{"id":4188,"date":"2019-07-06T09:40:36","date_gmt":"2019-07-06T08:40:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4188"},"modified":"2019-07-06T15:57:21","modified_gmt":"2019-07-06T14:57:21","slug":"pfadfinder-unserer-republik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4188","title":{"rendered":"\u201ePfadfinder unserer Republik\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Er d\u00fcrfte der einzige namhafte deutsche Politiker sein, der\nje einen B\u00e4ren erlegte: 1996 in den rum\u00e4nischen Karpaten. \u201eMit einem einzigen\nSchuss\u201c, wie er der <em>Deutschen Jagdzeitung<\/em>\nstolz erz\u00e4hlte. \u00dcberhaupt spielten bei dem passionierten J\u00e4ger Tiere eine\nbesondere Rolle: \u201eMein Hund ist als Hund eine Katastrophe, aber als Mensch\nunersetzlich\u201c, beschrieb er augenzwinkernd seinen Dackel \u201eM\u00fccke\u201c in der <em>S\u00fcddeutschen Zeitung<\/em>. Und anl\u00e4sslich\nseines \u00c4gypten-Besuchs als Minister f\u00fcr Entwicklungshilfe textete der <em>SPIEGEL<\/em> bereits im April 1963 \u201eScheel\nkonnte nur mit M\u00fche von dem Kamel \u201aBismarck\u2018 absitzen, das ihn um die Pyramiden\nvon Gizeh getragen hatte, weil das Tier sich durch heftige Abwehrbewegungen dem\nAbstieg des Bonner Kreditverteilers widersetzte.\u201c Walter Scheel, der vierte deutsche\nBundespr\u00e4sident, w\u00fcrde am 8. Juli 100 Jahre alt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"550\" height=\"520\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Scheel1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4170\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Scheel1.jpg 550w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Scheel1-300x284.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 550px) 100vw, 550px\" \/><figcaption>Scheel mit dem B\u00e4ren. Quelle: https:\/\/djz.de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/old_images\/6346_13_20120416135953.jpg <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Er habe \u201edie undefinierbare Eigenschaft, sympathisch zu\nsein\u201c, schrieb Walter Henkels 1974 in einer Anekdotensammlung: \u201eWas Adenauer\nkonnte, das kann auch Scheel: spielen.\u201c Es sei sein eigentliches Erfolgsrezept\ngewesen, \u201estets untersch\u00e4tzt zu werden\u201c, meinte Stefan Dietrich in der <em>FAZ<\/em>. \u201eErst im R\u00fcckblick entpuppte sich\ndas Spielerische in Scheels Wesen als die hohe Kunst des Spiels um die politische\nMacht \u2013 und seine Bonhomie als perfekte Tarnung eines ans Draufg\u00e4ngerische\ngrenzenden Wagemuts.\u201c Er bleibe als \u201esanguinische Frohnatur in Erinnerung\u201c, so\nDietrich weiter, als \u201esingender Pr\u00e4sident, der sein Amt in schwieriger Zeit \u2026 mit\nrhetorischem Glanz und staatsm\u00e4nnischer W\u00fcrde versah, auf unverkrampfte Weise\nvolkst\u00fcmlich sein konnte, im Ausland eine gute Figur und der Politik wenig\nScherereien machte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>&nbsp;\u201eWie kommst du hier heil raus?\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Geboren in Solingen als Sohn eines Stellmachers, absolviert\ner 1938\/39 nach dem Abitur eine Ausbildung zum Bankkaufmann bei der \u00f6rtlichen\nVolksbank. Sofort bei Kriegsbeginn wurde der 20-J\u00e4hrige zur Luftwaffe eingezogen:\nAls einer der \u201eNachtj\u00e4ger\u201c, die \u00fcber Berlin verlustreich gegen die alliierten\nBomberflotten k\u00e4mpften. Die wesentliche Frage, die ihn in den Jahren an der\nFront bewegt hat, war nach eigenem Bekunden: \u201eWie kommst du hier heil raus?\u201c\nAls frisch gebackener Leutnant hatte er 1942 seine Jugendfreundin Eva\nKronenberg geheiratet, mit der er einen Sohn bekam &#8211; und war der NSDAP\nbeigetreten, ein Schritt, den er niemals richtig erkl\u00e4rt und begr\u00fcndet hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits 1946 war er der neu gegr\u00fcndeten FDP in\nNordrhein-Westfalen beigetreten, sp\u00e4ter Stadtrat in Solingen geworden. Schon\n1950 wurde Scheel Landtagsabgeordneter in D\u00fcsseldorf, w\u00e4hrend er zugleich als\nGesch\u00e4ftsf\u00fchrer verschiedener Unternehmen, darunter der Stahlwarenfabrik seines\nSchwiegervaters, und schlie\u00dflich als selbst\u00e4ndiger Wirtschaftsberater t\u00e4tig\nwar. Erfolg und Aufstieg verdankte er seinem wachen Geist, seinem \u201ebehutsamen\nUmgang mit Menschen\u201c und einer aufs pers\u00f6nliche Fortkommen gerichteten H\u00e4rte. 1953\nwurde er in den Bundestag gew\u00e4hlt. Von 1958 bis 1961 sa\u00df er au\u00dferdem im\nEuropaparlament.<\/p>\n\n\n\n<p>In Nordrhein-Westfalen, wo Scheel seit 1954 Landesvorstand\nder FDP war, geh\u00f6rte er zusammen mit Hans-Dietrich Genscher zu den sogenannten \u201eJungt\u00fcrken\u201c,\nwie j\u00fcngere und radikalere Parteimitglieder damals genannt wurden &#8211; heute w\u00fcrde\nman politisch korrekt von \u201eJungen Wilden\u201c sprechen. Sie arbeiteten daran, ihre\nPartei auch als Koalitionspartner f\u00fcr die SPD attraktiv zu machen, w\u00e4hrend die\nLiberalen zuvor in NRW und auf Bundesebene als Juniorpartner der Konservativen\naufgetreten waren. Sie waren es 1956, die den Wechsel der FDP zur SPD betrieben,\nso das Ende der Landesregierung unter der CDU herbeif\u00fchrten und auch die\nUnionsmehrheit im Bundesrat zu Fall brachten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Scheel2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4171\"\/><figcaption>Scheel 1956 auf einem FDP-Bundesparteitag. Quelle: https:\/\/cdn1.spiegel.de\/images\/image-135730-galleryV9-qgtj-135730.jpg <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Konrad Adenauer hinderte das nicht, Scheel 1961 in sein\nKabinett aufzunehmen. F\u00fcr ihn wurde das Ministerium f\u00fcr wirtschaftliche\nZusammenarbeit geschaffen, das er auch noch im ersten und zweiten Kabinett\nErhard f\u00fchrte &#8211; ein neues Feld, das die Bundespolitik im zu Ende gehenden\nZeitalter des Kolonialismus entdeckt und beackert hat. Zugleich war er mit 42 der\nBenjamin im Kabinett. Schon ein Jahr danach trat er mit den vier Ministern der\nFDP vor\u00fcbergehend zur\u00fcck, um den von der \u201eSpiegel\u201c-Aff\u00e4re belasteten\nVerteidigungsminister Franz-Josef Strau\u00df zum R\u00fcckzug zu zwingen. Das Man\u00f6ver\nwar erfolgreich. 1966 &#8211; dem Jahr, in dem Scheels Frau an Krebs starb &#8211; traten\ndie FDP-Minister erneut zur\u00fcck, da sie nicht einverstanden waren, das\nHaushaltsdefizit und die wachsende Staatsverschuldung im Bundeshaushalt 1967\nmit einer Steuererh\u00f6hung zu bek\u00e4mpfen. Der neue Kanzlerkandidat Kurt Georg\nKiesinger konnte sich mit der FDP nicht einigen, wohl aber mit der SPD unter\nWilly Brandt. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eOhne ihn einen\nanderen Weg gegangen\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der folgenden Zeit der Gro\u00dfen Koalition war es wiederum\nScheel, der aus der Opposition heraus die Ann\u00e4herung der FDP an die SPD in drei\nSchritten vorbereitete. Der erste: er verdr\u00e4ngte Erich Mende, der auch\n\u00f6ffentlich sein Ritterkreuz aus dem Zweiten Weltkrieg trug, von der\nParteispitze und l\u00e4utete den Wechsel vom National- zum Sozialliberalismus ein. Der\nzweite: Am Vorabend der Bundesversammlung schwor er die Wahlm\u00e4nner und -frauen\nder FDP erfolgreich auf den SPD-Pr\u00e4sidentschaftskandidaten Gustav Heinemann ein;\nund, als dritter, legte er im Jahr darauf seine Partei schlie\u00dflich auf eine\nKoalition mit der SPD fest. <\/p>\n\n\n\n<p>Dass er die FDP und sich selbst als Vorsitzenden damit an\nden Rand des Abgrunds brachte, war ihm wohl bewusst: \u201eAber wer nur fasziniert\nder W\u00e4hlermeinung nachl\u00e4uft und nicht die Kraft zu einer politischen Entscheidung\naufbringt, der wird auf Dauer eben kein stabiler und respektabler Faktor in der\nPolitik sein\u201c, sagte er eine Woche nach der Wahl Heinemanns. Eine\nAustrittswelle dezimierte und schw\u00e4chte die kleine Partei, bei der folgenden\nBundestagswahl kamen die Freien Demokraten nur knapp \u00fcber die\nF\u00fcnf-Prozent-H\u00fcrde. Aber es reichte, um den Grund zu legen f\u00fcr eine 29 Jahre w\u00e4hrende\nRegierungsbeteiligung seiner Partei.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn w\u00e4hrend Genscher noch bei Helmut Kohl die Bedingungen\nf\u00fcr ein Regierungsb\u00fcndnis mit der CDU\/CSU sondierte, Bundeskanzler Kurt Georg\nKiesinger schon Gl\u00fcckw\u00fcnsche von US-Pr\u00e4sident Nixon zur Wiederwahl bekam, hatte\nsich Scheel mit Brandt sich trotz hauchd\u00fcnner Mehrheit noch in der Wahlnacht\ntelefonisch auf ein SPD\/FDP-Kabinett verst\u00e4ndigt. Nicht nur, dass nach dieser\nn\u00e4chtlichen Grundsatzentscheidung zum ersten Mal seit Gr\u00fcndung der\nBundesrepublik die CDU\/CSU nicht mehr den Kanzler stellte. Scheel war auch der\nerste Freie Demokrat, der das Ausw\u00e4rtige Amt f\u00fcr sich beanspruchte, das dann 28\nJahre lang eine Dom\u00e4ne der FDP war. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"759\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Scheel3-1024x759.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4172\"\/><figcaption>Walter Scheel, Willy Brandt und Katharina Focke auf dem Haager Gipfel. Quelle: https:\/\/www.cvce.eu\/content\/publication\/2007\/8\/3\/259eeb30-2099-493f-9d01-cdbec5e4878f\/publishable.jpg <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Als weitgereister ehemaliger Entwicklungshilfeminister\nbrachte er daf\u00fcr einige Erfahrungen mit. Ausschlaggebend f\u00fcr Brandt aber d\u00fcrfte\ngewesen sein, dass er in Scheel einen \u00fcberzeugten Verfechter der \u201eneuen\nOstpolitik\u201c an seiner Seite hatte, dem die Verst\u00e4ndigung mit den Nachbarn ein\nebenso politisches wie pers\u00f6nliches Anliegen war. In den Regierungsjahren 1969\nbis 1974 gestaltete Scheel die deutsche Entspannungspolitik mit und rang &#8211; zum\nBeispiel &#8211; dem sowjetischen Au\u00dfenminister Gromyko bei der Formulierung der\nOstvertr\u00e4ge ab, dass statt der \u201eUnver\u00e4nderbarkeit\u201c der Grenzen in Europa nur\nderen \u201eUnverletzbarkeit\u201c festgeschrieben worden sei &#8211; das geschah, so Scheel, \u201eam\nvierzehnten Loch des Golfplatzes in Kronberg\u201c. Und mit dem von ihm verfassten\n\u201eBrief zur deutschen Einheit\u201c erreichte er das Zugest\u00e4ndnis, dass die\ngegenw\u00e4rtige und alle k\u00fcnftigen Bonner Regierungen die friedliche und\nfreiwillige Vereinigung beider deutschen Staaten anstreben d\u00fcrften, ohne damit\nvertragsbr\u00fcchig zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kalte Krieg zwischen Ostblock und den Westm\u00e4chten hielt\ndie Menschen mit Wettr\u00fcsten und einem \u201eGleichgewicht des Schreckens\u201c gefangen.\nMit ihrer Entspannungspolitik stellten Brandt und Scheel die Weiche in die\nRichtung, die letztlich zur Wiedervereinigung von West- und Ostdeutschland\nf\u00fchren w\u00fcrde. \u201eOhne ihn w\u00e4re unsere Republik vermutlich einen anderen und\nschwereren Weg gegangen\u201c, schrieb Klaus von Dohnanyi r\u00fcckblickend im <em>SPIEGEL<\/em>. In dieser Zeit entwickelte\nScheel mit anderen Partei-Intellektuellen auch die \u201eFreiburger Thesen\u201c, auf\nderen Grundlage die FDP 1971 die wirtschaftsliberale Ausrichtung ihres\nParteiprogramms \u00e4nderte hin zu einem Liberalismus, der st\u00e4rker f\u00fcr\nMenschenw\u00fcrde durch Selbstbestimmung und sogar eine Reform des Kapitalismus\neintrat.<\/p>\n\n\n\n<p>Scheel war 1971 der erste deutsche Au\u00dfenminister, der Israel\nbesuchte, und unterzeichnete 1972 den Grundlagenvertrag zwischen der BRD und\nder DDR. Ein wichtiger Erfolg war auch seine Reise in die Volksrepublik China,\nw\u00e4hrend der die Aufnahme diplomatischer Beziehungen beschlossen wurde, sowie\ndie Aufnahme der Bundesrepublik Deutschland in die UN 1973 &#8211; dem Jahr, in dem\ner die Bev\u00f6lkerung mit seiner Interpretation von \u201eHoch auf dem gelben Wagen\u201c\nbegl\u00fcckte. Die Platte zugunsten der \u201eAktion Sorgenkind\u201c mit dem D\u00fcsseldorfer\nM\u00e4nnergesangverein wurde bis zum Fr\u00fchjahr 1974 \u00fcber 300.000 Mal verkauft. Daneben\npubliziert er bis 2010 auch politische B\u00fccher und Aufs\u00e4tze.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Scheel4.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4173\"\/><figcaption>Plattencover. Quelle: https:\/\/streamd.hitparade.ch\/cdimages\/walter_scheel-hoch_auf_dem_gelben_wagen_s.jpg <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Dass Bundespr\u00e4sident Heinemann auf eine zweite Amtszeit\nverzichten und die SPD gleichzeitig durch den R\u00fccktritt Brandts in der\nGuillaume-Aff\u00e4re in eine schwere F\u00fchrungskrise st\u00fcrzen w\u00fcrde, hatte niemand\nvoraussehen k\u00f6nnen. Scheel aber ergriff die Gelegenheit, sich selbst 1974 um\ndas Amt des Bundespr\u00e4sidenten zu bewerben. Nicht einmal sein eigener\nParteivorstand war auf Anhieb begeistert von dieser Kandidatur. Er gewann schlie\u00dflich\ngegen Richard von Weizs\u00e4cker und trat am 1. Juli 1974 sein Amt als vierter und\nbis heute j\u00fcngster deutscher Bundespr\u00e4sident an. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eHitler war kein\nSchicksal\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Noch als Au\u00dfenminister hatte er seinen Witwer-Status ge\u00e4ndert\nund die alleinerziehende Mutter Mildred Wirtz geheiratet, eine R\u00f6ntgen\u00e4rztin,\ndie ihm nach einer Nierensteinoperation das Leben rettete. Somit hatte\nDeutschland die erste Patchwork-Familie im Bundespr\u00e4sidentendomizil: Beide\nbekamen noch eine Tochter, Andrea, und adoptierten einen bolivianischen\nIndianerjungen. Mildred war unabh\u00e4ngig, lachte und feierte gern und wurde drei\nMal zur Frau des Jahres gew\u00e4hlt, aber auch einmal zur schlechtangezogensten\nFrau des Jahres, sehr zu ihrem Am\u00fcsement. Sie gr\u00fcndete 1974 die deutsche\nKrebshilfe und starb 11 Jahre sp\u00e4ter, international hochgesch\u00e4tzt, selbst an\nDarmkrebs.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bilanz von Scheels Amtszeit ist ambivalent. Als\noberfl\u00e4chlicher \u201eBruder Leichtfu\u00df\u201c galt er, viele st\u00f6rten sich an seiner\nchronisch guten Laune, seinem steten Frohsinn, seiner konstanten Heiterkeit.\nArgw\u00f6hnisch beobachteten selbst viele Liberale, aber auch etliche Journalisten\nScheels Hang zum Genuss, seine Vorliebe f\u00fcr weite Reisen, die Jagd, das\nGolfspiel, aber auch teure Zigarren, exquisite K\u00fcche, exklusive Mode: bereits\n1969 wurde er als \u201eKrawattenmann des Jahres\u201c ausgezeichnet, zum Dekorieren\neines Empfangs in Moskau lie\u00df er eine eigene Floristin einfliegen. Unvergessen,\ndass er als Bundespr\u00e4sident bei einem Besuch in Mali statt mit der deutschen\nNationalhymne mit seiner Version von \u201eHoch auf dem gelben Wagen\u201c empfangen\nwurde. 1976 weigerte er sich, die Wehrpflicht-Novelle zu unterzeichnen, mit der\ndie Gewissenspr\u00fcfung abgeschafft werden sollte, weil bei der Verabschiedung der\nBundesrat \u00fcbergangen worden war.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"1001\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Scheel5-1024x1001.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4174\"\/><figcaption>Patchwork-Familie Scheel. Quelle: https:\/\/www.welt.de\/img\/vermischtes\/mobile148387609\/6412507037-ci102l-w1024\/Familie-Scheel.jpg <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Vor allem aber gewann er als Redner Kontur. So wehrte er zum\n30. Jahrestag des Kriegsendes 1975 mit dem Satz \u201eHitler war kein Schicksal, er\nwurde gew\u00e4hlt\u201c Versuche ab, das deutsche Volk als Opfer der Nationalsozialisten\ndarzustellen. Und er gab den demokratischen Institutionen auf dem H\u00f6hepunkt des\nlinksextremistischen Terrors im \u201eDeutschen Herbst\u201c 1977 R\u00fcckhalt. In seiner\nbewegenden Rede auf der Trauerfeier f\u00fcr den ermordeten Arbeitgeberpr\u00e4sident\nHanns Martin Schleyer bat er die Angeh\u00f6rigen \u201eim Namen aller deutschen B\u00fcrger\u201c\num Vergebung, pl\u00e4dierte aber auch daf\u00fcr, die Feinde der Verfassung nicht rechtlos\nzu stellen. <\/p>\n\n\n\n<p>Der \u201eMister Bundesrepublik\u201c (Arnulf Baring) ging 1979 in den\nRuhestand. Der franz\u00f6sische Politologe Alfred Grosser bilanzierte, Scheel habe\ndie \u201eLegende vom b\u00f6sen Deutschen\u201c widerlegt. G\u00fcnter Grass, der politische Barde\nder sozialliberalen Koalition, hatte, gar nicht angetan von der Personalie,\nbeim Amtsantritt noch gewettert: Die Bundesrepublik brauche \u201eeinen unbequemen\nPr\u00e4sidenten\u201c, nicht einen, \u201eder sich mit einer Schallplatte legitimiert und\nvolkst\u00fcmelt\u201c. F\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter sah er sich gezwungen, Scheel als \u201eliberale\nGegenkraft\u201c zu w\u00fcrdigen; ausersehen, \u201edie Gesellschaft in eine neue\nEntwicklungsphase\u201c zu leiten. F\u00fcr eine Wiederwahl h\u00e4tte er die Stimmen der Union\ngebraucht, die ihm aber seinen Anteil am Machtwechsel 1969 nicht vergessen\nhatte. So kandidierte er nicht erneut. <\/p>\n\n\n\n<p>Scheel wurde Ehrenvorsitzender der FDP, \u00fcbernahm etliche \u00c4mter\nvom Thyssen-Aufsichtsrat bis zum Kuratoriumsvorsitzenden der Friedrich-Naumann-Stiftung\nund meldete sich immer wieder auch zu politischen Entwicklungen zu Wort. So nutzte\ner 1986 seine Bundestags-Festrede zum 17. Juni nicht nur zu einem Verst\u00e4ndnispl\u00e4doyer\nf\u00fcr die Sowjetunion, sondern auch zu einem Realismuspl\u00e4doyer wider die deutsche\nEinheit. Auch als Fernseh-Talkmaster hat er sich versucht, fiel aber beim\nPublikum durch. Ab 1995 entwickelte sich Scheel dann zu einem Kritiker der\nRegierungskoalition seiner Partei mit der Union und empfahl, zur Not lieber in\ndie Opposition zu gehen. Nicht ohne Stolz meinte er \u201eEs gibt \u00fcberhaupt keinen\nDraht in dieser Bundesrepublik, an dem ich nicht irgendwie gezupft h\u00e4tte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ende 2008 zog Scheel mit seiner dritten Frau Barbara \u2013 eine\nPhysiotherapeutin, die er 1988 geheiratet hatte \u2013 aus der Hauptstadt, wo er ein\neifriger Partyg\u00e4nger und gern gesehener Gast bei vielen kulturellen Events war,\nins badische Bad Krozingen nahe der Schweizer Grenze. Seit 2012 lebte er \u2013\ninzwischen an Demenz erkrankt \u00ad\u2013 in einem Pflegeheim. Zuletzt sorgten Ger\u00fcchte\num einen unehelichen Sohn sowie ein veritabler Familienstreit f\u00fcr Schlagzeilen.\nSo beantragte Tochter Cornelia 2014 vor Gericht, ihrem demenzkranken Vater\nsollte ein Betreuer zur Seite gestellt werden. Sie bef\u00fcrchtete, dass ihre\nStiefmutter Barbara dem Vater erheblich schaden k\u00f6nnte. Das Gericht folgte dem\nAntrag, es wurde ein zus\u00e4tzlicher Betreuungskontrolleur verf\u00fcgt. Auch sonst\nsorgte Barbara Scheel immer mal wieder f\u00fcr Wirbel. So nannte sie Philipp R\u00f6sler,\neinen von Scheels Nachfolgern als FDP-Chef, einen \u201egrinsenden Chinesen\u201c und bezeichnete\nihn gar als \u201edie Rache des Vietcong an der deutschen Innenpolitik\u201c. Im Sommer\n2014 wurden Scheels B\u00fcro in Bad Krozingen und der Leasingvertrag f\u00fcr den Dienst-Phaeton\naufgel\u00f6st, den Barbara eigentlich nicht ohne ihren Mann nutzen durfte. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Scheel6.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4175\"\/><figcaption>Walter Scheel besucht als Bundespr\u00e4sident die Zeche Erin in Castrop-Rauxel. Quelle: https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/a\/af\/Bundesarchiv_B_145_Bild-F045175-0007%2C_Castrop-Rauxel%2C_Bundespr%C3%A4sident_besucht_Bergwerk.jpg <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Der letzte Minister, der noch in den Kabinetten von Konrad Adenauer und Ludwig Erhard gedient hatte, und zugleich letzte Politiker aus der Gr\u00fcndergeneration der FDP starb im In- und Ausland hochgeehrt am 24. August 2016 im Alter von 97 Jahren und wurde nach einem Staatsakt auf dem Waldfriedhof Zehlendorf in Berlin beigesetzt. Sein Amtsnachfolger Joachim Gauck w\u00fcrdigte ihn als \u201el\u00e4chelndes Gesicht der Entspannung\u201c, als einen \u201ePfadfinder unserer Republik\u201c, der es verstand, \u201ein einem f\u00fcr unbegehbar gehaltenen Gel\u00e4nde Wege\u201c zu finden.\u00a0So ein Pfadfinder t\u00e4te der Republik heute gut.<\/p>\n\n\n\n<iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D4188&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der vierte Bundespr\u00e4sident galt als politisches Leichtgewicht und volkst\u00fcmlicher Lebemann: Walter Scheel. Doch er dr\u00fcckte auch der neuen Ostpolitik seinen Stempel auf. 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