden in einem religi\u00f6s-fundamentalistischen Nachfolge-Teilstaat der USA zum Geb\u00e4ren gezwungen. Im Jahr darauf verfilmt er Max Frisch\u2019s \u201eHomo Faber\u201c. Aus Dankbarkeit hat Frisch Schl\u00f6ndorff damals seinen Jaguar geschenkt: \u201eDa, wo ich hingehe, brauche ich ihn nicht mehr\u201c. Die Kritik verrei\u00dft den Streifen aber als \u201ezu ehrf\u00fcrchtig\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<div id=\"attachment_3877\" style=\"width: 563px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/schl\u00f6ndorff-frisch.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3877\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3877  \" title=\"Schl\u00f6ndorff und Frisch. Quelle: http:\/\/schloendorff.deutsches-filminstitut.de\/medien\/2014\/03\/Homo-Faber_Fotos_Treffen-Max_Frisch_24_5_3_03_003a.jpg\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/schl\u00f6ndorff-frisch.jpg\" alt=\"Schl\u00f6ndorff und Frisch. Quelle: http:\/\/schloendorff.deutsches-filminstitut.de\/medien\/2014\/03\/Homo-Faber_Fotos_Treffen-Max_Frisch_24_5_3_03_003a.jpg\" width=\"553\" height=\"356\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/schl\u00f6ndorff-frisch.jpg 1024w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/schl\u00f6ndorff-frisch-300x193.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 553px) 100vw, 553px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3877\" class=\"wp-caption-text\">Schl\u00f6ndorff und Frisch. Quelle: http:\/\/schloendorff.deutsches-filminstitut.de\/medien\/2014\/03\/Homo-Faber_Fotos_Treffen-Max_Frisch_24_5_3_03_003a.jpg<\/p><\/div>\n<p>Das verwunderte nicht unbedingt, verband Schl\u00f6ndorff mit dem Schweizer Schriftsteller auch eine Freundschaft, die mehr als 15 Jahre nach dessen Tod im Film \u201eR\u00fcckkehr nach Montauk\u201c einen gemeinsamen H\u00f6hepunkt fand: Das Drehbuch war nicht nur eine Art doppelte Autobiographie, sondern auch der erste Film \u00fcber Schl\u00f6ndorffs eigenes Leben: \u201eIch wollte endlich mal \u00fcber mich reden\u201c, sagte er dem <em>SPIEGEL<\/em>. Denn in seiner Autobiografie hatte Schl\u00f6ndorff einige seiner Frischs Leben \u00e4hnelnden Liebeswirrungen angedeutet und beschrieben: Die Trennung von seiner langj\u00e4hrigen Ehefrau Margarethe von Trotta, seine Zerrissenheit zwischen drei Frauen in den Trennungsjahren.<\/p>\n<p>Damals schrieb er: \u201eFehlte mir der Mut, mich dem wirklichen Leben zu stellen? Floh ich immer noch ins Literarische? Mit M\u00f6glichkeiten spielend, statt mich zu entscheiden?\u201c Seit 1992 ist er in zweiter Ehe mit der Schnittmeisterin Angelika Gruber verheiratet, mit der er eine Tochter hat. Im selben Jahr wird er Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Filmstudios Babelsberg und ist f\u00fcr die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin als Dozent t\u00e4tig.<\/p>\n<p><strong>\u201eSchludern\u201c und \u201ePfuschen\u201c<\/strong><\/p>\n<p>1996 verfilmte Schl\u00f6ndorff prominent den Roman \u201eDer Erlk\u00f6nig\u201c von Michel Tournier: Eine \u201eambitionierte, aufwendige Literaturverfilmung, die versucht, die Faszination des nationalsozialistischen Kultes auf ihre mythischen und romantischen Wurzeln hin zu durchleuchten\u201c, verhei\u00dft das \u201eLexikon des internationalen Films\u201c. In der Geschichte um die Napola-Burg Kaltenborn spielen neben John Malkovich in der Hauptrolle auch Armin Mueller-Stahl, Gottfried John und Marianne S\u00e4gebrecht.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<div id=\"attachment_3878\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/schl\u00f6ndorff-unhaold.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3878\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3878 \" title=\"Malkovich als Unhold. Quelle: http:\/\/www.volkerschloendorff.com\/uploads\/pics\/der-unhold-1996-02.jpg\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/schl\u00f6ndorff-unhaold.jpg\" alt=\"Malkovich als Unhold. 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Quelle: http:\/\/www.volkerschloendorff.com\/uploads\/pics\/der-unhold-1996-02.jpg<\/p><\/div>\n<p>Trotz seiner SPD-N\u00e4he unterst\u00fctzte Schl\u00f6ndorff 2005 und 2009 im ARD-Morgenmagazin die CDU-Kanzlerkandidatin Angela Merkel in ihrem Wahlkampf: \u201eWer nach 1989 noch links ist, muss ein Brett vor dem Kopf haben.\u201c Schl\u00f6ndorff bezog diese Aussage allgemein auf \u201edie linke Ideologie\u201c und im Besonderen auf die \u201ePlanwirtschaft\u201c, welche die Menschen unselbst\u00e4ndig und unm\u00fcndig gemacht habe, was er w\u00e4hrend der Privatisierung der DEFA selbst erleben konnte. Merkel werde die Gesellschaft nicht spalten, sondern sozialpartnerschaftlich handeln. Im Jahr 2010 empfahl er Merkel in einem offenen Brief im <em>Cicero<\/em> eine R\u00fcckkehr in ihren \u201eeigentlichen Beruf\u201c nach Ablauf ihrer Amtszeit.<\/p>\n<p>Dazwischen, 2008, sollte Schl\u00f6ndorff bei der von ihm seit Jahren geplanten Verfilmung von \u201eDie P\u00e4pstin\u201c, dem historischen Bestseller von Donna Woolfolk Cross, die Regie \u00fcbernehmen, wurde jedoch von der Produktionsfirma entlassen: Er hatte \u00f6ffentlich eine \u201eunheilige Allianz von Film- und Fernsehproduzenten\u201c kritisiert, die zwei Fassungen f\u00fcr das Kino und als Fernsehmehrteiler drehen wollten. Die unterschiedlichen Dramaturgien eines Kinofilms und Fernsehfilms w\u00fcrden zum \u201eSchludern\u201c und \u201ePfuschen\u201c f\u00fchren, zu einem sogenannten \u201eAmphibien-Film\u201c.<\/p>\n<p>Daraufhin wurde ihm von Constantin Film mit der Begr\u00fcndung gek\u00fcndigt, er habe das Vertrauensverh\u00e4ltnis verletzt. Seine (generelle) Kritik habe au\u00dferdem der Produktion geschadet. Schl\u00f6ndorff wollte wohl nicht geschmeidig genug sein f\u00fcr die neuen \u00f6konomischen Realit\u00e4ten. Statt seiner \u00fcbernahm der 20 Jahre j\u00fcngere S\u00f6nke Wortmann das Kommando bei den Dreharbeiten \u2013 und Schl\u00f6ndorff hat Zeit, seine Autobiographie zu schreiben. 2009 bekommt er die Carl-Zuckmayer-Medaille f\u00fcr das \u201egro\u00dfe Gerechtigkeitsempfinden\u201c in seinen Filmen: Seine Figuren w\u00fcssten sich immer selbst zu helfen und st\u00fcnden dabei \u201eimmer kurz vor ihrer Verwandlung\u201c, so Laudator Thomas Koebner.<\/p>\n<p>2011 lieferte Schl\u00f6ndorff mit der Verfilmung von Ernst J\u00fcngers \u201eZur Geiselfrage\u201c unter dem Titel \u201eDas Meer am Morgen\u201c einen weiteren Mosaikstein zu seiner Auseinandersetzung mit dem 2. Weltkrieg. Am Nachmittag des 22. Oktober 1941 werden in der Bretagne, als Vergeltungsma\u00dfnahme f\u00fcr das Attentat auf einen deutschen Offizier, 27 franz\u00f6sische Geiseln aus einem Internierungslager bei Choisel durch ein Erschie\u00dfungskommando hingerichtet. Der J\u00fcngste der Erschossenen, Guy M\u00f4quet, ist gerade mal siebzehneinhalb. In seinem Abschiedsbrief hei\u00dft es: \u201eGewiss w\u00fcrde ich gerne leben, aber was ich von ganzem Herzen w\u00fcnsche, ist, dass mein Tod zu etwas gut sein m\u00f6ge.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<div id=\"attachment_3879\" style=\"width: 496px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/schl\u00f6ndorff-meer.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3879\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3879  \" title=\"Schl\u00f6ndorff vor franz\u00f6sischem Plakat. Quelle: https:\/\/de.ambafrance.org\/IMG\/jpg\/2012-01-31_Schlondorf_12__web.jpg?5316\/8f94c4425e41d288705b370bdd54d3d797a6ba1f\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/schl\u00f6ndorff-meer.jpg\" alt=\"Schl\u00f6ndorff vor franz\u00f6sischem Plakat. Quelle: https:\/\/de.ambafrance.org\/IMG\/jpg\/2012-01-31_Schlondorf_12__web.jpg?5316\/8f94c4425e41d288705b370bdd54d3d797a6ba1f\" width=\"486\" height=\"326\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/schl\u00f6ndorff-meer.jpg 600w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/schl\u00f6ndorff-meer-300x201.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 486px) 100vw, 486px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3879\" class=\"wp-caption-text\">Schl\u00f6ndorff vor franz\u00f6sischem Plakat. Quelle: https:\/\/de.ambafrance.org\/IMG\/jpg\/2012-01-31_Schlondorf_12__web.jpg?5316\/8f94c4425e41d288705b370bdd54d3d797a6ba1f<\/p><\/div>\n<p>Im Auftrag von General Otto von St\u00fclpnagel hatte J\u00fcnger die Vorg\u00e4nge um die Exekutionen und weitere Vergeltungsma\u00dfnahmen gegen den franz\u00f6sischen Widerstand in einem Geheimbericht\u00a0 zu Papier gebracht. Sein Text, erg\u00e4nzt um von ihm \u00fcbersetzte Abschiedsbriefe der Exekutierten, tauchte erst nach J\u00fcngers Tod in dessen Nachlass auf und wurde 2003 ver\u00f6ffentlicht. J\u00fcngers fahrl\u00e4ssige Formulierung \u201eIn Nantes sind die ersten Geiseln hingerichtet worden. Ohne Zwischenf\u00e4lle, ohne Gewaltanwendung\u201c greift der Film jedenfalls dankbar auf, ehe der Denker mit dem Eisernen Kreuz zu philosophieren beginnt: \u201eDer Mensch scheint erst im Angesicht des Todes zu seiner wahren Gr\u00f6\u00dfe zu finden.\u201c Den Abschiedsbrief von Guy M\u00f4quet lie\u00df Nicolas Sarkozy am Tag seines Amtsantritts als Staatspr\u00e4sident im Mai 2007 erstmals \u00f6ffentlich verlesen. Seither wird sein Text am Todestag, dem 22. Oktober, an allen Schulen Frankreichs von Sch\u00fclern vorgetragen.<\/p>\n<p>Auch wenn manche seiner \u00fcber 30 Streifen heute k\u00fcnstlerisch nicht mehr unbedingt zu \u00fcberzeugen wissen, auch wenn sein langj\u00e4hriges Wirken als Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Filmstudios Babelsberg von steter Kritik begleitet war: Schl\u00f6ndorff ist aus dem deutschen Film nicht mehr wegzudenken. Er ist zur Institution geworden, reist als Jury-Pr\u00e4sident zum Filmfestival nach Teheran, schreibt Grunds\u00e4tzliches zur Globalisierung des Kinos und ist eine pr\u00e4gende Figur der Kulturpolitik und des Filmgesch\u00e4fts in Deutschland \u2013 unabh\u00e4ngig von allen parteipolitischen Pr\u00e4ferenzen. Das ist selten und l\u00e4sst hoffen.<\/p>\n<p><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D3872&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ein SPD-naher Oscargewinner Angela Merkel unterst\u00fctzt und Ernst J\u00fcnger verfilmt, kann er nur Volker Schl\u00f6ndorff hei\u00dfen. 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