{"id":4709,"date":"2020-02-08T07:00:55","date_gmt":"2020-02-08T06:00:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4709"},"modified":"2020-01-28T09:50:02","modified_gmt":"2020-01-28T08:50:02","slug":"ein-liebender-bringt-sich-dar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4709","title":{"rendered":"\u201eein Liebender bringt sich dar\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Von Sir Arthur Conan Doyles \u201eDoktor Watson\u201c bis zu \u201eDoktor Pascal\u201c in\nEmile Zolas gleichnamigem Roman &#8211; \u00c4rzte sind in der Literatur zahlreich\nvertreten. Doch kaum einer ber\u00fchrt so tief wie \u201eDoktor Schiwago\u201c &#8211; der Name\nbedeutet im Russischen so viel wie \u201eder Vitale\u201c, \u201eder Vollbl\u00fctige\u201c. Sein\nSch\u00f6pfer Boris Leonidowitsch Pasternak, f\u00fcr den prominenten Kritiker Dmitri Mirski\neinst der \u201egr\u00f6\u00dfte lebende Dichter Ru\u00dflands\u201c, der laut Ilja Ehrenburg \u201edie\nFundamente einer wirklich neuen Literatur gelegt\u201c hat, w\u00fcrde am 10. Februar\nseinen 130. Geburtstag feiern.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei schien von Anfang an festzustehen, dass der Sohn j\u00fcdischer Eltern eine kompromisslos \u00e4sthetische Existenz f\u00fchren w\u00fcrde \u2013 nicht aber, auf welchem Gebiet. Sein K\u00fcnstlervater Leonid arbeitete als Professor an der Moskauer Schule f\u00fcr Malerei und illustrierte u.a. B\u00fccher von Tolstoj. Seine Mutter war die bekannte Pianistin Rosalija Kaufmann. Seine Kindheit war sorgenfrei \u2013 mit einer Ausnahme: Beim Sturz von einem Pferd brach sich Pasternak 1903 den rechten Oberschenkelknochen und wurde weder im Ersten noch im Zweiten Weltkrieg als Soldat eingezogen. Im Elternhaus traf er Gr\u00f6\u00dfen des Kulturlebens wie Alexander Blok, Rainer Maria Rilke und Alexander Skrjabin. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Pasternak1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4712\"\/><figcaption>Pasternak. Quelle: https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/media\/thumbs\/2\/273a6e5ade88830a6071b73a24632b99v1_max_755x425_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg?key=daf477<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Durch dessen Bekanntschaft tr\u00e4umte er zun\u00e4chst davon, Pianist und\nKomponist zu werden, und komponierte 1909 eine Klaviersonate in h-Moll. Er gab\ndiesen Plan allerdings auf, weil er nicht \u00fcber das absolute Geh\u00f6r verf\u00fcgte, und\nwandte sich nach Abschluss des Moskauer deutschen Gymnasiums 1908 der\nPhilosophie zu. Im Sommersemester 1912 ging er f\u00fcr ein Auslandssemester nach Marburg,\nschlug dort eine akademische Karriere aus und entschloss sich nicht zuletzt nach\nReisen durch die Schweiz und Italien f\u00fcr die Poesie: \u201eMeiner Meinung nach\nsollte Philosophie dem Leben und der Kunst als Gew\u00fcrz beigegeben werden. Wer\nsich ausschlie\u00dflich mit Philosophie besch\u00e4ftigt, kommt mir vor wie ein Mensch,\nder nur Meerrettich isst.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201edas\nZeitalter ist wichtig\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Interessanterweise schreibt er zun\u00e4chst in der Tradition von Symbolismus und\nlinkem Futurismus: der begreift den Dichter als Arbeiter mit sozialem Auftrag,\nnicht als K\u00fcnstler. Pasternak bewundert Majakowski und dessen gewagte Reime, lehnte\nsie aber wegen ihrer Effekthascherei ab und verordnete sich selber eine \u201estraffere\u201c\nSchreibweise. 1913 bis 1917 erschienen erste Gedichtb\u00e4nde. Als Sekret\u00e4r in\neiner Chemiefabrik im Ural unterst\u00fctzte er die Oktoberrevolution, obwohl er von\nder Brutalit\u00e4t der neuen Regierung schockiert ist. \u00dcber die Gr\u00fcnde wurde viel\ngemutma\u00dft \u2013 russischer Patriotismus spielt ebenso hinein wie realit\u00e4tsverengtes\nWunschdenken oder Visionen eines \u201eSieges des Geistes\u201c, wie er selbst schrieb. Seine\nEltern und Geschwister wanderten 1921 nach Deutschland aus \u2013 er blieb. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Krieg arbeitete Pasternak als Bibliothekar in Moskau und schrieb\nweiter, darunter die \u201eBriefe aus Tula\u201c. Seine Landschaftsbeschreibungen geben nicht\ndie Natur, sondern den Geisteszustand des beobachtenden Menschen wieder: Das\nLeben ist erst wirklich und erfahrbar, wenn es auch sagbar wird. Genau diese\nVerbindung bildet den tieferen Sinn seines Gedichtbands \u201eMeine Schwester \u2013 das\nLeben\u201c. Im selben Jahr heiratete er seine erste Frau Jewgenija, hat mit ihr einen\nSohn und wird 1931 wieder geschieden.<\/p>\n\n\n\n<p>In den 1930er Jahren, sp\u00e4testens seit dem Versroman \u201eSpektorskij\u201c,\nentwickeln sich seine Gedichte weg vom Symbolismus hin zur Politik. Tragisch,\ndass er f\u00fcr die politische Realit\u00e4t von Stalins Terror blind blieb. Auf dem\nErsten Schriftstellerkongress 1934, auf dem die russische Literatur\ngleichgeschaltet wurde, trat Pasternak mit der Erkl\u00e4rung auf, sein Schaffen\nwerde von der \u201efruchtbaren Liebe zur Heimat und zu den heutigen allergr\u00f6\u00dften\nMenschen\u201c getrieben. 1936 schrieb er f\u00fcr die Regierungszeitung \u201eIswestija\u201c gar zwei\nStalin-Oden und meint 1936 zu einem Kollegen: \u201eGlauben Sie der Revolution im\nGanzen, dem Schicksal, den neuen Regungen des Herzens, dem Schauspiel des\nLebens und nicht den Konstruktionen des Schriftstellerverbandes. Das Zeitalter\nist wichtig, nicht die Formalisten.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201ebadet\nein Ekstatiker in Tr\u00e4nen\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1934 war er eine zweite Ehe eingegangen mit Sinaida, die um seinetwillen ihre Ehe mit dem Pianisten Heinrich Neubaus gel\u00f6st hatte, der als Lehrer einer ganzen russischen Pianisten-Generation von Gilels bis Richter bekannt geworden ist, und die ihm einen weiteren Sohn zur Welt bringt. Die Familie zog 1936 in die K\u00fcnstlerkolonie Peredelkino bei Moskau. Seinen Lebensunterhalt verdient er auf sicherem Feld als \u00dcbersetzer aus dem Franz\u00f6sischen, Englischen und Deutschen. Ger\u00fchmt sind seine russischen Ausgaben von Goethes \u201eFaust\u201c und Shakespeares Trag\u00f6dien, au\u00dferdem \u00fcbersetzt er Kleist und Rilke und verfasst viele Briefe. \u201eHier schreibt jemand, der nicht an die Nachwelt denkt; der seine S\u00e4tze nicht feilt und trimmt; der nicht auf Nachruhm spekuliert. Hier badet vielmehr ein Ekstatiker in Tr\u00e4nen und Wortumarmungen; ein Liebender bringt sich dar und teilt sich mit\u201c, feiert ihn Helen von Ssachno im <em>Spiegel<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"473\" height=\"427\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Pasternak2.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-4713\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Pasternak2.png 473w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Pasternak2-300x271.png 300w\" sizes=\"(max-width: 473px) 100vw, 473px\" \/><figcaption>Mit Sinaida und Sohn. Quelle: https:\/\/img.broadwayblogspot.com\/img\/dile-2019\/pasternak-ili-tuda-i-obratno.png<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs meldet sich Pasternak freiwillig,\nwird jedoch erst 1943 mit einer \u201eSchriftstellerbrigade\u201c in den Propagandakrieg\ngeschickt. Seine Kriegserlebnisse verarbeitet er in den Gedichten des\nSammelbands \u201eIn den Fr\u00fchz\u00fcgen\u201c und \u201eIrdische Weite\u201c; nach 1945 verf\u00e4llt er\nzun\u00e4chst in Schweigen. Als er 1946 bei einer literarischen Veranstaltung wieder\neinmal \u00f6ffentlich auftreten durfte, forderten die Zuh\u00f6rer st\u00fcrmisch, er m\u00f6ge\neinige seiner Gedichte vortragen. Und an Stellen, wo er selbst den Text nicht\nmehr genau im Kopf hatte, fielen die Zuh\u00f6rer im Chor ein. Er lernt Pasternak Olga\nIwinskaja kennen, eine alleinerziehende, literarisch versierte und t\u00fcchtige\nRedakteurin bei <em>Nowyi Mir<\/em>, der er\nverf\u00e4llt, sp\u00e4ter die Verhandlungs- und Verf\u00fcgungsrechte \u00fcber seine Arbeiten\n\u00fcbertr\u00e4gt und der er als \u201eLara\u201c im \u201eSchiwago\u201c ein literarisches Denkmal setzen\nwird. Allerdings schafft er es nicht, sich von Sinaida und seinem Sohn Leonid\nzu trennen, und pendelte er zwischen beiden Familien hin und her. <\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberhaupt: Schiwago. Sofort nach dem Krieg beginnt Pasternak an seinem\nersten und einzigen Roman zu arbeiten: Eine Verschmelzung von Poesie und Prosa\nsowie der \u00f6ffentlichen Geschichte mit seinem eigenen Leben &#8211; \u201eohne Hass, mit\nTrauer wohl, aber frei von Bitterkeit\u201c, schreibt Gert Ruge in der <em>Zeit<\/em>. Der vielfach verschachtelte Roman beschreibt\ndie Konflikte, in die ein Intellektueller (Schiwago) und seine geistigen und\nreligi\u00f6sen \u00dcberzeugungen geraten, wenn sie auf die revolution\u00e4re Bewegung treffen,\ndie sozialistischen Realit\u00e4t \u2013 und eine selbstzerst\u00f6rerische Liebe: \u201eSie\nliebten einander, weil alles ringsum es wollte: die Erde unter ihren F\u00fc\u00dfen, der\nHimmel \u00fcber ihren K\u00f6pfen, die Wolken und die B\u00e4ume.\u201c Die Handlung erstreckt\nsich \u00fcber fast drei Jahrzehnte und endet mit Schiwagos fr\u00fchem Tod 1929, im Epilog\n1943. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Arzt w\u00e4chst bei einer Pflegefamilie auf und studiert Medizin trotz gro\u00dfer Neigung zu Kunst und Geschichte: Bereits als Gymnasiast tr\u00e4umt er davon, ein \u201eBuch des Lebens\u201c zu schreiben. Bez\u00fcge zum Christentum fallen auf: Im Zentrum steht der schwierige Lebensweg des Arztes als Passion Christi in den Wirren der Revolution. Zun\u00e4chst l\u00e4sst Pasternak sein Alter Ego 25 Gedichte schreiben, die er als Anhang in den Roman aufnahm. \u201eDas Wunder\u201c, \u201eSchlechte Tage\u201c, \u201eDer Garten von Gethsemane\u201c u.a. verweisen auf Parallelen zu Christus bzw. seinen Aposteln. Auch sein Name &#8211; Juri = Sankt Georg, der Drachent\u00f6ter &#8211; unterstreicht, dass er als christliche Figur zu sehen ist; zur Einsamkeit bestimmt und dazu, in der Welt zu scheitern; erst am Ende wird er siegreich sein. Auch Lara stellt Pasternak in einen christlichen Symbolzusammenhang.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"760\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Pasternak3-760x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4714\"\/><figcaption>Eine bundesdeutsche Druckausgabe. Quelle: https:\/\/www.booklooker.de\/B%C3%BCcher\/Boris-Pasternak+DOKTOR-SCHIWAGO\/id\/A02nj4Ft01ZZh<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Angesichts des Blutvergie\u00dfens nach der Oktoberrevolution 1917 verliert\nder Arzt Schiwago jegliche Hoffnung in den Kommunismus und seine Revolution\u00e4re.\nDie m\u00f6rderische Zwangskollektivierung der Bauern verurteilte er als \u201efalsche\nReform\u201c, formuliert seine Kritik an absurden Verkennungen der Realit\u00e4t und\ngewaltt\u00e4tigen Ausw\u00fcchsen der jungen Revolution. Schwerer noch wiegen seine sarkastische\nAblehnung jeder Form von Propaganda und seine Kritik am Marxismus, den er f\u00fcr\nunwissenschaftlich h\u00e4lt: \u201eDer Krieg, die Revolution, die K\u00f6nige, die\nRobbespierres dienen der Geschichte nur als organische Reizmittel, als\nSauerteig. Die Menschen, die Revolutionen machen, sind fanatische Sektierer. In\nwenigen Stunden, in wenigen Tagen st\u00fcrzen sie die alte Ordnung um. Der Geist,\nin dem sie dies tun, wird noch nach Generationen wie eine Reliquie verehrt.\nAber die Freiheit, die wahre Freiheit &#8211; nicht die in Worten proklamierte\nFreiheit &#8211; f\u00e4llt vom Himmel, unbemerkt, durch einen Zufall, durch einen\nIrrtum.\u201c Das Buch, so urteilte die <em>NZZ<\/em>,\n\u201eist der gro\u00dfe russische Roman der Freiheit. Es ist der einzige innerlich\nv\u00f6llig freie und \u00e4u\u00dferlich nicht zensurierte Ausdruck eines russischen Bewusstseins\ndieser Epoche, und es ist daher \u2026 der einzige Inhalt der ganzen Sowjet-Literatur\ndieser Jahre.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eSieg\ndurch Verzicht\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1955 fertiggestellt, legte Pasternak das Manuskript nach Stalins Tod im\nJahr darauf dem sowjetischen Schriftstellerverband und dem Moskauer\nStaatsverlag zur Begutachtung vor. Man gab ihm den Rat, wesentliche Teile des\nRomans umzuschreiben, weil er der Bedeutung der Oktoberrevolution und der\nkommunistischen Gesellschaftsordnung nicht gen\u00fcgend Aufmerksamkeit geschenkt\noder sie abwertend dargestellt habe. Der Dichter widersetzte sich der ihm\nvorgeschlagenen Buchverst\u00fcmmelung, erkl\u00e4rte sich jedoch mit der Herausgabe\neiner gek\u00fcrzten Fassung des Romans einverstanden &#8211; offenbar hegte er noch die\nZuversicht, es werde sich alles zum Guten wenden: \u201eWenn auch\u201c, so hei\u00dft es an\neiner anderen Stelle des Romans, \u201edie L\u00e4uterung und die Freiheit, die man nach\ndem Krieg erwartete, nicht zusammen mit dem Sieg kamen, so war das nicht\nentscheidend: Die Freiheit lag in der Luft und war das einzige bedeutsame historische\nFaktum der Nachkriegsjahre.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Auf die K\u00fcrzung erhielt er keine Antwort. Eine Kopie des Skripts hatte er dem Vertreter des Mail\u00e4nder Verlegers Feltrinelli \u00fcbergeben und ihm die Rechte f\u00fcr die Buchausgaben in westlichen L\u00e4ndern \u00fcbertragen. Nach diversen, 2014 offiziell best\u00e4tigten Einmischungen der CIA, die Manuskript und Autor ohne dessen Wissen funktionalisierte, erschien der Roman 1957 in Mailand in einer italienischen \u00dcbersetzung, eine russische Version kam erstmals 1958 im Mouton Verlag in den Haag heraus und wurde bei der Br\u00fcsseler Weltausstellung im Pavillon des Vatikans gratis an die Besucher verteilt. Die Vorlage des Romans in der Originalsprache beim Komitee war Voraussetzung f\u00fcr die Verleihung des Nobelpreises. Als der Pasternak im selben Jahr \u201ef\u00fcr seine bedeutende Leistung sowohl in der zeitgen\u00f6ssischen Lyrik als auch auf dem Gebiet der gro\u00dfen russischen Erz\u00e4hltradition\u201c verliehen werden sollte, nahm er zun\u00e4chst an. Prompt wurde er aus dem Schriftstellerverband der UdSSR ausgeschlossen, ja medial vernichtet. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"682\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Pasternak4-1024x682.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4715\"\/><figcaption>Pasternaks Haus. Quelle: https:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/article203945666\/Actionszenen-der-Weltliteratur-Boris-Pasternak.html#cs-lazy-picture-placeholder-01c4eedaca.png<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>\u201eEr mag gehen, wohin er will. Kein sowjetischer Mann und keine Frau\nw\u00fcnschen, mit einem Verr\u00e4ter zusammenzuleben und die Luft zu atmen, die er\natmet\u201c, hei\u00dft es bei <em>Radio Moskau<\/em>.\nDas Buch sei \u201enichtiges, niedertr\u00e4chtiges Handwerk\u201c, schrieb die <em>Literaturnaja gaseta<\/em>, eine \u201eVerleumdung\nder sowjetischen Partisanen und der Roten Armee, des ganzen gewaltigen Werkes,\ndas die Erbauer des neuen Lebens auf sowjetischem Boden vollbringen\u201c. In der <em>Prawda<\/em> stand dann der Urteilsspruch,\ngegen den es keine Berufung gibt: \u201eDer \u201aDr. Schiwago\u2018 ist eine boshafte\nSchm\u00e4hschrift auf die sozialistische Revolution, das Sowjetvolk und die\nsowjetische Intelligenz. Ein erboster Spie\u00dfer hat seiner rachs\u00fcchtigen\nGereiztheit freien Lauf gelassen.\u201c Auf einer Massenveranstaltung im Moskauer\nSportpalast schrie vor Staatschef Chruschtschow und einem vieltausendk\u00f6pfigen\nAuditorium Wladimir Semitschastni, Chef des Jugendverbands \u201eKomsomol\u201c: \u201eEin Schwein\nbesudelt niemals den Ort, wo es frisst und schl\u00e4ft. Wenn man daher Pasternak\nmit einem Schwein vergleicht, so ist festzustellen, dass ein Schwein nicht\ngetan h\u00e4tte, was Pasternak getan hat.\u201c Das Protokoll verzeichnet an dieser\nStelle: \u201eBrausender Jubel der Zuh\u00f6rer.\u201c Der Verfasser des Textes der\nsowjetischen Nationalhymne, Sergej Michailkow, schlug seine Ausweisung vor. Die\nHetzjagd der Kommunisten verarbeitet Pasternak lyrisch: <\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">\u201eBin umstellt, verloren, Beute. \nWeit - wo Freiheit, Menschen, Licht.\nHinter mir der Jagdl\u00e4rm, Meute.\nEinen Ausweg hab\u2018 ich nicht.\u201c <\/pre>\n\n\n\n<p>Weltweit\norganisierte sich Widerstand gegen die Behandlung Pasternaks. \u201eWir fordern Sie\nauf im Namen der gro\u00dfen literarischen Tradition Russlands, f\u00fcr die Sie stehen,\ndiese nicht dadurch zu entehren, dass Sie einen Autoren bestrafen, den die\nganze zivilisierte Welt verehrt\u201c, appellierten ber\u00fchmte Schriftsteller wie\nAldous Huxley, T. S. Eliot oder Graham Greene an die Sowjetf\u00fchrung. Ernest\nHemingway bot Pasternak Unterkunft an, auch der indische Premierminister\nJawaharlal Nehru kritisierte die Sowjetunion heftig. Doch der Druck der sowjetischen Obrigkeit ist zu hoch,\nPasternak gibt nach und lehnt schlie\u00dflich die Preisannahme ab. W\u00e4hrend\nSolschenizyn z\u00fcrnt: \u201eIch kr\u00fcmmte mich vor Scham f\u00fcr ihn &#8230; wie konnte er nur\n&#8230; vom \u201alichten Glauben an eine gemeinsame Zukunft\u2018 faseln&#8230;\u201c, nennt die\nIwinskaja hingegen Pasternaks Widerruf: \u201eSieg durch Verzicht. Die Hauptsache,\ndas Buch, war erschienen, und es machte seinen Weg. Musste man sich, jedenfalls\nein Genie, nicht gelegentlich f\u00fcr das Werk korrumpieren?\u201c Aus einem\npers\u00f6nlichen Brief Pasternaks an Chruschtschow geht hervor, dass Pasternak\ntrotz aller Angriffe auf ihn und seine Arbeit auf keinen Fall die Sowjetunion\nverlassen wollte. Er hegt Suizidgedanken. Nachdem er im Januar 1953 bereits einen\nschweren Herzinfarkt erlitten hatte, starb Boris Pasternak am 30. Mai 1960 in\nPeredelkino zerm\u00fcrbt an einem weiteren Infarkt und Magenblutungen. Seine\nEhefrau folgte ihm v\u00f6llig verarmt 1966, die Geliebte und deren Tochter Irina\nkamen in den Gulag.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eH\u00e4resie\nder unerh\u00f6rten Einfachheit\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Roman wird 1965 mit Omar Sharif prominent verfilmt und erh\u00e4lt f\u00fcnf Oscars, darunter einen f\u00fcr die Musik von Maurice Jarre: \u201eLara\u2019s Theme\u201c (dt.: \u201eWei\u00dft du wohin\u201c) wird ein Welthit. Als Anekdote wird gern erz\u00e4hlt, wie die riesige Crew \u2013 wegen der billigen Arbeitskr\u00e4fte und Statisten nach Spanien gezogen \u2013 den Hochsommer mit einem illusion\u00e4ren Kraftakt in den russischen Winter verwandelt: Ein ganzer Marmorsteinbruch wird gekauft, der Stein zu wei\u00dfem Pulver gemahlen und auf einer verdorrten Ebene verteilt. Am 23. Februar 1987 erf\u00e4hrt Pasternak unter Gorbatschow eine vollst\u00e4ndige Rehabilitation nebst postumer Wiederaufnahme in den Schriftstellerverband. 1988 erscheint \u201eSchiwago\u201c erstmals in der UdSSR, in einer besonderen Zeremonie nahm sein Sohn den abgelehnten Nobelpreis 1989 in Stockholm stellvertretend f\u00fcr seinen Vater an. Das Opus wird in Deutschland auf absehbare Zeit nicht weiter geschrieben: Der Bertelsmann Verlag unterlag 1999 beim Bundesgerichtshof (BGH) dem Feltrinelli-Verlag mit der Begr\u00fcndung, dass die Fortsetzung \u201eLaras Tochter\u201c eines englischen Ghostwriters sich so eng an Pasternaks Vorlage anlehnte, dass sie keine eigensch\u00f6pferische Leistung darstelle. Wer einen Roman oder einen Film fortschreiben will, muss vorher ein Fortsetzungsrecht erwerben &#8211; oder ein g\u00e4nzlich neues Werk schaffen, gegen\u00fcber dem das Original \u201everblasst\u201c. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Pasternak5.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4716\"\/><figcaption>Szenenbild mit Omar Sharif. Quelle: https:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/literatur\/die-geschichte-des-romans-doktor-schiwago-du-hast-ganz-russland-verraten\/13898324.html#!kalooga-20590\/~pasternak%20~cia%5E0.75<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Geblieben ist weniger die Erinnerung an einen facettenreichen, begabten, heute allerdings mehr und mehr vergessenen intellektuellen Poeten, sondern eher an ein in vieler Hinsicht irritierendes Buch, erinnert sich Ssachno ebenso irritiert: \u201eZwischen den \u201aSchiwago\u2018-Gedichten, die, im Original zumindest, die von Pasternak am Lebensende erstrebte \u201aH\u00e4resie der unerh\u00f6rten Einfachheit\u2018 versinnbildlichen, und der epischen Unbeholfenheit des Romans, der trotz seiner konservativen Stilmittel wiederum nicht so einfach geschrieben ist, dass er seine innere Wahrheit ohne die Kenntnis geistesgeschichtlicher Zusammenh\u00e4nge zu offenbaren vermag, klafft ein Abgrund, der bis zum heutigen Tag nicht geschlossen wurde.\u201c Das kann man so sehen, muss es aber nicht.<\/p>\n\n\n\n<iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D4709&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er gilt als einer der besten russischen Lyriker und bekam f\u00fcr seinen einzigen Roman den Nobelpreis \u2013 den er nicht annahm: Boris Pasternak. Jetzt w\u00fcrde er 130 Jahre alt.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5,4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4709"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4709"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4709\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4719,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4709\/revisions\/4719"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4709"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4709"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4709"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}