{"id":4620,"date":"2020-01-18T09:11:15","date_gmt":"2020-01-18T08:11:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4620"},"modified":"2019-12-01T09:33:56","modified_gmt":"2019-12-01T08:33:56","slug":"waschen-sie-sich-erst-einmal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4620","title":{"rendered":"\u201eWaschen Sie sich erst einmal!\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Was ein \u201eD\u00fcffeldoffel\u201c sein mag, wusste er wahrscheinlich selbst nicht,\nals er Helmut Kohl im M\u00e4rz 1980 im Bundestag so titulierte. Andere Abgeordnete\nkamen nicht so glimpflich davon. Den CDU-Abgeordneten M\u00f6ller forderte er auf\n\u201eWaschen Sie sich erst einmal! Sie sehen ungewaschen aus\u201c; der CDU-Abgeordnete\nWohlrabe wurde beim ihm zur \u201e\u00dcbelkr\u00e4he\u201c. Mit 77 Ordnungsrufen h\u00e4lt er bis heute\neinen einsamen Bundestagsrekord: Herbert Wehner. Die laut CDU-Generalsekret\u00e4r\nHeiner Gei\u00dfler \u201egr\u00f6\u00dfte parlamentarische Haubitze aller Zeiten\u201c starb am 19.\nJanuar 1990.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch nicht nur mit seinen Worten, auch mit seinem Verhalten polarisierte Wehner. So ist inzwischen bekannt, dass er im Mai 1974 Willy Brandt den R\u00fccktritt als Bundeskanzler aufzwang \u2013 und danach Krokodilstr\u00e4nen vergoss. Brandt-Intimus Egon Bahr berichtet, wie Wehner beim Eintritt Brandts im Fraktionssaal aufsprang, einen Blumenstrau\u00df in die H\u00f6he hielt und rief: \u201eWilly, du wei\u00dft, wir alle lieben dich!\u201c Eine Fernsehkamera nahm zuf\u00e4llig Bahr auf, wie ihm Tr\u00e4nen \u00fcber das Gesicht liefen. 2013 erkl\u00e4rt er das in der <em>ZEIT<\/em> mit seiner Fassungslosigkeit \u00fcber Wehners Hinterlist, ja den \u201eAbgrund von Heuchelei\u201c: \u201eIch habe nicht \u00fcber den R\u00fccktritt geweint \u2013 das ist Quatsch. Ich habe \u00fcber Wehners Ruchlosigkeit geweint.\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"1001\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/w-1024x1001.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4624\"\/><figcaption>Herbert Wehner. Quelle: https:\/\/www.welt.de\/img\/geschichte\/mobile116403168\/8202505047-ci102l-w1024\/Herbert-Wehner-beim-SPD-Bundesparteitag-1975-3.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Hinzu kamen seit 2002 die Erkenntnisse des Hamburger Historikers Reinhard\nM\u00fcller, der ausf\u00fchrlich darlegte, wie der damals bedeutende KPD-Politiker im Moskauer\nExil der drei\u00dfiger Jahre deutsche Genossen denunzierte und damit Mitschuld an\nvielen Exekutionen trug. Zu Wehnerts Opfern geh\u00f6ren unter anderem der KPD-Funktion\u00e4r\nLeo Flieg, der fr\u00fchere Sekret\u00e4r Ernst Th\u00e4lmanns, Erich Birkenhauer, und die\nKomintern-Funktion\u00e4re Grete Wilde und Georg Br\u00fcckmann. \u201eIch wei\u00df, dass Herbert\nkein Schuft war\u201c, behauptete seine Witwe Greta nach seinem Tod.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>dienstbe\ufb02issener\nMitarbeiter<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wehner wurde als \u00e4ltester von zwei S\u00f6hnen eines Schuhmachers und einer Schneiderin am 11. Juni 1906 im Dresdner Stadtteil Striesen geboren, wo er \u2013 mit einer etwa vierj\u00e4hrigen Unterbrechung, die die Familie ins Erzgebirge nach Schneeberg und L\u00f6\u00dfnitz f\u00fchrte \u2013 auch aufwuchs und die Volks- und die Realschule besuchte. Seine Eltern waren protestantische Christen und gleichzeitig aktive Sozialdemokraten. Als der Vater in den Krieg marschierte, brachte die kranke Mutter die Familie zun\u00e4chst mit 42 Mark je Monat durch. Bald musste Herbert mitverdienen. Er kam mit neun Jahren als Laufbursche zu einem Tischlermeister: Zwei Mark Wochenlohn. Sein gro\u00dfer Wunsch war die Schriftsetzer-Lehre, der traditionelle Start so manches arrivierten Sozialisten. Daraus wurde nichts. Stattdessen bekam er 1921 ein Stipendium f\u00fcr einen dreij\u00e4hrigen Ausbildungslehrgang zum Verwaltungsdienst. Man gab ihm zwar das Reifezeugnis, aber die Verwaltungslaufbahn blieb ihm dennoch versperrt. Er absolvierte anschlie\u00dfend in der Maschinenfabrik Hille eine Ausbildung zum kaufm\u00e4nnischen Angestellten. Im Januar 1923 trat er der SPD-Jugendorganisation bei, die er jedoch im Herbst schon wieder verlie\u00df: die SPD habe den Einmarsch der Reichswehr in sein Heimatland Sachsen unterst\u00fctzt und damit Verrat an der Einheitsfront begangen, so seine Begr\u00fcndung.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"443\" height=\"692\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/w-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4625\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/w-1.jpg 443w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/w-1-192x300.jpg 192w\" sizes=\"(max-width: 443px) 100vw, 443px\" \/><figcaption> Herbert Wehner (rechts) mit seiner Mutter Antonie und Bruder Rudi. Quelle: https:\/\/wehnerwerk.de\/workspace\/dokumente\/flyer-herbert-wehner-geburtstagsfuehrung-am-11.-juli_1.pdf <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Wehner ging zur Syndikalistisch-Anarchistischen Jugend Deutschlands\n(SAJD), mit der er schnell in Konflikt geriet, da er f\u00fcr den bewaffneten,\nrevolution\u00e4ren Kampf warb. 1926 trat er aus, formierte eine \u201eAnarchistische\nTatgemeinschaft\u201c und trat der bakunistischen Roten Hilfe, deren Zeitung\n\u201eRevolution\u00e4re Tat\u201c zum \u00fcberwiegenden Teil von Wehner geschrieben wurde.\nZugleich lernte er Erich M\u00fchsam kennen, der, nach dem verungl\u00fcckten M\u00fcnchner\nR\u00e4te-Experiment zu einer Festungshaft verurteilt, amnestiert, sp\u00e4ter im NS-KZ\numgebracht, damals als \u201eAnarchist\u201c galt. Sein Bekanntenkreis reichte von Lenin\nbis Ernst J\u00fcnger, sein Programm hie\u00df paradoxerweise \u201eLinke Sammlung\u201c. M\u00fchsam\nbrachte ab 1926 in Berlin die Zeitschrift \u201eFanal\u201c heraus, Herbert Wehner,\nzwanzigj\u00e4hrig, zog in dessen Wohnung und half ihm dabei. 1927 \u00fcberwarf er sich mit\nM\u00fchsam, wurde Mitglied der KPD und noch im selben Jahr hauptamtlicher Sekret\u00e4r\nder Roten Hilfe Deutschlands in Dresden. Im selben Jahr heiratete er die\nSchauspielerin Lotte Loebinger, beide trennten sich nach 1933 wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Es folgte ein schneller Aufstieg innerhalb der Parteiorganisation. Wehner wurde schon 1930 in den S\u00e4chsischen Landtag gew\u00e4hlt und sofort Fraktionsvize. Dieser rasche Aufstieg endete allerdings abrupt mit dem Antritt des neuen Bezirkschefs Fritz Selbmann, der 1931 nicht nur f\u00fcr Wehners Entfernung aus allen Parteifunktionen, sondern auch f\u00fcr dessen Abberufung aus Sachsen sorgte und sp\u00e4ter in DDR Karriere machte. Nach Monaten als einfacher Parteiarbeiter wurde er 1932 zum Technischen Sekret\u00e4r des Politb\u00fcros ernannt und hatte h\u00e4ufig Ernst Th\u00e4lmann zu begleiten. Nach dem Reichstagsbrand ging er in den Untergrund und wirkte im Kampf gegen das NS-Regime in Berlin, Saarbr\u00fccken, wo er mit Erich Honecker zu tun bekam, Paris und Prag. 1934 konnte er ein letztes Mal illegal seine Eltern in Dresden besuchen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"300\" height=\"397\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/w-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4626\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/w-2.jpg 300w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/w-2-227x300.jpg 227w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption>Spiegel-Titel. Quelle: https:\/\/magazin.spiegel.de\/EpubDelivery\/image\/title\/SP\/1993\/12\/300<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>1935 in Prag verhaftet und in die Sowjetunion abgeschoben, wohnte er ab 1937\nim Emigranten-Hotel \u201eLux\u201c und entging Stalins Gro\u00dfem Terror, dem sehr viele\ndeutsche Exil-Kommunisten zum Opfer fielen. M\u00fcller weist nach, dass Wehner ein\nehrgeiziger, ideologisch besessener \u00dcberzeugungst\u00e4ter war und Parteigenossen\ngenau beobachtete und denunzierte, wenn sie seiner Karriere im Wege standen\noder von der Parteilinie abwichen. M\u00fcllers Buch machte klar: Erst\ndienstbe\ufb02issene Mitarbeiter wie Herbert Wehner brachten die stalinistische\n\u00dcberwachungs- und Verfolgungsmaschinerie auf Touren. 1941 reist Wehner im Parteiauftrag\nnach Schweden, um von dort aus den Wiederaufbau der kommunistischen Partei in\nDeutschland zu organisieren. Nach seiner Verhaftung 1942 wird er wegen \u201eGef\u00e4hrdung\nder schwedischen Freiheit und Neutralit\u00e4t\u201c verurteilt und bis 1944 inhaftiert.\nDas Politb\u00fcro der KPD unter Leitung Wilhelm Piecks geht davon aus, dass Wehner\ndie schwedische Strafverfolgung dazu genutzt hat, sich dem Parteiauftrag zu\nentziehen, den kommunistischen Widerstand in Deutschland zu organisieren, und\nschlie\u00dft ihn aus der KPD aus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Einmal\nKommunist, immer Kommunist?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der Haft entstanden die Schrift \u201eSelbstbesinnung und\nSelbstkritik\u201c (1942) sowie die \u201eNotizen\u201c (1946), in denen er Rechenschaft\nablegte und deutlich machte, dass er mit dem Kommunismus gebrochen hat. Nach seiner Entlassung 1944 arbeitet er in Schweden zun\u00e4chst in\neiner Viskosefabrik, anschlie\u00dfend als wissenschaftlicher Archivmitarbeiter und lernt\nCharlotte Burmester kennen. Die Witwe des in Hamburg ermordeten kommunistischen\nWiderstandsk\u00e4mpfers Carl Burmester hatte selber zwei Jahre im Gef\u00e4ngnis\ngesessen. Schwer herzkrank, war sie 1935 haftunf\u00e4hig in Freiheit gesetzt worden\nund 1937 nach Schweden entkommen. Lotte schickte Wehner Lebensmittel und B\u00fccher\nins Lager. Nach der Internierungshaft heirateten sie. Seither hilft Frau Lotte\nnicht nur beim t\u00e4glichen Auswerten der Zeitungen. Sie ist der einzige Mensch,\nder Herberts unverbindlichen Habitus \u2013 \u201eIch bin kein Mann, auf den, wie aufs\nLicht, die Motten fliegen\u201c &#8211; auflockern und mildern kann, und brachte die\nTochter Greta mit in die Ehe.<\/p>\n\n\n\n<p>1946 nach Deutschland zur\u00fcckgekehrt, wurde er Mitglied der SPD in Hamburg und rasch enger Vertrauter von SPD-Chef Kurt Schumacher. Er arbeitete als Redakteur f\u00fcr das <em>Hamburger Echo <\/em>und zog bei der Wahl 1949 als Abgeordneter f\u00fcr den Wahlkreis Harburg in den Bundestag ein. F\u00fcr diesen Wahlkreis war er bis 1983 direkt gew\u00e4hlter Bundestagsabgeordneter, wurde bis 1966 zweimal zum Fraktionsvize gew\u00e4hlt und war \u00a0bis 1973 au\u00dferdem SPD-Bundesvize. Auf Wehners Idee geht der 17. Juni als Tag der deutschen Einheit zur\u00fcck. Sein Wiedervereinigungsprogramm umfasste 1954 u.a. einen verbilligten Urlauberverkehr Ost-West und auch West-Ost \u00fcber die Zonengrenze, Gesamtdeutsche Sportmeisterschaften und Nationalmannschaften sowie die Angleichung von DM-West und DM-Ost durch Westkredite. 1959 war er ma\u00dfgeblich an der innerparteilichen Durchsetzung des Godesberger Programms beteiligt, durch das sich die SPD endg\u00fcltig vom Marxismus abwandte und auch programmatisch zur Volkspartei entwickelte. Mit seiner Grundsatzrede vor dem Bundestag am 30. Juni 1960 l\u00e4utete er weiter den au\u00dfenpolitischen Kurswechsel der SPD hin zur Westbindung und der Anerkennung der NATO-Mitgliedschaft ein. Markant wurde seine \u00fcberdimensionale Pfeife.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"1001\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/w-3-1024x1001.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4627\"\/><figcaption>Wehner mit Pfeife. Quelle: https:\/\/www.welt.de\/img\/regionales\/hamburg\/mobile116707824\/5012508447-ci102l-w1024\/Politik-SPD-HERBERT-WEHNER.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Schon seit Ende der 40er Jahren stand er unter aktiver Beobachtung der Kommunisten,\nes gab Kampagnen und Anschl\u00e4ge gegen den \u201eVerr\u00e4ter\u201c. Der Mainzer KPD-Sekret\u00e4r\nWilhelm Prinz versuchte es mit pornographisch aufgeputzten Pamphleten, der Ex-Soldat\nOberbichler wurde mit Pistole und Messer geschnappt, gestand und verpfiff seinen\nAuftraggeber, die KPD. \u201eDer Plan war klar. H\u00e4tte man mich irgendwo mit eingeschlagenem\nSch\u00e4del gefunden und Oberbichler als T\u00e4ter verhaftet, dann h\u00e4tten die\nInteressenten sehr rasch eine Erkl\u00e4rung parat gehabt: Zwei Gangster. Politische\nMotive h\u00e4tte kaum jemand vermutet. Die KPD w\u00e4re drau\u00dfen geblieben\u201c, meint er\nsp\u00e4ter. Aber auch Ost-Berlin versuchte es mit Spezialagenten und\nDiffamierungskampagnen bei Adenauer: \u201eEinmal Kommunist, immer Kommunist\u201c, so\ndas Kalk\u00fcl.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Kabinett der ersten Gro\u00dfen Koalition unter Kiesinger wurde Wehner 1966\nBundesminister f\u00fcr gesamtdeutsche Fragen; in diesem Amt hatte er betr\u00e4chtlichen\nAnteil am Freikauf politischer H\u00e4ftlinge aus der DDR. Als\ndeutschlandpolitischer Spitzenpolitiker der SPD bem\u00fchte er sich darum, die\nFolgen der Teilung Deutschlands f\u00fcr die Menschen zu mildern und setzte sich auch\nf\u00fcr die R\u00fcckkehr der deutschen Kriegsgefangenen sowie Familienzusammenf\u00fchrungen\nein. Obwohl er nach 1969 mit einer Fortsetzung der Gro\u00dfen Koalition lieb\u00e4ugelte,\nfolgte er loyal Brandts sozialliberalem Kurs, wechselte vom Kabinett an die\nSpitze der SPD-Fraktion und blieb dort w\u00e4hrend der gesamten Dauer dieser\nKoalition. Der liebevoll bis respektvoll-distanziert \u201eOnkel Herbert\u201c genannte Wehner\nsorgte im Zusammenspiel mit seinem ebenfalls aus Dresden stammenden\nFDP-Kollegen Wolfgang Mischnick f\u00fcr Fraktionsdisziplin und erwarb sich schnell\nden Ruf eines \u201eZuchtmeisters\u201c, ja \u201eK\u00e4rrners\u201c, der die Abgeordneten an der Seite\nder Brandt-gef\u00fchrten Regierung hielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Kabinettst\u00fcckchen: Das Misstrauensvotum vom April 1972. Als CDU-Chef Rainer Barzel versuchte, sich zum Kanzler w\u00e4hlen zu lassen, ordnete Wehner das Fernbleiben der Fraktion von der Abstimmung an, weil er einen Stimmenkauf der Opposition bef\u00fcrchtete. Mit einer Ausnahme stimmten von der SPD nur die Mitglieder der Regierung ab, und Barzel fehlten schlie\u00dflich wider Erwarten zwei Stimmen zur notwendigen Mehrheit. 1973 initiierte er auch die Gr\u00fcndung der Arbeitsgemeinschaft f\u00fcr Arbeitnehmerfragen in der SPD. Im selben Jahr reiste er zu einem geheimen Treffen mit Honecker in die DDR, als die pl\u00f6tzlich die Ausreisen gestoppt hatte, und besprach mit ihm humanit\u00e4re Fragen der deutsch-deutschen Beziehungen. Viele meinen, er soll seine eigenen politischen Spielchen gespielt und mit Honecker gegen Brandt kooperiert haben, um daf\u00fcr zu sorgen, dass die deutsche Teilung unbegrenzt erhalten blieb. Wehner notierte schon im Fr\u00fchjahr 1960, es werde wohl keinen direkten Weg zur Wiedervereinigung mehr geben. \u201eMenschliche Beziehungen\u201c sollten die beiden Teile Deutschlands verklammern.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/w-4.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4628\"\/><figcaption>Der &#8222;K\u00e4rrner&#8220; mit Schmidt und Brandt. Quelle: https:\/\/img.zeit.de\/bilder\/2006\/27\/zeitlaeufte\/wehner-schmidt-brandt-410.jpg\/imagegroup\/wide__820x461__desktop<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Der DDR-Spionagechef Markus Wolf berichtet in seinen Erinnerungen gar \u00fcber\ngeheime Kontakte Wehners zur SED-F\u00fchrung und dem DDR-Auslandsnachrichtendienst\nund meinte, dass er zu Erich Honecker eine private Freundschaft entwickelte. Das\nstand im Gegensatz zu seiner nach au\u00dfen hin vertretenen antikommunistischen\nRhetorik. Die Kontaktabwicklung mit Wehner lief gr\u00f6\u00dftenteils \u00fcber den Anwalt\nWolfgang Vogel. Wehners Kritiker hatten dem einflussreichen SPD-Mann seine\nL\u00e4uterung durch das eigene Erleben des buchst\u00e4blich lebensgef\u00e4hrlichen Exils im\nMoskauer \u201eHotel Lux\u201c nie abgenommen. Sie hatten vielmehr den Verdacht, der\ngeb\u00fcrtige Dresdner k\u00f6nnte ein Gew\u00e4hrsmann der SED-F\u00fchrung in Bonn sein. So\nmissachtete er in den Koalitionsverhandlungen mit der FDP schon 1972 bewusst\ndie W\u00fcnsche des damals erkrankten Willy Brandt: Angeblich habe er dessen Brief\n\u201ein seiner Aktentasche vergessen\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Intrigant\nund Manipulator<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nicht nur die Koalition br\u00f6ckelte, auch sein Verh\u00e4ltnis zu Brandt:\n\u201eBrandt\nf\u00fchrt nicht. Der Herr badet lau. Der Regierung fehlt ein Kopf.\u201c Mit diesen\nstarken, zutiefst illoyalen S\u00e4tzen zitierten Nachrichtenagenturen Ende Oktober\n1973 Wehner, der sich auf seiner ersten Moskaureise seit seinem Bruch mit dem\nKommunismus mit seinem Vorgesetzten aus KPD-Zeiten getroffen und offenbar noch\nsch\u00e4rfer gegen den Bundeskanzler ausgeteilt hatte. Brandts knappes Urteil: \u201eDas\nist ein Verr\u00e4ter.\u201c Er ordnete an, sofort ein Sonderflugzeug nach Moskau zu\nschicken, das Wehner umgehend zur\u00fcckbringen sollte. Auf dem R\u00fcckflug sollte er\nsein R\u00fccktrittsschreiben als Fraktionschef unterzeichnen. Egon Bahr hielt Brandt\ndavon ab \u2013 und bereute das bis zu seinem Tod.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann, 1974, kam die Guillaume-Aff\u00e4re, und Wehner stellt die Regierungsbeteiligung der SPD \u00fcber alle Personalien. Brandt trat zur\u00fcck, blieb aber Parteivorsitzender, und Bundesminister Helmut Schmidt \u00fcbernahm die Kanzlerschaft &#8211; beides soll von Wehner gew\u00fcnscht gewesen sein. 1979 stirbt seine zweite Frau, Stieftochter Greta dient ihrem Stiefvater schon l\u00e4nger als Sekret\u00e4rin und Betreuerin und hatte daf\u00fcr ihren Beruf aufgegeben. 1980 wurde er als einer von zehn Abgeordneten, die seit der ersten Bundestagswahl ununterbrochen dem Parlament angeh\u00f6rten, erneut ins Parlament gew\u00e4hlt \u2013 als Alterspr\u00e4sident. Mit dem Bruch der sozialliberalen Koalition und der Wahl von Helmut Kohl zum Bundeskanzler 1982 fungierte Wehner f\u00fcr einige Wochen als Oppositionsf\u00fchrer und entschloss sich, bei den Neuwahlen 1983 aus Alters- und Gesundheitsgr\u00fcnden nicht mehr zu kandidieren. Nach seinem R\u00fcckzug machte sich bald eine diabetesverursachte Demenzerkrankung bemerkbar. Als er 1985\/86 mit Greta, die er inzwischen als dritte Frau geheiratet hatte, auf Vermittlung von Wolfgang Vogel privat letztmalig das Erzgebirge und seine Heimatstadt Dresden besuchte, gab es nur wenige lichte Momente der Erinnerung. Greta, die Herbert um gut 27 Jahre \u00fcberleben sollte, zog nach seinem Tod nach Dresden und gr\u00fcndete im Mai 2003 die Herbert-und-Greta-Wehner-Stiftung: \u201eIch wollte etwas von Herbert zur\u00fcckbringen, weil er selbst nicht mehr zur\u00fcckkonnte\u201c, sagte sie <em>n-tv<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/w-5.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4629\"\/><figcaption>Wehner im Erzgebirge. Quelle: https:\/\/media.saechsische.de\/2\/6\/4\/64bec10a3de6e6ff415d7ad60dd9fd61.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Auch noch nach seinem Tod war Wehner Angriffen von politischen Gegnern\nund Sensationsjournalisten ausgesetzt: So f\u00f6rderte der <em>Spiegel<\/em> 2014 zutage, dass Honeckers Geschenk zu Wehners 75.\nGeburtstag, die Erzgebirgsschnitzerei \u201eHolzschlepper\u201c, die Stasi aus dem\nSchneeberger Heimatmuseum entwendet hatte, und wunderte sich: \u201eAusgerechnet der\nDDR-Geheimdienst, der den abtr\u00fcnnigen Ex-Kommunisten Wehner nach dem Zweiten\nWeltkrieg bis in die sp\u00e4ten Sechzigerjahre mit Diffamierungskampagnen \u00fcberzogen\nund sogar Mord- und Entf\u00fchrungspl\u00e4ne gegen ihn ausgeheckt hatte, war bei der\nBeschaffung von Honeckers Geburtstagsgeschenk behilflich gewesen\u201c. Greta gab\ndie Skulptur danach dem Museum zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Wehner geh\u00f6rt neben Willy Brandt und Helmut Schmidt einerseits zu den bedeutendsten SPD-Politikern der Nachkriegszeit, der die Partei aus dem Gespinst des Marxismus l\u00f6ste und sie an die Westbindung der Bundesrepublik heranf\u00fchrte. Seine Leitziele waren die Demokratisierung von Staat und Gesellschaft sowie die Integration der Arbeitnehmerschaft in das demokratische Staatswesen. Nach ihm sind u.a. in Hamburg und Dresden Stra\u00dfen und Pl\u00e4tze benannt. Er erfuhr zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen, neben dem Bundesverdienstkreuz die Ehrendoktorw\u00fcrde der Hebr\u00e4ischen Universit\u00e4t Jerusalem und die Ehrenb\u00fcrgerschaft Hamburgs. Im Jahr 2000 war Wehner einer der \u201e100 Dresdner des 20. Jahrhunderts\u201c der <em>Dresdner Neueste Nachrichten<\/em>. Die fast fertige neue Parteizentrale der s\u00e4chsischen SPD in Dresden hei\u00dft Herbert-Wehner-Haus. Andererseits war der einstige Kommunist und KPD-Funktion\u00e4r ein hemmungs- und r\u00fccksichtsloser Machtmensch, ein Intrigant und Manipulator. Das haben ihm viele Weggef\u00e4hrten zeitlebens nie vergessen.<\/p>\n\n\n\n<iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D4620&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er galt als \u201eZuchtmeister\u201c der SPD, sa\u00df 34 Jahre im Bundestag und wurde als KPD-Denunziant enttarnt: Herbert Wehner. 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