{"id":4506,"date":"2019-11-13T07:00:20","date_gmt":"2019-11-13T06:00:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4506"},"modified":"2019-11-14T15:09:13","modified_gmt":"2019-11-14T14:09:13","slug":"eine-stupende-begabung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4506","title":{"rendered":"\u201eeine stupende Begabung\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Ein erster Biograph brauchte zu Lebzeiten des \u201eanstrengendsten\nNarren, den es je gab\u201c, schon 544, ein zweiter nach dem Tod desselben bereits\n717 Seiten: Horst Janssen. Eine Legende nicht zuletzt, weil er die b\u00fcrgerliche\nVorstellung vom K\u00fcnstler als Bohemien perfekt verk\u00f6rperte &#8211; als Egomane und\nProvokateur, als Lebemann, Trinker und Exzentriker, der S\u00e4tze wie \u201eMeine H\u00f6lle\nbin ich selber\u201c nicht nur sagte, sondern lebte. Der Zeichner, Grafiker, Autor,\nPlakatk\u00fcnstler, Illustrator und Fotograf feierte am 14. November seinen 90.\nGeburtstag.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Venediger Biennale-Preistr\u00e4ger von 1968, dem in\nOldenburg ein eigenes Museum gewidmet ist, gilt als einer der herausragendsten\nund produktivsten Zeichner und Grafiker des 20. Jahrhunderts, ja als Genie,\n\u201edas einzige, das der Hansestadt Hamburg seit 1945 beschert worden war\u201c, wie\nRudolf Augstein im <em>Spiegel<\/em> befindet. Er\nstand sich aber h\u00e4ufig auch selbst im Wege, war unberechenbar, oft betrunken,\neuphorisch, aufbrausend, sogar brutal und br\u00fcskiert Menschen wie etwa den Baron\nRothschild, dessen Auftrag zu einem Weinetikett er annimmt &#8211; um dann unter\neingeladenen Zeugen bei einem verabredeten Telefongespr\u00e4ch mit Rothschild den\nTelefonh\u00f6rer einfach nicht abzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon die Zahl der Anekdoten \u00fcber ihn ist Legion. Nach Erhalt des Darmst\u00e4dter Kunstpreises, seiner ersten Ehrung, f\u00e4hrt Janssen so lange mit dem Taxi um die Au\u00dfenalster, bis die Summe verbraucht ist: 5000 DM. Nach einem Autounfall verbl\u00fcfft er die Polizei durch seine Fertigkeit, Splitter der Windschutzscheibe zu zerkauen. Er ist imstande, wenn er Geld verloren hat, seine Frau zu beschuldigen, sie habe die Taschen seines Anzugs nicht tief genug gen\u00e4ht. Und wenn er von einer Geliebten heimkehrt, kann es passieren, dass er die Zahnprothese dort vergessen hat. Am n\u00e4chsten Morgen h\u00e4ngt das Ding, mit sch\u00f6nen Gr\u00fc\u00dfen, an der Wohnungst\u00fcr. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/aaa.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4533\"\/><figcaption>Der gealterte K\u00fcnstler. Quelle: https:\/\/www.ndr.de\/kultur\/janssen128_v-contentgross.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Manche meinen, diese Art rabaukische Existenz hinge mit\nseinen Kindheitsbesch\u00e4digungen zusammen. Geboren als nichtehelicher Sohn einer\nSchneiderin in Wandsbek, w\u00e4chst er in Oldenburg bei seinen Gro\u00dfeltern auf &#8211; seinen\nVater, einen schw\u00e4bischen Handelsreisenden, lernt er nie kennen. Sowohl der\nGro\u00dfvater, der ihn an Kindes statt annahm, als auch die Mutter starben fr\u00fch an\nTuberkulose. In der <em>Zeit<\/em> erkl\u00e4rt Anna\nvon M\u00fcnchhausen: \u201eEr z\u00e4hlt zu jenen armen Kerlen, die fr\u00fch Zuwendung vermisst\nhaben und dann ein Leben lang von jedem auf den Scho\u00df genommen werden wollen.\u201c Zeitlebens\nbleibt er sozial unterentwickelt: verantwortungslos, unsicher, ver\u00e4ngstigt,\nendlos verspielt, theatralisch, dabei auch wach und einf\u00fchlsam. Ein\nEgozentriker, ein klassischer Borderliner, der fr\u00fch schon seine inneren \u00c4ngste\nmit Alkohol zu d\u00e4mpfen versucht oder durch Aggressionen auslebt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eein hypersensibler,\nblitzschnell denkender Intellektueller\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1942 wurde er Sch\u00fcler der Nationalpolitischen\nErziehungsanstalt (Napola) in Hasel\u00fcnne, wo er durch einen abgest\u00fcrzten und\nverbrannten Britenpiloten auf dem Kartoffelacker ein Trauma erlitt, das er in\nder Metapher des \u201eFeuerreiters\u201c zeitlebens zu verarbeiten suchte. 1944\nadoptierte ihn Anna Janssen, die j\u00fcngere Schwester seiner Mutter, die in\nHamburg dann sein Kunststudium finanzierte und der er unter dem Kosenamen\n\u201eTantchen\u201c sprachlich und bildk\u00fcnstlerisch immer wieder ein Denkmal setzte.\nAber ambivalent bis zum Tod wird auch sein Verh\u00e4ltnis zu ihr bleiben: An ihr\nKrankenhausbett gerufen, hat er sich mit vier Flachm\u00e4nnern versorgt, und\nw\u00e4hrend die Sterbende seine rechte Hand umklammert, beschreibt er im ersten\nBand seiner Autobiographie&nbsp; seine\nGedanken: \u201eWas mach ich blo\u00df, wenn mein Tantchen noch nicht tot, mein Schnaps\naber alle ist?\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAls Melodie seiner Existenz kann gelten: von Geburt an zu wenig geliebt, in seinen ersten Jahren zu wenig beachtet und auch sp\u00e4ter viel zu oft nicht ernst genommen. Sein nicht zuletzt daraus resultierendes Ziel war es, als \u201aepochale Ausnahme\u2018 unsterblich zu werden; nicht mehr, aber auch nicht weniger. Bescheidenheit war sicher nicht seine gr\u00f6\u00dfte Tugend\u201c, fasst sein Freund Manfred Bissinger in der <em>Zeit<\/em> seinen Charakter zusammen. Verbote reizten ihn nur dazu, sie zu \u00fcbertreten, und das b\u00fcrgerliche Streben nach Sicherheit verachtete er zutiefst. Er war \u201eein hypersensibler, blitzschnell denkender Intellektueller, der, h\u00e4tte er nicht so fr\u00fch zu seinen malerischen H\u00f6henfl\u00fcgen angesetzt, vielleicht auch als Autor oder Uni-Professor die Karriereleiter hochgeklettert w\u00e4re\u201c, so Bissinger. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/aaa-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4534\"\/><figcaption> Horst Janssen zeichnend (1968). Quelle: https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Horst_Janssen#\/media\/Datei:HorstJanssen_cropped.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Auf der Landeskunstschule am Lerchenfeld bl\u00fcht er als\nMeistersch\u00fcler Alfred Mahlaus auf. In der Erinnerung einer Kommilitonin gew\u00e4hrte\nMahlau seinem Ausnahmestudenten jegliche Freiheit und akzeptierte, dass Janssen\nnicht \u201ewerden\u201c, sondern gleich \u201esein\u201c wollte. Sein Mitstudent war Vicco von\nB\u00fclow alias Loriot, mit dem er gar nicht klarkam und den er in seiner\ndistinguierten Haltung mit einem Hund von edler Rasse vergleicht, einer \u201eArt\nSociety-Z\u00fcchtung, die zu fast nix taugt als eben dazusitzen\u201c. 1947 wird in der <em>Zeit<\/em> eine erste Zeichnung publiziert, im\nJahr darauf erscheint das Kasperle-Buch \u201eSeid ihr alle da?\u201c. Doch Direktor Gustav\nHasenpflug, der ihn partout nicht leiden konnte, relegierte ihn 1951 ohne\nakademischen Abschluss. Auch das traf den \u201egenial \u00dcberbegabten\u201c (Wolfgang\nHildesheimer) tief, der von den ersten Strichen an hochaffektiv auf alles\nZeitgen\u00f6ssische reagierte und f\u00fcr Kunst und K\u00fcnstler um ihn herum nur Hohn und\nSpott parat hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Rettung verspricht jetzt und immer wieder die Liebe, der Beziehung\nmit einer verheirateten Frau entspringt 1950 der erste Sohn. Drei Jahre sp\u00e4ter\nsitzt er wegen Mordverdachts aus Eifersucht in Untersuchungshaft und wird\nschlie\u00dflich wegen Trunkenheit zu einer Bew\u00e4hrungsstrafe verurteilt. 1955\nheiratet er Marie Knauer, mit der er ein Jahr sp\u00e4ter Tochter Lamme bekommt, die\ner erst als erwachsene Frau kennenlernen und die bis zu seinem Tod bei ihm\nbleiben wird. Nach der Scheidung 1959 heiratet er im selben Jahr Birgit Sandner,\ndie Ehe h\u00e4lt nur wenige Wochen. 1960 versucht er es noch einmal mit Verena von\nBethmann Hollweg, Enkelin des ehemaligen Reichskanzlers, dem einzigen, nach dem\nkeine Stra\u00dfe benannt wurde. Ein Jahr sp\u00e4ter erblickt sein Sohn Philip das Licht\nder Welt. 1968 wird jedoch auch diese Ehe geschieden. Seine aufreibende\nLebensf\u00fchrung hat Janssen nie an der Produktion gehindert, sondern ihn vielmehr\nbefl\u00fcgelt: L\u00fcste wie Depressionen gingen ins Werk ein.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eZeichnerei und\nGeschlecht untrennbar verzwirnt\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im roten Faden, der sich durch Janssens Leben zieht, sind \u201emeine Zeichnerei und das Geschlecht untrennbar verzwirnt\u201c. Seine Aff\u00e4ren sind kaum zu z\u00e4hlen, wobei die Beziehung zu Gesche Tietje heraussticht, die ihm 1973 einen weiteren Sohn, Adam, zur Welt bringt. Er sei \u201estinknormal und kein wahnwitzig grotesker Liebhaber\u201c gewesen, sagt sie, und seine oft pornografischen Frauenbilder seien \u201ekraft seiner Fantasie und seiner ungeheuren kn\u00e4bischen Einbildungskraft\u201c entstanden. Janssen kann nicht allein und muss immer Mittelpunkt sein, ohne R\u00fccksicht auf Tabus. So bricht er mit Vorliebe in Ehen ein, macht Freunden und Vaterfiguren die Frau abspenstig, darunter Direktor Hasenpflug. Er ist grenzenlos, wenn er um eine neue Frau wirbt \u2013 Geschenke, Huldigungen, Einladungen, Anrufe, Heiratsantr\u00e4ge. Er hungert sich 20 Kilo herunter, um attraktiver zu wirken, entsagt sogar dem Alkohol (f\u00fcr eine Weile). Ihm ist es egal, ob er Ehen zerr\u00fcttet. Sowohl seine Beziehungen als auch seine Kinder schlugen sich in einer Vielzahl unterschiedlicher Portr\u00e4ts nieder. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/aaa-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4535\"\/><figcaption>&#8222;Hexenlust&#8220;. Quelle: http:\/\/www.galerie-keim.de\/janssen\/janssen_horst_hexenlust_42_g.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Mit 23 Jahren erh\u00e4lt Janssen ein Lichtwark-Stipendium der\nHansestadt Hamburg. Es folgen erste berufliche Erfolge und weitere Stipendien.\nSo erh\u00e4lt er Auftr\u00e4ge des Aschaffenburger Buntpapierfabrikanten Guido Dessauer,\nin dessen Werkstatt er die Technik der Lithografie beherrschen lernte. Bei Paul\nWunderlich \u00fcbte er die Technik der Radierung. Sp\u00e4testens seit Mitte der\nf\u00fcnfziger Jahre ist Janssen in Hamburg als vielseitiger Grafiker etabliert. 1956\nstellt er Farbholzschnitte in seiner Wohnung aus, sp\u00e4ter nutzt er die Treppe\nseines Wohnhauses als Verkaufsgalerie. An der Decke seines Arbeitszimmers\nh\u00f6hnte er in Gro\u00dfbuchstaben: \u201eIch liebe Euch nicht \u2013 ich kaufe Euch\u201c. Lob war\nf\u00fcr ihn so wichtig wie hochprozentiger Alkohol. Wenn vier oder f\u00fcnf G\u00e4ste versammelt\nwaren, zeigte Janssen gerne vor, was er in den stillen Morgenstunden geschaffen\nhatte. Er genoss die anerkennenden Worte, und manches Blatt verlie\u00df das Haus\nmit der Widmung: \u201eEinem, der es just lobte\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>1965 findet seine erste \u00f6ffentliche Ausstellung statt \u2013 als\nWerkschau der Kestner-Gesellschaft in Hannover, die dann in sieben weitere\nSt\u00e4dte wanderte: Als \u201eder gr\u00f6\u00dfte Zeichner au\u00dfer Picasso\u201c w\u00fcrdigte ihn Wieland\nSchmied, Direktor der Gesellschaft. 1966 wird er an der Hamburger Hochschule\nf\u00fcr Bildende K\u00fcnste Honorarprofessor. In den 70er-Jahren entdeckt der Lebemann,\nder seinen Ruf als Frauenheld, Rauf- und Saufbold nicht mehr loswird, die\nLandschaft. Hatte er zuvor \u00fcberwiegend Karikaturen, Portr\u00e4ts und Blumen\ngezeichnet, widmet er sich nun zunehmend dem Zeichnen und Radieren der Natur.\nDie Stadt Mannheim verleiht ihm 1975 den Schillerpreis, im selben Jahr ist er auf\nder Documenta 6 vertreten. <\/p>\n\n\n\n<p>Erst Anfang der 80er-Jahre gelingt dem K\u00fcnstler der internationale Durchbruch. Ausstellungen seiner Kunstwerke finden in Wien, Tokio, Oslo und Paris, Nowosibirsk und Moskau statt. Gro\u00dfe amerikanische Museen zeigen eine Wanderausstellung seiner Werke. Er fabriziert allein 30.000 sogenannte \u201eMalbriefe\u201c und widmet sich zeitgleich mehr und mehr der Schriftstellerei. 1987 erscheint der erste Band seiner Autobiografie \u201eHinkepott\u201c, zwei Jahre sp\u00e4ter der zweite Band \u201eJohannes\u201c, ein fiktiver Briefwechsel mit dem Journalisten Johannes Gro\u00df. Am 19. Mai 1990 st\u00fcrzte er mit dem Balkon seines Hauses aus 3,40&nbsp;m H\u00f6he in die Tiefe, mitsamt den Gef\u00e4\u00dfen, in denen er die f\u00fcr seine Radierungen ben\u00f6tigten S\u00e4uren verwahrte. Die Folge: Nicht nur Sch\u00e4delplatzwunde, Schienbeinfraktur und doppelter Beckenbruch, sondern beiderseitige \u201eHornhautver\u00e4tzung\u201c. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"828\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/aaa-3-1024x828.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4536\"\/><figcaption> Horst-Janssen-Museum in Oldenburg. Quelle: https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Horst_Janssen#\/media\/Datei:JanssenMuseumOldenburg.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Er berappelt sich zwar wieder, doch trotz weiterer\nAusstellungserfolge etwa in Dresden, Tokio und Oslo geht es k\u00f6rperlich bergab\nmit ihm. Von einem Facharzt l\u00e4sst Janssen sich laut Biograph Stefan Blessin sagen,\ner sei \u201eeiner der t\u00fcckischsten Alkoholiker\u201c, ein medizinischer Sonderfall \u00fcbrigens,\nweil er sogar in Entzugsperioden \u201ezirkelgenaue Kreise aus freier Hand \u00fcbers\nPapier\u201c zieht.&nbsp; 1992 wird er Ehrenb\u00fcrger\nseiner Kindheitsstadt Oldenburg, die 1995 eine gro\u00dfe Werkschau seines K\u00f6nnens\nzeigt. Im selben Jahr erleidet er einen Schlaganfall und stirbt am 31. August.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201everlorene, leere\nEnergie, die sich da verausgabt hat\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dieses \u201egummistiefeltretende Urviech\u201c, das mit den Jahren\ndas Aussehen einer \u201ein ihrem Fett bl\u00fchenden Uraltpuffmutter\u201c angenommen hat\n(Blessin), habe in den letzten Jahren seine Tage nur noch mit Champagner und\nAustern begonnen. Wenn er den ausgetrunken hatte, stieg er um auf guten\nWei\u00dfwein, so Bissinger, f\u00fcr dessen Nachschub die Blankeneser Taxifahrer\nsorgten: \u201eJanssen telefonierte, nannte seine W\u00fcnsche und lehnte die T\u00fcr an. Die\nFahrer kamen die Treppe hoch, traten ein, \u201amoin, moin\u2018, und holten sich aus dem\nrechts in der Ecke platzierten Sekret\u00e4r aus den oberen beiden Schubladen Geld.\nDann fuhren sie los und durften nach R\u00fcckkehr noch ein weiteres Mal zugreifen.\nIm oberen Fach lagen die Scheine ab 50 Mark, in dem unteren das \u201aGem\u00fcse\u2018, wie\nHorst das \u201aKleingeld\u2018 nannte. Es ist nicht bekannt, dass jemand das Privileg,\nden Sekret\u00e4r ohne jede Kontrolle zu nutzen, missbraucht h\u00e4tte. Keine\n\u00dcberraschung demnach, dass sich zu Janssens Beerdigung in Oldenburg im\nSeptember 1995 auch ein un\u00fcbersehbarer Treck von Blankeneser Taxen in Bewegung\nsetzte.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Viel hat die Kritik \u00fcber Janssen gestritten. Bewundert werden seine altmeisterliche Beherrschung des Zeichnerischen, die technisch perfekten Radierungen; verachtet wird sein hartn\u00e4ckiges Festhalten am Gegenst\u00e4ndlichen, Fig\u00fcrlichen. Bis zum Ende seiner Laufbahn nimmt Janssen eine \u00e4sthetische Haltung ein, die er jenseits aller Ideologien und \u201e-ismen\u201c auf den Aphorismus zuspitzt: \u201eBaum-Anschauung statt Weltanschauung.\u201c Ihm habe, schreibt Albrecht, \u201eder Geruch des Dekorativen\u201c angehaftet &#8211; damals ein Todesurteil. Es schadete ihm nicht. Zeichnen, so legte es sich Janssen zurecht, sei seine Art der Welt-Verdauung &#8211; wohin aber mit Unverdaulichem? Das kommt, wenn sich periodisch der \u201eSchlie\u00dfmuskel der Seele\u201c \u00f6ffnet, in den gef\u00fcrchteten Wutausbr\u00fcchen des K\u00fcnstlers zutage: \u201eHolt schnell meine Feinde, wenn meine Seele zu Topfe eilt\u201c, hei\u00dft es im \u201eHinkepott\u201c.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"712\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/aaa-4-712x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4537\"\/><figcaption> Stock des Farbholzschnitts \u201eDer Kaiser\u201c als Beton-Stele, U-Bahn-Eingang Farmsen, Hamburg 1960. Quelle: https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Horst_Janssen#\/media\/Datei:U-Farmsen.Relief.Janssen.west.wmt.JPG<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Sein Werk habe sich in seiner realistischen, zuweilen\nsurreal versponnenen Art v\u00f6llig desinteressiert an den aktuell verhandelten\nKunstthemen gezeigt, meint Hans-Joachim M\u00fcller in der <em>Welt<\/em>: \u201eVor den rasch aufeinanderfolgenden Moden und saisonalen\nKunstbehauptungen musste er wie aus der Zeit gefallen wirken: er, der in\nErotikbagatellen \u00e0 la Schiele brillierte, der im D\u00fcrer-Stil allerhand Kuriosa\ndes Alltags aufs Papier brachte, der im T\u00fcbke-Manierismus karnevaleske\nTotent\u00e4nze auff\u00fchrte, mit ironischer Hingabe tote Fische zeichnete und sich\nselber unerm\u00fcdlicher Gegenstand der zeichnerischen Betrachtung gewesen ist.\u201c Der\nauf B\u00fcrgerschreck eingew\u00f6hnte ausf\u00e4llige Zweizentnermann, der sich gern in\nSchlosserdrillich und Gummistiefel mit Pudelm\u00fctze kleidete, gilt als Bindeglied\nzwischen klassischer Moderne und Gegenwartskunst, ist aber heute, f\u00fcnfzwanzig\nJahre nach seinem Tod, ein nahezu Unbekannter, der Ruhm verweht, der Gefeierte\nfast vergessen. Der Szene und der Kunsthistorie gilt er nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWenn man das riesenhafte Werk \u00fcberblickt, dann begegnet man Blatt f\u00fcr Blatt einer stupenden Begabung. Aber man k\u00f6nnte nicht wirklich sagen, wof\u00fcr sie eingesetzt ist, wem sie dient\u201c, bilanziert M\u00fcller. \u201eEine Haltung zur Welt, ein Reflex auf Zeit und Geschichte, ist diesem Zeichnen nicht zu entnehmen. Es herrscht auf der langen Strecke ein vergn\u00fcglicher Plauderton, dem da und dort eine Groteske, ein Witz ger\u00e4t, der im n\u00e4chsten Blatt schon wieder kassiert wird. Er flie\u00dft einfach dahin, der Janssen-Strich, unaufhaltsam, und ganz wird man das Gef\u00fchl nie los, dass es aufs Ende gesehen doch verlorene, leere Energie ist, die sich da verausgabt hat.\u201c Es bleibt ein \u201evielschichtiges, hochsensibles Wesen\u201c, trauert Augstein, ein \u201egro\u00dfartiger Kerl, ein Monstrum, ein Mann\u201c, mit einer \u201eprotzenden Selbstgef\u00e4lligkeit, die ebenso wahr wie unecht daherkam\u201c und der alles Gesellschaftliche, alles Soziale um ihn herum f\u00fcr kunstfeindlich hielt. \u201eOb man sich in Jahrhunderten noch mit ihm befassen wird, m\u00f6gen die Jahrhunderte unter sich ausmachen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D4506&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er produzierte zehntausende Werke, hatte unz\u00e4hlige Aff\u00e4ren und wird in Hamburg bis heute als Genie verehrt: Horst Janssen. Jetzt w\u00fcrde der einstige Napola-Sch\u00fcler 90 Jahre alt.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4,7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4506"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4506"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4506\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4583,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4506\/revisions\/4583"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4506"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4506"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4506"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}