{"id":4381,"date":"2019-10-21T08:52:34","date_gmt":"2019-10-21T07:52:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4381"},"modified":"2019-10-21T09:18:57","modified_gmt":"2019-10-21T08:18:57","slug":"ich-liebe-es-geschichten-zu-erzaehlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4381","title":{"rendered":"\u201eIch liebe es, Geschichten zu erz\u00e4hlen\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Doris Lessing bekam 2007 mit fast 88 Jahren als \u00e4ltester\nMensch und elfte Frau nach 93 M\u00e4nnern den Nobelpreis f\u00fcr Literatur. Begr\u00fcndet\nwurde die Entscheidung mit ihrem Wirken als \u201eEpikerin weiblicher Erfahrung, die\nsich mit Skepsis, Leidenschaft und vision\u00e4rer Kraft eine zersplitterte\nZivilisation zur Pr\u00fcfung vorgenommen hat.\u201d In diese \u201ezersplitterte\nZivilisation\u201c wurde Doris geb. Tayler kurz nach dem ersten Weltkrieg, am 22.\nOktober 1919, in Persien hineingeboren, wo ihr verbitterter Vater, der im Krieg\nein Bein verloren hatte und es in England nicht mehr aushielt, Filialleiter\neiner Bank war. <\/p>\n\n\n\n<p>Doris\u2019 Mutter war Krankenschwester; sie hatte den\ntraumatisierten Soldaten in einem Lazarett gepflegt und ihn aus Mitleid und\nVerzweiflung geheiratet, weil ihre gro\u00dfe Liebe im Krieg gefallen war: \u201eDie Wut\nmeines Vaters auf den Grabenkrieg griff auf mich \u00fcber und hat mich nie\nverlassen. Hier sitze ich und versuche noch immer, von der Last dieser\ngrauenvollen Hinterlassenschaft freizukommen\u201c, erkl\u00e4rte Lessing zu ihrem\nautobiographischen Buch \u201eAlfred and Emily\u201c (2008). Als Doris f\u00fcnf war, brach\ndie Familie auf nach S\u00fcdrhodesien (heute Zimbabwe), wo der Vater ein St\u00fcck Land\ngekauft hatte und sein Gl\u00fcck als Maisfarmer zu machen hoffte. Er scheiterte\nkl\u00e4glich. <\/p>\n\n\n\n<p>Lessing besuchte eine katholische Klosterschule und die Girls High School in der Hauptstadt Salisbury, dem heutigen Harare. Die isolierte Farm ihrer Eltern machten der Tochter neben Fluchten in B\u00fccher lange, einsame Wanderungen zur Gewohnheit und best\u00e4rkten sie in ihrer Unabh\u00e4ngigkeit. Die Familie laborierte immer verzweifelter am Rande des Ruins. Doris\u2019 Mutter war verbittert, sie vermisste ihre Heimat und ein b\u00fcrgerliches Leben. Ihre rebellische Tochter Doris lie\u00df sie f\u00fcr ihre Entt\u00e4uschung b\u00fc\u00dfen, w\u00e4hrend der j\u00fcngere Bruder Harry geliebt und verh\u00e4tschelt wurde. Diese fr\u00fchen Verletzungen und das Kriegstrauma der Eltern haben Lessings Leben und Werk gepr\u00e4gt &#8211; zentrale Themen sind einerseits ihre Suche nach Liebe und Geborgenheit und andererseits die nicht leicht gelingende Liebe zwischen Mutter und Kindern, aber auch einerseits das inhaltsleere, schwere Dasein der britischen Siedler wie auch andererseits die trostlose Lage der einheimischen Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"640\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Doris-Lessing-A-room-of-ones-own-1024x640.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4385\"\/><figcaption>Die junge Lessing. Quelle: https:\/\/www.newstatesman.com\/sites\/default\/files\/styles\/lead_image\/public\/new_image_6.jpg?itok=_d705LQf<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Mit vierzehn Jahren brach Lessing die Schule ab und\narbeitete erst als Nanny und Schwesternhelferin und dann als Telefonistin. Sie\nkonnte auch kleine Texte bei Zeitungen unterbringen und schrieb sp\u00e4ter zwei\nRomane, die sie vernichtete. Mit 19 Jahren heiratete sie den Kolonialoffizier Frank\nWisdom und gebar einen Sohn und eine Tochter. Schon 1943 wurde die Ehe\ngeschieden, die Kinder blieben beim Vater: \u201eLange habe ich das f\u00fcr eine gute\nSache gehalten. Nichts ist langweiliger f\u00fcr eine intelligente Frau als endlose\nZeit mit kleinen Kindern zu verbringen. Ich merkte, dass ich nicht die erste\nWahl f\u00fcr Kindererziehung war&#8230;\u201c, sagte sie 2010 <em>Newsweek<\/em>. Sie verabschiedete sich von ihnen mit den Worten, sie\nwerde nun am Aufbau einer besseren Welt arbeiten. Im Scheidungsjahr begann ihre\n20 Jahre w\u00e4hrende \u00dcberwachung durch den britischen Security Service.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eEhen haben nicht\nzwangsl\u00e4ufig etwas mit Liebe zu tun, oder?\u201c <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In zweiter Ehe heiratete sie 1945 den deutschen Emigranten\nGottfried Lessing, den sie als Mitglied der \u201eS\u00fcdrhodesischen Arbeiterpartei\u201c\nkennen lernte und der als j\u00fcdischer Kommunist den Nationalsozialisten entkommen\nwar. Mit ihm bekam sie 1947 einen weiteren Sohn namens Peter. Er sollte sein\nganzes Leben lang bei ihr bleiben; in ihren letzten Jahren sorgte sie w\u00e4hrend\nseiner schweren Diabetes f\u00fcr ihn; er starb drei Wochen vor ihr. Auch die Ehe\nzerbrach, zumal an der Politik: \u201eEhen haben nicht zwangsl\u00e4ufig etwas mit Liebe\nzu tun, oder\u201c,&nbsp;meinte sie sp\u00e4ter.&nbsp;Gottfried, ein politischer\nFanatiker, ging in die DDR und machte dort Karriere u.a. als Botschafter in\nUganda, wo er 1979 erschossen wurde. <\/p>\n\n\n\n<p>Seine Frau aber blieb mit ihrem Sohn in England, wo sie inzwischen lebte, sich als alleinerziehende Mutter durchschlug und 1950 ihren Erstling \u201eAfrikanische Trag\u00f6die\u201c publizierte. Das Buch ist sowohl ein Schicksalsdrama vor dem Hintergrund einer t\u00f6dlich scheiternden Liebe zwischen einer wei\u00dfen Farmersfrau und ihrem schwarzen Diener als auch eine Studie \u00fcber un\u00fcberbr\u00fcckbare Rassengegens\u00e4tze. F\u00fcr viele begr\u00fcndet der Roman den sogenannten \u201ePostkolonialismus\u201c. Wegen ihrer Kritik an der Rassentrennung durfte sie jahrzehntelang nicht nach Rhodesien und S\u00fcdafrika reisen. Von 1952 bis zum sowjetischen Einmarsch in Ungarn 1956 war sie auch Mitglied der britischen Kommunisten (\u201edie neurotischste Handlung meines Lebens\u201c), weil das damals \u201efast die einzigen Intellektuellen waren\u201c, begr\u00fcndete sie das im <em>SPIEGEL<\/em>. Sp\u00e4ter kritisierte sie die Kommunisten als bigott, als \u201eentmenschlicht im Dienste der Menschheit\u201c. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/11lessing3.600.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4391\"\/><figcaption>Nach der Bekanntgabe des Nobelpreises. Quelle: https:\/\/www.dw.com\/image\/17233243_401.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Ihr Interesse an Ideologien verlor sie, die nie eine\nstromlinienf\u00f6rmige Zeitgeistlinke war, in gleichem Ma\u00dfe, wie sie sich zur unberechenbaren,\nunbequemen und scharfz\u00fcngigen Individualistin mit gnostisch-mystischen\nInteressen entwickelte. Der \u201eTrag\u00f6die\u201c folgte der von Lessings afrikanischen\nJahren inspirierte Romanzyklus \u201eKinder der Gewalt\u201c, eine Art weiblicher\nBildungsroman, und \u201eR\u00fcckzug in die Unschuld\u201c, der mit kommunistischen\nIllusionen abrechnete. Sie sollte fast jedes Jahr ein neues Buch vorlegen \u2013\n\u00fcber 50 werden es am Ende sein: Romane, Prosab\u00e4nde, sp\u00e4ter auch Sachliteratur\nund Lyrik. \u201eIch schreibe nun mal gern\u201c, erkl\u00e4rte sie 2004 lapidar. <\/p>\n\n\n\n<p>Erster H\u00f6hepunkt: \u201eDas goldene Notizbuch\u201c von 1961. Die\nbrillante, mit avantgardistischen Mitteln und bisweilen hypnotisch fesselnd\nerz\u00e4hlte Geschichte zweier Frauen, die sich in den Wirren machistisch\ndurchtr\u00e4nkter Machtspielchen der kommunistischen Bewegung auch sexuell zu\nbehaupten versuchen, gilt als \u201eBibel der Frauenbewegung\u201c zumindest im\nangels\u00e4chsischen Sprachraum &#8211; wurde sie doch rezipiert als identit\u00e4tsstiftender\nweiblicher Selbsterfahrungstrip im gerade ausbrechenden Geschlechterkrieg. Das\nh\u00e4lt die Autorin bis heute f\u00fcr ein Missverst\u00e4ndnis. Als Feministin sah sie sich\nnie, eher als \u201eBotschafterin der Einsamkeit\u201c, als eine, die \u201ewie wenige andere\ndie atemberaubenden Freiheiten und seelischen Verst\u00fcmmelungen des zwanzigsten\nJahrhunderts erkundet hat\u201c, bilanziert Ingeborg Harms in der <em>FAZ <\/em>geschlechter\u00fcbergreifend.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eExposition einer\nvitalen Schizophrenie\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Buch machte ihren Namen Ende der sechziger Jahre schlie\u00dflich auch in Deutschland bekannt. Die Autorin verzichtet auf eine erzwungene Einheit, l\u00e4sst Tr\u00e4ume, Zitate, Zeitungsausschnitte einflie\u00dfen und teilt den Stoff auf f\u00fcnf Notizb\u00fccher ihrer Protagonistin auf. \u201eDie klassischen weiblichen Rollen, an denen Doris Lessing sich in ihren ersten B\u00fcchern abarbeitete, weichen einem Multiperspektivismus und der Exposition einer vitalen Schizophrenie, die politische Interessen, philosophische Ideen und romantische Verwicklungen nicht l\u00e4nger auf einen Nenner zu bringen versucht\u201c, res\u00fcmiert Harms.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/LESSING1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4388\"\/><figcaption>Canopus in Argos. Quelle: http:\/\/kipple.dk\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/LESSING1.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Zweiter H\u00f6hepunkt: der 1979 begonnene Romanzyklus \u201eCanopus\nin Argos: Archive\u201c, der sein Handlungszentrum im weit entfernten Planeten\nCanopus hatte, der Herrschaftszentrale eines k\u00fcnftigen galaktischen Imperiums.\nDas Schicksal der Erde ist da l\u00e4ngst besiegelt, und es ist kein freundliches. Lessing\ninterpretiert vor allem im ersten Band Fakten und Mythen der Erd- und\nMenschheitsgeschichte wie Sintflut und Eiszeit, Evolution und Religion von\neinem sufistisch-analytischen Grundansatz, der auch noch stark buddhistisch\nbeeinflusst ist. Demnach sind sinkendes Mitgef\u00fchl und steigende Gier sowie der\nMangel an Bewusstsein, Teil eines gr\u00f6\u00dferen Ganzen zu sein, und die daraus\nresultierende Beschr\u00e4nktheit des eigenen Standpunktes Ursachen des desastr\u00f6sen\nZustands der Erde, die sich scheinbar unabwendbar auf den eigenen Untergang\nzubewegt. <\/p>\n\n\n\n<p>Als \u201eSpace Fiction\u201c bezeichnete sie die Pentalogie, die sie f\u00fcr ihr wichtigstes Werk hielt und die in England ein Super-Bestseller war: Auf die jeweils neuste Folge wartete die Lesegemeinde fast so begierig wie auf einen neuen Harry Potter. Sie halte nichts von der Unterscheidung zwischen \u201eseri\u00f6ser\u201c und Science-Fiction-Literatur, sagt sie selbstbewusst. \u201eSpace- und Science-Fiction bilden den frischesten Zweig der heutigen Literatur\u201c. In der neuen Bl\u00fcte dieses Genres sieht sie ein Zeichen daf\u00fcr, dass der menschliche Verstand wieder einmal \u201ezu expandieren gezwungen\u201c sei: \u201eDiesmal sternenw\u00e4rts, galaktisch, und wer wei\u00df wohin das n\u00e4chste Mal\u201c, zitiert sie der SPIEGEL. Zwei B\u00fccher des Zyklus wurden von Philip Glass als Oper adaptiert, wobei Lessing selbst die B\u00fchnenfassungen schrieb.<\/p>\n\n\n\n<p>Endzeitmotive griff Lessing noch h\u00e4ufiger auf. In den \u201eMemoiren einer \u00dcberlebenden\u201c malt sie 1974 eine nahe Zukunft des zivilisatorischen Zerfalls an die Wand. Zeitgen\u00f6ssische Krisenph\u00e4nomene wie Umweltverpestung und Jugendkriminalit\u00e4t werden in ein Katastrophen-Futur fortgeschrieben: Ende der \u201eEpoche des \u00dcberflusses\u201c. In dem Band \u201eDer Mann, der auf und davon ging\u201c (1979) handelt eine Erz\u00e4hlung von Abgesandten eines anderen Planeten, die die Einwohner einer irdischen Gro\u00dfstadt vor einer kommenden Erdbebenkatastrophe zun\u00e4chst vergebens zu warnen versuchen.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>\u201eEine Tante als Nobelpreistr\u00e4gerin\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Lessing ist eine globale Autorin. Die Liste ihrer Themen, die sie oft aus ihrer Biografie sch\u00f6pfte \u2013 die Situation von Frauen, das Elend Afrikas, Kommunismus, Rassismus &#8211; lesen sich wie ein Stichwortverzeichnis der Konflikte, die das vergangene Jahrhundert bestimmten und auch teilweise heute nichts von ihrer Brisanz verloren haben. In ihrer ersten Pentalogie \u201eChildren of Violence\u201c (1952-69) schilderte sie die Lebensgeschichte ihres alter ego Martha Quest bis zur Abreise nach England. Zum Liebling der Feministen wurde sie nicht zuletzt durch \u201eDer Sommer vor der Dunkelheit\u201c 1973, einen Roman, dessen nicht mehr junge Heldin ihre erotischen W\u00fcnsche auszuleben gelernt hat. Der Thriller \u201eDas f\u00fcnfte Kind\u201c (1988) w\u00e4hlt eine allegorische Form, um in einem Monsterkind die unterdr\u00fcckten Aggressionen seiner b\u00fcrgerlich gefesselten Mutter zu studieren. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/5644d80569.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4396\"\/><figcaption>Werkauswahl. Quelle: http:\/\/www.hoffmann-und-campe.de\/typo3temp\/pics\/5644d80569.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Nach der Stationierung der amerikanischen Pershing-Raketen in der Bundesrepublik war sie davon \u00fcberzeugt, nun komme es zum Atomkrieg, und Deutschland werde dabei vernichtet. Prompt fordert sie ihre deutschen Verwandten auf, die DDR zu verlassen \u2013 ihren Neffen Gregor Gysi, den sie selbst als \u201eromantischen Sozialisten\u201c bezeichnete. Gottfried Lessing war der Bruder von Gysis Mutter Irene, doch die Beziehung der beiden ist eher lose, wie Gysi-Biograph Jens K\u00f6nig in der <em>WELT<\/em> berichtet, gerade auch wegen der Sprachbarriere: \u201eSie spricht kein Deutsch und er so gut wie kein Englisch.\u201c Dennoch rief Gysi 2007 stolz in die Mikrofone: <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p> \u201eEine Tante als Nobelpreistr\u00e4gerin &#8211; mehr geht nicht\u201c.  <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Oft bearbeitete die \u201eTante\u201c, die aussah wie eine robuste\nFarmersfrau, Themen, die erst Jahre danach aktuell wurden. F\u00fcr ihren Anspruch\nauf Ganzheitlichkeit, der aus ihren Werken einzeln und insgesamt spricht, ist\nDoris Lessing oft kritisiert worden: Ihre Literatur verstr\u00f6me einen Humanismus,\nder etwas altfr\u00e4nkisch Lavendelparf\u00fcmiertes habe. Mit intellektueller Sch\u00e4rfe\nund n\u00f6tigem Sarkasmus schuf sie eine reiche Parallelwelt zum Aktualit\u00e4tenwahn\nder Gegenwart. <\/p>\n\n\n\n<p>Ihre B\u00fccher bleiben im Gespr\u00e4ch mit einer literarischen\nTradition, die f\u00fcr Jahrhunderte Ma\u00dfstab des geistigen Lebens war. In den 1990er\nJahren zog sie mit den zwei Autobiografie-B\u00e4nden \u201eUnter der Haut\u201c und \u201eSchritte\nim Schatten\u201c eine selbstkritische Bilanz ihres Lebens und legte zugleich eine\nkritische Geschichte des intellektuellen England nach dem Zweiten Weltkrieg vor.\nIn ihrem Reportageband \u201eR\u00fcckkehr nach Afrika\u201c (1992) beschreibt sie diese\nR\u00fcckkehr dann vor allem als Entt\u00e4uschung. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201enoch kurz vor ihrem\nTod erwischen\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sie hatte viele meist zerm\u00fcrbende Liebschaften, u.a. Ende der 50er Jahre mit dem Schriftsteller Nelson Algren (\u201eDer Mann mit dem Goldenen Arm\u201c), dem 10 Jahre zuvor bereits die andere Ikone des Feminismus, Simone de Beauvoir, verfallen war. Das Credo vieler sp\u00e4ter Texte von Doris Lessing lautet, dass Ver\u00e4nderung beim Individuum beginnt. Das wiederum war eine Lehre, die sie verallgemeinert sehen wollte. Doch nicht alle dieser B\u00fccher sind von literarisch hoher Qualit\u00e4t. Sie hat sich zeitlebens als eine politische Schriftstellerin verstanden, der die Message wichtiger war als der Stil und die aus den Vers\u00e4umnissen Gleichgesinnter Konsequenzen zog, die sie auch von anderen erwartete. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/169.569.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4399\"\/><figcaption>Lessing im Alter. Quelle: https:\/\/images03.oe24.at\/lessing_apa_96515a.jpg\/bigStory\/169.569<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Dass sie den Nobelpreis erhielt, hat sie selbst als eine Art sp\u00e4ten Witz verstanden, war sie doch als Kandidatin daf\u00fcr vor allem in den siebziger Jahren gehandelt worden. Sie wusste um die zwiesp\u00e4ltige Tradition der h\u00f6chsten Auszeichnung in ihrem Fach, als sie spottete, man habe sie mit dem Nobelpreis wohl noch kurz vor ihrem Tod erwischen wollen. Ihre Dankensrede war ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr Literatur als Lebens- und Herzensbildung &#8211; und eine Verdammung des Internets. Immerhin wurde sofort danach mit der Publikation einer deutschen Werkausgabe begonnen. Die Auszeichnung als \u201eDame of the British Empire\u201c lehnte sie ab und starb am 17. November 2013 in London. <\/p>\n\n\n\n<iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D4381&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie war die \u00e4lteste Literaturnobelpreistr\u00e4gerin, die erste Autorin sufistischer Science Fiction und die Tante Gregor Gysis: Doris Lessing. Die Feministin, die nie eine sein wollte, w\u00fcrde jetzt 100 Jahre.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5,9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4381"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4381"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4381\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4479,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4381\/revisions\/4479"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4381"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4381"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4381"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}