{"id":4687,"date":"2020-02-10T07:00:10","date_gmt":"2020-02-10T06:00:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4687"},"modified":"2020-02-10T08:18:04","modified_gmt":"2020-02-10T07:18:04","slug":"ich-vergrub-mich-in-meinen-beruf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4687","title":{"rendered":"\u201eich vergrub mich in meinen Beruf\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Es war der linke Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch, der\nausgerechnet in der <em>J\u00fcdischen Rundschau<\/em>\neine Parallele zwischen der Sprache der AfD und der des Nationalsozialismus\nzog. Er berief sich dabei auf das \u201eNotizbuch eines Philologen\u201c genannte\nB\u00e4ndchen \u201eLTI\u201c (<strong>L<\/strong>ingua <strong>T<\/strong>ertii <strong>I<\/strong>mperii, \u201eDie Sprache des\nDritten Reiches\u201c), das der Dresdner Romanist Victor Klemperer kurz nach\nKriegsende ver\u00f6ffentlicht hatte. Darin beschrieb er in 36 Kapiteln unter\nanderem, \u201ewie die durch st\u00e4ndige Wiederholung erzeugte dauerhafte Pr\u00e4senz\nsprachlicher Brutalit\u00e4t schon in kleinen Dosen daf\u00fcr sorgt, dass sich ihre\nMuster in unseren K\u00f6pfen festsetzen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Stefanowitsch behauptete, dass man in der AfD gern \u201edirekt an das Gedankengut oder wortw\u00f6rtlich an die Sprache des deutschen Faschismus\u201c ankn\u00fcpfe. \u201eDie Pr\u00e4senz solcher Formulierungen in der \u00d6ffentlichkeit sorgt aber jetzt schon daf\u00fcr, dass uns jeder auch nur marginal weniger monstr\u00f6se Ausdruck als legitimer Teil des Meinungsspektrums erscheint \u2013 sei es die \u201aObergrenze\u2018, die \u201aAngst vor \u00dcberfremdung\u2018 oder die \u201aGrenzsicherung mit Schusswaffen\u2018.\u201c Abgesehen von der Normalit\u00e4t dieser \u00c4u\u00dferungen \u2013 so musste der <em>DLF<\/em> schon am 30.01.2016 eingestehen: \u201eDass es ein Gesetz gibt, dass den Einsatz von Schusswaffen an der Grenze erlaubt, ist richtig.\u201c \u2013 blendet Stefanowitsch v\u00f6llig aus, dass Klemperer in seinen Tageb\u00fcchern dieselbe Sprachverwendung auch dem \u201evierten Reich\u201c vorh\u00e4lt, dem Sozialismus der DDR.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"500\" height=\"684\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Klemperer1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4689\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Klemperer1.jpg 500w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Klemperer1-219x300.jpg 219w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption>Victor Klemperer. Quelle: Von Bundesarchiv, Bild 183-26707-0001 \/ H\u00f6hne, Erich; Pohl, Erich \/ CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=5427305<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Klemperer forderte etwa: \u201eMan sollte ein antifaschistisches Sprachamt\neinsetzen\u201c und sieht \u201eAnalogien der nazistischen und bolschewistischen\nSprache\u201c. (4.7.45) Dabei bediene \u201eman sich s\u00e4mtlicher nazistischer Schlagworte,\ndie wie \u201aLeichengift wirken\u2018.\u201c (19.7.45) Klemperers Text bediene sich \u00fcberdies bei\nder Charakterisierung der Sprache des bzw. im Faschismus durchg\u00e4ngig einer\nKrankheits- und Giftmetaphorik und bezeichne sie als eine \u201eInfektion durch fremde\nBakterien\u201c, als \u201espezifisch deutsche Krankheit\u201c oder als \u201ewuchernde Entartung\ndeutschen Fleisches\u201c, behauptet Siegfried J\u00e4ger. Er benutze also dieselben\nKategorien zur Beschreibung einer Sprache, die er dieser Sprache anlaste. Der\nUrheber dieser umstrittenen Metaphorik starb am 11. Februar 1960 in Dresden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eflache\nD\u00e4cher sind \u201aundeutsch\u2018\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Victor wurde am 9. Oktober 1881 als neuntes und letztes Kind seiner\nEltern Wilhelm Klemperer und Henriette in Landsberg an der Warthe geboren. Als\nSohn eines Reformrabbiners kam er \u00fcber Bromberg nach Berlin &#8211; sein Vater nahm eine\nStelle als 2. Prediger der Berliner Reformgemeinde an. Wie auch seine \u00e4lteren\nBr\u00fcder besucht er das Franz\u00f6sische und sp\u00e4ter das Friedrichs-Werdersche\nGymnasium, verl\u00e4sst es jedoch ohne Abschluss und beginnt 1896 eine\nKaufmannslehre bei einem j\u00fcdischen Kurzwarenh\u00e4ndler, die ihm von seinen Eltern\naufgen\u00f6tigt wurde. Seine Jugend steht im Schatten seiner \u00e4lteren Br\u00fcder, vor\nallem des bedeutenden Mediziners Georg und des gefragten Rechtsanwalts\nBerthold. Er beschreibt diese Jahre als dem\u00fctigend und gepr\u00e4gt durch die\nAblehnung seiner Familie und beginnt Tagebuch zu f\u00fchren: \u201eLeben sammeln\u201c sagt\ner dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf eigenen Wunsch holte er 1900 das Abitur nach und begann anschlie\u00dfend 1902 das Studium der Philosophie und der romanischen und germanischen Philologie, das ihn bis 1905 nach Paris, Genf, M\u00fcnchen und Berlin f\u00fchrte. Den darauffolgenden Jahren als freier Publizist in Berlin verdankt er seinen geschliffenen Stil und die Liebe seines Lebens: 1906 heiratete er die Konzertpianistin und Malerin Eva Schlemmer, \u00fcber die er in sp\u00e4teren Tagebuchaufzeichnungen notierte: \u201eImmer war mir ganz wohl, wenn du bei mir warst.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Versuch, sich mit literarischen Arbeiten und Vortr\u00e4gen in j\u00fcdischen literarischen Vereinen selbst\u00e4ndig zu machen, nimmt er auf Dr\u00e4ngen der Br\u00fcder, die sein Leben finanzieren, 1912 das Studium in M\u00fcnchen wieder auf und konvertiert zum Protestantismus. Der \u00dcbertritt wurde von den Nazis sp\u00e4ter nicht akzeptiert. Nach Studium, Promotion und zwei Jahren als Lektor in Neapel habilitiert er sich 1915 bei Karl Vossler mit einer aufsehenerregenden Arbeit \u00fcber Montesquieu, die seinen Ruf als Wissenschaftler festigt. Im November 1915 meldete er sich als Kriegsfreiwilliger, wird bis M\u00e4rz 1916 als Artillerist an der Westfront eingesetzt, sp\u00e4ter bei der Milit\u00e4rzensur in Kowno (Litauen) und Leipzig, und bekommt den Bayrischen Verdienstorden. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"450\" height=\"347\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Klemperer2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4690\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Klemperer2.jpg 450w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Klemperer2-300x231.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><figcaption>Klemperers Haus in Dresden. Quelle: https:\/\/www.das-neue-dresden.de\/images\/2005\/klemperer-haus4.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>1920 wurde er als Professor f\u00fcr Romanistik an die Technische Hochschule\nDresden berufen. Bis 1935 ver\u00f6ffentlicht er wissenschaftliche Arbeiten zu\nfranz\u00f6sischer Literatur und Philologie &#8211; die Dresdner Jahre werden zu einer\n\u00e4u\u00dferst sch\u00f6pferischen Zeit. Klemperer hatte sich im Sp\u00e4tsommer 1934 in wenigen\nWochen unter sehr beschr\u00e4nkten finanziellen Mitteln von Architekt Karl\nPr\u00e4torius ein eigenes Wohnhaus im s\u00fcdlich gelegenen Vorort D\u00f6lzschen am\nKirschberg 19 bauen lassen. \u201eEine drollige Schwierigkeit ergab sich\u201c, schreibt\ner: \u201eDie Bauvorschriften des Dritten Reiches verlangen \u201adeutsche\u2018 H\u00e4user, und\nflache D\u00e4cher sind \u201aundeutsch\u2018. Zum Gl\u00fcck fand Eva rasch Freude an einem\nGiebel, und so wird das Haus also einen \u201adeutschen\u2018 Giebel bekommen.\u201c Aber\nauch: \u201e\u2026der hinzugeforderte \u201adeutsche\u2018 Giebel vermehrt die Kosten um 2300 M &#8230;\nverzweifeltes Hin-und Herrechnen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eAuspumpen\nder Jauchengrube Deutschlands\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl j\u00fcdischer Herkunft, blieb Victor Klemperer w\u00e4hrend der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland: \u201eIch fl\u00fcchtete, ich vergrub mich in meinen Beruf, ich hielt meine Vorlesungen und \u00fcbersah krampfhaft das Immer-leerer-Werden der B\u00e4nke vor mir.\u201c Nach Inkrafttreten des Reichsb\u00fcrgergesetzes wurde er unter Federf\u00fchrung des Gauleiters Martin Mutschmann aus seiner Professur in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Seine Zeit verbrachte er nun mit wissenschaftlichen Studien im Japanischen Palais in Dresden, bis ihm als \u201eGeltungsjude\u201c auch der Zugang zu Bibliotheken und das Abonnieren von Zeitungen und Zeitschriften untersagt wurden. Die Arbeit zur Geschichte der franz\u00f6sischen Literatur im 18. Jahrhundert musste ruhen; diese erschien in zwei B\u00e4nden erst lange nach dem Krieg. Umso intensiver widmete er sich seinen Tageb\u00fcchern \u2013 eine Loseblattsammlung, die er in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden durch seine Frau bei einer befreundeten \u00c4rztin in Pirna verstecken lie\u00df und die die Grundlage f\u00fcr LTI bildete. \u201eIch muss daran festhalten: Ich bin deutsch, die anderen sind undeutsch; ich muss daran festhalten: Der Geist entscheidet, nicht das Blut\u201c, notiert er. Die kommenden Jahre waren von Elend und Not gezeichnet. <\/p>\n\n\n\n<p>Eva war mutig und lie\u00df sich trotz gro\u00dfen Drucks nicht von ihm scheiden. Dies gab Victor Kraft und wurde f\u00fcr ihn zur \u00dcberlebenschance. In seinem Tagebuch schrieb er: \u201eEvakuierung hiesiger Juden am kommenden Mittwoch, ausgenommen, wer \u00fcber 65, wer das EK I besitzt, wer in Mischehen, auch Kinderloser, lebt. Punkt 3 sch\u00fctzt mich &#8211; wie lange?\u201c 1940 m\u00fcssen Eva und Victor aufgrund der N\u00fcrnberger Rassengesetze ihr Haus verlassen und werden in ein \u201eJudenhaus\u201c eingewiesen. Die Stimmung war angespannt, die Ern\u00e4hrungsversorgung schlecht, Victor zur Zwangsarbeit verpflichtet worden. St\u00e4ndige gewaltsame Haussuchungen der Gestapo deprimierten beide zus\u00e4tzlich. In der Zeit des Bangens setzt sich Klemperer intensiv mit dem Judentum auseinander und gibt auch die Hoffnung nicht auf: \u201eEs fallen so viele rings um mich, und ich lebe noch. Vielleicht ist es mir doch verg\u00f6nnt, zu \u00fcberleben und Zeugnis abzulegen\u201c. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Klemperer3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4691\"\/><figcaption>Dresdner Judenhaus. Quelle: https:\/\/media.tag24.de\/1\/c\/f\/cfd27f7af352ad87408c.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Zerst\u00f6rung Dresdens am 13. Februar 1945 bedeutete f\u00fcr ihn die Rettung\nvor der bevorstehenden Deportation, denn das Judenhaus, in dem er lebte, stand\nsofort in Flammen. Klemperer floh mit seiner Frau bis nach Bayern \u2013 ihren Namen\nhatten sie mit einem Punkt und einem \u201eMillimeterstrich\u201c zu \u201eKleinpeter\u201c\ngef\u00e4lscht \u2013 und kehrten nach Ende des Krieges nach Dresden zur\u00fcck. Die deutsche\nB\u00fcrokratie verlangte auch von Klemperer das Ausf\u00fcllen eines\n\u201eEntnazifizierungs-Fragebogens\u201c, der in seiner Personalakte im\nUniversit\u00e4tsarchiv verwahrt wird. Dort lesen wir in den Fragen nach der\n\u201eWohnung von Februar 1933 bis 7. Mai 1945\u201c und nach den Verm\u00f6gensverh\u00e4ltnissen\neine Dresdner Adresse und die Angabe \u201edann in verschiedenen Judenh\u00e4usern der\nStadt Dresden\u201c. Im Januar 1933 war er \u201eo. Prof. u. 14000 Jahresgehalt\u201c, im\nJanuar 1945 \u201ein Zwangsarbeit, verm\u00f6genslos, Stundenlohn netto um 40 Pf\u201c &#8211;\nKlemperer war Packer in einer Teefabrik und Hilfsarbeiter im Dresdner\nG\u00fcterbahnhof. Und geradezu graphisch sp\u00fcrbar sind Distanzierung und Verachtung,\nwenn er bei der Frage \u201eWaren Sie jemals Mitglied der NSdAP?\u201c ein einziges 10\nZentimeter gro\u00dfes \u201eNEIN\u201c schreibt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eSie l\u00fcgen und stinken alle beide\u201c<\/strong> <\/p>\n\n\n\n<p>Sofort nimmt Victor Klemperer seine T\u00e4tigkeit als Professor an der Technischen Hochschule Dresden wieder auf. 1946 schrieb er alten Freunden: \u201eIch m\u00f6chte gar zu gerne am Auspumpen der Jauchengrube Deutschlands mitarbeiten, dass wieder etwas Anst\u00e4ndiges aus diesem Lande werde.\u201c Doch er meint auch: \u201eNie mehr werde ich ungezwungen sein.\u201c Zusammen mit Eva tritt er in die KPD ein: \u201eIch glaube, dass wir nur durch allerentscheidendste Linksrichtung aus dem gegenw\u00e4rtigen Elend hinausgelangen und vor seiner Wiederkehr bewahrt werden k\u00f6nnen.\u201c 1947 ver\u00f6ffentlichte er \u201eLTI\u201c. \u201eF\u00fcr Klemperer war die Erforschung der Nazi-Sprache nicht nur eine wissenschaftliche Besch\u00e4ftigungstherapie, bei der er die W\u00f6rter wie bizarre K\u00e4fer bestaunte, die aufgespie\u00dft in einer Glasvitrine gesammelt lagen. Nein, er hielt die Begriffe auch f\u00fcr Erreger, die geholfen hatten, ein ganzes Volk mit dem Geist der Nazis zu infizieren\u201c, meint Matthias Heine. Nach der Volkskammerwahl 1950 zog er als Abgeordneter des Kulturbunds DDR in die Volkskammer ein.  <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Klemperer4-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4692\"\/><figcaption>DDR-Ausgabe von LTI. Quelle: http:\/\/1a-rezensionen.blogspot.com\/2018\/04\/rezension-LTI-notizbuch-eines-philologen-victor-klemperer.html<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Wie stark der Personalbedarf in der Ostzone war, zeigt sich daran, dass er zeitweise parallel an den Universit\u00e4ten Halle, Greifswald und Berlin t\u00e4tig war. Aus Halle und Berlin ist \u00fcberliefert, dass sich Klemperer vor seinen Vorlesungen verbeugte und dann frei sprach, ausgestattet nur mit einem kleinen Zettel mit einigen Daten und Zahlen, den er seinen \u201eSchnuller\u201c nannte. Am 8. Juli 1951 stirbt Eva Klemperer. Im Jahr darauf fand er in seiner Studentin Hadwig Kirchner, die 1952 seine zweite Frau und seine sp\u00e4tere Herausgeberin wurde, noch einmal ein sp\u00e4tes Gl\u00fcck. \u201eHadwig ist die Pragmatische, die psychisch St\u00e4rkere in dieser Beziehung. [\u2026] Nun, an seiner Seite, setzt sie seiner Atemlosigkeit, seinem Arbeitstempo und seinem bisweilen verzehrenden Drang nach sp\u00e4ter gesellschaftlicher Anerkennung ein ausgleichendes Moment entgegen\u201c, befand Peter Jacobs in der <em>Berliner Zeitung<\/em>. Oft hat er das Gef\u00fchl, Eva mit Hadwig und Hadwig mit Eva zu betr\u00fcgen. Dennoch gibt ihm die Beziehung neue Lebensenergie. <\/p>\n\n\n\n<p>Als Mitglied der Akademie der Wissenschaften bem\u00fchte er sich seit 1953, der franz\u00f6sischen Sprache eine angemessene Stellung in der DDR einzur\u00e4umen: \u201eEr will die klassenk\u00e4mpferischen Kurzschl\u00fcsse vulg\u00e4rmarxistischer Interpretatoren von der DDR-Romanistik fernhalten und zugleich eine linguistischen Feldzug gegen die \u201aamerikanische Zerrei\u00dfprobe\u2018 f\u00fchren\u201c, behauptet Jacobs. \u201eWenn man einen Vortrag \u00fcber Balzac, Rabelais, Zola oder Stendhal brauchte, schrieb man ihm, und dann kam er, auch in die kleinste Stadt\u201c, erz\u00e4hlt Hadwig Klemperer. Er erh\u00e4lt den Nationalpreis und den Vaterl\u00e4ndischen Verdienstorden und wird nach seinem Tod neben seiner Frau auf dem Friedhof D\u00f6lzschen begraben.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Rezeption war und ist ambivalent. Zwar wird er in der DDR, die \u00fcber\nseine Sprachkritik hinweggeht, vereinnahmt: eine Stra\u00dfe in Dresden-R\u00e4cknitz und\nein H\u00f6rsaal an der TU Dresden sind nach Klemperer benannt. Doch er stand dem\nStaatswesen zeitlebens kritisch gegen\u00fcber. \u201eDie Pr\u00e4sidentenwahl, die Aufm\u00e4rsche,\ndie Reden. Mir ist nicht wohl dabei. Ich wei\u00df, wie alles gestellt und zu\nEinstimmigkeit vorbereitet ist. Ich wei\u00df, dass es nazistisch genauso geklungen\nhat und zugegangen ist\u201c, notiert er; sp\u00e4ter gar \u201eIch wei\u00df, dass die demokrat.\nRepublik innerlich verlogen ist, die SED als ihr Tr\u00e4ger will die soz. Republik,\nsie traut nicht den B\u00fcrgerlichen, und die B\u00fcrgerlichen misstrauen ihr. Irgendwann\ngibt es B\u00fcrgerkrieg\u201c. Dennoch zieh ihn 1949 die bayrische Presse nach einem\nVortrag in Schwabing einer \u201everkalkten Senilit\u00e4t, die sich zu Propagandazwecken\nmissbrauchen l\u00e4sst\u201c, nannte ihn \u201eSalonbolschewist\u201c. Am 18. Oktober&nbsp; 1957 zeigt er sich zutiefst resigniert: \u201eIm\n\u00dcbrigen wird mir die Politik immer widerlicher. Sie l\u00fcgen und stinken alle\nbeide, Osten und Westen, gar zu sehr\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gefahren\nbeider Diktaturen untersch\u00e4tzt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im einigen Deutschland wird er wieder von links vereinnahmt: so wurde 2000\nein Jugendwettbewerb f\u00fcr Demokratie und Toleranz des gleichnamigen B\u00fcndnisses\nnach ihm benannt. Beim ersten Wettbewerb war Hadwig Klemperer in der Jury noch\nmit dabei und pl\u00e4dierte gemeinsam mit Hildegard Hamm-Br\u00fccher f\u00fcr eine sch\u00f6ne\nkleine Sch\u00fclernovelle. Aber der Text schien den Juroren zu betulich, \u201esie\nschauten mehr auf Plakate oder Spiele, was mehr Publicity macht\u201c, \u00e4rgerte sie\nsich in der <em>Berliner Zeitung<\/em>. Beim\nn\u00e4chsten Mal lud man die beiden altmodischen Damen gar nicht mehr ein. <\/p>\n\n\n\n<p>Seine Tagebuch-Editionen tragen Zitat-Titel wie \u201eUnd so ist alles schwankend\u201c oder \u201eSo sitze ich denn zwischen allen St\u00fchlen\u201c. Sie wurden nach einer verlegerischen Posse ab Mitte der 90er Jahre vom Ostberliner <em>Aufbau-Verlag<\/em> publiziert, in den ersten Jahren in mehr als 150 000 Exemplaren verlauft und die \u00dcbersetzungs- und Nachdruckrechte f\u00fcr Verlage aus 13 L\u00e4ndern lizensiert: allein <em>Random House<\/em> zahlte f\u00fcr die USA-Rechte eine halbe Million Dollar. Die Posse: Hadwig hatte mit dem Dresdner Journalisten Uwe N\u00f6sner bereits eine 80teilige Zeitungsserie editiert, die ab Mai 1987 in der <em>Union<\/em> (sp\u00e4ter <em>DNN<\/em>) unter dem Titel \u201eAlltag einer Diktatur\u201c erschien und viele Menschen als Sensation empfanden. Ein Herausgebervertrag mit dem <em>Verlag der Kunst<\/em> Dresden, datiert vom September 1990, f\u00fchrte zu einem fertigen Manuskript mit einem Nachwort des Schriftstellers Peter Gehrisch. Doch die Edition kam nie zustande, die Gr\u00fcnde sind bis heute unklar. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"879\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Klemperer5-879x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4693\"\/><figcaption>Film-DVD. Quelle: https:\/\/www.amazon.de\/Pidax-Historien-Klassiker-Klemperer-Deutschland-komplette\/dp\/B003EGI630<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Als Victor Klemperer 1996 postum den Geschwister-Scholl-Preis f\u00fcr seine\nTageb\u00fccher verliehen bekam, erw\u00e4hnte Laudator Martin Walser ausdr\u00fccklich\nN\u00f6sners Leistung, der allerdings erst Tage sp\u00e4ter davon erfuhr und 2018\nvergessen starb. <em>Aufbau<\/em>-Herausgeber\nWalter Nowojski hingegen, der die Vorarbeit des Journalisten nicht mal in einer\nFu\u00dfnote erw\u00e4hnte, was die <em>FAZ<\/em> \u201eeine\neditorische Tods\u00fcnde\u201c nannte, sa\u00df in M\u00fcnchen im Festsaal und nahm mit der Witwe\nden Preis entgegen. Der US-Kulturhistoriker Peter Gay pries den Dresdner\nChronisten als den \u201evielleicht gr\u00f6\u00dften Tagebuchschreiber deutscher Sprache\u201c;\nvon \u201eeinem lebendigen Dokument geistiger Souver\u00e4nit\u00e4t gegen\u00fcber Dem\u00fctigungen\nund Terror\u201c wei\u00df Ulrich Baron im <em>Spiegel<\/em>.\nDer \u201evollkommene Idealist\u201c habe \u201edie Gefahren beider Diktaturen untersch\u00e4tzt\u201c,\nbilanzierte Martin Doerry im selben Blatt. <\/p>\n\n\n\n<p>Seit Jahren, schrieb Klemperer kurz vor seinem Tod einem Neffen, habe er \u201enichts anderes getan\u201c, als \u201est\u00e4ndig und ergebnislos zu opponieren\u201c. Die Dresdner k\u00fcrten ihn in den <em>DNN<\/em> zu einem der \u201e100 Dresdner des 20. Jahrhunderts\u201c. 1999 zeigte die <em>ARD<\/em> \u201eKlemperer \u2013 Ein Leben in Deutschland\u201c als zw\u00f6lfteilige Fernsehserie nach einer um erfundene Episoden erweiterten Bearbeitung von Klemperers Tageb\u00fcchern. Doch Hadwig schaltete die Serie, die voller historischer Unrichtigkeiten steckte, in der das Milieu nicht stimmte und die die Charaktere Victors und Evas Hollywood-like zurecht f\u00e4lschte, schon im zweiten Teil ab: \u201eDer Film hat mich schwer beleidigt\u201c. Sie starb nach 50j\u00e4hrigem Witwenleben 2010 kinderlos in Dresden und wurde auf dem Alten Katholischen Friedhof beigesetzt.<\/p>\n\n\n\n<iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D4687&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Dresdner Romanist Victor Klemperer gilt als wichtiger Chronist stummen j\u00fcdischen \u00dcberlebens im NS-Regime. 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