{"id":4764,"date":"2020-03-19T07:40:09","date_gmt":"2020-03-19T06:40:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4764"},"modified":"2020-02-25T07:53:38","modified_gmt":"2020-02-25T06:53:38","slug":"herzwilder-daseinsfrommer-klang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4764","title":{"rendered":"\u201eherzwilder, daseinsfrommer Klang\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Das Zeugnis vom T\u00fcbinger Stift\nbescheinigt ihm 1793 musterknabenhafte Qualit\u00e4ten: \u201eGute Gesundheit, Gr\u00f6\u00dfe \u00fcber\nden Durchschnitt, angenehme Sprache, gef\u00e4llige Gestik, gute Begabung,\nausgepr\u00e4gtes Urteilsverm\u00f6gen, zuverl\u00e4ssiges Ged\u00e4chtnis, leicht lesbare Schrift,\ngutes Betragen, anerkennenswerter Flei\u00df, reichliche Mittel.\u201c Sp\u00e4ter war es mit\nder Lesbarkeit seiner Schrift aber ein eigen Ding: bis heute konkurrieren vier\nAusgaben mit zum Teil erheblich voneinander abweichenden Versionen seiner Texte.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit denen, die ihm der junge Kollege 1797 zur Pr\u00fcfung vorlegt, kann Goethe wenig bis gar nichts anfangen. Zu einem huldvollen Rat reicht es jedoch allemal. Goethe empfiehlt seinem verschreckten Besucher, k\u00fcnftig \u201ekleine Gedichte zu machen und sich zu jedem einen menschlich interessanten Gegenstand zu w\u00e4hlen.\u201c Mit anderen Worten: durchgefallen! Zu ehrgeizig, zu pomp\u00f6s, zu verstiegen. Auch Schiller, der den Landsmann zun\u00e4chst f\u00f6rdert, ist von der Lyrik seines Bewunderers nicht angetan. Er nennt sie \u201esubjektivistisch\u201c, \u201e\u00fcberspannt\u201c, \u201eeinseitig\u201c, beklagt \u201eihren idealischen Hang\u201c und f\u00fcrchtet, dass auch dieses \u201ebrave Talent\u201c wie so viele andere verloren gehen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"766\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/hannsjoachimfriedrichs105_v-vierspaltig-6-766x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4765\"\/><figcaption>H\u00f6lderlin. Quelle: Franz Carl Hiemer &#8211; Zeno.org, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=6523184<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Und irgendwie ging er ja auch\nverloren: weder der Weimarer Klassik noch der Romantik zuzuordnen, wurde er 1806\nals Geisteskranker in die Klinik T\u00fcbingens eingewiesen und im Jahr darauf als\nunheilbar entlassen \u2013 obwohl ihm nach der Obduktion des Kopfes ein \u201esehr\nvollkommenes und sch\u00f6n gebautes Gehirn\u201c bescheinigt wurde. Bis zu seinem Tode\nlebte der Dichter 36 Jahre lang in einem umgebauten Stadtturm, gepflegt vom\nTischler Zimmer, sp\u00e4ter von dessen Tochter Lotte. Manchmal schrieb er noch und\nunterzeichnete mit \u201eScardanelli\u201c: Johann Christian Friedrich H\u00f6lderlin. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eDie Liebe ist ein Fest\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Geboren wurde er am 20. M\u00e4rz 1770\nin Lauffen am Neckar. Er war zwei, als sein Vater, der Klosterhofmeister,\nstarb, vier, als die Mutter wieder heiratete und dem neuen Mann nach N\u00fcrtingen\nfolgte. Der Stiefvater, ein dem Leben zugewandter, dynamischer Weinh\u00e4ndler und\nsp\u00e4terer B\u00fcrgermeister, war H\u00f6lderlin ein liebevoller zweiter Vater. Allein\nauch dieser starb jung &#8211; kurz vor H\u00f6lderlins neuntem Geburtstag. Erzogen wurden\nFriedrich, die Schwester Heinrika und Halbbruder Karl durch Mutter und Gro\u00dfmutter\n&#8211; ein \u00fcberaus \u201emodern\u201c anmutendes Schicksal. Zwischen 1784 und 1788 besuchte\nH\u00f6lderlin die niedere Klosterschule in Denkendorf, dann die h\u00f6here in\nMaulbronn. \u201eDer Mutter Haus\u201c in der N\u00fcrtinger Neckarsteige blieb auch w\u00e4hrend\nder Studienjahre Aufenthalt f\u00fcr die Ferien und in den darauf folgenden Jahren\nimmer wieder Zufluchtsort f\u00fcr H\u00f6lderlin, der um seine Stellung in der\nGesellschaft rang.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Oktober 1788 nahm H\u00f6lderlin das\nStudium der Theologie am T\u00fcbinger Stift auf. Seine Hochbegabung und sein Flei\u00df\nals Klostersch\u00fcler zahlten sich aus. Auch seine Kommilitonen waren, aus\nheutiger Sicht, Hochbegabte: Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Friedrich\nWilhelm Joseph Schelling, die als Philosophen zu bahnbrechenden Theoretikern\ndes Deutschen Idealismus wurden. Gemeinsam mit zwei \u00e4lteren Studenten gr\u00fcndete\ner im M\u00e4rz 1790 einen Dichterbund als \u00e4sthetische Gegenwelt zum Stiftsalltag.\nMan las Klopstock, Schubart, Goethe und Schiller; man schrieb selbst Gedichte,\ntrug sie einander vor und kritisierte sich gegenseitig. Oft besungen wurde die\nFreundschaft. In St\u00e4udlins \u201eMusenalmanach f\u00fcrs Jahr 1792\u201c wurden erstmals\nGedichte von H\u00f6lderlin ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Da er sich weigerte, eine kirchliche Laufbahn einzuschlagen, war er zun\u00e4chst als Hauslehrer f\u00fcr Kinder wohlhabender Familien t\u00e4tig, so 1793\/94 bei Charlotte von Kalb in Waltershausen, wo er mit einer Hausangestellten ein Kind gehabt haben soll. 1794 besuchte er die Universit\u00e4t Jena, um dort Vorlesungen von Johann Gottlieb Fichte zu h\u00f6ren, und lernte w\u00e4hrend dieses Aufenthaltes neben Goethe und dem von ihm besonders verehrten Schiller auch Novalis und Isaac von Sinclair kennen, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden wird. Im Mai 1795 verlie\u00df H\u00f6lderlin die Universit\u00e4tsstadt fluchtartig, weil er glaubte, sein gro\u00dfes Vorbild Schiller entt\u00e4uscht zu haben, und wurde im Januar 1796 Hauslehrer beim Frankfurter Bankier Jakob Gontard.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"607\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/hannsjoachimfriedrichs105_v-vierspaltig-7-607x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4766\"\/><figcaption>Susettes B\u00fcste von Landolin Ohmacht. Quelle: https:\/\/www.liebieghaus.de\/sites\/default\/files\/media\/image\/sammlung_neuzeit_buestesusettegontard_ohmacht_6_0.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Wie schnell der ledige,\nmuttergepr\u00e4gte Poet sich nun in Gontards Frau Susette verliebte, ist unklar;\nheftig war es in jedem Fall: \u201eLange tot und tiefverschlossen \/ Gr\u00fc\u00dft mein Herz\ndie sch\u00f6ne Welt\u201c, jubelt er in einem Gedicht. In einem Brief schrieb er:\n\u201eMajest\u00e4t und Z\u00e4rtlichkeit, und Fr\u00f6hlichkeit und Ernst, und s\u00fc\u00dfes Spiel und\nhohe Trauer und Leben und Geist, alles ist in und an ihr zu Einem g\u00f6ttlichen\nganzen vereint.\u201c \u00dcber die Natur des innigen Verh\u00e4ltnisses mit der vierfachen\nMutter r\u00e4tseln viele Biographen bis heute. Pierre Bertaux schreibt nach\nAusbreitung einiger Dokumente: \u201eWer da noch an eine \u201aplatonische Liebe\u2018 &#8230;\nglauben will &#8230; dem sei es nicht verwehrt.\u201d Dagegen Irma Hildebrand: \u201e\u2026dieses\nbegl\u00fcckende Zusammensein, ist &#8230; nicht von dieser Welt, es haben sich zwei\nSeelen, nicht zwei K\u00f6rper gefunden.\u201c \u201eDie Liebe ist ein Fest \u2013 es muss nicht\nnur vorbereitet, sondern auch gefeiert werden\u201c, so Susette selbst in einem\nBrief.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eEr will die absolute Dichtung\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein Sommer ungetr\u00fcbten, vollkommenen Gl\u00fccks in dem westf\u00e4lischen St\u00e4dtchen Bad Driburg wird beiden geschenkt: Susettes Ehemann hat sie dorthin vor den napoleoni-schen Truppen in Sicherheit gebracht und h\u00e4lt selbst in Frankfurt die Stellung. Wieder zur\u00fcckgekehrt, muss H\u00f6lderlin den Bediensteten spielen und Susette ihren Familien- und Repr\u00e4sentationspflichten nachkommen. Anfangs kann er die Anspannung produktiv nutzen. Als \u201eDiotima\u201c, eine Figur, die einst Platon als Verk\u00f6rperung des \u201elehrenden Eros\u201c in die Weltliteratur eingef\u00fchrt hatte, besingt er die Geliebte in Gedichten (\u201eHerz! an deine Himmelst\u00f6ne \/ Ist gewohnt das meine nicht\u201c) und beginnt den \u201eHyperion\u201c.\u00a0 <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/hannsjoachimfriedrichs105_v-vierspaltig-8.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4767\"\/><figcaption>Hyperion-Cover. Quelle: https:\/\/bilder.buecher.de\/produkte\/44\/44520\/44520229z.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>In dem Briefroman thematisiert er den Kampf des Helden um die Befreiung Griechenlands von der osmanischen Herrschaft und die Rolle seiner Geliebten, die er wiederum Diotima nennt. Sie liebt Hyperion und ermutigt ihn als Verk\u00f6rperung seines Ideals voll-endeter Sch\u00f6nheit zugleich zur Abl\u00f6sung von einseitiger Bindung an konkrete Einzelerscheinungen, um den Weg in eine h\u00f6here Dimension zu finden \u2013 sonst k\u00f6nne er seine Lebensaufgabe nicht erf\u00fcllen. Nach ihrem Tod, an dem er Mitschuld tr\u00e4gt, muss er sein Leben neu gestalten und findet Frieden in der Natur. <\/p>\n\n\n\n<p>Griechenland wird im Folgenden zum\nzentralen Topos seines gesamten Werkes, zur geschichtsphilosophischen Utopie,\ndenn nicht das reale Griechenland, das H\u00f6lderlin nie besucht hat, ist gemeint.\nGriechenland steht vielmehr f\u00fcr die Sehnsucht nach einem von Harmonie, Freiheit\nund Sch\u00f6nheit bestimmten ganzheitlichen Leben ohne die moderne Vereinzelung des\nIndividuums. In seinen ab 1797 entstandenen Oden und Elegien orientiert sich\nH\u00f6lderlin auch formal an der Antike: Seine Oden dichtet er nach den strengen\nasklepiadeischen und alk\u00e4ischen Odenma\u00dfen, in seinen Elegien benutzt er das\nDistichon, das klassische elegische Versma\u00df. <\/p>\n\n\n\n<p>Inhaltlich evoziert er ein\nSpannungsverh\u00e4ltnis zwischen einem harmonischen griechischen Weltzustand und\nder von G\u00f6ttern verlassenen Gegenwart. Sp\u00e4ter kreist nicht nur sein episches\nund lyrisches, sondern auch sein dramatisches Werk (das Fragment \u201eDer Tod des\nEmpedokles\u201c) in zunehmend verschl\u00fcsselterer Sprache um die Polarit\u00e4t von\nGriechenland und Gegenwart. Dabei mischen sich in seine Texte immer st\u00e4rker\nEntt\u00e4uschung \u00fcber die eigene Dichtung und Zweifel an seiner Rolle als \u201eVerk\u00fcnder\u201c:\n\u201eEr will die absolute Dichtung. Den absoluten, alles erneuernden Gesang. Einen\nGesang, der den Riss in der Sch\u00f6pfung heilt, die Entfremdung zwischen Menschen\nund G\u00f6ttern aufhebt, der die im Geschichts- und Kulturprozess verlorene\nUreinheit von Geist und Natur, Welt und Mensch neu gr\u00fcndet\u201c, befindet Simon\nDemmelhuber im <em>BR<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201egestohlene Momente geheimer Lust\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im September 1798 wird das Verh\u00e4ltnis ruchbar, Jakob Gontard erteilt ihm Hausverbot. H\u00f6lderlin flieht ins benachbarte Homburg zu Sinclair. Es beginnt ein verzweifeltes und entw\u00fcrdigendes Ringen der beiden Liebenden um Kontaktm\u00f6glichkeiten. Zun\u00e4chst sind noch einige heimliche Treffen m\u00f6glich, danach reicht es nur noch zum ver\u00e4ngstigten Austausch von Briefen durch eine Hecke &#8211; Susette ist dauernd unter Beobachtung und kann sich keine Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten erlauben. \u201eSo lieben wie ich Dich, wird Dich nichts mehr, so lieben wie Du mich, wirst Du nichts mehr\u201c, schrieb sie ahnungsvoll. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"339\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/hannsjoachimfriedrichs105_v-vierspaltig-9-1024x339.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4768\"\/><figcaption>Szenenbilder beider deutscher H\u00f6lderlin-Filme. Quelle: eigene Darstellung<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Manche Biographen mutma\u00dfen, er habe\nmit seinem schw\u00e4rmerischen \u00dcberschwang die bis dahin verborgenen Gef\u00fchle einer\nempfindsamen Seele geweckt, und wissen von \u201egestohlenen Momenten geheimer\nLust\u201c. \u201eDrei Stunden soll er f\u00fcr die Strecke von Bad Homburg nach Frankfurt\ngebraucht haben. Jeden ersten Donnerstag im Monat, so war es verabredet, machte\ner sich auf den Weg, zu fast noch nachtschlafender Zeit, denn wenn die\nKirchturmglocken zehn Uhr schlugen, wollten sie sich sehen\u201c, beschreibt Freddy\nLanger in der <em>FAZ<\/em> den Zustand, der\nbeiden unertr\u00e4glich ist \u2013 ihm zumal, weil er am selben Tag wieder zur\u00fcck muss.\nAuf dem \u201eH\u00f6lderlin-Pfad\u201c, einem ausgeschilderten Regionalparkweg, kann man die\nStrecke seit 2008 nachwandern &#8211; 22 Kilometer hin, 22 Kilometer retour.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eDu bist unverg\u00e4nglich in mir\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nach zwei Jahren dann die\nendg\u00fcltige Trennung, die noch unertr\u00e4glicher ist und beide als gebrochene\nMenschen hinterl\u00e4sst: \u201e\u2026denn die Hoffnung h\u00e4lt uns allein im Leben \u2026 Lebe wohl!\nLebe wohl! Du bist unverg\u00e4nglich in mir! und bleibst so lang ich bleibe\u201c, schreibt\nSusette im Mai 1800. Im Jahr darauf nimmt H\u00f6lderlin eine Hauslehrerstelle in\nder Schweiz an, wird gek\u00fcndigt und findet 1802 eine \u00e4hnliche T\u00e4tigkeit in\nBordeaux. Im Juni reist er aus unbekannten Gr\u00fcnden zur\u00fcck nach Deutschland, in\nangeblich so verwahrlostem und verwirrtem Zustand, dass Freunde ihn zun\u00e4chst\nkaum wiedererkenn-en, als er Ende des Monats in Stuttgart eintrifft. <\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4testens hier muss ihn die\nNachricht vom Tod der lungenkranken Susette erreicht haben, die sich seit der\nTrennung dem Leben verweigert haben soll und am 22. Juni 1802 in Frankfurt an\nden R\u00f6teln ihrer Kinder starb. Aber die Ereignisse dieses Monats sind in\nH\u00f6lderlins Leben bis heute unklar und werden von den Biographen auch verschieden\nbeschrieben \u2013 einzig belegt ist gem\u00e4\u00df dem Eintrag in seinem Pass, dass er am 7.\nJuni 1802 die Rheinbr\u00fccke bei Kehl \u00fcberquerte. Was seitdem bis zu seiner\nAnkunft in Stuttgart geschah, liegt im Dunkeln und bietet Raum f\u00fcr viele\nSpekulationen. In den beiden deutschen Filmen \u201eH\u00e4lfte des Lebens\u201c (1985, DDR)\nund \u201eFeuerreiter\u201c (1997, BRD) hat er die tote Susette noch einmal in den Armen\ngehalten.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00f6lderlin kehrt zur\u00fcck nach N\u00fcrtingen, st\u00fcrzt sich in Arbeit, \u00fcbersetzt Sophokles und Pindar, beginnt einen gro\u00dfangelegten Zyklus vaterl\u00e4ndischer Ges\u00e4nge (u.a. \u201eDer Rhein\u201c). Und er schreibt noch manches Gedicht wie die Elegie \u201eBrot und Wein\u201c: \u201eSo komm! Dass wir das Offene schauen, \/ Dass ein Eigenes wir suchen, so weit es auch ist\u201c \u2013 dieser Wunsch blieb ihm ewig versagt, zumal mit Susette. Sein Freund Sinclair, der inzwischen Hessen-Homburger Regierungschef geworden war, verschafft ihm 1804 eine Stelle als Hofbibliothekar; das Gehalt zahlt Sinclair aus eigener Tasche. F\u00fcr den Homburger Landgrafen Friedrich V. entstand unter anderem der Gesang \u201ePatmos\u201c. Doch er sp\u00fcrt offenbar, dass sich sein Leben wandeln wird, und schleudert \u201eH\u00e4lfte des Lebens\u201c aufs Papier, die laut R\u00fcdiger G\u00f6rner \u201ewohl am intensivsten interpretierten vierzehn Zeilen deutschsprachiger Lyrik\u201c. Das Gedicht wurde vielfach vertont und in zahlreiche Sprachen \u00fcbersetzt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/hannsjoachimfriedrichs105_v-vierspaltig-10.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4769\"\/><figcaption>Das Gedicht im Taschenbuch f\u00fcr das Jahr 1805. Quelle: Von Friedrich H\u00f6lderlin &#8211; hoelderlin.de, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=3351330<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Als Sinclair 1805 wegen Hochverrats\nverhaftet und auch gegen den angeblich verwickelten \u201ew\u00fcrttembergischen\nUntertanen\u201c H\u00f6lderlin ermittelt wurde, bricht der seit der Jahrhundertwende als\nHypochonder eingesch\u00e4tzte Dichter zusammen. Zwar verlaufen die Vorw\u00fcrfe im\nSand, doch ein Gutachten eines Homburger Arztes vom April 1805 besagt,\nH\u00f6lderlin sei zerr\u00fcttet und sein Wahnsinn in Raserei \u00fcbergegangen. Im August\n1806 schrieb Sinclair an H\u00f6lderlins Mutter, er k\u00f6nne f\u00fcr seinen Freund nicht\nmehr sorgen. <\/p>\n\n\n\n<p>Am 11. September 1806 wurde\nH\u00f6lderlin mit Gewalt von Homburg nach T\u00fcbingen ins Universit\u00e4tsklinikum\ngebracht und galt von diesem Zeitpunkt an seinen Zeitgenossen als wahnsinnig.\nNach einer 231-t\u00e4gigen Zwangsbehandlung, mit deren Durchf\u00fchrung der\nMedizinstudent und sp\u00e4tere Dichter Justinus Kerner beauftragt wurde, folgte\ndann im Mai 1807 der Umzug ins Turmst\u00fcbchen der Tischlerfamilie Zimmer, die vor\nallem seinen \u201eHyperion\u201c bewunderte. Hier lebte er bis zum 7. Juni 1843 \u2013\n\u00fcbrigens auch das Todesjahr Jakob Friedrich Gontards, der nicht wieder\nheiratete und 41 Jahre Witwer blieb. Von einem \u201evollst\u00e4ndigen R\u00fcckzug auf die\neigene, verworrene Innenwelt\u201c wei\u00df sein Biograph Martin Glaubrecht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201ebis an die Grenzen der sagbaren Welt\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>H\u00f6lderlin schrieb noch\ngelegentlich, spielte Klavier und genoss die Besuche des ihn verehrenden\nDichters Wilhelm Waiblinger. Dem ist auch die erste romantische Stilisierung\ndes kranken H\u00f6lderlin zu verdanken. Als Wahnsinniger tritt er in Eduard M\u00f6rikes\nRoman \u201eMaler Nolten\u201c auf, als wahnsinniger \u201eFreund Holder\u201c in Justinus Kerners \u201eReiseschatten\u201c.\n1826 erfolgte die Publikation einer ersten Werksammlung durch Gustav Schwab und\nLudwig Uhland, jedoch ohne direkte Mitwirkung H\u00f6lderlins an der Herausgabe. <\/p>\n\n\n\n<p>Zwischen 1829 und 1837 wurde der Dichter als \u201eT\u00fcbinger Attraktion\u201c zunehmend Opfer zahlreicher, von ihm nicht selten als st\u00f6rend empfundener Besuche von Fremden und Reisenden. Insbesondere diesen Fremden gegen\u00fcber verhielt er sich oftmals sehr befremdlich und in geradezu schauspielerischer Weise \u201everr\u00fcckt\u201c. In einem Gedichtfragment hei\u00dft es: \u201eAch! wehe mir! \/ Es waren sch\u00f6ne Tage. Aber \/ Traurige D\u00e4mmerung folgte nachher\u201c. H\u00f6lderlins Werk wurde von der zweiten Generation der Romantiker (Brentano, Schwab, Uhland) geliebt, geriet im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts aber mehr und mehr in Vergessenheit. Erst um die Jahrhundertwende besann man sich im Umkreis Stefan Georges &#8211; in eher mystifizierender Weise &#8211; auf den \u201egro\u00dfen Seher f\u00fcr sein volk\u201c (George); aber auch Nietzsche hatte ihn hoch gesch\u00e4tzt. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/hannsjoachimfriedrichs105_v-vierspaltig-11-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4770\"\/><figcaption>H\u00f6lderlin-Turm. Quelle: https:\/\/www.swr.de\/swraktuell\/baden-wuerttemberg\/tuebingen\/Der-Hoelderlinturm-am-Tuebinger-Neckar,1562592039140,bildergalerie-tuebingen-hoelderlin-100~<em>v-16&#215;9@2dL<\/em>-6c42aff4e68b43c7868c3240d3ebfa29867457da.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Abseits einer eher konservativen\nH\u00f6lderlin-Rezeption &#8211; die Ode \u201eDer Tod f\u00fcrs Vaterland\u201c war w\u00e4hrend der beiden\nWeltkriege besonders popul\u00e4r &#8211; haben sich auch dezidiert Linke wie Georg Luk\u00e1cs\nund Peter Weiss oder Anarchisten wie Gustav Landauer mit ihm befasst. In der\nneueren deutschen Lyrik finden sich viele Beispiele einer produktiven\nAuseinandersetzung, so die mittlerweile zu modernen Klassikern gewordenen\nGedichte \u201eLatrine\u201c von G\u00fcnter Eich, \u201eVariation auf \u201aGesang des Deutschen\u2018 von\nFriedrich H\u00f6lderlin\u201c von Peter R\u00fchmkorf, \u201eH\u00f6lderlin in T\u00fcbingen\u201c von Johannes\nBobrowski und \u201eT\u00fcbingen, J\u00e4nner\u201c von Paul Celan. Obwohl H\u00f6lderlins hymnischer\nStil in der deutschen Literatur einmalig geblieben ist, hat seine pr\u00e4gnante und\nh\u00e4ufig fragmentarische Lyrik auch Heym, Trakl oder Bachmann beeinflusst. Brechts\nBearbeitung der \u201eAntigone\u201c des Sophokles beruht auf H\u00f6lderlins \u00dcbertragung.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis heute frappieren an diesem ruhelosen Sucher vor allem zwei Dinge. Zum einen der Versuch, die Antike als Ideenlabor f\u00fcr die Vision und Verk\u00fcndigung einer umfassenden Erneuerung der politischen, gesellschaftlichen, kulturellen, \u00e4sthetischen und k\u00fcnstlerischen Verh\u00e4ltnisse zu benutzen. Angesteckt von den Idealen der Franz\u00f6sischen Revolution tr\u00e4umt er von einer Zukunft ohne Staatlichkeit, ohne Unterdr\u00fcckung und Bevormundung. Zum anderen die Wucht und Geschmeidigkeit der oft kaskadenhaft rhythmisierten rauschenden Sprache bis ins Textbild hinein. Einen \u201eherzwilden, daseinsfrommen Klang\u201c erkennt Demmelhuber und das \u201eGef\u00fchl, als gehe es in jeder Zeile, mit jedem Wort um Leben und Tod, um absolut alles, um einen k\u00fchnen Aufbruch bis an die Grenzen der sagbaren Welt und dar\u00fcber hinaus.\u201c F\u00fcr diesen Aufbruch sollten wir, die offenbar nicht mehr aufbrechen k\u00f6nnen und wollen, dem posthum vielfach geehrten Genius heute noch dankbar sein.<\/p>\n\n\n\n<iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D4764&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von einer ungl\u00fccklichen Liebe traumatisiert, die zweite Lebensh\u00e4lfte als geisteskrank isoliert \u2013 Friedrich H\u00f6lderlin hatte kein leichtes Leben. 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