{"id":3978,"date":"2019-05-05T19:54:29","date_gmt":"2019-05-05T18:54:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=3978"},"modified":"2019-04-24T20:28:09","modified_gmt":"2019-04-24T19:28:09","slug":"%e2%80%9edie-bleibe-die-ich-suche-ist-kein-staat%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=3978","title":{"rendered":"\u201eDie Bleibe, die ich suche, ist kein Staat\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Als letzten Utopist, der es bis zum Schluss in der DDR ausgehalten und den \u201emit sprachlicher Brillanz\u201c unerm\u00fcdlich die \u201eLust am Experiment\u201c vorangetrieben habe, sieht ihn Martin Krumbholz in der <em>NZZ<\/em>. Hans-Herbert R\u00e4kel bewundert in der <em>S\u00fcZ<\/em> seinen \u201eKampf um ein lyrisches Ich\u201c jenseits einer \u201eIdeologie oder einer politischen \u00dcberzeugung\u201c. Rolf-Bernhard Essig lobt in der <em>Frankfurter Rundschau<\/em> die Vielfalt seiner \u201eT\u00f6ne, Formen und Themen\u201c, die die \u201eBuntheit der Narrengesellschaft Menschheit\u201c treffend wiedergebe. Die artigen Komplimente gelten einem Sachsen, der sich bis heute als unartig versteht, zu den bedeutendsten Dramatikern, Lyrikern, Erz\u00e4hlern und Essayisten im deutschen Sprachraum geh\u00f6rt und nun seinen 80. Geburtstag feiern darf:\u00a0 Volker Braun.<\/p>\n<p>Dabei ist \u201edarf\u201c durchaus w\u00f6rtlich zu nehmen: zu seinen \u201ebesten Zeiten\u201c als \u201eAu\u00dfenseiter und Aush\u00e4ngeschild\u201c der DDR waren neun Stasi-Offiziere und zweiunddrei\u00dfig IM auf ihn angesetzt, ein DDR-Funktion\u00e4r hatte ihm gar angedroht, man m\u00fcsse ihn erschie\u00dfen. Er lebte ein exemplarisches Leben zwischen Anpassung und Abweichung: \u201eSED-Mitgliedschaft und staatliche Observierung, Verteidigung der sozialistischen Idee und Austritt aus dem Schriftstellerverband, Publikationsbehinderung und Reisem\u00f6glichkeiten pr\u00e4gten seine Existenz, aus der ein tiefes Bed\u00fcrfnis zur H\u00e4resie erwuchs\u201c, erkannte Gregor Dotzauer im <em>Tagesspiegel<\/em>. Sein Problem: Die Anspr\u00fcche, die er an die DDR gerichtet hatte, stellte er auch an das wiedervereinigte Deutschland und seine \u201ezusammengenagelte, erpresste Einheit, die Einheit der Uneinigen, Ungleichen, der Zerrissenen\u201c.<\/p>\n<div id=\"attachment_3979\" style=\"width: 645px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/braun.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3979\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3979\" title=\"Volker Braun, Quelle: https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/media\/thumbs\/c\/ca35cdedefd13dcf5436e920cc7f4696v1_max_635x382_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg?key=0ca0ee\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/braun.jpg\" alt=\"Volker Braun, Quelle: https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/media\/thumbs\/c\/ca35cdedefd13dcf5436e920cc7f4696v1_max_635x382_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg?key=0ca0ee\" width=\"635\" height=\"382\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/braun.jpg 635w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/braun-300x180.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 635px) 100vw, 635px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3979\" class=\"wp-caption-text\">Volker Braun, Quelle: https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/media\/thumbs\/c\/ca35cdedefd13dcf5436e920cc7f4696v1_max_635x382_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg?key=0ca0ee<\/p><\/div>\n<p>Als Sohn des Buchpr\u00fcfers Erich Braun, der zum Ausgleich zu seinem eher profanen Beruf Kunstliebhaber war, wurde Volker Braun am 7. Mai 1939 in Dresden geboren. Das Sonntagskind hatte vier Br\u00fcder. Sein Vater fiel am letzten Kampftag, sein sechster Geburtstag war der Tag der Befreiung und Beisetzung. Dresden war zerst\u00f6rt, seine \u00e4sthetische Schule waren die sch\u00f6nen Ruinen. Als noch junge Frau und Kriegerwitwe musste seine Mutter f\u00fcnf kleine Kinder durch die Nachkriegszeit bringen \u2013 der Sohn wird ihr in der autobiographischen Erz\u00e4hlung \u201eDas Mittagsmahl\u201c (2007) ein Denkmal setzen. Nach dem Abitur arbeitete er als Druckerei-, Tiefbau- und Tagebauarbeiter und als Maschinist, unter anderem im Gaskombinat Schwarze Pumpe. Rausch und Qual der Arbeit, dazu die Erfahrung der Ungleichheit sch\u00f6pferischer und Drecksarbeit wurden ihm elementarer Stoff des Schreibens.<\/p>\n<p><strong>\u201eProvokation f\u00fcr mich\u201c <\/strong><\/p>\n<p>1960 begann er an der Universit\u00e4t Leipzig Philosophie zu studieren und schrieb erste Gedichte unter dem Titel \u201eProvokation f\u00fcr mich\u201c, die Stephan Hermlin 1962 in der Akademie der K\u00fcnste vortrug und fast zu seiner Exmatrikulation f\u00fchrten. Braun verstand sich von Beginn an als dezidiert politischer Autor in der kritischen Nachfolge von Bertolt Brecht. Dreh- und Angelpunkt seines Werkes waren die Widerspr\u00fcche zwischen der sozialistischen Utopie auf der einen und der Realit\u00e4t des Staatssozialismus auf der anderen Seite. Obwohl er seit Beginn des Studiums Mitglied der SED war, galt er gleichwohl als staatskritisch. 1964 bereiste er Sibirien, ein Jahr sp\u00e4ter heiratete er, wurde Vater einer Tochter \u2013 und von Helene Weigel eingeladen, als Dramaturg am Berliner Ensemble zu arbeiten.<\/p>\n<p>Nach dem 11. SED-Plenum, dem \u201eKahlschlagsplenum\u201c, wurden die Proben zu seinem ersten St\u00fcck abgebrochen. Erst 1972 wird \u201eKipper\u201c uraufgef\u00fchrt \u2013 mit dem Satz, dass die DDR \u201edas langweiligste Land der Welt\u201c sei. Da arbeitete Braun, inzwischen Wahlberliner, schon am Deutschen Theater und hatte nach der Niederschlagung des Prager Fr\u00fchlings die St\u00fccke \u201eTrotzki\u201c und \u201eLenins Tod\u201c geschrieben. Letzteres versteckt in der Sympathiebekundung f\u00fcr den Revolution\u00e4r die Ablehnung des Stalinismus und kommt erst 1988 auf die B\u00fchne.<\/p>\n<p>Diese Ambivalenz sollte ihn bis zur Wende begleiten: einerseits der Abbruch von Proben zu St\u00fccken, die dann Jahre sp\u00e4ter aufgef\u00fchrt wurden, oder gar die Einstellung aller Verlagsvorhaben, andererseits die \u00dcbernahme von kulturpolitischen \u00c4mtern wie etwa im Vorstand des DDR-Schriftstellerverbands oder die Auszeichnung mit staatlichen Preisen wie dem Heinrich-Mann-Preis. In den siebziger Jahren bereist er Frankreich, Italien, Peru, Kuba und Polen. Ein in Leipzig 1972 erschienenes Schriftstellerlexikon bescheinigte dem Dreiunddrei\u00dfigj\u00e4hrigen \u201ehohes geistiges und \u00e4sthetisches Niveau\u201c, tadelte jedoch das \u201ejugendlich forcierte, oft \u00fcbersteigerte\u201c Ungest\u00fcm seines Stils. Was subjektiv \u00fcbersteigert schien, war aber eine Mischung aus dem Anarchischen des fr\u00fchen Brecht (zumal seines \u201eBaal\u201c) und der revolution\u00e4ren Dynamik von Versen des fr\u00fchen Majakowski.<\/p>\n<p>1974 findet seine Gedichtsammlung \u201eGegen die symmetrische Welt\u201c breite Aufmerksamkeit, in der er sich als Gesinnungsgenosse H\u00f6lderlins outet, der einst schrieb: \u201e\u2026die Besten unter den Deutschen meinen meist noch immer, wenn nur erst die Welt h\u00fcbsch symmetrisch w\u00e4re, so w\u00e4re alles geschehen.\u201c\u00a0 Nicht in fundamentaler Opposition zum DDR-Staat stand Braun, aber er erwartete von ihm ein, wie er es nannte, \u201eHin\u00fcberarbeiten in die freie Gesellschaft\u201c. Seit 1975 wird er wegen \u201epolitisch-ideologischer\u00a0 Diversion\u201c unter dem Operativen Vorgang \u201eErbe\u201c von der Stasi beobachtet: \u201eEs besteht der Verdacht, dass es sich bei Braun um einen personellen St\u00fctzpunkt des Gegners handelt, dass er bewusst und zielgerichtet revisionistisches und konterrevolution\u00e4res Gedankengut vertritt\u2026\u201c, wird er sp\u00e4ter in seiner Akte lesen.<\/p>\n<div id=\"attachment_3981\" style=\"width: 410px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/braun2.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3981\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3981\" title=\"Volker Braun. Quelle: https:\/\/images.gr-assets.com\/authors\/1324048375p8\/523898.jpg\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/braun2.jpg\" alt=\"Volker Braun. Quelle: https:\/\/images.gr-assets.com\/authors\/1324048375p8\/523898.jpg\" width=\"400\" height=\"545\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/braun2.jpg 400w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/braun2-220x300.jpg 220w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3981\" class=\"wp-caption-text\">Volker Braun. Quelle: https:\/\/images.gr-assets.com\/authors\/1324048375p8\/523898.jpg<\/p><\/div>\n<p>Der Grund der Beobachtung: Die \u201eUnvollendete Geschichte\u201c um die 18j\u00e4hrige Funktion\u00e4rstochter Karin, die sich von ihrem zu Unrecht politisch verd\u00e4chtigten Freund Frank trennen muss und dar\u00fcber den Glauben an den SED-Staat verliert. Der sensible Junge, Kind politisch \u201eunzuverl\u00e4ssiger\u201c Eltern, unternimmt einen Selbstmordversuch und schwebt tagelang in Lebensgefahr. Karin, die ein Kind von ihm erwartet, bricht mit ihren Eltern und kehrt zu Frank zur\u00fcck. Das Liebespaar steht am Ende der \u201eUnvollendeten Geschichte\u201c mit \u201enicht druckbaren Stimmungen\u201c fast au\u00dferhalb einer Gesellschaft, die st\u00e4ndig \u201edie Sorge um den Menschen\u201c plakatiert, aber damit \u201eden Menschen umbrachte\u201c, mit den Mitteln den Zweck vernichtete \u2013 \u201ewom\u00f6glich\u201c.<\/p>\n<p><strong>\u201eDas Ungeahnte tritt eisern ein\u201c<\/strong><\/p>\n<p>In seinem St\u00fcck \u201eGuevara oder Der Sonnenstaat\u201c zeigt sich im selben Jahr das Doppelgesicht seiner Revolutionsst\u00fccke: die historische Erstarrung von Revolutionen und die Faszination von Sozialutopien. Brauns eigenes Credo steht im Gedicht \u201eDas Lehen\u201c: \u201eDie Bleibe, die ich suche, ist kein Staat.\u201c 1976 geh\u00f6rte er zu den Mitunterzeichnern der Protestresolution gegen die Ausb\u00fcrgerung Biermanns. Von 1977 bis 1990 arbeitet er wieder am Berliner Ensemble, als \u201eHausautor\u201c. Die altchinesische Bauernrevolution wird im St\u00fcck \u201eGro\u00dfer Frieden\u201c eine Anspielung auf B\u00fcrokratisierung und Stillstand in der DDR. Und in \u201eSimplex Deutsch. Szenen \u00fcber die Unm\u00fcndigkeit\u201c \u00fcberwiegt der satirische Blick auf die deutsche Revolutionsgeschichte.<\/p>\n<p>1979 landet er mit dem Gedichtband \u201eTraining des aufrechten Gangs\u201c erneut einen vielbeachteten Erfolg: \u201eWom\u00f6glich war es mein Fehler \/\/ dass ich mich nicht entschloss \/\/ in Schwarz zu gehn oder ganz in Wei\u00df \/\/ zu den vorgeschriebenen Stunden\u201c hei\u00dft es da. Ein weiterer wird der an Diderots \u201eJacques der Fatalist und sein Herr\u201c angelehnte \u201eHinze-Kunze-Roman\u201c 1985. Mittels einer eigenwilligen und enigmatischen Dialektik zwischen den beiden Hauptfiguren schildert der Autor ironisch bis sarkastisch die frappierende Ungleichbehandlung zwischen Parteifunktion\u00e4ren und einfachen B\u00fcrgern; und alles &#8211; wie Braun s\u00fcffisant bemerkt &#8211; aus reinem \u201egesellschaftlichem Interesse\u201c: Hinze ist der Fahrer, Kunze der Funktion\u00e4r. Diese Oben-Unten-Dialektik wird ihn unter verschiedenen Perspektiven bis heute besch\u00e4ftigen, da man \u201ePack\u201c und \u201eElite\u201c sagen w\u00fcrde. Der stellvertretende Kulturminister Klaus H\u00f6pcke (SED) erhielt damals \u00fcbrigens ein Disziplinarverfahren, weil er die Druckerlaubnis erteilt hatte. Er nannte in der <em>Weltb\u00fchne<\/em> das Buch einen \u201eGewinn f\u00fcr alle\u201c und verstand es als Appell \u201ezu verh\u00fcten, dass wir zerhinzen und verkunzen\u201c. Das Buch erhielt den Bremer Literaturpreis.<\/p>\n<div id=\"attachment_3985\" style=\"width: 565px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/braun.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3985\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3985\" title=\"Volker Braun, Ruth Berghaus, Wieland F\u00f6rster bei der Berliner Begegnung zur Friedensf\u00f6rderung. Quelle: https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Volker_Braun#\/media\/File:Bundesarchiv_Bild_183-1982-0104-301,_Volker_Braun,_Ruth_Berghaus,_Wieland_F%C3%B6rster.jpg\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/braun-e1556133987204.jpg\" alt=\"Volker Braun, Ruth Berghaus, Wieland F\u00f6rster bei der Berliner Begegnung zur Friedensf\u00f6rderung. Quelle: https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Volker_Braun#\/media\/File:Bundesarchiv_Bild_183-1982-0104-301,_Volker_Braun,_Ruth_Berghaus,_Wieland_F%C3%B6rster.jpg\" width=\"555\" height=\"391\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3985\" class=\"wp-caption-text\">Volker Braun, Ruth Berghaus, Wieland F\u00f6rster bei der Berliner Begegnung zur Friedensf\u00f6rderung. Quelle: https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Volker_Braun#\/media\/File:Bundesarchiv_Bild_183-1982-0104-301,_Volker_Braun,_Ruth_Berghaus,_Wieland_F%C3%B6rster.jpg<\/p><\/div>\n<p>Inzwischen geh\u00f6rte Braun zu den lautesten und prominentesten DDR-Kritikern, hat ihn der realsozialistische Ern\u00fcchterungsprozess voll erfasst, zeichnen seine Werke zunehmend das Bild eines deprimierenden Lebens, bewegen sich die Akteure seiner Texte resigniert in einem unbeweglichen Umfeld. Im Gedichtband \u201eLangsamer knirschender Morgen\u201c hei\u00dft es 1987: \u201eDas Unverf\u00e4ngliche \/\/ Gibt uns kein Gleichnis;\/\/ Das Unzul\u00e4ngliche\/\/ Hier wirds\u00a0 E r r e i c h n i s.\/\/ Das fein Geplante \/\/ Ist doch zum Schrein.\/\/ Das Ungeahnte \/\/ Tritt eisern ein.\u201c 1988, anderthalb Jahre vor dem Exitus der DDR, dann die beiden letzten gro\u00dfen Vorwendeerfolge: Die Tschechow-Adaption \u201eDie \u00dcbergangsgesellschaft\u201c ist der eine. Der Altkommunist und damalige Intendant des Gorki-Theaters, Albert Hetterle, sprach auf seiner B\u00fchne den Satz: \u201eDie Revolution kann nicht als Diktatur zum Ziel kommen.\u201c Das St\u00fcck wusste \u201emehr vom \u00dcbergang vom Sozialismus in den Kapitalismus, als seinem Autor lieb und bewusst war\u201c, meinte Nikolaus Merck in der <em>Nachtkritik<\/em>.<\/p>\n<p>Die Notatesammlung \u201eVerheerende Folgen mangelnden Anscheins innerbetrieblicher Demokratie\u201c ist der andere: \u201eAber wenn das, was ich schreibe, im \u201aWiderspruch\u2018 zur Partei steht, wie kann ich dann Mitglied sein?\u201c, reflektiert er darin, oder \u201eDas Andersdenken entspricht dem Befund einer Allergie: die Individuen reagieren, in den angeschlagenen Betrieben und Ehen, \u00fcberempfindlich auf bestimmte, f\u00fcr normale Organismen harmlose Reize&#8230;\u201c Er \u201estellt jene Zugeh\u00f6rigkeit in Frage, die ihm \u00fcber Jahrzehnte die Kraft gab, seine Gesellschaft vom Gesichtspunkt ihres Fortschritts aus zu provozieren. Jene Zugeh\u00f6rigkeit, die seinem Schreiben den Sinn gab\u201c, erkennt Martin Ahrends in der <em>ZEIT<\/em>. Von einem \u201ekonspirativen Realismus\u201c schreibt Braun selbst.<\/p>\n<p>Er geht weiter auf umfangreiche Bildungsreisen, darunter nach Japan, China, Mexiko und S\u00fcdafrika sowie, Christa Wolf gleich, sofort nach der Wende in die USA. Denn w\u00e4hrend der friedlichen Revolution 1989 geh\u00f6rte er bei aller Skepsis doch zu den Bef\u00fcrwortern eines eigenst\u00e4ndigen \u201edritten Weges\u201c f\u00fcr die DDR und war geladener Erstunterzeichner des Aufrufs \u201eF\u00fcr unser Land\u201c \u2013 weil er \u201eden Sozialismus wollte und die DDR als dessen Zerrbild sah\u201c, schreibt Fritz J. Raddatz in der <em>ZEIT<\/em>. Nach der Wiedervereinigung besch\u00e4ftigt er sich bis heute kritisch mit den Gr\u00fcnden f\u00fcr das Scheitern der DDR, zuletzt in der Glossensammlung \u201eFlickwerk\u201c und seiner \u201eKamenzer Rede\u201c 2014.<\/p>\n<p><strong>\u201eAtemnot als Form\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Davor lieferte er unter anderem die Bauernkriegsadaption \u201eDie hellen Haufen\u201c, die den Kalistreik von Bischofferode 1993 thematisiert: 4000 streikende Arbeiter errichten einen Zaun mit der Aufschrift \u201eKein Kolonialgebiet\u201c, ein Teil marschiert gen Berlin. Sie sammeln sich auf einem Schlackeberg, dem Schutt ihrer Existenz, die nicht zu verteidigen ist, eines Besitzes, den sie nicht besessen haben, eines Lebens, f\u00fcr das man das seine nicht (mehr?) in die Schanze schl\u00e4gt: Die von der Erz\u00e4hlung gebotene \u201eGeschichte\u201c, so hei\u00dft es am Schluss mit Verweis auf die unaufhebbare Ambivalenz des Versuchs, den Willen zu Gesellschaftsver\u00e4nderung in aufst\u00e4ndische Aktionen zu \u00fcberf\u00fchren, hat sich ja nicht ereignet. \u201eSie ist nur, sehr verk\u00fcrzt und unbesch\u00f6nigt, aufgeschrieben. Es war hart zu denken, dass sie erfunden ist; nur etwas w\u00e4re ebenso schlimm gewesen: wenn sie stattgefunden h\u00e4tte.\u201c<\/p>\n<p>Mit dem Nationalpreis der DDR und dem B\u00fcchnerpreis der BRD erh\u00e4lt er die h\u00f6chsten Literaturpreise beider deutscher Staaten; als einziger neben Christa Wolf und Heiner M\u00fcller. In der Begr\u00fcndung zum B\u00fcchnerpreis hei\u00dft es, er habe \u201edie Sprache und die Formen der philosophischen Epoche der deutschen Literatur erneuert und verwandelt\u201c. 1999 \u00fcbernimmt er die Br\u00fcder-Grimm-Professur an der Universit\u00e4t Kassel, wird Ehrendoktor in Tokio und h\u00e4lt 2006 die Festrede zur 800-Jahrfeier seiner Heimatstadt Dresden, die ihm sp\u00e4ter auch ihren Kunstpreis verleiht. Im selben Jahr wird er Direktor der Sektion Literatur der Akademie der K\u00fcnste.<\/p>\n<div id=\"attachment_3980\" style=\"width: 665px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/braun1.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3980\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-3980  \" title=\"Braun als Dresdner Kunstpreistr\u00e4ger. 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Quelle: http:\/\/www.dnn.de\/var\/storage\/images\/dnn\/kultur\/kultur-news\/truemmer-und-landschaften-portraet-des-kunstpreistraegers-volker-braun\/268539442-3-ger-DE\/Truemmer-und-Landschaften-Portraet-des-Kunstpreistraegers-Volker-Braun_reference_4_3.jpg<\/p><\/div>\n<p>\u201eSeine Sprache ver\u00e4ndert sich, sein Duktus h\u00e4rtet sich, sein Metaphernhaushalt entleert sich jeglicher Eleganz. In seiner Lyrik kann eine Entwicklung von der Bedeutungslyrik zur Spruchdichtung beobachtet werden. Atemnot als Form\u201c, konstatiert Raddatz 10 Jahre sp\u00e4ter, nennt ihn einen \u201emelancholischen Optimisten\u201c und seine Gedichte \u201egebrochene Rufe\u201c, in denen Bitterkeit Emphase abl\u00f6st. In seinem letzten Gedichtband \u201eHandbibliothek der Unbehausten\u201c (2016) erkennt Beatrice von Matt in der <em>NZZ<\/em> \u201ezornige und verzweifelte Psalmen der Aktualit\u00e4t\u201c, in denen \u201ewortm\u00e4chtig und fassungslos zugleich \u2026 der Dichter seine Sprache der Welt entgegen\u201c h\u00e4lt. Er tr\u00e4gt bis heute schwer am Bruch in seinem politischen und pers\u00f6nlichen Leben, f\u00fcr den er 1990 Verse gefunden hatte, die inzwischen weithin Signal geworden sind: \u201eMein Land geht in den Westen. \/ KRIEG DEN H\u00dcTTEN FRIEDE DEN PAL\u00c4STEN. \/ Ich selber habe ihm den Tritt versetzt\u201c, hei\u00dft es im Gedicht \u201eEigentum\u201c.<\/p>\n<p>\u201eEs stimmt etwas im Ganzen nicht, und wor\u00fcber wir uns den Mund zerrei\u00dfen, das zerrei\u00dft die Gesellschaft\u201c, sagt Braun selbst und versucht, das Unstimmige zu ergr\u00fcnden und mit der Heraufkunft des einen deutschen Staates zu verbinden. So schreibt er mit \u201eDas unbesetzte Gebiet. Im schwarzen Berg\u201c eine weitere Fassung der \u201eFreien Republik Schwarzenberg\u201c, die bereits Stefan Heym fasziniert hatte, oder mit dem zeitkritischen Satyrspiel \u201eDie Putzfrauen\u201c eine Persiflage auf die Griechenland-Rettung der EU \u2013 gemeinsam mit \u201eDie Griechen\u201c bildet es die Dilogie \u201eDemos\u201c. Am ergiebigsten und kritischsten aber sind seine beiden \u201eWerktage\u201c-B\u00fccher, eins vor 1990, eins danach, beide rund 1000 Seiten dick und eine literarische wie analytische Offenbarung.<\/p>\n<div id=\"attachment_3982\" style=\"width: 742px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/braun3.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3982\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-3982\" title=\"Faksimile &quot;Eigentum&quot;. Quelle: https:\/\/www.kulturstiftung.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/adk15_Braun_c_Braun.jpg\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/braun3-732x1024.jpg\" alt=\"Faksimile &quot;Eigentum&quot;. Quelle: https:\/\/www.kulturstiftung.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/adk15_Braun_c_Braun.jpg\" width=\"732\" height=\"1024\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3982\" class=\"wp-caption-text\">Faksimile &quot;Eigentum&quot;. Quelle: https:\/\/www.kulturstiftung.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/adk15_Braun_c_Braun.jpg<\/p><\/div>\n<p>\u201eDas Volk hat seine Stimme abgegeben, die runden Tische werden abger\u00e4umt, und die kalten Sch\u00fcsseln der Demokratie geleert\u201c, kommentiert er etwa die Volkskammerwahlen vom 18. M\u00e4rz 1990. An einem anderen Tag schreibt er: \u201edie bonzen bin ich los: banausen werd ich finden \/\/ die griffen nach der macht \u2013 die grapschen nach den pfr\u00fcnden\u201c. Am 22.6.1990 dann der legend\u00e4re Eintrag \u201eWir sind das volk wir sind ein volk ich bin volker\u201c, zwei Jahre sp\u00e4ter die Erkenntnis: \u201eich bin jetzt in der inneren emigration\u201c. In der Auseinandersetzung mit dem f\u00fchrenden DDR-Wirtschaftshistoriker J\u00fcrgen Kuczynski, der im Gespr\u00e4ch mit seinem Urenkel gesagt habe, dass er das System bejaht, aber tausend kritische Anmerkungen zu ihm h\u00e4tte, postuliert er: \u201eer h\u00e4tte seinem urenkel genau das gegenteil sagen m\u00fcssen: ich verneine das system, aber finde tausend gute dinge in ihm.\u201c<\/p>\n<p>Er k\u00e4mpfte schreibend f\u00fcr \u201edie Wahrheit, welche auf beiden Seiten wohnet\u201c. Und er wandelt auf Erkenntnispfaden, die heute den rechten Weg bedeuten &#8211; besser gesagt, die Abkehr von demselben. \u201eEs gibt keinen multikulturellen Gewinn\u201c, erkl\u00e4rt er schon 1992, und erkennt vier Jahre sp\u00e4ter: \u201edas unabh\u00e4ngige denken wird wie immer vom verklemmten geist zensiert\u2026\u201c. Heiner M\u00fcller, Christa Wolf, Christoph Hein und er selbst: \u201edas sind die rechten.\u201c Sein Freund Hein w\u00fcrdigte in einer Laudatio den lapidaren Braun-Ton, \u201edas pl\u00f6tzliche und unvermutete Aufrei\u00dfen einer allt\u00e4glichen Beobachtung in einen gr\u00f6\u00dferen, in einen weltumspannenden, philosophischen Zusammenhang\u201c. Die Hersteller dieser Zusammenh\u00e4nge, die Denker sterben aus. Sie fehlen. Gut, dass es Braun noch gibt.<\/p>\n<p><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D3978&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der vielgeehrte Sozialist galt Mitte der 90er Jahre als \u201erechts\u201c, geh\u00f6rt zu den letzten dialektischen Li-teraten und kann Dramatik ebenso gut wie Lyrik: Der Dresdner Autor Volker Braun, der jetzt 80 wird.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5,7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3978"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3978"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3978\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3989,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3978\/revisions\/3989"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3978"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3978"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3978"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}