{"id":4792,"date":"2020-04-28T06:57:09","date_gmt":"2020-04-28T05:57:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4792"},"modified":"2020-03-22T20:19:14","modified_gmt":"2020-03-22T19:19:14","slug":"der-regisseur-als-superstar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4792","title":{"rendered":"\u201eDer Regisseur als Superstar\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Sein gr\u00f6\u00dftes \u00e4sthetisches Geheimnis ist eigentlich winzig: \u201eMach den\nZuschauer zum Vorwisser aller bedrohlichen Geschehnisse\u201c. So schickte der\nSchurke des Streifens \u201eSabotage\u201c (1936) einen kleinen Jungen mit einem Paket\nlos, in dem eine Zeitbombe tickt. Der Zuschauer wei\u00df, wieviel Zeit dem Jungen\nbleibt, sich des gef\u00e4hrlichen P\u00e4ckchens zu entledigen. Der Junge jedoch\ntr\u00f6delt, er ist eben ein Kind. Und da er sich versp\u00e4tet, fliegt er mitsamt\neinem Omnibus in die Luft. Diese Szene zerrte so an den Nerven der Zuschauer,\ndass nach der Premiere eine Kritikerin auf den Regisseur zust\u00fcrzte, um ihn\nt\u00e4tlich anzugreifen. Ihr Name ist vergessen, der des Regisseurs nicht: Alfred\nHitchcock. <\/p>\n\n\n\n<p>Seine Filme f\u00fchren in die aberwitzigen Abgr\u00fcnde menschlicher \u00c4ngste hinein wie im Meisterwerk \u201eVertigo\u201c, fr\u00f6nen schamlos voyeuristischen Gel\u00fcsten wie in \u201eDas Fenster zum Hof\u201c oder lassen eine Hoteldusche zu Dantes Inferno geraten wie in \u201ePsycho\u201c. Er gilt als bislang un\u00fcbertroffener Meister der \u201esuggestiven Verf\u00fchrung\u201c und schuf \u201eDramen des intakten Gehorsams gegen\u00fcber einer verqueren Erziehung\u201c, ja \u201eeine Welt, in der Angst und Luxus die beiden Waagschalen auf der Waage der Verdr\u00e4ngungen sind und die Sexualit\u00e4t die heimliche Kraft\u201c, befand Hellmuth Karasek einst im <em>Spiegel<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/api.time.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/hitchcock.jpeg?w=800&amp;quality=85\" alt=\"\"\/><figcaption>Alfred Hitchcock. Quelle:  <a href=\"https:\/\/time.com\/3977310\/alfred-hitchcock-quotations\/\">https:\/\/time.com\/3977310\/alfred-hitchcock-quotations\/<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Zwischen 1925 und 1976 drehte er insgesamt 53 Filme, in denen vor allem Blondinen nirgendwo sicher waren. Mal st\u00fcrzten sie von einem\nKirchturm in die Tiefe, mal wurden sie unter der Dusche von einem Psychopathen\noder unter freiem Himmel von V\u00f6geln attackiert. Die Schauspielerin Tippi\nHedren, die mit \u201eDie V\u00f6gel\u201c und \u201eMarnie\u201c zum Star wurde, behauptete, auch die\nDarstellerinnen der Blondinen h\u00e4tten sich ihrer Haut erwehren m\u00fcssen &#8211;\ngegen\u00fcber Hitchcock selbst. Der erst\ndickliche, im Alter dann kugelrunde Regisseur mit der unvermeidlichen Zigarre zwischen\nden fleischigen Fingern starb vor 40 Jahren, am Morgen des 29. April 1980 in\nseinem Haus in Los Angeles an Nierenversagen. Seine Leiche wurde einge\u00e4schert,\ndie Asche an einem unbekannten Ort verstreut.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vom\nZeichner zum Produktionsleiter<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der am 13. August 1899 geborene Sohn eines Londoner Gem\u00fcseh\u00e4ndlers\nerz\u00e4hlte immer wieder gerne ein Angst-Erlebnis aus seiner Kindheit. Als er\neines Abends zu sp\u00e4t nach Hause kam, schickte ihn sein Vater mit einem Brief zu\neinem befreundeten Wachmann auf die Polizeistation. Der Wachmann las den Brief,\nwarf den Jungen ins Gef\u00e4ngnis und br\u00fcllte ihn an, dass es so allen Kindern\nergehe, die zu sp\u00e4t nach Hause k\u00e4men. Aufgrund des gro\u00dfen Altersunterschieds zu\nseinen \u00e4lteren Geschwistern, seiner katholischen Erziehung zumal an einer\nstrengen Jesuitenschule und nicht zuletzt aufgrund seines \u00c4u\u00dferen \u2013 er war\nklein und schon als Kind korpulent \u2013 schreiben Biographen von einer einsamen\nKindheit &#8211; ein Aspekt, der gerne banal-psychologisch zurechtgelegt wird: Weil\nder gro\u00dfe Hitchcock Kindheits\u00e4ngste verarbeiten musste, drehte er Filme, die\nAngst machen. <\/p>\n\n\n\n<p>Hitchcock ging kurzzeitig auf eine Ingenieursschule, belegte Kurse an der Londoner Kunstakademie und fl\u00fcchtete sich in die Kunst: er las, besuchte Theatervorstellungen und ging oft ins Kino, verfolgte aber auch Mordprozesse im Gerichtshof Old Bailey. Ab 1915 arbeitete bei einer Telegraphen-Gesellschaft, wo er wegen seines zeichnerischen Talents bald in die Werbeabteilung versetzt wurde. Unter seinem Spitznamen \u201eHitch\u201c ver\u00f6ffentlichte er in der Betriebszeitschrift erste gruselige Kurzgeschichten. 1920 wurde er als Zeichner von Zwischentiteln bei der Londoner Paramount angestellt, entwarf nebenbei Kost\u00fcme, Dekorationen und Szenenbilder und machte auch durch \u00dcberarbeitungen von Drehb\u00fcchern auf sich aufmerksam. Hitchcock wurde Regieassistent, Drehbuchautor, Szenenbildner \u2013 bei manchen Filmen nahm er als verkappter Produktionsleiter all diese Positionen ein. 1922 drehte er seinen ersten eigenen Film, der nie fertiggestellt wurde \u2013 unter t\u00e4tiger Mithilfe von Alma Reville, einer Editorin, die er sp\u00e4ter heiratete und seine wichtigste Mitarbeiterin wurde. Beide sollen sich zeitlebens treu gewesen sein. 1928 wurde ihre gemeinsame Tochter Patricia geboren.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/9\/93\/Hitchcocks-Joan-Harrison-1937.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption> Die Drehbuchautorin Joan Harrison (2.v.l.) mit der Familie Hitchcock (1937). Quelle: Von New York World-Telegram and the Sun Newspaper Photograph Collection (Library of Congress); Acme Photographs &#8211; Dieses Bild ist unter der digitalen ID cph.3c38313 in der Abteilung f\u00fcr Drucke und Fotografien der US-amerikanischen Library of Congress abrufbar. Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=44147163<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>1924\/25 kam Hitchcock als Assistent von Regisseur Graham Cutts nach\nDeutschland, lernte rasch die fremde Sprache und schaute Friedrich Wilhelm\nMurnau \u00fcber die Schulter. Das Melodram \u201eIrrgarten der Leidenschaft\u201c, in Berlin\nund M\u00fcnchen gedreht, war schlie\u00dflich der erste echte \u201eHitchcock\u201c. Mit dem 1926\ngedrehten Stummfilm \u201eDer Mieter\u201c um einen einzelg\u00e4ngerischen Pensionsgast, der\nverd\u00e4chtigt wird, ein Serienm\u00f6rder zu sein, hatte Hitchcock sein Thema\ngefunden. Der Film brachte ihm den Durchbruch, wurde zum Kassenschlager und war\nsicher ein wichtiger Grund, danach immer wieder noch perfektere Thriller zu\nliefern, etwa \u201eDer Mann, der zu viel wusste\u201c (1934) und \u201eDie 39 Stufen\u201c (1935).\nDaneben drehte Hitchcock aber auch einen Operettenfilm \u00fcber Johann Strau\u00df (1933)\n\u2013 ziemlich lustlos, wie er sp\u00e4ter zugab: \u201eIch hasse dieses Zeug. Melodrama ist\ndas einzige, was ich wirklich kann.\u201c Mit \u201eJung und unschuldig\u201c (1937), einer\nweiteren, unbeschwerten Variation der Geschichte vom unschuldig Verfolgten, und\ndem in einem fahrenden Zug spielenden Thriller \u201eEine Dame verschwindet\u201c (1938) festigte\nHitchcock seine Ausnahmestellung innerhalb des britischen Kinos \u2013 und erlag\n1939 prompt den Verlockungen von Hollywood-Tycoon David O. Selznick. 15 Jahre\nsp\u00e4ter nahm er die US-amerikanische Staatsb\u00fcrgerschaft an.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eSpannung\nist Kaugummi f\u00fcrs Gehirn\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sein Einstand war \u00fcberaus erfolgreich: Das d\u00fcstere, psychologisch dichte Melodram\n\u201eRebecca\u201c mit mehr Schauerromantik als Thrill war 1940 elfmal f\u00fcr den Oscar\nnominiert und gewann schlie\u00dflich zwei Troph\u00e4en f\u00fcr Kamera und Produktion. In\nden n\u00e4chsten sieben Jahren dreht er nicht nur propagandistische Kurzfilme zur\nUnterst\u00fctzung der franz\u00f6sischen R\u00e9sistance, sondern verfeinerte auch seine Vorliebe\nf\u00fcr Kriminalstoffe im Verbund mit seinem eigenen, makabren und skurrilen Humor:\n\u201eSpannung ist Kaugummi f\u00fcrs Gehirn\u201c, wird er sich sp\u00e4ter gern zitieren lassen.\nEs entstanden unter anderem \u201eVerdacht\u201c (1941, mit Cary Grant), \u201eIm Schatten des\nZweifels\u201c, \u201eDas Rettungsboot\u201c (beide 1943) und \u201eIch k\u00e4mpfe um dich\u201c (1945). Die\ndamit begr\u00fcndete erfolgreiche Zusammenarbeit mit Ingrid Bergman in der\nHauptrolle ging gleich in der folgenden Produktion \u201eBer\u00fcchtigt\u201c (1946) weiter.\nInzwischen kennt der Meister auch die Erwartungen seines Publikums: \u201eEs hei\u00dft,\ndass, w\u00fcrde ich \u201aCinderella\u2018 verfilmen, das Publikum nur darauf warten w\u00fcrde,\ndass eine Leiche aus der K\u00fcrbiskutsche f\u00e4llt. Das stimmt. Wenn ich die Leute\nmit einem meiner Filme nicht zum Erschauern bringe, sind sie entt\u00e4uscht\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit seiner 1946 gegr\u00fcndeten Produktionsfirma \u201eTransatlantic Pictures\u201c verf\u00fcgte er dann \u00fcber die n\u00f6tige Unabh\u00e4ngigkeit, seine Filme k\u00fcnstlerisch so zu gestalten, wie er das f\u00fcr richtig hielt \u2013 wenn die Auftraggeber, vor allem Warner und Paramount, mitspielten. Ob Cary Grant in \u201eDer unsichtbare Dritte\u201c (1959) als Werbefachmann, der durch eine Verwechslung zum Verfolgten wird, oder James Stewart als Tourist, der in \u201eDer Mann, der zu viel wusste\u201c (1956) durch eine Zufallsbekanntschaft in eine internationale Verschw\u00f6rung hineingezogen wurde: Unschuldig Verfolgte und der Kampf des Einzelnen gegen Kr\u00e4fte, die er nicht zu fassen bekommt, geh\u00f6rten zu Hitchcocks Lieblingsthemen. Doch seine Filme waren nicht nur spannend und manchmal schockierend, sondern vor allem auch so minuti\u00f6s durchgeplant und choreographiert, dass sich der Meister manches Nickerchen am Set leistete (manche Biographen mutma\u00dften, er leide an Schlafsucht) \u2013 die Einstellungen standen ja fest. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.lichtspiele-kalk.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/der-unsichtbare-dritte-1.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Cary Grant in &#8222;Der unsichtbare Dritte&#8220;. Quelle:  <a href=\"https:\/\/www.lichtspiele-kalk.de\/filme\/der-unsichtbare-dritte\/\">https:\/\/www.lichtspiele-kalk.de\/filme\/der-unsichtbare-dritte\/<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Denn Hitchcock verachtete Filme, in denen alle Informationen \u00fcber den\nDialog vermittelt werden. Er f\u00fchrte das Auge seines Zuschauers, erz\u00e4hlte seine\nGeschichten mit Bildern, mit Kameraperspektiven, die erkl\u00e4ren oder falsche\nF\u00e4hrten legen konnten. Daf\u00fcr experimentierte er mit den M\u00f6glichkeiten des Films\nund schuf Innovationen, die heute noch ebenso Bewunderung hervorrufen wie sie\ninzwischen zum festen \u00e4sthetischen Inventar geh\u00f6rten. So wagte er einen Film,\nder ohne sichtbare Schnitte einen Echtzeiteffekt zur Folge hatte (\u201eCocktail f\u00fcr\neine Leiche\u201c, 1948), filmte durch Glasb\u00f6den (\u201eDer Mieter\u201c, 1926), versenkte\neine Lampe in einem Glas Milch, um den Zuschauer das Gift ahnen zu lassen\n(\u201eVerdacht\u201c, 1941) oder kreierte den legend\u00e4ren \u201eVertigo\u201c-Shot (1948), bei dem\ner eine echte Kamerafahrt mit einer gegenl\u00e4ufigen Anpassung der Brennweite\nkombinierte. Da das Motiv w\u00e4hrend der Fahrt in unver\u00e4nderter Gr\u00f6\u00dfe im Bild\nbleibt, wird der Bildausschnitt des Hintergrunds entweder gr\u00f6\u00dfer oder kleiner, wodurch\nein unnat\u00fcrlicher, sogartiger Effekt entsteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Das brachte Hitchcock die Bewunderung junger europ\u00e4ischer Regisseure wie\nFrancois Truffaut ein, dem er 1962 ein f\u00fcnfzigst\u00fcndiges (!) Interview gab. Es erschien\n1966 als \u201eMr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?\u201c in Buchform und gilt als\nStandardwerk der Filmliteratur. Hitchcock wurde sechsmal f\u00fcr den Oscar\nnominiert: f\u00fcnfmal f\u00fcr die Beste Regie, einmal f\u00fcr den Besten Film (als\nProduzent). Alle sechs Mal ging er leer aus, was ihn zu dem Kommentar\nveranlasste: \u201eImmer nur Brautjungfer, nie die Braut\u201c. Seine kurzen \u201eCameo\u201c-Auftritte\nin seinen eigenen Filmen und die von ihm ab 1955 moderierte Fernsehsendung \u201eAlfred\nHitchcock pr\u00e4sentiert\u201c pr\u00e4gten das \u00f6ffentliche Bild Hitchcocks als\nselbstironischer, \u00fcberlegener Manipulator, der sich gern als Snob, Entertainer\nund Gourmet inszenierte. Sein oft mit Schadenfreude gepaarter Witz trieb\nmanchmal bizarre Bl\u00fcten: So lie\u00df er bei einem Empfang in New York erlesene Delikatessen als (laut\nKarte) \u201egebrochene Rippen und blutiges Gulasch\u201c von Kellnern in\nChirurgen-Montur servieren. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Schokoladenso\u00dfe\nstatt Filmblut<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zwar dreht Hitchcock mit \u201eImmer \u00c4rger mit Harry\u201c (1955) auch eine klassische Kom\u00f6die, doch in nahezu allen seiner amerikanischen Filme geht es psychologisch zu. Hitchcock hatte sogar den Ehrgeiz, mit \u201eIch k\u00e4mpfe um dich\u201c den ersten Film \u00fcber Psychoanalyse zu drehen: Es geht um das Kindheitstrauma eines Arztes, der ein M\u00f6rder zu sein glaubt. Viel sp\u00e4ter drehte Hitchock \u201eMarnie\u201c (1964), einen Film \u00fcber eine Kleptomanin und ihr Trauma: Sie hatte in ihrer Kindheit wirklich einen Menschen get\u00f6tet. In die Reihe von Hitchcocks psychologischen Filmen passt sein wohl ber\u00fchmtestes Werk \u201ePsycho\u201c eigentlich nicht, obwohl es um einen Psychopathen mit gest\u00f6rter Mutterbeziehung geht. Denn das ist nur ein Ausl\u00f6ser, Thema des Films hingegen ist die brutale Gewalt eines M\u00f6rders, eine heftige Mischung aus Horror und Thrill. Die in einer Woche Dreharbeit entstandene zweimin\u00fctige \u201eDuschszene\u201c, bei der Janet Leigh gedoubelt wurde, z\u00e4hlt heute mit ihren 78 Kameraeinstellungen und 52 Schnitten zu seinen meistanalysierten Filmszenen. Disney war durch diese Szene, in der \u00fcbrigens Schokoladenso\u00dfe statt Filmblut flie\u00dft, so vor den Kopf gesto\u00dfen, dass er Hitchcock untersagte, in seinen Disneyland-Studios zu drehen. Dieser und der n\u00e4chste Film \u201eDie V\u00f6gel\u201c (1962) haben getreu seiner Devise \u201eDas Drama ist ein Leben, aus dem man die langweiligen Momente herausgeschnitten hat\u201c das Kino nachhaltig ver\u00e4ndert. Hitchcock lie\u00df dabei V\u00f6gel mit Nylonf\u00e4den an Tippi Hedren festbinden, sie h\u00e4tte durch einen Schnabelhieb fast ein Auge verloren.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.welt.de\/img\/vermischtes\/mobile159190118\/1361621347-ci23x11-w960\/THE-BIRDS.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Szenenbild mit T. Hedren. Quelle:  <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/vermischtes\/article159190122\/Es-war-sexuell-es-war-pervers-und-es-war-haesslich.html\">https:\/\/www.welt.de\/vermischtes\/article159190122\/Es-war-sexuell-es-war-pervers-und-es-war-haesslich.html<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Obwohl er\nanfangs meinte \u201eJe erfolgreicher der Schurke, desto erfolgreicher der Film\u201c,\ngewinnen \u00fcber die Jahre ambivalente oder gar negativ gezeichnete Hauptfiguren\nimmer st\u00e4rker an Gewicht. Diese Antihelden weisen physische oder psychische\nProbleme auf, sind Verlierertypen oder unsympathisch. Da in den USA zwischen\n1934 und 1967 der \u201eHays Code\u201c (auch Production Code) galt, eine Sammlung von\nRichtlinien \u00fcber die Einhaltung der g\u00e4ngigen Moralvorstellungen im Film, musste\nHitchcock einen Teil seiner Kreativit\u00e4t auch darauf verwenden, die\nBeschr\u00e4nkungen der Zensur kreativ zu umgehen. Da die L\u00e4nge von K\u00fcssen im Film\ndamals auf drei Sekunden begrenzt war, inszenierte Hitchcock den Kuss zwischen\nIngrid Bergman und Cary Grant in \u201eBer\u00fcchtigt\u201c als Folge einzelner, durch kurze\nDialogs\u00e4tze unterbrochener K\u00fcsse. Hitchcocks gr\u00f6\u00dfter Sieg gegen die Zensur war\ndie Schlussszene von \u201eDer unsichtbare Dritte\u201c: Cary Grant zieht Eva Marie Saint\nim Schlafwagen zu sich nach oben ins Bett, k\u00fcsst sie \u2013 und im folgenden\nUmschnitt donnert ein Zug in einen Tunnel. Expliziter wurde der Sexualakt nie\nmehr angedeutet. <\/p>\n\n\n\n<p>1965 erhielt Hitchcock f\u00fcr seinen \u201ehistorischen Beitrag zum amerikanischen Kino\u201c den Milestone Award der Producers Guild Of America \u2013 die erste von vielen Ehrungen f\u00fcr sein Lebenswerk, darunter auch den Ehrendoktortitel f\u00fcr Literaturwissenschaft von der kalifornischen Universit\u00e4t Santa Clara. In dieser Zeit begann er k\u00f6rperlich abzubauen, litt unter schwerer Arthritis, hatte mit mehreren Schlaganf\u00e4llen seiner Frau umzugehen und wurde alkoholabh\u00e4ngig &#8211; zwischen Bad und Schreibtisch habe er in seinem B\u00fcro listenreich Verstecke f\u00fcr Brandy- und Wodkaflaschen angelegt, berichtet Biograph Donald Spoto. F\u00fcr seine letzten Filme \u201eFrenzy\u201c (1972) und \u201eFamiliengrab\u201c (1976) kehrte er nach England zur\u00fcck. In \u201eFrenzy\u201c realisierte er eine der detailverliebtesten Vergewaltigungs- und Mordszenen der Filmgeschichte: ein impotenter M\u00f6rder kommt zum Orgasmus nur dadurch, dass er sein Opfer erw\u00fcrgt. Hitchcock wollte die beim Strangulieren herausquellende Zunge des Opfers mit tropfendem Speichel in einem Zwischenschnitt zeigen, was ihm erst m\u00fchsam ausgeredet werden musste. Seine Tochter hat ihren Kindern nicht gestattet, sich diesen Film anzusehen. 1979 schloss er sein B\u00fcro auf dem Gel\u00e4nde der Universal-Studios und wurde kurz vor seinem Tod noch im Januar 1980 in den britischen Adelsstand erhoben.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/m.media-amazon.com\/images\/M\/MV5BNGVlNTk1Y2QtOGVhZi00YmIzLWEyNTctMTA5NDg3NTdlYzYzXkEyXkFqcGdeQXVyMDY3OTcyOQ@@._V1_.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Szene aus Frenzy. Quelle:  <a href=\"https:\/\/www.imdb.com\/title\/tt0068611\/mediaviewer\/rm3655944448\">https:\/\/www.imdb.com\/title\/tt0068611\/mediaviewer\/rm3655944448<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Im Scherz soll er sich einmal als Grabinschrift gew\u00fcnscht haben: \u201eDa siehst du, was einem passieren kann, wenn man als Kind nicht artig war.\u201c Bis heute fasziniert, wie er seine Zuschauer in einen Strudel von Lust und schlechtem Gewissen, von Begierde und Schuld, Vertrauen und Misstrauen rei\u00dft: Die Welt als sch\u00f6n tapezierte M\u00f6rdergrube, ja Alptraumfabrik \u2013 das bleibt haften. Hitchcock ist wohl heute noch der einzige Regisseur, dessen Name sich quer durch alle Bev\u00f6lkerungsschichten mit dem Kino verbindet. Man geht nicht in diesen oder jenen Film, man geht in einen \u201eHitchcock\u201c. \u201eDer Regisseur als Superstar\u201c, befindet Robert A. Harris im <em>BR<\/em>. \u201eDie Amerikaner haben den Thriller, den Krimi, den Suspense-Film, die schwarze Kom\u00f6die immer f\u00fcr ein bisschen vulg\u00e4r gehalten. Hitchcock hat diesen Genres W\u00fcrde und den Rang einer Kunstform verliehen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D4792&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe>\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er etablierte den Thriller als Genre, revolutionierte den Spannungsbegriff und schuf seine eigene Bildsprache: Alfred Hitchcock. 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