{"id":4742,"date":"2020-03-16T06:42:03","date_gmt":"2020-03-16T05:42:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4742"},"modified":"2020-02-25T07:03:07","modified_gmt":"2020-02-25T06:03:07","slug":"verkaisere-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4742","title":{"rendered":"\u201eVerkaisere nicht\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Alt-Kanzler\nHelmut Schmidt (SPD) bekam sich in seinen Erinnerungen kaum ein: \u201eBei der\nLekt\u00fcre der Selbstbetrachtungen des Mark Aurel hatte ich jedoch zum ersten Mal\ndas Gef\u00fchl, dass dieses Buch ein f\u00fcr mein weiteres Leben richtungsweisendes\nBuch werden w\u00fcrde. Meine unmittelbare Empfindung war: So will ich auch werden.\nEinige Jahre sp\u00e4ter habe ich das Buch mit in den Krieg genommen. Vor allem die\nbeiden Tugenden, die Mark Aurel in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen r\u00fcckt,\nsprachen mich auf der Stelle an: die innere Gelassenheit und die bedingungslose\nPflichterf\u00fcllung. Wobei ich damals allerdings noch nicht so weit war, zwischen\ndem Prinzip der Pflichterf\u00fcllung und der Pflicht selbst zu unterscheiden.\u201c Der\nso Gew\u00fcrdigte starb am 17. M\u00e4rz 180 gerade 58j\u00e4hrig in Vindobona (Wien) an\neiner Seuche.<\/p>\n\n\n\n<p>Er war zwei Jahrzehnte zuvor Kaiser geworden \u2013 wie seine Amtsvorg\u00e4nger durch Adoption. In den knapp zwanzig Jahren seiner Herrschaft hat er manches wieder eingef\u00fchrt, was seine Vorg\u00e4nger abgeschafft hatten, etwa die Sklavenfolter. Er nahm die Christenverfolgung wieder auf und begann nach f\u00fcnfzig Friedensjahren, zur Festigung des Reiches erneut massiv Kriege zu f\u00fchren. Seine wichtigste Aufgabe sah er in der Abwehr der Barbaren im Nordosten und in Kleinasien. So verbrachte Mark Aurel sein letztes Lebensjahrzehnt vorwiegend im Feldlager und verfasste hier die \u201eSelbstbetrachtungen\u201c, die ihn der Nachwelt als Philosophenkaiser \u00fcberliefert haben und von manchen der Weltliteratur zugerechnet werden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/720px-Marcus_Aurelius_Glyptothek_M\u00fcnchen.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4743\"\/><figcaption>Mark Aurel. Quelle: Bibi Saint-Pol, own work, 2007-02-08, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=84488018<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Geboren wurde\nMarcus Aelius Aurelius Verus am 26. April 121 in Rom, wo er eine beh\u00fctete\nKindheit verbrachte. Seine beiden Gro\u00dfv\u00e4ter waren Konsuln, die Schwester seines\nVaters war mit Kaiser Antoninus Pius verheiratet. Als er acht Jahre alt war, starb\nsein Vater. Der junge, wahrheitsliebende und sehr ernsthafte Marc Aurel fiel\nbereits Kaiser Hadrian auf, der seine Erziehung \u00fcberwachte und ihn unterrichten\nlie\u00df. In Rhetorik etwa von Marcus Cornelius Fronto, mit dem er einen regen,\nteilweise erhaltenen &nbsp;Briefwechsel f\u00fchrte.\nUnter seinen Lehrern war auch Junius Rusticus, der ihn mit der stoischen\nPhilosophie bekannt machte. Seitdem lebte Marc Aurel nach dieser Lehre,\nn\u00e4chtigte schon als Zw\u00f6lfj\u00e4hriger auf unbequemer Bretterunterlage, nur durch\nein von der Mutter noch mit M\u00fche verordnetes Tierfell gepolstert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sicherer Blick f\u00fcr Stellenbesetzungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>136 wurde er\nvon Hadrian adoptiert und als sein Nachfolger vorgesehen. Zwei Jahre sp\u00e4ter,\nnach Hadrians Tod, begann der zum Kaiser erhobene Antoninus Pius schon bald,\neinen Teil seiner Aufgaben an den 17j\u00e4hrigen abzugeben. Bereits im Jahr darauf wurde\nMarc Aurel Caesar, 140 Konsul. Nach einer ersten, wieder gel\u00f6sten Verlobung\nheiratete er 145 Faustina, die Tochter des Kaisers. Aus dieser Ehe gingen\ninsgesamt 13 Kinder hervor, die in der Mehrzahl allerdings noch im Kindesalter\nstarben. Durch die Adoptivverbindung war Kaiser Antonius zugleich\nSchwiegervater und Adoptivvater. Er war ihm ein Vorbild als Herrscher, Marc\nAurel bewunderte haupts\u00e4chlich seine Mildt\u00e4tigkeit gegen\u00fcber dem Volk und seine\nAusdauer, aber auch seine Haltung gegen\u00fcber der Masse, aus der er sich nicht\nprunkhaft heraushob.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahr 146\nwurden ihm die tribunizische Amtsgewalt und die Befehlsgewalt \u00fcber die\nGrenzlegionen verliehen. Bis zum Antritt der eigenen Herrschaft 161 konnte er sich\numfassend auf die Anforderungen des Amtes einstellen, sich in die\nVerwaltungsstrukturen des R\u00f6mischen Reiches einarbeiten und alle wichtigen\nBewerber und Inhaber einflussreicher \u00c4mter kennenlernen. Er erlangte dabei\nangeblich einen so sicheren Blick f\u00fcr die menschliche und aufgabenbezogene\nEignung der Amtstr\u00e4ger und Postenkandidaten, dass Antoninus Pius sich\nschlie\u00dflich in allen Stellenbesetzungsfragen auf das Urteil des Marcus gest\u00fctzt\nhaben soll. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf Dr\u00e4ngen Marc Aurels erhielt auch sein Adoptivbruder Lucius vom Senat die Titel\u00a0 \u201aCaesar\u2018 und \u201aAugustus\u2018 verliehen. Da auch die Pr\u00e4torianer nichts gegen eine Doppelherrschaft einzuwenden hatten, wurden Marc Aurel und Lucius Verus gemeinsam zum Imperator ausgerufen. Unter den beiden Herrschern behielt Marc Aurel die F\u00fchrungsposition. Mit der Ernennung von Lucius Verus, der 164 auch noch sein Schwiegersohn wurde, hatte er die M\u00f6glichkeit einer sp\u00e4teren Usurpation verhindert und einen ergebenen Helfer bei seinen Regierungsgesch\u00e4ften gewonnen, zumal als Leiter wichtiger Milit\u00e4roperationen: Durch die lange kampflose Zeit hatte das r\u00f6mische Heer an Schlag- und Widerstandskraft verloren. Beide standen einer im Vergleich zu den vorhergehenden Friedensjahrzehnten ver\u00e4nderten Situation gegen\u00fcber, als 162 \u2013 166 die Parther die Ostgrenze des R\u00f6mischen Reiches in Frage stellten und von 168 an die Germanen im Donauraum die Nordgrenze \u2013 die \u201eMarkomannenkriege\u201c dauerten \u00fcber Marc Aurels Tod hinaus.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"390\" height=\"274\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Markomannen.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4744\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Markomannen.jpg 390w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Markomannen-300x211.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 390px) 100vw, 390px\" \/><figcaption>Mark und sein Sohn Commodus ziehen mit gefangen genommenen Quaden und Markomannen in Vindobona ein. Quelle: [http:\/\/www.bildarchivaustria.at\/Pages\/ImageDetail.aspx?p_iBildID=14822714 \u00d6NB, Bildarchiv Austria, Pk 783a, 10] <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Innere\nBelastungen ergaben sich aus einer verheerenden Tiber\u00fcberschwemmung bereits in\nder Anfangsphase der Regierungszeit Mark Aurels und aus einer Pestepidemie, der\nsog. \u201eAntoninischen Pest\u201c, die an 166 nahezu das ganze R\u00f6mische Reich, auch die\ndicht besiedelte Hauptstadt Rom heimsuchte und \u00fcber 24 Jahre w\u00fctete. Allerdings\nhandelte es sich bei der Seuche nach neueren Forschungen nicht um die Pest im\nmedizinischen Sinne, sondern um einen besonders virulenten Stamm entweder der\nPocken oder der Masern. Lucius Verus fiel ihr 169 zum Opfer, auch Marc Aurels\nTod selbst k\u00f6nnte auf sie zur\u00fcckzuf\u00fchren sein.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>St\u00e4rkung der Benachteiligten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In seine\nRegierungszeit fielen erste Anzeichen einer aufkommenden Krise des R\u00f6mischen\nReiches. Von seiner Glanzzeit hatte nur die schmale Oberschicht, das hei\u00dft rund\n1% der 60 Millionen umfassenden Gesamtbev\u00f6lkerung, tats\u00e4chlich profitiert:\nSenatoren, Ritter, lokale und provinziale Eliten (Dekurionen) und Beamte, die\nan das Kaisertum gebunden waren. Ein sozialer Aufstieg war nur beim Milit\u00e4r m\u00f6glich,\neine Mittelschicht gab es nicht. Gro\u00dfe Bev\u00f6lkerungsgruppen wie etwa die\nLandbewohner (plebs rustica) profitierten wenig oder gar nicht von der\nwirtschaftlichen Bl\u00fcte, ganze Landstriche waren verarmt. <\/p>\n\n\n\n<p>Sein\nRegierungshandeln konzentrierte Mark Aurel auf die inneren Strukturen des R\u00f6mischen\nReiches, vor allem auf die Situation der Schwachen und Benachteiligten wie &nbsp;Sklaven, Frauen und Kindern. Mehr als die\nH\u00e4lfte seiner \u00fcberlieferten Gesetzgebungsakte zielten auf die Verbesserung der\nRechtsstellung und die Freiheitsf\u00e4higkeit dieser Bev\u00f6lkerungsgruppen. In\ngleicher Richtung hat er auch als oberstes Rechtsprechungsorgan des Reiches\ngewirkt: er erh\u00f6hte die Anzahl der Gerichtstage pro Jahr auf 230 Tage f\u00fcr\nVerhandlungen und Schlichtungstermine. Als er gegen die Germanen ins Feld zog, setzte\ner seine richterliche T\u00e4tigkeit vor Ort fort; die Prozessbeteiligten musste zur\nVerhandlung im Feldlager anreisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Ausbleiben gr\u00f6\u00dferer Kriege ging auch die Zahl der Sklaven zur\u00fcck, so dass es vielen Landg\u00fctern an Arbeitskr\u00e4ften fehlte und weniger Steuereinnahmen zu verzeichnen waren. Andererseits wurde die Staatskasse durch die hohen Ausgaben f\u00fcr die Erstellung von Repr\u00e4sentationsbauten belastet sowie durch das Gewohnheitsrecht, die \u201eplebs urbana\u201c, die Bev\u00f6lkerung der Stadt Rom, mit Getreidelieferungen und Lustbarkeiten (panem et circensis) zu versorgen. Der Import von Luxusprodukten aus dem Fernen Osten wie Seide, Glas oder Delikatessen musste mit Edelmetall bezahlt werden und bildete einen st\u00e4ndigen Verlustposten. Die \u00f6konomischen Probleme wurden noch vergr\u00f6\u00dfert durch Zahlungen, die Marc Aurel aus seiner Privatkasse &#8211; er hatte pers\u00f6nliche Einnahmen aus seinen Dom\u00e4nen, Bergwerken und Steinbr\u00fcchen &#8211; an die Bev\u00f6lkerung leistete sowie durch Schuldenerlass. Die Schw\u00e4che der wirtschaftlichen Entwicklung lag haupts\u00e4chlich darin, dass die Erzeugung von Verbrauchsg\u00fctern mit den steigenden Bed\u00fcrfnissen der sich st\u00e4ndig vermehrende Bev\u00f6lkerung nicht Schritt hielt &#8211; eine konsequente staatliche Wirtschaftspolitik gab es nicht.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/480px-Equestrian_statue_of_Marcus_Aurelius_full_view_front_left.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4745\"\/><figcaption>Mark Aurels originale Reiterstatue, heute im Hof des Konservatorenpalastes der Kapitolinischen Museen. Quelle: MatthiasKabel &#8211; Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=6737797<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Allerdings\nwird dem Kaiser auch Zur\u00fcckhaltung in der eigenen Lebensf\u00fchrung nachgesagt, zur\nKriegsfinanzierung leistete er seinen Beitrag, indem er eine Vielzahl\nwertvoller Gegenst\u00e4nde aus kaiserlichen Besitzst\u00e4nden versteigern lie\u00df. Au\u00dferdem\nlehnte er Siegpr\u00e4mien als Sonderzahlung f\u00fcr Soldaten mit dem Hinweis darauf ab,\ndass solche Zahlungen den Eltern und Verwandten der Legion\u00e4re abgepresst werden\nm\u00fcssten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eWas weint ihr um mich?\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem sich\nder syrische Statthalter Avidius Cassius zum Kaiser proklamiert hatte und sich Marc\nAurel nicht unterwerfen wollte, musste der gegen seinen ehemaligen General\nmarschieren. Zu einem B\u00fcrgerkrieg kam es nicht, da Cassius von zwei M\u00e4nnern aus\nden eigenen Reihen erschlagen und sein Kopf an den Kaiser gesandt wurde. Der weigerte\nsich ihn anzusehen, ordnete die Bestattung an und bedauerte den Tod des f\u00e4higen\nFeldherrn. Zugleich lie\u00df er seinen Sohn Commodus aus Rom kommen, erhob ihn zum seinem\ndesignierten Nachfolger (princeps iuventutis) und reiste \u00fcber Athen zur\u00fcck, wo\ner f\u00fcr die vier gro\u00dfen, traditionsreichen Philosophenschulen &#8211; die Platonische\nAkademie, das Aristotelische Lykeion, die Stoa und den Epikureismus &#8211; je einen\nLehrstuhl stiftete. Auf dieser Reise starb Mark Aurels Ehefrau Faustina im\nAlter von 46 Jahren, der man Untreue gegen\u00fcber ihrem Gatten nachsagte. 177\nmachte er Commodus dann zum gleichberechtigten Mitkaiser (Augustus). Der sollte\nkeine gute Entwicklung nehmen: er liebte Gladiatorenk\u00e4mpfe und trat auch selbst\nim Kolosseum auf, vornehmlich als Herkules, wor\u00fcber man gerne spottete. Der schrankenlose\nAutokratie wollte wie ein Gott verehrt werden, litt unter Gr\u00f6\u00dfenwahn und wurde\nsp\u00e4ter erdrosselt.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl sich die sp\u00e4tere christliche \u00dcberlieferung insgesamt dem positiven Urteil \u00fcber den Kaiser anschloss, kam es in der Regierungszeit Mark Aurels zu den h\u00e4rtesten Christenverfolgungen seit Nero. So erlie\u00dfen Kaiser und Senat 177 in Gallien ein Dekret, wonach zum Tode verurteilte Verbrecher k\u00fcnftig zu Billigpreisen als Gladiatoren in der Arena eingesetzt werden durften. In Lugdunum (Lyon) machten sich daraufhin Teile der Bev\u00f6lkerung daran, Christen aufzusp\u00fcren und sie im Zusammenwirken mit den \u00f6rtlichen Zust\u00e4ndigen aburteilen zu lassen, sofern sie ihrem Bekenntnis nicht abschworen: seit Trajan erlitt die Todesstrafe, wer sich \u00f6ffentlich zum Christentum bekannte. Als deutliche Versch\u00e4rfung gegen\u00fcber der trajanischen Praxis hat allerdings zu gelten, dass Mark Aurel gestattete, aktiv nach Christen zu fahnden, statt nur auf private Anzeigen zu reagieren.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Marco_aurelio_e_barbaros_-_museus_capitolinos.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4746\"\/><figcaption>Markomannenkriege: Mark Aurel begnadigt Germanenh\u00e4uptlinge. Quelle: Tetraktys, CC BY-SA 3.0, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=4584819<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>178 brachen\nMark Aurel und Commodus zum zweiten Markomannenkrieg auf. Auf diesem Feldzug,\nauf dem zugleich die \u201eSelbstbetrachtungen\u201c entstanden, starb der Kaiser dann\nzwei Jahre sp\u00e4ter in Vindobona, nach Tertullian auch im Lager Bononia bei\nSirmium. Seinen Sohn mahnte er angeblich, den Feldzug bis zum Sieg fortzusetzen,\nverweigerte dann, um das eigene Ende zu beschleunigen, das Essen und Trinken\nund verschied bald darauf. Seinen klagenden Freunden soll er der \u00dcberlieferung\nnach entgegnet haben: \u201eWas weint ihr um mich? Weint um die Pest und das\nSterbenm\u00fcssen aller!\u201c Sein Leichnam wurde in Rom verbrannt, seine Asche im\nMausoleum Kaiser Hadrians, der sp\u00e4teren Engelsburg, beigesetzt. Ihm zu Ehren\nlie\u00df der Senat eine Ehrens\u00e4ule, die Mark-Aurel-S\u00e4ule, errichten, die heute auf\nder Piazza Colonna steht. Die bekannteste Darstellung des Philosophenkaisers ist\nsein bronzenes Reiterstandbild auf der Piazza del Campidoglio, das seit der\nEinf\u00fchrung des Euro auf der 50-Cent-M\u00fcnze der italienischen Version dieser\nW\u00e4hrung abgebildet ist. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>vernunftgeleitetes Menschenbild<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Laut dem\nHistoriker Cassius Dio, einem Zeitgenossen, hat Mark Aurel als Kaiser besser\ngeherrscht als irgendjemand sonst in einer vergleichbaren Machtstellung, nach seinem\n&nbsp;Tod habe der Abstieg in ein Zeitalter\nvon \u201eEisen und Rost\u201c begonnen. Als charakteristische Eigenschaften wurden ihm\nin der Historia Augusta aus dem 4. Jahrhundert &#8211; die aber eher auf ein\nerzieherisches Musterbeispiel als auf historische Wirklichkeitstreue deute &#8211; M\u00e4\u00dfigung,\nGleichmut, Selbstbeherrschung und Verantwortung zugeschrieben. F\u00fcr Niccol\u00f2\nMachiavelli sei er zu Lebzeiten wie auch nach dem Tod hoch verehrt worden, weil\ner die Herrschaft als rechtm\u00e4\u00dfiger Erbe angetreten habe, sie also weder den\nSoldaten noch dem Volk zu verdanken hatte, und darum beide zu z\u00fcgeln in der Lage\ngewesen sei, ohne sich je Hass oder Verachtung zuzuziehen. Neben Helmut Schmidt\nberiefen sich auch Friedrich II., Anton Tschechow oder der\nLiteraturnobelpreistr\u00e4ger Joseph Brodsky auf seine Ideale.<\/p>\n\n\n\n<p>Die oft aphoristischen, auf Altgriechisch verfassten Selbstbetrachtungen, die des Kaisers Weltbild im Selbstdialog f\u00fcr die eigene Orientierung, Selbstvergewisserung und Lebenspraxis offenbaren, zeigen, dass f\u00fcr sein Denken und Handeln die Einordnung in und die \u00dcbereinstimmung mit der \u201eAllnatur\u201c leitend waren &#8211; \u201eVerkaisere nicht!\u201c lautet das Ruf: \u201eH\u00fcte dich, dass du nicht ein tyrannischer Kaiser wirst! [\u2026] Ringe danach, dass du der Mann bleibest, zu dem dich die Philosophie bilden wollte.\u201c Zu \u00fcberzeugen und das Vern\u00fcnftige und Gerechte auch gegen Widerst\u00e4nde durchzusetzen, sah er einerseits als seine Aufgabe; wo ihn aber gewaltsamer Widerstand am Vollzug hinderte, galt es die Gelegenheit zur Ein\u00fcbung einer anderen Tugend zu nutzen: der unbek\u00fcmmerten Gelassenheit. Denn ohne sie, ohne die \u00dcbereinstimmung mit dem eigenen Schicksal, kann der Stoiker sein h\u00f6chstes Ziel, das Gl\u00fcck der Seelenruhe, nicht erreichen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Markomannen-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4747\"\/><figcaption>Selbstbetrachtungen, hier aus dem Europ\u00e4ischen Literaturverlag. Quelle: https:\/\/www.buecher.de\/shop\/marc-aurel\/selbstbetrachtungen\/-\/products_products\/detail\/prod_id\/49718008\/<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Den Weg dahin kann nur der leitende Teil der Seele bahnen \u2013 das Hegemonikon, mit dem es st\u00e4ndig zu pr\u00fcfen gilt, worauf es wirklich ankommt, was zu tun und was als unn\u00f6tig oder \u00fcberfl\u00fcssig zu lassen ist. Dabei war sich Mark Aurel bewusst, dass die F\u00fclle der Bedingtheiten aller Daseinsumst\u00e4nde dem eigenen Erkennen nicht restlos erschlossen werden kann und dass es in dem den Menschen umgebenden Wirkungsgef\u00fcge Zuf\u00e4lle gibt, die f\u00fcr das Individuum nicht vorhersehbar sind: \u201eVersuche, die Menschen zu \u00fcberzeugen, handle aber auch gegen ihren Willen, wenn der Geist der Gerechtigkeit es so verf\u00fcgt.\u201c Als Mensch und Philosoph ist ihm die Vorstellung eines elit\u00e4r gef\u00fchrten Staat sympathisch, \u201ein dem alle die gleichen Rechte und Pflichten haben und der im Sinne der Gleichheit und allgemeinen Redefreiheit verwaltet wird, und von einer Monarchie, die vor allem die Freiheit der B\u00fcrger achtet.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Ob es einen eigenst\u00e4ndigen Beitrag Mark Aurels zur Philosophie gibt und worin der besteht, ist in der Forschung umstritten: \u201eDie Gr\u00f6\u00dfe des Kaisers liegt nicht darin, Neues oder Eigenes gelehrt zu haben, sondern darin, dass er sich den Lehren der Philosophie zeit seines Lebens offen gehalten, sich ihnen auch als Herrscher verpflichtet gef\u00fchlt und sie deshalb st\u00e4ndig ins Ged\u00e4chtnis gerufen hat\u201c, hei\u00dft es bei Joachim Dalfen. Seine oft ambivalente Rhetorik, sein eher unorthodoxes, ja naturhaftes Religions- und Gottverst\u00e4ndnis sowie sein mehrschichtiges, vernunftgeleitetes Menschenbild lassen ihn irgendwie zeitlos wirken. Alexander Demandts Fazit lautet: \u201eZum Thema Philosophie gibt\u2019s B\u00fccher wie noch nie. Zum Thema Weisheit ist Fehlanzeige seit Marc Aurel.\u201c <\/p>\n\n\n\n<iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D4742&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er gilt als Philosoph auf dem r\u00f6mischen Kaiserthron, ja Idealherrscher, der viele Politiker beeinflusste und als Wohlt\u00e4ter, aber auch als Christenj\u00e4ger in die Geschichte einging: Mark Aurel. Vor 1840 Jahren starb er.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4,9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4742"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4742"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4742\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4748,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4742\/revisions\/4748"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4742"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4742"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4742"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}