{"id":4670,"date":"2020-01-19T11:32:31","date_gmt":"2020-01-19T10:32:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4670"},"modified":"2019-12-29T11:51:45","modified_gmt":"2019-12-29T10:51:45","slug":"diese-verdammte-kueche-nie-gebaut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4670","title":{"rendered":"\u201e\u2026diese verdammte K\u00fcche nie gebaut\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Frau mit dem Dutt und der langen Sch\u00fcrze sieht abgearbeitet aus.\nJeder ihrer Handgriffe wirkt m\u00fchselig. Sie zieht Schrankt\u00fcren auf, reckt sich\nnach Deckeldosen, holt etwas aus einer schwerg\u00e4ngigen Tischschublade, sch\u00fcrt\nFeuer\u2026 So beginnt 1927 ein Werbefilm f\u00fcr die \u201eFrankfurter K\u00fcche\u201c, die\nschlie\u00dflich im zweiten Teil pr\u00e4sentiert wird \u2013 mit einer entspannten Frau als\nProtagonistin, die statt Sch\u00fcrze ein seidig schimmerndes Kleid und Bubikopf\ntr\u00e4gt. Die Erfinderin dieser K\u00fcche, Margarete Sch\u00fctte-Lihotzky, starb am 18.\nJanuar vor 20 Jahren in Wien. \u201eWenn ich gewusst h\u00e4tte, dass alle immer nur\ndavon reden, h\u00e4tte ich diese verdammte K\u00fcche nie gebaut\u201c, sagte sie als\n97j\u00e4hrige dem <em>Standard<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Geboren am 23. Januar 1897 als Tochter einer b\u00fcrgerlich-pazifistischen Beamtenfamilie,\nnahm sie nach dem Besuch der Volks- und B\u00fcrgerschule in Wien ein Jahr lang Privatunterricht\nbei einem Kunstmaler und besuchte anschlie\u00dfend f\u00fcr zwei Jahre die Graphische\nVersuchs- und Lehranstalt. 1915 begann sie ein Studium an der Kunstgewerbeschule\nund fasste, da sie im Bauen die M\u00f6glichkeit sah, die t\u00e4gliche Umgebung des\nMenschen zu verbessern, schon in der Vorbereitungsklasse den Entschluss,\nArchitektin zu werden: Gustav Klimt, ein Freund der Mutter, hatte einen\nEmpfehlungsbrief an die &nbsp;Kunstgewerbeschule\ngeschrieben. Sie studierte Entwurf bei Oskar Strnad und Baukonstruktion bei\nHeinrich Tessenow, ist mit B\u00e9la B\u00e1rtok und Max Reinhardt befreundet.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade 20 Jahre alt, gewann sie im dritten Studienjahr den Max-Mauthner-Preis f\u00fcr ihren Entwurf einer Arbeiterwohnung. Vorher hatte sie sich auf Anraten von Strnad das Elend in den armseligen Arbeiterunterk\u00fcnften mit eigenen Augen angesehen \u2013\u00a0 sieben bis acht Personen lebten dort am Ende des Ersten Weltkriegs in einem Raum und unter unglaublichen sanit\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen. Ihre aus diesen Eindr\u00fccken gewonnene soziale Berufseinstellung behielt sie ihr Leben lang bei. \u201eJeder hat mir das ausreden wollen, dass ich Architektin werde, mein Lehrer Strnad, mein Vater und mein Gro\u00dfvater. Nicht weil sie so reaktion\u00e4r waren, sondern weil sie geglaubt haben, ich werde dabei verhungern\u201c, lacht sie Jahrzehnte sp\u00e4ter.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/S\u00e4Z-7.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4672\"\/><figcaption>Die Sch\u00f6pferin und ihr &#8222;Werk&#8220;, Quelle: https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/serie-frauen-im-bauhaus-margarete-schuette-lihotzky.1013.de.html?dram:article_id=437461 <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Mit 22 schloss sie als erste Frau in \u00d6sterreich ihr Architekturstudium ab\nund wurde sofort von Alfred Loos engagiert, dem Chefarchitekten des St\u00e4dtischen\nSiedlungsamtes. Sie entwarf den Prototyp der \u201eSiedlerh\u00fctte\u201c, einen ganz aus\nHolz gefertigten W\u00fcrfel mit 4,5 Metern Seitenl\u00e4nge, in dem sie unter perfekter\nAusnutzung des Raumes alle notwendigen Einrichtungsst\u00fccke unterbrachte. Diese\nH\u00fctte diente als erste anst\u00e4ndige Unterkunft f\u00fcr Tausende von\nFl\u00fcchtlingsfamilien am Ende des Krieges und die vielen obdachlosen Arbeiter,\ndie seit Beginn des Jahrhunderts auf der Suche nach Arbeit vom Land in die\nStadt gezogen waren. Es folgen mehrere Auftr\u00e4ge f\u00fcr Wohnungsbauten,\nKleingartensiedlungen und Kinderg\u00e4rten: Sie beteiligte sich bei Ernst Egli an\nPlanungen f\u00fcr die \u201eSiedlung Eden\u201c und war auch an der Planung des\n\u201eWinarskyhofes\u201c beteiligt, einem Geb\u00e4udekomplex des Wiener\nGemeindewohnungsbaus. Sie lernt den Frankfurter Hochbauamtsleiter Ernst May\nkennen, der ihr mehrere Publikationen erm\u00f6glicht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eGestaltung\nformt Gesellschaft\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Tod ihrer Eltern holt May die Architektin nach Frankfurt, um in\nder Abteilung T des Hochbauamtes mitzuarbeiten &#8211; T wie Typisierung. Unter seiner\nLeitung lie\u00df das Frankfurter Baudezernat zwischen 1925 und 1930 rund 20\nSiedlungen mit 12 000 Wohnungen hochziehen \u2013 eine enorme Leistung. \u201eMan wollte\neine sozialliberale Gesellschaft erm\u00f6glichen, in der sich die \u00f6ffentliche Hand\num die Menschen k\u00fcmmert\u201c, erkl\u00e4rt der Offenburger Professor f\u00fcr Designtheorie\nKlaus Klemp im <em>Journal Frankfurt<\/em>. Die\nVision des \u201eNeuen Frankfurt\u201c war in erster Linie eine soziale: Wie konnte man erreichen,\ndass so viele Menschen wie m\u00f6glich anst\u00e4ndig wohnen konnten? Wie konnte die\nStadt preiswert modernisiert werden? <\/p>\n\n\n\n<p>Dabei waren zwei Aspekte pr\u00e4gend. Zum ersten eine \u201e\u00c4sthetik des\nGebrauchs\u201c: Die Wohnung sollte ein Ort zum Wohnen und Ausruhen sein, kein\n\u201eTummelplatz der Eitelkeiten\u201c. Dem Neuen Frankfurt entsprechend, sollte die\nWohnung g\u00fcnstig in der Herstellung, praktisch und \u00e4sthetisch sein. May wusste,\nwas sich die Arbeiter leisten konnten \u2013 und was nicht. Der zweite Aspekt griff\nauf lebens- und gesellschaftsreformerische Bem\u00fchungen zur\u00fcck: \u201eGestaltung formt\nGesellschaft\u201c. Dazu geh\u00f6rte auch die K\u00fcche der Zukunft als neue Wohnform, damit\ndie Frau noch Zeit f\u00fcr andere Dinge au\u00dfer dem Haushalt habe und sich damit ihre\nRolle in der Gesellschaft ver\u00e4ndern k\u00f6nne: \u201eJede denkende Frau muss die\nR\u00fcckst\u00e4ndigkeit bisheriger Haushaltf\u00fchrung empfinden und darin schwerste\nHemmung eigener Entwicklung und somit auch der Entwicklung ihrer Familie\nerkennen\u201c, hie\u00df es. Und daf\u00fcr nun war Lihotzky zust\u00e4ndig.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Stoppuhr in der Hand machte sie sich ans Werk und versuchte, die Arbeitsvorg\u00e4nge in der K\u00fcche effizienter zu gestalten, indem sie sie auf der Grundlage von Aufzeichnungen die Griff- und Schrittwege beim Kochen erstmals einer wissenschaftlichen Analyse unterwarf. Ausgangspunkt war die K\u00fcche eines Mitropa-Speisewagens. Bei der Hausarbeit muss genau wie bei der Arbeit im Fabrik- oder B\u00fcrobetrieb gr\u00f6\u00dfte Leistung bei geringem Kraftaufwand das Ziel sein, lautet eine der Botschaften im Werbefilm: Auf einer kleinen Aktionsfl\u00e4che vor den L-f\u00f6rmig angeordneten Schr\u00e4nken und Arbeitsger\u00e4te sollte so viel wie m\u00f6glich in Reichweite und so wenig wie m\u00f6glich im Weg sein. Der Typ 1 umfasste eine Fl\u00e4che von 1,9 m \u00d7 3,4 m. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"500\" height=\"528\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/2048410_item_NBTLYMMTSYGZCIN53YMSVGE34GFINANR.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4674\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/2048410_item_NBTLYMMTSYGZCIN53YMSVGE34GFINANR.jpeg 500w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/2048410_item_NBTLYMMTSYGZCIN53YMSVGE34GFINANR-284x300.jpeg 284w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption> Koch beim Vorbereiten einer Mahlzeit in der K\u00fcche eines Mitropa-Speisewagens. Quelle: https:\/\/www.europeana.eu\/portal\/de\/record\/2048410\/item_NBTLYMMTSYGZCIN53YMSVGE34GFINANR.html?utm_source=api&amp;utm_medium=api&amp;utm_campaign=VWRhX8zNo <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Zum einen sollten die Arbeitswege verk\u00fcrzt und m\u00f6glichst viele Dinge mit\neinem Handgriff erreicht werden. Zum anderen sollten durch die serielle\nHerstellung von Einzelelementen wie Metallgriffen oder Glas-Schiebet\u00fcren die\nKosten minimiert werden. So lagern Grie\u00df, Reis und Linsen in ausziehbaren\nAluminiumsch\u00fctten: Das geht schneller, als wenn man Gl\u00e4ser vom Regal nehmen und\naufschrauben muss. Die Optimierung erfolgte aber nicht nur unter funktionalen,\nsondern auch unter hygienischen Gesichtspunkten. So stellte Lihotzky Holz-Unterschr\u00e4nke\nauf verkleidete Betonsockel, damit sich darunter kein Schmutz sammeln und man\nden Boden leichter reinigen konnte. Die Schr\u00e4nke wurden bis unter die Decke\ngebaut, so dass sich die \u00fcblichen Ablagerungen nicht bilden konnten. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein B\u00fcgelbrett konnte von der Wand geklappt werden und brauchte daher\nwenig Platz. Kocht\u00f6pfe und Deckel stellte man nach dem Sp\u00fclen noch tropfnass in\neinen bel\u00fcfteten Schrank, dessen Boden eine flache emaillierte Wanne bildet. T\u00f6pfe,\nGeschirr und Vorr\u00e4te wurden platzsparend \u00fcbereinander angeordnet. Auch\n\u00e4sthetisch setzte die Frankfurter K\u00fcche neue Ma\u00dfst\u00e4be: Die Aluminium-Sch\u00fctten,\nGlast\u00fcren oder Metallgriffe kontrastierten mit stark farbigen Holzelementen.\nDie K\u00fcche war oft in Blau gehalten \u2013 dieser Farbton sollte Fliegen abweisen.\nDieses\nklar strukturierte und auf reine Funktionalit\u00e4t ohne Zierrat ausgelegte \u201eLabor\nder Hausfrau\u201c wurde mehr als zehntausendmal in den Frankfurter Siedlungen\neingebaut, die eine breite Bev\u00f6lkerungsschicht mit g\u00fcnstigen und zweckm\u00e4\u00dfig\nausgestatteten Wohnungen versorgen sollten. Entsprechend einfach war das\nMaterial f\u00fcr die K\u00fcche. Auf Ausstellungen pr\u00e4sentiert und in vielen\nVer\u00f6ffentlichungen publiziert, wurde sie zum Prototyp aller Einbauk\u00fcchen. Der\nFeminismus kritisiert damals bis heute, die Frankfurter K\u00fcche habe die Hausfrau\nin einen engen Raum schier eingesperrt und somit zu ihrer Isolation beigetragen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eich w\u00e4re\nseit Jahrzehnten tot\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Weitere Entw\u00fcrfe f\u00fcr Gartenlauben und Wochenendh\u00e4user, Schul- und Lehrk\u00fcchen, Kinderg\u00e4rten und die \u201eWohnung f\u00fcr das Existenzminimum\u201c sowie der ausgefeilte Typenentwurf f\u00fcr \u201eDie Wohnung der berufst\u00e4tigen Frau\u201c, pr\u00e4sentiert auf der Ausstellung \u201eHeim und Technik\u201c 1928 in M\u00fcnchen, wurden weniger bekannt. Beispielhaft f\u00fcr ihr Bem\u00fchen um rationalen Funktionalismus waren schlie\u00dflich zwei kleine Wohnh\u00e4user, die 1930-32 in der Wiener Werkbundsiedlung entstanden: Unter den knapp drei Dutzend Architekten der Siedlung war sie die einzige Frau. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/S\u00e4Z-8.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4675\"\/><figcaption> Wiener Werkbundsiedlung. Quelle: https:\/\/www.wmf.org\/project\/wiener-werkbundsiedlung<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>In Frankfurt lernte sie ihren Kollegen Wilhelm Sch\u00fctte kennen, den sie\n1927 heiratete. Als sich die politische Lage in Deutschland durch die\nWeltwirtschaftskrise versch\u00e4rfte und Ernst May ein Angebot aus der Sowjetunion\nerhielt, ging er mit einer Gruppe von 17 Planern 1930 in den Osten. Sie war wieder\nals einzige Frau dabei. Die Brigade May plante im Rahmen von Stalins erstem\nF\u00fcnfjahresplan sozialistische St\u00e4dte auf dem Rei\u00dfbrett, als erstes die Stahlstadt\nMagnitogorsk mitten im Nirgendwo des s\u00fcdlichen Urals. 1933 stellte\nSch\u00fctte-Lihotzky auf der Weltausstellung in Chicago aus, 1934 unternahm sie\nStudien- und Vortragsreisen nach Japan und China.<\/p>\n\n\n\n<p>Als unter Stalin das politische Klima kippte und 1937 alle ausl\u00e4ndischen\nArchitekten von Bauplanungen ausgeschlossen wurden, gingen beide nach einer\nkurzen Zwischenphase in Paris in die T\u00fcrkei, vermittelt durch den bekannten\ndeutschen Kollegen Bruno Taut. Hier arbeitete sie an der \u201eAcad\u00e9mie des Beaux\nArts\u201c an Schulbauentw\u00fcrfen, wurde Mitglied der Kommunistischen Partei und\nschloss sich dem \u00f6sterreichischen Widerstand an. Im Dezember 1940 fuhr sie in\ngeheimer Mission nach Wien. Verraten von einem Spitzel, wurde sie verhaftet, wochenlang\nverh\u00f6rt und monatelang in Einzelhaft gehalten. Der Enthauptung, die ihren\nKollegen widerfahren ist, entkommt sie nur knapp, indem ihr Mann im t\u00fcrkischen\nUnterrichtsministerium f\u00fcr sie einen Arbeitsvertrag mit Briefpapier und Stempel\nf\u00e4lscht. Nachdem Nazi-Deutschland damals um die Gunst der neutralen T\u00fcrkei\nbuhlte, wird Sch\u00fctte-Lihotzkys Todesurteil zu 15 Jahren Zuchthaus umgewandelt. \u201eEine\nLebensrettung aus lauter gl\u00fccklichen Umst\u00e4nden und Zuf\u00e4llen. W\u00e4re ein einziger\ndieser Umst\u00e4nde ausgefallen \u2026 ich w\u00e4re seit Jahrzehnten tot\u201c, sagte sie dem <em>Standard<\/em>. Als \u201eHochverr\u00e4terin\u201c wird sie in\nein Frauengef\u00e4ngnis nach Bayern verlegt, aus dem sie erst 1945 von den\nAmerikanern befreit wurde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>verschwand\nf\u00fcr Jahrzehnte aus der \u00d6ffentlichkeit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Krieg leitet sie zun\u00e4chst in Bulgarien die Abteilung f\u00fcr Kinderanstalten der Baudirektion Sofia. 1947 kehrten sie und ihr Mann nach Wien zur\u00fcck, wo sie jedoch wegen ihrer politischen Ansichten \u2013 sie blieb Kommunistin \u2013 kaum \u00f6ffentliche Auftr\u00e4ge erhielt: Die Wiener Sozialdemokratie war damals strikt antikommunistisch eingestellt. Sp\u00e4ter klagte sie, dass \u201emanch einer jener Architekten, die dem Naziregime treulich gedient hatten, gro\u00dfe Auftr\u00e4ge der Gemeinde Wien erhielten und so der Nachwelt sichtbare Leistungen hinterlassen durften\u201c. Ihr hingegen sei dies \u201eals Verfolgte des Naziregimes und als Kommunistin verwehrt\u201c geblieben. Auch ihr Mann, von dem sie seit 1951 getrennt lebte, wurde ebenfalls \u201ejahrelang wegen seiner Gesinnung von der Ausf\u00fchrung seiner Ideen ferngehalten\u201c und erhielt nur wenige Auftr\u00e4ge von der Gemeinde Wien: um 1950 durfte sie einige Gemeindebauten und einen heute denkmalgesch\u00fctzten Kindergarten auf dem Kapaunplatz entwerfen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/S\u00e4Z-9.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4677\"\/><figcaption> Der Kindergarten am Kapaunplatz jeute. Quelle: https:\/\/kindergartenamkapaunplatz.files.wordpress.com\/2017\/06\/20170614_125210-e1506090403274.jpg?w=736<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Sch\u00fctte-Lihotzky wurde nicht nur beruflich ausgegrenzt, sondern verschwand auch f\u00fcr Jahrzehnte aus der \u00d6ffentlichkeit. Ihr unbedingter Wille, den Kapitalismus mit all seinen Ungerechtigkeiten zu \u00fcberwinden, lie\u00df sie Ausbeutung, Leid und Unterdr\u00fcckung im vermeintlichen Sozialismus \u00fcbersehen, meint ihr Biograph Marcel Bois, was auch den Blick auf ihre architektonischen Verdienste versperren w\u00fcrde. Zwischen 1953 und 1985 nahm sie an keiner Ausstellung teil. Auch im \u00f6sterreichischen Rundfunk und Fernsehen war sie \u00fcber einen Zeitraum von mehr als zwanzig Jahren nicht pr\u00e4sent. <\/p>\n\n\n\n<p>Die KP\u00d6 half dann in der Not: 1954\u20131956 plante sie mit anderen Kollegen das Globus-Verlagsgeb\u00e4ude mit Druckerei-, Redaktions- und Versorgungstrakt am Wiener H\u00f6chst\u00e4dtplatz. Dort wurde bis 1990 die KP\u00d6-Tageszeitung <em>Volksstimme<\/em> redigiert und gedruckt. Ein weiteres von ihr entworfenes Geb\u00e4ude ist das unter Denkmalschutz stehende Volkshaus in Klagenfurt. 1956 gab sie Vorlesungen an der Technischen Hochschule Peking, 1963 war sie drei Monate lang f\u00fcr das kubanische Erziehungsministerium in Havanna t\u00e4tig, wo sie eine Entwurfslehre f\u00fcr Kinderanstalten f\u00fcr das Erziehungsministerium entwickelte, und schlie\u00dflich 1966 f\u00fcr ein halbes Jahr an der Bauakademie in Ostberlin. Seitdem wird sie f\u00e4lschlicherweise dem \u201eBauhaus\u201c zugeordnet.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/S\u00e4Z-10.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4679\"\/><figcaption>Volkshaus heute. Quelle: Von Johann Jaritz &#8211; Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0 at, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=21650495<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Ihre architektonische T\u00e4tigkeit beendete sie 1968 mit dem\n\u201eBaukastensystem f\u00fcr Kindertagesheime\u201c f\u00fcr \u00d6sterreich. Erst in den 1980er\nJahren wurde sie auch wieder \u00f6ffentlich gew\u00fcrdigt, erhielt vier\nEhrendoktortitel, schlie\u00dflich eine Ausstellung \u00fcber ihr Lebenswerk im Museum\nf\u00fcr angewandte Kunst in Wien, wo sie 1993 als Vertreterin einer sozialen\nArchitektur gefeiert wurde. Die \u00dcberreichung des ihr 1988 zugesprochenen\nEhrenzeichens f\u00fcr Wissenschaft und Kunst durch Bundespr\u00e4sident Kurt Waldheim\nlehnte sie wegen dessen zweifelhafter Nazivergangenheit ab und nahm die Auszeichnung\nerst 1992, als 95-J\u00e4hrige, von seinem Nachfolger Thomas Klestil entgegen. <\/p>\n\n\n\n<p>1989 wird sie mit dem ersten Preis an der Rietveld-Akademie in Amsterdam\nausgezeichnet f\u00fcr ihren Beitrag, \u201eder Mehrheit der Bev\u00f6lkerung ein besseres\nt\u00e4gliches Leben erm\u00f6glicht zu haben\u201c. 1991 entwickelt sie nochmal Wohnbauprojekte\nf\u00fcr die EXPO 1995 in Wien. Dazu bet\u00e4tigt sie sich auch als Publizistin und\nver\u00f6ffentlicht 1958 \u201eMillionenst\u00e4dte Chinas\u201c, 1970 \u201eLernbereich Wohnen\u201c und\n1981\/82 ihre Memoiren \u201eErinnerungen aus dem Widerstand 1938-45\u201c. Posthum erschien\n2004 \u201eWarum ich Architektin wurde\u201c. Sie feierte ihren 100. Geburtstag 1997 mit\neinem kurzen Walzer mit dem B\u00fcrgermeister von Wien, Michael H\u00e4upl, und \u00e4u\u00dferte:\n\u201eIch w\u00fcrde es genossen haben, ein Haus f\u00fcr einen reichen Mann zu entwerfen.\u201c Sie\nstarb in Wien f\u00fcnf Tage vor ihrem 103. Geburtstag an den Komplikationen einer\nGrippe. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201ein\nZukunft ganz andere Wohnformen\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die hitzigen Debatten im Frankfurter R\u00f6mer wenige Monate nach ihrem Tod f\u00fchrten fast zu diplomatischen Verwicklungen. Als \u201eKalte Krieger\u201c bezeichneten die Gr\u00fcnen die CDU, die SPD setzte derweil die Haltung der Union mit der des US-amerikanischen Kommunistenj\u00e4gers Joseph McCarthy gleich. Selbst St\u00e4dtebaubeirat Hubertus von Allw\u00f6rden distanzierte sich von den \u201eDiffamierungen\u201c der Union. Grund f\u00fcr die Kontroverse war der Antrag der Sozialdemokraten, eine Stra\u00dfe nach Sch\u00fctte-Lihotzky zu benennen, womit ihr Verdienst um den sozialen Wohnungsbau in der Stadt gew\u00fcrdigt werden sollte. Die CDU lehnte die Initiative ab mit der Begr\u00fcndung, sie sei eine \u201ebekennende Stalinistin\u201c gewesen. Doch die Wogen gl\u00e4tteten sich, die Initiative erhielt sp\u00e4ter eine Mehrheit und ein Viertel in Frankfurt-Praunheim einen neuen Stra\u00dfennamen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"500\" height=\"628\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/S\u00e4Z-11.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4680\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/S\u00e4Z-11.jpg 500w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/S\u00e4Z-11-239x300.jpg 239w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption>Frankfurter K\u00fcche im MAK. Quelle: https:\/\/mak.at\/jart\/prj3\/mak-resp\/main.jart?rel=de&amp;reserve-mode=active&amp;content-id=1343388632778&amp;article_id=1339957568483&amp;media_id=1342703972708&amp;menu-id=1343388632778<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Allein vier Frankfurter Museen besitzen heute Frankfurter K\u00fcchen, aber\nauch das New Yorker Museum of Modern Art und das Londoner Victoria and Albert\nMuseum. Das Prinzip der \u201egr\u00f6\u00dften Leistung bei geringstem Arbeitsaufwand&#8220;,\nmit dem die K\u00fcche damals emphatisch beworben wurde, hat f\u00fcr manche Kritiker im\nZuge der Rationalisierung der Arbeitswelt aber einen Beiklang des Inhumanen\nbekommen. Heute \u00e4hneln am ehesten noch Gastronomiek\u00fcchen ihrem Urtypus, seien aber\nviele K\u00fcchen inzwischen Vorzeigeobjekte als Wohn- oder auch Showk\u00fcche und offen\neinsehbar als Ort f\u00fcr Events und Kommunikation geworden, bei dem die Kochinsel\neine Art modernes Lagerfeuer symbolisiere. Offene K\u00fcche gleich offene\nGesellschaft, k\u00f6nnte man deuten. <\/p>\n\n\n\n<p>Doch Lihotzky war mehr als eine K\u00fcchenerfinderin. Sie war Akteurin in einer Zeit des sozialen und \u00e4sthetischen Aufbruchs, in der sie mit der Emphase des Fortschritts und einem geh\u00f6rigen St\u00fcck Optimismus auftreten konnte. Allerdings verschr\u00e4nkte sie das Bauen mit dem Gestalten einer neuen Gesellschaft zu einer gleichmacherischen Utopie im Sinne der Vergesellschaftung von Hausarbeit. Sie ist \u00fcberzeugt, \u201edass wir f\u00fcr einen Teil der Bev\u00f6lkerung in Zukunft zu ganz anderen Wohnformen kommen werden, etwa zu Eink\u00fcchenh\u00e4usern, Kommune- und Serviceh\u00e4usern, oder wie man sie auch nennen mag.\u201c Zudem werde man \u201ewieder mehr in gro\u00dfen Gruppen, Wohn- oder Hausgemeinschaften zusammenleben\u201c. Ob das eine erstrebenswerte Vision ist, mag jeder selbst entscheiden.<\/p>\n\n\n\n<iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D4670&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie war die erste Architektur-Absolventin \u00d6sterreichs, Kommunistin mit Berufsverbot \u2013 und Erfinderin der Einbauk\u00fcche: Margarete Sch\u00fctte-Lihotzky. 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