{"id":4720,"date":"2020-02-01T07:00:13","date_gmt":"2020-02-01T06:00:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4720"},"modified":"2020-02-01T09:19:23","modified_gmt":"2020-02-01T08:19:23","slug":"ottoline-gab-ihr-bestes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4720","title":{"rendered":"\u201eOttoline gab ihr Bestes\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Drei \u201e\u00fcberw\u00e4ltigende Leidenschaften\u201c, bekennt der intellektuelle Don Juan\nmit der Liebe zur Geometrie im ersten Teil seiner Lebensbeichte, h\u00e4tten sein\nLeben beherrscht: \u201edas Verlangen nach Liebe, das Streben nach Erkenntnis und\ndas Erbarmen mit der leidenden Menschheit\u201c. Viermal verheiratet \u2013 drei Ehen\nwurden geschieden, und im Alter von 80 Jahren heiratete er seine vierte Frau,\ndie amerikanische Schriftstellerin Edith Finch \u2013, konzentriert sich Bertrand\nRussel in seinen ver\u00f6ffentlichten Erinnerungen allerdings nur auf zwei\nLeidenschaften: Liebeslust und Wissensdurst. Der Pazifist, Sozialist und\nLiteraturnobelpreistr\u00e4ger, der als Vater der Analytischen Philosophie und\nUrheber vieler bis heute zitierter Bonmots gilt, starb vor 50 Jahren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas \u00c4rgerlichste in dieser Welt ist, dass die Dummen todsicher und die Intelligenten voller Zweifel sind\u201c, geh\u00f6rt zu diesen Bonmots eines Freidenkers, der seine Kindheit und Jugend sp\u00e4ter als ungl\u00fccklich beschreibt. Bertrand Arthur William Russell wird am 18. Mai 1872 als zweiter Sohn in einer einflussreichen britischen Adelsfamilie geboren; der Gro\u00dfvater John Russell, erster Earl Russell, war viele Jahre lang Regierungsmitglied, zeitweise Premierminister unter Queen Victoria. Die Atmosph\u00e4re seines Elternhauses muss grotesk bis skurril gewesen sein. So hatten zum Beispiel die Eltern dem ebenso atheistischen wie tuberkul\u00f6sen Hauslehrer von Russells \u00e4lterem Bruder verboten, zu heiraten. Sie wollten nicht, dass er Kinder zeuge und diesen die Krankheit vererbe. Gleichwohl empfanden sie das Verbot als unfair, und Russells Mutter milderte das Z\u00f6libat, indem sie dem Hauslehrer erlaubte, bei ihr zu schlafen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"460\" height=\"288\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Russel1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4722\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Russel1.jpg 460w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Russel1-300x188.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 460px) 100vw, 460px\" \/><figcaption>Der alte Russell. Quelle: http:\/\/diepaideia.blogspot.com\/2016\/09\/bertrand-russell-und-die-philosophie.html<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Als innerhalb weniger Jahre beide Eltern und auch der Gro\u00dfvater sterben,\n\u00fcbernimmt die Gro\u00dfmutter die Erziehung der beiden Jungen. Von dem\nviktorianischen Lebensstil seiner Gro\u00dfeltern, besonders den strengen\nmoralischen Ansichten der Gro\u00dfmutter, f\u00fchlte sich der Knabe angezogen und\nzugleich abgesto\u00dfen. Um die zahlreichen Verbote zu umgehen, gew\u00f6hnte er sich\ndaran, seine Umgebung zu t\u00e4uschen &#8211; ein Charakterzug, von dem er selbst\nbekennt, er habe ihn bis zu seinem 21. Lebensjahr beherrscht. Gerade elf Jahre\nalt, entdeckte Russell sein Interesse und seine Begabung f\u00fcr die Mathematik und\nerlernt unter Anleitung seines Bruders Geometrie. Fast zur gleichen Zeit wurde\ner von einem Freund sexuell aufgekl\u00e4rt. Russell heute: \u201eWas er erz\u00e4hlte, fand\nich sehr interessant, obgleich ich keinerlei Erregung dabei f\u00fchlte.\u201c Gleichwohl\nbeeindruckte ihn die kindliche Einweihung in das Liebesleben so sehr, dass er\nin diese Zeit seine Erkenntnis datiert, freie Liebe sei das einzig Vern\u00fcnftige\nund die Ehe nichts anderes als ein Ausdruck christlichen Aberglaubens. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mathe und\nSex <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Fortan galt Russells Interesse laut eigenem Bekenntnis der Mathematik\ngleicherma\u00dfen wie dem Sex. Seine bevorzugte Lekt\u00fcre war ein medizinisches\nW\u00f6rterbuch. Gemeinsam mit einem Freund baute er einen ganzen Winter lang an\neiner H\u00f6hle, in der er sich dann mit einer Hausangestellten vergn\u00fcgte. Erst als\nsich das M\u00e4dchen weigerte, eine Nacht mit ihm zu verbringen, endete das\nerotische Abenteuer. Seit 1890 studierte Russell in Cambridge Mathematik und\nPhilosophie. Dort lernte er den elf Jahre \u00e4lteren Alfred North Whitehead\nkennen, f\u00fcr den ebenso wie f\u00fcr Russell die Mathematik das Ideal der Philosophie\nwar. Acht Jahre lang, von 1902 bis 1910, arbeiteten Russell und Whitehead\ngemeinsam an einem der bedeutendsten Werke des europ\u00e4ischen Geisteslebens, den \u201ePrincipia\nmathematica\u201c (\u201ePrinzipien der Mathematik\u201c), die Russell den Ruf eines\nBegr\u00fcnders der modernen Logik einbrachten und noch \u00fcber f\u00fcnfzig Jahre nach\nihrem Erscheinen als das Standard-Werk dieser Disziplin galten.<\/p>\n\n\n\n<p>Angeregt durch seine Studien \u00fcber Gottfried Wilhelm Leibniz und den heute vergessenen Jenaer Mathematiker Gottlob Frege, die eine Synthese von Mathematik und Logik postuliert hatten, versuchte Russell gemeinsam mit Whitehead die gesamte Mathematik aus einigen logischen Axiomen abzuleiten. Mitten in der Arbeit entdeckt er, dass die von Georg Cantor wenige Jahre zuvor eingef\u00fchrte Definition einer Menge (als Zusammenfassung von Objekten unserer Anschauung oder unseres Denkens zu einem Ganzen) zu einer Unvereinbarkeit, einer Antinomie, f\u00fchrt, die seitdem den Namen Russellsche Antinomie tr\u00e4gt: Eine Menge, die alle Mengen enth\u00e4lt, die sich selbst nicht als Element enthalten, ist ein Widerspruch in sich. Sp\u00e4ter gibt Russell selbst folgende \u201epopul\u00e4re\u201c Einkleidung des Problems an: Man kann einen Barbier definieren als einen, der alle diejenigen rasiert, und nur diejenigen, die sich nicht selbst rasieren. Die Frage ist: Rasiert der Barbier sich selbst?<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"662\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Russel2-662x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4723\"\/><figcaption>Russels fr\u00fches Hauptwerk. Quelle: https:\/\/www.booklooker.de\/B%C3%BCcher\/Alfred-North-Whitehead-and-Bertrand-Russell+Principia-Mathematica-to-56\/id\/A02jJTgb01ZZH <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Im gleichen Jahre, in dem Russell sein Studium in Cambridge begann,\nlernte er die anmutige Alys, Tochter eines amerikanischen Qu\u00e4kers, kennen.\nFasziniert von ihrer nat\u00fcrlichen Selbst\u00e4ndigkeit, die f\u00fcr ihn so ganz anders\nwar als die sch\u00fcchternen englischen M\u00e4dchen, verliebte er sich und beschloss,\nsie zu heiraten. Seine adlige Verwandtschaft versuchte mit ausgefallenen\nTricks, eine Ehe zwischen dem jungen Studenten und der, wie sie meinten, \u201egew\u00f6hnlichen\nAbenteurerin und Kindsr\u00e4uberin\u201c zu verhindern. So brachten sie den alten\nFamilienarzt dazu, dem liebestollen Mathematiker einzureden, in Russells\nFamilie seien zahlreiche F\u00e4lle von Geisteskrankheit aufgetreten. W\u00fcrde er\nheiraten und Kinder zeugen, m\u00fcsste er damit rechnen, dass sie nicht normal sein\nw\u00fcrden. <\/p>\n\n\n\n<p>Als das P\u00e4rchen daraufhin beschloss, gleichwohl zu heiraten, aber keine\nKinder zu haben, wurde der alte Familiendoktor erneut in Marsch gesetzt. Der\nGebrauch von Verh\u00fctungsmitteln, drohte der Arzt nun, schade der Gesundheit, und\nRussells Familie f\u00fcgte dem \u00e4rztlichen Verdikt hinzu: Auch Vater Russell habe\nVerh\u00fctungsmittel benutzt und sei deshalb an Epilepsie erkrankt. Schlie\u00dflich\nschickten sie den damals 22j\u00e4hrigen nach Paris, hoffend, er werde dort Alys\nvergessen. Drei Monate sp\u00e4ter fand die Hochzeit statt. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eAsyl f\u00fcr\ngemeingef\u00e4hrliche Geisteskranke\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mit seiner Heirat begann eine Periode fruchtbaren Schaffens. Frei von \u201eemotionellen\nHemmungen\u201c (Russell) konnte er sich ganz seiner wissenschaftlichen Arbeit\nwidmen. In ununterbrochener Folge ver\u00f6ffentlichte er philosophische und\nmathematische Untersuchungen sowie, als Ergebnis eines Aufenthalts in Berlin,\neine Studie \u00fcber die deutsche Sozialdemokratie, \u00fcber die er damals schrieb, sie\nsei eine der revolution\u00e4rsten sozialen Bewegungen Europas. In dem Artikel \u201eThe\nteaching of Euclid\u201c zeigt er die Schw\u00e4chen im logischen Aufbau der \u201eElemente\u201c\nauf \u2013 ein Kritiker bemerkt einige Jahre sp\u00e4ter: Euklids Hauptfehler war es,\ndass er Russells Ver\u00f6ffentlichungen nicht gelesen hat. Russel arbeitet nun als\nDozent f\u00fcr Mathematik und Logik am Trinity College.<\/p>\n\n\n\n<p>Als er 1910 die \u201ePrincipia\u201c beendete, war seine Leidenschaft f\u00fcr abstraktes Denken vorerst gestillt. Sein \u201eVerlangen nach Liebe\u201c aber vermochte Ehefrau Alys nicht mehr zu befriedigen. Nach 16 Ehejahren entdeckte Russell: Sie ist eine Spie\u00dfb\u00fcrgerin, die nur \u201eNachthemden aus Flanell\u201c tr\u00e4gt. Daf\u00fcr fand der liebeshungrige Denker bei Lady Ottoline Cavendish-Bentinck, der Frau eines liberalen Politikers, Erholung vom h\u00e4uslichen Flanell. Fast sechs Jahre lang &#8211; die Ehe mit Alys wurde 1921 geschieden &#8211; bestand das Liebes-Dreieck Lady Ottoline, Ehemann Morrell und Herzensfreund Russell alle F\u00e4hrnisse. \u00dcber den 28. Juli 1914 &#8211; mit diesem Jahr endet Russelis erster Memoiren-Band &#8211; notiert der Autor: \u201eAn diesem Tag erkl\u00e4rte \u00d6sterreich Serbien den Krieg. Ottoline gab ihr Bestes.\u201c Das College entzieht ihm seine Stelle, als er sich \u2013 entsetzt \u00fcber die allgemeine Kriegsbegeisterung und Barbarei des Ersten Weltkriegs \u2013 \u00f6ffentlich f\u00fcr Kriegsdienstverweigerung einsetzt. 1918 wird er wegen seiner Aktivit\u00e4ten zu einer sechsmonatigen Haftstrafe verurteilt, die er wiederum zum Schreiben nutzt. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"568\" height=\"800\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Russell3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4724\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Russell3.jpg 568w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Russell3-213x300.jpg 213w\" sizes=\"(max-width: 568px) 100vw, 568px\" \/><figcaption>Ottoline. Quelle: https:\/\/i.pinimg.com\/236x\/ed\/c0\/21\/edc021bebd7f1b50b98b312684d865a3&#8211;lady-ottoline-bloomsbury-group.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Eine anf\u00e4ngliche Sympathie f\u00fcr das sozialistische Experiment in der\nSowjetunion endet, nachdem er 1920 die Sowjetunion besucht und mit Lenin\nGespr\u00e4che gef\u00fchrt hat; \u201eein Asyl f\u00fcr gemeingef\u00e4hrliche Geisteskranke, wo die\nW\u00e4rter die schlimmsten sind\u201c, sagt er sp\u00e4ter. Im selben Jahr \u00fcbernimmt er eine\nGastprofessur in Peking und besch\u00e4ftigt sich eingehend mit der chinesischen\nKultur. Nach der R\u00fcckkehr bestreitet er seinen Lebensunterhalt als Autor\nzahlreicher B\u00fccher zu unterschiedlichen Themen, darunter auch\npopul\u00e4rwissenschaftliche B\u00fccher \u00fcber Atomphysik und Relativit\u00e4tstheorie, aber\nauch \u00fcber Politik und Erziehung. Zusammen mit seiner zweiten Frau gr\u00fcndet er\nnach vergeblicher Suche einer geeigneten Schule f\u00fcr seine beiden Kinder die\nantiautorit\u00e4re Privatschule in Beacon Hill &#8211; von der er sp\u00e4ter einr\u00e4umt, dass\nseine Vorstellungen nicht realisiert wurden. Erfolglos kandidiert er f\u00fcr die\nLabour Party.<\/p>\n\n\n\n<p>Aufsehen erregen vor allem zwei B\u00fccher. In \u201eWhy I Am Not a Christian\u201c\n(1927) setzt sich der Atheist Russell kritisch mit der Religion auseinander,\ndie er im Allgemeinen, insbesondere aber das Christentum, f\u00fcr ein \u00dcbel h\u00e4lt,\neine \u201eKrankheit, die aus Angst entstanden ist\u201c. Besonders Islam, Judentum und\nChristentum seien in ihrem Kern \u00fcberdies \u201eSklavenreligionen\u201c, die\nbedingungslose Unterwerfung verlangten: \u201eDie ganze Vorstellung vom herrschenden\nGott stammt aus den altorientalischen Gewaltherrschaften. Es ist eine\nVorstellung, die eines freien Menschen unw\u00fcrdig ist.\u201c \u201eMarriage and Morals\u201c\n(1929) ist ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine freie Sexualmoral: \u201eMoralisten sind Leute, die\nsich jedes Vergn\u00fcgen versagen, au\u00dfer jenem, sich in das Vergn\u00fcgen anderer Leute\neinzumischen\u201c. Das Problem Ehekrise brachte er darin auf die lapidare Formel, \u201edass\ndie Menschen anscheinend, je zivilisierter sie werden, desto unf\u00e4higer sind,\nmit einem einzelnen Partner gl\u00fccklich zu sein\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eSokrates\nunserer Zeit\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1936 heiratet er zum dritten Mal und \u00fcbernimmt Lehrauftr\u00e4ge an den\nUniversit\u00e4ten in Chicago und Los Angeles. Seine Berufung an die Universit\u00e4t von\nNew York kommt nach dem Protest fundamentalistischer Christen nicht zustande;\ndiese sehen die Moral der Studenten gef\u00e4hrdet, weil er Ehebruch und\nHomosexualit\u00e4t bef\u00fcrworte. W\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs gibt er seinen\nunbedingten Pazifismus auf, dr\u00e4ngt sogar auf einen Pr\u00e4ventivschlag gegen die\nSowjetunion. Nachdem auch diese \u00fcber Atom- und Wasserstoffwaffen verf\u00fcgt,\nengagiert er sich f\u00fcr den Erhalt des Weltfriedens \u2013 ein dritter Weltkrieg w\u00fcrde\ndie Existenz der Menschheit bedrohen. <\/p>\n\n\n\n<p>1948 \u00fcberlebte er auf dem Weg zu einem Vortrag einen Flugzeugabsturz: Das Flugboot krachte in den Hafen von Oslo. Neunzehn Personen ertranken. Russell rettete sich durch Schwimmen, legte sich im Hotel ins Bett und erholte sich bei einem Detektivroman. Am n\u00e4chsten Tag sprach er in der Universit\u00e4t. 1950 wird ihm der Nobelpreis f\u00fcr Literatur verliehen, \u201eals eine Anerkennung f\u00fcr seine vielseitige und bedeutungsvolle Verfasserschaft, worin er als Vork\u00e4mpfer der Humanit\u00e4t und Gedankenfreiheit hervortritt\u201c; \u201eEhe und Moral\u201c wird dabei gew\u00fcrdigt und kann erst jetzt auf Deutsch erscheinen. Zusammen mit Albert Einstein verfasst er 1955 ein Manifest zu den Folgen des Einsatzes von Nuklearwaffen und begr\u00fcndet die seitdem regelm\u00e4\u00dfig tagende Pugwash-Konferenz zu Abr\u00fcstungsfragen und zur Verantwortung der Naturwissenschaftler; die Einrichtung erhielt 1995 den Friedens-Nobelpreis.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Russell4.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-4725\"\/><figcaption>Manifest von 1955. Quelle: https:\/\/i2.wp.com\/images.huffingtonpost.com\/2015-07-13-1436799529-7559006-unnamed.png<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>1957 beginnt er die \u201eCampaign for Nuclear Disarmament\u201c und wird deren\nerster Pr\u00e4sident. Vier Jahre sp\u00e4ter wird der 89-J\u00e4hrige wegen Teilnahme an\neinem Sitzstreik in London zu einer zweimonatigen Haftstrafe verurteilt, die\nnach einer Woche im Gef\u00e4ngnis-Krankenhaus aus Gesundheitsgr\u00fcnden erlassen wird.\nIn der Kuba-Krise 1962 wendet er sich mit eindringlichen pers\u00f6nlichen Botschaften\nan Chruschtschow und Kennedy, um den drohenden Atomkrieg zu verhindern. 1963\ngr\u00fcndet er die Bertrand Russell Peace Foundation, die sich f\u00fcr Frieden, soziale\nGerechtigkeit und Menschenrechte einsetzt. 1966 ruft diese zum \u201eVietnam War\nCrimes Tribunal\u201c auf, die mit einem \u201eSchuldspruch\u201c der USA endet wegen Verbrechen\ngegen den Frieden sowie des Bruchs des internationalen Rechts und der Charta\nder Vereinten Nationen. Unklar ist, welche Rolle Russels Privatsekret\u00e4r Ralph\nBenedict Schoenman spielte, ein ebenso intelligenter wie fanatischer\nPrinceton-Absolvent, dem Russel alle Freiheiten lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch als 77j\u00e4hriger klettert er mit Vorliebe in den Bergen von Nordwales herum, raucht ununterbrochen Pfeife und h\u00e4lt nichts auf seine Kleidung. Nur auf seine wei\u00dfe L\u00f6wenm\u00e4hne ist er stolz. Dabei bedeutet sein Name eigentlich \u201eder kleine Rotkopf\u201c. In seinen Lebenserinnerungen blickt er auf ein ereignisreiches Leben zur\u00fcck \u2013 vielfach wurden ihm Ehrungen zuteil, selten verhielt er sich konform, aber stets getreu zu seinen zehn Geboten, wie er sie im Jahr 1951 formulierte, zum Beispiel: \u201eF\u00fchle dich keiner Sache v\u00f6llig gewiss\u201c oder \u201eF\u00fcrchte dich nicht davor, exzentrische Meinungen zu vertreten; jede heutige Meinung war einmal exzentrisch.\u201c In siebzig Jahren schrieb oder diktierte er etwa siebzig B\u00fccher, mitunter eines in zwanzig Tagen. Als er, nach eigenem Bekenntnis, f\u00fcr die Mathematik zu dumm wurde, ging er \u00fcber zur Philosophie; zur Geschichte und Politik, als er f\u00fcr die Philosophie zu dumm geworden war. \u201eWas kein Kompliment f\u00fcr Geschichte und Politik ist\u201c, befand Golo Mann. \u201eAuch wenn alle einer Meinung sind, k\u00f6nnen alle Unrecht haben\u201c ist ebenso eine Russel\u2019sche Weisheit wie \u201eDas gr\u00f6\u00dfte Risiko auf Erden laufen die Menschen, die nie das kleinste Risiko eingehen wollen\u201c. \u201eEnglands Glamour-Greis\u201c, wie ihn der <em>Spiegel <\/em>nannte, der \u201eSokrates unserer Zeit\u201c, wie ihn sein Kollege A. L. Rowse hofierte, starb am 2. Februar 1970.<\/p>\n\n\n\n<iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D4720&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er war Mathematiker, Philosoph, Friedensaktivist, Literaturnobelpreistr\u00e4ger \u2013 und sex-s\u00fcchtig: Bertrand Russel. Vor 50 Jahren starb er.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4,9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4720"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4720"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4720\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4737,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4720\/revisions\/4737"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4720"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4720"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4720"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}