{"id":4491,"date":"2019-11-07T06:42:52","date_gmt":"2019-11-07T05:42:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4491"},"modified":"2019-11-09T04:32:47","modified_gmt":"2019-11-09T03:32:47","slug":"ich-wollte-den-krieg-verhindern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4491","title":{"rendered":"\u201eIch wollte den Krieg verhindern\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Georg Elser umgibt bis heute etwas Anarchisches, Einsames,\nja Unwirkliches. Obwohl seine Verh\u00f6rprotokolle seit 1964 bekannt sind und damit\ndas misslungene Hitler-Attentat vom 8. November 1939 minuti\u00f6s rekonstruiert\nwerden konnte, dauerte es bis in die 1990er Jahre, bis sich die Geschichtsschreibung\nernsthaft mit ihm zu befassen begann. Erst 1989 erschien die erste\nElser-Biographie, erst in der zweiten zehn Jahre sp\u00e4ter wurden die Namen aller\nBeteiligten genannt. Und noch 2003 kam es gegen die Benennung der Schule seines\nlangj\u00e4hrigen Wohnorts K\u00f6nigsbronn zu Einw\u00e4nden, war der Ort im \u201eDritten Reich\u201c doch\nals \u201eAttentatshausen\u201c verunglimpft worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das liegt zum einen an Elsers Person: Ein freiheitsliebender\nFrauenheld aus schwierigen Familienverh\u00e4ltnissen, der zwar talentierter,\ndennoch einfacher Arbeiter war, als Katholik dem Kommunismus nahestand und Volksmusik\npflegte. Er geh\u00f6rte nicht zu den \u201eOffizieren, Adeligen und Studenten aus gutem\nHause, legitimiert durch Herkunft, Familie und gesellschaftliche Stellung\u201c,\nmeint der Theologe Hartwig Grubel im <em>SPIEGEL<\/em>.\nDaher konnte der Verfemte, der selbst in seiner Familie lange ein Tabu sein\nmusste, von keiner Seite als \u201eWiderstandsk\u00e4mpfer\u201c vereinnahmt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das liegt zum anderen aber auch an der &#8211; \u00fcberdies ethisch fragw\u00fcrdigen &#8211; Spiegelfunktion seiner Tat, die weder in Ost- und erst recht nicht in Westdeutschland auf Gefallen stie\u00df. Denn er war der Beweis, dass auch der \u201ekleine Mann\u201c, wenn er denn wollte, schon fr\u00fch das Unrecht des Nazi-Regimes durchschauen und auch als Einzelner etwas dagegen unternehmen konnte \u2013 die oft bem\u00fchte Floskel vom Nichts-gewusst-haben f\u00fchrte er ad absurdum: \u201eIch wollte den Krieg verhindern\u201c, begr\u00fcndete Elser schlicht sein Tun. Er habe schon \u201e1938 den Mut und die Weitsicht gehabt, die sich bei anderen erst eingestellt hatte, als der Krieg schon verloren\u201c war, erkl\u00e4rt Grubel.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Elser.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4493\"\/><figcaption>Georg Elser. Quelle: https:\/\/www.dw.com\/image\/15506354_401.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Dazu mussten Elsers Ansicht nach Hitler, G\u00f6ring und Goebbels\nverschwinden, gab er im Verh\u00f6r zu Protokoll: \u201eDurch meine \u00dcberlegungen kam ich\nzu der \u00dcberzeugung, dass durch die Beseitigung dieser drei M\u00e4nner andere M\u00e4nner\nan die Regierung kommen, die an das Ausland keine untragbaren Forderungen\nstellen, die kein fremdes Land einbeziehen wollen und die f\u00fcr eine Verbesserung\nder sozialen Verh\u00e4ltnisse der Arbeiterschaft Sorge tragen werden.\u201c Eine\nselbstgebaute Bombe schien ihm das geeignete Mittel dazu. <\/p>\n\n\n\n<p>Prompt stellt sich seit Jahren die Frage, ob die deutsche\nGeschichte im Falle des Gelingens seines t\u00f6dlichen Plans tats\u00e4chlich anders\nverlaufen w\u00e4re, und wenn ja, wie. \u201eDeutschland w\u00e4re bei einem gelungenen Attentat\nvermutlich keine Demokratie geworden, sondern ein autorit\u00e4rer Staat geblieben\u201c,\nglaubt Johannes Tuchel, Elser-Biograph und Leiter der Gedenkst\u00e4tte Deutscher\nWiderstand in Berlin. \u201eDoch die Grundz\u00fcge der NS-Politik h\u00e4tten sich mit\nSicherheit ver\u00e4ndert.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201edie L\u00f6hne niedriger\nund die Abz\u00fcge h\u00f6her\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der \u00e4lteste Sohn einer Bauerstochter wird am 4. Januar 1903\nin Hermaringen bei Heidenheim unehelich geboren. Im Jahr darauf zieht die\nFamilie zum Vater, ebenfalls Bauer, nach K\u00f6nigsbronn um, wo Elser bis 1925 wohnt.\nEr hat noch 5 Geschwister, gilt als mittelm\u00e4\u00dfiger Sch\u00fcler mit \u00fcberdurchschnittlichen\nLeistungen in Rechnen, Zeichnen und Sch\u00f6nschreiben und beendet nach einem\nhalben Jahr Landwirtschaftsgehilfe bei den Eltern und einer aus\ngesundheitlichen Gr\u00fcnden abgebrochenen Ausbildung zum Eisendreher 1922 eine\nSchreinerlehre.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach wechselnden T\u00e4tigkeiten in verschiedenen Schreinereien zieht Elser 1925 nach Konstanz, wo er vor allem in Uhrenfabriken besch\u00e4ftigt ist. Er tritt in verschiedene Trachtenvereine ein, wird Mitglied im Zitherclub Konstanz sowie 1928\/1929 auch des Roten Frontk\u00e4mpferbundes sowie der Holzarbeitergewerkschaft. Seit dieser Zeit sind wechselnde Liebschaften nachgewiesen, zuerst mit der Zuschneiderin Hilde Lang, dann mit der Kellnerin Mathilde Niedermann, die 1930 den nichtehelichen (und nachgewiesenerma\u00dfen einzigen) Sohn Manfred zur Welt bringt. Bis Fr\u00fchjahr 1932 bei der Uhrenfabrik Rothmund in Meersburg angestellt, erh\u00e4lt er bei deren Konkurs anstelle ausstehenden Lohns mehrere Uhrwerke. Zwei davon wird er f\u00fcr seine Zeitbombe im B\u00fcrgerbr\u00e4ukeller verwenden. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Elser-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4495\"\/><figcaption>Elser auf einem Ausflug. Quelle: https:\/\/www.swr.de\/swr2\/leben-und-gesellschaft\/Der-Hitler-Attentaeter-Georg-Elser-zweiter-von-rechts-auf-einem-Ausflug-mit-Freunden%2C1563003919538%2Cimage-swr-144098~<em>v-16&#215;9@2dM<\/em>-ad6791ade5eb8b5c935dd377130b903c4b5781d8.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Anschlie\u00dfend geht Elser zur\u00fcck nach K\u00f6nigsbronn, wo er in den Zitherclub eintritt und ein Verh\u00e4ltnis mit der verheirateten Elsa H\u00e4rlen unterh\u00e4lt, die ihm m\u00f6glicherweise einen unehelichen Sohn, eventuell gar zwei Kinder geboren haben k\u00f6nnte. Von 1936 bis 1939 arbeitet er als Hilfsarbeiter in der Armaturenfabrik Waldenmaier und erh\u00e4lt Kenntnis von einer geheimen Sonderabteilung f\u00fcr R\u00fcstungsproduktion. Nach dem Abschluss des M\u00fcnchner Abkommens und einer ersten Reise 1938 nach M\u00fcnchen mit dem Besuch der Gedenkveranstaltung zum gescheiterten Hitler-Putsch von 1923 im B\u00fcrgerbr\u00e4ukeller reift in ihm der Entschluss, ein Jahr sp\u00e4ter dort ein Attentat auf Hitler zu begehen. <\/p>\n\n\n\n<p>In den Verh\u00f6rprotokollen wird er sich als fr\u00fcher Gegner des\nNationalsozialismus bezeichnen, der nach 1933 den Hitlergru\u00df verweigerte und\nnach Augenzeugenberichten den Raum verlie\u00df, wenn Hitler-Reden im Rundfunk\n\u00fcbertragen wurden. Der Hauptgrund seiner Abneigung war zun\u00e4chst die Verschlechterung\nder Lebensbedingungen: \u201eSo z. B. habe ich festgestellt, dass die L\u00f6hne\nniedriger und die Abz\u00fcge h\u00f6her wurden. [\u2026] Der Stundenlohn eines Schreiners hat\nim Jahr 1929 eine Reichsmark betragen, heute wird nur noch ein Stundenlohn von\n68 Pfennigen bezahlt. [\u2026] Der Arbeiter kann z. B. seinen Arbeitsplatz nicht\nmehr wechseln, wie er will; er ist heute durch die HJ nicht mehr Herr seiner\nKinder, und auch in religi\u00f6ser Hinsicht kann er sich nicht mehr so frei\nbet\u00e4tigen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er entwendet bei Waldenmaier Pulver und Z\u00fcnder, erwirbt im Fr\u00fchjahr\n1939 als Hilfsarbeiter in einem Steinbruch Kenntnisse in der Sprengtechnik und\nstiehlt hier 105 Dynamit-Sprengpatronen und 125 Sprengkapseln. Nach seinem\nUmzug nach M\u00fcnchen im August ging Elser 30 Abende in den B\u00fcrgerbr\u00e4ukeller,\nbestellte immer das einfachste Gericht f\u00fcr 60 Pfennige und wartete, bis er\nunbemerkt in der Besenkammer verschwinden konnte. Dort harrte er aus, bis das\nLokal schloss, stieg auf die Empore und kniete sich vor die tragende S\u00e4ule\ndirekt hinter dem Rednerpult. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Minutengenau und doch\nzu sp\u00e4t explodiert<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die h\u00f6hlte Elser St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck aus, um Platz f\u00fcr die Bombe zu schaffen. Um nicht durch Ger\u00e4usche auf sich aufmerksam zu machen, musste er jeweils f\u00fcr zehn Minuten seine Arbeit unterbrechen, bis die automatische Toilettensp\u00fclung des B\u00fcrgerbr\u00e4ukellers einsetzte. Den anfallenden Schutt versteckte er in einem selbstgefertigten Sack, den er unter den Augen der Kellnerinnen tags\u00fcber hinaustrug und in der Isar entleerte. Parallel arbeitete er tags\u00fcber am Zeitz\u00fcnder.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Elser-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4496\"\/><figcaption> Elsers Sohn Manfred mit seiner Mutter Mathilde B\u00fchl, geb. Niedermann, um 1939. Quelle: https:\/\/www.swr.de\/swr2\/wird-referenziert\/00-redaktion\/07-fernsehen\/01-swr-fernsehen\/geschichte-entdeckungen\/Georg-Elser-mit-seiner-Mutter%2C1564057526947%2Cimage-swr-139624~<em>v-16&#215;9@2dM<\/em>-ad6791ade5eb8b5c935dd377130b903c4b5781d8.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Anfang November baute er mit inzwischen zerschundenen Knien seine\n\u201eH\u00f6llenmaschine\u201c samt Dynamitpatronen, Sprengkapseln und Schwarzpulver ein. Am\n6. November stellte er bei seiner Schwester Maria in Stuttgart seine Habe unter,\nam 7. pr\u00fcfte er durch Horchen das Ticken des Uhrwerks. Danach f\u00e4hrt er \u00fcber\nFriedrichshafen nach Konstanz und wird 20.45 Uhr durch eine Zollstreife wenige\nMeter vor der Grenze zur Schweiz gestoppt. Bei seiner Festnahme trug er unter\nanderem eine Ansichtskarte des B\u00fcrgerbr\u00e4ukellers sowie Teile des Zeitz\u00fcnders\nbei sich. Der damals 26j\u00e4hrige deutsche Grenzsch\u00fctzer Waldemar Zipperer, der\nihn festnahm, erhielt noch 1978 das Bundesverdienstkreuz.<\/p>\n\n\n\n<p>Explodieren sollte die Bombe um 21.20 Uhr \u2013 w\u00e4hrend Hitlers Rede. Und minutengenau tat sie das auch. Doch der Zufall namens Wetter verhinderte, dass die NS-F\u00fchrungsspitze an diesem Abend ausgel\u00f6scht wurde: wegen Nebels konnte Hitler nicht wie geplant mit dem Flugzeug zur\u00fcck nach Berlin reisen, sondern musste den Zug nehmen. Deshalb sprach er viel k\u00fcrzer als sonst und verlie\u00df die Veranstaltung schon um 21.07 Uhr. 13 Minuten sp\u00e4ter w\u00e4ren er und seine Gefolgsleute entweder direkt durch die Explosion oder durch die herabst\u00fcrzende Decke get\u00f6tet worden. Acht Menschen starben, darunter sieben Altnazis und eine Serviererin, 63 wurden verletzt. Elser wird derweil in der Konstanzer Gestapo-Zentrale bis in den fr\u00fchen Morgen verh\u00f6rt und tags darauf nach M\u00fcnchen verlegt. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Elser-3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4497\"\/><figcaption>  Aufr\u00e4umarbeiten nach dem Bombenattentat. Quelle: https:\/\/www.swr.de\/swr2\/wird-referenziert\/migration\/bilder\/abgelaufen\/Aufraeumarbeiten-im-November-1939-nach-dem-Bombenattentat-auf-Adolf-Hitler-im-Muenchner-Buergerbraeukeller%2C1562973939491%2Cimage-swr-136576~<em>v-16&#215;9@2dM<\/em>-ad6791ade5eb8b5c935dd377130b903c4b5781d8.jpg <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Als \u201eVergeltungsma\u00dfnahme\u201c lie\u00df der Kommandant des KZ\nBuchenwald Karl Otto Koch bereits am Tag nach dem Attentat 21 j\u00fcdische\nH\u00e4ftlinge erschie\u00dfen. Am 11. November&nbsp; dr\u00fcckte\ndie sowjetische Regierung dem deutschen Botschafter Friedrich-Werner Graf von\nder Schulenburg \u201eihr Bedauern und ihre Entr\u00fcstung \u00fcber den ruchlosen Anschlag\nvon M\u00fcnchen, ihre Freude \u00fcber die gl\u00fcckliche Errettung Adolf Hitlers aus der\nLebensgefahr und ihr Beileid f\u00fcr die Opfer des Attentats\u201c aus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201ein absolut\nunauff\u00e4lliger Weise zu liquidieren\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nach tagelangen Verh\u00f6ren mit Misshandlungen legt Elser ein\nGest\u00e4ndnis ab und wird ab 22. November offiziell als Attent\u00e4ter pr\u00e4sentiert. Als\nSonderh\u00e4ftling erst im KZ Sachsenhausen, dann unter dem Decknamen Eller im KZ\nDachau wurde er vergleichsweise gut behandelt, hatte eine eigene Zelle, eine\neigene Werkbank und eine Zither. Nach dem \u201eEndsieg\u201c sollte er in einem\nSchauprozess abgeurteilt werden. Die Heimatgemeinde K\u00f6nigsbronn wurde nach dem\nAttentat durch die Gestapo durchforscht, Elsers Eltern wurden vier Monate lang\ninhaftiert, Neffe Franz Hirth kam ins Waisenhaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 5. April 1945 ordnete Hitler parallel die Hinrichtung von\nAdmiral Canaris und des \u201ebesonderen Schutzh\u00e4ftlings\u201c Georg Elser an.\nGestapo-Chef Heinrich M\u00fcller lie\u00df den Auftrag am selben Tag dem Dachauer Kommandanten\nEduard Weiter \u00fcbermitteln: \u201e Bei einem der n\u00e4chsten Terrorangriffe auf M\u00fcnchen\nbzw. auf die Umgebung von Dachau ist angeblich \u201aEller\u2018 t\u00f6tlich [sic!]\nverungl\u00fcckt. Ich bitte, zu diesem Zweck \u201aEller\u2018 in absolut unauff\u00e4lliger Weise\nnach Eintritt einer solchen Situation zu liquidieren. Ich bitte besorgt zu\nsein, dass dar\u00fcber nur ganz wenige Personen, die ganz besonders zu verpflichten\nsind, Kenntnis erhalten\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend des 9. April vollstreckte der SS-Oberscharf\u00fchrer Theodor Bongartz heimlich und ohne Gerichtsurteil den T\u00f6tungsbefehl gegen 23.00 Uhr am Hinrichtungsplatz beim Krematorium in Dachau mit einem Genickschuss. Elsers Leiche wurde anschlie\u00dfend im Krematorium verbrannt. Zwanzig Tage sp\u00e4ter wurde Dachau durch US-Truppen befreit. Bongartz starb am 15. Mai 1945 in amerikanischer Gefangenschaft. \u00dcber Elser wurde in seiner Familie 50 Jahre lang nicht gesprochen. Sein Schicksal blieb f\u00fcr die Familie unbekannt, ein Grab gab es nicht, 1950 wurde er f\u00fcr tot erkl\u00e4rt. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"1001\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Elser-4-1024x1001.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4499\"\/><figcaption>Erfolgsmeldung. Quelle: https:\/\/www.welt.de\/img\/kultur\/mobile101495808\/9032502057-ci102l-w1024\/georg-elser-zeitung-DW-Vermischtes-Frankfurt-Main-Archiv-jpg.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Niemand konnte sich vorstellen, dass ein Schreiner ganz\nallein dieses Attentat begangen haben sollte. Hitler selbst dr\u00e4ngte darauf\nherauszufinden, wer dahinterstecke. Die NS-Propaganda machte den britischen\nGeheimdienst f\u00fcr den Anschlag verantwortlich. Regimegegner im In- und Ausland\nvermuteten hingegen, die Nationalsozialisten selbst h\u00e4tten den Anschlag mit\nElsner als Marionette inszeniert, um zu zeigen, dass die \u201eVorsehung\u201c den\n\u201eF\u00fchrer\u201c besch\u00fctze. <\/p>\n\n\n\n<p>Dabei war Elser ein selbstbewusster Mensch mit klarem Blick\nund verschmitztem L\u00e4cheln. Etwas Unternehmungslustiges und Unabh\u00e4ngiges lag in\nseinen Z\u00fcgen: Der Mut eines unsteten Alleing\u00e4ngers, der dennoch so fest war,\ndass er selbst die Nazis verwirrte. Niemandem hatte Elser von seinem Vorhaben\nerz\u00e4hlt. Allein Gott im Gebet vertraute sich der gl\u00e4ubige Katholik an, so steht\nes in seinen Verh\u00f6rprotokollen, die keine Hinweise auf irgendwelche\nHinterm\u00e4nner zutage f\u00f6rderten. &nbsp;Vielmehr\nkonnte Elser seinen Vernehmern bis ins kleinste Detail beschreiben, wie er\nseine \u201eH\u00f6llenmaschine\u201c, wie er sie fast liebevoll selbst nannte, konstruiert\nund im B\u00fcrgerbr\u00e4ukeller versteckt hatte. Auf deren Wunsch baute er die Bombe\nsogar nochmals nach. Die Gestapo-Beamten kamen zu dem Schluss, dass Elser\ntats\u00e4chlich ohne fremde Hilfe das Attentat geplant und durchgef\u00fchrt haben\nmusste. <\/p>\n\n\n\n<p>Trotzdem gab es noch lange nach dem Krieg massive Zweifel an\nder Alleint\u00e4terschaft Elsers. Sie begannen erst allm\u00e4hlich zu verstummen,\nnachdem der Historiker Lothar Gruchmann die verschollenen Verh\u00f6rprotokolle der\nGestapo 1970 ver\u00f6ffentlicht hatte. Zuvor verbreiteten selbst der als Vertreter\nder Bekennenden Kirche im KZ Sachsenhausen inhaftierte Martin Niem\u00f6ller und\nsp\u00e4ter auch der KZ-Aufseher Walter Usslepp das Ger\u00fccht, Elser sei\nSS-Unterscharf\u00fchrer gewesen und handelte auf Hitlers pers\u00f6nlichen Befehl. Viele\nweitere Ger\u00fcchte kamen in Umlauf und sind es zum Teil bis heute.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eeinsame Entscheidung\neines Menschen\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein eigenes Kapitel ist die Frage, ob Elsers Tat moralisch zu rechtfertigen ist. Das Dresdner Hannah-Arendt-Institut f\u00fcr Totalitarismusforschung HAIT ist 1999 dar\u00fcber fast zerbrochen. Denn in einem Artikel zum 60. Jahrestag des Attentats in der <em>Frankfurter Rundschau<\/em> verurteilte Lothar Fritze, Mitarbeiter am HAIT, den versuchten Tyrannenmord aus einer paternalistischen Perspektive. Elser h\u00e4tte im Raum bleiben m\u00fcssen, um unschuldige Anwesende nach der Abfahrt des \u201eF\u00fchrers\u201c zu warnen, oder eine Anschlagsmethode w\u00e4hlen m\u00fcssen, bei der nur Hitler getroffen worden w\u00e4re. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"182\" height=\"277\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Elser-5.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4501\"\/><figcaption> Ein Dogma auf dem Pr\u00fcfstand. Quelle:  https:\/\/encrypted-tbn0.gstatic.com\/images?q=tbn:ANd9GcTnkEWLpi2QFPc3HBd7DtnmuXn6G&#8211;mXiL8_NCMbHNuxFL38uZt<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Auch bem\u00e4ngelt er, Elser habe \u201eseine politische\nBeurteilungskompetenz \u00fcberschritten\u201c, indem er ein solches Attentat unternahm.\nFritzes Vorwurf des leichtfertigen Entfernens Elsers vom Tatort w\u00fcrde sich\nebenso auf Stauffenberg und dessen Attentat von 1944 beziehen lassen,\nentgegneten Kritiker. Eine Reihe von Philosophen und Politikwissenschaftlern\nunterst\u00fctzte Fritze. Der israelische Historiker Saul Friedl\u00e4nder hingegen\nverlie\u00df aus Protest den wissenschaftlichen Beirat des HAIT. Elser stehe \u201ef\u00fcr\ndie einsame Entscheidung eines Menschen, der sich in einer ethischen\nNotsituation befindet und einer Verantwortung folgt, die die eigene Existenz\ngeringer achtet als Recht und Gerechtigkeit und das allgemeine Wohl\u201c, meint\nauch Gruber. Aber ob das die get\u00f6tete Kellnerin auch so gesehen h\u00e4tte? <\/p>\n\n\n\n<p>Dem bereits 1972 durch die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes VVN eher unbeachtet eingeweihten Denkmal in Schnaitheim schloss sich erst nach Elsers Erw\u00e4hnung durch Bundeskanzler Helmut Kohl 1983 in seiner Rede zum 20. Juli ein Paradigmenwechsel in der Gedenkkultur an \u2013 der inzwischen allerdings ins Gegenteil zu kippen droht: 2017 waren schon 64 Stra\u00dfen und Pl\u00e4tze in Deutschland nach Elser benannt. B\u00fcsten, Installationen und Denkm\u00e4ler folgten, so 2011 in Berlin ein 17 Meter hoher Stahlmast. Seit 2001 wird alle zwei Jahre ein Georg-Elser-Preis f\u00fcr Zivilcourage verliehen. Anl\u00e4sslich seines 100. Geburtstags gab die Deutsche Post eine Sondermarke heraus.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Elser-6.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4502\"\/><figcaption>Brandauer-Version. Quelle: https:\/\/film-retro-shop.de\/media\/image\/16\/f3\/cb\/Georg-Elser-Einer-aus-Deutschland-Hartbox_600x600.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Elsers Leben wurde in H\u00f6rspielen, B\u00fchnenst\u00fccken und Filmen dramatisiert, darunter 1989 von Klaus Maria Brandauer, der auch die Titelrolle \u00fcbernahm und mit \u201eMephisto\u201c sowie \u201eHanussen\u201c weitere Filmadaptionen der NS-Zeit lieferte. Zuletzt drehte Oliver Hirschbiegel \u201eElser \u2013 Er h\u00e4tte die Welt ver\u00e4ndert\u201c, der 2015 den Bayerischen Filmpreis als \u201eBester Film\u201c erhielt. Pikant: Hirschbiegel hatte zehn Jahre zuvor \u201eDer Untergang\u201c mit dem j\u00fcngst verstorbenen Bruno Ganz gedreht, der die letzten Tage jenes Mannes beschreibt, den Elser eigentlich t\u00f6ten wollte: Adolf Hitler.<\/p>\n\n\n\n<iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D4491&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als der Schreiner Georg Elser seine Bombe explodieren lie\u00df, starben acht Personen &#8211; nicht aber Hitler, dem sie eigentlich galt. 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