{"id":4257,"date":"2019-09-04T09:04:58","date_gmt":"2019-09-04T08:04:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4257"},"modified":"2019-08-05T09:45:25","modified_gmt":"2019-08-05T08:45:25","slug":"zwischen-rehbock-und-hurenbock","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4257","title":{"rendered":"Zwischen Rehbock und Hurenbock"},"content":{"rendered":"\n<p>Es waren die kaum \u00fcberbr\u00fcckbaren Ambivalenzen, die sein\nLeben zerrissen. Er schrieb mit \u201eBambi\u201c einen Klassiker der Kinderliteratur und\nmit \u201eJosefine Mutzenbacher\u201c einen der Pornographie, wurde von Arthur Schnitzler\ngeliebt und von Karl Kraus gehasst, musste 1934 als \u00f6sterreichischer\nPEN-Pr\u00e4sident wegen seiner Freundlichkeit gegen Nazi-Deutschland zur\u00fccktreten,\ndas seine B\u00fccher 1935 trotzdem verbot, und lebte als Exiljude in der neutralen\nSchweiz, die ihm dennoch zu publizieren untersagte: Felix Salten. Am 6.\nSeptember vor 150 Jahren wurde Siegmund (oder Zsiga) Salzmann als Sohn eines\nj\u00fcdischen Ingenieurs und Rabbi-Nachfahren in Pest geboren.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Familie \u00fcbersiedelte mit ihm als Baby in die\nHauptstadt der neu gegr\u00fcndeten \u00f6sterreich-ungarischen Doppelmonarchie: in Wien galt\nein Gesetz, das allen Juden eine volle Staatsb\u00fcrgerschaft erm\u00f6glichte.\nAllerdings hielt die erwartete bessere Zukunft, die Salzmanns Familie sich\nerhofft hatte, nicht lange: hohe Schulden machten es dem jungen Siegmund\nunm\u00f6glich, sein Abitur abzuschlie\u00dfen. Um die Familie finanziell zu\nunterst\u00fctzen, musste er eine Arbeit bei der \u201ePh\u00f6nix-Versicherung\u201c annehmen, die\nihn aber langweilte, so dass er nebenher Gedichte und Kurzgeschichten schrieb. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1003\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Bundesarchiv_Bild_183-H26799_Lebensmittelkarte_Mark_Brandenburg_Niederbarnim-20-1003x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4260\"\/><figcaption>Salten am Schreibtisch. Quelle: https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/c\/c0\/Felix_Salten_at_his_desk.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die erste nachweisliche Ver\u00f6ffentlichung war bereits als\n\u201eFelix Salten\u201c ein Gedicht 1889 in der Literaturzeitschrift <em>An der Sch\u00f6nen Blauen Donau<\/em>. Im \u00dcbrigen bleiben seine ersten Jahre schemenhaft, nur\nwenige Fakten sind best\u00e4tigt. 1890 lernte er die Vertreter der\nAutorengruppe des Jung-Wien kennen, darunter Hugo von Hofmannsthal und Hermann\nBahr, die die Entwicklung vom Naturalismus zum \u00c4sthetizismus und damit zur\nModerne vollzogen und in Bahrs <em>Die Zeit<\/em>\ndas wichtigste Organ hatten. Als einziger stammte Salten nicht aus\ngro\u00dfb\u00fcrgerlichem Milieu und musste vom Schreiben leben. Seine fr\u00fchen,\nimpressionistischen Novellen schildern den Erfahrungsraum Gro\u00dfstadt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aff\u00e4ren,\nProstituierte und Skand\u00e4lchen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mit Arthur Schnitzler freundete er sich an, unternahm mit\nihm ausgedehnte Fahrradtouren und unterst\u00fctzte ihn in seinem Liebesleben: So\nbandelte er etwa mit der Schauspielerin Adele Sandrock an, um Schnitzler eine\nGelegenheit zu geben, seine Beziehung mit ihr zu beenden. Eine Geliebte Saltens\nwiederum war Lotte Glas, die Schnitzler als Vorbild f\u00fcr die Figur der Therese\nGolowski in \u201eDer Weg ins Freie\u201c diente und die er \u00fcber Karl Kraus kennenlernte.\n1895 gebar sie eine Tochter, mutma\u00dflich seine, die zu einer \u201eKostfrau\u201c nach\nNieder\u00f6sterreich gegeben wurde, aber kurz darauf starb. <\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen Redakteur der Wiener\nAllgemeinen Zeitung <em>WAZ<\/em>,\nschrieb er als zust\u00e4ndiger Berichterstatter f\u00fcr Kunst\nund Kultur f\u00f6rderliche Kritiken \u00fcber ihm verbundene Schriftsteller und machte\nauch die Bekanntschaft des \u00f6sterreichischen Erzherzogs Leopold Ferdinand. Sein 1901\ngegr\u00fcndetes erstes Wiener Kabarett blieb erfolglos. Nach einem Eklat &#8211; Salten\nohrfeigte Kraus, nachdem dieser seine Beziehung zur Schauspielerin Ottilie\nMetzl \u00f6ffentlich gemacht hatte, obwohl er noch mit Glas liiert war &#8211; heiratete er Metzl 1902 und bekam mit ihr zwei Kinder. Im\nHochzeitsjahr wechselte er zu Bahrs <em>Die\nZeit<\/em> und wurde durch seinen exklusiven Zugang zum Hof der Habsburger\nlandesweit bekannt. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"390\" height=\"253\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Bundesarchiv_Bild_183-H26799_Lebensmittelkarte_Mark_Brandenburg_Niederbarnim-21.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4262\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Bundesarchiv_Bild_183-H26799_Lebensmittelkarte_Mark_Brandenburg_Niederbarnim-21.jpg 390w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Bundesarchiv_Bild_183-H26799_Lebensmittelkarte_Mark_Brandenburg_Niederbarnim-21-300x195.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 390px) 100vw, 390px\" \/><figcaption>Saltens &#8222;Presseausweis&#8220;. Quelle: https:\/\/www.geschichtewiki.wien.gv.at\/images\/0\/00\/Felixsalten-ausweis.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Aff\u00e4ren, Prostituierte und\nSkand\u00e4lchen waren seine Spezialit\u00e4t. Er berichtete \u00fcber den Austritt Erzherzog\nLeopolds aus dem Kaiserhaus wegen einer Prostituierten und \u00fcber die Aff\u00e4re von\nLeopolds Schwester Luise von \u00d6sterreich-Toskana mit dem Sprachlehrer Andr\u00e9 \u00adGiron.\nDaneben schrieb Salten unter dem Pseudonym \u201eSascha\u201c Berichte\n\u00fcber verschiedene Mitglieder europ\u00e4ischer K\u00f6nigsh\u00e4user. Den deutschen Kaiser\nWilhelm II. schilderte er folgenderma\u00dfen: \u201eDie Geschichte wird ihm Eines unbedingt\nzugestehen, und daran werden auch die N\u00f6rgler der Nachwelt nicht zu r\u00fctteln\nverm\u00f6gen: dass n\u00e4mlich unter seiner Regierung die Schnurrb\u00e4rte einen\nfabelhaften Aufschwung genommen haben.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Salten pflegte trotz hoher Schulden einen aufwendigen\nLebensstil, unternahm 1904 eine \u00c4gyptenreise, urlaubte regelm\u00e4\u00dfig an der Ostsee\nund in Venedig. 1906 erschienen dann in einer &#8211; um der Zensur zu entgehen:\nsubskribierten &#8211; 1000er Auflage beim ungenannten Erotika-Verleger Fritz Freund\nunter dem Titel \u201eJosefine Mutzenbacher oder Die Geschichte einer Wienerischen\nDirne von ihr selbst erz\u00e4hlt\u201c die vermutlich fiktiven erotischen Lebenserinnerungen\nder gleichnamigen Wiener Prostituierten, die 1852\u20131904 gelebt haben soll. Das\nBuch wird Salten zugeschrieben: Je nach Lesart waren es die zeitgen\u00f6ssischen\nAutoren Karl Kraus oder Egon Friedell, die ihn als Urheber nannten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Pornographie kann\nKunst sein<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Salten selbst hat sich in dieser Frage nie festgelegt, weder\nbest\u00e4tigt noch dementiert. Von Stefan Zweig befragt, habe er nur vielsagend\ngel\u00e4chelt: Wenn er sie verleugne, werde Zweig ihm nicht glauben; wenn er das\nGeheimnis l\u00fcfte, werde man meinen, er scherze. Das verrufene Werk soll auf\neiner Kaffeehaus-Wette gr\u00fcnden. Weder Autor noch Verleger wagten, Anspr\u00fcche auf\nUrheberrecht geltend zu machen. Der Roman gilt laut Oswald Wiener als \u201eder wohl\neinzige deutsche pornographische Roman von Weltrang\u201c, fand aber erst in den\n1970er Jahren nach seiner Verfilmung durch den Regisseur Kurt Nachmann im\ndeutschsprachigen Raum gr\u00f6\u00dfere Verbreitung.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1019\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Bundesarchiv_Bild_183-H26799_Lebensmittelkarte_Mark_Brandenburg_Niederbarnim-22-1019x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4264\"\/><figcaption>Viele Ausgaben f\u00fchren ihn als Autor. Quelle: eigene Darstellung.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Viktoria Klimpfinger meint in\nder Wiener Zeitung, der \u201eheutige Skandal-W\u00e4lzer\u201c lie\u00dfe \u201e\u201a50 Shades of\nGrey\u2018 wie biedermeierliches Geturtel aussehen. Die Lebensgeschichte der Wiener\nProstituierten spart nicht an Bildern, die die Kraft h\u00e4tten, ganze Generationen\nzu verst\u00f6ren.\u201c Die K\u00e4ufer der Ausgabe, die 1969 bei Rogner &amp; Bernhard\nerschien, mussten in einem beiliegenden Verpflichtungsschein versichern, das\nBuch verschlossen aufzubewahren und \u201eJugendlichen unter 21 Jahren nicht zug\u00e4nglich\nzu machen\u201c. In Deutschland wurde es vor allem wegen inzestu\u00f6ser und\/oder\np\u00e4dophiler Aussagen von der Bundespr\u00fcfstelle f\u00fcr jugendgef\u00e4hrdende Schriften\n1982 in die Liste der jugendgef\u00e4hrdenden Schriften aufgenommen und 2017 nach 25\nJahren wieder gestrichen. Von Anbeginn wurde gegen die Indexierung prozessiert.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Als das Bundesverfassungsgericht 1990 die Frage, ob der\nRoman die Jugend gef\u00e4hrde, abschl\u00e4gig beantwortete, stellte es seinem Urteil\ndie Feststellung voran: \u201eEin pornographischer Roman kann Kunst im Sinne von\nArt. 5 Abs. 3 Satz 1 GG sein.\u201c Magnus Klaue erkl\u00e4rt in der <em>FAZ<\/em>: \u201eDie kritiklose Darstellung sexueller Beziehungen zwischen\nKindern und Erwachsenen bedeutete in der Epoche, in welcher der Roman\nentstanden ist, nicht den Tabubruch, als der sie dem auf Kinder- und\nJugendschutz ausgerichteten Sexualstrafrecht der achtziger Jahre erschien.\u201c Die\nPassagen seien \u201enicht einfach eine Darstellung des Zusammenhangs von Armut,\nVernachl\u00e4ssigung und Amoralit\u00e4t\u201c, sondern griffen auf, was etwa Freud oder\nWedekind ins Bewusstsein r\u00fcckten: \u201edie Erfahrung eines ins Flie\u00dfen geratenen\n\u00dcbergangs zwischen Kindheit und Erwachsensein und der Erosion \u00fcberkommener\nRollenmuster.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die zwischenzeitliche Chefredaktion der <em>Berliner Morgenpost<\/em> 1906 gab Salten im Jahr darauf wieder ab, war\nf\u00fcr den Pester <em>Lloyd<\/em> t\u00e4tig, f\u00fcr das <em>Berliner Tageblatt<\/em> sowie f\u00fcr die <em>Neue Freie Presse<\/em>. Biographen\nbeschrieben ihn als \u201egefragt, ber\u00fchmt, ungeheuerlich produktiv\u201c. Salten schrieb\nErz\u00e4hlungen und Novellen (\u201eDie kleine Veronika\u201c, \u201eOlga Frohgemuth\u201c), Romane\n(\u201eDie klingende Schelle\u201c, \u201eMartin Overbeck\u201c), Reiseberichte (\u201eF\u00fcnf Minuten\nAmerika\u201c), Portr\u00e4ts (\u201eDas \u00f6sterreichische Antlitz\u201c), Theaterst\u00fccke (\u201eDer\nGemeine\u201c, \u201eSch\u00f6ne Seelen\u201c), Operettenlibretti f\u00fcr Johann Strau\u00df (Sohn) und Filmdrehb\u00fccher:\nAm 16. Oktober 1913 hatte sein erster Film \u201eDer Shylock von Krakau\u201c in Berlin\nPremiere. Vieles davon findet sich in der bei Zsolnay erschienenen Werkausgabe\nin sechs B\u00e4nden (1928\u22121932). Bekannt waren auch seine Monografie \u00fcber Gustav\nKlimt sowie sein Buch \u00fcber das Burgtheater. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Bundesarchiv_Bild_183-H26799_Lebensmittelkarte_Mark_Brandenburg_Niederbarnim-23.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4265\"\/><figcaption>Salten mit seinen Kindern 1911. Quelle: https:\/\/tvportal.orf.at\/highlights\/orf3\/felix_salten100~<em>v-body__16__9<\/em>-8356d68febb302a69d0d38655ca9b89002ae9eee.jpg <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Kurz vor dem Krieg wurde er Blattmacher beim <em>Fremdenblatt,<\/em> der\npropagandistischen Zeitung des Au\u00dfen\u00adminis\u00adte\u00adriums. Auf seine patriotische\nBegeisterung folgte bald die Ern\u00fcchterung: ab 1918 schwankte Salten nach Angabe\nseiner Biographen \u201ezwischen einer konservativen taktisch z\u00f6gernden und einer\nk\u00e4mpferischen Haltung mit gro\u00dfen Sympathien f\u00fcr die radikalen politischen\nBewegungen\u201c, darunter &nbsp;Marx und Trotzki. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201edie Mutzenbacher\nwirft ein Licht auf Bambi\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1923 ver\u00f6ffentlichte Salten, der als J\u00e4ger in Stockerau\nzwischen den Auw\u00e4ldern der Donau ein eigenes Jagdrevier hatte, die beiden\nTiergeschichten \u201eDer Hund von Florenz\u201c und \u201eBambi. Eine Lebensgeschichte aus\ndem Walde\u201c. Auf den ersten Blick mag das Original dieser Lebensgeschichte eines\nRehs kindlich und vertr\u00e4umt wirken, doch auf den zweiten Blick erkennt man,\ndass sie nur jemand verfassen konnte, der die Natur genau und \u00fcber Jahre\nstudiert hatte, der wei\u00df, was es f\u00fcr ein Tier bedeutet, im Wald zu leben und zu\n\u00fcberleben, und wie nahe Freud und Leid beieinander liegen k\u00f6nnen. Salten\nberichtet im Detail, was er selbst auf der Jagd alles erlebte, wie die V\u00f6gel\nvon den \u00c4sten zwitschern oder der Hase nach dem Schuss \u00fcber die Wiese rouliert,\nund l\u00e4sst seine Erlebnisse geschickt in die Geschichte einflie\u00dfen. \u201eBambi w\u00e4re\nniemals entstanden, h\u00e4tte ich nicht meine Kugel auf das Haupt eines Rehbocks\noder Elches gefeuert\u201c, r\u00e4umte er offen ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei kann man Bambi auch religi\u00f6s lesen: \u201eBambi ergl\u00fchte\nund sprach bebend: \u201aEin anderer ist \u00fcber uns allen \u2026 \u00fcber uns und \u00fcber Ihm\u2018.\u201c\nUnd man kann Bambi auch und erst recht lesen \u201eals Kontrafaktur der Biographie\nder \u201aWienerischen Dirne\u2018 \u2026, die sich als M\u00e4dchen in armen Verh\u00e4ltnissen von ihren\nLiebhabern \u201aabrichten\u2018 l\u00e4sst, um den Bann ihres Milieus zu brechen, und sp\u00e4ter\njunge Frauen \u00e4hnlicher Herkunft zum selben Abweg \u00fcberredet\u201c, findet Klaue. Und\ner merkt an, \u201ewie wenig hilfreich Unterscheidungen von Kinder- und\nErwachsenenliteratur, Kinder- und Jugendgem\u00e4\u00dfheit sind, sobald es nicht nur um\njuristische, sondern um \u00e4sthetische Qualifizierungen geht.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>In eine \u00e4hnliche Kerbe schlug Michael Maar in der <em>Zeit<\/em> und f\u00fchrt fast gen\u00fcsslich Karl\nKraus\u2018 Verdikt des \u201eReh-Sodomiten\u201c an: <em>Bambi<\/em>werfe \u201ekein Licht auf die Mutzenbacher.\nAber die Mutzenbacher wirft ein Licht auf Bambi. Alle dort gen\u00fcsslich\nausgef\u00fchrten Spielarten der fleischlichen Liebe werden hier im Subtext\nangedeutet.\u201c Sodann zitiert er \u201eDie ganze Nacht war er mit Faline gl\u00fccklich\ngewesen, hatte sich bis in den hellen Morgen mit ihr getummelt\u201c und sp\u00e4ter \u201eIm\nGegenteil ist er erleichtert, als er Faline, der Mutter seiner beiden Kinder,\nden Laufpass gibt. \u201aBambi atmete tief. Ihm wurde auf einmal frei zu Gem\u00fct, wie\nseit langem nicht\u2018.\u201c <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Bundesarchiv_Bild_183-H26799_Lebensmittelkarte_Mark_Brandenburg_Niederbarnim-24.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4267\"\/><figcaption>Saltens zweiter Klassiker. Quelle: https:\/\/media1.jpc.de\/image\/w600\/front\/0\/9783957280312.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Salten schrieb die Geschichte w\u00e4hrend eines Sommerurlaubes\nim Salzkammergut und verfolgte damit durchaus auch p\u00e4dagogische Absichten: \u201eIch\nwollte meine Leser von dem Irrtum befreien, die Natur sei ein sonniges\nParadies\u201c. Der Tod von Bambis Mutter r\u00fchrt noch heute Kindergenerationen zu\nTr\u00e4nen. F\u00fcr wie wirkm\u00e4chtig die Geschichte noch immer angesehen wird, zeigte im\nDezember 2018 ein Gerichtsurteil in den USA: Der Wilderer David Berry, der mit\nseiner Familie \u00fcber einen Zeitraum von drei Jahren illegal hunderte Hirsche\nget\u00f6tet haben wurde soll, wurde in Missouri dazu verurteilt, im Gef\u00e4ngnis jeden\nMonat einmal die klassische Verfilmung von Walt Disney anzuschauen. <\/p>\n\n\n\n<p>Zur Disney-Adaption von 1942 existiert die Version, Salten h\u00e4tte\ndie Rechte 1933 f\u00fcr gerade 1.000 Dollar an den Produzenten Sidney Franklin abgetreten.\nFranklin schlug Walt Disney einen Animationsfilm auf der Basis des Buchs vor \u2013\nder Rest ist Geschichte. Mehr als sechs Jahre arbeiteten Disney und sein Team\n\u00fcberaus akribisch an den Zeichnungen. F\u00fcr die dreidimensionalen und damals\nauthentisch wirkenden Hintergr\u00fcnde wurde eigens ein neues Zeichenverfahren\nentwickelt. Im Film werden weniger als 1.000 Worte gesprochen, daf\u00fcr gibt es in\nDauerschleife passend zu jeder Sequenz s\u00e4uselnd romantische Ch\u00f6re.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Problem: Aus Informationsmangel oder \u00dcbersetzungsfehlern\nnahmen die Zeichner kein Reh, sondern einen Wei\u00dfwedelhirsch als Vorlage, aus\ndem bei der R\u00fccksynchronisation ins Deutsche wieder ein Rehkitz wurde. Dazu\nkommt, dass Bambi im Film von seinem Vater, einem stattlichen Hirsch, besch\u00fctzt\nwird, auch zu einem majest\u00e4tischen Hirsch heranw\u00e4chst und am Ende des Films\nselbst Vater wird. An dieser Stelle tritt ein zus\u00e4tzlicher Filmfehler zu Tage,\nn\u00e4mlich, dass Reh und Hirsch miteinander verwandt sind. Einerlei: Bambi ist\nimmer noch einer der weltweit erfolgreichsten Filme. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>profilierter Redner\nund engagierter Zionist<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sein Verleger dr\u00e4ngte Salten, sich beim Schreiben vollkommen\nauf das profitversprechende Genre \u201eTiergeschichte\u201c zu konzentrieren, prompt\nentstanden \u201eFlorian, das Pferd des Kaisers\u201c, die Fortsetzung \u201eBambis Kinder\u201c, \u201eRenni,\nder Retter. Das Leben eines Kriegshundes\u201c, \u201eDie Jugend des Eichh\u00f6rnchens Perri\u201c\noder auch \u201eDjibi das K\u00e4tzchen\u201c. Salten schreibt aber auch f\u00fcr die von seinem\nFreund Theodor Herzl gegr\u00fcndete <em>Welt<\/em>,\nsein Pal\u00e4stina-Reisebericht \u201eNeue Menschen auf alter Erde\u201c ist ein gl\u00fchendes,\nwenn auch nicht unkritisches Pl\u00e4doyer f\u00fcr den politischen Zionismus.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"709\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Bundesarchiv_Bild_183-H26799_Lebensmittelkarte_Mark_Brandenburg_Niederbarnim-25-1024x709.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4269\"\/><figcaption>Disney pr\u00e4gt das Bambi-Bild bis heute. Quelle: https:\/\/data.puzzle.de\/.5\/mon-ami-bambi-disney-sonstige-2&#215;24-teile&#8211;puzzle.44259-3.fs.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Sein Schwanken zwischen \u00f6ffentlichem Engagement und einem\nR\u00fcckzug in die Salonkultur entschied er 1927 zugunsten des ersteren: er \u00fcbernahm\nvon Arthur Schnitzler die Pr\u00e4sidentschaft des \u00f6sterreichischen P.E.N.-Clubs. Als\ner sich aus nicht nachvollziehbaren Gr\u00fcnden dem Protest gegen die B\u00fccherverbrennungen\nder Deutschen verweigerte und angefeindet wurde, trat er 1934 aus dem\nP.E.N.-Club aus und emigrierte 1939 nach Z\u00fcrich, wo er von seinen sp\u00e4rlichen\nTantiemen lebte. Nacheinander verlor er seinen Sohn bei einem Unfall, sp\u00e4ter\nauch seine Frau und starb am 8. Oktober 1945. <\/p>\n\n\n\n<p>Seine W\u00fcrdigung bleibt so ambivalent wie sein Leben. Einerseits\nwar er einer der profiliertesten Journalisten seiner Zeit, trug zur Etablierung\nder modernen Literaturkritik bei und lieferte neben 20 Romanen auch zehn\nNovellensammlungen, 13 Theaterst\u00fccke und 17 Filmdrehb\u00fccher. Andererseits ist der\neinst auflagenm\u00e4chtige feuilletonistische Vielschreiber heute vergessen. Als\nEmpork\u00f6mmling eckte er wegen der Freiz\u00fcgigkeit und der liberalen Ideen seiner\nWerke an, erkennt Andre Schwarz auf dem Portal <em>literaturkritik<\/em>. Und als profilierter Redner und engagierter\nZionist in teilweise herausragender beruflicher Position in einem zunehmend\nantisemitischen Klima war er vielen unbequem.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Bundesarchiv_Bild_183-H26799_Lebensmittelkarte_Mark_Brandenburg_Niederbarnim-26.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4271\"\/><figcaption>R\u00f6kk mit Troph\u00e4e. Quelle: https:\/\/dp8ozi4aflkte.cloudfront.net\/wp-content\/uploads\/bambi_1948.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Wer den bedeutendsten deutschen Medienpreis als anfangs namenloses Rehkitz aus wei\u00dfer Keramik erfand, gilt heute immer noch als unklar \u2013 nicht jedoch seine Benennung. Nach Aussagen von Gabriele Jacoby, der Tochter der ersten Preistr\u00e4gerin Marika R\u00f6kk, verdanke ihr die Figur den Namen: Sie habe 1948 ihrer Mutter gesagt \u201eOh, das sieht ja aus wie ein Bambi!\u201c Seit 1949 wird er dann unter diesem Namen verliehen &#8211; an \u201eMenschen mit Visionen und Kreativit\u00e4t, deren herausragende Erfolge und Leistungen sich im ablaufenden Jahr in den Medien widerspiegelten\u201c. Und eine erfolgreiche Medienlaufbahn kann man dem Bambi-Erfinder Felix Salten als Namenspaten nicht absprechen.<\/p>\n\n\n\n<iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D4257&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er schrieb mit \u201eBambi\u201c und \u201eJosefine Mutzenbacher\u201c zwei Klassiker der Weltliteratur, die gegens\u00e4tzlicher nicht sein k\u00f6nnten: Felix Salten. 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