{"id":4358,"date":"2019-10-13T15:07:43","date_gmt":"2019-10-13T14:07:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4358"},"modified":"2019-09-20T15:32:14","modified_gmt":"2019-09-20T14:32:14","slug":"indonesien-besteht-aus-inseln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4358","title":{"rendered":"\u201eIndonesien besteht aus Inseln\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Seine rhetorischen Entgleisungen waren legend\u00e4r, vor allem\ndie beim 44. Liebesmahl des Ostasiatischen Vereins im Hamburger Atlantic-Hotel\nam 13. M\u00e4rz 1964. \u201eHerr Schah, Sie verstehen nichts von Wirtschaft\u201c,\nverlautbarte er da in Richtung Iran, oder \u201eIndonesien besteht aus Inseln, die\nliegen teils n\u00f6rdlich, teils s\u00fcdlich vom \u00c4quator, und dazwischen ist eine Menge\nWasser\u201c, erteilte er Geographie-Unterricht. Seine legend\u00e4rste, die Anrede \u201eSehr\ngeehrte Damen und Herren, liebe Neger!\u201c bei einem Staatsbesuch in Liberia, war\ndagegen eine Erfindung des <em>SPIEGEL<\/em>.\nDie Rede ist von Bundespr\u00e4sident Heinrich L\u00fcbke, der 14. Oktober 1894 im\nsauerl\u00e4ndischen Enkhausen geboren wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Belegt ist, dass L\u00fcbke in Tananarive, der Hauptstadt Madagaskars, den Pr\u00e4sidenten Philibert Tsiranana und seine Frau Justine mit den Worten \u201eSehr geehrter Herr Pr\u00e4sident, sehr geehrte Frau Tananarive\u201c gr\u00fc\u00dfte. Die echten und vermeintlichen Fehlleistungen begeisterten die deutsche Kabarett-Szene. Aufgrund des dem Bundespr\u00e4sidenten entgegenschlagenden Spotts entschied der Bayerische Rundfunk, die Vorstellungen der M\u00fcnchner Lach- und Schie\u00dfgesellschaft nicht weiterhin live zu \u00fcbertragen. Ausschnitte von L\u00fcbke-Reden wurden von der Zeitschrift \u201epardon\u201c auf der erfolgreichen Langspielplatte \u201eHeinrich L\u00fcbke redet f\u00fcr Deutschland\u201c verarbeitet. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"980\" height=\"551\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Heinrich-L\u00fcbke-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4361\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Heinrich-L\u00fcbke-1.jpg 980w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Heinrich-L\u00fcbke-1-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Heinrich-L\u00fcbke-1-768x432.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 980px) 100vw, 980px\" \/><figcaption>L\u00fcbke im Arbeitszimmer. Quelle: http:\/\/www.bundespraesident.de\/DE\/Die-Bundespraesidenten\/Heinrich-Luebke\/heinrich-luebke-node.html#-gallery <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Dass er gern von den f\u00fcr ihn vorbereiteten Manuskripten\nabwich und improvisierte, war sowohl bekannt als auch K\u00fcndigungsgrund f\u00fcr\nmanche Redenschreiber. An die Presse verteilt wurden immer nur die\nTextentw\u00fcrfe, nie die tats\u00e4chlich gehaltenen Reden. Als weiterer Grund aber ist\nheute auch seine Krankheit anerkannt: L\u00fcbke litt schon seit den fr\u00fchen 1960er\nJahren an schweren Durchblutungsst\u00f6rungen des Gehirns, die auf\nArterienverkalkung beruhten und immer unerbittlicher voran schritten. Am Ende\nseiner Pr\u00e4sidentschaft war Heinrich L\u00fcbke ein schwer kranker Mann.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eVerantwortung f\u00fcr\nandere tragen\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Sohn eines Schumachers, der sich nebenberuflich\nlandwirtschaftlich bet\u00e4tigte, war das zweitj\u00fcngste von acht Geschwistern \u2013\n\u201ekleine Verh\u00e4ltnisse\u201c, auf die L\u00fcbke zeitlebens rekurrierte. In der Schule half\nihm der katholische Ortsgeistliche. Sein Abitur 1913 am Gymnasium Petrinum in\nBrilon lie\u00df keine sonderlichen Begabungen erkennen \u2013 \u201egen\u00fcgend\u201c hie\u00df es in den\nmeisten F\u00e4chern. Er begann ein Studium der Geod\u00e4sie, Landwirtschaft und\nKulturbautechnik an der Landwirtschaftlichen Akademie in Bonn und meldete sich\nim August 1914 als Kriegsfreiwilliger. <\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberliefert ist, dass er keiner Gefahr aus dem Weg ging, was\nseine Kameraden beeindruckte, und mit einer Gasvergiftung im Lazarett lag. Ausgezeichnet\nmit dem EK I und II, war sein letzter Dienstgrad 1918 Leutnant der Reserve. Er\nwar Zeuge des Sterbens bei Langemarck und sagte sp\u00e4ter, er habe gelernt,\n\u201eVerantwortung f\u00fcr Leben und Gesundheit anderer zu tragen\u201c. Seine Treffen mit\nden alten Kameraden schilderte er als fr\u00f6hliche Veranstaltungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Kriegsende nahm er sein Studium wieder auf, beendete es 1921 als Vermessungs- und Kulturingenieur und begann im selben Jahr National\u00f6konomie in M\u00fcnster und Berlin zu studieren. Seit 1923 war L\u00fcbke in Berlin im kleinb\u00e4uerlichen Organisations- und Siedlungswesen t\u00e4tig und 1925 an der Gr\u00fcndung des Reichsverbandes landwirtschaftlicher Klein- und Mittelbetriebe beteiligt, den er als Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer betreute. Daraus entstand, durch Zusammenschluss mit einer Reihe anderer mittelb\u00e4uerlicher Verb\u00e4nde, 1927 die Deutsche Bauernschaft. Neben deren Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung leitete L\u00fcbke die im selben Jahr gegr\u00fcndete Siedlungsgesellschaft Bauernland. Durch weitere Mitgliedschaften in Vorst\u00e4nden und Aufsichtsr\u00e4ten landwirtschaftlicher Organisationen und Kreditinstitute wurde der vielbesch\u00e4ftigte Verbandspolitiker zu einem erfolgreichen Agrar- und Siedlungsexperten. Die gro\u00dfb\u00e4uerlichen Interessenvertreter bek\u00e4mpften ihn als \u201eBodenreformer\u201c und \u201eroten L\u00fcbke\u201c. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"480\" height=\"480\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Heinrich-L\u00fcbke-07.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4363\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Heinrich-L\u00fcbke-07.jpg 480w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Heinrich-L\u00fcbke-07-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Heinrich-L\u00fcbke-07-300x300.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><figcaption>Ehepaar L\u00fcbke. Quelle: http:\/\/www.bundespraesident.de\/DE\/Die-Bundespraesidenten\/Heinrich-Luebke\/heinrich-luebke-node.html#-gallery <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>1929 heiratete er die Lehrerin Wilhelmine Keuthen, die Ehe\nblieb kinderlos. Im April 1932 in den Preu\u00dfischen Landtag gew\u00e4hlt (Zentrum),\nund am 5. M\u00e4rz 1933 wiedergew\u00e4hlt, verlor L\u00fcbke nach Hitlers Macht\u00fcbernahme alle\n\u00c4mter und wurde 1934 unter dem Vorwand der \u201eKorruption\u201c verhaftet. Nach 20 Monaten\nkommt er frei und erholt sich, zun\u00e4chst arbeitslos, bei Flensburg auf dem Bauernhof\nseines \u00e4lteren Bruders Friedrich Wilhelm L\u00fcbke, des sp\u00e4teren\nMinisterpr\u00e4sidenten Schleswig-Holsteins. Nach Wehr\u00fcbungen zum Hauptmann d.R. bef\u00f6rdert,\nwurde er nicht zum Kriegsdienst einberufen, sondern dienstverpflichtet und als\nVermessungsingenieur dem Ingenieurb\u00fcro Walter Schlempp in Berlin zugewiesen. <\/p>\n\n\n\n<p>Das unterstand als Baugruppe der Verf\u00fcgung des\nGeneralbauinspektors f\u00fcr die Reichshauptstadt Albert Speer, war mit dem Bau von\nzivilen und milit\u00e4rischen Anlagen in Peenem\u00fcnde, sp\u00e4ter in Sachsen-Anhalt besch\u00e4ftigt\nund errichtete auch Unterk\u00fcnfte f\u00fcr ausl\u00e4ndische Zwangsarbeiter und\nKZ-H\u00e4ftlinge. L\u00fcbkes Unterschrift findet sich nicht nur unter Papieren, die ihn\nals Leiter der Baugruppe Schlempp ausweisen, der in eigener Regie ein\nKZ-H\u00e4ftlings-Kommando dirigierte, sondern auch unter Bauzeichnungen eines\nLagers \u2013 ein weiterer Grund f\u00fcr die vorzeitige Aufgabe seines Amts. Heute wei\u00df\nman, dass die entsprechenden Pausen f\u00fcr jede Art von Baracke geeignet gewesen\nw\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eSie sind ganz\neinfach kleinkariert\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Seit 1945 CDU-Mitglied und bis 1946 mit einem eigenen\nBaub\u00fcro in H\u00f6xter selbst\u00e4ndig, geh\u00f6rte er von Anbeginn dem Landtag von\nNordrhein-Westfalen an und amtierte als Minister f\u00fcr Ern\u00e4hrung, Landwirtschaft\nund Forsten. Von 1949 bis 1959 war er mit einer Unterbrechung\nCDU-Bundestagsabgeordneter und wurde am 20. Oktober 1953 als Bundesminister f\u00fcr\nErn\u00e4hrung, Landwirtschaft und Forsten in die Adenauer-Regierung berufen. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Grundlage j\u00e4hrlich entwickelter \u201eGr\u00fcner Pl\u00e4ne\u201c gelang es ihm seit 1955, die Landwirtschaft zu modernisieren und ihren strukturellen Anpassungsprozess ohne soziale Ersch\u00fctterungen vorzunehmen. Sein Mitarbeiterstab beschrieb ihn als t\u00fcchtigen Experten, gr\u00fcndlich, gewissenhaft, korrekt, allerdings ohne jegliches rhetorisches Talent. Wo andere unterhielten, da wollte L\u00fcbke belehren, was eine Datenflut nach sich zog, die kein Zuh\u00f6rer nachvollziehen konnte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"980\" height=\"727\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Bild1-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4366\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Bild1-2.jpg 980w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Bild1-2-300x223.jpg 300w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Bild1-2-768x570.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 980px) 100vw, 980px\" \/><figcaption>L\u00fcbke mit Queen Elisabeth II.  Quelle: http:\/\/www.bundespraesident.de\/DE\/Die-Bundespraesidenten\/Heinrich-Luebke\/heinrich-luebke-node.html#-gallery <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Nach dem \u00fcberraschenden R\u00fcckzug Adenauers von der Kandidatur\nf\u00fcr das Amt des Bundespr\u00e4sidenten Anfang Juni 1959 wurde L\u00fcbke am 15. Juni in\nBonn als \u201eErsatzmann\u201c der Unionsparteien nominiert und am 1. Juli 1959 als\nNachfolger von Theodor Heuss gew\u00e4hlt. Er setzte sich im zweiten Wahlgang gegen\nCarlo Schmid von der SPD und Max Becker von der FDP durch. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Presse verfuhr ungn\u00e4dig mit ihm, lobte allerdings seine\nFrau Wilhelmine daf\u00fcr, dass sie sechs Fremdsprachen beherrschte, und ein\nStaatssekret\u00e4r namens Sonnemann gab zu Protokoll, L\u00fcbke sei doch eine gute Wahl\nf\u00fcr Frauen, \u201eweil er in einer unauff\u00e4lligen Eleganz immer wie aus dem Ei gepellt\u201c\ndaherkomme. Er war bis zur Wahl von Christian Wulff 2010 der einzige\nr\u00f6misch-katholische Bundespr\u00e4sident.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eViel intellektuell Neues pr\u00e4sentierte er nicht, er war\nstramm antikommunistisch, als alter Reserveoffizier nah bei der Bundeswehr und\nmochte die Oder-Nei\u00dfe-Grenze nicht anerkennen\u201c, bilanzierte Philip Cassier in\nder <em>WELT<\/em>. L\u00fcbke glaubte unbeirrbar an\ndie Wiedervereinigung des getrennten Deutschland. 1963 proklamierte er den 17.\nJuni, den \u201eTag der deutschen Einheit\u201c, zum \u201eNationalen Gedenktag des deutschen\nVolkes\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p>Zudem verstand er sich in der Rolle des \u201enationalen H\u00fcters\nhistorischer Bildung\u201c. Er geh\u00f6rte zu den Bundespr\u00e4sidenten, die nicht alle\nGesetze des Bundestags unterzeichneten, so das Gesetz gegen den Betriebs- und\nBelegschaftshandel, da es seiner Ansicht nach gegen die im Grundgesetz\ngarantierte Freiheit der Berufswahl und der Berufsausbildung versto\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>L\u00fcbke machte von Anfang an die Entwicklungshilfe zu einem\nHauptanliegen seiner Pr\u00e4sidentschaft. Schon in seiner Antrittsrede von 1959\nkonstatierte er die dringende Notwendigkeit internationaler Hilfe und\nVerantwortlichkeit in Anbetracht weltweiten Hungers. 1962 initiierte er die\nGr\u00fcndung der Welthungerhilfe als erster deutscher konfessionell nicht\ngebundener Entwicklungshilfeorganisation. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Den Kampf gegen \u201eHunger, Krankheit und Unwissenheit\u201c sah er als gr\u00f6\u00dfte Herausforderung \u00fcberhaupt an. So bereiste er 37-mal das Ausland, Afrika zumal, war da aber gezwungen, Englisch zu sprechen, was furchtbar schiefging, und wurde den Habitus des wei\u00dfen Mannes, der armen Schwarzen milde Gaben zukommen lie\u00df, nie ganz los. In Niamey, der Hauptstadt des Niger, ist eine Hauptstra\u00dfe nach ihm benannt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"462\" height=\"623\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Heinrich-L\u00fcbke-04.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4369\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Heinrich-L\u00fcbke-04.jpg 462w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Heinrich-L\u00fcbke-04-222x300.jpg 222w\" sizes=\"(max-width: 462px) 100vw, 462px\" \/><figcaption>L\u00fcbke mit de Gaulle und Adenauer. Quelle:  Quelle: http:\/\/www.bundespraesident.de\/DE\/Die-Bundespraesidenten\/Heinrich-Luebke\/heinrich-luebke-node.html#-gallery <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Seine Wiederwahl war wegen seines Gesundheitszustands, der\ninzwischen auff\u00e4llig und selbst in der CDU diskutiert wurde, umstritten. 1968\nbegann seine Demontage.&nbsp; Schon 1964 und\n1966 hatte der oberste SED-Propagandist Albert Norden versucht, eine\n\u00f6ffentliche Kampagne gegen L\u00fcbke vom Zaun zu brechen mit Vorw\u00fcrfen, der\nBundespr\u00e4sident sei im Zweiten Weltkrieg ein G\u00fcnstling der Gestapo gewesen und\nhabe an der Errichtung von KZ mitgewirkt. Die Lage \u00e4nderte sich erst, als die\nauflagenst\u00e4rkste Illustrierte Europas <em>Stern<\/em>\nAnfang 1968 ein \u201eGutachten\u201c eines US-Schriftexperten ver\u00f6ffentlichte, der\neinige stasiverf\u00e4lschte Dokumente f\u00fcr echt erkl\u00e4rte.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Stern<\/em>-Chef Henri\nNannen lie\u00df nun eine Reihe von Artikeln und selbst verfasste Editorials folgen,\nin denen er die Tonlage versch\u00e4rfte, und bemitleidete den Bundespr\u00e4sidenten\nschlie\u00dflich f\u00fcr die \u201ebedauernswerte Figur, die Sie in Ihrem Amt bieten. Sie\nsind ganz einfach kleinkariert.\u201c Die <em>S\u00fcddeutsche<\/em>\ndiagnostizierte der Bundesrepublik ein \u201eLeiden an L\u00fcbke\u201c, die <em>Neue Rhein-Zeitung<\/em> legte ihm den\nR\u00fccktritt nahe. Der <em>SPIEGEL<\/em>\nattackierte L\u00fcbke nicht ganz so scharf, doch auch Rudolf Augstein konstatierte auf\nseiner Titelseite die \u201ePr\u00e4sidenten-Krise\u201c und zeigte bitter-b\u00f6se\nL\u00fcbke-Karikaturen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich entschied sich L\u00fcbke f\u00fcr eine Fernsehansprache \u2013\nund tat sich damit als ungelenker Redner keinen Gefallen, so dass seine\nArgumentation in der \u00d6ffentlichkeit als teilweises Schuldeingest\u00e4ndnis ankam.\nEnde M\u00e4rz 1968 versetzte ein SPD-Bundestagsabgeordneter dem Pr\u00e4sidenten den finalen\nSchlag: Franz Marx weigerte sich, das ihm verliehene Bundesverdienstkreuz\nanzunehmen. Er hatte im Dritten Reich im KZ Dachau gelitten und gab als\nBegr\u00fcndung f\u00fcr das Ausschlagen des Ordens an, L\u00fcbkes \u201eBeteiligung an KZ-Bauten\u201c\nsei nicht gekl\u00e4rt. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eredlich und\ngewissenhaft\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Begr\u00fcndung, das Amt aus dem bevorstehenden Bundestagswahlkampf herauszuhalten, k\u00fcndigte L\u00fcbke am 14. Oktober 1968 seinen Amtsverzicht zum 30. Juni 1969 an, sodass die Wahl eines Nachfolgers zweieinhalb Monate fr\u00fcher als turnusm\u00e4\u00dfig erforderlich bereits im M\u00e4rz 1969 stattfinden konnte. Er wich dem Sozialdemokraten Gustav Heinemann, die Gro\u00dfe Koalition unter Kanzler Kurt-Georg Kiesinger wich dann dem sozialliberalen B\u00fcndnis unter Willy Brandt. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"640\" height=\"429\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Bild2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4370\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Bild2.jpg 640w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Bild2-300x201.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption>L\u00fcbke mit Brandt und Wehner.  Quelle: http:\/\/www.bundespraesident.de\/DE\/Die-Bundespraesidenten\/Heinrich-Luebke\/heinrich-luebke-node.html#-gallery <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Heinrich L\u00fcbke hat zweimal eine Genehmigung zur\nStrafverfolgung wegen Verunglimpfung des Bundespr\u00e4sidenten erteilt. Ein\n45j\u00e4hriger Redner der \u201eDeutschen Reichspartei\u201c hatte 1960 vor f\u00fcnfzig Zuh\u00f6rern\nerkl\u00e4rt, der Bundespr\u00e4sident sei gew\u00e4hlt worden \u201ewie der Vorsitzende eines\nKaninchenzucht-Vereins\u201c, und die rhetorische Frage angeschlossen, welcher\nCharakter dazu geh\u00f6re, ein derart entwertetes Amt anzunehmen. Die Strafkammer\nDortmund sprach den Angeklagten frei. Der Bundesgerichtshof hat das Urteil\naufgehoben, weil Kritik zwar hart sein d\u00fcrfe, aber vor herabsetzenden\n\u00c4u\u00dferungen \u00fcber den Bundespr\u00e4sidenten haltzumachen habe. Im zweiten Fall, gegen\nden <em>Simplicissimus <\/em>wegen einer\nL\u00fcbke-Karikatur mit Ulbricht-Spitzbart, lehnte das zust\u00e4ndige Landgericht M\u00fcnchen\ndie Er\u00f6ffnung des Verfahrens ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihm verblieb keine Aufgabe, und neue Pflichten konnte er aus gesundheitlichen Gr\u00fcnden nicht mehr \u00fcbernehmen. Seine Parteifreunde ignorierten ihn, wenn sie ihn nicht gar mieden; Heinemann hielt jedoch Kontakt zu ihm. Neben der fortschreitenden Zerebralsklerose wurde 1972 auch ein weit fortgeschrittener Magenkrebs festgestellt. Am 6. April 1972 starb L\u00fcbke im Alter von 77 Jahren in Bonn und wurde in seinem Heimatdorf begraben. Seine Frau \u00fcberlebte ihn um neun Jahre. <\/p>\n\n\n\n<p>L\u00fcbke habe andere Bev\u00f6lkerungskreise als sein Amtsvorg\u00e4nger Heuss angesprochen und das Amt des Staatsoberhaupts \u201eredlich und gewissenhaft, aber ohne Glanz und Ausstrahlung\u201c gef\u00fchrt, meint sein Biograph Rudolf Morsey, der den Begriff des \u201evergessenen Pr\u00e4sidenten\u201c pr\u00e4gte. Die \u201eModernit\u00e4t\u201c des mehrfachen Ehrenb\u00fcrgers und Ehrendoktors sei erst im Nachhinein deutlich geworden. Dazu geh\u00f6rten seine hohe Einsch\u00e4tzung der Wissenschaft und sein fr\u00fches Eintreten zugunsten von Umweltschutz und Entwicklungshilfe, aber auch sein Bekenntnis zum \u201eeinfachen Leben\u201c in \u00fcberschaubaren Verh\u00e4ltnissen. Das Ger\u00fccht, L\u00fcbke sei ein \u201eKZ-Baumeister\u201c gewesen, h\u00e4lt sich dank der einst massiven SED-Propaganda zum Teil bis heute.<\/p>\n\n\n\n<iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D4358&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er war bis Horst K\u00f6hler der einzige Bundespr\u00e4sident, der vorfristig zur\u00fccktrat: der gesundheitlich und rhetorisch angeschlagene Heinrich L\u00fcbke. Vor 125 Jahren wurde der \u201evergessene Pr\u00e4sident\u201c geboren.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1,4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4358"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4358"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4358\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4463,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4358\/revisions\/4463"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4358"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4358"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4358"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}