{"id":4154,"date":"2019-07-23T07:25:53","date_gmt":"2019-07-23T06:25:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4154"},"modified":"2019-10-15T20:52:44","modified_gmt":"2019-10-15T19:52:44","slug":"gemeinschaftlichkeit-einheitlichkeit-bestaendigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4154","title":{"rendered":"\u201eGemeinschaftlichkeit, Einheitlichkeit, Best\u00e4ndigkeit\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Gesegnet mit einem reichen genetischen Erbe kam er zur Welt:\nsein Gro\u00dfvater Thomas Henry Huxley, genannt \u201eBulldogge Darwins\u201c, hatte seinen\nLandsleuten die revolution\u00e4ren Theorien seines scheuen Freundes Charles \u00fcber\ndie \u201eEntstehung der Arten durch nat\u00fcrliche Zuchtwahl\u201c so lange eingepaukt, bis\nauch der erste Herzog und der letzte Fabrikarbeiter im Affen ihren Urvater\nerkannten. Sein Bruder Julian, ein bedeutender Zoologe, sollte erster\nGeneraldirektor der Unesco werden. Und sein Halbbruder Andrew, ein Physiologe,\nholte sich 1963 den Nobelpreis. <\/p>\n\n\n\n<p>Und gesegnet mit einem bewusstseinserweiternden Trip verlie\u00df\ner die Welt wieder: seine Frau verabreichte dem Krebskranken im Endstadium auf\nseinen Wunsch hin LSD. Dazwischen publizierte er \u201eim Glanz seines Witzes,\nseines eleganten Stils, seiner enzyklop\u00e4dischen Gelehrsamkeit\u201c (<em>SPIEGEL<\/em>) ein Dutzend Romane, dazu\nErz\u00e4hlungen, Reiseimpressionen, Biographien, Theaterst\u00fccke und Drehb\u00fccher sowie\nein enormes essayistisches Werk von kunterbunter Thematik kreuz und quer durch\ndie abendl\u00e4ndische Kulturgeschichte. Am 26. Juli w\u00fcrde Aldous Huxley 125 Jahre\nalt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201ewie ein Dummkopf\nsich einen Klugen vorstellt\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Geboren als Sohn des Schriftstellers Leonard Huxley und dessen erster Frau Julia, soll sein Baby-Kopf so gro\u00df und gewichtig gewesen sein, dass er erst im Alter von zwei Jahren laufen konnte. Er besuchte die Hillside School in Malvern (Worcestershire), wurde aber auch von seiner eigenen Mutter unterrichtet, bis sie schwer erkrankte und 1908 starb. Er wechselte ans noble Eton College. 1911 litt er an einer Augenkrankheit und war danach drei Jahre lang fast blind. \u201eOgie\u201c, das \u201eUngeheuer\u201c, nannten seine Freunde den 1,93 Meter d\u00fcrren Sch\u00fcler mit der dicken Brille und dem bei\u00dfenden Witz. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Huxley01.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4158\"\/><figcaption>Huxley als Kind. Quelle: https:\/\/triviahappy.com\/images\/articles\/05222014kidhuxleyfull.jpg <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Von 1913 bis 1916 studierte er Literatur in Oxford, schloss\nmit der Bestnote ab und machte das Schreiben zu seinem Beruf: Sein erstes Buch\n\u201eThe Burning Wheel\u201c erschien bereits 1916. Ein Jahr lang unterrichtete er auch\nFranz\u00f6sisch am Eton College, wo George Orwell zu seinen Sch\u00fclern z\u00e4hlte. Als\nLehrer sei er zwar unf\u00e4hig gewesen, f\u00fcr Ordnung im Unterricht zu sorgen, aber\nwegen seiner brillanten sprachlichen F\u00e4higkeiten bewundert worden.<\/p>\n\n\n\n<p>1919 heiratete er die Belgierin Maria Nys, wurde 1920 Vater\neines Sohnes und arbeitete als Journalist und Kunstkritiker. In den 1920er\nJahren hielt er sich mit Frau und Sohn \u00f6fter in S\u00fcdeuropa, zumal in Italien auf\nund besuchte dort seinen Freund D. H. Lawrence, f\u00fcr den Maria die zweite H\u00e4lfte\nder \u201eLady Chatterley\u201c ins Reine tippte. W\u00e4hrenddessen verh\u00f6hnte ihr Ehemann die\nLiebe als puren Sex, den wiederum als der Menschheit ekligste Seuche und\nkarikierte seine Zeitgenossen als h\u00e4ssliche Parasiten, so in den Romanen\n\u201eCrome\u201c (1921), \u201eParallelen der Liebe\u201c (1925) und \u201eKontrapunkt des Lebens\u201c\n(1928). Der \u201egro\u00dfe Mahatma aller Misanthropen\u201c in einer gottverlassenen Nachkriegsgesellschaft\nwurde er genannt, heimgesucht von den Kollektivpsychosen der modernen\nZivilisation.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr den hemds\u00e4rmeligen Vollbluterz\u00e4hler Ernest Hemingway war\ndas blo\u00df \u201eintellektuelles Gegr\u00fcbel\u201c, \u201ek\u00fcnstlich konstruierten Charakteren in\nden Mund gelegt\u201c. Romangestalten, erkl\u00e4rte Huxley dagegen, seien f\u00fcr ihn \u201enichts\nals Marionetten mit Stimmen, um Ideen und die Parodie von Ideen zu \u00e4u\u00dfern\u201c. Was\ner erstrebe, sei die \u201evollkommene Verschmelzung von Roman und Essay\u201c, so der\nlange, d\u00fcnne \u00c4sthet und pure Intellektuelle, der zwar eine \u201ewandelnde\nEnzyklop\u00e4die\u201c (Bertrand Russel), in allen praktischen Dingen jedoch hoffnungslos\nunbeholfen gewesen sei. Huxley, bemerkte ein boshafter Kollege, sei \u201edieser\nPedant, der l\u00fcstern der Paarung von Krebsen zusieht, ohne je f\u00e4hig zu sein,\neinen zu fangen oder gar zu kochen\u201c. Aldous, lobte die Literatin Elizabeth\nBowen bissig, war genau so, \u201ewie ein Dummkopf sich einen Klugen vorstellt\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>1932 folgte dann der Roman, der ihn ber\u00fchmt machte, zu den\neinflussreichsten Romanen des 20. Jahrhunderts z\u00e4hlt und neben Orwells \u201e1984\u201c\nals Musterbeispiel einer totalit\u00e4ren Diktatur in der Literatur gilt: \u201eSch\u00f6ne\nNeue Welt\u201c, deren Menschenkinder genormt aus Retorten schl\u00fcpfen und ihr Dasein\nin gl\u00fccklichem Schwachsinn verbringen, drogenselig kopulierend bis zum milden\nEnde durch Euthanasie. Der Text inspirierte Autoren aller Generationen zu\neigenen Zukunftsvisionen und ist in einigen deutschen L\u00e4ndern im Fach Englisch\nbis heute eine abiturrelevante Lekt\u00fcre. 1998 w\u00e4hlte ihn die <em>Modern Library<\/em> auf Rang 5 der 100 besten\nenglischsprachigen Romane des 20. Jahrhunderts, in \u00e4hnlichen Listen der <em>BBC <\/em>und des <em>Observer<\/em> taucht er auch weit vorn auf.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eKlassiker der\nneuzeitlichen Zivilisationsmiesepeterei\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichte ist in der Zukunft des Jahres 2540\nangesiedelt, das nach der Zeitrechnung in der neuen Welt 632\u2005nach Ford hei\u00dft.\nStatt Christi Geburt ist 1908 das Ma\u00df der Zeit, als mit Einf\u00fchrung der\nFlie\u00dfbandarbeit der erste Ford T in Detroit vom Band rollte \u2013 und so ersetzt\nauch in der Symbolik des totalit\u00e4ren Staates der sch\u00f6nen neuen Welt ein T das\nchristliche Kreuz. Dieser Weltstaat mit dem Wahlspruch \u201eGemeinschaftlichkeit,\nEinheitlichkeit, Best\u00e4ndigkeit\u201c wird von zehn Controllern gelenkt. Nach einem\nneunj\u00e4hrigen Krieg wurden Kunst, Wissenschaft und Religion abgeschafft. Kinder\nwerden nicht mehr von Eltern gezeugt, sondern &#8211; planwirtschaftlich organisiert\n&#8211; k\u00fcnstlich hergestellt. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Huxley02.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4159\"\/><figcaption>Szenenbild der Verfilmung 1980. Quelle: https:\/\/flickfeast.co.uk\/wp-content\/uploads\/2011\/11\/BraveNewWorld.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>So entsteht eine Kasten-Gesellschaft, in der Menschen als\nAlpha- (in der obersten Schicht) bis Epsilon-Wesen (in der untersten Schicht)\nkategorisiert und im Labor mit mehr oder weniger F\u00e4higkeiten ausgestattet\nwerden: Zuerst als Embryonen manipuliert, als Babys konditioniert und je nach\nKaste dann in ihren Bed\u00fcrfnissen befriedigt, sodass Unzufriedenheit nicht\naufkommen kann und sie so auch ihre Situation nicht infrage stellen. Grenzenloser\nKonsum und Geschlechtsverkehr mit h\u00e4ufig wechselnden Partnern ohne tiefe\nBeziehungen sollen f\u00fcr Ruhe und Stabilit\u00e4t im System sorgen. Dabei hilft auch\ndie Droge Soma, die, sobald jemand von Situationen, die von der Norm abweichen,\nirritiert wird, beruhigt, ausgleicht und gl\u00fccklich macht. Ein konsumistischer\nKommunismus ist entstanden: Bildung wird auf pragmatische, f\u00fcr die Gemeinschaft\nn\u00fctzliche Wissensvermittlung reduziert, \u201eGeschichte ist Mumpitz\u201c (Henry Ford)\nund findet nicht mehr statt, Kulthandlungen ersetzen Religion. <\/p>\n\n\n\n<p>Die eigentlich als Satire gedachte Utopie vom allm\u00e4chtigen\nWohlfahrtsstaat, dem ein Shakespeare-Zitat aus dem \u201eSturm\u201c den Titel gab (\u201eO\nsch\u00f6ne neue Welt, die solche B\u00fcrger tr\u00e4gt!\u201c) l\u00e4sst jedes Lachen im Halse\nsteckenbleiben. Nach Ansicht der FAZ handele sich dagegen \u201ebei diesem Klassiker\nder neuzeitlichen Zivilisationsmiesepeterei um eine Sorte Satire, wie sie\nschwerf\u00e4lliger auch der Arbeitskreis Weihnachts-Laientheater der katholischen\nLandjugend von Nieder-Dossenbach nicht zuwege gebracht h\u00e4tte.\u201c Der Roman wurde\nbis heute nicht als Kinofilm realisiert, liegt aber in mehreren H\u00f6rspieladaptionen\nund Dramatisierungen vor, die gern in Sachsen aufgef\u00fchrt werden (!), und war\nTitelsong des 12. Albums der britischen Heavy-Metal-Band Iron Maiden.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend sich Europas Himmel verd\u00fcsterte und in Spanien der\nB\u00fcrgerkrieg losbrach, tr\u00e4umte der Pazifist Huxley vom \u201eEinssein der Menschheit\u201c\nund hielt auf Versammlungen Pl\u00e4doyers f\u00fcr den Weltfrieden: der Mensch sei \u201ekein\nk\u00e4mpfendes Tier\u201c. 1937 emigrierte dieser \u201ek\u00fchle, leicht antiseptisch wirkende,\naber humane und sanfte Mann\u201c (Virginia Woolf) mit Frau und Sohn nach Amerika\nund suchte in Kalifornien sein Heil auf den Wegen der Erleuchtung. Er versenkte\nsich in die Mystik des Ostens, fand geistigen Zuspruch in den\nMeditationszirkeln der Ramakrischna-J\u00fcnger von Hollywood und lebte dann f\u00fcnf\nJahre lang auf seiner Ranch am Rand der Mojave-W\u00fcste im Angesicht der Unendlichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201egewissenloser\n\u00e4sthetischer Selbstgenuss\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Zeit lassen sich in seiner Publizistik zwei\nThemenkreise feststellen. Der eine \u00fcberspitzt seinen Wandel vom philosophierenden\nHumanisten zum spirituellen Mystiker: Huxley sp\u00fcrte einem h\u00f6heren, transzendentalen\nBewusstseinszustand nach, den er im Meskalin- und LSD-Rausch zu erlangen\nsuchte. Denn: \u201eNur durch die Verwandlung des individuellen Charakters kann\nGottes Natur und Wille wirklich begriffen werden, kann es eine dauerhafte\nVerwandlung der Zivilisation oder Menschheit geben.\u201c Resultat war 1954 \u201eDie\nPforten der Wahrnehmung\u201c, oft zusammen ver\u00f6ffentlicht mit dem Nachfolgeband \u201eHimmel\nund H\u00f6lle\u201c 1956 \u2013 dem Jahr, in dem seine Frau Maria starb.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Huxley1-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4150\"\/><figcaption>Huxley mit Maria und Sohn Matthew. Quelle: https:\/\/www.telegraph.co.uk\/content\/dam\/books\/2018\/10\/19\/TELEMMGLPICT000002042183_trans_NvBQzQNjv4BqqVzuuqpFlyLIwiB6NTmJwXwRjMFsEP0HSgpvSawxCy8.jpeg?imwidth=480 <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Darin beschreibt er nachgerade enthusiastisch die nach\nSelbstversuchen wahrgenommenen Auswirkungen des Psychedelikums Meskalin, das v\u00f6llig\nunsch\u00e4dlich sei, keinerlei Katzenjammer hinterlasse und keine gef\u00e4hrlichen,\nenthemmenden Auswirkungen wie etwa Alkohol habe. \u201eChristentum und Alkohol\npassen nicht zueinander und k\u00f6nnen es auch nicht. Christentum und Mescalin\nscheinen sich besser zu vertragen\u201c, lautet sein verbl\u00fcffendes Fazit. Das\nMescalin-Erlebnis d\u00fcrfte zu dem geh\u00f6ren, was katholische Theologen eine \u201ewirksame\nGnade\u201c nennen. Huxley definiert sie &#8211; im Widerspruch zu theologischer Lehre &#8211;\nals \u201enicht erforderlich f\u00fcr die Erlangung des Seelenheils, aber m\u00f6glicherweise\neine wertvolle Hilfe und dankbar anzunehmen, wenn sie geboten wird.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Die Eloge auf die bewusstseinserweiternde Wirkung des im\n\u00dcbrigen \u201ev\u00f6llig unsch\u00e4dlichen\u201c Stoffes, von den Blumenkindern der sp\u00e4ten\nsechziger Jahre zum Evangelium erhoben, trug ihm wilde Proteste ein. F\u00fcr Thomas\nMann, der einst die Kunst des Kollegen als \u201eeine feinste Bl\u00fcte westeurop\u00e4ischen\nGeistes\u201c bewundert hatte, zeugte sie einzig und allein von \u201egewissenlosem\n\u00e4sthetischem Selbstgenuss\u201c. Das Buch inspirierte den Harvard-Psychologen\nTimothy Leary und den \u201eDoors\u201c-Chef&nbsp; Jim\nMorrison. 1957 heiratete er seine zweite Frau Laura, eine italienische Geigerin\nund Psychotherapeutin.<\/p>\n\n\n\n<p>Der andere Themenkreis gab seinem Skeptizismus, Existentialismus\nund Moralismus Ausdruck, so 1956 in der Novelle \u201eDas Genie und die G\u00f6ttin\u201c \u00fcber\neinen Physik-Nobelpreistr\u00e4ger mit infantilem Gem\u00fct und ph\u00e4nomenalem Superhirn\nund dessen Frau, einer gewaltigen, blonde Sch\u00f6nheit vom Typ einer germanischen\nHeroine. Der puritanisch erzogene, ahnungslose Assistent des Physikers, der die\nGeschichte im Alter erz\u00e4hlt, kommt in die paradoxe Lage, dass er das Leben des\nProfessors nur retten kann, indem er ihn mit seiner Frau betr\u00fcgt. Huxley, mit\ndem Vokabular und den interessantesten Ergebnissen der modernen\nNaturwissenschaften wohl vertraut, berichtet den erstaunlichen Vorfall mit\nbetr\u00e4chtlichem psychologischem Witz und vielen beil\u00e4ufigen, bissig-zutreffenden\nBemerkungen \u00fcber den Zeitgeist. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"606\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Huxley-1024x606.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4151\"\/><figcaption>Heroen des Geistes: Von links nach rechts Gerald Heard, Christopher Isherwood, Julian Huxley, Aldous Huxley, Linus Pauling. Quelle: https:\/\/juttagruber.de\/media\/story_section_text\/580\/attachment-1519052820.pdf  <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>In \u201eDrei\u00dfig Jahre danach\u201c beleuchtet Huxley 1958 die\nFortschritte seit \u201eBrave New World\u201c in Richtung dieses Szenarios und erl\u00e4utert\ndie Bedingungen, die der Entstehung einer wissenschaftlichen Diktatur\nf\u00f6rderlich seien, darunter \u00dcberbev\u00f6lkerung, \u00dcberorganisierung sowie Propaganda\nund Gehirnw\u00e4sche. Daneben kritisiert er die Tendenz zur Verflachung der\npolitischen Meinungsbildung in den USA und warnt er vor einer Gesellschaft, in\nder die Wahrheit in einem Meer von Belanglosigkeit untergeht, ja warnt vor\njenen, die uns t\u00e4glich mit einem Wust von Einzelinformationen vollstopfen. Die\nFolgen solcher V\u00f6llereien seien gravierend, sie beseitigen die Demokratie und\nlie\u00dfen eine Scheinwelt entstehen, weil die Menschen Informationen nur als\nBruchst\u00fccke wahrnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201edurch unseren\nWunsch, gl\u00fccklich zu sein\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1960 diagnostizierten die \u00c4rzte bei ihm einen Zungentumor.\nVon einer Operation, die sein Sprechverm\u00f6gen l\u00e4diert h\u00e4tte, wollte Huxley\nnichts wissen, entschied sich f\u00fcr eine Strahlenbehandlung und nahm, unabl\u00e4ssig\nschreibend, seine Arbeit wieder auf. So setzte er sich mehrfach mit Charles\nPercy Snows Klage \u00fcber die Existenz zweier Kulturen auseinander, die sich nicht\nnur verst\u00e4ndnislos, sondern sogar feindlich gegen\u00fcberstehen, zwischen denen es\nso gut wie keine Kommunikationsm\u00f6glichkeiten mehr gibt: die traditionelle\nhumanistische Kultur &#8211; und die neue naturwissenschaftliche. <\/p>\n\n\n\n<p>Huxley deutet die These um in das Ph\u00e4nomen zweier Sprachen:\nDie normale, f\u00fcr ihn unbrauchbare Alltagssprache wolle der Dichter zu einem\nAusdrucksmittel von m\u00f6glichst gro\u00dfer Vieldeutigkeit und Beschw\u00f6rungskraft\nl\u00e4utern &#8211; w\u00e4hrend der Wissenschaftler aus der f\u00fcr ihn nicht weniger unbrauchbaren\nNormalsprache sich ein Instrument der gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Eindeutigkeit und\nPr\u00e4zision zu schaffen sucht. Die Verfeinerung in beiden Richtungen sei nun so\nweit fortgeschritten, dass sozusagen \u00dcbersetzungen aus der einen Sprache in die\nandere nicht mehr m\u00f6glich schienen. <\/p>\n\n\n\n<p>1961 brannte sein Haus in Kalifornien mit seiner Bibliothek\nund allen Manuskripten nieder. \u201eF\u00fcr mich\u201c, sagte Huxley, \u201ewar es ein Zeichen,\ndass der grimmige Schnitter mich ins Auge fasste.\u201c Doch der Stoff seines Lebens\nlie\u00df den Sozial-Utopisten bis zum Ende seines Lebens nicht los: in seinem\nletzten Buch \u201eEiland\u201c (1962) lieferte er ein philanthropisches Gegenst\u00fcck zur\nzynisch-pessimistischen Dystopie von 1932. Das Gemeinwesen Pala ist das\nErgebnis eines Experiments, begonnen vor mehr als hundert Jahren von zwei\nM\u00e4nnern: Dem erst kalvinistischen, sp\u00e4ter atheistischen schottischen Arzt\nMacPhail und dem Inself\u00fcrsten Murugan. Diese Auslese &#8211; vom Westen wurden\nElektrizit\u00e4t, Medizin und Biologie \u00fcbernommen, der Osten steuerte buddhistische\nReligiosit\u00e4t und erotische Tradition bei &#8211; erwies sich nicht zuletzt wiederum\ndurch eine Droge namens \u201eMoksha\u201c als segensreich, berichtet ein zeitreisender\nJournalist. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Huxley1-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4152\"\/><figcaption>Huxley im Alter. Quelle: https:\/\/p5.focus.de\/img\/fotos\/origs3421271\/7028516231-w630-h472-o-q75-p5\/urn-newsml-dpa-com-20090101-131121-99-02335-large-4-3.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Volkes Stimme gibt er so wieder: \u201eWir haben kein Bed\u00fcrfnis nach euren Rennbooten oder eurem Fernsehen. Noch weniger nach euren Kriegen und Revolutionen, euren Renaissancen, euren politischen Schlagworten, eurem metaphysischen Unsinn aus Rom und Moskau\u201c. Und: \u201eWir produzieren und importieren nur das, was wir uns leisten k\u00f6nnen. Und dieses Leistungsverm\u00f6gen wird nicht nur begrenzt durch unseren Vorrat an Pfunden und Mark und Dollars, sondern auch &#8230; durch unseren Wunsch, gl\u00fccklich zu sein, unseren Ehrgeiz, ganz und gar menschlich zu werden.\u201c Entstanden ist weniger ein Roman als eine Folge dramatisierter, oft langweiliger Essays \u00fcber Gesetzesreformen, k\u00fcnstliche Befruchtung und Promiskuit\u00e4t wie auch \u00fcber Erziehungs- und Industrialisierungsprobleme. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Folgejahr hatte sich der Krebs \u00fcberall in seinem Organismus eingenistet. Am 22. November 1963 schob er, unf\u00e4hig zu sprechen, seiner Frau einen Zettel zu: \u201eVersuch es mit 100 Mikrogramm LSD intramuskul\u00e4r.\u201c Von dem Trip kehrte er nicht mehr zur\u00fcck. Es war derselbe Tag, an dem John F. Kennedy den Sch\u00fcssen von Dallas zum Opfer fiel. Die Welt nahm die Nachricht vom Tod des Schriftstellers daher kaum zur Kenntnis. Bleiben werden nicht nur seine Romane und Essays, sondern auch seine kurzen Spitzen: \u201eWer so tut, als bringe er die Menschen zum Nachdenken, den lieben sie. Wer sie wirklich zum Nachdenken bringt, den hassen sie\u201c, lautet eine, die nach wie vor sehr wahr ist.<\/p>\n\n\n\n<iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D4154&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er bildet mit Samjatin und Orwell das apokalyptische Science Fiction-Trio des 20. Jahrhunderts: Aldous Huxley. Seine \u201eSch\u00f6ne Neue Welt\u201c ist ebenso h\u00e4sslich wie bedrohlich. Jetzt w\u00fcrde er 125 Jahre alt.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5,4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4154"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4154"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4154\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4490,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4154\/revisions\/4490"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4154"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4154"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4154"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}