{"id":4180,"date":"2019-07-09T09:20:05","date_gmt":"2019-07-09T08:20:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4180"},"modified":"2019-07-06T15:57:03","modified_gmt":"2019-07-06T14:57:03","slug":"kollektivistische-ordnungsphantasie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4180","title":{"rendered":"kollektivistische Ordnungsphantasie"},"content":{"rendered":"\n<p>Den hochgewachsenen meterdicken\nBaum mit brauner, riffeliger Rinde unterscheidet von anderen nur ein\nzweisprachiges Schild: \u201eGegen diesen Baum haben Henker Kinder geschlagen\u201c. Er\nsteht bei Choeung Ek nahe der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh auf dem\n\u201eKilling Field\u201c des ber\u00fcchtigten Gef\u00e4ngnis S-21 &#8211; einer ehemaligen Schule, die\nheute das Tuol-Sleng-Genozid-Museum beherbergt. Damals mussten die T\u00e4ter\nlachen, wenn sie die Kinder gegen den Stamm totschlugen, um sich nicht selbst\nverd\u00e4chtig zu machen. Heute fotografieren sich Touristen davor mit ihren\nSmartphones &#8211; die Gr\u00e4ueltaten der kommunistischen Schreckensherrschaft sind\nFolklore geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Fast 200 solcher Gef\u00e4ngnisse und\nrund 300 solcher Killing Fields gab es in der Zeit des \u201eDemokratischen\nKampuchea\u201c, wie die Roten Khmer unter Pol Pot (\u201eBruder Nr. 1\u201c) ihr Regime\nnannten. In den drei Jahren, acht Monaten und 21 Tagen seiner Existenz kamen zwischen\n1,7 und 2,2 Millionen Menschen um &#8211; mindestens 800.000 durch Gewalt, die\nanderen verhungerten, starben an Entkr\u00e4ftung oder Krankheiten. Vor 40 Jahren\nbeendete die Vietnamesische Armee den Genozid, der als eins der schlimmsten\nVerbrechen nach 1945 in die Weltgeschichte einging; vor 10 Jahren, im Juli\n2009, wurde Tuol Sleng zum UNESCO-Weltdokumentenerbe erkl\u00e4rt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Khmer1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4160\"\/><figcaption>Choeung Ek, \u201eKilling  Tree\u201c. Quelle: https:\/\/fluchtplan.files.wordpress.com\/2014\/12\/141208_kambodscha_phnompenh_khmerrouge_choeungek_killingfields_06_1000x750_soerenpeters.jpg <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Das Museum archiviert unter\nanderem 4.186 schriftliche Gest\u00e4ndnisse und 6.147 Fotografien. Insgesamt\nbelegen die Dokumente, dass Folter und Ermordung systematisch erfolgten. Schon\nbeim Betreten des Schulhofes schockiert eine Tafel mit der Lagerordnung. So\nsteht beispielsweise unter Punkt 6: \u201eEs ist verboten, w\u00e4hrend Auspeitschungen\noder Elektroschocks zu weinen.\u201c Kaing Guek Eav, Kommandeur von S-21, gab sp\u00e4ter\nw\u00e4hrend seines Prozesses zu Protokoll: \u201eIch und alle anderen, die an diesem Ort\narbeiteten, wussten, dass jeder, der dorthin kam, psychologisch zerst\u00f6rt und\ndurch st\u00e4ndige Arbeit eliminiert werden musste und keinen Ausweg bekommen\ndurfte. Keine Antwort konnte den Tod verhindern. Niemand, der zu uns kam, hatte\neine Chance, sich zu retten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201ebed\u00fcrfnislose Gleichheit\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichte der Roten Khmer\nreicht bis in das Paris der 1950er Jahre zur\u00fcck: kambodschanische Studenten,\ndarunter Pol Pot, Ieng Sary und Khieu Samphan, die sp\u00e4teren Anf\u00fchrer, gr\u00fcndeten\neine marxistische Studentenvereinigung und traten sp\u00e4ter der Kommunistischen\nPartei Kambodschas bei. Das Land war seit 1953 von Frankreich unabh\u00e4ngig und\nwurde seitdem von Prinz Norodom Sihanouk regiert. W\u00e4hrend der Studentenrevolte\n1963 flohen Pol Pot und mehrere seiner Gef\u00e4hrten in den Untergrund und\nbegannen, unter dem Namen \u201eRote Khmer\u201c eine Guerillatruppe aufzubauen.<\/p>\n\n\n\n<p>1965 schwappte der Vietnam-Krieg\nnach Kambodscha \u00fcber. Mit milit\u00e4rischer Hilfe der kommunistischen\nNordvietnamesen gelingt es der Guerillatruppe, gro\u00dfe Teile Kambodschas unter\nihre Kontrolle zu bringen. In Abwesenheit Sihanouks putschte aber 1970 der USA-unterst\u00fctzte\nMarshall Lon Nol. Zugleich beenden die Nordvietnamesen die Zusammenarbeit, als\nsie merken, dass ihnen die Roten Khmer bei der Vertreibung der Amerikaner aus\nKambodscha zur Last fallen und ihre politischen Anschauungen zu extrem wurden. In\ndem Chaos st\u00fcrzten die Roten Khmer Lon Nol, nahmen am 17. April 1975 Phnom Penh\nein und errichteten die Volksrepublik Demokratisches Kampuchea.<\/p>\n\n\n\n<p>Pol Pots \u201eVision\u201c war eine\nkollektivistische Ordnungsphantasie. Er wollte ein radikal-kommunisti-sches\nSystem etablieren, eine urspr\u00fcngliche, agrarisch gepr\u00e4gte Gesellschaft schaffen.\nDaf\u00fcr teilten die Khmer die Bev\u00f6lkerung in ein \u201ealtes\u201c und ein \u201eneues\u201c Volk\nein: Die st\u00e4dtische Bev\u00f6lkerung, das \u201eneue Volk\u201c, war der Klassenfeind, der\nsich an den Ertr\u00e4gen der \u201ealten\u201c l\u00e4ndlichen Bev\u00f6lkerung bereichere. Daher\nsollten alle St\u00e4dte evakuiert und die Menschen zur Landarbeit gezwungen werden.\nSo mussten zum Beispiel die mehr als zwei Millionen Einwohner Phnom Penhs die\nStadt innerhalb weniger Tage r\u00e4umen. Schon damals starben Zehntausende bei\ndiesen Gewaltm\u00e4rschen aufs Land und dann bei der ungewohnten Zwangsarbeit von\nmindestens 15 Stunden t\u00e4glich.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Khmer2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4161\"\/><figcaption>Vertreibung aus Phnom Penh. Quelle: http:\/\/www.faszination-fernost.com\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/150417_Evakuierung_Phnom_Penh.jpg <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Roten Khmer schafften\njegliche religi\u00f6se Praktiken, Geld und Privatbesitz ab; Sprachen und Br\u00e4uche\nvon Minderheitengruppen verboten sie. Kulturelle und religi\u00f6se Einrichtungen,\nSchulen und Betriebe wurden zerst\u00f6rt. Als verd\u00e4chtig galt schon, wer eine\nFremdsprache sprach, B\u00fccher besa\u00df oder eine Brille trug. Aber auch Angeh\u00f6rige\nder Armee, der Polizei und Beamte mussten die neuen Machthaber f\u00fcrchten. Zwar wurde\nzun\u00e4chst die gesamte Gefolgschaft des gest\u00fcrzten Lon Nol ausgeschaltet. Doch\nals sich trotz aller S\u00e4uberungen und Massenhinrichtungen der erwartete \u201eSprung\nnach vorne\u201c nicht einstellen wollte und stattdessen die wirtschaftliche und\nsoziale Ordnung kollabierte, entdeckten die Genossen mit den niedrigsten\nNummern in der KP-Hierarchie die eigenen Parteigenossen und Kader als Feinde. Schon\nMissgunst und Denunziation von Nachbarn f\u00fchrten zum Tod.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eIch dem\u00fctige mich\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Roten Khmer setzten ihre\nIdeen der \u201ebed\u00fcrfnislosen Gleichheit\u201c mit unnachsichtiger H\u00e4rte durch. Weil das\nGebot der \u201eeinheitlichen Kost\u201c herrschte, galt zum Beispiel der illegale Besitz\nselbst kleiner Mengen Reis als schweres Vergehen. Auch Streit in der Familie\nund das Bestrafen von Kindern waren verboten. Bei den regelm\u00e4\u00dfigen politischen\nVersammlungen musste man \u00f6ffentlich Selbstkritik \u00fcben, die h\u00e4ufig mit den\nWorten endete: \u201eIch dem\u00fctige mich, damit ich mich noch besser f\u00fcgen kann.\u201c Wer\neiner Anordnung widersprach, wurde vielfach kurzerhand wegen \u201eIndividualismus\u201c\nerschlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Daniel Bultmann hat in <em>Kambodscha unter den Roten Khmer<\/em>\nanalysiert, wie dieser \u201eprofessionell betriebene Verwaltungsmassenmord\u201c im\n\u201eb\u00fcrokratisch organisierten Gef\u00e4ngnissystem\u201c von den lokalen Gemeinden, die man\nnoch \u00fcberstehen konnte, \u00fcber die Umerziehungszentren der Distrikte bis hin zu\nTuol Sleng funktionierte: Es sei um nichts weniger gegangen als den \u201eperfekten\nSozialisten\u201c mit modernen Mitteln zu realisieren. Dabei war die Chance, S-21 zu\n\u00fcberleben, gleich null: Die Vietnamesen befreiten ganze 14 H\u00e4ftlinge aus ihren\nZellen, von denen noch sieben starben. <\/p>\n\n\n\n<p>Selbst bei den Hinrichtungen auf\nden Killing Fields herrschte b\u00fcrokratische Effizienz. Bultmann: \u201eUm Kugeln und\nRessourcen zu sparen, wurden die Kader angewiesen, die Opfer lediglich mit\neinem Axt-, Schaufel- oder Stockschlag in den Nacken zu t\u00f6ten. Kleinkinder\nwurden stellenweise einfach gegen einen Baum geschleudert \u2026 Die Opfer fielen\ndann kopf\u00fcber in ein Massengrab, \u00fcber das noch in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden eine\nS\u00e4ure gesch\u00fcttet wurde, um den Geruch zu \u00fcbert\u00fcnchen. An vielen Orten spielten\ndie Kader auch laute Musik, um die Schreie zu \u00fcbert\u00f6nen.\u201c Auch heute noch sind\nviele Massengr\u00e4ber nicht ausgehoben und die Toten nicht angemessen bestattet. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"443\" height=\"550\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Khmer3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4162\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Khmer3.jpg 443w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Khmer3-242x300.jpg 242w\" sizes=\"(max-width: 443px) 100vw, 443px\" \/><figcaption>Opfer der Roten Khmer. Quelle: \nhttp:\/\/www.hpgrumpe.de\/kambodscha\/texte\/der_spiegel_16-1980-Dateien\/image006.jpg \n<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Immer noch sp\u00fclt der Regen\nKleidungsfetzen und Knochen aus dem Boden der Killing Fields, alle paar Monate\nwerden sie eingesammelt. \u201eDon\u2019t step on bone \u2013 Treten Sie nicht auf Knochen\u201c\nsteht zweisprachig auf Schildern am Rande der Wege von Choeung Ek. Der\nErinnerungsort wurde von der Regierung f\u00fcr 15&nbsp;000 Dollar pro Jahr an ein\njapanisch-kambodschanisches Unternehmen verpachtet \u2013 f\u00fcr manche Kambodschaner ist\nschwer nachvollziehbar, dass ein ausl\u00e4ndisches Unternehmen Gesch\u00e4fte mit ihren\nToten macht. In Siam Reap, nahe der Tempelstadt Angkor, steht auf dem einstigen\nGef\u00e4ngnisgel\u00e4nde dagegen ein Luxushotel.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcbertriebener Nationalismus bringt\ndie Roten Khmer dazu, 1978 einen Krieg mit Vietnam um das Mekong-Delta zu\nbeginnen. Das war keine gute Idee: Da Pol Pots Truppen schwach und ausgemergelt\nsind, begegnen die vietnamesischen Truppen kaum Widerstand, erobern schon am 7.\nJanuar 1979 die Hauptstadt, installieren eine aus geflohenen Intellektuellen\nund ehemaligen Rote Khmer-Mitgliedern bestehende Regierung \u2013 darunter auch den\nbis heute amtierenden Regierungschef Hun Sen \u2013 und zogen erst 1989 wieder ab. <\/p>\n\n\n\n<p>Danach blieb es kompliziert,\ndenn trotz der Pariser Friedensvertr\u00e4ge 1991 blieben die Roten Khmer widerspenstig.\nNach ihrer \u00c4chtung 1994 nutzten 7.000 Khmer-Soldaten die M\u00f6glichkeit einer Amnestie.\n1998 wurde Pol Pot zu lebenslangem Hausarrest verurteilt und starb kurz darauf\n\u2013 ob er von seinen eigenen Leuten vergiftet wurde, ist bis heute unklar. Nach\nseinem Tod kapitulierten die letzten Kampfverb\u00e4nde. Die kambodschanische\nRegierung sprach weitere Amnestien aus und gliederte Rote Khmer-K\u00e4mpfer in die\nNationalarmee ein \u2013 wo sie bis heute teilweise f\u00fchrende Posten bekleiden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Prozess mit 4000 Nebenkl\u00e4gern<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zur Aufarbeitung der\nTerrorherrschaft beschloss das kambodschanische Parlament 2001, einen internationalen\nSondergerichtshof f\u00fcr Verbrechen der Roten Khmer (ECCC) unter Beteiligung der\nVereinten Nationen einzusetzen, der im Juli 2006 seine Arbeit aufnahm und\ndessen verschiedene Kammern mit kambodschanischen und internationalen Richtern\nbesetzt sind. Am 17. Februar 2009 wurde der Leiter von Tuol Sleng, Kaing Guek\nEav, genannt \u201eDuch\u201c, angeklagt und 2010 schuldig gesprochen \u2013 \u201elebensl\u00e4nglich\u201c\nlautete das Urteil am Ende. Ohne die Prozesse w\u00e4ren die Geldgeber des Internationalen\nW\u00e4hrungsfonds abgesprungen, die wenigstens die demokratische Fassade erhalten\nm\u00f6chten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"1001\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Khmer4-1024x1001.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4163\"\/><figcaption>Prozess gegen \u201eDuch\u201c. Quelle: https:\/\/www.welt.de\/img\/politik\/mobile100304215\/8712503077-ci102l-w1024\/rotekhmer-Duch-vor-gericht-DW-Politik-Phnom-Penh-jpg.jpg <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>2011 im zweiten Prozess mit 4000\nNebenkl\u00e4gern (!) waren wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit,\nKriegsverbrechen und V\u00f6lkermord angeklagt der Chefideologe Nuon Chea (\u201eBruder\nNr. 2\u201c), Khieu Samphan, ehemaliger Staatschef der Roten Khmer, Ieng Sary, Ex-\nAu\u00dfenminister, und seine Frau, die fr\u00fchere Sozialministerin Ieng Thirith.\nThirith wurde kurz darauf f\u00fcr verhandlungsunf\u00e4hig erkl\u00e4rt; Sary verstarb\nw\u00e4hrend des Prozesses. Die beiden anderen Angeklagten wurden am 7. August 2014\njeweils zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Prozesse kosteten bislang 300\nMillionen Dollar. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Regierung will weitere\nVerfahren verhindern, wie Dauer-Ministerpr\u00e4sident Hun Sen, kettenrauchender\nPremier mit Glasauge und einst weltweit j\u00fcngster Regierungschef, wiederholt\n\u00f6ffentlich erkl\u00e4rte. Sein Auge verlor er als Offizier der Roten Khmer. 1977\nlief er zu den Vietnamesen \u00fcber, die ihn nach ihrem Sieg als Vertrauten\ninstallierten. Seine eigenen Verfehlungen k\u00f6nnten ebenso ruchbar werden wie die\nProzesse weiteres Spaltungspotential haben: die Khmer sind nun mal immer noch\nda, und ihre Opfer m\u00fcssen sich mit ihren Peinigern arrangieren, so schwer das\nauch ist. Der ECCC betont mehrfach, dass niedrige und mittlere Funktion\u00e4re der\nKhmer nichts zu bef\u00fcrchten h\u00e4tten \u2013 auch dann nicht, wenn sie Verbrechen\nbegangen h\u00e4tten. Nur die Hauptschuldigen fielen unter die Zust\u00e4ndigkeit des\nGerichts, die Politik der nationalen Vers\u00f6hnung sei unver\u00e4ndert in Kraft. <\/p>\n\n\n\n<p>Unges\u00fchnt bleibt damit auch das\nSystem der Zwangsheiraten, von denen eine halbe Million Einwohner betroffen\ngewesen sein d\u00fcrfte. Der Befehl lautete: Vermehrt euch. So wurde die 20j\u00e4hrige\nIn Thy mit einem v\u00f6llig Fremden verm\u00e4hlt. \u201eWeil klar war, dass wir nicht\nmiteinander klarkamen, gerieten wir unter Verdacht. Mein Mann kam ins Umerziehungslager,\nich wurde verwarnt\u201c, berichtet sie in der <em>Welt<\/em>.\n\u201eWir haben dann beschlossen, doch zusammen zu schlafen, um unser Leben zu\nretten.\u201c Endlich wurde sie schwanger. Trotz des traumatischen Starts blieb In\nThy bei ihrem Mann, wie viele andere auch. Scham spielt in der bis heute sehr\nkonservativen Gesellschaft eine Rolle, und Verantwortungsbewusstsein. \u201eWir\nhaben uns zusammengerauft, wegen der Kinder. Als Mutter muss ich als Erstes an\ndie Zukunft meiner Kinder denken. Deshalb kam Scheidung f\u00fcr mich nicht\ninfrage.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Erfolgreicher als bei der\nBestrafung der T\u00e4ter ist das Gericht bei der Aufkl\u00e4rung der Bev\u00f6lkerung. Aus\ndem ganzen Land hat es bislang mehr als 100 000 Menschen kostenlos mit Bussen\nabgeholt, damit sie an einer Verhandlung teilnehmen k\u00f6nnen. Dabei hat f\u00fcr einen\nGro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung die Aufarbeitung keine Priorit\u00e4t mehr, ergab eine\nStudie der Universit\u00e4t Berkeley: Mehr als die H\u00e4lfte der 15 Millionen Einwohner\nkamen erst nach Pol Pot auf die Welt und wollen das internationale Geld nicht\nmehr in Gerichtskosten investieren.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Khmer5-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4164\"\/><figcaption>Opfer in einem Killing-Field-Museum. Quelle:  \nhttps:\/\/2.bp.blogspot.com\/-qcO0PxZuPpM\/WDKxJjVTVjI\/AAAAAAAAs8Y\/iTBESuCxyGMBV72YMniGfz2Pm1EiPvJHgCEw\/s1600\/DSC01779.JPG \n<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Zur Fortf\u00fchrung der Arbeit des\nECCC steht das Documentation Center of Cambodia (DC-Cam) bereit. Das noch private\nArchiv trug systematisch 50 000 Interviews und 1,2 Millionen Seiten Dokumente\nzusammen, ver\u00f6ffentlichte rund eine Million Namen von Opfern im Internet und betreibt\n\u201eGenoziderziehung\u201c: Ma\u00dfgeblich finanziert durch die Deutsche Botschaft, hat es\nrund 500 000 Geschichtsb\u00fccher an kambodschanische Obersch\u00fcler verteilt; 3000\nP\u00e4dagogen, 300 Polizeioffiziere und 100 Universit\u00e4tsdozenten fachlich\nweitergebildet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Blutr\u00fcnstige Monster oder irregeleitete Utopisten?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Bilanz ist dennoch bitter:\nDie Roten Khmer haben Kambodscha um seine Zukunft gebracht. Dem Land, das noch\nin den 1960ern als Riviera S\u00fcdostasiens galt, fehlt heute fast eine gesamte\nGeneration. Einer Studie zufolge sind 20 Prozent der \u00fcber 30j\u00e4hrigen so\ntraumatisiert, dass sie eigentlich arbeitsunf\u00e4hig sind. Nahezu jeder hat pers\u00f6nliche\nErfahrungen mit dem Terrorsystem machen m\u00fcssen. \u00dcbrig bleibt ein Land mit\njungen Menschen, denen die Eltern und deren Werte fehlen. <\/p>\n\n\n\n<p>Jedes Jahr sto\u00dfen die Schulen\n200.000 junge Leute aus, aber nur jeder Zehnte findet einen Job. In den\nSchulb\u00fcchern wird die j\u00fcngere Geschichte noch kaum behandelt, eben weil sie\nnoch keine Geschichte ist. Zudem sind vier Millionen Kambodschaner\nAnalphabeten. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen betr\u00e4gt nicht einmal 280\nUS-Dollar im Jahr, im Schnitt rechnet man auf 1000 Kambodschaner 19 Telefonanschl\u00fcsse\nund ein PC.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu kommt, dass sich in der\nnebeligen H\u00fcgellandschaft an der Grenze zu Thailand bis heute fast 40.000 Mann\neingeigelt haben: Reste jener Truppen, die einst Pol Pots m\u00f6rderischer Vision\neines ultramaoistischen Bauernstaats folgten, dem t\u00f6dlichen Gleichheitstraum\neines Landes ohne Intellektuelle, ohne \u00c4rzte, Lehrer oder Beamte. Seine\nSchergen halten heute Ruhe &#8211; als Gegenleistung f\u00fcr das Versprechen, sich f\u00fcr\nihr Morden nicht verantworten zu m\u00fcssen. Zum \u00dcberleben reicht ihnen der\nillegale Holzhandel, ein riesiges Casino direkt an der Grenze, in dem sich\nreiche Thais mit bunten Spielchips und jungen M\u00e4dchen vergn\u00fcgen, und das Wissen\num die gemeinsame Vergangenheit. Der Gouverneur der Gegend war noch bis vor\nwenigen Jahren der ehemalige Leibw\u00e4chter Pol Pots.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Khmer6.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4165\"\/><figcaption>Opfer in der Stupa eines Killing-Field-Museums. Quelle: http:\/\/mardaninews.de\/gallery3\/data\/media\/1\/22_21_856.jpg <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Wer waren die Roten Khmer wirklich?\nBlutr\u00fcnstige Monster, die mindestens zwei Millionen Menschen auf dem Gewissen\nhaben? Irregeleitete Utopisten, die Kambodscha um jeden Preis in einen\nkollektivistischen Agrarstaat umwandeln wollten? Oder k\u00fchl berechnende\nPolitiker, die sich Mao Tse-tungs skrupellose Gewaltherrschaft in der\nVolksrepublik China zum Vorbild nahmen, um bei dieser Gelegenheit die\nverhassten Vietnamesen zu bek\u00e4mpfen und die Buddhisten auszurotten, weil sie\nkeine Vertreter einer Religion neben sich dulden wollten? Wohl von allem etwas,\nmeint Bultmann.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch erkl\u00e4rt die Ideologie nicht allein den Blutrausch der Khmer, sagt der Konfliktforscher Timothy Williams der<em> Welt<\/em>; ein wichtiges Motiv der Gewalt sei schierer Opportunismus gewesen. Von Williams interviewte Kader sagten: \u201eWenn man grausam war, konnte man Leiter einer Einheit werden.\u201c Anderen ging es um Vorteile wie bessere Wohnungen oder leichtere Arbeit als Lohn f\u00fcr Mord und Totschlag. Einige schlossen sich den Roten Khmer an, um pers\u00f6nliche Rechnungen zu begleichen. So gut wie keiner der Interviewten habe seine Taten bedauert, so Williams. Das l\u00e4sst bei der Vielzahl von Sympathisanten linker Ideologie heute erschauern.<\/p>\n\n\n\n<iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D4180&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie hinterlie\u00dfen rund zwei Millionen Opfer und ein traumatisiertes Kambodscha: die Roten Khmer. 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