{"id":4401,"date":"2019-10-02T05:39:34","date_gmt":"2019-10-02T04:39:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4401"},"modified":"2019-10-01T17:25:10","modified_gmt":"2019-10-01T16:25:10","slug":"aber-selber-gelacht-hat-er-nie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4401","title":{"rendered":"\u201eAber selber gelacht hat er nie\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201eIch brech\u2018 die Herzen der stolzesten Frau\u2018n, weil ich so\nst\u00fcrmisch und so leidenschaftlich bin&#8230;\u201c So ironisch kann sich nur besingen,\nwer seine Rolle gefunden hat. Seine Rolle war: er selbst. Ein kleiner Mann, der\nseinem physiognomischen oder sozialen Schicksal mindestens einen Moment der\nW\u00fcrde abtrotzte und manchmal auch das Gl\u00fcck, selbst wenn es nur ein kleines war.\nAls er am 3. Oktober 1994 starb, war er \u00fcber 60 Jahre lang ein Liebling der\nDeutschen geblieben: als Lausejunge, Mustergatte, Biedermann mit durchaus autorit\u00e4ren\nZ\u00fcgen, braver S\u00fcnder \u2013 und Clown.<\/p>\n\n\n\n<p>Geboren am 7. M\u00e4rz 1902 in Wanne, hatte er schon im Alter von ungef\u00e4hr f\u00fcnf Jahren seine ersten Auftritte, die er selbst als Urszenen seiner Karriere bezeichnete: Vater Hermann, Betreiber der Bahnhofsgastst\u00e4tte, holte zum Am\u00fcsement seiner Stammg\u00e4ste seinen Sohn regelm\u00e4\u00dfig abends aus dem Bett, um ihn auf der Theke Gedichte rezitieren zu lassen. Heinz spielte seine Rolle und genoss den Applaus seines Publikums. Auch die K\u00fcche der Mutter war legend\u00e4r: \u201eEs geh\u00f6rte zum guten Ton der Wanner B\u00fcrger, Samstagabends oder Sonntagmittags zu den R\u00fchmanns in die Gastst\u00e4tte zu gehen und dort sein Essen einzunehmen\u201c, erz\u00e4hlt Wanne-Eickels Stadtarchivar J\u00fcrgen Hagen im <em>DLF<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"555\" height=\"312\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/R\u00fch-e1569228605868.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4403\"\/><figcaption>Als &#8222;Pfeiffer mit 3 f&#8220; in seiner Paraderolle. Quelle: rbb-online<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich entdeckt er die Leidenschaft, die ihn 30 Jahre\nsp\u00e4ter zum Publikumsliebling im Kino machte: Den Flugplatz Wanne-Herten, zu\nPfingsten 1912 eingeweiht. In seinen Erinnerungen meinte er: \u201eIch bin immer\ngl\u00fccklich gewesen, wenn ich bei Mechanikern und Piloten sein durfte, wenn sie\nan etwas herumbastelten. Es roch so sch\u00f6n nach \u00d6l und Benzin\u201c. Sp\u00e4ter machte er\nselbst den Flugschein und \u00fcbernahm bei den Dreharbeiten zu \u201eQuax der\nBruchpilot\u201c sogar die spektakul\u00e4ren Kunstflugszenen. Pr\u00e4zision wird zeitlebens\nseine Arbeitsweise pr\u00e4gen: \u201eWer beim Fliegen einen Fehler macht, der st\u00fcrzt ab.\nDas hat er auf seine Rollen \u00fcbertragen. Hoch fliegen darf nur, wer gut\nvorbereitet ist\u201c, meint Produzentin Katharina Trebitsch in der <em>H\u00f6rzu<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Prototyp des\nsch\u00fcchtern-lausb\u00fcbischen Kleinb\u00fcrgers<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahr darauf endete die Idylle. Familie R\u00fchmann zog nach\nEssen, weil der als gro\u00dfspurig beschriebene Vater Chef des mond\u00e4nen \u201eHotel\nHandelshof\u201c wurde. Doch er \u00fcbernahm sich finanziell, musste Insolvenz anmelden und\nbeging, als dar\u00fcber die Ehe zerbrach, 1915 in Berlin Selbstmord. Die Mutter\nmusste jetzt mit einer knappen Witwenrente auskommen und zog mit den drei\nKindern nach M\u00fcnchen. R\u00fchmann verl\u00e4sst nach der Mittleren Reife die\nLuitpold-Oberrealschule, nimmt Schauspielunterricht bei Hofschauspieler\nFriedrich Basil und wird anschlie\u00dfend von Richard Gortner f\u00fcr 80 Mark\nMonatsgage nach Breslau verpflichtet, wo er 1920 in \u201eRose Bernd\u201c von Gerhart\nHauptmann und \u201eDie B\u00fcchse der Pandora\u201c von Frank Wedekind zu sehen ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer Odyssee \u00fcber Hannover, Bremen, Braunschweig, D\u00fcsseldorf und die Bayerische Landesb\u00fchne landete er bei den M\u00fcnchner Kammerspielen. Er galt lange als zu klein, zu jungenhaft, um Heldenrollen zu \u00fcbernehmen. Durch Zufall entdeckt er 1922 im Residenztheater Hannover sein komisches Talent: Weil er \u201enur\u201c einen Oberkellner spielt, latscht er schlecht gelaunt \u00fcber die B\u00fchne &#8211; und erh\u00e4lt daf\u00fcr Szenenapplaus. In Bremen findet er im Schwank \u201eDer Mustergatte\u201c eine der Rollen seines Lebens \u2013 \u00fcber 2000-mal sollte er sie spielen. Und an der Bayrischen Landesb\u00fchne trifft er die erste Liebe seines Lebens: Maria Bernheim, \u00fcber vier Jahre \u00e4lter und gut zehn Zentimeter gr\u00f6\u00dfer als R\u00fchmann, wurde, wie er es selbst nannte, seine \u201ePrivatregisseurin\u201c und 1924 seine Frau.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/R\u00fch-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4407\"\/><figcaption>Der Pilot als Bruchpilot. Quelle: ln-online.de<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Parallel dazu bekam er sein erstes Filmangebot: F\u00fcr den Stummfilm\n\u201eDas deutsche Mutterherz\u201c. Obwohl anfangs nicht sehr begeistert von den\nlaufenden Bildern, \u00fcberzeugten ihn die 500 Mark Gage f\u00fcr zehn Drehtage. 1927\ngeht er zu Max Reinhardt ans Deutsche Theater in Berlin und reift zum erfolgreichen\nB\u00fchnenschauspieler. Nachdem den Ufa-Produktionschef Erich Pommer ein erstes Vorsprechen\nf\u00fcr einen Tonfilm noch nicht \u00fcberzeugte, nutzte er seine zweite Chance und\nwurde mit der Rolle des \u201eHans\u201c in der Filmoperette \u201eDie drei von der Tankstelle\u201c\nbesetzt. Mit einer Einspielsumme von 4,3 Millionen Reichsmark wurde der\nStreifen zum erfolgreichsten Film des Jahres 1930.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit darauf folgenden Produktionen wie \u201eEinbrecher\u201c, \u201eBomben\nauf Monte Carlo\u201c oder \u201eDer Mann, der seinen M\u00f6rder sucht\u201c wird er trotz\nmodulationsarmer, abgehackter Sprechweise neben Hans Albers zum beliebtesten\nund bestbezahlten deutschen Filmschauspieler. Als Prototyp des sch\u00fcchtern-lausb\u00fcbischen\nKleinb\u00fcrgers, der es durch naive Pfiffigkeit und Frechheiten zu etwas bringt, spielt\ner in zahlreichen Kom\u00f6dien und Tragikom\u00f6dien jene leisen und selten wagemutigen\nFiguren, mit denen sich die Mehrzahl der Zuschauer offenbar identifizieren\nkann. Wirtschaftlich so abgesichert, erf\u00fcllte sich R\u00fchmann seinen Jugendtraum\nvom Pilotenschein, kaufte sich ein eigenes Flugzeug und wurde zum Fan von\nLuftkampflegende Ernst Udet. 1932 schloss die Ufa einen Dauervertrag mit ihm.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eIch wurde gebraucht\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Jahr 1933 sieht ihn in einer so gefestigten Position, dass er als \u201eunersetzbar\u201c gilt: f\u00fcr Kriegsdienste u.k. (unabk\u00f6mmlich) gestellt, steht er ab 1944 gar auf der legend\u00e4ren \u201eGottbegnadeten-Liste\u201c der Nazis. W\u00e4hrend viele seiner Kollegen das Land verlassen, baut er, der sich als strikt neutral und unpolitisch versteht, seine Karriere aus. \u201eIch wurde gebraucht\u201c, rechtfertigt R\u00fchmann sp\u00e4ter sein Verhalten. \u201eMan sah von hoher Stelle ein, dass ein gewisser Humor unter die Menschen getragen werden muss.\u201c \u201eEr mogelte sich durch, er lavierte und war deshalb schwer einzuordnen&#8220;, betont Biograf Torsten Kr\u00f6ner. R\u00fchmann kam wie viele Prominente des Dritten Reiches in den Genuss von teilweise j\u00e4hrlichen Sonderzahlungen aus einem Geheimfonds Hitlers in H\u00f6he von bis zu 60.000 Reichsmark.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"424\" height=\"307\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/R\u00fch-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4408\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/R\u00fch-2.jpg 424w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/R\u00fch-2-300x217.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 424px) 100vw, 424px\" \/><figcaption> R\u00fchmann mit seiner zweiten Frau Hertha Feiler  <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Als sich seine j\u00fcdische Frau als Karrierekiller zu entpuppen\ndroht und er vor der Wahl \u201eKarriere oder Emigration\u201c steht, handelt er\npragmatisch, nachdem er vier Jahre die Entscheidung vor sich her schob, und\nstimmt einer Scheidung zu. Gleichzeitig organisiert er die Wiederverheiratung\nseiner Ex-Frau mit einem schwedischen Kollegen, der ihr so die Emigration nach\nSchweden erm\u00f6glicht. Dabei besteht die Ehe l\u00e4ngst nur noch auf dem Papier: Seit\n1935 ist R\u00fchmann mit einer Kollegin, der Schauspielerin Leny Marenbach, liiert.\nAls \u201eFreikauf\u201c sehen es viele bis heute, auch der j\u00fcdische Film-Produzent\nArthur Brauner, f\u00fcr den R\u00fchmann ein \u201echarakterlich schwacher Mann\u201c bleibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Scheidungsjahr 1938 lernte R\u00fchmann bei Dreharbeiten die\nWiener Schauspielerin Hertha Feiler kennen, nach den N\u00fcrnberger Rassegesetzen eine\n\u201eViertelj\u00fcdin\u201c, die er 1939 heiratete. In diesem Jahr wurde er auch wieder in\ndie Reichsfilmkammer aufgenommen. 1942 kam als einziges Kind der Ehe der Sohn\nPeter auf die Welt. Noch in den sp\u00e4ten Kriegsjahren dreht er einen Film nach\ndem anderen, zuletzt den unsterblichen Penn\u00e4lerklamauk \u201eDie Feuerzangenbowle\u201c &#8211;\neine einzige Heile-Welt-Gaukelei, aber ein filmischer Geniestreich. <\/p>\n\n\n\n<p>Als Reichserziehungsminister Bernhard Rust die Freigabe des Streifens verhindern wollte, weil der Film die Autorit\u00e4t der Schule und der Lehrer geradezu gef\u00e4hrden w\u00fcrde, f\u00e4hrt R\u00fchmann pers\u00f6nlich zu Reichsmarschall Hermann G\u00f6ring ins F\u00fchrerhauptquartier. G\u00f6ring sah den Film im Kreise seines Stabes, erg\u00f6tzte sich k\u00f6stlich und bejahte die Frage Hitlers, ob der Film zum Lachen sei. \u201eDann ist dieser Film sofort f\u00fcr das deutsche Volk freizugeben\u201c, dekretiert der prompt. Joseph Goebbels notiert am 25. Januar 1944 in sein Tagebuch: \u201eDer neue R\u00fchmann-Film \u201aFeuerzangenbowle\u2018 soll unbedingt aufgef\u00fchrt werden. Der F\u00fchrer gibt mir den Auftrag, mich nicht durch Einspr\u00fcche von Lehrerseite oder von Seiten des Erziehungsministeriums einsch\u00fcchtern zu lassen.\u201c Einige Oberprimaner-Statisten erlebten die Premiere des Films schon nicht mehr.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/R\u00fch-3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4410\"\/><figcaption>R\u00fchmann als &#8222;Charleys Tante&#8220;. Quelle: cinema.de<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>\u201eSein Anteil am gro\u00dfen Nazi-Verbrechen war die Arbeit f\u00fcr\ndie Ufa-Unterhaltungsmaschine, die explizit das Politische gerade vermied\u201c,\ndekretiert Beatrix Novy im <em>DLF<\/em>.\nR\u00fchmann sei ein \u201edurch und durch deutscher Schauspieler\u201c mit \u201evielen Masken\u201c\ngewesen, schreibt der Filmregisseur und Freund der R\u00fchmann-Familie Michael\nVerhoeven; ein unpolitischer K\u00fcnstler, was ihm manchmal \u201eden vernichtenden\nVorwurf des Opportunismus\u201c eingebracht habe. \u201eK\u00fcnstler, die das System nicht bek\u00e4mpft\nhaben, haben das System best\u00e4rkt. Auch mit harmlosesten Kom\u00f6dien. Und auch,\nwenn sie glaubten, mit Harmlosigkeiten dem System zu entgehen.\u201c In R\u00fchmann\nk\u00f6nne man sein Publikum wieder erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eMit R\u00fchmann oder gar\nnicht\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nach einigen Notumz\u00fcgen im Kriegsberlin begibt sich R\u00fchmann nach erfolgreicher \u201eEntnazifizierung\u201c durch die russischen Beh\u00f6rden mit \u201eDer Mustergatte\u201c auf Theatertournee durch die sowjetische Besatzungszone, bevor er nach M\u00fcnchen geht. Er lebt mit Hertha in einem Behelfsheim auf dem Gel\u00e4nde der Bavaria-Filmstudios. Die von R\u00fchmann 1947 gegr\u00fcndete Produktionsfirma \u201eComedia\u201c geht Pleite und rei\u00dft das Paar fast in den Ruin. Sohn Peter muss f\u00fcr vier Jahre ins Internat, sieben Jahre zahlen R\u00fchmanns ihre Millionenschulden ab. Auch als es sp\u00e4ter aufw\u00e4rts geht, hat er mit R\u00fcckschl\u00e4gen zu k\u00e4mpfen: Ausgerechnet der Erfolg mit \u201eCharleys Tante\u201c erweist sich als Falle, denn die Charakterrolle im \u201eHauptmann von K\u00f6penick\u201c traut man ihm daraufhin nicht zu. Regisseur Helmut K\u00e4utner muss 1956 ein Machtwort sprechen: \u201eMit R\u00fchmann oder gar nicht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/R\u00fch-4-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4412\"\/><figcaption>Der Schuster als Hauptmann. Quelle: 3sat.de<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Rolle des Schusters Voigt in der Verfilmung von Carl\nZuckmayers St\u00fcck begrenzt R\u00fchmanns F\u00e4higkeiten nicht, wie so oft, auf\nharmlos-schmunzelnden Humor, sondern fordert ihn als den Charakterschauspieler,\nzu dem er im Alter immer mehr wurde. Wie der zarte 1,65-Meter-Mann mit schnarrender\nStimme und klappernden Sporen die preu\u00dfische Obrigkeitsh\u00f6rigkeit l\u00e4cherlich\nmacht, geh\u00f6rt zu den Kabinettst\u00fccken der Filmgeschichte. Zuckmayer beschrieb\nihn fast ehrf\u00fcrchtig: \u201eWenn er, nach gelungener \u201aK\u00f6penickiade\u2018, auf der Treppe\ndes Rathauses die Soldaten entl\u00e4sst \u201aF\u00fcr jeden Mann ein Bier und eine Bockwurst\u2018\n\u2013 geht eine so fundamentale Traurigkeit von ihm aus, dass man sich der\nVergeblichkeit aller Fluchtversuche des Menschen aus seinem Schicksal\nschaudernd bewusst wird.\u201c Auch seine Adaption von \u201eDer brave Soldat Schwejk\u201c\nl\u00e4sst sich so einordnen.<\/p>\n\n\n\n<p>R\u00fchmann \u00fcberzeugt inzwischen in St\u00fccken wie \u201eWarten auf\nGodot\u201c von Samuel Beckett oder Filmen wie \u201eEs geschah am helllichten Tag\u201c. Daneben\nbem\u00fcht er auch seine Sangeskarriere wieder. Als 1955 \u201eWenn der Vater mit dem\nSohne\u201c in die Kinos kam, wurde sein Wiegenlied \u201eLa-Le-Lu\u201c ber\u00fchmt &nbsp;und gelangte, neu arrangiert und mit\nzeitgem\u00e4\u00dfem Rhythmus unterlegt, fast 30 Jahre sp\u00e4ter in die deutschen\nSingle-Charts. 1965 dreht er an der Seite von Vivien Leigh mit \u201eDas\nNarrenschiff\u201c seinen einzigen Film in Hollywood. Im Jahr darauf erh\u00e4lt er das\nGro\u00dfe Bundesverdienstkreuz. 1968 beginnt R\u00fchmann mit dem \u201eTod eines\nHandlungsreisenden\u201c von Arthur Miller seine Arbeit f\u00fcrs Fernsehen, in den 70ern\ngastiert er als \u201eFrosch\u201c in Strau\u00df\u2018 \u201eFledermaus\u201c gar an der Wiener Staatsoper.\nIn seinen letzten Lebensjahren entdeckte R\u00fchmann die Rezitation als neue\nLeidenschaft, etwa bei den Weihnachtslesungen des ZDF. Die Lesungen im\nHamburger Michel sind Monate im Voraus ausverkauft. <\/p>\n\n\n\n<p>1970 stirbt Hertha Feiler in M\u00fcnchen an Krebs. Da hatte er\nbereits ein Auge auf seine letzte Liebe geworfen: die sch\u00f6ne Witwe des\nVerlegers Willy Droemer, die auch Hertha hei\u00dft. 1971 l\u00e4dt sie R\u00fchmann zu einem\nAlpenrundflug in seinem Sportflugzeug ein \u2013 und es funkt. Sie ist 48, er 61,\nk\u00fcnftig sind sie unzertrennlich. Sie leben ein erf\u00fclltes Leben, mit Enkel und\nHund. Aus Liebe \u00e4ndert sie sogar ihren Rhythmus, geht mit ihm jeden Abend\nzeitig zwischen 21 und 22 Uhr ins Bett, weil er sie immer dabei haben will. \u201eIch\nhab mir nie erlaubt, auch nur eine Tasse Kaffee irgendwo zu trinken, weil ich\nwusste, dass er wartet und ungl\u00fccklich ist und dass man so schnell wie m\u00f6glich\nheim muss\u201c, erz\u00e4hlt sie sp\u00e4ter. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eR\u00fchmann war nicht\nkomisch\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Kinofilm \u201eGefundenes Fressen\u201c zieht sich R\u00fchmann 1977 langsam ins Privatleben zur\u00fcck. 1982&nbsp; erscheint seine Autobiographie \u201eDas war\u2018s\u201c. Die fr\u00fchere <em>H\u00f6rzu<\/em>-Chefreporterin Karin von Faber trifft ihn 1989 zu einem seiner raren Interviews. Ihre Analyse: <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p> \u201eDie permanente Unzufriedenheit mit sich selbst ist der Schl\u00fcssel zum  Ph\u00e4nomen R\u00fchmann. Seine Rollen gl\u00e4nzen wie Hochkar\u00e4ter \u2013 da schleift  einer so lange, bis es perfekt ist. Am Ende dieses Prozesses steht  anr\u00fchrende Einfachheit, durchsichtig wie ein Wassertropfen und ebenso  verletzlich.\u201c <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/R\u00fch-5.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4414\"\/><figcaption>Letzter Auftritt. Quelle: gala.de<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>1993 \u00fcbernimmt er seine letzte Kinorolle in Wim Wenders \u201eIn\nweiter Ferne, so nah\u201c. Seinen letzten Auftritt hatte R\u00fchmann am 15. Januar 1994\nin Linz bei \u201eWetten, dass\u2026?\u201c &#8211; das Publikum feierte den bereits zur lebenden\nLegende gewordenen Schauspieler mit minutenlangem st\u00fcrmischem Beifall und r\u00fchrte\nihn zu Tr\u00e4nen. Er stirbt 92j\u00e4hrig als der Mann, den Wenders \u201edas lebende\nDenkmal des kleinen Mannes im deutschen Film\u201c nannte. Hertha h\u00e4lt seine Hand\nund streichelt sie z\u00e4rtlich. \u201eEs war das Letzte, was ich f\u00fcr ihn tun konnte\u201c,\nschreibt sie sp\u00e4ter in ihrem Buch \u201eMeine Jahre mit Heinz\u201c. 1995 erhielt er posthum\ndie \u201eGoldene Kamera\u201c als \u201eGr\u00f6\u00dfter deutscher Schauspieler des Jahrhunderts\u201c;\nzuvor hatte er u.a. 13 Bambis gewonnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den \u201eStars in der Manege\u201c 1980 war er im Circus Krone mit Oleg Popow aufgetreten: In einem Wettstreit zweier Clowns, die sich um einen Flecken Sonnenlicht balgen &#8211; bis sie erkennen, dass der Himmelsglanz f\u00fcr alle reicht. Was f\u00fcr die Clownskunst gilt, stimmt auch f\u00fcr ihn: Bereite dich minuti\u00f6s vor. Nimm ernst, was du tust. Und: Verrate dein Spiel nie durch ironische Distanz. Diese Gratwanderung beim In-Eins-Fallen von Kunst und Leben \u2013 das war es, was das Publikum an ihm sch\u00e4tzte, wof\u00fcr es ihn feierte; und was nichts so treffend auf den Punkt bringt wie sein vielzitiertes Chanson \u201eDer Clown\u201c: <\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">\u201eEr wollte alle Menschen immer lachen machen <br>Und machte er selber auch ein trauriges Gesicht. <br>Und er konnte die komischsten Sachen machen <br>Aber selber gelacht hat er nicht.<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">Und hinter ihm liegt nun ein langes Leben <br>Bald wird sie verstummt sein, die Zirkusmelodie <br>Er hat Millionen das Lachen gegeben <br>Aber selber gelacht hat er nie.\u201c<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/r\u00fch.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4431\"\/><figcaption>R\u00fchmanns Grab. Quelle: Wikipedia<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D4401&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als einer, der die Herzen erreichte, wurde er postum als Deutschlands gr\u00f6\u00dfter Schauspieler des 20. Jahrhunderts geehrt \u2013 trotz seiner N\u00e4he zum NS-Regime: Heinz R\u00fchmann. Vor 25 Jahren starb er.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4,9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4401"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4401"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4401\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4485,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4401\/revisions\/4485"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4401"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4401"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4401"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}