{"id":4118,"date":"2019-06-22T07:18:40","date_gmt":"2019-06-22T06:18:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4118"},"modified":"2019-06-22T06:59:58","modified_gmt":"2019-06-22T05:59:58","slug":"hineingestellt-in-duestere-tragoedien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4118","title":{"rendered":"\u201ehineingestellt in d\u00fcstere Trag\u00f6dien\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Allein ihre Herkunft bietet genug Stoff, diese Frau mit\nwilden, verbrecherischen und leidenschaftlichen Z\u00fcgen zu malen. Im freiz\u00fcgigen\nRom der Renaissance war es zwar keine Seltenheit, dass kirchliche W\u00fcrdentr\u00e4ger Kinder\nzeugten. Man nannte sie besch\u00f6nigend \u201enipoti\u201c (Neffen) \u2013 sie verkehrten im\nVatikan und bereicherten die Sprache durch den neuen Terminus \u201eNepotismus\u201c\n(G\u00fcnstlingswirtschaft): Die Geistlichen vergaben an sie Pfr\u00fcnde oder\nKardinalstitel. Wie wild es aber Kardinal Rodrigo Borgia aus dem spanischen\nValencia trieb, dessen Familie mit seinem Onkel Calixtus III. bereits einen\nPapst gestellt hatte, stellte alles in den Schatten, was der skandaltr\u00e4chtige\nVatikan bislang erlebte: Er zeugte mit mehreren Frauen zehn Kinder und f\u00fchrte\ndamit jedes Z\u00f6libat ad absurdum. <\/p>\n\n\n\n<p>Seine Favoritin Vanozza de\u2019 Cattanei, eine nicht mehr junge und durchaus verm\u00f6gende Herbergswirtin, gebar ihm allein vier Nachkommen: Cesare, Juan, sp\u00e4ter noch Jofr\u00e9 &#8211; und am 18. April 1480 die Tochter Lucrezia. Anfangs von Nonnen eines dominikanischen Frauenklosters unterrichtet, verbrachte sie ihre fr\u00fche Kindheit vermutlich bei ihrer Mutter und wurde mit acht Jahren ins Haus von Adriana de Mila geschickt, einer Cousine ihres Vaters, um dort einen adligen Schliff zu bekommen. Sie wird von Privatlehrern in Latein, Griechisch, Malen, Musik, Tanz und im Schmieden von Versen unterrichtet und am Ende Italienisch, Spanisch und Franz\u00f6sisch sprechen. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"700\" height=\"878\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/lucrezia-borgia.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4119\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/lucrezia-borgia.jpg 700w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/lucrezia-borgia-239x300.jpg 239w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><figcaption>Lucrezia Borgia. Quelle: https:\/\/www.onthisday.com\/images\/articles\/lucrezia-borgia.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Rodrigo Borgia, der diese vier Kinder \u00fcber alles liebte und\noft besuchte, war vernarrt in seine \u00fcberaus h\u00fcbsche Tochter, die sich sp\u00e4ter\nals Erwachsene wie ihr Vater als charmant, hochintelligent, beredt und diplomatisch\ngeschickt erwies. Gleichwohl verstand er unter ihrem Gl\u00fcck nur das, was der Familie\nn\u00fctzte. Oder, wie Ferdinand Gregorovius, einer ihrer Biographen, schrieb: \u201eWenn\nsie nicht seine Tochter und die Schwester Cesares gewesen w\u00e4re, so w\u00fcrde sie\nkaum in der Geschichte ihrer Zeit bemerkt worden sein &#8230; Doch in den H\u00e4nden\nihres Vaters und Bruders wurde sie das Werkzeug und auch das Opfer von\npolitischen Berechnungen, welchen sie Widerstand entgegenzusetzen kaum die\nKraft besa\u00df.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eihr Hals ist schlank\nund sch\u00f6n\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Denn bei aller Bildung lautet auch in der Renaissance die\nFaustregel: Frauen sollen mit ihrem Wissen niemals die M\u00e4nner \u00fcberfl\u00fcgeln und\nfr\u00fch eine f\u00fcr ihre Familie politisch vorteilhafte Ehe eingehen. So wurde Lucrezia\nbereits mit 10 Jahren mit dem Grafen von Oliva, Don Cherubin de Centelles,\nverlobt. 1491 l\u00f6ste ihr Vater diese Verbindung jedoch, um seine Tochter im\nselben Jahr per procurationem mit dem Grafen Gasparo von Procida und Aversa zu\nverheiraten. Bevor diese Ehe aber k\u00f6rperlich vollzogen werden konnte, wurde sie\nschon im selben Jahr mit p\u00e4pstlichem Dispens wieder gel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn am 10. August 1492 hatte das Kardinalskollegium Borgia\nzum Papst gew\u00e4hlt \u2013 hohe Bestechungssummen sollen zuvor geflossen sein. Der\nneue Pontifex nannte sich Alexander VI. und erkl\u00e4rte seine unehelichen Kinder\nf\u00fcr legitim \u2013 ein Novum. Die blonde Lucrezia, schon halbw\u00fcchsig eine Sch\u00f6nheit,\ndiente dem Papst als Lockmittel f\u00fcr seine politischen Pl\u00e4ne, in Italien ein\nBorgia-Reich zu errichten: Angeblich wird sie einem Kardinal als \u201eBelohnung\u201c\nf\u00fcr seine Stimmabgabe \u00fcberlassen. Bereits 1493 wird sie mit Giovanni Sforza aus\nder m\u00e4chtigen Mail\u00e4nder Herzogsfamilie verheiratet, die Alexanders Papstwahl\nunterst\u00fctzt hatte. Der bei seinen Untertanen reichlich unbeliebte Sforza wollte\nangeblich nichts von einer Aufnahme der ehelichen Beziehungen mit seiner erst\n13-j\u00e4hrigen zweiten Frau wissen; die Ehe wurde 1497 f\u00fcr ung\u00fcltig erkl\u00e4rt, weil\nSforza zeugungsunf\u00e4hig sei. <\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich war er, der schon am Tod seiner ersten Frau durch Misshandlung nicht ganz unschuldig gewesen sein soll, in ein Mordkomplott gegen ihren zweiten Bruder Juan Borgia verwickelt. Ger\u00fcchte besagen, auch Lucrezia habe dabei mitgewirkt. Hintergrund war das \u00e4u\u00dferst innige Verh\u00e4ltnis zu ihrem Bruder Cesare, der Juan als Konkurrent um die Gunst des p\u00e4pstlichen Vaters beseitigen lie\u00df. Im Zuge der erzwungenen Scheidung erkennt Biograf Volker Reinhardt in Lucrezia eine ungew\u00f6hnliche Charakterst\u00e4rke. Sie zog sich gegen den Willen ihres Clans in ein Kloster zur\u00fcck: \u201eAlle Indizien deuten darauf hin, dass ihr die stetig zunehmende Gewalt der Familie und die immer krasseren Normen\u00fcbertretungen und Tabubr\u00fcche zuwider waren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"474\" height=\"572\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/9f27899c1d22ed7e093e83cd6e4d5d8e-the-borgias-self-portraits.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4120\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/9f27899c1d22ed7e093e83cd6e4d5d8e-the-borgias-self-portraits.jpg 474w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/9f27899c1d22ed7e093e83cd6e4d5d8e-the-borgias-self-portraits-249x300.jpg 249w\" sizes=\"(max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><figcaption> Cesare Borgio. Portr\u00e4t von Dosso Dossi,  ca. 1518.  Quelle: https:\/\/i.pinimg.com\/474x\/9f\/27\/89\/9f27899c1d22ed7e093e83cd6e4d5d8e&#8211;the-borgias-self-portraits.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Problematisch war allerdings Sforzas sp\u00e4tere Behauptung, seine\nEhe w\u00e4re nur unter Druck und nur aufgel\u00f6st worden, damit ihr p\u00e4pstlicher Vater\nund ihr Bruder Cesare ungest\u00f6rt Blutschande mit Lucrezia treiben k\u00f6nnten. Diese\nBehauptung, aufgestellt von einem im Stolz verletzten Manne, sollte Lucrezia\nbis zu ihrem Tode und weit dar\u00fcber hinaus verfolgen. Nahrung erhielt sie noch\nim selben Jahr: Lucrezia soll eine Aff\u00e4re mit Perotto, einem K\u00e4mmerer ihres\nVaters, gehabt und im Geheimen ein Kind namens Giovanni zur Welt gebracht\nhaben. <\/p>\n\n\n\n<p>Prompt sprie\u00dfen Ger\u00fcchte, dass das Kind aus einer\nInzest-Verbindung mit ihrem Bruder Cesare oder gar ihrem Vater entstanden sei \u2013\nzwei p\u00e4pstliche Bullen legen das nahe, nicht aber ihre Mutterschaft. Lucrezias\nBiografin Maria Bellonci weist das zur\u00fcck und erkl\u00e4rt das Geheimnis dieser\nLiebe sowie diese Geburt zum einschneidendsten Ereignis in ihrem Leben: \u201eEs hat\nihren Geist und Charakter wesentlich geformt\u201c. Ihr Lieblingsbruder Cesare, den kein\ngeringerer als Niccolo Machiavelli zum Inbegriff des grausamen Renaissance-F\u00fcrsten\nstilisiert hat, soll den Kindsvater erstochen haben. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Monatelang\nzur\u00fcckgezogen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Legendenumwittert ist auch ihre 1498 geschlossene n\u00e4chste\nEhe mit dem 17-j\u00e4hrigen Don Alfonso, einem unehelichen Sohn von K\u00f6nig Alfonso\nII. von Neapel. Lucrezia, die sich nun Herzogin von Bisceglia nennen durfte,\nwar entz\u00fcckt von ihrem mittlerweile dritten Gatten, der als einer der sch\u00f6nsten\nM\u00e4nner Italiens galt. Und auch Alfonso soll sich sofort in seine sch\u00f6ne und\ncharmante Gemahlin verliebt haben. Der Gesandte Niccol\u00f2 Cagnolo aus Parma\nbeschrieb sie: \u201eSie ist von mittlerer Gr\u00f6\u00dfe und anmutiger Gestalt, ihr Gesicht\nist eher lang, die Nase sch\u00f6n geschnitten, das Haar golden, die Augen haben\nkeine besondere Farbe, ihr Mund ist ziemlich gro\u00df, die Z\u00e4hne sind strahlend\nwei\u00df, ihr Hals ist schlank und sch\u00f6n, ihr Busen bewundernsw\u00fcrdig geformt. Immer\nist sie fr\u00f6hlich und l\u00e4chelt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Am 1. November 1499 gebar Lucrezia in Rom einen Sohn, der den Namen Rodrigo erhielt und nur dreizehn Jahre alt wurde. Das Gl\u00fcck endete, als Alexander VI. sich mit dem franz\u00f6sischen K\u00f6nig Ludwig XII. verb\u00fcndete, einem Feind seines Schwiegersohns: Am 15. Juli 1500 wurde Alfonso auf der Stra\u00dfe \u00fcberfallen und schwer verletzt. Lucrezia und seine Schwester Sancia pflegten ihn gesund. Als er wieder aufstehen konnte, schoss er mit Pfeil und Bogen auf seinen Schwager Cesare, den er als Anstifter des Anschlags verd\u00e4chtigte. Er verfehlte ihn, und der Angegriffene lie\u00df ihn daraufhin erw\u00fcrgen. Der Kurien-Zeremonienmeister Johannes Burckard notierte trocken: \u201eDa Alfonso sich weigerte, seinen Wunden zu erliegen, wurde er um vier Uhr nachmittags erdrosselt.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Die Botschafter verbreiten diesen ungeheuerlichen Skandal in ganz Europa. Nun ist auch der Papstpalast entweiht, der Vatikan zum blutbesudelten Tatort geworden. Nichts unterscheidet ihn mehr von einem weltlichen F\u00fcrstenhof.&nbsp;Lucrezia soll den Mord mehr oder weniger miterlebt haben. V\u00f6llig verzweifelt, da sie Vater und Bruder ebenso liebte wie ihren Mann, zog sie sich monatelang in den Palast von Nepi zur\u00fcck. Vor Weihnachten kehrte sie jedoch wieder zu ihrer Familie zur\u00fcck, die ihr \u00fcber ihren Kummer hinweghelfen wollte, indem sie unz\u00e4hlige aufwendige Spiele und Tanzveranstaltungen arrangierte. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"615\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Cornelis_van_Haarlem_Before_the_Deluge-1-1024x615.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4123\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Cornelis_van_Haarlem_Before_the_Deluge-1.jpg 1024w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Cornelis_van_Haarlem_Before_the_Deluge-1-300x180.jpg 300w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Cornelis_van_Haarlem_Before_the_Deluge-1-768x461.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption> Cornelis van  Haarlem: Vor der Sintflut (1615). So stellte sich ein Maler des 17.  Jahrhunderts ein Bankett mit gleichzeitiger Orgie vor.  Quelle: https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/c\/c4\/Cornelis_van_Haarlem_Before_the_Deluge.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Eine davon, das von Cesare veranstaltete \u201eKastanienbankett\u201c\nvom 31. Oktober 1501 im Apostolischen Palast, goss wiederum Wasser auf die\nM\u00fchlen der \u201efemme fatale\u201c-Verfechter. Nach Burckards Schilderung sollen \u201e50\nehrbare Dirnen\u201c nach dem Mahl zuerst mit den Dienern und den anderen Anwesenden\nnackt getanzt und dann auf den Boden gestreute Kastanien \u201eauf H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen\nzwischen den Leuchtern durchkriechend\u201c aufgesammelt haben, wobei der Papst,\nCesare und seine Schwester anwesend waren. Schlie\u00dflich seien Preise ausgesetzt\nworden \u201ef\u00fcr die, welche mit den Dirnen am \u00f6ftesten den Akt vollziehen k\u00f6nnten\u201c.\nVon einer Beteiligung Lucrezias an der Orgie ist nirgends zu lesen, dennoch\nsteht diese Szene im Mittelpunkt vieler Pornoadaptionen ihres Lebens.<\/p>\n\n\n\n<p>Die einundzwanzigj\u00e4hrige mehrfach geschiedene Witwe soll sich\nnun ihren vierten Gatten angeblich selbst ausgesucht haben \u2013 ihr Vater, in\ndessen Blick sie inzwischen ihren h\u00f6chsten Marktwert erreicht hat, wollte ihr nach\nder Ermordung Alfonsos jeden Wunsch erf\u00fcllen, und aus politischen Gr\u00fcnden\nkonnte das Geschlecht des Erw\u00e4hlten zur Sicherung der Romagna, einem\nbedeutenden Kirchenlehen, das f\u00fcr Cesar in ein Herzogtum umgewandelt werden\nsollte, sehr wichtig werden. Warum ihre Wahl auf den arroganten und\nkaltherzigen, vier Jahre \u00e4lteren Alfonso d\u2019Este fiel, ist nicht bekannt. <\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend alle Zeitgenossen von ihrer Sch\u00f6nheit, Klugheit und\nihren angenehmen Umgangsformen schw\u00e4rmten, hielten sie Alfonso f\u00fcr\nundurchsichtig, rachs\u00fcchtig und gef\u00fchlskalt. Er galt als sachverst\u00e4ndiger\nKenner allen Milit\u00e4rwesens, zumal des ballistischen, besonders des Gesch\u00fctzgusses.\nVielleicht war Lucrezia von seiner gro\u00dfen, stattlichen Erscheinung beeindruckt.\nIhr Ruf war durch das W\u00fcten des Cesare und die Ausschweifungen des Papstes aber\nschon so gesch\u00e4digt, dass der deutsche Kaiser Maximilian I. Einspruch gegen\ndiese Eheschlie\u00dfung erhob.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Als Unternehmerin\nt\u00fcchtig<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nach einem monatelangen Kampf um den Ehekontrakt und der Heirat am 30. Dezember 1501 verabschiedete sich Lucrezia endlich am 6. Januar 1502 von ihrem vom Abschiedsschmerz gezeichneten Vater und ihrem erst 14 Monate alten Sohn Rodrigo, den sie nicht mit in ihre neue Ehe nehmen durfte und nie wieder sehen sollte. Ihr Zug nach Ferrara soll aus insgesamt 660 Pferden und Maultieren und 753 Personen bestanden haben, darunter K\u00f6che, Sattler, Kellermeister, Schneider und ein Goldschmied. Ihr Vater zwang alle Kardin\u00e4le zum Ehrengeleit bis ans Stadttor.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"613\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Lucrezia-Borgia-with-son-Ercole-1024x613.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4124\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Lucrezia-Borgia-with-son-Ercole-1024x613.jpg 1024w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Lucrezia-Borgia-with-son-Ercole-300x180.jpg 300w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Lucrezia-Borgia-with-son-Ercole-768x460.jpg 768w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Lucrezia-Borgia-with-son-Ercole.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption> Lucrezia als Herzogin von Ferrara mit ihrem \u00e4ltesten Sohn Ercole, Silberstich 1512. Quelle: https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/0\/0c\/Lucrezia-Borgia-with-son-Ercole.jpg\/640px-Lucrezia-Borgia-with-son-Ercole.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Ehe erwies sich als Gl\u00fccksfall. Der Herzog erlaubte ihr\nweitgehende Freiheiten. Sie bet\u00e4tigte sich als Kunstm\u00e4zenin, f\u00f6rderte den\njungen Maler Tizian und den Gelehrten Aldus Manutius. Als erste europ\u00e4ische\nStadt erhielt Ferrara einen festen Theaterbau. Der Dichter Ludovico Ariosto (\u201eOrlando\nfurioso\u201c) besang die neue Herrin Ferraras in schwelgerischen Versen: \u201eAlle\nanderen Frauen gleichen Lucrezia wie das Zinn dem Silber, das Kupfer dem Gold,\ndie Mohnblume der Rose, die bleiche Weide dem immergr\u00fcnen Lorbeer\u201c. Ihr dichtes\nblondes Haar soll bis kurz vor ihrem Tod bis zu den Knien gereicht, ihre\nhaselnussbraunen Augen oft die Farbnuancen ge\u00e4ndert haben. <\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberdies war Lucrezia jetzt auch als Unternehmerin t\u00fcchtig,\nerwarb in Norditalien scheinbar wertloses Sumpfland, das sie mithilfe von\nEntw\u00e4sserungsgr\u00e4ben und Kan\u00e4len trockenlegen lie\u00df, um bis zu 20.000 Hektar kostbares\nWeide- und Ackerland zu erlangen, mit dem gro\u00dfe Gewinne erwirtschaftet wurden. Zudem\nbetraute sie ihr Vater mehrmals mit den Gesch\u00e4ften des Vatikans. Berthold\nSeewald seufzt in der <em>WELT<\/em>: \u201eTiefer,\nso wird es wohl den Kirchenf\u00fcrsten erschienen sein, konnte der Vatikan nicht\nmehr sinken. Eine strahlend sch\u00f6ne Frau und Mutter, von der es hie\u00df, sie feiere\nmit ihrer Familie Orgien, und deren Bruder eine einzige Blutspur hinterlie\u00df,\nleitete das Konsistorium der Kardin\u00e4le. Aus frivolen Fantasien und\nabgrundtiefem Hass wurden Ger\u00fcchte mit dem Segen der Kirche.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Derweil begann der Stern der Borgias zu sinken: 1503 starb\nAlexander VI., sein Nachfolger Julius II. war ein vehementer Gegner der\nFamilie. Lucrezia gebar nach siebenj\u00e4hriger Ehe endlich den ersehnten\nStammhalter, den sp\u00e4teren Herzog Ercole II., ein Vorfahr von Marie Antoinette. Ihr\nVerh\u00e4ltnis zu M\u00e4nnern blieb weiter tragisch. Als der Florentiner Humanist\nErcole Strozzi Lucrezia 1508 ein freiz\u00fcgiges Gedicht widmete, wurde er wenig\nsp\u00e4ter ermordet aufgefunden. Wieder kursierten wilde Ger\u00fcchte \u00fcber den\nverderblichen Einfluss der Dame Borgia. 1513 nahm sie der neue Papst Leo X.\nunter seinen pers\u00f6nlichen Schutz, quasi eine Ehrenerkl\u00e4rung. Auch Ehemann\nAlfonso d\u2019Este stellte sich hinter sie. Doch ihr schlechter Ruf blieb haften,\nobwohl die n\u00e4chsten Jahre ohne Skandal verstrichen.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend ihrer Ehe mit Alfonso gebar sie insgesamt acht\nKinder, von denen vier das Erwachsenenalter erreichten. Der amerikanische\nB\u00fcrgerkriegsgeneral P.G.T. Beauregard und die Schauspielerin Brooke Shields\nverzeichnen sie in ihrer Ahnentafel. Lucrezia erlitt, zunehmend religi\u00f6ser und\nvergeistigter geworden, noch mehrere Fehlgeburten, bringt am 24. Juni 1519 als 39-J\u00e4hrige\nwieder eine nicht lebensf\u00e4hige Siebenmonatstochter zur Welt und erkrankt am\nKindbettfieber. In der Nacht halten ihr die \u00c4rzte ein letztes Mal eine Kerze\nvor den Mund. Die Flamme bleibt still. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eFrau von\nunergr\u00fcndlicher Schwermut\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als Herzogin von Ferrara war Lucrezia von ihrem Volk sehr\ngeliebt worden. Auch das Herz ihres Gatten hatte sie im Laufe ihrer Ehe\nerobert. So schrieb Alfonso seinem Neffen nach ihrem Tod \u201eUnd nicht ohne Tr\u00e4nen\nkann ich dies schreiben, so schwer wird es mir, mich einer so lieben und s\u00fc\u00dfen\nGef\u00e4hrtin beraubt zu sehen, denn das war sie mir durch ihre guten Sitten und\ndie z\u00e4rtliche Liebe, die zwischen uns bestand.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Weil Lucrezia aber ebenso sch\u00f6n wie m\u00e4chtig war, bl\u00fchten Fantasien von einer bet\u00f6renden Hexe, einer Giftmischerin, Intrigantin und z\u00fcgellosen Nymphomanin. Im Laufe der Jahrhunderte verzerrte sich ihr Bild zum Inbegriff der skrupellosen Femme fatale, die splitternackt vor ihrem Vater und dem vatikanischen Hof tanzt, stets einen vergifteten Ring am Finger tr\u00e4gt, um sich aller Feinde rasch entledigen zu k\u00f6nnen, und die an ihrem Hof w\u00fcste Orgien feiert. Es ist ein Ruf, der bis dato \u00fcber sie verbreitet wird. Schon Victor Hugo widmete der Papsttochter 1833 ein Drama, das Gaetano Donizetti zu einer Oper verarbeitete, in der Lucrezia als lustvoll-tragische Giftmischerin bis heute die B\u00fchnen der Welt beherrscht \u2013 in \u201eAssassin\u2019s Creed: Brotherhood\u201c selbst die virtuelle B\u00fchne eines Computerspiels.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/800px-02_Corpus_Domini_Ferrara_-_Sala_del_Coro_o_sala_delle_Clarisse_-_Tombe_estensi-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4125\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/800px-02_Corpus_Domini_Ferrara_-_Sala_del_Coro_o_sala_delle_Clarisse_-_Tombe_estensi-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/800px-02_Corpus_Domini_Ferrara_-_Sala_del_Coro_o_sala_delle_Clarisse_-_Tombe_estensi-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/800px-02_Corpus_Domini_Ferrara_-_Sala_del_Coro_o_sala_delle_Clarisse_-_Tombe_estensi.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><figcaption>Grab der Eheleute. Quelle: https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/a\/a6\/02_Corpus_Domini_Ferrara_-<em>Sala_del_Coro_o_sala_delle_Clarisse<\/em>&#8211;<em>Tombe_estensi.jpg\/800px-02_Corpus_Domini_Ferrara<\/em>&#8211;<em>Sala_del_Coro_o_sala_delle_Clarisse<\/em>-_Tombe_estensi.jpg?1558777546307<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Bellonci meint zwar 1939 nach Auswertung aller \u00fcberlieferten Quellen, die wahre Pers\u00f6nlichkeit der Lucrezia Borgia herausgearbeitet zu haben \u2013 als eine Frau \u201evon unergr\u00fcndlicher Schwermut, hineingestellt in d\u00fcstere Trag\u00f6dien ihrer eigenen Familie, aber von hoher Intelligenz und mit einer kraftvollen Natur versehen\u201c. Umsonst. Hollywood hat ihr Schicksal zahlreich verfilmt \u2013 bis zu Francis Ford Coppolas \u201ePate\u201c-Trilogie, die die Geschichte des Hauses Borgia zum Vorbild genommen hat, wie Mario Puzo sie aufschrieb. Und 2011 konkurrierten in Deutschland gleich zwei Fernsehserien um die Deutungshoheit in Sachen Borgia. Die zeitlich erste, eine ZDF-Produktion, die sich mit einem Etat von 25 Millionen Euro br\u00fcstete, brachte es auf sage und schreibe 157 Liter Filmblut.<\/p>\n\n\n\n<iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D4118&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Femme fatale und Giftmischerin in inzestu\u00f6sen Verh\u00e4ltnissen \u2013 oder Kunstm\u00e4zenin und Unternehmerin in vier arrangierten Ehen: Lucrezia Borgia gibt bis heute R\u00e4tsel auf. Vor 500 Jahren starb sie.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4,9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4118"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4118"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4118\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4129,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4118\/revisions\/4129"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4118"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4118"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4118"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}