{"id":4749,"date":"2020-03-27T07:04:34","date_gmt":"2020-03-27T06:04:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4749"},"modified":"2020-02-25T07:24:21","modified_gmt":"2020-02-25T06:24:21","slug":"unauffaellige-professionalitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4749","title":{"rendered":"\u201eunauff\u00e4llige Professionalit\u00e4t\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Selbst in seinem letzten <em>Spiegel<\/em>-Interview\nteilte der mittlerweile schwer Lungenkrebskranke nach allen Seiten aus. Erst kritisiert\ner das Privatfernsehen: \u201eDie glauben, es reicht, eine sch\u00f6ne Frau oder einen\njungen Mann vors Mikrofon zu stellen und sie S\u00e4tze voller haneb\u00fcchener\nAhnungslosigkeit sagen zu lassen.\u201c Doch auch mit der <em>ARD<\/em> geht er hart ins Gericht: Ein S\u00fcndenfall sei die Beteiligung\nder Parteien bei der Gr\u00fcndung der \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten\ngewesen. Diesen \u201efleischgewordenen Proporz\u201c werde man aus den Anstalten nie\nwieder herauskriegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der so vom Leder zog, geh\u00f6rte als \u201eMister Tagesthemen\u201c zu den bekanntesten Journalisten Deutschlands: 700 Mal ging er mit dem Informationsformat auf Sendung, dessen Zuschauerzahl er binnen zweieinhalb Jahren von zwei auf vier Millionen verdoppelte. Seine \u201esouver\u00e4ne, einem Verk\u00fcndungsstil abholde Form der Moderation, seine kritisch-distanzierte auf den Punkt formulierte Sicht der Tagesereignisse und seine unauff\u00e4llige Professionalit\u00e4t\u201c h\u00e4tten die Hauptnachrichtensendung so popul\u00e4r gemacht, lobte ihn die Jury der Eduard-Rhein-Stiftung bei einer Preisverleihung 1987.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/hannsjoachimfriedrichs105_v-vierspaltig.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4750\"\/><figcaption>Hajo Friedrichs. Quelle: https:\/\/www.ndr.de\/geschichte\/koepfe\/hannsjoachimfriedrichs105_v-vierspaltig.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Am 28. M\u00e4rz 1995 erliegt er 68-j\u00e4hrig seiner Erkrankung &#8211; einen Tag nach\ndem Erscheinen \u201eseiner\u201c <em>Spiegel<\/em>-Ausgabe.\nEin \u201ebegehrter Junggeselle\u201c sei er den gr\u00f6\u00dften Teil seines Lebens gewesen, habe\nerst zum Lebensende in eine intakte Familie eingeheiratet, erinnert sich sein\nlangj\u00e4hriger Freund und Kollege Hermann Schreiber im <em>NDR<\/em>. \u201eDieser Sonntagsjunge hat den Sinn seines Sterbens in seinem\nLeben gefunden.\u201c Der Sonntagsjunge hei\u00dft Hanns Joachim \u201eHajo\u201c Friedrichs, gab\ndem bedeutendsten deutschen Journalistenpreis seinen Namen \u2013 und m\u00fcsste heute\nerleben, wie seine Ideale von Preistr\u00e4gern und Kollegen in den Schmutz gezogen\nwerden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201ecool\nbleiben, ohne kalt zu sein\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Friedrichs wurde am 15. M\u00e4rz 1927 im westf\u00e4lischen Hamm geboren und wuchs\ngemeinsam mit seinem j\u00fcngeren Bruder Martin auf. Nach der Absetzung seines\nVaters als Amtsb\u00fcrgermeister des ehemaligen Amts Pelkum durch die\nNationalsozialisten folgte eine unstete Zeit &#8211; Entwurzelung sei der Preis f\u00fcr\nein Journalistenleben, wird er sp\u00e4ter sagen. Sein Kriegsabitur am\nHennebergischen Gymnasium im th\u00fcringischen Schleusingen wurde nicht anerkannt. Er\nwar Luftwaffenhelfer, Arbeitsdienstmann und Soldat und geriet noch kurz in\nKriegsgefangenschaft. In Herford legte er ein Jahr nach dem Zweiten Weltkrieg\nsein Abitur ein zweites Mal ab.<\/p>\n\n\n\n<p>1949 beginnt er ein Redaktionsvolontariat bei der Tageszeitung <em>Telegraf<\/em> in Berlin und reist zu einem Fortbildungskurs zum Thema \u201eParlamentarische Demokratie\u201c nach London, wo er einen ersten Text f\u00fcr die <em>BBC<\/em> \u00fcber Berlin schrieb. Die journalistischen Maximen Charles Wheeler, Friedrichs\u2018 Lehrmeister und Mentor bei der <em>BBC<\/em>, pr\u00e4gten ihn zeitlebens, wie er in seiner Autobiographie schrieb und auch in seinem letzten Interview betonte: dass ein seri\u00f6ser Journalist Distanz zum Gegenstand seiner Betrachtung halten und sich \u201enicht gemein machen [soll] mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in \u00f6ffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein.\u201c <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"363\" height=\"369\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/hannsjoachimfriedrichs105_v-vierspaltig-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4751\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/hannsjoachimfriedrichs105_v-vierspaltig-1.jpg 363w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/hannsjoachimfriedrichs105_v-vierspaltig-1-295x300.jpg 295w\" sizes=\"(max-width: 363px) 100vw, 363px\" \/><figcaption>Charles Wheeler. Quelle: https:\/\/media1.faz.net\/ppmedia\/aktuell\/feuilleton\/659356736\/1.671813\/default\/ein-mann-der-alten-schule.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Bis zuletzt verteidigt er diese journalistischen Tugenden. Moderne Formen\nwie den Sensationsjournalismus lehnt er ab. Es sei nicht Aufgabe eines\nModerators, die Leute zur Betroffenheit zu animieren. In England habe er \u201egelernt,\nzu informieren und zu erhellen, also aufzukl\u00e4ren, und dieses Verst\u00e4ndnis von\nJournalismus hat mich vor allerlei Dummheiten gesch\u00fctzt.\u201c Im Herbst 1950 verpflichtete\nihn der Sender f\u00fcr drei Jahre als Nachrichtenredakteur bei seinem Deutschen\nDienst, \u201eso eine Art Nachhilfeunterricht f\u00fcr Diktaturgesch\u00e4digte\u201c. 1954 ist er\ndann auch erstmals im deutschen Fernsehen zu sehen \u2013 anl\u00e4sslich einer\nLive-\u00dcbertragung der Feierlichkeiten zu Churchills 80. Geburtstag. 1955 kam\nFriedrichs in die Heimat zur\u00fcck, erhielt eine Stelle beim damaligen <em>NWDR<\/em> in K\u00f6ln als Korrespondent und\nReporter und moderierte auch das Regionalmagazin \u201eHier und Heute\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p>Friedrichs Berichte fielen auf, sein Ton war anders: lockerer, normaler\nals das h\u00e4ufig noch gepeitscht klingende Nachkriegsdeutsch anderer Reporter. 1964\nwechselte er zum <em>ZDF<\/em> und ging f\u00fcr\nf\u00fcnf Jahre als USA-Korrespondent nach Washington, bevor er 1969 die\nNachrichtensendung <em>Heute<\/em> zu\nmoderieren begann. Ab 1972 arbeitete er ein Jahr lang als Vietnam-Korrespondent.\nNach seinem ersten Besuch in Saigon w\u00e4re er am liebsten f\u00fcr immer geblieben,\nerz\u00e4hlt er sp\u00e4ter. Der Reporter erlebt die H\u00f6hepunkte des Vietnamkrieges\nhautnah &#8211; die traumatischen Bilder suchen ihn noch Jahre sp\u00e4ter heim. Nach\nVietnam sei er allerdings nicht wegen des Krieges gegangen. Die Kriegsberichterstattung\nhabe ihn nie sonderlich gereizt, sondern vielmehr die Besonderheiten des Landes\nund seiner Bewohner. <\/p>\n\n\n\n<p>Anschlie\u00dfend wurde ihm die Leitung des <em>aktuellen sportstudios<\/em> \u00fcbertragen, das er 101 Mal moderierte \u2013\n\u00fcbrigens gegen den Widerstand des damaligen Vorsitzenden des Verwaltungsrats,\nHelmut Kohl. Friedrichs erinnert sich noch Jahrzehnte sp\u00e4ter an den launischen\nMachtmenschen: Als \u201ekleiner Provinzreporter\u201c habe er den sp\u00e4teren Kanzler nach\neiner Landtagswahl mit seinem miserablen Wahlergebnis konfrontiert. Das habe\nKohl ihm nie verziehen, meint Friedrichs. Auch mit der \u201enervigen Besserwisserei\u201c\nvon Helmut Schmidt hat der Journalist seine Schwierigkeiten. \u201eDas ist ein\nkomischer Vogel. Ich hab den Schmidt bestimmt 20 Mal interviewt. Das war immer\nganz knapp und cool\u201c, sagt er dem <em>Spiegel<\/em>.\n\u201eDas m\u00fcssen Sie anders fragen\u201c, soll Schmidt immer wieder arrogant geantwortet\nhaben. 1981 kehrt der Fernsehjournalist ins <em>ZDF<\/em>-Studio\nNew York zur\u00fcck, wo er gemeinsam mit Dieter Kronzucker das erfolgreiche Magazin\n<em>Bilder aus Amerika<\/em> entwickelt. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eEs war\nsch\u00f6n bei Ihnen\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Oktober 1985 wechselt Friedrichs als \u201eErster Moderator\u201c zu den neu konzipierten <em>Tagesthemen<\/em> der ARD, die er abwechselnd mit Ulrike Wolf und sp\u00e4ter mit Sabine Christiansen moderierte. Er sah das als seine letzte Etappe, \u201evon meinen W\u00fcnschen her ist das der Abschluss meines beruflichen Lebens\u201c. Mit seiner sonoren Stimme wird er schnell zum Publikumsliebling, der auch von Kollegen gesch\u00e4tzt wurde. 1986 schrieb er im <em>Medium Magazin<\/em>, das Sprachgef\u00fchl sei die Hauptanforderung an einen Journalisten und \u201edas Darstellen komplizierter Zusammenh\u00e4nge in einfachem, gutem Deutsch ist nicht erlernbar.\u201c 1988 wandelte er auf den Spuren seines <em>Tagesschau<\/em>-Kollegen Wilhelm Wieben, der f\u00fcr Falcos \u201eJeany\u201c einen Newsflash aufnahm, und kooperierte mit Udo J\u00fcrgens: Friedrichs sprach den Prolog zu dem Lied \u201eGehet hin und vermehret Euch\u201c, das sich angesichts der Zunahme der Weltbev\u00f6lkerung kritisch mit der Sexualmoral der katholischen Kirche auseinandersetzte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"854\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/hannsjoachimfriedrichs105_v-vierspaltig-2-1024x854.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4752\"\/><figcaption>J\u00fcrgens&#8216; Blaues Album. Quelle: https:\/\/media.real-onlineshop.de\/images\/items\/1024&#215;1024\/555b098a0caeb4cc7c277a8fffd02428.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Er verk\u00fcndete als erster \u201eSeit heute wissen wir\u2018s: Barschel hat gelogen\u201c,\naber auch am 9. November 1989 um 22.42 Uhr: \u201eDie Tore in der Mauer stehen weit\noffen\u201c. Danach setzte der n\u00e4chtliche Massenansturm auf die Grenz\u00fcberg\u00e4nge ein. Am\n27. Juni 1991 moderierte Friedrichs letztmalig die <em>Tagesthemen<\/em> und wurde von Ulrich Wickert, bis dahin\nFernsehkorrespondent in Paris, abgel\u00f6st. Grund daf\u00fcr soll ein internes Kompetenzgerangel\nmit der damaligen <em>ARD-Aktuell<\/em>-Leitung\ngewesen sein. Seine Abschiedsworte mit rollendem R \u2013 \u201eEs war sch\u00f6n bei Ihnen,\nall\u2018 die Jahre\u201c \u2013 wurden legend\u00e4r. Es habe keinen einzigen Tag gegeben, an dem\ner ungern in die Redaktion gekommen sei, res\u00fcmiert Friedrichs im <em>Spiegel<\/em>: \u201eViele Leute haben Berufe, die\nsie nur aus\u00fcben, um Geld zu verdienen. Sehen Sie sich doch mal in der U-Bahn\num, morgens.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er habe sich immer verstanden als \u201eMensch, der mit am Esstisch sitzt, der\nein bisschen mehr wei\u00df, weil er die F\u00e4higkeit hat, unbefangen in die Welt zu gucken\nund das, was er entdeckt, so wiederzugeben, dass die Leute ihm glauben\u201c,\nbilanzierte er. In den folgenden Jahren war der ehemalige Anchorman unter\nanderem im <em>ZDF<\/em> als Moderator der\nerfolgreichen Tier- und Naturdokumentation <em>Wunderbare\nWelt<\/em> zu erleben, einem 45-min\u00fctigen Format der National Geographic Society.\nFriedrichs k\u00fcmmerte sich aber auch bei <em>RTL<\/em>\num die Ausbildung von Nachwuchsjournalisten, war als Berater beim Fernsehsender\n<em>Vox<\/em> t\u00e4tig und schrieb seine\nhumorvolle Autobiographie \u201eJournalistenleben\u201c, die zum Bestseller wurde und die\ner seiner langj\u00e4hrigen Lebensgef\u00e4hrtin Ilse Madaus widmete, die er 1994 kurz vor seiner Krebsdiagnose auf Sylt geheiratet hatte: \u201eIch habe 50\nkriegsfreie Jahre erlebt, das ist schon mal was\u201c. Sabine Christiansen verk\u00fcndete\nDeutschland den Tod ihres gro\u00dfen Kollegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine letzte\nRuhe fand er auf dem Friedhof Nienstedten in Hamburg Altona. Anl\u00e4sslich der\nTrauerfeier w\u00fcrdigte <em>NDR<\/em>-Intendant\nJobst Ploog Friedrichs als \u201eVorbild f\u00fcr eine ganze Generation von Journalisten\u201c.\nEr habe eine im deutschen Fernsehen neue Form der Nachrichtenvermittlung\ngepr\u00e4gt, sein Stil \u00fcberragende fachliche Kompetenz mit einem Hauch feiner\nIronie verbunden. Nach seinem Ableben gr\u00fcndete seine Frau gemeinsam mit einem\nguten Dutzend Freunden einen Verein, der allj\u00e4hrlich herausragende und\nverdiente Fernsehjournalisten auszeichnet. Erster Preistr\u00e4ger des\n\u201eHanns-Joachim-Friedrichs-Preis f\u00fcr Fernsehjournalismus\u201c, der seit 2002 mit\n5.000 Euro dotiert ist, war 1995 der ARD-Auslandskorrespondent Thomas Roth. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eeingebracht in diesen Kampf\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Doch sp\u00e4testens seit der Verleihung des Preises 2018 an Anja Reschke, ebenso selbst- wie sendungsbewusste Moderatorin von <em>Panorama<\/em> und <em>Zapp<\/em>, weil sie \u201eHaltung ohne Arroganz, Toleranz ohne Beliebigkeit und Stehverm\u00f6gen ohne Sturheit\u201c zeige, ist das Image des Preises ramponiert. Denn die 47-j\u00e4hrige f\u00fchlt sich eben nicht ausgezeichnet, weil sie sich mit keiner Sache gemein macht, sondern wegen ihrer \u201eHaltung\u201c. In ihrer Dankesrede, auf der <em>Panorama<\/em>-Seite dokumentiert, erkl\u00e4rt sie allen Ernstes, Friedrichs gefl\u00fcgeltes Wort w\u00fcrde \u201eseit Jahren falsch zitiert\u201c, sein Satz sei \u201eaus dem Zusammenhang gerissen\u201c worden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/hannsjoachimfriedrichs105_v-vierspaltig-3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4753\"\/><figcaption>Reschke zur Preisverleihung. Quelle: https:\/\/bilder.t-online.de\/b\/84\/86\/14\/92\/id_84861492\/610\/tid_da\/-panorama-moderatorin-anja-reschke-erhaelt-den-hanns-joachim-friedrichs-preis-.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Es sei\nFriedrichs, so Reschkes These, allein darum gegangen, wie man es schaffe, auch\nschlimme Meldungen vorzutragen und dabei sachlich zu bleiben. \u201eEs ging in\ndieser Frage und in der Antwort nicht darum, ob man sich als Journalist neutral\nverhalten m\u00fcsse.\u201c Das m\u00fcsse man n\u00e4mlich ganz und gar nicht, so ihre\nSchlussfolgerung, und so habe es sicher auch Friedrichs gehalten, den sie zwar\npers\u00f6nlich nicht mehr kennengelernt habe, der aber \u201edurchaus ein engagierter\nMann war\u201c. Nat\u00fcrlich m\u00fcssten Journalisten, so ihre Schlussfolgerung, korrekt\nrecherchieren und ausgewogen berichten. Dennoch sei nun die Zeit gekommen, sich\ntats\u00e4chlich \u201egemein (zu) machen mit einer Sache\u201c, und zwar mit \u201eeiner guten\u201c.\nUnd diese Sache sei die deutsche Verfassung.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn wenn\n\u201epolitische Gruppierungen\u201c mit \u201eKampagnen, verbalen Entgleisungen und bewussten\nGrenz\u00fcberschreitungen\u201c das Grundgesetz anzugreifen versuchen, m\u00fcssten auch\nJournalisten sich \u201emit dem Kampf f\u00fcr das Grundgesetz und die Menschenw\u00fcrde\ngemein machen\u201c. Da die Demokratie, die Pressefreiheit, nie so offen infrage gestellt\nworden sei wie jetzt, h\u00e4tte sicher auch Hanns Joachim Friedrichs sich\neingebracht \u201ein diesen Kampf\u201c, endet sie. Dass sie sich zu wissen anma\u00dft, ob\nund wie er sich heute verhalten w\u00fcrde, ist nicht das Problem. Wohl aber, dass\nihr gar nicht in den Sinn kommt, ob er vielleicht auch den gleichen Weg\ngegangen w\u00e4re wie etwa Eva Hermann. Das nachtr\u00e4gliche Umdeuten von \u00c4u\u00dferungen\nVerstorbener, die sich dagegen nicht mehr wehren k\u00f6nnen, hat jedoch hierzulande\nTradition.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Breitseite kam aber nicht unvorbereitet. Denn schon im legend\u00e4ren <em>Spiegel<\/em>-Interview sprach Friedrichs auch \u00fcber Dinge, mit denen er sich sehr wohl gemein gemacht hatte, weil er sie f\u00fcr gut hielt: die SPD und ihre Vordersten. Er h\u00e4tte es einmal \u201eim Visier gehabt\u201c, Oskar Lafontaines Regierungssprecher zu werden, wenn dieser 1990 Kanzler geworden w\u00e4re. Und so pl\u00e4dierte Martin Hoffmann bereits 2011 in einem inzwischen verschwundenen Blog-Beitrag daf\u00fcr, dass Friedrichs \u201eObjektivit\u00e4ts-Dogma\u201c umgewandelt werden sollte in ein \u201eTransparenz-Dogma\u201c. Drei Jahre sp\u00e4ter ist f\u00fcr Eugen Epp der Journalist als objektive Instanz nicht realistisch \u201eund in letzter Konsequenz wom\u00f6glich auch gar nicht erstrebenswert\u201c. Moderner, publikumsfreundlicher Journalismus \u201ebraucht eine ergebnisoffene Recherche ebenso wie klare Standpunkte\u201c, schrieb er in <em>Message<\/em>, der Zeitschrift f\u00fcr Journalismus. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Unbenannt.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4754\"\/><figcaption>Epps Text ist heute noch abrufbar. Quelle: https:\/\/www.message-online.com\/specials\/objektivitaet-im-journalismus-ende-einer-illusion\/<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Im Mai 2017\nzog Anton Sahlender, Leseranwalt der <em>Mainpost<\/em>,\nnach: \u201eMedien d\u00fcrfen sich grunds\u00e4tzlich mit Sachen oder Entwicklungen gemein\nmachen, wenn sie die (beispielsweise im Sinne unseres Grundgesetzes) f\u00fcr gut\nhalten und sie d\u00fcrfen sich gegen solche wenden, die sie f\u00fcr schlecht halten.\u201c\nAuch der umstrittene Wiener Journalist Armin Wolf sekundierte Reschke und\nmeinte, dass Friedrichs immer wieder Position bezogen habe, etwa zu <em>Wunderbare\nWelt<\/em>, die er im <em>Spiegel <\/em>so beschrieb: \u201eDie\nSendung hat eine gr\u00fcne Botschaft: Wenn der Mensch sich weiter so bem\u00fcht, dann\nkriegt er das auch noch kaputt.\u201c Und erst recht sekundierte Georg Restle, Chef\ndes <em>ARD<\/em>-Politmagazins <em>Monitor<\/em>, in seinem \u201ePl\u00e4doyer f\u00fcr einen werteorientierten\nJournalismus\u201c. So sei im Gegensatz zu dem von ihm konstatierten\njournalistischen \u201eNeutralit\u00e4tswahn\u201c (!) die offengelegte Parteinahme nicht nur\nwahrhaftiger, sondern auch ehrlicher. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eAxt an die Wurzel der Pressefreiheit\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Damit wird\nTechniken das Wort geredet wie dem Verschweigen nicht passender oder dem\nExponieren erw\u00fcnschter Details oder Informationen, der Verwendung tendenziell &nbsp;ab- oder aufwertender Formulierungen oder auch\ndem h\u00e4ufigeren Ein- oder Nichteinladen politischer Gespr\u00e4chspartner. \u201eWer sich\nso leichth\u00e4ndig und ganz bewusst mit scheinlogischen Begr\u00fcndungen vom\njournalistischen Handwerk verabschiedet und stattdessen der bevormundenden\nHaltungsschreiberei das Wort redet, legt damit, zugunsten des eigenen\nSendungsbewusstseins, die Axt an die Wurzel der Pressefreiheit\u201c, z\u00fcrnt Gerhard\nStrate im <em>Cicero<\/em>. Er ma\u00dfe sich und\nder journalistischen Zunft an, zu bestimmen, welche Haltung die einzig\n\u201erichtige\u201c w\u00e4re. Raymond Unger befand\ngar drastisch: \u201eSystemtreue K\u00fcnstler sind wie systemtreue Medien ein Zeichen\ndaf\u00fcr, dass der Kontrollmechanismus freier Gesellschaften versagt\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch wenn Systemtreue pl\u00f6tzlich als Paradebeispiel f\u00fcr die moralische Selbstbeweihr\u00e4ucherung der \u00d6ffentlich-Rechtlichen gleich einem \u201eHelden der Sowjetunion\u201c erscheint, weil sie Themen mit Meinungen und Meinungen mit moralischen Bewertungen verschmilzt, formiert sich ein Gesinnungsjournalismus, der abweichende Meinungen skandalisiert und jedem den Preis deutlich macht, der f\u00fcr Nonkonformismus zu zahlen w\u00e4re. Ein solcher Journalismus ordnet nicht mehr ein und berichtet \u00fcber Tatsachen, sondern wertet und verurteilt. Und wenn die Zustimmung ausbleibt, sind Haltung und Politik halt nicht richtig erkl\u00e4rt worden. Damit liegt aus Sicht der Reporter der Fehler beim Empf\u00e4nger der Nachricht, nicht beim Sender. Was f\u00fcr ein Berufsverst\u00e4ndnis, das \u00fcberdies der B\u00fcrger finanziert. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"686\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Unbenannt-1-1024x686.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4755\"\/><figcaption>N. Wappler. Quelle: https:\/\/medienwoche.ch\/wp_website\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/MW-Wappler-Interview_20190425.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Ex-<em>MDR<\/em>-Programmdirektorin Nathalie Wappler hatte als designierte neue <em>SRF<\/em>-Direktorin in der <em>NZZ am Sonntag<\/em> eine spezielle Idee, mit dem Problem umzugehen: \u201eWir m\u00fcssen ein Programm machen, das informiert, aber nicht polarisiert. Wir m\u00fcssen keinen Meinungsjournalismus machen. Wenn wir in einem Beitrag einen Politiker zu Wort kommen lassen und wenn der Journalist dann den Eindruck erweckt, er wisse es besser, provoziert das einen Vertrauensverlust.\u201c Dieser Vertrauensverlust d\u00fcrfte in Deutschland inzwischen irreparabel sein. Die Besch\u00e4digung des Hajo-Friedrichs-Preises war ein Mosaikstein auf dem Weg dahin. Daran \u00e4ndert auch die Preisvergabe 2019 an die zwei vermeintlich unpolitischen Wissenschaftsjournalisten Mai Thi Nguyen-Kim (<em>WDR<\/em>) und Harald Lesch (<em>ZDF<\/em>) nichts. Denn Lesch hatte sich bereits monatelang als AfD-Gegner und Vertreter der Klimalobby positioniert. <\/p>\n\n\n\n<iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D4749&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 25 Jahren starb Hajo Friedrichs. 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