{"id":4101,"date":"2019-06-05T06:47:46","date_gmt":"2019-06-05T05:47:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4101"},"modified":"2019-05-17T07:01:02","modified_gmt":"2019-05-17T06:01:02","slug":"%e2%80%9egehoren-wir-zu-den-siegern-der-geschichte%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4101","title":{"rendered":"\u201egeh\u00f6ren wir zu den Siegern der Geschichte\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Im Dezember 1976 lie\u00df die SED im Sitzungssaal des Roten Rathauses in Berlin die Dichter Sarah Kirsch, Jurek Becker und Gerhard Wolf von den Genossen im Schriftstellerverband aus der Partei werfen. Das Vergehen: Sie hatten, zusammen mit neun weiteren Kollegen, in einem offenen Brief an die Parteif\u00fchrung gegen den Rausschmiss des Liedermachers Wolf Biermann aus der DDR aufgemuckt. Am 7. Juni 1979 schlug die SED am selben Ort zum zweiten Mal zu. \u00dcber f\u00fcnf Stunden, zeitweilig mit tumultartigen Szenen, dauerte die Mischung aus Parteiverfahren und Schauprozess. Am Ende wurden gleich neun renitente Literaten per Mehrheitsbeschluss aus dem Schriftstellerverband SSV entfernt.<\/p>\n<p>Die Begr\u00fcndung: Sie seien \u201evom Ausland her gegen unseren sozialistischen Staat, die DDR, die Kulturpolitik von Partei und Regierung und gegen die sozialistische Rechtsordnung in verleumderischer Weise\u201c aufgetreten. Die wirklichen Vergehen der Gefeuerten: Die Romanciers Stefan Heym und Rolf Schneider hatten ohne Erlaubnis der ostdeutschen Zensurbeh\u00f6rde in der Bundesrepublik systemkritische B\u00fccher ver\u00f6ffentlicht, ihre Kollegen Joachim Seyppel und Karl-Heinz Jakobs &#8211; aus Mangel an DDR-Gelegenheiten ebenfalls im Westen &#8211; die Pressionen gegen missliebige Autoren kritisiert.<\/p>\n<div id=\"attachment_4102\" style=\"width: 565px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Stefan-Heym.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4102\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4102\" title=\"Stefan Heym. Quelle: https:\/\/www.mz-web.de\/image\/5024566\/2x1\/940\/470\/e45e77e175dfc48b7a32cf1dd4c72eae\/UQ\/ges-ku-heym-09102011-71-52734759-jpg.jpg\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Stefan-Heym-e1558072225882.jpg\" alt=\"Stefan Heym. Quelle: https:\/\/www.mz-web.de\/image\/5024566\/2x1\/940\/470\/e45e77e175dfc48b7a32cf1dd4c72eae\/UQ\/ges-ku-heym-09102011-71-52734759-jpg.jpg\" width=\"555\" height=\"277\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4102\" class=\"wp-caption-text\">Stefan Heym. Quelle: https:\/\/www.mz-web.de\/image\/5024566\/2x1\/940\/470\/e45e77e175dfc48b7a32cf1dd4c72eae\/UQ\/ges-ku-heym-09102011-71-52734759-jpg.jpg<\/p><\/div>\n<p>Die anderen f\u00fcnf &#8211; die Erz\u00e4hler Kurt Bartsch, Klaus Poche, Klaus Schlesinger, Dieter Schubert und der Lyriker Adolf Endler &#8211; kamen wegen eines Briefs an Erich Honecker zu Fall, in dem der SED-Chef im Mai nachlesen konnte, was die Schreiber von seiner Kulturpolitik halten: \u201eImmer h\u00e4ufiger wird versucht, engagierte, kritische Schriftsteller zu diffamieren, mundtot zu machen oder, wie unseren Kollegen Stefan Heym, strafrechtlich zu verfolgen.\u201c Bei den Verfassern des Protestbriefes an Honecker fehlten beim Ausschlussverfahren die Namen Jurek Becker, Martin Stade und Erich Loest. Becker und Stade hatten bereits 1977 bzw. 1978 den SSV verlassen, und Loest geh\u00f6rte dem Leipziger Verband an. Er trat 1980 aus und verlie\u00df ein Jahr sp\u00e4ter die DDR. Die Bannbullen geh\u00f6ren nicht nur durch den Ort, sondern auch in der Sache zusammen: Nach einer erfolglosen Phase der Befriedung ihrer seit der Biermann-Vertreibung aufgest\u00f6rten Kulturszene geht die SED erneut und diesmal endg\u00fcltig gegen ihre intellektuellen Abweichler vor.<\/p>\n<p><strong>\u201eDer \u00f6ffentliche Meinungsstreit findet nicht statt\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Die 1928 von Friedrich Wolf gehaltene Rede \u201eKunst ist Waffe\u201c umrei\u00dft die starke Politisierung der Kunst und vor allem der Literatur im Bund proletarischer Schriftsteller, die sp\u00e4ter auch der Kulturpolitik der SED in der DDR als Grundlage diente. Dabei gelangte die Literatur aufgrund funktionaler \u00dcberfrachtung rasch an ihre Grenzen: Unterhaltung, Reflexion sozialer Verh\u00e4ltnisse, Verst\u00e4ndnis gesellschaftlicher Zusammenh\u00e4nge, Vermittlung von Lehren (wie Brecht forderte), Widerspiegelung der Wirklichkeit mit k\u00fcnstlerischen Mitteln, ja ideologisch motivierte Klassenauseinandersetzung \u2013 musste (oder durfte) dabei die kritische Konfrontation mit der Realit\u00e4t auf der Strecke bleiben?<\/p>\n<p>Das ehrliche Nachdenken \u00fcber Probleme stand in unl\u00f6sbarem Widerspruch zum \u201esozialistischen Realismus\u201c und erhielt zunehmend schneller ein staatsfeindliches Etikett. Seit der Biermann-Aff\u00e4re und den nachfolgenden Protesten vieler DDR-Literaten musste die SED bef\u00fcrchten, dass ihr die Kontrolle \u00fcber die Literatur-Szene entglitt. Damals begann die Partei, das ganze Arsenal staatlicher Repressionsmacht einzusetzen: Zensur, Publikationsverbot, Organisationsausschluss, ideologische Kampagnen, Ausb\u00fcrgerung, Stasi-Verfolgung, Verhaftung &#8211; ein gestaffeltes, genau kalkuliertes Instrumentarium von Sanktionen. Die Folge: Viele Schriftsteller verlie\u00dfen notgedrungen das Land, darunter Reiner Kunze, Sarah Kirsch, Thomas Brasch oder J\u00fcrgen Fuchs.<\/p>\n<div id=\"attachment_4103\" style=\"width: 565px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Stefan-Heym1.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4103\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4103\" title=\"Sch\u00e4dlich, Biermann, Fuchs. Quelle: https:\/\/www.bpb.de\/cache\/images\/3\/224713-3x2-article620.jpg?AE82E\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Stefan-Heym1-e1558072516745.jpg\" alt=\"Sch\u00e4dlich, Biermann, Fuchs. Quelle: https:\/\/www.bpb.de\/cache\/images\/3\/224713-3x2-article620.jpg?AE82E\" width=\"555\" height=\"369\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4103\" class=\"wp-caption-text\">Sch\u00e4dlich, Biermann, Fuchs. Quelle: https:\/\/www.bpb.de\/cache\/images\/3\/224713-3x2-article620.jpg?AE82E<\/p><\/div>\n<p>Zur Abschreckung wurde auch das Devisengesetz strikter ausgelegt: Wer ohne Einwilligung des B\u00fcros f\u00fcr Urheberrechte im Ausland ver\u00f6ffentlichte, wurde wegen Devisenvergehens mit hohen Geldstrafen belegt, so Heym f\u00fcr den Roman \u201eCollin\u201c mit 9.000 Mark &#8211; er wurde gar als \u201eehemaliger US-B\u00fcrger\u201c diffamiert.\u00a0Ebenso wurde das Strafrecht versch\u00e4rft: Der Paragraph 219 besagte unter anderem, dass zu bestrafen ist, \u201ewer als B\u00fcrger der Deutschen Demokratischen Republik Nachrichten, die geeignet sind den Interessen der Deutschen Demokratischen Republik zu schaden, im Ausland verbreitet oder verbreiten l\u00e4sst.\u201c Damit konnte jede kritische Auslandsver\u00f6ffentlichung sanktioniert werden.<\/p>\n<p>Doch viele Autoren zeigten nach der Biermann-Ausb\u00fcrgerung, dass sie nicht bereit waren, auf die \u00d6ffentlichkeit zu verzichten, die ihnen die westlichen Medien boten. Im Protestbrief vom Mai hei\u00dft es prompt: \u201eDer \u00f6ffentliche Meinungsstreit findet nicht statt. Durch die Kopplung von Zensur und Strafgesetzen soll das Erscheinen kritischer Werke verhindert werden.\u201c Da das Schreiben in der DDR totgeschwiegen wurde, unterrichteten die Briefunterzeichner Tage sp\u00e4ter die westdeutsche Presse dar\u00fcber. Mit der Verz\u00f6gerung wollten sie der DDR-Regierung Verhandlungsbereitschaft signalisieren und den Verdacht vermeiden, \u00fcber die Westmedien mit der DDR-Regierung zu diskutieren.<\/p>\n<p>Die Reaktion kam ebenso prompt. Zun\u00e4chst versicherte Dieter Noll, der mit \u201eDie Abenteuer des Werner Holt\u201c ein sofort kanonisiertes Kriegsopus geschrieben hatte, in einem offenen Brief an Erich Honecker, dass \u201edie Schriftsteller\u201c voll hinter der Partei und der Kulturpolitik der Regierung st\u00fcnden &#8211;\u00a0 mit der Ausnahme, dass es \u201eeinige wenige kaputte Typen wie die Heym, Seyppel oder Schneider\u201c gibt. Selbst der linksalternative Nobelpreistr\u00e4ger Heinrich B\u00f6ll nannte den Noll-Text laut <em>SPIEGEL<\/em> eine \u201e\u00f6ffentliche Denunziation\u201c.<\/p>\n<p>Danach feuerte, wie Noll im SED-Blatt <em>Neues Deutschland<\/em>, SSV-Chef Hermann Kant eine volle Breitseite ab: \u201eWer die staatliche Lenkung und Planung auch des Verlagswesens Zensur nennt, macht sich nicht Sorge um unsere Kulturpolitik &#8211; er will sie nicht\u201c, sagte er nur Stunden zuvor auf einer Tagung des SSV-Zentralvorstandes am 30. Mai 1979, auf der der Ausschluss der Aufm\u00fcpfigen vorbereitet wurde. So schnell waren Statements selten ins Blatt gehoben.<\/p>\n<div id=\"attachment_4104\" style=\"width: 565px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Stefan-Heym2-e1558072640673.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4104\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4104\" title=\"Hermann Kant. Quelle: https:\/\/www.ndr.de\/nachrichten\/mecklenburg-vorpommern\/hermannkant112_v-contentgross.jpg\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Stefan-Heym2-e1558072640673.jpg\" alt=\"Hermann Kant. Quelle: https:\/\/www.ndr.de\/nachrichten\/mecklenburg-vorpommern\/hermannkant112_v-contentgross.jpg\" width=\"555\" height=\"312\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4104\" class=\"wp-caption-text\">Hermann Kant. Quelle: https:\/\/www.ndr.de\/nachrichten\/mecklenburg-vorpommern\/hermannkant112_v-contentgross.jpg<\/p><\/div>\n<p>Der SSV spielte die tragende Rolle bei der indirekten \u201eLenkung und Planung\u201c: Nur wer hier Mitglied war, bekam eine Steuernummer und konnte als freier Schriftsteller in der DDR arbeiten. Er musste sich allerdings zur \u201ef\u00fchrenden Rolle der Arbeiterklasse und ihrer Partei in der Kulturpolitik\u201c bekennen. Wer von dieser Linie abwich, wurde in der \u00d6ffentlichkeit diffamiert, verlor die M\u00f6glichkeit zu ver\u00f6ffentlichen und damit seine Existenzgrundlage. Ergo stand das Ergebnis des Tribunals eine Woche sp\u00e4ter schon vorher fest: Heym wird s\u00fcffisant erkl\u00e4ren, er habe Verst\u00e4ndnis f\u00fcr alle, die den Ausschluss guthei\u00dfen, es st\u00fcnden ja Existenz und Privilegien auf dem Spiel.<\/p>\n<p><strong>\u201ekann f\u00fcr diese Leute kein Platz sein\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Joachim Seyppel erregte gleich beim Eintritt Aufsehen: Er erschien, f\u00fcnf Minuten zu sp\u00e4t, mit einem riesigen Rucksack bepackt, da er gleich nach dem zu erwartenden Ausschluss ins Wochenende aufbrechen wollte. Berlins SSV-Bezirkschef G\u00fcnter G\u00f6rlich gab vor fast 400 Mitgliedern, darunter vielen Funktion\u00e4ren, die Tonlage vor: \u201eWer sich, egal wo er ist, bewusst oder unbewusst, dem Klassenfeind zur Verf\u00fcgung stellt, dient der Reaktion.\u201c Sein Erster Sekret\u00e4r Helmut K\u00fcchler ging ins Detail: Er z\u00e4hlte penibel das S\u00fcndenregister der neun auf und warf den Angeklagten vor, sie h\u00e4tten \u201enicht in zeitweiliger Verwirrung, sondern aus prinzipieller Haltung\u201c die \u201ef\u00fchrende Rolle der Partei der Arbeiterklasse\u201c missachtet. \u201eIn den Reihen des Verbandes kann f\u00fcr diese Leute kein Platz sein.\u201c<\/p>\n<p>Folgsam stie\u00dfen die Genossen nach. Puhdys-Texter und Stasi-IM Wolfgang Tilgner hat \u201enicht die Absicht, auf der Seite der moralischen Verlierer zu sein.\u201c Harald Hauser, f\u00fcr den \u201eder gute Stefan Heym kein Antifaschist mehr ist\u201c, gibt vor, dass ihn mit \u201ejenen nicht mal mehr die Tatsache verbinde, dass sie auch B\u00fccher schreiben\u201c. Der Literaturwissenschaftler und Stasi-IM Werner Neubert bescheinigte dem einst zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilten Loest: \u201eDieses Bautzen war das Resultat und die Konsequenz einer schon einmal sehr deutlich gegen uns gerichteten und organisierten Haltung.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_4105\" style=\"width: 565px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Erich-Loest.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4105\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4105\" title=\"Erich Loest. Quelle: https:\/\/www.mz-web.de\/image\/23328824\/2x1\/940\/470\/ffd68f4ad4153cef29b3cfa23f393db6\/Ge\/71-92022660--erich-loest--1--17-11-2015-21-53-01-930-.jpg\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Erich-Loest-e1558072751821.jpg\" alt=\"Erich Loest. Quelle: https:\/\/www.mz-web.de\/image\/23328824\/2x1\/940\/470\/ffd68f4ad4153cef29b3cfa23f393db6\/Ge\/71-92022660--erich-loest--1--17-11-2015-21-53-01-930-.jpg\" width=\"555\" height=\"277\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4105\" class=\"wp-caption-text\">Erich Loest. Quelle: https:\/\/www.mz-web.de\/image\/23328824\/2x1\/940\/470\/ffd68f4ad4153cef29b3cfa23f393db6\/Ge\/71-92022660--erich-loest--1--17-11-2015-21-53-01-930-.jpg<\/p><\/div>\n<p>Doch die Angegriffenen gingen nicht zu der fr\u00fcher \u00fcblichen \u00dcbung der Selbstkritik \u00fcber, sondern wehrten sich \u2013 auch wenn sie auf verlorenem Posten k\u00e4mpften. Stefan Heym rief in den Saal: \u201eWorum geht es? Nicht um Devisen oder \u00e4hnliches. Es geht um die Literatur. Der Schriftstellerverband, daf\u00fcr ist er eigentlich da, m\u00fcsste sich auf die Seite derer stellen, die sich bem\u00fchen, unsere Welt in ihrer Widerspr\u00fcchlichkeit darzustellen und verst\u00e4ndlich zu machen. Stattdessen l\u00e4sst er Resolutionen drucken, die dem Apparat bescheinigen, wie Recht er hat, gerade diesen Teil der Literatur des Landes zu unterdr\u00fccken\u2026 wer die Kunst irgendwelchen taktischen Bed\u00fcrfnissen unterwerfen will, vernichtet gerade die Kunst, die der Sozialismus braucht.\u201c Und er erinnerte mit einer biblischen Metapher daran, dass sich Menschen eines Tages erkundigen w\u00fcrden: \u201eWie habt ihr euch damals verhalten, Meister des Wortes, als es darauf ankam, sich z\u00e4hlen zu lassen?\u201c<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Debatten bekam nur Stephan Hermlin gro\u00dfen Beifall \u2013 obwohl er schon ahnte, dass seine vermittelnde Position in der aufgeheizten Atmosph\u00e4re nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df war. Er kritisierte zwar Ver\u00f6ffentlichungen im Westen und den Hang einiger Schriftsteller, sich mehr mit Interviews und offenen Briefen zu besch\u00e4ftigen als mit dem Schaffen von Literatur. Aber er sagte auch: \u201eWir haben eine lange Tradition im Nichtertragen anderer Meinungen und im Glauben daran, dass die eigene Meinung die Alleinseligmachende ist.\u201c Er pl\u00e4dierte f\u00fcr die R\u00fcckkehr zur Vernunft und die Unterbrechung des gegenseitigen Hochschaukelns dieses Konflikts: \u201eWenn Schriftsteller der DDR sich dort \u00e4u\u00dfern, wo sie sich eigentlich nicht \u00e4u\u00dfern sollten, so liegt es daran, dass sie sich oft nicht \u00e4u\u00dfern k\u00f6nnen, wo ihnen das m\u00f6glich sein m\u00fcsste.\u201c<\/p>\n<p>Umsonst. Die Abstimmung war eine reine Formsache, \u00f6ffentlich und nicht geheim, um sp\u00e4ter die Gegenstimmen zur Rechenschaft ziehen zu k\u00f6nnen: rund 50 waren es gerade mal, neben Hermlin auch Christa Wolf, Ulrich Plenzdorf und G\u00fcnther de Bruyn. Enger und eindeutiger sollte die SED die Grenzen der Kritik in ihrer Kulturpolitik nie wieder definieren. Anschlie\u00dfend verabschiedete das Gremium mit \u201eeindeutiger Mehrheit\u201c ohne Diskussion noch eine Ergebenheitsadresse an \u201edie Genossen der Parteif\u00fchrung\u201c zum 30. Jahr des DDR-Bestehens. Darin hei\u00dft es:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eAn der Seite der Arbeiterklasse geh\u00f6ren wir zu den Siegern der Geschichte.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>National wie international galt der Ausschluss als Skandal, als schwerer Schlag f\u00fcr das Ansehen der DDR. F\u00fcnf der ausgeschlossenen Autoren verlie\u00dfen wenig sp\u00e4ter das Land. Die vier, die blieben, wie der nachmalige Bundestags-Alterspr\u00e4sident Stefan Heym, mussten erhebliche Schikanen hinnehmen: Ver\u00f6ffentlichungen wurden verhindert, B\u00fccher aus den Verlagsprogrammen gestrichen. Dieser Umgang mit den eigenen Autoren pr\u00e4gte das Bild von der DDR-Kulturpolitik bis zu ihrem Ende: selbst wer zum System stand, konnte in diesem Staat zum Feind werden. Das mutet heute makaber an.<\/p>\n<p><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D4101&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 40 Jahren wurde Stefan Heym mit acht anderen Autoren aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen. Die SED-Vorw\u00fcrfe von einst \u00e4hneln fatal Staatsvorw\u00fcrfen gegen Kritiker von heute.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5,4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4101"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4101"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4101\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4108,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4101\/revisions\/4108"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4101"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4101"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4101"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}