{"id":4817,"date":"2020-04-06T06:46:04","date_gmt":"2020-04-06T05:46:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4817"},"modified":"2020-03-24T13:05:55","modified_gmt":"2020-03-24T12:05:55","slug":"mephisto-des-staatsrechts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4817","title":{"rendered":"\u201eMephisto des Staatsrechts\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Er war sogar Bundespr\u00e4sident Theodor Heuss eigens eine Antwort an <em>Zeit<\/em>-Chef Richard T\u00fcngel wert. Darin hei\u00dft es, die \u201egeistreiche\nIntelligenz dieses wendigen Mannes\u201c wolle niemand bestreiten. Er selbst aber\nsei \u201espie\u00dfig oder altmodisch genug, ihn f\u00fcr eine von der moralischen Seite her\n\u2026 verh\u00e4ngnisvolle Erscheinung zu halten\u201c. Hintergrund: als am 29. Juli 1954 der\nText \u201eIm Vorraum der Macht\u201c des \u201ewendigen Mannes\u201c erschien, r\u00e4umte die <em>Zeit<\/em>-Politikchefin, Marion Gr\u00e4fin\nD\u00f6nhoff, erst ihren Schreibtisch und versuchte dann von au\u00dfen alles, um T\u00fcngel vom\nSessel zu bei\u00dfen, was diesen zu einem Beschwerdebrief an Heuss animierte. Antwort\nhin oder her: 1955 war D\u00f6nhoff am Ziel und T\u00fcngel weg \u2013 und das wegen eines besch\u00e4ftigungslosen\nJuristen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Name: Carl Schmitt. Er sei \u201eder Prototyp des gewissenlosen Wissenschaftlers, der jeder Regierung dient, wenn es der eigenen Karriere nutzt. Wann immer die Nationalsozialisten Menschen beiseite r\u00e4umen wollten, der eitle Professor aus dem Sauerland lieferte ihnen die passende rechtliche Begr\u00fcndung\u201c, gab Thomas Darnst\u00e4dt im <em>Spiegel<\/em> eine der wohl vernichtendsten Beurteilungen ab. \u201eEin rechter Denker, gewiss\u201c, befindet Alexander Cammann in der <em>Zeit<\/em> und erg\u00e4nzt allerdings: \u201eden man sinnvoll liberal rezipieren konnte, wenn man intellektuell eigenst\u00e4ndig genug blieb.\u201c Herfried M\u00fcnkler bringt in der <em>Welt<\/em> das verbreitete Angst-Lust-Faszinosum um den Mann auf den Punkt: \u201eMan muss mit Schmitt nicht inhaltlich einverstanden sein, um von seiner Art des Denkens fasziniert zu werden. Nicht selten haben sich in der alten Bundesrepublik darum Linke wie Rechte gleichzeitig auf ihn berufen.\u201c <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/schmitt_HH104.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4818\"\/><figcaption>Carl Schmitt am Kamin in seinem Haus am Brockhauser Weg 10 in Plettenberg. Quelle:  <a href=\"http:\/\/www.plettenberg-lexikon.de\/personen\/schmittplett.htm\">http:\/\/www.plettenberg-lexikon.de\/personen\/schmittplett.htm<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Als Jurist\npr\u00e4gte Schmitt eine Reihe von Begriffen und Konzepten, die in den\nwissenschaftlichen, politischen und allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen\nsind, neben der bis heute vielfach rezipierten \u201eFreund-Feind-Unterscheidung\u201c\netwa die \u201eVerfassungswirklichkeit\u201c. Als politischer Philosoph polarisiert die\n\u201everh\u00e4ngnisvolle Erscheinung\u201c heute mehr denn je, ja wird gar als Vordenker von\nAntiliberalismus, Pr\u00e4sidialismus und Autoritarismus gegei\u00dfelt: \u201eDie\nInterpretationen von Schmitts Politischer Theologie nehmen in dem Ma\u00dfe zu, wie\ndie von Adornos Negativer Dialektik abnehmen\u201c, res\u00fcmierte Thomas Assheuer in\nder <em>Zeit<\/em>. Der wohl bekannteste und\nzugleich umstrittenste deutsche Staats- und V\u00f6lkerrechtler mindestens der\nersten H\u00e4lfte, ja vielleicht des gesamten 20. Jahrhunderts starb geistig\numnachtet am 7. April vor 35 Jahren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Als\nZensor in M\u00fcnchen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>96 Jahre zuvor, am 11. Juli 1888, war er in Plettenberg als zweites von\nf\u00fcnf Kindern eines Krankenkassenverwalters zur Welt gekommen. Der Junge wohnte\nim katholischen Konvikt in Attendorn und besuchte dort das staatliche\nGymnasium. Nach dem Abitur studierte Schmitt auf dringendes Anraten eines\nOnkels Jura, obwohl er sich zun\u00e4chst f\u00fcr Philologie entschieden hatte, und traf\nzum Sommersemester 1907 in Berlin ein. Es sei eine faszinierende Frage, \u201ewie\nanders die Fachgeschichte der Germanistik, wie anders aber auch die deutsche\nRechtsgeschichte des 20. Jahrhunderts verlaufen w\u00e4re, wenn es diesen Onkel\nnicht gegeben h\u00e4tte\u201c, mutma\u00dft Ernst Osterkamp in der <em>FAZ<\/em>. Kolportiert wird bis heute, dass Schmitt das Milieu der\nHauptstadt k\u00f6rperliche \u00dcbelkeit bereitet habe. Schon ein Jahr sp\u00e4ter wechselte\ner an die Universit\u00e4t M\u00fcnchen und setzte dann sein Studium in Stra\u00dfburg fort. 1910\npromovierte er mit einer Arbeit \u00fcber Schuld und Schuldarten, vier Jahre sp\u00e4ter\nhabilitierte er sich.<\/p>\n\n\n\n<p>1915 absolvierte Schmitt das Assessor-Examen und trat als Kriegsfreiwilliger in das Bayerische Infanterie-Leibregiment in M\u00fcnchen ein. Er sah aber nur durch ein Fenster in der M\u00fcnchner Maxburg statt auf die Front: als Unteroffizier im stellvertretenden Generalkommando des I. bayerischen Armeekorps leitete er bis 1919 ein Subreferat, das sich mit Genehmigung oder Verbot der Ein- und Ausfuhr politisch brisanter Schriften, der Beobachtung der Friedensbewegung und der Verbreitung feindlicher Propagandatexte befasste. Kurz gesagt: er war Zensor. Einen Antrag von Thomas Mann, Einsicht in ein verbotenes Buch nehmen zu d\u00fcrfen, lehnt er ab, aus Sicherheitsgr\u00fcnden. Dann besorgt er sich das Buch selbst und liest es heimlich. Er galt als Vielleser.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/schmitt_HH104-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4819\"\/><figcaption> Carl Schmitt (rechts) und Ernst J\u00fcnger auf dem Lac de Rambouillet (1941). Quelle:  <a href=\"https:\/\/www.stopptdierechten.at\/2018\/07\/20\/demokratie-durch-ausscheidung-des-heterogenen-zur-freiheitlichen-rezeption-von-carl-schmitt-teil-1\/\">https:\/\/www.stopptdierechten.at\/2018\/07\/20\/demokratie-durch-ausscheidung-des-heterogenen-zur-freiheitlichen-rezeption-von-carl-schmitt-teil-1\/<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Im selben Jahr heiratete Schmitt die vermeintliche kroatische\nAdelstochter Pawla Doroti\u0107, die er zun\u00e4chst f\u00fcr eine spanische T\u00e4nzerin hielt.\nParallel dazu unternimmt er lyrische und belletristische Versuche und geh\u00f6rt\nder sog. \u201eSchwabinger Boh\u00e8me\u201c an, war mit Hugo Ball, sp\u00e4ter Ernst J\u00fcnger\nbefreundet. Es sei eine Tendenz seiner Zeit, \u201edas Kleine hinauf, das Gro\u00dfe\nhinab auf ein zul\u00e4ssiges Erreichbares zu ziehen\u201c, schreibt er schon 1913 in den\n\u201eSchattenrissen\u201c. Schmitts Tagebuch k\u00fcndet von Armut und Schulden auf der einen\nund von Ruhmesfantasien eines grenzenlos Ehrgeizigen auf der anderen Seite. F\u00fcr\nJens Hacke hat er \u201eeinen f\u00fcr seine Zeit nicht untypischen b\u00fcrgerlichen\nSelbsthass verinnerlicht\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p>Schon kurz nach der Habilitation ver\u00f6ffentlicht Schmitt in rascher Folge\nweitere Texte, etwa die \u201ePolitische Romantik\u201c (1919) oder \u201eDie Diktatur\u201c\n(1921). Durch seine sprachm\u00e4chtigen und schillernden Formulierungen \u2013 ein\nResultat seiner Lese- und Schreibleidenschaft \u2013 wurde er auch unter\nNichtjuristen schnell bekannt. Schmitt inszenierte seine Texte\npoetisch-dramatisch, versah sie h\u00e4ufig mit mythischen Bildern und Anspielungen\nund war \u00fcberzeugt, dass \u201eoft schon der erste Satz \u00fcber das Schicksal einer\nVer\u00f6ffentlichung entscheidet\u201c \u2013 das k\u00f6nnte so auch in einem\nJournalismus-Lehrbuch stehen. Viele dieser Er\u00f6ffnungss\u00e4tze, allen voran\n\u201eSouver\u00e4n ist, wer \u00fcber den Ausnahmezustand entscheidet\u201c, werden noch heute ger\u00fchmt.\n\u201eDie K\u00fchnheit der Formulierung l\u00e4sst die M\u00fchseligkeit kleinteiliger\nProblembearbeitung hinter sich, aber gerade darin haftet ihr etwas zutiefst\nUnpolitisches an\u201c, wei\u00df M\u00fcnkler. Dabei sind seine Ver\u00f6ffentlichungen bis auf wenige\nAusnahmen eher l\u00e4ngere Essays denn theoretische Schriften.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer Lehrt\u00e4tigkeit an der Handelshochschule M\u00fcnchen 1920 nahm\nSchmitt 1921 einen Ruf an die Universit\u00e4t Bonn an. Als sich Dorota, unter f\u00fcr\nihn durchaus peinlichen Umst\u00e4nden, als Hochstaplerin entpuppt, wird die Ehe vom\nLandgericht Bonn 1924 zivilrechtlich annulliert, nicht aber kirchlich\naufgehoben. Seit er, als Katholik, im Jahr darauf seine fr\u00fchere Studentin Du\u0161ka\nTodorovi\u0107, eine Serbin, geheiratet hatte, blieb er bis zu deren Tode 1950 daher\nexkommuniziert. Aus dieser zweiten Ehe ging die Tochter Anima hervor, sein\neinziges Kind, das er noch um zwei Jahre \u00fcberleben sollte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eVernichtung\ndes Heterogenen\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In seine Bonner Zeit f\u00e4llt zum ersten eine verst\u00e4rkte Zuwendung zum Jungkatholizismus und zum Kirchenrecht (\u201ePolitische Theologie\u201c, 1922). Als Katholik war er von einem tiefen Pessimismus gegen\u00fcber Fortschrittsvorstellungen oder der Technisierung gepr\u00e4gt: \u201eSchmitt befl\u00fcgelt das tragische Lebensgef\u00fchl, wonach es ganz nat\u00fcrlich ist, dass in der Geschichte kein Rosenwasser verspr\u00fcht, sondern Blut vergossen wird\u201c, meint Assheuer. Schmitts unmittelbare zeitgen\u00f6ssische Erfahrung war nach 1918 gepr\u00e4gt von Kriegsniederlage, Ordnungsverlust, Untergang: Novemberrevolution, M\u00fcnchner Republik, Kapp-Putsch, die Freikorps-Morde, die Ruhrbesetzung. Er dachte national, empfand Versailles und V\u00f6lkerbund als Farce und betrachtete die junge Weimarer Republik als schwachen Staat, zerrieben von unterschiedlichen Interessengruppen und Weltanschauungsparteien. Aus dieser Haltung heraus artikulierte Schmitt fr\u00fch und fast schon manisch die eigene Sehnsucht nach Ordnung.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"1001\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/schmitt_HH104-2-1024x1001.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4821\"\/><figcaption>Als Dozent. Quelle:  <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/img\/kultur\/mobile167031781\/9412507787-ci102l-w1024\/Carl-Schmitt-Jurist-D.jpg\">https:\/\/www.welt.de\/img\/kultur\/mobile167031781\/9412507787-ci102l-w1024\/Carl-Schmitt-Jurist-D.jpg<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>In die\nBonner Zeit fallen aber auch seine erste explizit politische Schrift \u201eDie\ngeistesgeschichtliche Lage des heutigen Parlamentarismus\u201c (1924) sowie sein\nbedeutendstes wissenschaftliches Werk, die \u201eVerfassungslehre\u201c (1928). Als\nEssenz seiner politischen Theorie kristallisiert sich der Begriff der Dezision\nheraus, der Entscheidung, die er der Deliberation vorzieht, der Beratschlagung.\nF\u00fcr den Bereich des Politischen, das eine besondere Stellung im Verh\u00e4ltnis zur\nGesellschaft habe, sei dies die Unterscheidung von Freund und Feind. Durch die\nAbgrenzung gegen\u00fcber, ja durch den Konflikt mit einem \u00e4u\u00dferen Feind gelinge die\nFestigung der Gruppe nach Innen. Sollte dennoch einmal der Frieden ausbrechen,\nso handele es sich um die tr\u00fcgerische Ausnahme vom Krieg, dieser \u201e\u00e4u\u00dfersten\nRealisierung der Feindschaft\u201c. Ihn schlug die Erbs\u00fcndenlehre in den Bann, die\nihm den Ursprung von Gut und B\u00f6se offenbarte, das Entweder- Oder existenzieller\nEntscheidung und die Wahrheit \u00fcber den \u201eMenschen im Ganzen\u201c. Das biblische\nGebot der Feindesliebe, so behauptet Schmitt, beziehe sich einzig und allein\nauf die private Sph\u00e4re, nicht aber auf den politischen Widersacher.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch der\nKonflikt mit einem inneren Feind sei denkbar: \u201eZur Demokratie geh\u00f6rt (\u2026)\nnotwendig erstens Homogenit\u00e4t und zweitens n\u00f6tigenfalls die Ausscheidung oder\nVernichtung des Heterogenen.\u201c Gleichartigkeit wird bei ihm zum zentralen\nKennzeichen von Demokratie; das machte ihn nach links anschlussf\u00e4hig. \u201eDie\nendlosen Aushandlungsprozesse und Kompromissbildungen zwischen den\nverschiedenen gesellschaftlichen Gruppen und politischen Akteuren haben ihn\nauch \u00e4sthetisch abgesto\u00dfen\u201c, so eine These M\u00fcnklers zu Schmitts\nLiberalismuskritik. Die Weimarer Republik sah Schmitt als labiles politisches\nSystem, das den Deutschen von fremden M\u00e4chten \u00fcbergest\u00fclpt worden sei. Wie f\u00fcr\nSpengler verkommt auch f\u00fcr ihn der Staat zur Beute der Parteien, die fern vom\nVolk hinter verschlossenen T\u00fcren ihre Geheimpolitik betrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>In der \u201eVerfassungslehre\u201c unterzog er die Weimarer Verfassung einer systematischen juristischen Analyse und begr\u00fcndete eine neue wissenschaftliche Literaturgattung, die sich neben der klassischen Staatslehre als eigenst\u00e4ndige Disziplin des \u00d6ffentlichen Rechts etablierte. Dem Pluralismus partikularer Interessen, der f\u00fcr ihn der Egoismus gesellschaftlicher Interessensgruppen war, setzte er die Einheit des Staates entgegen, die f\u00fcr ihn durch den vom Volk gew\u00e4hlten Reichspr\u00e4sidenten repr\u00e4sentiert wurde, und sieht die Homogenit\u00e4t von Repr\u00e4sentant und Repr\u00e4sentierten als Voraussetzung echter Demokratie, die f\u00fcr ihn eine Pr\u00e4sidialdemokratie sein muss. Der Staat hatte stark zu sein, um die Politik des Souver\u00e4ns durchzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"671\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/schmitt_HH104-3-671x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4822\"\/><figcaption>Originalausgabe. Quelle:  <a href=\"http:\/\/www.bard.edu\/library\/arendt\/pdfs\/Schmitt-Verfassungslehre.pdf\">http:\/\/www.bard.edu\/library\/arendt\/pdfs\/Schmitt-Verfassungslehre.pdf<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Denn im\nParlament st\u00fcnden sich die verschiedenen Weltanschauungsparteien unvers\u00f6hnlich\ngegen\u00fcber, es gebe nur noch Meinungs- und Interessenfronten, aber keinen Platz\nf\u00fcr Argumente, keinen Willen zum wirklichen Gespr\u00e4ch, schon gar nicht zur\nEinigung. Die politischen und sozialen Gegens\u00e4tze in der Massendemokratie\nk\u00f6nnen nicht mehr \u00fcber den Parlamentarismus integriert werden, so der\nAnalytiker, der \u00fcber \u201eorganisierte Unentschiedenheit\u201c schimpft. Der Souver\u00e4n\nsollte \u00fcber dem Recht, ja \u00fcber der Verfassung stehen; seine Entscheidung\nschafft die Norm, wie Gott dem Moses die Gesetzestafeln diktierte. Das kann nur\nmissverstehen, wer autorit\u00e4r und totalit\u00e4r, \u201etotalen Staat\u201c und \u201etotalen Krieg\u201c\nverwechselt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eAlle wollen dasselbe\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1928\nwechselte Schmitt nach Berlin, zuerst an die Handelshochschule, von 1933 &#8211; 1945\nan die Friedrich-Wilhelms- (heute Humboldt-)Universit\u00e4t, und entwirft hier die\nDenkgeb\u00e4ude, die ihn laut dem Frankfurter Staatsrechtshistoriker Michael\nStolleis als \u201eMephisto des Staatsrechts\u201c erscheinen lassen. \u201eSicher zielte\nSchmitt nicht auf den v\u00f6lkischen F\u00fchrerstaat\u201c, ist sich Stolleis gewiss. Doch\nfast alles, was Schmitt dachte, glaubte, schrieb und redete, gab das perfekte\nwissenschaftliche Unterfutter f\u00fcr das nun folgende Kapitel Deutschlands her. \u201eAlle\nwollen dasselbe, deshalb wird in Wirklichkeit keiner \u00fcberstimmt, und wenn er\n\u00fcberstimmt wird, so hat er sich eben \u00fcber seinen wahren und besseren Willen\nget\u00e4uscht\u201c &#8211; diesen an Jean-Jacques Rousseau angelehnten Satz schrieb Schmitt\nschon in seinem ersten Berliner Jahr. Er h\u00e4tte auch von Stalin gesagt werden k\u00f6nnen.\nSo waren f\u00fcr Schmitt Bolschewismus und Faschismus zwar \u201ewie jede Diktatur\nantiliberal, aber nicht notwendig antidemokratisch\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Anfangs\npositionierte sich der Mussolini-Bewunderer, der im Kabinett Schleicher Minister\nohne Gesch\u00e4ftsbereich geworden war, gegen Hitler, den er als dumm und\nl\u00e4cherlich bezeichnete. Nach dem Erm\u00e4chtigungsgesetz vom 24. M\u00e4rz 1933\npr\u00e4sentierte sich der \u201eM\u00e4rzgefallene\u201c Schmitt dagegen als \u00fcberzeugter Anh\u00e4nger\nder neuen Machthaber &#8211; ob aus Opportunismus oder innerem Antrieb, ob als Problem\nder Theorie oder des Charakters, ist bis heute umstritten. M\u00fcnkler betont den\nCharakter: \u201eintellektueller Hochmut in Verbindung mit dem Karrierestreben eines\nehrgeizigen Au\u00dfenseiters haben Schmitt zeitweilig in engste N\u00e4he zum Regime\ngebracht, und deren Ausdruck war seine Rechtfertigung der Morde an dem\nSA-F\u00fchrer R\u00f6hm sowie dem ehemaligen Reichskanzler Schleicher\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 11. Juli 1933 berief ihn Hermann G\u00f6ring in den Preu\u00dfischen Staatsrat \u2013 ein Titel, auf den er zeitlebens besonders stolz war. Noch 1972 soll er gesagt haben, er sei dankbar, Preu\u00dfischer Staatsrat geworden zu sein und nicht Nobelpreistr\u00e4ger. Zudem wurde er Herausgeber der <em>Deutschen Juristenzeitung<\/em> und Mitglied der Akademie f\u00fcr deutsches Recht. Schmitt erhielt sowohl die Leitung der Gruppe der Universit\u00e4tslehrer als auch die Fachgruppenleitung Hochschullehrer im NS-Rechtswahrerbund. Er entwickelte die Lehre vom konkreten Ordnungsdenken, der zufolge jede Ordnung ihre institutionelle Repr\u00e4sentanz im Entscheidungsmonopol eines Amtes mit Unfehlbarkeitsanspruch findet. Diese \u201eamtscharismatische Souver\u00e4nit\u00e4tslehre\u201c m\u00fcndete in eine Propagierung des F\u00fchrerprinzips und der These einer Identit\u00e4t von Wille und Gesetz (\u201eDer Wille des F\u00fchrers ist Gesetz\u201c), womit Schmitt seinen Ruf bei den Machthabern festigte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"1016\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/schmitt_HH104-4-1024x1016.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4823\"\/><figcaption>Juristenzeitung 1934. Quelle:  <a href=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/d\/d9\/Kopf_F%C3%BChrer_sch%C3%BCtzt_das_Recht.jpg\">https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/d\/d9\/Kopf_F%C3%BChrer_sch%C3%BCtzt_das_Recht.jpg<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Mehr als 40 Aufs\u00e4tze in diesem Ton hat der Parteigenosse Nummer 2098860\nzwischen 1933 und 1936 ver\u00f6ffentlicht. Allein sie halfen ihm nichts \u2013 eine\nIntrige beendete 1936 seine politische Vita, in deren Folge er alle \u00c4mter in\nden Parteiorganisationen verlor. Der Mann, der sich nur allzu gern als \u201eKronjurist\ndes Dritten Reiches\u201c hofieren lie\u00df, war f\u00fcr den Hitler-Staat nicht viel mehr\nals ein n\u00fctzlicher Idiot. Niemand k\u00f6nne sagen, der Staatsrechtsprofessor habe\ndie Nazis an die Macht gebracht, gesteht Darnst\u00e4dt. \u201eNichts von dem, was das\nNS-Regime angerichtet hat, w\u00e4re ohne Schmitt anders gelaufen\u201c, muss Kolleis\nzugeben. Doch auch als Hochschullehrer versuchte er weiter, zum Stichwortgeber\ndes Regimes zu avancieren. Das zeigt etwa sein 1939 zu Beginn des Zweiten\nWeltkriegs entwickelter Begriff der \u201ev\u00f6lkerrechtlichen Gro\u00dfraumordnung\u201c, den er\nals deutsche Monroe-Doktrin verstand. Dies wurde sp\u00e4ter zumeist als Versuch\ngewertet, die Expansionspolitik Hitlers v\u00f6lkerrechtlich zu fundieren: als sei\ndie Deutung wichtiger als die Bedeutung \u2013 ein Ph\u00e4nomen, das ihm -zigfach\nwiderfuhr.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201ekeine\nKriegsgefangenen get\u00f6tet\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Am 26. September 1945 verhafteten ihn die Amerikaner und internierten ihn\nbis zum 10. Oktober 1946 in verschiedenen Lagern, teilweise in Einzelhaft. Anl\u00e4sslich\nder N\u00fcrnberger Prozesse wurde er von Chef-Ankl\u00e4ger Robert M. W. Kempner als \u201epotentieller\nAngeklagter\u201c verh\u00f6rt. Zu einer Anklage kam es jedoch nicht, weil er eine\nStraftat im juristischen Sinne nicht feststellen konnte: \u201eWegen was h\u00e4tte ich\nden Mann anklagen k\u00f6nnen?\u201c, begr\u00fcndete Kempner diesen Schritt sp\u00e4ter. \u201eEr hat\nkeine Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen, keine Kriegsgefangenen\nget\u00f6tet und keine Angriffskriege vorbereitet\u201c, zitiert ihn Darnst\u00e4dt im <em>Spiegel<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Schmitt geh\u00f6rte zu den wenigen, die ihre Liaison mit dem Nationalsozialismus die akademische Karriere gekostet hat: Ende 1945 war er ohne alle Versorgungsbez\u00fcge aus dem Staatsdienst entlassen worden. Um eine Professur bewarb er sich nicht mehr, das w\u00e4re wohl auch aussichtslos gewesen. Stattdessen zog er sich in seine Heimatstadt Plettenberg zur\u00fcck, wo er weitere Ver\u00f6ffentlichungen unter Pseudonymen vorbereitete und noch vierzig Jahre lebte. 1952 konnte er sich, schon verwitwet, eine Rente erstreiten, aus dem akademischen Leben aber blieb er ausgeschlossen: Eine Mitgliedschaft in der Vereinigung der Deutschen Staatsrechtslehrer wurde ihm verwehrt. <\/p>\n\n\n\n<p>An die schriftstellerische Produktivit\u00e4t der Weimarer Jahre hat er nicht mehr anschlie\u00dfen k\u00f6nnen \u2013 die Republik war wohl zu sicher, um von ihm unsicher geschrieben zu werden. \u201eAber Schmitts Schweigen hat die von ihm ausgehende Faszination eher erh\u00f6ht. Man kann darin eine neue Variante der zuvor bereits gepflegten Strategie der Selbstverr\u00e4tselung sehen\u201c, feixt Assheuer. In seinen letzten Jahren sieht M\u00fcnkler \u201eeinen verbitterten, eifers\u00fcchtigen, gelegentlich b\u00f6sartigen Mann, der mit der Fassung ringt\u201c. Doch die Probleme, \u00fcber die Schmitt nachgedacht hat, blieben und haben nach seinem Tode noch an Brisanz gewonnen \u2013 und er wieder an Attraktivit\u00e4t angesichts der zunehmenden Kritik an kosmopolitischen Weltentw\u00fcrfen und der Frustration \u00fcber die aufs Akademische beschr\u00e4nkte Wirkung deliberativer Politikkonzeptionen. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"859\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/schmitt_HH104-5-859x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4824\"\/><figcaption>In Schmitts Tradition: Botho Strauss. Quelle:  <a href=\"https:\/\/magazin.spiegel.de\/EpubDelivery\/spiegel\/pdf\/13681004\">https:\/\/magazin.spiegel.de\/EpubDelivery\/spiegel\/pdf\/13681004<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Zeitlebens lehnte Schmitt einen naiven Universalismus der Menschenrechte\nund die irrealen Tr\u00e4ume vom Erfolg des V\u00f6lkerbunds als illusorisch ab und hielt\netwa \u201eWeltfrieden\u201c f\u00fcr einen unpolitischen Begriff, der keine Feindschaft mehr\nzulie\u00df: \u201eWer Menschheit sagt, will betr\u00fcgen\u201c. Das liberale Denken hatte aus\nSchmitts Sicht verlernt, sich mit den harten politischen Realit\u00e4ten\nauseinanderzusetzen. Die teilweise kultisch gefeierte belgische Politologin und\nPostmarxistin Chantal Mouffe darf als prominenteste linke Schmitt-Adeptin\ngelten: die Verleugnung der antagonistischen Natur der Gesellschaft und die Delegitimierung\nvon Konflikt wirkten zutiefst depolitisierend, schreibt sie. Aber Schmitt w\u00e4rme auch \u201edie Sehnsucht nach \u201aHerrschaft und Heil\u2018 wie auch den\nliterarischen Anti-Judaismus eines Martin Walser\u201c, so Assheuer, die \u201eGespenster\nseines Raumdenkens\u201c spukten in Peter Handkes Hass auf die UN \u201eebenso wie im\ngespreizten Elitismus eines Botho Strau\u00df\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Schmitt war immer schneller als die Politik &#8211; egal, welche; vielleicht liegt seine Renaissance vor allem darin begr\u00fcndet. \u201eEr hatte immer die passenden Ideen schon parat und immer eine griffige Formulierung drauf\u201c, meint Darnst\u00e4dt. Manche seiner S\u00e4tze lesen sich bis heute qu\u00e4lend: \u201eWas war eigentlich unanst\u00e4ndiger: 1933 f\u00fcr Hitler einzutreten oder 1945 auf ihn zu spucken?\u201c Gesinnungstreue Sch\u00fcler betrachten Schmitts faschistische Jahre als l\u00e4ssliche S\u00fcnde: Wer gro\u00df denkt, d\u00fcrfe auch gro\u00df irren. Sein Denkstil beeinflusste daneben zahlreiche namhafte Publizisten und Juristen, allen voran den Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang B\u00f6ckenf\u00f6rde, dem das an Schmitt angelehnte sogenannte \u201eB\u00f6ckenf\u00f6rde-Diktum\u201c zu verdanken ist, wonach der freiheitliche, s\u00e4kularisierte Staat von Voraussetzungen lebe, die er selbst nicht garantieren k\u00f6nne.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/schmitt_HH104-6.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4827\"\/><figcaption>Schmitts Grab. Quelle:  <a href=\"http:\/\/www.plettenberg-lexikon.de\/personen\/schmittplett.htm\">http:\/\/www.plettenberg-lexikon.de\/personen\/schmittplett.htm<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Ob er Antisemit war, wird bis heute kontrovers diskutiert. Abgesehen von seiner analytischen Brillanz, der schlagenden Verbindung von Bild und Begriff sowie seiner im Wortsinn ungeheuren Formulierungsgabe bleibt er pr\u00e4sent in der geheimnisumwitterten Rolle des Verfemten, die ihn \u201eim ausgebombten Bewusstsein der jungen, nicht nur katholischen Intelligenz attraktiv\u201c machte, befand Assheuer: Schmitt sei der \u201efremde Gast\u201c in der Bundesrepublik, der \u201elebende Legitimit\u00e4tsvorbehalt gegen das parlamentarische System\u201c gewesen. Und Schmitt bleibt pr\u00e4sent wegen Statements wie diesem: \u201eEs gibt Verbrechen gegen und Verbrechen f\u00fcr die Menschlichkeit. Die Verbrechen gegen die Menschlichkeit werden von Deutschen begangen. Die Verbrechen f\u00fcr die Menschlichkeit werden an Deutschen begangen.\u201c Solche S\u00e4tze bei\u00dfen. Jeden.<\/p>\n\n\n\n<iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D4817&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Verfemte gilt vielen bis heute als Genie, obwohl er Hitler das passende Staatsrecht erfunden und den Krieg als Zweck von Politik verherrlicht haben soll: Carl Schmitt starb vor 35 Jahren.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4,9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4817"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4817"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4817\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4828,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4817\/revisions\/4828"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4817"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4817"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4817"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}