{"id":4944,"date":"2020-06-07T06:41:27","date_gmt":"2020-06-07T05:41:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4944"},"modified":"2020-05-28T14:59:02","modified_gmt":"2020-05-28T13:59:02","slug":"fuerchterlichste-melancholie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4944","title":{"rendered":"\u201ef\u00fcrchterlichste Melancholie\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>In bestimmten Familien steckt zu bestimmten Zeiten etwas Schicksalhaftes,\ndas wohl zu beschreiben, aber kaum zu erkl\u00e4ren ist. Die Familie des Th\u00fcringer\nBuchh\u00e4ndlers, \u00dcbersetzers und Verlegers August Schuhmann, dessen j\u00fcngster Sohn\nRobert am 8. Juni 1810 in Zwickau geboren wurde, geh\u00f6rt Mitte des 19.\nJahrhunderts dazu. Roberts depressive Schwester Emilie brachte sich 29j\u00e4hrig\num. Roberts Sohn Ludwig fiel als kaum 20j\u00e4hriger in geistige Umnachtung. Und\nRobert verbrachte nach einem Selbstmordversuch die letzten zwei Jahre seines gerade\n46j\u00e4hrigen Lebens in der Irrenanstalt. <\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem der Krankenbericht im Mai 2006 \u00f6ffentlich gemacht wurde, kristallisiert sich als Ursache eine mit Arsenicum ebenso unvollst\u00e4ndig wie falsch behandelte Syphilis heraus, die bei Robert zu Symptomen wie Sprachst\u00f6rungen, Zornesausbr\u00fcchen, Unruhezust\u00e4nden, stundenlangem Br\u00fcllen und Schreien sowie gelegentlicher Aggressivit\u00e4t gegen W\u00e4rter und \u00c4rzte und zuletzt zu einer Paralyse f\u00fchrte. Von einem \u201etotalen Pers\u00f6nlichkeitsverlust\u201c schreibt Caspar Franzen im <em>\u00c4rzteblatt<\/em>: \u201eSchumann entkleidete sich st\u00e4ndig, hatte zudem seine Def\u00e4kation nicht mehr unter Kontrolle\u201c; zuletzt konnte er weder sprechen noch essen. Ob innerhalb der Familie eine bestimmte Veranlagung f\u00fcr psychische Probleme vorlag, ist kaum mehr zu pr\u00fcfen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"466\" height=\"695\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Portrait_of_Robert_Schumann.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4965\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Portrait_of_Robert_Schumann.jpg 466w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Portrait_of_Robert_Schumann-201x300.jpg 201w\" sizes=\"(max-width: 466px) 100vw, 466px\" \/><figcaption>Robert Schumann. Zeichnung von Adolph von Menzel. Quelle: photo by Michael Sondermann Presseamt Stadt Bonn, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=26545189 <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Schumann galt lange als schwierig zu spielen. 1891 kam erstmals das\nBonmot auf, er habe als Genie begonnen und als Talent geendet; seine sp\u00e4ten\nWerke seien von seiner Krankheit gepr\u00e4gt gewesen. Manche Kompositionen lagen auch\nin der Schublade: das 1853 entstandene Violinkonzert in d-Moll wurde erst 84\nJahre sp\u00e4ter im Rahmen einer propagandistischen Inszenierung in Berlin\nuraufgef\u00fchrt &#8211; es sollte als \u201edeutscher\u201c Ersatz f\u00fcr das von den Spielpl\u00e4nen\ngestrichene Violinkonzert von Felix Mendelssohn Bartholdy propagiert werden, der\nals Jude verp\u00f6nt wurde. Schon w\u00e4hrend des Deutschen Kaiserreichs und danach vor\nallem w\u00e4hrend der NS-Herrschaft wurde Schumann immer enger als deutschnational\ninterpretiert und propagiert. Die nationalsozialistisch gepr\u00e4gte\nMusikwissenschaft erhob ihn zum typisch deutschen Genie und verkleinerte ihn gleichzeitig\nzum Komponisten der Innerlichkeit. Beides wird ihm nicht gerecht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201ees\n\u00fcberl\u00e4uft mich eiskalt\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch genoss die sorgf\u00e4ltigste und liebevollste Erziehung\u201c, wird Schumann\nbekunden. Angeregt von der literarischen und verlegerischen T\u00e4tigkeit seines\nVaters sowie der Lekt\u00fcre in dessen reichhaltiger Bibliothek, schrieb Robert\nGedichte, Romanfragmente, Aufs\u00e4tze und f\u00fchrte Tagebuch: \u201eEs dr\u00e4ngte mich imer\nzum Producieren, schon in fr\u00fchesten Jahren, war\u2018s nicht zur Musik, so zur\nPo\u00ebsie\u201c. Besonders pr\u00e4gten ihn romantische Schriftsteller wie Heinrich Heine,\nden er vor seinem Studium in M\u00fcnchen kennen lernte, und E.T.A. Hofmann. Der\nVater unterst\u00fctzte Roberts Kunstsinn und lie\u00df ihn als Siebenj\u00e4hrigen\nKlavierunterricht nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Jugendlicher gr\u00fcndete er ein Schulorchester, daneben auch einen \u201elitterarischen Verein\u201c, und \u201ewar von der absoluten Gewi\u00dfheit beherrscht, k\u00fcnftig ein ber\u00fchmter Mann zu werden \u2013 worin ber\u00fchmt, das war noch sehr unentschieden, aber ber\u00fchmt unter allen Umst\u00e4nden\u201c, hielt sein Jugendfreund Emil Flechsig fest. Nach dem Tod des Vaters entschied seine Mutter, dass der sprachbegabte Abiturient Jura studieren solle. Also schrieb sich Robert 1828 in Leipzig ein und begegnete dort dem Mann, der sein Leben ver\u00e4ndern sollte: Friedrich Wieck, der als Klavierp\u00e4dagoge einen ausgezeichneten Ruf genoss und dessen Tochter Clara als \u201eWunderkind\u201c bereits Konzerte gab. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"714\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/ClaraSchumannGebWieck-e1568378209369-1024x714.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4966\"\/><figcaption>Clara Wieck. Quelle:  <a href=\"https:\/\/www.wsmr.org\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/ClaraSchumannGebWieck-e1568378209369.jpg\">https:\/\/www.wsmr.org\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/ClaraSchumannGebWieck-e1568378209369.jpg<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Das Studium \u00f6dete ihn an, \u201ees \u00fcberl\u00e4uft mich eiskalt, wenn ich denke, was\naus mir werden soll\u201c, notiert er. Daf\u00fcr f\u00fchrte er ein \u201ewildbewegtes Studentenleben, war Schleppfuchs\nauf Mensur und Partei in einem Ehrenhandel\u201c, wie es bei der Burschenschaft Markomannia hei\u00dft, und hatte\nLiebschaften \u2013 bei einer handelte er sich die ungl\u00fccksselige Krankheit ein. Er nimmt bei Wieck Klavierunterricht, liest viel,\nh\u00f6rt Konzerte und geht f\u00fcr ein paar Monate jeweils an die Uni Heidelberg sowie\nnach Italien. Am 10. April 1830 hat er in Frankfurt ein Erweckungserlebnis:\nnach einem Konzert Niccol\u00f2 Paganinis schreibt er seiner Mutter, dass er nach\nlangem Ringen beabsichtige, den Beruf eines Musikers zu ergreifen, ja wie Paganini\n\u201eTeufelspianist\u201c zu werden: \u201eFolg ich meinem Genius, so weist er mich zur\nKunst, und ich glaube zum rechten Weg.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Er nimmt in Wiecks Haus ein Zimmer, freut sich \u00fcber \u201eCompositionsunterricht\u201c\nund bildet sich anhand von Bachs \u201eWohltemperiertem Klavier\u201c auch autodidaktisch\nfort. Doch schon 1831 zerschl\u00e4gt sich die Karriere aufgrund einer chronifizierten\nSehnenscheidenentz\u00fcndung: sein rechter Mittelfinger bleibt nach falschem und\n\u00fcbertriebenem \u00dcben f\u00fcr immer versteift. Prompt wandte er sich dem Komponieren\nzu und hat dennoch M\u00fche, seine Verletzung zu verarbeiten: 1833 geriet Schumann erstmals\nin eine psychische Krise mit Wahn- und Suizidvorstellungen, die er in einem\nTagebuch-R\u00fcckblick als \u201ef\u00fcrchterlichste Melancholie\u201c beschrieb. Nachdem ihm ein\nArzt Hoffnungen machte, diese Krise durch eine Heirat zu \u00fcberwinden, verlobte\ner sich mit einer b\u00f6hmischen Adoptivadligen, l\u00f6ste die Verlobung aber vor\nAblauf eines Jahres wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Zeitgleich scharte er einen Kreis junger K\u00fcnstler und Burschenschafter um\nsich, die sich regelm\u00e4\u00dfig im Leipziger Lokal \u201eCoffe Baum\u201c einfanden und in\nAnlehnung an die Serapionsbr\u00fcder um E.T.A. Hoffmann \u201eDavidsb\u00fcndler\u201c nannten. Der\nBund und die Phantasienamen der K\u00fcnstler spielen in einigen Werken Schumanns\neine Rolle, so in den \u201eDavidsb\u00fcndlert\u00e4nzen\u201c und in Artikeln der \u201eNeuen\nZeitschrift f\u00fcr Musik\u201c, die er 1834 mit Wieck und anderen gr\u00fcndet und f\u00fcr die\ner zehn Jahre lang als Herausgeber und Redakteur viele Texte schrieb. Auch\nSchuhmann schrieb unter Dutzenden Fantasienamen, darunter den fiktiven Figuren\nFlorestan und Eusebius: der eine verk\u00f6rpert den leidenschaftlichen, der andere\nden in sich gekehrten Robert. Die Zeitschrift erscheint noch heute.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eDie Welt\nist b\u00f6se\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im November 1835 wurden er und die 16-j\u00e4hrige Clara zum Liebespaar. Der alte Wieck tobte und unternahm in der Folgezeit alles, um jeden Kontakt zwischen den frisch Verliebten zu unterbinden. Im August 1837 verlobten sie sich heimlich; Clara f\u00fchrt seine \u201eSymphonischen Et\u00fcden\u201c im Dresdner Gewandhaus auf. Andere umfangreichere Kompositionen, darunter der von Hofmann inspirierte und Chopin gewidmete Klavierzyklus \u201eKreisleriana\u201c von 1838, der heute als Schl\u00fcsselwerk der romantischen Klavierliteratur gilt, bleiben noch erfolglos. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"378\" height=\"529\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/ClaraSchumannGebWieck-e1568378209369-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4968\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/ClaraSchumannGebWieck-e1568378209369-1.jpg 378w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/ClaraSchumannGebWieck-e1568378209369-1-214x300.jpg 214w\" sizes=\"(max-width: 378px) 100vw, 378px\" \/><figcaption>NZFM 2020. Quelle:  <a href=\"https:\/\/musikderzeit.de\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2020\/05\/NZfM_2_20_96dpi.jpg\">https:\/\/musikderzeit.de\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2020\/05\/NZfM_2_20_96dpi.jpg<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Im selben Jahr reist Robert nach Wien, um seine Zeitschrift zu\netablieren, scheiterte aber an der Ablehnung Wiener Verleger. Nach Leipzig\nzur\u00fcckgekehrt, klagte er vor Gericht darauf, dass entweder Claras Vater der Ehe\nzustimmen oder von Amts wegen eine Einwilligung herbeigef\u00fchrt werden sollte. Um\nseine Position im Prozess gegen Wieck zu verbessern, bem\u00fchte sich Schumann ebenso\nfragw\u00fcrdig wie erfolgreich um die \u201eDoctorschaft\u201c der Universit\u00e4t Jena: ein\nhandgeschriebener Lebenslauf, Sittenzeugnisse und mehrere Aufs\u00e4tze reichten aus.\nEr gewann den Prozess.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber das Verh\u00e4ltnis beider K\u00fcnstler wird bis heute gemutma\u00dft. \u201eWenn er komponierte, tat er es\nvorzugsweise f\u00fcr sie, und wenn sie spielte, war er ihre kritische Instanz:\nEnger als Robert und Clara Schumann hat kaum je ein K\u00fcnstlerpaar\nzusammengearbeitet\u201c, so Johannes Saltzwedel im <em>Spiegel<\/em>. \u201eClara Wieck war eine Steffi Graf der deutschen Romantik,\neine (Klavier-)Spielerin von offenkundiger Brillanz, aber mit wenig Anmut; ein\nabschreckendes Beispiel v\u00e4terlichen Siegeswillens\u201c, befindet Willi Winkler aber\nebenfalls im <em>Spiegel<\/em> und spricht von\nihr als \u201eabgerichtete Musikpuppe, die mechanisch ihre Kunstst\u00fccke vollf\u00fchrte\nund der jedes Verst\u00e4ndnis f\u00fcr das Wesen ihrer eigenen Kunst abging.\u201c \u201eDie Welt\nist b\u00f6se; wir wollen aber rein hervorgehen\u201c, hat der Idealist Schumann seiner\nAngebeteten einmal geschrieben. <\/p>\n\n\n\n<p>Parallel zur Heirat 1840 verfiel der junge Ehemann in einen ersten Schaffensrausch. Er komponiert die Sammlung \u201eLiederjahr\u201c mit ungef\u00e4hr 140 St\u00fccken, in denen er vor allem Heine und Eichendorff, aber auch Goethe und Chamisso vertont. Es schlie\u00dfen sich das \u201eJahr der Sinfonien\u201c 1841, in dem die Sinfonie B-Dur \u201eFr\u00fchlingssinfonie\u201c, sein erfolgreichstes Werk, entstand, und das \u201eJahr der Kammermusik\u201c 1842 an, in dem er mehrere Streich- und Klavierquartette schuf. 1843 komponiert er das Oratorium \u201eDas Paradies und die Peri\u201c nach einer Dichtung von Thomas Moore, mit dem er Erfolge bis hin nach New York, Kapstadt und Dublin erzielt. Als Mendelssohn Bartholdy im selben Jahr das Leipziger Konservatorium gr\u00fcndete, geh\u00f6rte er zu den ersten Lehrern. Eine Konzertreise f\u00fchrt ihn nach Norddeutschland, Clara reist weiter nach Kopenhagen, sp\u00e4ter sind beide in Russland zu Gast. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"364\" height=\"512\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/ClaraSchumannGebWieck-e1568378209369-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4969\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/ClaraSchumannGebWieck-e1568378209369-2.jpg 364w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/ClaraSchumannGebWieck-e1568378209369-2-213x300.jpg 213w\" sizes=\"(max-width: 364px) 100vw, 364px\" \/><figcaption>Friedrich Wieck. Quelle:  <a href=\"https:\/\/lh3.googleusercontent.com\/proxy\/lc_NKMPXkNTSDmtTho71Z8ZZjCK0TJKErdq21HUTBwDdCDXP1IZsxRnGh22qk8IGMBekj7v1Y00AKNopc_F-gKbPTU69o7_0fVylAUTY-S0zJ_dwgmmjEizVjx4Yl4ph0kzTlf4\">https:\/\/lh3.googleusercontent.com\/proxy\/lc_NKMPXkNTSDmtTho71Z8ZZjCK0TJKErdq21HUTBwDdCDXP1IZsxRnGh22qk8IGMBekj7v1Y00AKNopc_F-gKbPTU69o7_0fVylAUTY-S0zJ_dwgmmjEizVjx4Yl4ph0kzTlf4<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Der\nerfolglosen Arbeit am Konservatorium folgte 1844 eine Chorleiterstelle in\nDresden. Hier s\u00f6hnte er sich mit dem alten Wieck aus, komponierte die Oper \u201eGenoveva\u201c,\ndie B\u00fchnenmusik \u201eManfred\u201c und zahlreiche Werke in anderen Gattungen und\nschlie\u00dft Bekanntschaft mit vielen zeitgen\u00f6ssischen K\u00fcnstlern, darunter Ernst\nRietschel, Karl Gutzkow und Richard Wagner. W\u00e4hrend der Revolutionsjahre verf\u00e4llt\ner in einen weiteren Schaffensrausch und dr\u00fcckt seine republikanische Gesinnung\nin Freiheitsges\u00e4ngen und M\u00e4rschen aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Sein Haushaltsbuch verzeichnet teilweise\neigenwillige Ausgaben und Einnahmen, etwa zum M\u00e4rzaufstand 1848: \u201eBeischlaf.\nDie Revolution. Spaziergang mit Klara. Die Todten.\u201c Werner Theurich\nkommentiert im <em>Spiegel<\/em>: \u201eMit winzigen Sechzehntelnoten notierte er\ns\u00e4uberlich jeden Geschlechtsverkehr, den er seiner Ehefrau abverlangte. Das\neheliche Pflichtprogramm war ihm wohl l\u00e4stiger, als es die H\u00e4ufigkeit der\nEintragungen vermuten l\u00e4sst\u201c. Seine Biographin Eva Weissweiler meint gar, Schumann\nsei ein heimlicher Homosexueller. Allerdings kommen in der Dresdner Zeit\nvier seiner acht Kinder zur Welt, viele \u201eSchum\u00e4nnchen\u201c, wie sie das Paar nannte.\nF\u00fcr seine erste Tochter Marie komponierte er zum achten Geburtstag das \u201eAlbum\nf\u00fcr die Jugend\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden letzten Kinder Eugenie und Felix wurden in D\u00fcsseldorf geboren. Dort hatte Robert Schumann 1850 eine neue Stelle als st\u00e4dtischer Musikdirektor angenommen. Aber er war dort bald alles andere als gl\u00fccklich, denn die Nervenerkrankung nimmt ihren Lauf, er kehrt sich zunehmend nach innen. Es war unm\u00f6glich f\u00fcr ihn, sich als Dirigent oder Lehrer zu etablieren: er hatte eine leise Stimme, war kurzsichtig und blickte oft nur abwesend in die Partitur, w\u00e4hrend er undeutliche Bewegungen zur Musik machte. Prompt wurde ihm als Musikdirektor wieder gek\u00fcndigt. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"728\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/ClaraSchumannGebWieck-e1568378209369-3-728x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4970\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/ClaraSchumannGebWieck-e1568378209369-3-728x1024.jpg 728w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/ClaraSchumannGebWieck-e1568378209369-3-213x300.jpg 213w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/ClaraSchumannGebWieck-e1568378209369-3-768x1080.jpg 768w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/ClaraSchumannGebWieck-e1568378209369-3-e1596195784149.jpg 555w\" sizes=\"(max-width: 728px) 100vw, 728px\" \/><figcaption>Lebensverfilmung in Starbesetzung. Quelle: <a href=\"https:\/\/images-na.ssl-images-amazon.com\/images\/I\/71-9wODmzIL._SL1200_.jpg\">https:\/\/images-na.ssl-images-amazon.com\/images\/I\/71-9wODmzIL._SL1200_.jpg<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Dennoch\nhatte er in den D\u00fcsseldorfer Jahren bis 1853 seinen dritten Kreativit\u00e4tsschub\nund komponierte etwa ein Drittel seines \u0152uvres, so die 3. Sinfonie (Die Rheinische)\noder das Oratorium \u201eDer Rose Pilgerfahrt\u201c. 1853 stellt Schumann eine Sammlung seiner fr\u00fcheren\nmusikalischen Aufs\u00e4tze und eine Anthologie literarischer Zeugnisse \u00fcber Musik zusammen\nund unternimmt zusammen mit Clara eine triumphale Konzertreise nach Holland. \u201eDenn\nSchumann war mehr als nur Musiker, er arbeitete als Kultur-Intellektueller und\nFachjournalist, der sich intensiv um Werke anderer k\u00fcmmerte und sich Gedanken\nmachte \u00fcber Musik und Gesellschaft\u201c, so Theurich. Doch er litt zunehmend an\nAngstzust\u00e4nden, Depressionen, Halluzinationen und Geh\u00f6rt\u00e4uschungen, bedrohte\nseine Frau, nahm B\u00e4der, bekam Aderl\u00e4sse. Nichts half, so dass er sich nicht\nmehr anders zu behelfen wusste als in\nder Rosenmontagsnacht 1854 im Nachthemd in den Rhein zu springen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eVerbindung von Poesie und Intellekt\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Er wurde gerettet und nur Tage danach auf eigenen Wunsch in Franz Richarz\u2018\nHeilanstalt in Endenich bei Bonn eingeliefert, die er bis zu seinem Tod am 29.\nJuli 1856 nicht mehr verlie\u00df. Kontakte zur Familie und nahestehenden Personen wurden\nausgesetzt und sollten nur auf seinen Wunsch wieder aufgenommen werden. Laut\nRicharz\u2018 Aufzeichnungen wechselten sich klares Denken, Halluzinationen und\nWahnideen ab, standen sich unvermittelt gegen\u00fcber und vermischten sich:\nManchmal spielte er Klavier, ja komponierte im Januar 1856 noch eine\nFuge. Doch ein Besucher schilderte sein Spiel als ungenie\u00dfbar und verglich ihn\nmit einer Maschine, deren Mechanismus zerst\u00f6rt ist. Am 5. Mai 1855 schrieb\nSchumann seinen letzten Brief an Clara. Sie sah ihn erst zwei Tage vor seinem\nTod wieder und war sich sicher, dass er sie erkannte. Er wurde auf dem Alten\nFriedhof in Bonn zu Grabe getragen. Clara \u00fcberlebte ihn um 40 Jahre und wurde\nneben ihm im gemeinsamen Ehrengrab beigesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie so kaum wieder erreichte Verbindung von Poesie und Intellekt, die seine Musik charakterisiert, spricht auch heute Interpreten wie Zuh\u00f6rer unvermindert an\u201c, meint sein Biograph Gerd Neuhaus. Als Sucher, der sich an Einf\u00e4llen festbiss, hat ihn Charles Rosen gedeutet. Zum Beispiel ist Schumann bekannt f\u00fcr das Komponieren nach Buchstaben: In seinen \u201eSechs Fugen \u00fcber den Namen Bach op. 60\u201c spielen die T\u00f6ne b-a-c-h die Hauptrolle. Er war auch der erste Komponist, der bei den Anweisungen zum Spielen der St\u00fccke auf die italienische Sprache verzichtete &#8211; also kein \u201eallegro\u201c, kein \u201eadagio\u201c, sondern lieber Bezeichnungen wie \u201erasch\u201c oder \u201edurchaus phantastisch und leidenschaftlich vorzutragen\u201c. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"455\" height=\"607\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/ClaraSchumannGebWieck-e1568378209369-4.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4971\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/ClaraSchumannGebWieck-e1568378209369-4.jpg 455w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/ClaraSchumannGebWieck-e1568378209369-4-225x300.jpg 225w\" sizes=\"(max-width: 455px) 100vw, 455px\" \/><figcaption>Familiengrab in Bonn. Quelle:  <a href=\"https:\/\/image.jimcdn.com\/app\/cms\/image\/transf\/dimension=455x1024:format=jpg\/path\/s62e13fb5183b1c33\/image\/id27bf8d2cc08ffb3\/version\/1560860547\/image.jpg\">https:\/\/image.jimcdn.com\/app\/cms\/image\/transf\/dimension=455&#215;1024:format=jpg\/path\/s62e13fb5183b1c33\/image\/id27bf8d2cc08ffb3\/version\/1560860547\/image.jpg<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Sein Schaffen wurde erst nach seinem Tod allm\u00e4hlich erschlossen. Tschaikowski meinte 1871, \u201edass die Musik der zweiten H\u00e4lfte dieses Jahrhunderts als eine Periode in die Geschichte der Kunst eingehen wird, die sp\u00e4tere Generationen als die Schumannsche bezeichnen werden.\u201c Bis heute fehlt eine umfassende Darstellung seiner Rezeptionsgeschichte. Seit 1991 entsteht an der Robert-Schumann-Forschungsstelle D\u00fcsseldorf eine \u201eNeue Robert-Schumann-Gesamtausgabe\u201c (RSA), die aber noch Jahre bis zum endg\u00fcltigen Abschluss braucht. \u201eTraumphantast\u201c nannte ihn der <em>BR<\/em>. Auf dem internationalen Schuhmann-Wettbewerb versuchen Musiker seit 1956 aller vier Jahre, den Phantasten ebenb\u00fcrtig zu interpretieren. <\/p>\n\n\n\n<iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D4944&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er war ein komplizierter Komponist, lebte eine der produktivsten K\u00fcnstlerehen und ging als psychisch Kranker zugrunde: Robert Schuhmann. Jetzt w\u00fcrde er 210 Jahre alt.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[8,7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4944"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4944"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4944\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4972,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4944\/revisions\/4972"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4944"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4944"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4944"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}